Ann Petry: The Street Nagel & Kimche Verlag

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„An der Pennsylvania Station kaufte sie sich eine Fahrkarte nach Chicago.
„Einfach?“, fragte der Mann am Schalter.
„Einfach“, bestätigte sie. Ja, dachte sie. Die Reise geht seit meiner Geburt in nur eine Richtung.“

Ann Petrys (1908 – 1997) Roman erschien bereits 1946. „The Street war der erste Roman einer afroamerikanischen Frau, der sich über 1,5 Millionen Mal verkaufte.“ steht dazu im Klappentext. Die Journalistin hat sich in allen ihren Texten mit dem Rassismus auseinandergesetzt. Das ist das Hauptthema in diesem Roman. Welche Chancen hast du überhaupt, wenn du nicht mit weißer Hautfarbe geboren bist? Was mir aber in diesem Buch mindestens genauso stark auffiel, war die Diskriminierung der Frau. Eigentlich gibt es in der ganzen Geschichte nur starke Frauen, die aber scheitern, weil sie von Männern (oft mit ihren Kindern) sitzengelassen, ausgebeutet, benutzt und auf ihren Körper reduziert werden. Ein Albtraum, den auch Lutie Johnson, die Hauptfigur von The Street erlebt.

Die Straße ist die 116. in Harlem, New York in den 40er Jahren und steht stellvertretend für alle Straßen, in denen nur Schwarze lebten, weil sie mussten, weil sie keinen Zugang zu anderen, „besseren“ Straßen und Vierteln hatten. Die junge Lutie Johnson zieht hier hin, weil ihr Mann Jim sie mit einer anderen betrogen hat, im eigenen kleinen Haus in einem besseren Viertel. Jim hat das Haus von seiner Mutter geerbt. Als er keine Arbeit findet, verdingt sich Lutie in einer reichen weißen Familie als Kindermädchen. Da sie dort während der Woche wohnen muss, sieht sie ihren eigenen achtjährigen Sohn Bubb weniger als den Sohn ihrer Arbeitgeber. Ihr Mann Jim nutzt das aus und holt sich eine andere ins Haus. Als Lutie das erfährt, zieht sie mit Bubb in eine schäbige Wohnung in der 116. Sie macht Abendkurse, um sich weiterzubilden und bekommt schließlich einen Bürojob, von dem sie sich und Bubb gerade so ernähren kann. Aus der reichen Familie hat sie im Kopf, dass es in Amerika jeder schaffen kann, nach oben zu kommen, reich zu werden. Wie wenig das auf Schwarze zutrifft, erfährt sie, trotz aller neuer Hoffnung dann doch immer wieder.

„Straßen wie die, in der sie lebte, waren kein Versehen. Sie waren sozusagen die Lynchmobs des Nordens, dachte sie bitter. Auf diese Weise hielten Großstädte die Schwarzen gefügig. […] Seit ihrer Geburt wurde sie mehr und mehr in die Enge getrieben, bis sie fast ganz eingemauert war, und diese Mauer hatten Stein für Stein eifrige weiße Hände errichtet.“

Vom Hauswart gierig begafft, von einer Mieterin, die in ihrer Wohnung einen Puff betreibt und ihr einen „Nebenverdienst“ anbietet, beobachtet, von der Arbeit erschöpft, erhofft sich Lutie dennoch immer einen Absprung aus dieser Düsternis. Eine bessere Wohnung, ein besseres Viertel, schon für ihren Sohn. Als sie einen Job als Sängerin in einem Nachtclub angeboten bekommt, träumt Lutie von einer schöneren Zukunft. Dass sie ihre Gage nur bekommen wird, wenn sie zu ihrem Boss, einem Weißen, „nett“ ist, weiß man als Leser längst. Die stolze Lutie lässt sich darauf nicht ein. Schließlich gerät ihr Sohn, der Geld dazu verdienen will, in Schwierigkeiten mit dem Gesetz, als er sich auf einen kriminellen Job vom Hauswart einlässt. Der spielt ein perfides Spiel, um sich an Lutie zu rächen, weil er von ihr abgewiesen wurde. Um Bubb auszulösen, braucht Lutie 200 Dollar. Weil sie die nicht hat, wendet sie sich aus Verzweiflung an jenen Nachtclubbesitzer …

Ann Petry hat einen atmosphärisch dichten Roman geschrieben, der im Kontext seiner Zeit, einen Meilenstein bildet. Sie arbeitet ihre Figuren und Charaktere genau aus und zeigt uns, dass hinter jedem Menschen, auch dem „Bösen“ ein einzelnes Schicksal steht. Er verhält sich so, weil er aus seinen Erfahrungen heraus, nicht anders kann. Sie stellt außerdem die Straße als „Täterin“, als Verursacherin des Leids in den Mittelpunkt. Das ist faszinierend, weil sie damit quasi das Unglück, die Gewalt, die Armut auslagert. Litaneihaft lässt sie Lutie dann auch immer wieder wiederholen, das sie aus der Straße weg muss, dass sie deshalb sparen müssen, dass sie mehr Geld brauchen. Luties ganzer Kampf richtet sich darauf, an einem besseren Ort, besser leben zu können. Das ist gekonnt inszeniert und inhaltlich brisant.

Ann Petrys Roman wurde von Uda Strätling aus dem Amerikanischen übersetzt. Ein aufschlussreiches Nachwort von Tayari Jones (deren Roman An American Marriage ich bereits hier besprochen habe) ist beigefügt. Er erschien im Nagel & Kimche Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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