Kunst im Buch: Romane über Kunst und Künstler Teil 2

Als selbst Malende (siehe oben, Arbeitsplatz ) und Kunstbegeisterte freue ich mich immer wieder auf Romane über Kunst und Künstler. Eine Auswahl meiner bisherigen Highlights gab es bereits in Teil 1: hier. Nun erweitere ich den Beitrag, da ich wieder einige neue Bücher zum Thema gelesen und besprochen habe. Zur jeweiligen ausführlichen Besprechung auf meinem Blog gehts direkt über den link.

Einzelne Künstler*innen/Roman:

Karin Grol: Himmel auf Zeit – Anita Ree 

Karen Grol ist mit „Himmel auf Zeit“ ein schönes Romanporträt der Malerin Anita Rée (1885-1933) gelungen, das mich auch sprachlich überzeugt hat. Karin Grol bettet Anita Rées Leben in die jeweils aktuellen zeitgeschichtlichen Ereignisse. Zudem hat sie einen Blick für das Innenleben der immer am Rande des Existenzminimums lebenden Künstlerin. Sie greift dafür ausgewählte Begegnungen auf, die sie ausführlicher betrachtet. Den Roman habe ich zusammen mit einem Ausstellungskatalog vorgestellt. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2020/11/30/karen-grol-himmel-auf-zeit-ebersbach-simon-anita-ree-retrospektive-prestel-verlag/

Christina Hesselholdt: Vivian -Vivian Meyer

Das Leben der 1926 geborenen und 2009 gestorbenen Fotographin Vivian Maier war nicht einfach, sehr unruhig, oft prekär und womöglich gab ihr die Photographie einen Grund da zu sein. Dass der größte Teil ihrer Fotos erst nach ihrem Tod entdeckt, ja entwickelt wurden, ist das Schicksal, das viele Künstler teilen. Die 1962 geborene dänische Autorin Christine Hesselholdt hat ein ungewöhnliches Lebensporträt geschrieben, das weder Roman noch Biographie ist. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2020/08/02/christina-hesselholdt-vivian-hanser-berlin/

Ulrike Draesner: Schwitters – Kurt Schwitters

Die 1962 geborene Schriftstellerin Ulrike Draesner ist sehr vielseitig in ihrem Tun. Mit ihrem neuesten Roman „Schwitters“ über das Leben, des vor allem für sein Gedicht „Anna Blume“ bekannten Merz-Künstlers (1887 – 1948) bringt sie das Thema Sprache und das Schreiben in einer fremden Sprache auf den Tisch. Den Roman darf man sich nicht als Künstlerbiographie vorstellen. Es geht eher um den Mensch Kurt, seine Beziehungen und um die Flucht vor den Nazis ins Exil. In Hannover konnte er nicht bleiben. Seine Kunst wurde in den Ausstellungen „Entartete Kunst“ gezeigt. Seinen Merzbau zurückzulassen war für ihn das schwerste und so begann er im Exil immer wieder mit kleineren Varianten davon. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/02/24/ulrike-draesner-schwitters-penguin-verlag/

Anne Stern: Meine Freundin Lotte – Lotte Laserstein

Anna Stern erzählt aus dem Leben der Malerin Lotte Laserstein (1898-1993). Sie war eine der ersten Frauen, die in den Zwanziger Jahren an der Kunstakademie in Berlin ihren Abschluss machte. Sie hatte mit ihren Bildern Erfolg und hatte sogar eine Einzelausstellung. Anna Stern erzählt vorrangig von der engen Freundschaft Lasersteins mit Traute Rose, die auch zum Lieblingsmodel wurde und viele Bilder prägte. Die Malerin erhielt 1933 Arbeitsverbot; da sie Jüdin war, floh sie 1937 nach Schweden ins Exil, wo sie Landschafts- und Porträtbilder malte. Erst nach dem Krieg sahen sich die Freundinnen wieder, hatten sich aber aufgrund der unterschiedlichen Lebensumstände entfremdet. Wo Traute versucht sie nach Deutschland zurück zu locken, hat Lotte nichts mehr für ihr Heimatland übrig: Die Mutter starb im Konzentrationslager, die Schwester wurde schwer traumatisiert. Traute lebte als Fotografin und war verheiratet. Laserstein starb 1993 allein in Schweden. Die Autorin schreibt in wechselnden Erzählsträngen jeweils vor und nach dem Krieg und mischt Fiktion mit biographischem Material. Von mir gibt es dazu bisher noch keine Besprechung. Mehr über das Buch beim Kindler/Rowohlt Verlag

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Kristine Reffstrupp: Ich, Unica – Unica Zürn

Kristine Reffstrups Roman über die in Berlin geborene Unica Zürn (1916-1970) ist ein ungewöhnliches Werk. Sie schreibt über Unica, die zusammen mit dem Künstler Hans Bellmer 1957 in einem Haus in Frankreich lebt. Die Geschichte umfasst etwa einen Sommer, in dem die beiden zusammen künstlerisch arbeiten, ist aber durchdrungen von Rückblicken. Wir erfahren Episoden aus Unicas und Hans` Leben und die Zeit ab dem Kennenlernen in Berlin. Hans Bellmer zählt zu den Surrealisten, ist bekannt durch seine Puppen-Arbeiten. Unica schreibt und zeichnet vor allem, bedient sich auch des Automatischen Schreibens und des Anagramm-Dichtens. Ihr Werk ist wesentlich weniger bekannt, als das von Hans. Wie es in dieser Zeit häufig war, verschwand sie  „als Frau von …“ hinter dem Künstler, obwohl sie ihn in seiner Arbeit sehr unterstützte. Das Besondere an diesem Buch ist, dass die Autorin mit Sprache experimentiert und es mit surrealen Traumsequenzen bereichert, die auch auf Zürns psychische Konstitution hinweisen, so dass Unica als Persönlichkeit und Fühlende im Mittelpunkt steht. Zu diesem Buch gibt es noch keine ausführliche Besprechung auf dem Blog. Mehr dazu auf der Seite des Aufbau Verlag. Das Buch wurde übersetzt von Elke Ranzinger und erschien zuerst im Nord Verlag.

Emily Carr: Klee Wyck – Die, die lacht

Emily Carr (1871-1945), eigentlich Malerin, hat das Buch erst spät in ihren 70ern geschrieben, als sie aus gesundheitlichen Gründen mit dem Malen aufhören musste. Sie nahm dazu ihre Notizbücher, die sie seit jeher führte und formte daraus und aus ihren Erinnerungen autobiografische Erzählungen, so wie wir sie nun im Band Klee Wyck lesen können. Die erste Ausgabe erschien 1940. In der ersten Geschichte erfahren wir, dass die 15jährige Emily zeitweise bei christlichen Missionarinnen in einem Indianerdorf lebt, um sich mit der Lebensart der Indigenen, der First Nations auseinanderzusetzen. Bereits hier hat sie den Zeichenblock dabei und einen genauen Blick. Ihren indianischen Namen Klee Wyk erhält sie gleich eingangs vom Stammeshäuptling. Sie ist Die, die lacht. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/10/23/emily-carr-klee-wyck-die-die-lacht-verlag-das-kulturelle-gedaechtnis/

Michel Layaz: Louis Soutter, sehr wahrscheinlich

Louis Soutter, (1871-1942) war ein Musiker und Maler, den man zu den Art Brut Künstlern zählt, obgleich er Kunst studiert hatte. Der Schweizer Autor Michel Layaz erzählt mit fiktiven Anteilen aus dem Leben dieses vermutlich hochsensiblen, wie nicht für die Welt gemachten Künstlers. Er haucht Soutter wirklich Leben ein, macht ihn (be)greifbar und zeichnet ihn zutiefst menschlich mit einem reichen Innenleben. Durch seine mitunter poetische Sprache zeigen sich mir sofort Bilder, kann ich mir Soutters Lebenswege bildhaft vorstellen. Ihm gelingt damit ein fesselndes Porträt eines Ausnahmekünstlers, dem man sich genau so hingeben muss, wie man das mit Soutters Bilderwelt tun sollte. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2020/08/23/michel-layaz-louis-soutter-sehr-wahrscheinlich-verlag-die-brotsuppe/

Lukas Hartmann: Schattentanz – Louis Soutter

Auch Lukas Hartmann schrieb ein Porträt des Künstlers Louis Soutter. Er macht das allerdings auf ganz andere Weise, indem er mehrere Personen aus dem Umkreis Soutters abwechselnd zu Wort kommen lässt, darunter seine Schwester, seine Mutter, seine geschiedene Ehefrau und seinen berühmten Cousin, den Architekt Le Corbusier. Ich selbst habe noch keine Besprechung dazu geschrieben, aber eine Bloggerkollegin auf Zeichen & Zeiten.

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Kunst allgemein:

Jon Fosse: Der andere Name

Jon Fosses „Der andere Name“ auf einen bestimmten Inhalt festzulegen, ist schwierig. Es gibt sicher wenige Autoren, bei denen das Werk so wenig plotorientiert ist. Die Geschichte lebt von der einfachen Sprache mit einer einzigartigen Rhythmik mit vielen refrainartigen Wiederholungen, die das Geschriebene trägt. Fosse selbst nennt es „Langsame Prosa“, was es ziemlich gut trifft. Es geht um einen Maler, der seit seine geliebte Frau gestorben ist, allein in seinem alten Bauernhaus lebt, recht erfolgreich ist mit seinen Bildern, die ein Galerist in Bergen für ihn verkauft. Der Maler hat schon als Junge so gut gezeichnet, dass er seine Bilder an Nachbarn verkaufen konnte. Am schönsten sind die Szenen, in denen der Held von seiner Herangehensweise an das Malen seiner Bilder, ausschließlich Öl auf Leinwand, erzählt: Dazu gehört meditatives Sitzen und Eintauchen in das Bild, oft im Dunkeln, weil er im Dunkeln das Leuchten, das Licht in den Bildern erkennt. Dann sind seine Bilder gelungen, wenn sie, zumindest für ihn dieses Licht im Dunklen haben. Und das bringt er durch den Verkauf der Bilder hinaus in die Welt … 
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/11/03/jon-fosse-der-andere-name-rowohlt-verlag/

Johan Harstad: Max, Mischa & die Tet-Offensive

Ein beglückendes Leseabenteuer, wie es selten zu finden ist, durfte ich hier erleben. Johan Harstad hat einen nahezu perfekten Roman konstruiert, dessen Sprache und Erzählweise mit dem Inhalt, den verhandelten Themen, um die Wette glänzen. Allem liegt eine tiefe Melancholie zugrunde, eine Dringlichkeit und Intensität, wie ich sie mag. Es geht um Max und seinen Freund Mordecai, die beide der Schaupielerei verfallen. Einer wird Theaterregisseur, einer Schauspieler. Und es geht um die Malerin Mischa, lange Zeit Max` Freundin und um seinen Onkel Owen, der die Musik liebt, Klavier spielt und gerne Pianist geworden wäre. Also beinahe das gesamte künstlerische Repertoire. Wir erleben die Entwicklung der Hauptfiguren, das Auf und Ab, die Schicksalsschläge, die Liebe und den Tod und das Künstlermilieu von New York auf über 1000 Seiten. 
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/07/21/johan-harstad-max-mischa-die-tet-offensive-rowohlt-verlag/

Kristof Magnusson: Ein Mann der Kunst

Kristof Magnussons neuer Roman „Ein Mann der Kunst“ ist das, was man einen Pageturner nennen könnte. Kurzweilig und mit viel Sprachwitz ganz auf der Höhe der Zeit, kreiert er eine wunderbare Persiflage auf die heutige Kunstwelt und das Bildungsbürgertum. KD Pratz, ein typischer exaltierter Künstler ist alles andere als ein einfacher Mensch. Er hat sich seit Jahren auf eine Burg im Rheingau zurückgezogen und lebt und malt von der Außenwelt abgeschottet. Es gibt keinen Handyempfang, kein Internet, kein Social Media. Das Geheimnisvolle also, was den Künstler noch besonderer macht und seine Bilder noch teurer. Seit Jahren hat er kein Interview gegeben, ist nicht mehr in der Öffentlichkeit erschienen. Köstlich, wie es Magnusson gelingt gängige Klischees und unausgesprochene Wahrheiten in dieser Geschichte zu einer explosiven Mischung zusammenzubringen. Er schreibt rasante Dialoge und schafft deutliche Charaktere, die ich genau vor Augen habe. Die Masken werden von den Gesichtern gezogen, sowohl auf Künstler- als auch auf Kunstliebhaberseite. Meine Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2020/09/20/kristof-magnusson-ein-mann-der-kunst-kunstmann-verlag/

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Viel Vergnügen beim Kunst Erlesen!

2 Gedanken zu “Kunst im Buch: Romane über Kunst und Künstler Teil 2

  1. Liebe Marina Buettner,

    sehr herzlichen Dank fuer Ihre inspirierende und anregende Beitraege. Ich lese sie sehr gern. Zu diesem haette noch die am Wochenende verstorbene Etel Adnan gehoert. Fuer mich persoenlich auf Platz 1.

    Herzlichst

    Marina

    Gefällt 1 Person

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