Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite Zsolnay Verlag

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Nun ist Birgit Birnbachers neuer Roman da. Die Autorin hat mir beim letztjährigen Bachmannpreislesen mit ihrem Text sehr gefallen. Der Jury auch, so dass sie den Hauptpreis auch gewann. In ihrem Roman erzählt sie nun von Arthur einem jungen Mann Anfang zwanzig, der gerade aus der Haft entlassen wurde. Drei Jahre hat er gesessen und was er dabei durchgemacht hat und weshalb es dazu überhaupt kam, erfahren wir in Rückblenden, die bis in Arthurs Kindheit hineinreichen.

„Es kommt mir so vor“, hat Arthur zu Betty gesagt, „als habe gegen euer allzu großes Einwirken eine Verteidigung meines Selbst begonnen. Schon bald habe ich das Gefühl gehabt, dass kein Glanzbild mich heil hier rausbringen wird, sondern einzig ich an meiner Seite.“

Das sagt Arthur fast am Ende des Buches zu seinem Therapeuten und zu seiner Sozialhelferin. Zuvor haben beide, vor allem aber „Börd“, der etwas abgehalfterte und mit unkonventionellen Methoden arbeitende Therapeut Dr. Vogl, Arthur eine ganze Zeit lang betreut. Dass Arthur sich so äußert, also vor allem auf sich selbst zählt, scheint mir ein gutes Ende.

Nach der Entlassung soll er für „Börd“ auf ein Band aufsprechen, was er für wichtig hält und tatsächlich funktioniert das mit den Tondokumenten recht gut und auch die praktische Therapie, die allerlei Überraschungen bereit hält, scheint Arthur irgendwie zu stärken. Dass es mit Bewerbungen nicht klappt, zieht ihn allerdings zwischendurch auch wieder runter. Mit dem Zimmergenossen im betreuten Wohnheim wiederum geht es besser als aus den Gefängniserfahrungen heraus befürchtet.

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz in der JVA Gerlitz, dass der Neue immer den Zellendienst macht. Den Zellendienst gibt es nicht. Der Zellendienst ist eine Erfindung der Insassen. Es fängt immer mit dem Zellendienst an.“

Aus den aufgesprochenen Tondokumenten erfahren wir Leser, wie es bisher war in Arthurs Leben. Der Vater weg mit einer anderen, als er und der Bruder noch klein waren, die Mutter mit einem neuen Mann und dann der Umzug nach Spanien. Das dortige, zunächst fremdartige Leben: „Es ist nicht wie im Familienurlaub, dass alle zusammen losstürmen ans Meer.“
Die Mutter wird Leiterin eines Zentrums für Palliativpflege und die Wohnung der Familie befindet sich direkt im Haus dabei. Die Freundschaft mit Grazetta, der körperlich gezeichneten ehemaligen Schauspielerin, die im Heim lebt und die ihre Lebensweisheiten mit Arthur teilt, baut ihn etwas auf. Und später die Freundschaft mit den gleichaltrigen Princeton und Milla. Aber die Unklarheit der Beziehung zwischen den Dreien birgt eine Gefahr. Wer liebt wen? Und wer bleibt außen vor? Und das, was dann passierte, auf dem Boot. Milla ertrinkt. Ein Unfall? Wer trägt die Schuld? Das wird nie genau auserzählt. Aber auch die plötzliche Entdeckung, dass der Vater wieder eine Familie gegründet hat, wieder einen Sohn hat, der ihm ähnelt, erschüttert Arthur.

„Arthur  hat sich den Vater nie zurückgewünscht. Er hat sich ein Vorbild gewünscht. Einen Mann, der lebt und dem er, Arthur, das Kleinkind, Arthur das Kind, Arthur der Jugendliche, zuschauen hätte können beim Leben.“

Wir erfahren, wie stark all das zusammen Arthur aus der Bahn wirft. Alleine geht er zurück nach Deutschland und beginnt aus innerer Not heraus, aus Geldmangel und weil es so einfach ist, mit Internet-Betrügereien. Und eine Weile geht es auch gut …

Birgit Birnbacher hat einen Roman geschrieben, der mir gefiel und der sicher auch gelungen ist, der aber keine ähnliche Begeisterung wie beim Bachmannpreis bei mir ausgelöst hat. Woran das genau liegt, ist schwer zu sagen. Vielleicht an der Atmosphäre der Geschichte, vielleicht an mir, an meiner Stimmung. Vielleicht waren auch meine Erwartungen nach dem Bachmanntext zu hoch.

„Ich an meiner Seite“ erschien im Zsolnay Verlag. Eine Leseprobe und ein Interview mit der Autorin gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine begeisterte Besprechung gibt es bei letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ein Gedanke zu “Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite Zsolnay Verlag

  1. ich glaube, er ging nach Österreich zurück, wo er auch geboren wurde. Ein verwirrendes Buch, ich lese mich gerade durch, habe aber Schwierigkeiten den Inhalt zu erfassen, weil soviel hin und hergesprungen wird und auch die Erzählstile gewechsel werden.
    Wenn alles realistisch erzählt worden wäre, wäre es leichter und würde wahrscheinlich auch dem Anspruch von einem Haftentlassenen und seiner Rückkehr in das leben oder den Schwierigkeiten die man dabei hat, besser entsprechen!
    Mit dem „Wal“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/12/03/wir-ohne-wal/ hatte ich auch meine Schwierigkeiten, der Bachmann-Text hat mir aber auch sehr gut gefallen!

    Gefällt 1 Person

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