Katja Kettu: Die Unbezwingbare Ecco Verlag

Katja Kettus Roman ist einer von mehreren Romanen, die ich in letzter Zeit las, die sich mit dem Thema der Ausgrenzung indigener Völker beschäftigen und sich speziell auch dem Missbrauch von und Gewalt gegen Mädchen und Frauen widmen. Da gab es im letzten Jahr zum Buchmesse Thema Kanada schon den Roman „Klee Wyck“ von Emily Carr, jetzt neu den Roman „Gestapelte Frauen“ von Patricia Melo, dessen Handlung im brasilianischen Amazonasgebiet spielt und Julia Phillips Roman „Das Verschwinden der Erde“, der auf der russischen Halbinsel Kamtschatka spielt.

„meine Mutter verwandelte sich in einen Wolf, und das ist die Wahrheit.“

Katja Kettus Roman führt in die USA und dort in das Reservat Font du Lac in Minnesota. Sie verbindet darin das Leben des indigenen Stammes der Ojibwe mit dem einer Gruppe ausgewanderter Finnen. Die 20 Kapitel, die jeweils mit indianischen Überschriften beginnen, spielen teils 1973 teils 2018. Sie sind jeweils Briefen nachempfunden, die direkt ein „Du“ ansprechen. Kattja Kettu hat im Vorfeld des Romans viel recherchiert und auch längere Zeit in finnisch/indianischen Gemeinschaften verbracht. Dabei wollte sie auch die Geschichte ihrer eigenen Vorfahren erforschen.

Es beginnt mit der Reise von Lempi, Tochter des Finnen Ettu und der Ochibwe Rose Feathers, in das Reservat, in dem sie ihre Kindheit verbrachte bis sie nach dem Verschwinden ihrer Mutter als 8-jährige ins Internat in die Stadt gebracht wurde. Mittlerweile sind 45 Jahre vergangen und man beschuldigt den kranken Ettu, ein Mädchen versteckt zu halten. Bei der Begegnung mit dem Vater, aber auch mit einem Mann, dem Indigenen Jim Graupelz, mit dem sie damals viel verband, kommen Erinnerungen hoch und Lempi erhält Briefe, die einst die Mutter vor ihrem Verschwinden an sie schrieb. Darin geht es immer wieder auch um die Suche der Mutter nach verschwundenen Mädchen und ihre Aktivität in der Indianerbewegung. Lempi begegnet ihrer stolzen indianischen Großmutter Patti, sie nimmt an einem Pow Wow teil, einem Fest mit rituellen Tänzen und sie trifft immer wieder auf den verheirateten Jim Graupelz, zu dem es sie sehr hinzieht. Ihm sind auch die Briefe gewidmet, aus denen wir die Geschichte erfahren.

Von Lempi selbst erfährt man immer nur Fragmente, die darauf hindeuten, dass sie als Kind im Internat durch Zwang und Gewalt dazu gebracht wurde ihre Sprache und Kultur aufzugeben. Und auch, dass sie sich in der Stadt und in der Welt der „Weißen“ immer unwohler fühlt. Sie entdeckt bei diesem Besuch ihre Wurzeln, Mutter und Großmutter waren Heilerinnen mit großer Naturverbundenheit, und dröselt nach und nach die Geheimnisse dieses seltsamen Ortes und ihrer eigenen Familie auf. Es geht um Gewalt und um Missbrauch. Am Ende beschließt Lempi alias Kleine Tatze wieder abzureisen; ob sie es dann wirklich tut oder ob sie es sich anders überlegt, bleibt unserer Phantasie überlassen, wie überhaupt sehr viel in diesem Roman zwischen den Zeilen zu finden ist.

„Es war Frühling, als in mir das Blut erblühte und Mutter mich zum Lauf des Baches führte, noch hinter die Stelle, wo der achtfüßige Wasserfall die Wasser der Widjiw-Berge auch bei der größten Hitze hinabstürzen lässt und wo die grünhaarigen alten Steine im Strom der Zeit meditieren. Ich weiß noch, dass es nach dem Spätwinter endlich warm geworden war, die Birken hatten grüne Mäuseöhrchen, aber aus den Schatten der Moosbülten starrten noch traurige Augen.“

Das ganz Besondere an diesem Roman ist die Atmosphäre, in dem er spielt und die durch die außergewöhnliche Sprache starke Bilder erzeugt. So verwendet Kettu Worte wie „baumnadelknisternder Zorn“, „die knotige Faust eines Gewitters“, „wurmige Welt“ oder „rundknollige Jahre“. Das funktioniert im Kontext der Geschichte ganz wunderbar. Der Roman lebt von mystischen Geschehnissen, von unausgesprochenen Wahrheiten und in aller Düsternis, die natürlich durch Lempis Nachforschungen zum Vorschein kommt, von einer unverstellten direkten Poesie, wie ich sie sonst oft nur aus Gedichten kenne. Ein Leuchten!

„Die Unbezwingbare“ erschien im neuen Ecco Verlag, der nur Bücher von Autorinnen verlegt. Die große Übersetzungsleistung kommt von Angela Plöger. Gewünscht hätte ich mir ein Glossar, dass die vielen indianischen Begriffe erklärt. Ein Vorwort und ein Interview mit der Autorin auf der Verlagsseite sind aufschlussreich.

Weitere begeisterte Besprechungen gibt es auf den Blogs Letteratura und BooksterHRO.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s