Nadine Schneider: Wohin ich immer gehe Jung und Jung Verlag

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Auf Nadine Schneiders zweiten Roman war ich sehr gespannt. Im Jahr 2019 erhielt sie den Bloggerpreis von Das Debüt, bei dem ich auch in der Jury war. Die Besprechung zu ihrem ersten Roman „Drei Kilometer“ gibt es hier auf dem Blog. Auch beim Bachmannpreis-Wettbewerb las Nadine Schneider dieses Jahr. Leider erreichte ihr wunderbarer Text „Quarz“ offenbar nicht alle in der Klagenfurter Jury. „Wohin ich immer gehe“ schließt irgendwie indirekt an ihr Debüt an und ist auch wieder im gleichen ruhigen aber einprägsamen Ton geschrieben. Es ist für mich ein sehr melancholisches, atmosphärisch dichtes Buch, dass mich zeitweise traurig machte, auch weil es mich an ähnliche Erlebnisse erinnerte und starke Bilder erzeugte. Qualitativ ist so eine Art zu schreiben für mich immer wertvoll. Andere, die mehr Wert auf Action und Plot legen, werden sicher damit weniger anfangen können, denn vieles steht hier zwischen den Zeilen.

Die Geschichte erzählt von Johannes, der nach seiner Flucht aus Rumänien in Deutschland ein Auskommen gefunden hat. Deutschland war naheliegend, da er aus einer deutschsprachigen Enklave in Rumänien stammt. Er scheint nicht so richtig angekommen zu sein in seinem neuen Leben, obwohl er bald einen guten Job als Hörgeräteakustiker hat, eine eigene Wohnung und eine nette Kollegin, die eigentlich schon Freundin ist.

„Nur wenn er die Langeweile zu genau ansah, sie von einem Moment ablöste und sie in Gedanken auf die nächsten zwei, drei oder fünf Jahre legte, spürte er ein Unbehagen, das er schon kannte.“

Etwas scheint zu fehlen und womöglich hat es mit seinem Freund David zu tun, der in Rumänien zurück geblieben ist, obwohl die Idee abzuhauen eigentlich von ihm stammte. Durch den Fluss auf die andere Seite der Grenze schwimmen, war der Plan. Deswegen übten sie im See gemeinsam schwimmen und aus ihrer Freundschaft wurde mehr. Ein Mehr, das sie aber im Dorf und den traditionell ausgerichteten Familien nicht leben konnten, sich vielleicht auch nicht sicher waren, ob es richtig war. Als einziges vertraut sich Johannes der einen Großmutter an, die in der nächsten Stadt lebt.

„Sie schüttelten Johannes die Hand, leierten ihr Beileid herunter, so als hätte sie jemand im Jahr 1987 hier abgestellt und sie sehr lange an einem Rädchen in ihrem Rücken aufgezogen, sodass der Mechanismus genau jetzt, sechs Jahre später, ansprang.“

In Deutschland denkt Johannes immer wieder an David. Dass der ungeliebte Vater gestorben ist, teilt die Mutter in einem knappen Brief mit. Johannes reist zur Beerdigung „nach Hause“, wo er seit seiner Flucht niemals war, hält Ausschau nach David. Wir Leser*innen werden Zeuge aus Szenen der Kindheit, die Johannes im Elternhaus sofort wieder einholen. Wie ihm der Vater, ein liebloser Trinker, das Schwimmen „beibrachte“, wie die Großmutter den Bruder erschossen durch eigene Hand im Garten findet, wie bereits der Großvater den Freitod wählte. Johannes erlebt sich wie schon damals oft, erneut als Fremder bei Familienfesten, so auch bei dieser Trauerfeier, die mit dem üblichen Klatsch beginnt und dem üblichen Besäufnis endet.

„Dass sich das über die Jahre gehalten hatte, dass Johannes jetzt als Erwachsener hier schlief und die Ängste wie Ungeziefer wieder aus den Ecken kamen, hätte er nicht erwartet. Wozu verging die Zeit, wenn nicht dazu, eine alte Angst oder einen Schmerz verschwinden zu lassen.“

In Zeitsprüngen lesen wir uns durch prägende Situationen im Leben von Johannes. Manchmal ist Johannes noch Kind, manchmal Jugendlicher, manchmal lebt er bereits in Nürnberg. Als zentralen Punkt platziert Schneider das Hören. Das Zuhörenkönnen, das Lauschen aber eben auch das Schlechthörenkönnen bis zum Hörverlust, vor dem sich Johannes bald selbst fürchtet. Hier besonders wichtig, die Stadt-Großmutter, die nicht mehr hören kann (will?). Sie war die Einzige, die von David wusste, der dann plötzlich aus dem Ort verschwand und womöglich Opfer der Securitate wurde …

Dass was sich Johannes vielleicht von der Reise erhofft hat, bleibt ihm verwehrt; den Lesern allerdings auch. Es gibt keine Aufklärung, aber Verdachtsmomente, die der Erinnerung auf die Sprünge helfen. Und eben auch ganz anderes, neues Leben, ein Leben unter Freunden, unter Menschen, die Wahlfamilie sind.

Mit großer Sprachgewandtheit und Sinn für das feine Dazwischen hat Nadine Schneider auch ihren zweiten Roman geschrieben, der wieder im Jung und Jung Verlag erschien. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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