Jon Fosse: Kindheitsszenen Kleinheinrich Verlag

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Nachdem ich mich schon über den Gedichtband „Diese unerklärliche Stille“ von Jon Fosse aus dem Kleinheinrich Verlag so gefreut hatte (und noch freue), wollte ich auch den ganz ähnlich schön aufgemachten Band mit Prosaminiaturen besitzen. Denn diese Bände sind große Buchkunstwerke, ein Genuß für Bibliophile. Jon Fosse hat es mir sowieso angetan. Ich lese alles von ihm und bin auch mit den Kindheitsszenen vollkommen glücklich. Es sind mal kurze, halbseitige, mal mehrere Seiten zählende Geschichten, die oft recht unspektakulär scheinen, aber durch Fosses unverkennbare Sprache ins Leuchten kommen.

Die Texte sind auf kräftigem schönen Papier gedruckt, mehrfarbig, mitunter mitten im Text wechselnd, und begleitet von Farbholzschnitten von Olav Christopher Jenssen, dessen Arbeiten auch schon den Lyrikband bereicherten. Zudem gibt es zwei orange Lesebändchen in dem großformatigen, fadengehefteten Band.

Fosses manchmal nur wenige Zeilen umfassende Texte erzählen von Kindheit und Jugend, von Sicherheiten und Unsicherheiten, von Mut und Angst. Von einem Leben auf dem Land oder Dorf, vom Leben am Wasser und mit der Natur. Oft sind es Erinnerungen, wie man sie selbst kennt. Kurze Gedankenblitze. Eine aus dem Unterbewusstsein heraufgedriftete Erinnerung, auch wenn sie längst vergessen schien. Da ist die Großmutter als wichtige Bezugsperson. Da sind die Freunde, die mit durch Dick und Dünn gehen. Da sind die ersten Begegnungen mit Mädchen. Da kommt die erste Gitarre zum Einsatz. Die erste eigene Wohnung in der Stadt. Da sind aber auch die Unfälle, Missgeschicke, Enttäuschungen und ja, auch die frühe Konfrontation mit dem Tod.

„Ich war im Ort, etwas Neues zum Anziehen kaufen. Ich habe mir ein Buch mit Schriften von Karl Marx gekauft. Ich liege im Bett und lese Wörter und Sätze, die ich nicht verstehe. Am nächsten Tag lasse ich in der Mittelschule ein Wörterbuch mitgehen. Ich schlage viele Wörter nach. Ich verstehe ein klein wenig etwas, und es geht mir gut.“

Dann lese ich über den Ungehorsam des 4-jährigen, der eigentlich nur neugierig die Welt entdecken will, daran aber von der überängstlichen Mutter gehindert und womöglich fürs spätere Leben eingeschränkt wird. Der 4-jährige ist aber auch der ältere Bruder der 3-jährigen Schwester und trägt schon Verantwortung. Die Episoden mit Bruder und Schwester kannte ich teilweise verändert und/oder erweitert, bereits aus dem Roman „Der andere Name“ und es gibt sie auch in Form eines Kinderbilderbuches, erschienen im Bajazzo Verlag gibt.

Die längste Geschichte, eine Erzählung namens „Und dann kann der Hund kommen“ hat mich aufs Wundersamste überrascht, denn hier herrscht Spannung, hier wird es brenzlig wie in einem Kriminalroman. Hier geschehen möglicherweise zwei Morde. Eine Seite, wie ich sie bisher nicht von Fosse kannte, die mich aber sehr begeistert hat und auf die Vielfältigkeit seiner Ideenspektrums hinweist. Auch in dieser Geschichte gibt es die bewusst gebetsmühlenartig wiederholten Sätze, die auf das allerwichtigste reduzierte Sprache.

Überhaupt ist es so: Fosse lesen ist wie einen anderen Raum betreten, eine andere Welt, die tiefer und stiller, gleichzeitig aber kraftvoller ist. Hier ist der Hauptprotagonist immer die Sprache, die bewusst gestaltet, nicht einfach nur geschrieben wird. Und hier zeigt sich für mich eben der enorme Unterschied zwischen großer Literatur und einer Literatur, die „nur“ unterhalten oder erzählen will. Ein Leuchten!

Das wundervoll gestaltete Buchkunstwerk erschien im Kleinheinrich Verlag, den ich nur jeder/m Bibliophilen empfehlen kann. Übersetzt hat es der vielfach preisgekrönte Hinrich Schmidt-Henkel.

Weitere Besprechungen zu Büchern von Jon Fosse:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/05/27/jon-fosse-trilogie-rowohlt-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/11/03/jon-fosse-der-andere-name-rowohlt-verlag/

2 Gedanken zu “Jon Fosse: Kindheitsszenen Kleinheinrich Verlag

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