Michael Stavarič: zu brechen bleibt die See Czernin Verlag

„Poesie, ach Poesie“

Welch ein besonderer Lyrikband!
Er trägt mich seit er in meinem Besitz ist immer wieder durch die Tage, durch dunkle Momente und lässt mich die Welt da draußen zumindest für kurze Zeit vergessen. Es geht darum, was Poesie nicht kann oder eben vielleicht doch. Michael Stavarič hatte da eine grandiose Idee für ein Langgedicht, das sich litaneihaft über knapp 100 Seiten hinweg ausbreitet und dabei immer neue starke Bilder erzeugt. Lobenswert ist, dass er dazu auch noch 12 weitere Schriftsteller*innen eingeladen hat, seine Idee zu ergänzen. Mit dabei sind also Fortführungen von Isabella Feimer, Katharina J. Ferner, Andrea Grill, Helga Locher, Hanno Milesi, Petra Piuk, Helene Proißl, Tanja Raich, Barbara Rieger, Julia Willmann und von zwei von mir besonders geschätzten Dichterkolleg/inn/en Nancy Hünger und Martin Piekar (hinter beiden Namen finden sich die Besprechungen ihrer Lyrikbände).

Fast immer von scheinbar negativ klingenden Satzanfängen „Poesie kann nicht …“ ausgehend, zu ein oder zwei weiteren harmlos klingenden Sätzen, breitet sich dann ein Vers aus und weiter ein Gedicht, ein und mehrere Gedichtzyklen, die dann in ganzem Ausmaß zeigen, was so alles los ist, schief geht oder im Argen liegt auf unserem Planeten. Das zeigt sich mal im eigenen Inneren, mal in der Liebe, mal in der Arbeit bis hin zur Gesellschaft, zur Politik und weiter ins ganze Universum. Die Kehrseite zeigt sich dadurch aber auch. Alles was Poesie kann zeigt sich für mich in diesen eindringlichen, zauberischen, wundersamen, tiefen, bösen, frechen, zarten und zudem unterhaltsam zu lesenden Gedichten. Für mich ist dieser Band zum Handbuch dieser Tage geworden.

„die Existenz scheint einem
als unendlich lange Telefonnummer
in die Wiege gelegt worden zu sein
bei derer Anwahl man sich
unweigerlich vertippt und daran verzweifelt“

Der Band teilt sich in vier Zyklen ein. Eins bis drei sind von Stavarič. Der letzte Zyklus wurde von zwölf Autor/inn/en (siehe Foto oben) gestaltet. Er hebt sich auch farblich ab, darf meerblau sein. Welche/r der 12 Dichter/innen welches Gedicht geschrieben hat, wird dabei nicht verraten. (Ich rätsle natürlich, zumindest bei denen, deren Schreiben ich kenne.) Die ersten beiden Kapitel sind an alle gerichtet, während sich im dritten die Stimme sehr oft an ein Du wendet. Mir scheint an ein geliebtes Du.

Immer geht es um Alltagssituationen, die sich schlecht poetisieren lassen, mit Jugenderinnerungen ist das schon einfacher und mit der Liebe sowieso. Sowohl der Schritt auf die Waage wird (nicht) poetisiert, wie auch die Finanz- und Arbeitswelt, die Natur, wie auch das Brotbacken, das Reinigen der Zahnzwischenräume oder ein Schweigen. Das Dunkle des Lyrischen Ichs – „du sagtest mir ich hätte es bald geschafft das Dunkle“ – bleibt in allem enthalten und trägt die Atmosphäre des Bandes, lässt aber immer auch andere Seiten (wilde, surreale, sprachspielerische) durchblitzen.

So steht etwa Gesellschaftskritik

„mit Poesie erlangt man keinerlei Kontrolle
über die kapitalistische Welt
das Dröhnen der Serverfarmen das Surren der Aufzüge
das milliardenfache Klappern
von gebürsteten Schuhabsätzen
die einen ständig und überall begleiten
in den Einkaufsmeilen
gelegentliche und beiläufig notierte Verse werden
von stoischen Kehrmaschinen hinausbefördert“

neben Erinnerungsschwangerem (aus Kindheit und Jugend, jedenfalls bei mir)

„die Kirschkernentkernmaschine
die in Anbetracht der vielen Kirsch- und Weichselbäume
ungehinderten Auslauf genoss und die sich im Sommer
so vortrefflich darauf verstand etwas Naturgegebenes
aus weichem Fleisch zu fetzen
ich denke vor ihr fürchteten wir uns 
insgeheim am allermeisten“

neben Leidensgeschichten

„und sich umbringen lässt sich mit Poesie auch nicht
ich hab`s ja versucht
sich totschreiben bis nichts mehr da ist 
im Dunkel der Bedeutung zwischen den Hirnwänden“

neben Liebesgeschichten

„du hast mir versprochen wir würden einander
nie aus den Augen verlieren
hast deine Koffer gepackt und bist in den Bus gestiegen“

neben Ameisen

„wo ich die Sprache der Ameisen hatte lernen müssen
die eine vollkommen andere Art der Poesie betrieben“

Bitte lest alle dieses Buch, auch die, die keine Poesie mögen, denn ihnen wird es eine schöne Bestätigung sein, weshalb sie damit ganz richtig liegen und die, die Poesie mögen, werden sie endlich im richtigen Licht stehen sehen – und sie noch viel mehr lieben. Große Empfehlung! Was Poesie kann: endlos Leuchten!

„zu brechen bleibt die See“ erschien im Czernin Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Der in Wien lebende Autor Michael Stavarič schreibt auch Romane, z. B. „Fremdes Licht“, das meine Bloggerkollegin Constanze Matthes auf „Zeichen & Zeiten“ bereits besprochen hat.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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