Karen Grol: Himmel auf Zeit Ebersbach & Simon / Anita Rée – Retrospektive Prestel Verlag

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Leider habe ich es 2018 nicht geschafft nach Hamburg zu fahren und mir die Retrospektive der wunderbaren Künstlerin Anita Rée (1885-1933) anzusehen. Ein kleiner Trost ist der Ausstellungskatalog und auch die informative Seite der Hamburger Kunsthalle. Außerdem erschien nun in diesem Jahr ein Roman über das Leben der Künstlerin. Karen Grol ist mit „Himmel auf Zeit“ ein schönes Porträt von Anita Rée gelungen, das mich auch sprachlich überzeugt hat.

Anita Rée wurde 1885 in Hamburg in eine wohlhabende Kaufmannsfamilie hineingeboren. Die Vorfahren ihrer Mutter stammten aus Venezuela. Sie nahm als junge Frau Malunterricht bei dem impressionistischen Maler Franz Nölken (in den sie sich unerwidert verliebt) und reiste schließlich 1912 für einige Monate zur Ausbildung ins lang ersehnte Paris. Hier lernt sie all die bekannten Künstler dieser Zeit kennen, unabhängige Frauen, bewundert all die Kunstwerke, kommt aber selbst kaum zum Malen, so überwältigend sind die Eindrücke dieser im Aufbruch befindlichen Metropole der Kunst.

Ab 1922 hielt sie sich 3 Jahre in Süditalien auf, eine Zeit, die sie sehr prägte. In Positano lebte sie in einer bescheidenen Behausung, bestellte einen kleinen Garten. Sie porträtierte Mitbewohner des Ortes, beschäftigte sich mit Landschaften und Ortschaften, Licht und Farbe, keineswegs naturgetreu, eher eigen verfremdet. Zudem lernte sie auf Reisen neue Malkollegen kennen und ließ sich inspirieren. Von einem Malschüler, Christian Selle, erhält sie jeden Sommer längeren Besuch. Die beiden erkundeten gemeinsam Italien. Eine inspirierende Liebesgeschichte mit dem jungen Mann beginnt, die allerdings nach ihrer ungewollten Rückkehr wegen Familienangelegenheiten, nicht von Dauer ist.

Fremde Kulturen interessierten sie. Es entstanden Bilder mit Fabeltieren, märchenhaften und exotischen Motiven, mit denen sie nicht nur Leinwände, sondern beispielsweise auch Möbel gestaltete. Außerdem tauchen immer wieder auch christliche und biblische Motive auf, die auf Rees Verehrung der alten Meister hinweisen.

Anita Rée scheint eine sensible, melancholische Frau gewesen zu sein. Immer wieder hinterfragt sie ihre Rolle als Mensch, als Frau, als Künstlerin. Vieles davon zeigt sich in ihren Selbstporträts, die zunächst ihr bevorzugtes Thema waren. Die Innenschau, die Frage nach dem Sein, nach der Herkunft? Wer bin ich? Wo will ich sein?

Karen Grol erzählt auch von dem andauernden Gefühl der Einsamkeit, von dem hohen Anspruch an die eigene Malerei und von den Zukunftsängsten, die zunächst durch den ersten Weltkrieg, später durch Weltwirtschaftskrise und das Erstarken des Nationalsozialismus aufkamen. Ihre jüdische Herkunft und das exotische Aussehen verstärkten das Fremdheitsgefühl. Auch Halt und ausdauerndes Glück in Beziehungen hat sie nie gefunden.

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Zurück in Hamburg war sie durchaus bekannt, wurde Gründungsmitglied der Hamburger Sezession und der GEDOK und erhielt viele öffentliche Aufträge, wie etwa das Wandbild „Die klugen und die törichten Jungfrauen“ in einer Schule. Es folgten private Auftragsarbeiten und Porträts und Ausstellungsbeteiligungen bis nach Brüssel. Dennoch litt sie immer unter Geldmangel, um sich ein ordentliches Atelier leisten zu können. Ein Tryptichon als Altarbild in einer Hamburger Kirche wurde nie angebracht, weil man Rée inzwischen als Jüdin ausgrenzte. Als sie sich in Hamburg nicht mehr sicher fühlte, aufgrund äußerer aber auch persönlicher Geschehnisse, zog sie 1932 nach Sylt. Dort änderte sich Stil und auch Material. War vorher alles in Öl, beginnt sie hier mit der Aquarellmalerei. Weniger starker Farbausdruck, keine Porträts mehr, fast ausschließlich Landschaften. Die Bilder sind Ausdruck ihrer empfundenen Einsamkeit. 1933 nahm sich Anita Rée auf Sylt das Leben.

An ihre Schwester schrieb sie kurz vor ihrem Tod:

„Ich kann mich in so einer Welt nicht mehr zurechtfinden und habe keinen einzigen anderen Wunsch, als sie, auf die ich nicht mehr gehöre, zu verlassen. Welchen Sinn hat es – ohne Familie und ohne die einst geliebte Kunst und ohne irgendwelche Menschen – in so einer unbeschreiblichen, dem Wahnsinn verfallenen Welt weiter einsam zu vegetieren … „

Karin Grol bettet Anita Rées Leben in die jeweils aktuellen zeitgeschichtlichen Ereignisse. Zudem hat sie einen Blick für das Innenleben der immer am Rande des Existenzminimums lebenden Künstlerin. Sie greift dafür ausgewählte Begegnungen auf, die sie ausführlicher betrachtet, macht aber mitunter auch abrupte Übergänge zwischen den Ereignissen. Für mich ein ausgesprochen gelungenes Künstlerinnenporträt!

Die Bilder stammen aus dem Ausstellungskatalog „Anita Rée Retrospektive“ Prestel Verlag, 2017

Der Roman „Himmel auf Zeit“ erschien in der ebersbach & simon.

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