Linda Vilhjálmsdóttir: das kleingedruckte Elif Verlag

selten
so abseits im eigenen leben

als wenn ich in frauenzeitschriften blätterte
im friseursalon und beim zahnarzt im wartezimmer

Ein neuer Band der Isländerin Linda Vilhjálmsdóttir ist im Elif Verlag erschienen. „das kleingedruckte“ schließt in seinem Inhalt fast direkt an den vorherigen Band „Freiheit“ an und ist zweisprachig. Die 1958 geborenen Lyrikerin, die auch Krankenpflegerin ist, ist in ihrer Heimat bestens bekannt und wurde mit verschiedenen Preisen für ihre Werke ausgezeichnet. Ihre Themen sind Gesellschaftskritik, Frauenrechte und der Blick auf die Veränderungen diesbezüglich im eigenen Land. Der Band ist schön gestaltet, mit durchbrochenem Schutzumschlag, der das kleingedruckte durch zwei Lupen deutlich erkennen lässt. Tatsächlich sind auch alle Gedichte in Kleinbuchstaben gedruckt. 

So startet der neue Band mit einem Zyklus, der den „Bergfrauen“ gewidmet ist. Es ist Tradition am isländischen Nationalfeiertag, dass eine Frau im Bergfrauenkleid ein Gedicht vorliest. (Es gibt also nicht nur Amanda Gormans „The hill we climb). 2018 wurde Vilhjálmsdóttirs Gedichtzyklus gelesen, in dem sie alle Frauen, nicht auf einen Sockel, sondern gleich stellt.

nach
einem halben jahrhundert
blutigen kampfs
das zerbrechliche selbstbildnis
innerhalb einer akzeptablen fehlerspanne aufrecht zu erhalten

kann ich behaupten
dass frauen wie ich
immer noch unbekannte größen sind

Es kommt dann ein Zyklus, der sich sowohl übergeordnet mit der Rolle der Frau beschäftigt, aber eben auch direkt die eigenen persönlichen Erlebnisse dazu mit einbezieht: der ewige Kampf um Gleichstellung, die Reduzierung auf Äußerlichkeiten, die Entscheidung für oder gegen die Mutterschaft.

und als das herz
vor scham derart zerschlagen war

dass ich nicht ohne zu weinen
von zimmer zu zimmer kam

da habe ich endlich begriffen
dass es mit der scham eine ende haben musste

ich sollte mich nicht weiter vor mir hertreiben lassen
von der scham

und durfte mich nicht länger
für mich selbst
schämen

Im Zyklus „Manchmal fühle ich mich wie …“ versetzt sich die Dichterin in die Lage, derer, die es schwer haben und leiden müssen. Sei es der alte Mensch, den keiner mehr wahrnimmt, das Pelztier im Versuchslabor, die Frau im Pflegeberuf.

Im dritten Zyklus geht es um die Herrschenden, um (korrupte?)Politiker und es geht um Macht(missbrauch) und Männlichkeit. Hier wird Vilhjálmsdóttir sehr direkt in ihrer Wortwahl zu konkreten Ereignissen.

Zu guter Letzt zeigt uns die Autorin Bilder aus der eigenen Familiengeschichte; es geht um die Frauengenerationen. 

bevor aber das jahrhundert zur hälfte vorbei ist
werden die finger und die vorgereckten kinnspitzen
unserer vorfahrinnen

wie
wegweiser oder steinwarten
aus den schmelzenden Gletschern ragen

Die Großmutter aus armen Verhältnissen, die 10 Kinder gebar, von denen nicht alle überlebten, die Wolle spinnt für die Enkel, den getrockneten Fisch zubereitet und im Nylonkittel zur Putzstelle geht. Die Mutter, die mit 15 Jahren von der Schule abgehen musste und „im Fisch“ arbeitet. Und dann Linda selbst …

Linda Vilhjálmsdóttirs Gedichte sind alle sehr bodenständig, direkt und kraftvoll. Es sind keine Gedichte, die man nur mit bestimmtem Vorwissen versteht. Sie sind auch für Kaum-Lyrikleser bestens geeignet. Mir fehlte bisweilen das Geheimnis, das Zwischen den Zeilen, das für mich unbedingt zu einem Gedicht dazugehört. Das fand ich dann aber in der ergänzenden Lektüre, die ich sehr empfehlen kann: Die Literaturzeitschrift „Die Horen“ hat in der Ausgabe 280 ein längeres Kapitel der isländischen Lyrik/Kurzprosa gewidmet und einige der Gedichte haben mich eingefangen:

Hier finden sich etwa auch Gedichte von Fríða Ísberg, die demnächst ebenfalls im Elif Verlag erscheinen werden. Schon der Titel lockt: Lederjackenwetter (siehe Gedicht Foto oben). Ebenso Foto oben: Gedichte von Dagur Hjartarson und Steinunn Sigurðardóttir. Auch von Ragnar Helgi Ólafsson finden sich Texte (Besprechung seines Lyrikbandes „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden“ hier). Diese vielen wunderbaren Veröffentlichungen verdanken wir vor allem auch dem Übersetzerteam Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gislason, das auch bereits den Band „Freiheit“ und diverse andere Bände übersetzte. Wolfgang Schiffer bringt auf seinem Blog Wortspiele auch immer wieder die isländische Literatur in den Fokus. Es lohnt sich ein Blick auf diese Seite.

Alle Bände isländischer Autoren, die im Elif Verlag erschienen finden sich hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

4 Gedanken zu “Linda Vilhjálmsdóttir: das kleingedruckte Elif Verlag

  1. Das ist einfach nur toll.

    „bevor aber das jahrhundert zur hälfte vorbei ist
    werden die finger und die vorgereckten kinnspitzen
    unserer vorfahrinnen

    wie
    wegweiser oder steinwarten
    aus den schmelzenden Gletschern ragen“

    Sehr schön ausgesucht. Ich mag das Tempo und die Materialität der Wortwahl. Danke für die Rezension.

    Gefällt 1 Person

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