Leseprojekt Dag Solstad I: T. Singer / Professor Andersens Nacht Dörlemann Verlag

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„Vom Storytelling halte er gar nichts. Seine Bücher sollen nach Literatur riechen, nicht nach gelebtem Leben.“ sagt der 1941 geborene Norweger Dag Solstad in einem Interview  mit Iris Radisch in der ZEIT. Das ist mir so sympathisch und ich wundere mich, dass die Bücher dieses großen Erzählers hierzulande so wenig bekannt sind (im Gegensatz zu Knausgard oder Espedal). Er hat schon einen eigensinnigen Stil. Aber gerade damit erreicht er wahre literarische und erzählerische Tiefe.

Denn wir müssen zugeben, dass es zu diesem Zeitpunkt in der Erzählung rätselhaft anmuten kann, dass Singer in irgendeinem Roman eine Hauptfigur sein könnte, unabhängig vom Niveau, wir können aber darüber informieren, dass eben dieses Rätselhafte das Thema des zu realisierenden Romans ist.“

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Im Roman „T: Singer“, der bereits 1999 in Norwegen erschien, lässt er einen absoluten Außenseiter, immer wieder kommentiert vom allwissenden Erzähler (siehe Zitat oben) durch sein grüblerisches, gewollt gleichförmiges Leben gehen. Eigentlich möchte er unsichtbar bleiben und nichts als ein gewöhnliches Leben führen. Einmal, als Kind, hat ihn ein Ereignis so geprägt, dass er noch im späteren Leben immer wieder davon beeinträchtigt wird. Es ist so unspektakulär und dennoch entspringt dem ein großes Schamgefühl. Durch Tagträume und Philosophieren gelangt er durch die Tage und wird unversehens zum Langzeitstudent. Anfangs manifestiert sich der Wunsch Schriftsteller zu werden, doch er denkt so lange über den ersten Satz nach, dass er darüber nicht hinaus findet.

„Singer liegt auf der Couch seiner Bruchbude im Stadtteil Homansbyen, […] während er hier, bald dreißig Jahre seinem seligen Tagtraum nachhängt. Das hier ist Singer, absorbiert von seiner heimlichen Bestimmung, die in erster Linie ein Tagtraum ist.“

Schließlich wird er Bibliothekar, nimmt mit Mitte 30 eine Stelle in der Provinz an und zieht weg aus Oslo. In Notodden in der Telemark läuft anfangs alles nach Plan. Er geht in der Masse unter. Seine recht gleichförmige Arbeit bei meist gleichem Tagesablauf ist genau das, was er will. Bestimmte Rituale ergänzen den Tag.

Als er sich in eine Frau verliebt, bei ihr einzieht und heiratet, läuft auch das alles vollkommen unspektakulär für ihn ab. Die Anfangszeit ist geprägt von frischem Wind, von Ablenkungen und neuen Ritualen, wird für ihn aber schnell wieder zur Routine und Singer wird wieder introvertiert wie zuvor. Bald wird klar, dass es zu einer Trennung kommen muss. Doch durch einen Verkehrsunfall kommt seine Frau Merete zu Tode. Dass Singer sich um ihre Tochter kümmert, die aus einer vorigen Beziehung stammt, ist für ihn gleich klar. Und obwohl er weiß, dass ihm nicht wirklich an ihr liegt, besteht er den Großeltern gegenüber darauf, immer in der Angst, alle könnten ahnen, dass Merete und er sich eigentlich scheiden lassen wollten. Von seinem eigentlichen Entschluß, aus diesem Leben auszubrechen, als 40-jähriger anderenorts neu zu beginnen, bleibt nur der Umzug nach Oslo mit einer neuen Bibliothekarsstelle. Und so lebt er schließlich mit einer ihm fremden Tochter ein ihm eigentlich fremdes Leben …

T. Singer ist wie viele der männlichen Protagonisten bei Solstad einer, der sich schicksalhaft treiben lässt, selten eigene Entscheidungen trifft, und wenn doch, dann sogar oft gegen das eigene intuitive Bauchgefühl. So als müsste er nach einer höheren Instanz, einer bestimmten Norm oder Moral handeln, die über sein Tun zu entscheiden hat. Das macht einem die Figuren mitunter fremd aber eben auch extrem faszinierend. Allesamt sinnt sie Zweifler und Eigenbrötler. Solstad beherrscht die Sprache perfekt und bereichert sie mit philosophischen und moralischen Fragestellungen.

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„Professor Andersens Nacht“
mutet zunächst wie ein Kriminalroman an. Er erschien bereits 1996 in Norwegen und die Handlung beginnt am Heiligabend mit einem typisch norwegischen Weihnachtsessen.

Der Literaturprofessor Pål Andersen, alleinlebend, verbringt den Weihnachtsabend zu Hause und sinniert über Sinn und Unsinn dieses Festes. Zu vorgerückter Stunde steht er am Fenster und beobachtet die Menschen in den hell erleuchteten Fenstern im Haus gegenüber. Alles scheint friedlich, bis Andersen Unglaubliches sieht. In einer Wohnung wird eine junge Frau von einem Mann erdrosselt. Andersen ist schockiert, greift zum Telefonhörer, um die Polizei zu benachrichtigen. Doch dann legt er wieder auf. Warum er das tut, weiß er selbst nicht. Es scheint wie ein Zwang. Doch Ruhe findet er nach dieser Entscheidung nicht mehr. Wir kennen das alle: man schiebt eine wichtige Sache auf und irgendwann, je länger man wartet, wird es schier unmöglich, es noch zu tun.

„Dann lief er durch seine Wohnung, […] bis zum hell erleuchteten Arbeitszimmer, wo er sich einige Zeit hinsetzte und zu lesen vorgab, bevor er aufstand, und wieder durch die Zimmer der Wohnung ging, grübelnd, über sich selbst nachdenkend, im völligen Bewusstsein über das, was er da trieb, aber mindestens ebenso ergriffen von dem Unverständlichen daran.“

Was nun in Professor Andersen vorgeht ist spannendstes Kopfkino und psychologische Studie zugleich. Andersen schläft schlecht, geht spazieren und vor allem steht er den Rest des Weihnachtsfests am Fenster und lauert, was gegenüber weiter passiert. Bei einer Einladung zu einem Freund versucht er sich mitzuteilen, endlich über das Vorgefallene sprechen zu können, würde ihn beruhigen, denkt er. Doch er schafft es nicht. Nach schlafloser Nacht, bricht er spontan auf nach Trondheim, um dort Silvester zu verbringen. Nur weg, denkt er. Dort trifft er sich mit einem Kollegen und die Gespräche, von viel Alkohol durchtränkt, lassen ihn langsam das Gesehene vergessen. Über existenzielle Themen und über ihren Beruf und inwiefern die Literatur heutzutage überhaupt noch tragbar ist, wird diskutiert. Sehr spannend ist das alles für die Leser, obgleich man selbst natürlich den Mord nicht aus dem Kopf bekommt, wissen will, wie es weitergeht. Doch auf eine übliche Krimihandlung darf man hier nicht hoffen und das ist gut so.

Andersen erwacht früh am Morgen im Hotel in Trondheim mit panischer Angst, bricht sofort auf und reist nach Hause. In der Wohnung begibt er sich sofort ans Fenster. Infolge sieht Andersen den mutmasslichen Mörder in der Wohnung, die Wohnung verlassen und wieder betreten, kann anhand der Namensschilder an der Haustür seinen Namen ausfindig machen, begegnet ihm sogar auf der Straße. Wochen vergehen. Täglich durchforstet er die Zeitung nach dem Todesfall oder einer Vermisstenanzeige. Doch nichts. In hanebüchenen Selbstgesprächen erläutert er das Für und Wieder nun endlich doch noch zur Polizei zu gehen. Und schließlich sitzt Andersen sogar in einer Sushibar um die Ecke neben ihm, wo er mit ihm ins Gespräch kommt …

Was Dag Solstad als Schriftsteller leistet ist einfach genial. Er schreibt so herrlich unberechenbar, dass seine Geschichten, obwohl scheinbar wenig passiert, spannend und berauschend sind. Das Wenige, was im Außen passiert, steht dem reichen Innenleben seiner Protagonisten entgegen und reicht bis zu philosophisch existenziellen Themen, die uns alle betreffen. Denken und hinterfragen und zweifeln stehen hier im Mittelpunkt. Und eine anspruchsvolle Sprache, die Ina Kronenberger großartig übersetzt hat. DAS ist große Literatur! Hellstes Leuchten!

Lieber Dörlemann Verlag, bitte vervollständigt die Werkausgabe von Dag Solstad! Ich benötige Nachschub!

Teil II meines Leseprojekts „Solstad lesen“ folgt in Kürze. Leseproben gibt es auf der Verlagsseite. Eine weitere Besprechung zu „T. Singer“ findet sich auf dem Blog „letteratura“.

4 Gedanken zu “Leseprojekt Dag Solstad I: T. Singer / Professor Andersens Nacht Dörlemann Verlag

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