Bov Bjerg: Serpentinen Claassen Verlag

20200219_1211337473895355469361894.jpg

Selten ist es mir so schwer gefallen eine Besprechung über ein Buch zu schreiben wie hier mit „Serpentinen“, obwohl ich es sehr mag. Vielleicht fange ich mit der Frage an, die sehr häufig im Text selbst gestellt wird: „Um was geht es?“ Immer wenn ich beim Lesen dachte, ich verstehe nicht, weshalb dauernd diese Frage gestellt wird, kam sie immer so lange nicht mehr, bis ich sie vergessen hatte. Dann plötzlich war sie wieder da. Um was geht es in diesem Roman?

Im weitesten Sinne wahrscheinlich um das, was wir aus unserer Herkunftsfamilie, aus unserer Kindheit ins Erwachsenenleben mit hineinschleppen, was wir erben oder erfahren, was uns nicht gut tut oder traumatisiert. Und darum, dass das die Generation der Kriegskinder/enkel noch immer Unaufgearbeitetes mit herum trägt. Ich bin wenig jünger als Bov Bjerg, der 1965 geboren wurde, und erkenne vieles was er schreibt wieder. Sein Held hat ein schweres Familienschicksal zu tragen, dass sich über Jahrzehnte hinweg fortschrieb.

Urgroßvater, Großvater, Vater. Ertränkt, erschossen, erhängt. Pioniere zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Ich war noch am Leben. Der Junge war noch am Leben.
So weit waren wir gekommen.“

Ein namenlsoer Vater ist in den Ferien mit seinem namenlosen Sohn unterwegs in der alten Heimat. Was genau das Ziel dieser Reise ist, erahnt man im Laufe des Lesens. Sehr schnell wird klar, dass es keine Vergnügungsfahrt wird. Vater und Sohn haben ein unsicheres Bindungsverhältnis. Dem Vater fällt es schwer, mit dem Sohn umzugehen. Auf dieser Reise, die auch eine in die Vergangenheit ist, kann das Verhältnis jeden Moment kippen, das drohende Unglück ist jeden Moment spürbar. Wenn der Vater während der Autofahrt seinen Sohn bittet ihm ein neues Bier zu reichen oder der Vater in der Pension mit dem Kopfkissen in Händen neben dem schlafenden Jungen sitzt, wird mir ganz anders. Wenn der Vater jedoch seinerseits als Sohn vom eigenen Trinker-Vater (oder der Mutter?) verprügelt wird und in einer engen katholischen konservativen Kleinstadtwelt aufwächst, verändert sich der Blickwinkel.

„Ich wurde losgeschickt von der Mutter, ich traute mich nicht, der Bruder kam mit.
Losgeschickt, den Vater aus der Wirtschaft zu holen: Die Bücher, in denen davon die Rede war, füllten eine Bibliothek. Die Bibliothek der Säuferväterbücher. Die Bibliothek der Hohen Losgeschickt-den-Vater-aus-der-Wirtschaft-zu-holen-Literatur.“

Es scheint aber auch Hoffnung in einer solchen Kindheit und Jugend zu geben. Die Entdeckung von etwas grundlegend Neuem:

„Kunst war für Bonzen und Schwuchteln. Lange hatte ich in das Gelächter der Alten eingestimmt. Ich war ein verständiger Junge. […] Jetzt ahnte ich, dass das falsch war.
Und ich ahnte, dass der Gott der Erwachsenen erfunden war und ihr Beten gelogen.
Kunst bedeutete: Es gab noch etwas anderes.
Kunst war das, von dem die Herkunft keine Ahnung hatte.

Und diesen letzten Satz aus dem Zitat kann ich unterstreichen.

Bereits seine Lesung beim Bachmannpreis-Wettlesen 2018, die Auszug aus diesem Roman war, gefiel mir sehr. Obwohl es eine dunkle Geschichte ist, trifft Bjerg einen Ton, der nicht nur düster ist in einer Sprache, die sehr gelungen ist. Seltsam fand ich jedoch, dass das Buch bei mir nicht lange nachgewirkt hat. Bereits wenige Tage nach der Lektüre, hatte ich es schon vergessen. Ein ungewöhnliches Phänomen, was ich bei so intensivem Inhalt nicht kenne. Womöglich hat es mit meiner eigenen Biographie zu tun …

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs Gute Literatur und Ruth liest

Der Roman erschien im Claassen Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s