Menschheitsdämmerung ~ Symphonie jüngster Dichtung Hrsg. Kurt Pinthus Rowohlt Verlag

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Schon seit meiner Buchhändlerausbildung steht dieses Buch in meinem Regal. Eines von denen, die ich nie aussortieren würde. Nun hat der Rowohlt Verlag zum 100-jährigen Jubiläum diese wunderbare Anthologie expressionistischer Gedichte in einer neuen gebundenen Ausgabe herausgebracht, mit einem Nachwort von Florian Illies. Es lohnt sich, sich spätestens jetzt dieses Buch zuzulegen, denn es enthält Lyrik, die zur Zeit als sie geschrieben wurde, bahnbrechend war.

Die Gedichte im Buch sind nicht nach Autoren oder chronologisch sortiert, sondern nach bestimmten Motiven, die diese Zeit abbilden. So lauten einzelne Kapitel „Sturz und Schrei“, „Erweckung des Herzens“, „Aufruf und Empörung“ und „Liebe den Menschen“. Das Buch hatte großen Erfolg: „Es erlebte in zwei Jahren vier Drucke mit 20 000 Exemplaren“, schreibt Kurt Pinthus in seinem Vorwort der Neuauflage über die erste Ausgabe von 1919. Davon kann ein heutiger Lyrik-Verleger nur träumen.

1959 ergänzte Pinthus dann die Neuauflage mit biografischen Daten der Dichter. Dazu kommt manches gezeichnete Porträt eines Dichters. Man muss auch wissen, dass zu diesem Zeitpunkt, manche der Autoren, in der NS-Zeit geächtet, vertrieben oder getötet, vollkommen verschwunden waren aus dem Literaturkanon.

Etwas ganz neues brach damals in der Zeit des Expressionismus an. In der Lyrik ist diese Epoche verkörpert von Autoren wie Georg Trakl, Gottfried Benn, Elke Lasker-Schüler, u. v. a. Wohl jedem bekannt ist hier natürlich auch das berühmte Gedicht von Jakob van Hoddis „Weltende“:

„Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.“

Auch der Dichter Georg Heym, der mir kürzlich durch den großartigen Roman „Der Gott der Stadt“ von Christiane Neudecker, wieder ins Bewusstsein gerufen wurde, ist mit seinen Gedichten dabei. Er starb noch jung, als er im Winter 1919 auf dem Wannsee ins Eis einbrach. Darüber hinaus erfährt man einiges in oben genannten aktuellen Roman.

«Mein Gott, ich ersticke noch mit meinem brachliegenden Enthusiasmus in dieser banalen Zeit», so schrieb der Dichter Georg Heym am 15. September 1911 in sein Tagebuch. Seine Verse und die seiner Generationsgenossen sind also auch immer Versuche, endlich wieder frei atmen zu können.“

Bemerkenswert ist allerdings auch, dass es nur eine einzige Dichterin, nämlich Elke Lasker-Schüler, in diese Sammlung geschafft hat. Sie ist glücklicherweise mit vielen Gedichten vertreten und toppt dabei so manche der enthaltenen männlichen Autoren.

Alles in allem finde ich diese Sammlung sehr gut, um sich einen Überblick über diese prägnante „neue“ Lyrik zu verschaffen. Womöglich kommt einem aus Schullektüren einiges bekannt vor; so ging es mir jedenfalls. Die Themen sind zeitlos, vieles berührt heute noch genauso wie damals. Und vieles, was damals an Schrecken und Grauen benannt wurde, ist auch heute noch nicht Vergangenheit.

„Genau in dieser Versöhnung der vermeintlichen Gegensätze durch die Kraft der Sprache, in diesem Aufbrechen der Hierarchien liegt der Befreiungsakt der Lyrik des Expressionismus – und deshalb wirkt er nach jedem seiner Untergänge so unzerstörbar weiter.“

Das Buch erschien im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe und weitere Infos über den Jubiläumsband gibt es hier.

2 Gedanken zu “Menschheitsdämmerung ~ Symphonie jüngster Dichtung Hrsg. Kurt Pinthus Rowohlt Verlag

  1. danke fürs vorstellen, klingt interessant. leider enthält die leseprobe nicht ein gedicht, sondern nur ein ellenlanges vorwort. das ist schade. vielleicht liegt ja in irgendeiner buchhandlung eines der exemplare aus, dann lese ich mich mal hinein. das jakob von hoddis gedicht ist ja recht bekannt und mag ich auch sehr. liebe grüße!

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