David Vann: Momentum Hanser Berlin Verlag

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Liest man David Vanns neuen Roman „Momentum“ und kennt seine vorigen Romane, spürt man, dass alles was zuvor geschrieben wurde auf dieses Buch hinausläuft. Man weiß dann auch, dass einige autobiographisch sind und imgrunde alle auf ein Thema zulaufen: den Suizid des Vaters des Autors.

„Kennt man Vanns Romane, sei es „Die Unermesslichkeit“, „Dreck“ oder „Im Schatten des Vaters“ erscheint „Aquarium“ zunächst um einiges zivilisierter. Alle Romane jedoch basieren auf dem genauen schonungslosen Blick auf menschliche Beziehungen mit all ihren Abgründen. Vater – Sohn, Ehefrau – Ehemann, Mutter – Sohn, immer geht es um Familienbande, die bedingungslos aneinanderketten, obgleich jegliche Liebe erzwungen zu sein scheint und es dann zur Eskalation kommen muss. Fast immer mit Gewalt.“

So schrieb ich in meiner Besprechung zu „Aquarium“. In Momentum geht es nun um eben jenen Moment, der zwischen jeder Zeit liegt und der vielleicht der eine ist/war, der das Leben hätte total verändern oder zum Positiven wenden können. Jedenfalls wünscht sich Hauptfigur Jim immer wieder an diesen Punkt, der für ihn jedoch nie einzutreten scheint. Jim ist depressiv. Leicht manische Phasen wechseln mit absoluten Tiefs. Der 39-jährige Vater von zwei Kindern, von deren Mutter er längst getrennt ist, kommt auf Anraten von Ärzten aus Alaska zu seiner Familie nach Kalifornien zurück. Jim hat sich als gut verdienender Zahnarzt Steuerschulden angehäuft und auch die zweite Ehe mit Rhoda zerbricht an seiner Untreue. Die Familie soll nun Hilfe leisten, rettend eingreifen, weil Jim suizidal ist. Wie das in den USA so ist, hat Jim, wie scheinbar jeder andere, eine Waffe. Und in Gedanken benutzt er diese nicht nur, um sich selbst umzubringen, sondern auch um die eigene Familie auszulöschen.

„Worauf es jetzt ankommt, ist herauszufinden, wie er nur zum Selbstmörder werden kann und nicht zum Massenmörder. Das ist das hohe Ziel, das Jim anstreben kann, der Ertrag eines Lebens voller harter Arbeit. Herzlichen Glückwunsch.“

Vann erzählt direkt und ohne Zurückhaltung von den Rache- und Gewaltphantasien, von der Maßlosigkeit eines Mannes, der nicht mehr ganz bei sich ist. Er erzählt aber auch von den inneren Nöten, von der familiären Prägung, der immer verschwiegenen indigenen Herkunft und von der Unsicherheit eines Mannes, der nirgends mehr Halt findet. Und er erzählt von den fantasiereichen Geschichten, die der Vater seinen Kindern auftischt, etwa die vom fliegenden Heilbutt auf dem Mond (engl. Originaltitel: Halibut on the moon). Der 13-jährige David (=Autor David Vann) und die 8-jährige Tracy himmeln ihren fast immer abwesenden Vater an und folgen gebannt, mitunter verstört seinen Geschichten und seinen sprunghaften Launen.

„Die Wahrheit ist, dass er gerade keinerlei Kontrolle über sich hat. Verschiedene Gefühle überwältigen ihn Tag und Nacht, immer ohne Warnung, ohne eine Ahnung, was als nächstes kommt. Keine Kontrolle zu haben ist erschreckend, ganz besonders vor seinen Kindern. Er will nicht, dass sie das mitbekommen.“

Die Besuche bei Eltern und Bruder, Exfrau und Kindern wirken auf Jim jedoch alles andere als stabilisierend, obwohl alle nach ihrem Empfinden das Beste geben. Das vom Arzt verordnete Medikament wirkt nicht schnell genug. Jims Aufenthalt gleicht einem Wettlauf mit sich selbst, einem ziel- und ruhelosem Treiben durch den Heimatort, einer Reise in die Vergangenheit. Einzig der Vater öffnet sich überraschenderweise kurzzeitig und lässt Nähe erkennen: er gesteht ihm, dass er selbst schon immer ein falsches Leben lebt, dass es schmerzt die eigene Abstammung von einem Cherokee-Vater fortwährend verheimlicht zu haben. Doch wie eine Depression eben ist, kann Jim die Worte nicht wirklich annehmen. Nach nur zwei durchwachten schmerzvollen Nächten kehrt er nach Fairbanks, Alaska zurück und nimmt die Waffe zur Hand …

David Vann gelingt es brillant, Erscheinungsformen der Krankheit Depression darzustellen. Mit großer sprachlicher Klarheit durchdringt er die ewige Sinnsuche und die Ratlosigkeit seines Helden angesichts dieser großen existentiellen Frage.

David Vanns neuer Roman erschien zum ersten Mal im Hanser Verlag und wurde von Cornelius Reiber übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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