Ottessa Moshfegh: Mein Jahr der Ruhe und Entspannung Liebeskind Verlag

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Nach „Eileen“ von Ottessa Moshfegh brauchte ich Nachschub. Es geschieht gar nicht so oft, dass ich von einem/r Autor/in alle Bücher lesen will. (Zuletzt war es Dag Solstad, der brillante norwegische Erzähler). Aber in Moshfeghs Bücher bin ich verliebt. Sie ist so eine brillante Erzählerin mit so einer eigenen Stimme und so abwechslungsreichen Themen, dass sie für mich wirklich die Entdeckung des Jahres ist.

In „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ habe ich mich enorm wohlgefühlt. Obwohl die Protagonistin alles andere als sympathisch, eher Antiheldin ist, wirkt sie auf mich zutiefst menschlich. In aller Verschrobenheit der Figuren, in aller Absurdität der Geschichten liegt so viel Wahrheit, und ja, so viel Gesellschaftskritik, die nicht auf den ersten Blick zu sehen ist. Wie schon in „Eileen“ ist es eine Figur, die es in der Wirklichkeit sicher häufiger gibt, nur will selbst niemand so sein. Dass die Autorin manches überspitzt darstellt, macht gerade den Reiz ihres Schreibens aus.

Diesmal erzählt sie von einer jungen Frau, die scheinbar alles hat was sie braucht. Ausreichend Geld, Schönheit, einen Job in einer angesagten Kunstgalerie, eine Wohnung in einer guten Gegend, ein hippes Leben in New York. Von ein auf den anderen Tag, gibt sie ihren Job auf und bleibt zuhause. Sie verlässt die Wohnung nur noch, um etwas zu Essen oder Kaffee zu holen. Sie will vor allem nur noch schlafen. Dass das ohne Hilfsmittel nicht funktioniert, merkt sie schnell und kontaktiert eine Psychotherapeutin, der sie so manche Befindlichkeit vorspielt. Und es gelingt: sie erhält unzählige Rezepte über diverse Schlaf- und Beruhigungsmittel. Die Gespräche mit der selbst höchst skurrilen Therapeutin Dr. Tuttle wiederholen sich einmal pro Monat.

„Aus ärztlicher Sicht muss ich Ihnen vom Bedienen schwerer Maschinen abraten – fahren Sie keine Sattelschlepper oder Schulbusse. Haben Sie es schon mit dem Infermiterol probiert?“

Zwischen den Schlafphasen der namenlosen Heldin erfahren wir etwas über deren Lebensumstände, die dann doch nicht immer so rosig waren. Kühles Elternhaus, früher Krebstod des Vaters, emotional abwesende alkohol- und tablettenabhängige Mutter, bald ebenfalls tot. Und zuletzt die Trennung von Trevor, einem Mann, der sie ausnutzte.

„Ich wollte mich auch am Gefühl der Verlassenheit festklammern, der Leere des Hauses, die mich daran erinnern sollte, dass es besser war, allein zu sein als umgeben von Menschen, die einen eigentlich lieben müssten, aber nicht dazu in der Lage waren.“

Während die Heldin ihre Medikamente durcheinander und in hoher Anzahl nimmt, wird sie nach dem Aufwachen gewahr, dass sie während des vermeintlichen Schlafs doch aktiv ist: auf einer Single-Seite chattet, in angesagten Clubs trinkt, mitunter horrende Rechnungen über Internet-Bestellungen erhält, Unmengen an Liefer-essen auf dem Tisch steht, etc. Ab und an bekommt sie Besuch von ihrer einzigen Freundin Reva, die ihre seltsame Verwandlung so gar nicht verstehen kann und sich sorgt. Doch für unsere Heldin ist sogar Reva nur ein Störfaktor. Reva selbst leidet an Magersucht und an dem Idealbild der toughen erfolgreichen hoch gestylten (aber mageren) jungen Frau. Dass unsere Heldin ihre Freundin doch mehr braucht, als sie denkt, merkt sie viel später erst.

„Ich setzte große Hoffnung auf das Ambien. Vier Ambien, dazu ein schöner Hustensaft, und ich wäre mindestens vier Stunden lang weg. „Denk positiv“, wie Reva immer sagte.“

Als eine Art Selbstfindungsprozeß, wenngleich sehr skurril und nicht unbedingt nachahmenswert, kann man diese Geschichte lesen. Die Heldin erkennt, dass alles was sie besitzt, nicht die Einsamkeit und innere Leere, vertreiben kann und versucht dieses Selbstexperiment. Denn um sich tatsächlich gänzlich von der äußeren Welt fernzuhalten, verbringt sie die letzten Monate tatsächlich nur im Tiefschlaf, der endlich Läuterung bringen soll. Wie und ob das gelingt, wird nicht verraten. Sicher ist jedoch, dass Moshfegh das Ende der Geschichte höchst gelungen konstruiert hat. Was ich bereits in „Eileen“ sehr zu schätzen wusste, ist ihr wirklich tiefschwarzer Humor, der seinesgleichen sucht. Ein Leuchten!

Der Roman der US-amerikanischen Autorin erschien im Liebeskind Verlag. Die wunderbare Übersetzung stammt von Anke Caroline Burger. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar und stürze mich gleich in die Erzählungen im neuen Buch „Heimweh nach einer anderen Welt“. Besprechung folgt.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

2 Gedanken zu “Ottessa Moshfegh: Mein Jahr der Ruhe und Entspannung Liebeskind Verlag

  1. Ach, ich liebe es! Großartiges Buch! Ich habe gerade die ersten Erzählungen aus „Heimweh nach einer anderen Welt“ gelesen, wieder sehr skurrile merkwürdige Typen. Viele Grüße!

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