Stephan Roiss: Triceratops Kremayr & Scheriau Verlag

Mit seinem Debütroman „Triceratops“ wurde der Österreicher Stephan Roiss gleich für die Longlist des Deutschen Buchpreis nominiert. Das Buch ist schon äußerlich eine dunkle Schönheit. Das Cover mit diesem seltsamen Tier ist aufgeraut und sieht aus wie glänzender dunkelgrauer Stahl mit fliederfarbener Schrift. Mit Fliederfarben geht es auch innen auf dem Vorsatzblatt weiter, auf dem man die Hautstruktur des Triceratops, einer Dinosaurierart erkennt. Auch durch die Seiten schleicht sich das Tier.

Die Hauptfigur, ein namenloser Junge, der von sich selbst als „wir“ spricht, hat mich zutiefst berührt. Dieses „wir“, über das ich immer wieder erschrecke, als ich mir klar mache, dass der Junge allein ist, das mir immer wieder neu suggeriert, dass es vielleicht als eine Art Stärkung fungiert, eine Art „ich bin nicht allein“. Vielleicht eine Nachahmung der Schwarmbildung der kleinen Fische, die er im Naturkundemuseum sah, ein Versuch nicht gefressen zu werden? Auch der Triceratops, die Dinosaurierspielfigur wird eine Art Verstärker der Abwehr.

„Wir spielten am liebsten mit dem Dinosaurier mit dem Nackenschild und den Hörnern. Er aß nur Pflanzen, aber war unbesiegbar. Er war kompakt, schwer gepanzert, ein guter Krieger. Niemand konnte ihn in den Hals beißen, nichts konnte ihn um werfen. Er stand fest auf der Erde.“

Dem kleinen Schuljungen wird eine Bürde auferlegt, der er niemals gerecht werden kann, auch wenn er sich noch so anstrengt. Er soll auf seine Mutter achten, sie stabilisieren, sie nicht aus den Augen lassen, sie trösten. Und weil ein kleines Kind auf die Liebe seiner Mutter angewiesen ist, tut er sein möglichstes und verliert dabei seine Kindheit. Die Mutter leidet unter schweren Depressionen, muss immer wieder in die Klinik für längere Aufenthalte. Bei ihrem Sohn zeigt sich die psychische Anspannung schnell: er bleibt lange Zeit Bettnässer, er kratzt sich die Arme blutig, kaut die Nägel bis ins Fleisch ab. Der Vater übernimmt keinerlei Verantwortung, schützt den Sohn nicht, die ältere Schwester ist ebenfalls seltsam abwesend. Die guten Tage sind für ihn die, an denen er zu seiner Großmutter darf. Sie nimmt ihn wie er ist und fordert nichts von ihm. Doch die guten Tage sind selten.

„Bitte mach, dass es ihr besser geht“, flüsterten wir vor uns hin, während wir über den vereisten Schotterweg nach Hause trotteten.“

Im zweiten Teil des Buches ist der Junge älter geworden. Pubertät, Teenageralter. In den Ferien bei der Großmutter, beginnt er seinen dicklichen Körper zu trainieren, rasiert sich die Haare ab. Dann stirbt die Großmutter. Er versucht auf den Spuren des Großvaters dessen Geheimnis zu erkunden. Besetzt dessen Hütte im Wald. Bald schließt er sich einem Punkmädchen und dessen Bruder an. Doch auch da ist der Halt nicht von Dauer. Die ältere Schwester zieht zu ihrem Freund, wird schwanger und immer labiler. Monate nach der Geburt tötet sie ihr Kind. Auch sie landet in der Psychiatrie: „Es wird nicht mehr schön.“ Die Mutter gibt sich für alles die Schuld.

Unser Held lässt sich treiben. In der Schule häufen sich Fehltage, schlechte Zensuren. Das „wir“ bleibt. Die Suche. Die Fragen. Die Möglichkeiten sich aus der Familie zu lösen. Einen Halt in sich selbst zu finden.

Ein sehr kurzer dritter Teil schließt sich an. Ein sehr schöner, weil vollkommen offener Schluss. Nicht mehr aus der Ich- bzw. Wir-Perspektive erzählt. Unsere Hauptfigur ist einfach nur „der Junge“.

Roiss erzählt nie direkt, was ich sehr gelungen finde. Ich setze Bauteilchen zusammen und erkenne die Zusammenhänge. Ich habe die Geschichte quasi mitzutragen, ich muss mitgehen, sonst lese ich zwar eine Geschichte, aber nicht das zwischen den Zeilen. Der Wahnsinn, der in dieser so brüchigen Familie herrscht, wird niemals so beschrieben, dass es mir zu viel wird (wie es kürzlich beim Debütroman von Ulrike Almut Sandig mit dem Thema Gewalt war). Die traurigsten und furchtbarsten Passagen wechseln mit alltäglichen Szenen ab. Überwiegend sind es einfache Satzkonstruktionen, teilweise sind die Seiten nur halb gefüllt. Und doch ist da etwas an der Art der Anordnung, das aus dieser einfachen Sprache Literatur macht. Vollkommen zurecht nominiert. Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Kremayr & Scheriau Verlag in feiner Ausstattung. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

3 Gedanken zu “Stephan Roiss: Triceratops Kremayr & Scheriau Verlag

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