Daniela Danz: Wildniß Wallstein Verlag

Dass ich die Lyrikerin Daniela Danz erst jetzt entdecke, wundert mich. Denn sie ist eine Autorin, deren Lyrik von Essentiellem und Existenziellem geprägt ist, die kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es um Missstände geht, die still und zugleich stark wirksam ist und in die Tiefe geht. Die Gedichte in „Wildniß“ haben mich fast durchweg begeistert. Berührt, gepackt und inspiriert für mein eigenes Dichten.

„KOMM WILDNIS IN UNSERE HÄUSER
zerbrich die Fenster komm
mit deinen Wurzeln und Würmern
überwuchere unsere Wünsche
Mülltrennungssysteme Prothesen
und Zahlungsverpflichtungen“

Daniela Danz erhielt für Teile des Manuskripts den Deutschen Preis für Nature Writing. Tatsächlich handeln die meisten ihrer Gedichte in diesem Band von der Natur. Doch ist die Natur bei ihr nicht getrennt vom Mensch und seiner Lebenswelt. Dringt im Gegenteil die Natur oft immer wieder in die menschgemachte Kulturlandschaft ein und umschlingt sie und verwächst erneut mit ihr. Gleich in den ersten drei Gedichten, zeigt sich dies ganz deutlich. Sie beziehen sich auf einen Buchenurwald in den Karpaten.

„und die Langsamkeit die nutzlos an einer
stillgelegten Bahnstrecke überdauert hat
ein Murmeln kommt von den Rändern
erst leise dann mit Unmut gemischt
die Ränder verwackeln die schönen
Konturen der Zäune gegen das Abendrot
die Salzsäulen derer die sich umgesehen
haben: bizarre Denkmale am Horizont“

Besonders gelungen empfinde ich das Kapitel „Kaskaden“. Hier zeigt Danz bereits aufgrund der gewählten Form die Kaskadenhaftigkeit der Verse. Die Zeilen springen hinab, verbinden sich mit weiteren Zeilen, springen weiter hinab. Die Themen der einzelnen Kaskaden sind aussagekräftig. Einmal geht es ums Glück, dann um die Geschichte, mehrmals um die Arbeit, aber auch um Geheimnisse. Dabei bleiben die Gedichte sehr konkret. Sie erzählen uns beispielsweise von den harten Arbeitsbedingungen in einem Braunkohletagebau oder im Stahlwalzwerk.

Highlight ist für mich in seiner Schlichtheit und Litaneihaftigkeit das Gedicht „Mythos“ aus dem Kapitel Arkanum. Ich zitiere es hier ganz:

Mythos

Die Erzählungen der Ameisen auf ihren
Pheromongleisen die Erzählungen der Bienen in ihren
Schwänzeltänzen
die Erzählung der abgeknickten Zweige eines Wildwechsels
die Erzählung der entwurzelten der morschen
der von Kerfe durchfurchten Buchenstämme
die Erzählung der Wolken und des Lichts
die Erzählung der wandernden Schatten im Sand
die Erzählung des Nieselregens im Wasser
die Erzählung der Falten meiner Hand
der Tonlage meiner Stimme
die Erzählung des Blicks mit dem du die Welt betrachtest
die Erzählung der Welt ohne dass du sie anschaust
weiter und weiter erzählt sich die Welt
noch lange nachdem du und ich
und keiner den wir kannten
mehr zuhört

Im Kapitel „Wildnis der Rede“ kommen wir dem Individuum näher, welches in der Auseinandersetzung mit Steuerbescheiden, Umweltkatastrophen, Flüchtlingsschicksalen, dem System, der Politik, dem Bangen und dem Kampf um die Demokratie lebt. Wirklich noch lebt? Eine Frage, die den ganzen Band durchzieht. Wie wollen wir leben? Wie kann eine lebenswerte Zukunft gelingen?

Crash dieses Katastrophenkurses dem Zusammenbruch des Sys-
tems 
der allumfassenden Zerstörung die den Staat sprengt den Staat
der verfällt und geblendet stehen die Hörenden die die Abgabenlas-
 ten tragen die Zinslasten die Steuerlasten die der Belastung nicht
standhalten unter den Lasten leiden die Leidtragenden stehen der
Täuschung ausgesetzt geblendet im Rauch der Nebelkerzen …“

Und Danz beleuchtet in vier Gedichten dann auch noch den ebenfalls naturgemachten? menschgemachten? Virus, der uns Anfang des Jahres heimsuchte. Ich halte wenig von Coronagedichten, Coronatagebüchern und so sind es auch in meinen Augen Gedichte, die für den Band nicht notwendig sind, die eher ablenken. Dennoch sind sie womöglich besser als vieles, was es sonst so zu Corona zu lesen gibt.

Ich empfehle diesen Band der 1976 in Eisenach geborenen Dichterin sehr. Sie hat mich in ihrer souverän-sicheren Sprache und mit dem Klang der Kaskaden in ihre Welt gelockt. Ein Leuchten!

„Wildniß“ erschien im Wallstein Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Im folgenden Video liest Daniela Danz das erste Gedichte aus ihrem Buch:

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

3 Gedanken zu “Daniela Danz: Wildniß Wallstein Verlag

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