Ulrich Alexander Boschwitz: Menschen neben dem Leben Hörbuch Der Audio Verlag

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Der 1915 in Berlin geborene Autor Ulrich Alexander Boschwitz hat nicht viel schreiben können, denn er starb früh mit 27 Jahren. Mit nur 20 schrieb er diesen ersten Roman im skandinavischen Exil, wohin er als Jude mit der Mutter 1935 geflohen war. Das Buch war erfolgreich und so konnte er sich ein Studium in Paris leisten. Doch die Flucht ging weiter nach England, wo man ihn aber nach Kriegsbeginn zunächst internierte und dann in eine Strafkolonie nach Australien brachte. Dass sein Schiff auf der Rückreise aus der Gefangenschaft 1942 von einem deutschen Boot versenkt wurde, ist bittere Ironie des Schicksals. Sein zweiter und leider letzter Roman „Der Reisende“ von 1939 wurde bereits im vorigen Jahr von Wiederentdecker Peter Graf herausgegeben. Ich kann beide sehr empfehlen.

Da eine Reise mit dem Auto anstand und ich beim Fahren gerne Hörbücher höre, hatte ich mich diesmal für das Hörbuch entschieden.

Boschwitz`Debütroman spielt im Berliner Lumpenproletariat anfangs der 30er Jahre: Weltwirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, Kriegsversehrte, Armut.

„Ein alter Mann betrat den Keller, und Schreiber betrachtete ihn erstaunt. Er war bei seinen Kunden keine große Eleganz gewohnt, aber dieser Mann war nicht bekleidet, sondern behangen. Um seine Schultern schlotterte ein viel zu weites Jackett. Die ehemals wohl amerikanisch geschnittene Sporthose, jetzt eine farblose
Menge Stoff, war viel zu breit und verhüllte sackartig seine Beine. Der ehemalige Besitzer musste ein gut beleibter, großer Mann gewesen sein. Denn anders ließ sich
die Differenz zwischen Träger und Getragenem nicht erklären. Dieser hier war klein, und wenn er ging, so hatte es den Anschein, als würde er einen Rock statt Hosen tragen. Der Schritt reichte ihm bis zu den Knien und die offensichtlich zu langen Hosenbeine waren so abgeschnitten worden, dass sich zahllose Fransen gebildet hatten. Dazu trug er einen Hut, der ihm recht gut passte und das Lächerliche und Vogelscheuchenartige seiner übrigen Erscheinung nur noch mehr hervorhob. Sein Gesicht war gelb und knochig. Mit matten Augen sah er sich in dem Raum um.“

Fundholtz lebt vom Betteln. Zusammen mit dem dicken „Tönnchen“, einem geistig Zurückgebliebenen, den er unter seine Fittiche genommen hat, schlägt er sich durch die Straßen, immer auf der Suche nach einer Bleibe für die Nacht und etwas zu essen. Oft dabei: der arbeitslose Grissmann, vormals Straßenbahnschaffner, der sich mit allerlei kleinen Gaunereien ein Zubrot zur Stütze verdient. Der Leser/Hörer begleitet die drei durch die Stadt und lernt so diverse weitere typische Berliner Zille-Milljöh-Gestalten kennen, wie etwa den Gemüsehändler, der seinen miefigen, feuchten Keller als Absteige vermietet. Oder die Kriegswitwe Fliebusch, die immer noch auf ihren gefallenen Mann Wilhelm wartet. Es taucht der kriegsversehrte Blinde Sonnenberg auf, der sich mit dem Verkauf von Zündhölzern über Wasser hält, im Gefolge seine Frau Elsie, eine die früher „Tippeln“ ging, sprich als Prostituierte auf der Straße arbeiten musste. Der Zuhälter Wilhelm, der nach einer auskurierten Krankheit nicht wieder in die Gilde seiner Zunft zurückkehren, sondern richtig arbeiten will und die junge Hermine, Minchen, die sich von reichen, älteren Männern finanzieren lässt und mit dem Geld auch ihrem Vater, einem ehemaligen, nun entlassenen Bezirksrichter, zuhilfe kommt. Sie alle landen abends oft im „Fröhlichen Waidmann“, einer Kneipe mit Tanzsaal, um den Alltag und ihr wenig frohes Dasein hinter sich zu lassen, beim Tanzen oder beim Trinken. Dort kommt es schließlich auch zu einem Showdown zwischen dem Blinden und Grissmann, als Elsie mit diesem tanzt und turtelt.

Der Roman erinnert an Döblins Berlin Alexanderplatz, an Kästners Fabian, an Tergitts Käsebier und an Brechts Dreigroschenoper, steht aber doch ganz für sich. Boschwitz hat einen Blick für die „kleinen Leute“. Seine Sprache ist nicht so derb, wie bei Döblin oder Brecht. Er wendet sich fast liebevoll seinen Figuren zu, die er typgerecht ausgearbeitet hat. „Menschen neben dem Leben“ ist ein ausgezeichnetes Zeitdokument. Schlimm ist es allerdings, dass die Geschichte fast gleich auch in heutiger Zeit spielen könnte, denn auch in unserer Wohlstandsgesellschaft müssen Menschen immer noch betteln und obdachlos leben.

Das Hörbuch  aus dem Audio Verlag ist ungekürzt (7,46 Stunden) und aus- und eindrucksvoll gelesen von dem Schauspieler Hans Löw. Auch das informative Nachwort von Peter Graf ist beim Hörbuch dabei. Eine Hörprobe gibt es hier.

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