Gine Cornelia Pedersen: Null Luftschacht Verlag

20211029_1810515287985662158771363.jpgIch bin literarisch wieder mal im Norden unterwegs. Welch ein Glück, dass ich dieses Buch erhalten habe; ich hätte es selbst wohl übersehen. So aber verbrachte ich einen faszinierenden Nachmittag lang mit dem Debütroman der Norwegerin Gine Cornelia Pedersen. Das Buch erschien in Norwegen bereits 2013 und erhielt den „Tarjei Vesaas Debutantpris“. Auch äußerlich ist es bemerkenswert. Passend zum Inhalt herrscht die Farbe schwarz vor. Der Textblock, auf feinem Papier gedruckt, wird eingerahmt von einem schwarz/grauen scheinbar undurchdringlichen Dschungel. Und dieser hat, wie man später beim Lesen merkt eine wichtige Rolle in der Geschichte.

„Ich bin zehn Jahre alt
Ich absorbiere alles
Ich habe keinen Filter
Ich glaube Gott hört es, wenn ich bete
Ich habe drei Menschen tot gesehen, zwei alte und einen jungen
Ich weine nachts und fühle, dass ich ganz allein bin und mich niemand retten kann
Ich habe Mitleid mit Mama und Papa
Ich begreife, dass das Konzept Zuhause niemals existiert hat
Ich denke, wenn ich groß bin und selbst bestimmen kann, wird das Glück perfekt sein
Ich glaube, ich werde ewig leben, und denke gleichzeitig fast jeden Tag an den Tod
Ich halte in allen Disney-Filmen zu den Bösen, sage es aber niemandem“

So beginnt der Roman. Im Grunde stellt dieser Beginn schon die Weichen; die Weichen der Geschichte, die Weichen dieses Lebens. Es ist eine extrem temporeiche Geschichte, eine dunkle Geschichte, die wirklich einschlägt wie eine schwere Faust. Und trotz der großen Verlorenheit schenkt die Autorin ihrer Hauptfigur einen schrägen Humor, mitunter Galgenhumor, aber eben einen der taugt zum Überleben. Es ist womöglich die beste Weise, diese beeindruckende Geschichte zu erzählen.

Schon als Kind hat die Heldin dieser Geschichte den Wunsch berühmt zu werden, vielleicht als Star oder als Schauspielerin. Dahinter steckt der Wunsch gesehen zu werden. Denn die Eltern scheinen das nicht zu können. Sie trennen sich, der Vater lebt bald in Oslo und in der Heranwachsenden gedeiht der Wunsch auch in die große Stadt zu kommen. Während der Pubertät macht das Mädchen die vielen Phasen durch, die wir alle meist kennen: es geht um Widerstand, Abgrenzung. In der Schule bleibt sie Außenseiterin, bis sie sich in Jorg verliebt. Die beiden kommen zusammen und zum ersten Mal wohl wird sie gesehen. Doch das Schöne, die Nähe ist auf Dauer nicht auszuhalten. Es geht ihr psychisch immer schlechter.

Nach der Schulzeit zieht sie nach Oslo und denkt, jetzt beginnt das Leben. Sie nimmt verschiedene Jobs an, doch in keinem hält sie es lange aus. Ein Arzt verschreibt Tabletten, die nicht helfen. Sie bekommt Wahnvorstellungen, rastet total aus und landet zum ersten Mal in der Psychiatrie. Sehr lange wird sie dort bleiben. Man schätzt sie als chronisch krank ein.

„Ich befinde mich seit bald einem halben Jahr in zwangsweiser psychiatrischer Unterbringung
Ich möchte wissen, ob es nicht langsam Zeit für mich wäre. freiwillig hier zu sein
Sie sagen, von diesem Ziel sind wir leider noch weit entfernt
Sie teilen mir mit, dass ich verlegt werden soll“

Nach weiteren drei Monaten, die alles andere als ruhig und stabil laufen, wird die Protagonistin entlassen und bezieht eine kleine Wohnung in Oslo. Zunächst scheint es aufwärts zu gehen. Sie lernt einen Mann kennen, aus Verrücktheit heiraten die beiden, sie hat sogar einen Termin zur Vorstellung in einer Schauspielschule, den sie mit Witz und Verve meistert, später aber doch eine Absage erhält. Auch diese Beziehung wird von ihrer Borderline-Thematik überschattet. Nach schlimmen Vorfällen kommt es erneut zu einer Einweisung in die Klinik.

„Die Ärzte sagen, ich kann von Glück reden, am Leben zu sein
Die haben sie doch nicht alle
Sie begreifen nicht, dass es für mich ein Unglück ist, am Leben zu sein“

Die Protagonistin geht durch die Hölle. Doch auch diesmal übersteht sie es und wird erneut entlassen. Ein Buch und ein Traum führt sie schließlich zu einer unkonventionellen Therapeutin, die ihr in besonderer Weise hilft und als sie Jorg wieder trifft, scheint es aufwärts zu gehen. Jorg erzählt ihr von seiner eigenen Entwicklung, von seinen Erfahrungen mit einer Droge die er in Peru kennengelernt hat und die ihm sehr geholfen hat seinen Weg zu finden. Unsere Heldin macht sich schließlich wagemutig allein auf den Weg nach Peru, um zu sich selbst zu finden. Doch bereits im Flugzeug stehen die Zeichen schlecht und ab der Ankunft erleben wir eine rasante extreme wilde unglaubliche Reise durch das Bewusstsein der Heldin, die alles andere als heilsam zu sein scheint, die sie in unfassbare Gefahr bringt und nah am Tod endet. Aber eben nur nah. Wer das überlebt, denkt man als Leser, der kann eigentlich nur noch gewinnen im Leben …

Gerade diese letzte Episode, die sich über das ganze letzte Kapitel des Romans zieht, zeigt das unglaubliche Talent der Autorin. In rasender Geschwindigkeit überschlagen sich hier die Ereignisse, dass man als Leserin manches nur noch erahnen kann, was hier geschieht. Und das macht gerade die Faszination aus. Dazu kommt die Erzählweise, atemlos, die Form passt sich ja im gesamten Text der Geschichte an (siehe Foto Textauszug) und endet in einem wahrhaftig wahnhaften (?) Showdown. Stakkatohaft fliegen einem die Sätze fast gänzlich ohne Interpunktion um die Ohren. Die Leserin selbst wird am Ende vom Dschungel Perus umschlungen und erst mit dem letzten Satz wieder ins Licht entlassen. Ein irre gutes Buch! Ein Leuchten!

Das Buch erschien im Luftschacht Verlag und wurde von Andreas Donat trefflich übersetzt. Das Coverbild und die Illustration stammt von Carlos Enfedaque. Zur Leseprobe geht es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

3 Gedanken zu “Gine Cornelia Pedersen: Null Luftschacht Verlag

  1. Wow … wenn ich eine Rezension wie diese hier lese, gibt es nur eine Wahl. Das Buch lesen und diese Rasanz selbst erfahren. „Stakkatohaft fliegen einem die Sätze fast gänzlich ohne Interpunktion um die Ohren. Die Leserin selbst wird am Ende vom Dschungel Perus umschlungen und erst mit dem letzten Satz wieder ins Licht entlassen.“ Toll. Vielen Dank für die Inspiration und für die immer gute Auswahl auf dem Blog!

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