Hanne Ørstavik: Die Zeit, die es dauert Karl Rauch Verlag

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Es ist nun das dritte Buch von Hanne Ørstavik nach „Liebe“ und „So wahr, wie ich wirklich bin“, dass ich lese. Jedesmal fängt alles so still und harmlos an und dann fächert die Autorin nach und nach die ganzen dunklen Seiten ihrer Protagonisten und deren Lebenswelt auf. Und aus ist es mit der idyllischen Harmonie. Keiner kann das besser als sie.

Die Norwegerin Hanne Ørstavik, die selbst ganz oben im Norden geboren wurde, in einer Gegend, die nah an Finnland, aber auch an Russland grenzt, in der auch die samische Kultur lebt, weiß, was Dunkelheit ist. In einer Gegend, in der es im Sommer nicht dunkel und im Winter nicht hell wird scheint das Leben generell anders, als wir es hier kennen und bringt womöglich auch diese sehr spezielle Art von Literatur hervor.

Es ist die Vorweihnachtszeit, in der die Geschichte spielt. Die junge Signe ist mit der kleinen Tochter und ihrem Mann aufs Land gezogen. Die Eltern, speziell die Mutter, wünschen sich, dass sie mit der Familie an den Weihnachtstagen zu Besuch kommt, denn Weihnachten ist das extrem aufgeladene Fest der glücklichen Familie. Signe weigert sich. Sie möchte allein mit Mann und Kind sein.

Als mir zum ersten Mal der Gedanke gekommen war, dass es möglich sei, Weihnachten für uns allein zu haben und diese schweren, wunden Tage zu umgehen, Weihnachten auf unsere Weise zu feiern, als mir klar wurde, dass dies tatsächlich möglich war, dass ich eine Wahl hatte, […] dass ich tatsächlich Nein zu etwas sagen konnte, […] hatte ich eine unglaubliche Erleichterung empfunden, ich hatte mich so mächtig gefühlt.“

In vielem fühlt sie sich überfordert in dem alten Haus, in dem noch viel gemacht werden muss. Das liegt jedoch vor allem an ihrem Perfektionismus, an dem „alles muss schön und harmonisch sein“, dass sie von Kindheit an gehört hat. Das jedoch erfahren wir erst im Laufe des Romans und zwar Stück für Stück. Ahnungslos gehen wir in diese Geschichte hinein und werden nach und nach zum Zeugen einer vollkommen zerrütteten Ehe und einer zerrissenen Kindheit.

„Etwas war passiert und sie hatte nicht aufgepasst, sie hatte einfach geschlafen, und da war die Mutter ganz allein gewesen. Signe dachte, dass sie aufmerksamer lauschen musste, um beim nächsten Mal rechtzeitig aufzuwachen.“

In den Rückblenden wird aus der Sicht der 13-jährigen Signe erzählt, der gläubigen, die sich auf Weihnachten freut, gerade erste Liebeserfahrungen macht und die sich nur wünscht, dass die Eltern gut miteinander sind. Doch der gewalttätige Vater, der eine psychiatrische Klinik leitet und die Mutter, eine Sozialarbeiterin, können eigentlich nicht mehr miteinander und schaffen es trotzdem nicht auseinander zugehen. Besonders der Vater hat ein überhöhtes Bild davon, wie eine Familie zu leben hat, wie sie perfekt zu funktionieren hat. Die Mutter wünscht sich weg in den Süden, wo es mehr Licht und mehr Lebendigkeit gibt. Die obligatorischen gemeinsamen Abendessen, die dem Zusammenhalt förderlich sein sollen, werden oft zum Tribunal, der übermächtige Vater als Ankläger der „schuldigen“ Mutter, der seine Frau sogar vor den Kindern schlägt. Signe versucht, immer wieder hoffnungsvoll, zu vermitteln, übernimmt viel zu viel Verantwortung für ihr Alter, sie und der Bruder versuchen auszuhalten, was nicht auszuhalten ist.

„Ihre Stimme war scharf. Signe schüttelte den Kopf. Sie wusste, dass sie nicht darüber reden durfte. Niemand durfte etwas wissen. Dann wäre alles ruiniert, alles würde zerspringen und auseinanderfallen, die ganze Familie, alles.“

Signe verliert sich oft in Erinnerungen von Sommerferien in der eigenen Hütte in den Bergen, in denen vermeintlich noch alles gut war. Doch auch hier zeigten sich schon die Brüche.

Die Kunst der Autorin liegt darin, uns zunächst ganz im Unklaren zu lassen, worum es genau in ihrem Roman geht. Dann ganz still und leise, zunächst nur in Andeutungen, legt sie eine Spur, um dann nach und nach das ganze Ausmaß aufzuzeigen. Bedeutsames liegt oft zwischen den Zeilen, jenseits der Worte. Am Ende des Buchs, vielleicht sogar erst Minuten später kommt die Erschütterung und weicht so schnell nicht wieder. Es ist schwer zu erklären, wie sie das macht, wie sie immer und immer wieder mit ihren tiefen Geschichten und ihrer dichten Sprache überrascht und ja, mitunter auch schockiert. Nordlichtleuchten!

Der Roman erschien, wie alle von Hanne Ørstavik im Karl Rauch Verlag (ja, genau, der mit dem Kleinen Prinz) in wunderschöner Ausstattung: Haptisch, der blaue Einband, feines Papier und farblich passende Fadenheftung. Übersetzt hat es Andreas Donat. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Literaturreich.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

3 Gedanken zu “Hanne Ørstavik: Die Zeit, die es dauert Karl Rauch Verlag

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