Don DeLillo: Die Stille Kiepenheuer & Witsch Verlag

Eine Flugzeugnotlandung in New York, ein Baseballspielübertragung, die nicht übertragen wird, der Bildschirm schwarz, die Notbeleuchtung in einem Krankenhaus. Fünf Menschen, zwei ältere Paare, ein junger Mann in einer Wohnung, die einen Stromausfall mutmaßen, aber über Schlimmeres spekulieren (ein Sonnensturm? der dritte Weltkrieg?). Das sind die Eckdaten des neuen Buches von Don DeLillo, dem großen amerikanischen Schriftsteller. Seine Romane sind fast immer kurz und knackig. Dieser hier ist gerade 100 Seiten lang und ich bin nicht sicher, was ich davon halten soll. Knackig finde ich ihn diesmal nicht. Klar, es geht um uns: die Gesellschaft des Überflusses, der Technologien, der weltweiten Vernetzung, der Globalisierung. Ob „Die Stille“ eine Kritik daran sein soll oder nur eine Momentaufnahme des Zusammenbruchs des Systems?

„Das Halbdunkel. Es steckt irgendwo im kollektiven Bewusstsein, sagte Martin. Die Pause, das Gefühl, das schon einmal erlebt zu haben. Irgendeine Naturkatastrophe oder Invasion. Ein warnender Instinkt, den wir von unseren Großeltern oder Urgroßeltern geerbt haben oder von noch weiter zurück. Menschen im Griff einer ernsten Bedrohung.“

Die Gespräche der Personen, die sich in der Wohnung in Manhattan eingefunden haben, um gemeinsam ein Baseballspiel zu sehen, sind so stupide wie Smalltalk oft ist und gleichzeitig spiegeln sie vermutlich die Hilflosigkeit angesichts der Situation. Der eine, Physikdozent, der alles was geschieht, von Einstein her denkt, bringt gleichzeitig Wissenschaft und Naturgesetze ins Spiel. Einer der hinterfragt, die anderen, die verständnislos eher hinnehmen, als versuchen zu verstehen?

„Von dem einen schwarzen Bildschirm in dieser Wohnung bis zur Lage ringsum. Was passiert da? Wer tut dem Ganzen das an? Sind unsere Gehirne digital überarbeitet worden? Sind wir ein Experiment, das zufällig gerade auseinanderbricht, ein Plan, den Kräfte außerhalb unserer Kalkulationen in Gang gesetzt haben?“

So begeistert ich sonst von DeLillos Romanen bin, so ratlos bin ich hier mit diesem. Was ihm gut gelingt, sind die unterschwelligen Schwingungen zwischen Einzelnen darzustellen. Dennoch hätte ich mir mehr Input gewünscht. Fazit: Schnell gelesen, die Kernessenz erfasst, aber wenig überzeugt von Sprache, Szenario und Personal. Im Feuilleton gibt es allenthalben jubelnde Stimmen, was ich nicht nachvollziehen kann. Immerhin in der Süddeutschen habe ich eine enttäuschte Stimme gelesen, was mich etwas beruhigt. Ich empfehle, lieber ältere Titel von DeLillo, zum Beispiel „Null K“, das mir sehr gut gefiel. Die Besprechung gibt es hier.

„Die Stille“ (auch den Titel finde ich wenig stimmig) erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag. Übersetzt hat den Text wie immer Frank Heibert. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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