Annette Pehnt: Alles was Sie sehen ist neu Piper Verlag

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Annette Pehnts Bücher kenne ich schon seit ihrem starken Debüt „Ich muss los“ aus dem Jahr 2001. Sie schreibt gut konstruierte Romane, die mich je nach Thema mehr oder weniger erreichen. Zuletzt gefiel mir Briefe an Charley, in dem Sie sich auch mit einem Buch der Lyrikerin Friederike Mayröcker auseinandersetzt. Im Klappentext steht, dass sie seit 2018 das Institut für literarisches Schreiben in Hildesheim leitet. Da kommt mir gleich das böse Wort „Institutsprosa“ in den Sinn. Tatsächlich ist der neue Roman aus dieser Sicht sicher gelungen. Handwerklich perfekt, gut durchdachte Story, die auch noch Blicke ins Politische und Gesellschaftskritische aufweist. Und doch: mir fehlt da was. Da leuchtet nichts.

Eine Frau macht mit ihrem alten Vater (Bildungsbürgertum) jedes Jahr gemeinsam geführte Bildungsreisen. Ein bekannter Reiseveranstalter mit Kleingruppen und bestens ausgebildetem Personal. Ich denke da an Studiosus, falls es das noch gibt. Die aktuelle Reise führt nach Khirtan. Khirtan ist ein erfundener Ort, der für ein Land wie China oder Nordkorea stehen könnte. Jedenfalls für ein asiatisches Land mit autoritärem Regime.

Anfangs läuft alles gut, alles scheint perfekt organisiert. Doch dann taucht der nette Reiseleiter Nime an einem der Tage mit vollem Programm einfach nicht auf. Warum und wie es ohne ihn weitergeht, erfährt die Leserin nicht. Dafür aber etwas aus Nimes Leben. Aus welcher Familie er stammt, dass er schon in der Schule wahnsinnig gut Geschichten erzählen konnte und damit auch seine zukünftige Frau gewann. Dass er irgendwie anders war mit einem direkten Blick. Zu direkt und scharf für dieses Land, in dem der Einzelne, Individualismus und Eigeninitiative kaum gefragt sind. So erzählen dann auch verschiedene Personen Ähnliches über ihn, die in engerem oder weiteren Sinn mit ihm irgendwie zu tun haben/hatten.

Wie die Touristengruppe dürfen wir Leser Sehenswürdigkeiten und ausgewählte Teile der Bevölkerung kennen lernen. Ja, wir Leser erfahren sogar etwas zu den Hintergründen, was der Reisende eher nicht mitbekommt, zur echten Wirklichkeit der Menschen, die für Touristen gute Miene zum bösen Spiel machen. Auch die Dynamik, die in der Gruppe entsteht, entfaltet sich im Laufe der Geschichte. Wobei die Personen aber irgendwie auch sehr klischeehaft dargestellt sind. So richtig nah kommt mir keine/r.

Alles in allem weiß ich eigentlich nach Ende der Lektüre nicht, was die Botschaft des Romans sein soll. Falls es keine gibt, hätte zumindest die Sprache und die Form diese in meinen Augen nicht ganz gelungene Story retten sollen/müssen. Hat sie leider nicht. Nicht ein Satz zitierenswert. Schade. Es gibt stimmigere Bücher von dieser Autorin.

Immerhin stimmt mir da Jörg Magenau mit seiner Kritik auf Deutschlandfunk Kultur zu.

Der Roman erschien im Piper Verlag. Auf der Verlagsseite gibt es eine Leseprobe. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

2 Gedanken zu “Annette Pehnt: Alles was Sie sehen ist neu Piper Verlag

  1. Ich habe Annette Pehnt früher mit „Ich muss los“, „Insel 34“ und „Mobbing“ sehr gern gelesen, war von ihren späteren Büchern dann aber eher enttäuscht. Vielleicht habe ich deshalb gar nicht bewusst mitbekommen, dass es etwas Neues von ihr gibt. Nach deiner Rezension bin ich unschlüssig, ob mir der neue Roman gefallen würde. Dennoch herzlichen Dank fürs Vorstellen!

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    • Ich wollte noch einmal einen Versuch starten. Das Thema klang interessant. Im Feuilleton gab es überwiegend positive Stimmen, bis auf oben genannte. Blogger haben es scheinbar gar nicht wahrgenommen.
      Viele Grüße und danke fürs Kommentieren!

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