Leider ohne Leuchtkraft: Christoph Hein: Guldenberg Suhrkamp Verlag / Hildegard E. Keller: Was wir scheinen Eichborn Verlag

Schade, schade. Auf beide Romane hatte ich mich gefreut. Beide haben mich enttäuscht.

Gleich vorneweg: Ich tue Christoph Hein mit dieser Kurzbesprechung vielleicht unrecht, denn er ist ja ein großer Geschichtenerzähler. Im Gespräch mit Carsten Otte bei „Leipzig liest extra“ war das auch wieder deutlich zu erkennen, vor allem auch welch ein kluger und sympathischer Mensch er ist, der ja auch schon auf eine riesiges Lebenswerk zurückblicken kann. Dennoch bleibt es für mich bei „Guldenberg“ bei diesen Eindrücken:

Von vielen der vorherigen Romane Christoph Heins war ich begeistert (z. B. Verwirrnis und Glückskind mit Vater). Immer sind es gute, oft historische Geschichten, sprachlich zwar ohne Experimente, aber unterhaltsam und gut konstruiert. Diesmal ist es langweilig. Die Geschichte, wie sie im Klappentext angekündigt wird, bleibt ein Nebenstrang. Hauptsächlich erzählt Hein von den Intrigen und Machenschaften in einer typischen (ost?)deutschen Kleinstadt namens Bad Guldenberg, vom Pfarrer bis zum Bürgermeister, vom Großunternehmer bis zum HartzIV-Empfänger. Vom Klatsch und Tratsch in kleinen Orten. Vom Neid, vom Hass.

„Er heiratet, wenn sie schwanger ist, vorher nicht, sagte er mir. Er braucht zwei, drei Söhne, denen er seine Firmen übergeben kann, und da will er schon sicher sein, dass das mit seiner Anne klappt.“

Dass in der kleinen Stadt auch seit einiger Zeit 12 minderjährige unbegleitete, zum Teil bald erwachsene Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan untergebracht sind, in einem Gebäude, dass eigentlich für ein Pflegeheim vorgesehen war, vereint die Bewohner schnell, spätestens als die Gerüchteküche von einer Vergewaltigung geschürt wird. Da dieses Thema als Hauptthema des Romans beworben wird, es aber im Prinzip nur relativ oberflächlich und als Randgeschehen erzählt wird, fürchte ich es sollte als Schlagzeile die Leser locken.

„Ja, ich las in der Zeitung, dass sehr viele muslimische Flüchtlinge Antisemiten sind.“ „Ich versuche immer wieder mit ihnen darüber zu sprechen, aber so schnell kriegt man das natürlich nicht aus den Köpfen raus. Das Schlimmste ist, dass die Jugendlichen sich von einer Frau nichts sagen lassen. Eine Frau, meinen sie, hat einem Mann nichts zu sagen, auch wenn dieser Mann noch grün hinter den Ohren ist.“

Dass Hein aber dann Wirtshausgespräche, Beichtstuhlgeheimnisse, seltsame Gespräche zwischen einer Angestellten des Flüchtlingsheims und ihrer Urgroßmutter und kommunalpolitische Narreteien in den Vordergrund rückt, die für mich keine überzeugende, eher eine zusammenhanglose Geschichte ergeben, ist traurig. Vor allem auch, weil Heins neuer Roman wirklich altbacken wirkt und für mich schrecklich langweilige Dialoge enthält. Hein geht eine brisante und wichtige Thematik meiner Meinung nach viel zu vorsichtig an (man könnte es wohlwollend natürlich auch „unaufgeregt“ nennen) und so fehlt dann auch jegliche Spannung, auch sprachlich. Immerhin habe ich durchgehalten bis zum ebenfalls unspektakulären Schluss. Möge der nächste Roman wieder an Spannkraft gewinnen.

„Guldenberg“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Hildegard E. Keller ist mir als ehemalige Bachmannpreis-Jurorin wohlbekannt. Ihre Buchvorstellung von „Was wir scheinen“ über Zoom durch den Eichborn Verlag hat mir sehr gefallen. Sie berichtete erfrischend und begeistert von ihrer Arbeit am Roman über Hannah Arendt. Zweifel, dass es schwierig bis unmöglich sei einen Roman über die berühmte politische Theoretikerin zu schreiben, waren weggeblasen. Doch das Lesen war dann anders. Ich dachte gleich anfangs: Das geht so nicht. Keller lässt Hannah Arendt, neben den wirklich großen interessanten Geschehnissen, aus dem Nähkästchen plaudern und damit hatte ich Schwierigkeiten.

„Sie öffnete die Augen. Die kleine Pause hatte sie erfrischt. Wie die Entenhintern über das Eis wackeln! Jede folgt ihrem Schnabel, hierhin und dorthin. Den Menschen, den sie für die vermeintliche Nahrungsquelle gehalten hatten, ließen sie hinter sich.“

Dennoch habe ich mich weiter darauf eingelassen, wollte dem Buch eine Chance geben, wollte es mögen, weil die Autorin so sympathisch und Hannah Arendt so wichtig ist. Nach der Hälfte habe ich dann aufgegeben. Für mich hat es nicht funktioniert. Durch den Film und das biographische Material, das ich kenne hat sich vor mir ein ganz andere Bild von Arendt aufgetan. Viele Szenen oder Dialoge im Buch sind mir arg unglaubwürdig, wirken banal, sehr erfunden und sind schlichtweg oft so weit ausgedehnt, bis sie einfach langweilig werden.

„An der Steinbank raschelte es vor ihren Füßen. Sie sah ein grünliches Köpfchen hinter der Turmwand hervorgucken. „Was bist du denn für ein Akrobat“, sagte sie zur Eidechse, die vertikal am Stein hing und sie anschaute. Die könnte glatt im Zirkus auftreten.“

In manchen Rezensionen ist zu lesen, dass gerade diese fiktionalen biographischen Beschreibungen ein sehr menschliches Bild von Arendt zeichnen würden. Das kann man natürlich so sehen; mir gelingt es nicht. Ich würde dann doch jedem eher eine sachliche Biographie empfehlen. Und last but not least habe ich auch sprachlich mehr erwartet von einer, die auch selbst Kritikerin und Dozentin ist.

Der Roman „Was wir scheinen“ erschien im Eichborn Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ein Gedanke zu “Leider ohne Leuchtkraft: Christoph Hein: Guldenberg Suhrkamp Verlag / Hildegard E. Keller: Was wir scheinen Eichborn Verlag

  1. Mir hat tatsächlich der sehr eigentümliche Rhythmus von Christoph Hein gefehlt, den ich aus seinem Frühwerk so mag. Dieser karge interessante Betonbautenblues, von dem sich dann die ProtagonistInnen nicht ins Bockshorn jagen lassen. Danke für die Rezension!

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