Maria Lazar: Leben verboten! Verlag Das vergessene Buch

„Ein Leben, das sich nicht verbieten läßt, weil es dafür, so wie für jedes Leben, denn doch noch einen anderen Wertmesser gibt als Geld, Valuta, Kaufpreis der Arbeitskraft und Brauchbarkeit im Produktionsprozeß.“

Bereits 1932 geschrieben ist der Roman „Leben verboten“ von Maria Lazar eine der schönen Wiederentdeckungen in der deutschsprachigen Literatur. Mich erinnerte das Buch sofort an „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz, an Mela Hartwigs „Inferno“ und sogar in der Art der Sprache an Irmgard Keun. Die österreichisch-jüdische Autorin Maria Lazar lebte, in Wien geboren, von 1895 bis 1948, wo sie in Schweden starb. „Leben verboten“ ist 1934 in einer englischen Ausgabe in ihrem Londoner Exil erschienen. Lazar war Dramaturgin und schrieb Stücke und Romane. Sie begegnete Literaten wie Canetti und Broch. Kokoschka hat sie porträtiert als „Dame mit Papagei“. Doch wie es so oft ist, wird sie als Frau so gut wie nie wahrgenommen oder erwähnt. Einfach vergessen.

Der Held in „Leben verboten“ ist ein Bankier, dessen Bankhaus jedoch in Konkurs zu gehen droht. Um das zu verhindern begibt sich einer der beiden Teilhaber, Ernst von Ufermann per Flugzeug von Berlin nach Frankfurt, um einen neuen Kredit zu erwirken. Kurz vor Abflug wird im die Brieftasche mit dem Flugschein gestohlen. Ufermann, der ohnehin ein wenig ängstlich wegen des schwierigen Treffens war, begibt sich erleichtert auf den Weg und lässt sich, was er sonst nie tut, durch die Stadt treiben. Nach Hause zu Frau und Villa mag er noch nicht und so geschieht es, dass er es zufällig aus der Zeitung erfährt: Er ist tot. Sein Flugzeug stürzte kurz nach dem Start ab, keine Überlebenden. Was nun? Ufermann ist klar, dass seiner Frau nun die riesige Lebensversicherung ausbezahlt wird und die Bank dadurch auch gerettet ist. Was tun? Ufermann, verwirrt und unentschieden wie er ist, taumelt durch die Stadt und gelangt schließlich in düstere Kreise: eine Prostituierte und ein Boxer schicken ihn, ausgestattet mit neuen Papieren und mit einem geheimnisvollen Päckchen, dass er ihm Zug über die Grenzen schmuggeln soll, auf die Reise nach Wien. Damit verdient er erstmal so viel Geld, dass er in dieser Stadt untertauchen kann.

Auf dieser Reise und dem anschließenden Aufenthalt tauchen wir Leser in Ufermanns reiche Gedankenwelt. So sehr er seinen künftigen Mitmenschen Rätsel bleibt, so viel erfahren wir über ihn und über die Zeit der Wirtschaftskrise, in der es massenweise Arbeitslose gibt, das Bürgertum teils verarmt und die Nationalsozialisten immer sichtbarer werden. Junge Menschen, die wenig Aussicht auf Arbeit haben oder als Studenten leben, werden geködert, sich für die große Sache einzusetzen. Ufermann gerät unwissentlich in diese Szene, weil er seinen Auftrag erfüllen und das Päckchen übergeben muss. Unterschlupf findet er dann im „Kabinett“ der Familie Rameseder durch einen der Burschenschafter, wo sich bald darauf die 15jährige Tochter in ihn verliebt. Ufermann spaziert fortan ziellos durch die Stadt und je mehr Zeit vergeht, desto weniger kann er sich ja seiner Frau und dem Teilhaber offenbaren. Dass es sich diese beiden nun öffentlich gemeinsam mit dem Geld aus der Versicherung gut gehen lassen, weiß unser Held nicht.

Er ist ja nun Versicherungsbetrüger, denkt er mehr als einmal. Es gibt ihn ja gar nicht mehr. Von Ufermann heißt er ja auch nicht mehr. Er ist überflüssig. Lazar drückt das im Text oft drastisch aus: Leben verboten!

„Wie sind sie in eine solche Zwangslage gekommen? Gestehen Sie! Mein ganzes Leben lang habe ich mich immer nur benützen lassen, von meiner Frau, der Firma, der Versicherungsgesellschaft, bis sie mir alle miteinander das Leben verboten haben. Verboten? Sie haben sich das Leben verbieten lassen? Wie hunderttausend, wie Millionen andere das Leben sich verbieten lassen? Mein Leben war verwirkt. Verwirkt? Es hatte keinen Wert mehr, nicht einmal einen Preis. Begreifen Sie doch, Herr Professor, mein Leben bedeutete ein Minus auf dem Konto der Existenz, eine ganz ungeheure Schuld in Dollar, in Valuta – „

Aber dieses Leben verboten gilt auch für die schuftenden Dienstboten, für die, die keine Arbeit finden, die nur noch vor sich hinvegetieren ohne Aussicht auf ein gutes Leben. Ufermann, der ja eigentlich aus der wohlhabenden Schicht kommt, lebt und fühlt nun immer mehr auch mit den Armen. Je mehr Verstrickungen sich dann ergeben, desto unwohler wird Ufermann. Seine jungen Helfershelfer beschuldigen ihn des Verrats und überwachen ihn, da er mehr als einmal mit dem jüdischen Philosophie-Professor Dr. Frey im intensiven Gespräch gesehen wird.  Auch die Polizei wirft ein Auge auf ihn. Deshalb beschließt er mithilfe eines arbeitslosen Handwerkers die Flucht zurück. Wie es ihm dann in Berlin ergeht, als er seine Identität offenbart und die Wahrheit erzählen will, ist nicht minder komisch und absurd, als die Zeit in Wien und das Ende eine gelungene Überraschung.

Maria Lazar verließ Wien rechtzeitig und ging zunächst nach Dänemark, (mit Brecht und Weigel), dann nach Schweden ins Exil. Dabei kam ihr ihre frühere Heirat mit  einem Sohn August Strindbergs, durch die sie die schwedische Staatsbürgerschaft erlangte, zugute. Dort arbeitete sie auch als Übersetzerin. Aufgrund einer schweren Krankheit nahm sie sich dort 1948 das Leben.

Ihre Bücher erscheinen nun im Verlag Das vergessene Buch, dessen Name für sich spricht. Ein aufschlussreiches Nachwort von Johann Sonnleitner folgt am Ende des Romans. Es ist gut, dass es solche Verlage und solche Entdecker gibt. Es ist gut, dass immer mehr der vergessenen Geschichten, gerade von Frauen wieder sichtbar gemacht werden.

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