Shumona Sinha: Das russische Testament Edition Nautilus

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Ich bin Fan von Shumona Sinhas Romanen. Einmal habe ich sie beim Internationalen Literaturfestival Berlin bei einer Buchvorstellung erlebt und finde sie und ihr Schreiben sehr authentisch. Nun ist der neue Roman „Das russische Testament“ erschienen und auch hier bleibt die in Paris lebende, französische, indisch-stämmige Autorin ihren Themen treu. Sie teilt ihren Roman in zwei Stränge, zum einen geht es um Tania aus Indien und zum anderen um Adel, die Tochter eines unkonventionellen russischen Verlegers in Leningrad/St. Petersburg, deren Wege sich schließlich kreuzen.

Tania (den russischen Namen hat ihr der Vater gegeben), die in Kalkutta aufwächst und schon früh viel Zeit bei ihrem Vater, einem Buchantiquar, am Verkaufsstand verbringt, hat auch ein Talent fürs Geschichtenerzählen, wie sich im Schulunterricht zeigt. Der Vater verkauft unter anderem kommunistische Literatur und Tania verliebt sich erst in die russischen Kinderbücher, dann in die Klassiker, liest Tschechow, wie Anne Frank. Ihre Mutter hingegen ist enttäuscht von der Tochter und hegt fortwährend Hass gegen sie, wird dabei auch gewalttätig. Für Tania ist es immer eine Flucht aus dem Elternhaus, wenn sie in Bücher eintaucht oder ins Schreiben. Als ihr Tagebuch von den Eltern vernichtet wird, beginnt sie Briefe an eine ältere, bewunderte Freundin zu scheiben. Sie bewegt sich bereits als Teenager in Richtung der kommunistischen Bewegung, die in Bengalen in dieser Zeit viel Zulauf erhält. Als sie jedoch einem Verehrer gegenüber nicht zurückhaltend genug agiert, so wie es die Gesellschaft verlangt, und einer Freundin angeblich zu nahe kommt, fällt sie unter den kommunistischen Kommilitonen in Ungnade. Man schließt sie aus.

„Sie wusste nicht, in welche geheime Hautfalte ihres Körpers der Zauberspruch tätowiert war, der diese Mädchen so schön, so lebenskräftig machte, während sie selbst leicht wie Blütenstaub blieb und über die Tage wirbelte, ohne Spuren zu hinterlassen. Ihr Körper war unbedeutend, ihre Bewegungen ungeschickt und in ihrem Kopf war sie schon anderswo …“

Tania jedoch hat ein Ziel. Sie lernt länger schon Russisch und möchte dem Verleger ihres Lieblingsverlags Raduga schreiben. Raduga verlegte unter anderem Schriftsteller wie Majakowski, wurde aber immer mehr der Zensur unter Stalin ausgesetzt, wegen der angeblich nicht konformen Literatur. Um einen Kontakt zu knüpfen recherchiert sie unnachgiebig und entdeckt schließlich, dass die Tochter Lew Kljatschkos noch lebt.  Doch das Schreiben erweist sich als schwierig und das Absenden des Briefs wird verschoben. Währenddessen lernt sie einen russischen Diplomaten kennen, mit dem sie eine Art Beziehung/Affäre hat, für ihn ist sie allerdings nicht die einzige. Und als die Eltern es herausfinden – sie wohnt noch zu Hause – wird sie bestraft: verprügelt und in ihr Zimmer eingesperrt. Für Tania ist nun klar, sie muss einen Plan entwickeln, das Elternhaus, ja womöglich das Land zu verlassen; sie muss unabhängig werden. Als gebildete unabhängige Frau hat sie anderswo bessere Möglichkeiten.

Adel, die Tochter Kljatschkos lebt als betagte Frau in einem Seniorenheim in St. Petersburg. Als sie eines Tages Tanias Brief erhält, ist sie erstaunt über das Interesse der jungen Frau aus Indien, da es den Verlag ihres Vater ja längst nicht mehr gibt. Der Brief regt sie aber auch an, nachzudenken über ihr Leben und so erfahren wir Leser, was Tania erst einmal nicht erfahren wird, denn ihr Brief wird nicht sofort, vielleicht nie beantwortet … Adel erzählt von ihrer Zeit mit dem Verlegervater, ihren Ehen, von der Flucht und der Zeit in Sibirien, weil die Deutschen Leningrad angriffen, von ihren zwei Kindern, die in den USA leben, wohin sie auch selbst bald umsiedeln wird. Das Tagebuch ihres Mannes bewahrt sie in einem alten Koffer auf. Ob Tania, die daran brennend interessiert ist, vielleicht darüber schreiben will, es jemals sehen wird, lässt der Roman offen. 

„Nichts passierte aus Zufall. Die Menschheit war aus Sternenstaub gemacht, beim Tod eines Mannes in Russland hatten sich seine Elementarteilchen verstreut, waren vom Raum aufgenommen worden und durch den Filter der Zeit gewandert, um sich neu zusammenzusetzen und bei ihr eine winzige Spur dieses Vorhabens zu hinterlassen.“

Sinha schreibt erneut sehr poetisch über durchaus relevante zeitgeschichtliche Themen. Ihr gelingt jedes Mal diese besondere Verbindung. Noch mehr erfahre ich über die kommunistischen Bewegungen in Westbengalen. Immer wieder bin ich schockiert, wie wenig Mädchen und Frauen in Indien wert sind, wie stark man sie beherrschen will und über sie bestimmt, wie wenig sicher sie in der eigenen Familie sind. Anhand der Heldin Tania zeigt die Autorin, wie eine Befreiung aus diesem Korsett aussehen könnte. Gerade deshalb sind Sinhas Romane auch so wichtig und aktuell. Und obwohl ich diesen Roman von der Geschichte her nicht ganz so stringent wie die bisherigen fand, bleibt er eine empfehlenswerte Lektüre.

Der Roman erschien im Verlag Edition Nautilus. Aus dem Französischen übersetzt hat es wie immer Lena Müller. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. 

Weitere Besprechungen von Romanen der Autorin hier auf dem Blog:

Shumona Sinha: Staatenlos Edition Nautilus

Shumona Sinha: Kalkutta Edition Nautilus

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