Anna Burns: Milchmann Tropen Verlag

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Anna Burns Roman „Milchmann“, für den sie 2018 den Man Booker Prize erhielt, hat mich in meine eigene Kindheit in den 70er Jahren versetzt. Nicht nur wegen dieses überwachten und traditionsbehafteten Aufwachsens, sondern auch weil ich mich selbst an Nachrichten erinnere, in denen der bürgerkriegsartige Nordirlandkonflikt (1969 – 1998) ständig präsent war. Ich wunderte mich dann immer, wie es sein kann, dass man die „falsche“ Religion (katholisch vs. protestantisch) haben kann, wenn man doch an denselben Gott glaubt. Und vor allem, wie man sich in seinem Namen gegenseitig bekriegen kann. Leider ist es ja bis heute so, zwar nicht mehr in Nordirland, aber anderswo. Und oft geht es um weit mehr als die Religionszugehörigkeit.

Anna Burns hat einen historischen politischen Roman geschrieben und einen, in dem irgendwie auch eine Emanzipationsgeschichte mitklingt. Sie zeigt, dass es eigentlich immer die Frauen sind, die „die Welt retten“ oder sie zumindest am Laufen halten. Die Frauen, die es hier in dieser Geschichte gegen jedes Macho-Gehabe schaffen, Familien mit vielen Kindern zu versorgen und zu ernähren, oft ohne einen Mann, da er entweder im Gefängnis sitzt oder gar bereits aus politischen Gründen ermordet wurde oder als verschollen gilt. Die meisten sind alles andere als emanzipiert und in ihrer Geschlechterrolle gefangen, aber es gab eben doch immer wieder einzelne, die es geschafft haben, das Bewusstsein der anderen zu wecken und aus dem jahrzehntelangen Albtraum der kriegerischen Auseinandersetzungen und den damit verbundenen vorgegebenen Einschränkungen auszubrechen und es schrittweise anders zu machen als üblich.

„Mit achtzehn wusste ich noch nicht, was unerwünschte Annäherung war. Ich hatte ein Gefühl, eine Intuition, eine unwillkürliche Abneigung gegen manche Situationen und Menschen, aber mir war nicht klar, […] dass es mein gutes Recht war, nicht jeden Dahergelaufenen zu mögen, dass es mein gutes Recht war, nicht auf ihn einzugehen, wenn er sich mir näherte.“

Die Autorin hat eine stimmige, mitunter durchaus komische Art gefunden, diese Geschichte zu erzählen. Alle Protagonisten sind namenlos, auch die 18-jährige Heldin, aus deren Sicht berichtet wird. So gibt es dann eben den „Milchmann“, „Vielleicht-Freund“, „Schwager Drei“, „Tablettenmädchen“ und „Irgendwer McIrgendwas“.  Sie lebt mit Mutter und drei kleineren Geschwistern „Kleine Schwestern“ zusammen. Die älteren Geschwister sind aus- oder weggezogen, der Vater tot. Gleich am Anfang lernen wir eine Macke der Heldin kennen, die sie schließlich auch auf die Liste der auffälligen Personen in ihrem Wohnbezirk gebracht hat: Sie liest im Gehen dicke Bücher, zumeist Klassiker des 19. Jahrhunderts. Sie geht gerne zu Fuß und sie joggt gerne und das weiß auch der „Milchmann„, der ihr immer wieder auflauert. Das schlimme daran ist für die Heldin seine subtile Manipulation, dass er scheinbar zunächst nichts wirklich von ihr will, sie kaum ansieht, auch nicht berührt, aber alles über sie weiß und unterschwellig Bedrohung und Tücke ausstrahlt. Und: diese Begegnungen schüren die Gerüchteküche. Etwas was zu dieser Zeit in diesem Umfeld die Wahrnehmung einer Person bestimmt.

„Die skandalöse Milchmannaffäre hatte sich explosionsartig verbreitet, sie grassierte wie wild, war der absolute Renner, und deswegen, wegen der Häufung der Grenzüberschreitungen, fühlte ich mich mehr und mehr in Inkohärenz und Ohnmacht gedrängt.“

Burns erzählt so, wie man eine Geschichte vielleicht mündlich erzählen würde. Sie schweift ab, kommt vom Hundersten ins Tausendste und findet irgendwann viele Seiten später wieder den roten Faden. Das fordert von Lesern höchste Aufmerksamkeit. Und auch die sehr fremd anmutenden Hierarchien dieser Lebensgemeinschaften aufgeteilt in Bezirke, Niemandsland (die Zehnminutengegend)

„Sie sagte, sie sei in „einer Viertelstunde und zehn Minuten“ da, was fünfundzwanzig Minuten bedeutete, was verständlich war, denn die Zehnminutengegend war so trostlos und unheimlich, dass niemand sie in seine normalen Berechnungen einbeziehen wollte.“

oder gefährlichen Zonen, die Zugehörigkeit zu Paramilitärs, Sympathisanten oder Regierungstreuen, das komplette Ausgrenzen von „denen auf der anderen Seite der Grenze“ oder gar „der See“ und das furchtbare Misstrauen jedes Einzelnen gegen den Anderen, macht dieses Buch zu einem höchst komplexen Unterfangen. Was meiner Meinung nach absolut gelungen ist. Mich hat das Buch nicht losgelassen, obwohl augenscheinlich nichts Spektakuläres passiert.

Erst gegen Schluss scheint sich etwas neu zu sortieren und vor allem in der Familie der Heldin in Gang zu kommen. Vergangene Ereignisse gelangen ans Licht und lösen lange währende Ungereimtheiten auf. Männerrollen dürfen sich verändern. Frauen wachsen an schwierigen Ereignissen und Kinder tanzen auf der Straße. Und manches bleibt auch gleich, hat sich bewährt und vielleicht bis heute nicht verändert … wenig hört man heutzutage noch von Nordirland. Mir hat dieser Roman in all seiner Eigenart und Fülle sehr gefallen. Ein Leuchten!

Der Roman der 1962 in Belfast geborenen Autorin erschien im Tropen Verlag. Übersetzt hat es Anna-Nina Kroll. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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