Das Haus im Roman – Geschichten, in denen Gebäude eine tragende Rolle spielen

building-918498_1280

Ich las gerade den neuen Roman „Das Gartenzimmer“ von Andreas Schäfer, in dem es um einen jungen Architekten geht, der gleich anfangs seiner Laufbahn, Anfang des 20. Jahrhunderts, ein ungewöhnliches privates Hausprojekt in Berlin verwirklicht. Ganz überzeugt hat er mich nicht. Beim Lesen wurde mir jedoch klar, dass ich so einige gelungene Romane kenne, in denen ein Haus eine ganz bedeutende Rolle spielt. Als ich recherchierte, waren es dann so viele, dass dieser Blogbeitrag entstand. Denn faszinierend ist es schon, zu erleben, wie ein Gebäude einwirkt auf die Menschen, die es bewohnen, wie es sich im Laufe der Zeitgeschichte entwickelt, was es durch die Jahrzehnte alles er- oder überlebt. Häuser könnten Geschichten erzählen. Gut, dass manche Autoren das als Anlass nehmen, sie als Hauptprotagonisten auszuwählen. Viel Freude beim Stöbern!


Hans Pleschinskis Roman „Wiesenstein“ erzählt von Gerhart Hauptmanns Wohnsitz in Agnetendorf, Schlesien, wohin er sich gegen Ende des zweiten Weltkriegs mit seiner Frau nach der Flucht aus dem zerbombten Dresden zurückzog. In für Kriegszeiten großem Luxus lebte und schrieb der über 80-jährige hier. Bevor er es nach Kriegsende verlassen musste, starb er dort am 6. Juni 1946.

Hans Joachim Schädlichs Roman  „Die Villa“ erzählt in gewohnt dichter Art die Geschichte einer Villa im Vogtland, anhand einer aufstrebenden Kaufmannsfamilie, in der Zeit des erwachenden Nationalsozialismus bis in die Anfangszeit der DDR.

Andreas Schäfer erzählt in „Das Gartenzimmer“ die Geschichte eines architektonisch ungewöhnlichen Hauses in einer Berliner Villengegend, von einem jungen Architekten erbaut und dessen „Werdegang“ im Laufe der Zeit von der Planung 1908 bis ins Jahr 2013.

Christophe Boltanskis Buch „Das Versteck“ erzählt von einem Haus in Paris in der Rue de Grenelle, in dem sich die Wohnung der Familie Boltanski befindet, eine Wohnung unterteilt in viele Räume, verteilt auf zwei Stockwerke; in einem Raum das Versteck. Boltanski gliedert diese autobiografische Geschichte nicht chronologisch, sondern in Kapitel, die jeweils nach einem Zimmer des Hauses benannt sind. Es ist die Geschichte des Überlebens in Zeiten des zweiten Weltkrieg, in Zeiten der deutschen Besatzung von Frankreich.

In Andreas Maiers autobiographischem Romanzyklus „Ortsumgehung“ spielt in einem Band namens „Das Haus“ das Grundstück der Eltern und das darauf gebaute Haus eine große Rolle. Es sind die 70er und 80er Jahre in der hessischen Provinz, in der Wetterau.

In Juliana Kálnays Debütroman „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“ lesen wir von einem ungewöhnlichen Mietshaus mit seinen teils sehr skurrilen Bewohnern. Hier geht es nicht immer mit rechten Dingen zu, doch letztendlich halten die Nachbarn zusammen.

Der Roman des Norwegers Johan Harstad „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ ist ein unglaublich faszinierendes Buch. Auf über 1000 Seiten geht es nicht nur, aber auch um ein sehr spezielles Mietshaus in New York, dass real existiert: Das damals mondäne 1908 im Renaissance-Stil erbaute Apthorpe Building auf der Upper West Side von Manhattan wird für die Freunde Max, Mischa, Mordecai und Onkel Owen für lange Zeit ein Zuhause, bis die Wohnungen verkauft werden und die Mieten ins Endlose steigen.

In Alain Sulzers letzten Roman steht ein alteingesessenes renommiertes Kaufhaus in einer Schweizer Stadt im Mittelpunkt. „Unhaltbare Zustände“ treten für den langjährigen Schaufensterdekorateur ein, der sich als Künstler versteht und der sich nicht mit den Veränderungen und Modernisierungen der Zeit abfinden kann. Als ein neuer, junger Mann als Gestalter eingestellt wird, fürchtet er um seine Stelle und kämpft mit ungewöhnlichen Mitteln bis es zum Showdown im Schaufenster kommt.

Holger Siemanns Roman „Das Weiszheithaus“ geht es um ein Mietshaus in Berlin in der Kopenhagener Straße im Prenzlauer Berg. Der Erbe des Hauses entdeckt auf dem Dachboden Dokumente, die die Geschichte des Hauses wiederspiegeln. Anhand der Besitzer und Mieter wird in Rückblenden erzählt, es beginnt im 19. Jahrhundert und endet im Jahr 2011. Es ist ein höchst interessantes zeitgeschichtliches Dokument, gerade auch über die DDR-Zeit. Eine genaue Besprechung dazu gibt es bei meiner Bloggerkollegin vom Blog Zeichen & Zeiten, denn ich habe es immer noch nicht geschafft, die über 700 Seiten  zu lesen.

Erwähnt werden sollen noch zwei sehr spezielle hochkomplexe Romane zum Thema:

Mark Z. Danielewski mit seinem Roman „Das Haus“. Ein vielschichtiges Werk mit an die 800 Seiten und jede Menge Fußnoten. Ein neu bezogenes Haus erweist sich als unzuverlässig. In seinen Tiefen scheinen sich unendlich viele Räume und Gänge zu befinden, aus denen man kaum zurückfindet. Ein Irrgarten – auch für die Leser.

Und natürlich als Klassiker George Perecs monumentaler Roman „Das Leben. Gebrauchsanweisung“. Dieses knapp 900 Seiten umfassende Werk ist in 99 Kapitel aufgeteilt, in denen die Räume eines Hauses in Paris und seine Bewohner mit Teilen ihrer Lebensgeschichte beschrieben werden. Es ist einer der vielen Klassiker, die bei mir im Regal stehen und noch aufs Gelesenwerden warten. Meine längst vergriffene Ausgabe ist noch von Zweitausendeins. Lieferbar ist der Roman beim Diaphanes Verlag, der alle Titel des Surrealisten und Oulipo-Künstlers verlegt.

Vermutlich habe ich noch sehr viele Romane übersehen – mir fällt gerade noch Thomas Manns „Zauberberg“ ein. Vielleicht habt ihr noch Ergänzungen?

 

 

2 Gedanken zu “Das Haus im Roman – Geschichten, in denen Gebäude eine tragende Rolle spielen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s