2 x Lyrik: Lutz Seiler: schrift für blinde riesen / Ulrich Koch: Dies ist nur der Auszug aus einem viel kürzeren Text

Zwei neue Gedichtbände von zwei Autoren, deren Schreiben und Dichten unterschiedlicher nicht sein könnte, zwar in etwa gleichaltrig, männlich, doch jeder auf einer anderen Seite des ehemals geteilten Landes aufgewachsen:
Lutz Seilers „schrift für blinde riesen“ und Ulrich Kochs „Dies ist nur der Auszug aus einem viel kürzeren Text“

„für alle & jeden

letzte nacht der traum vom abgeschraubten mond.
wie er bronze-glühend beiseite zog
und plötzlich der rost, das öl
die bolzen & die bohrungen
& dann
die ganze alte halterung
für alle & jeden sichtbar war“



Nach dem Roman „Stern 111“ gibt es nun einen neuen Lyrikband von Lutz Seiler. In schrift für blinde riesen versammeln sich die unterschiedlichsten Gedichte. Ich kann kaum ein zusammenführendes Thema erkennen. Wir lesen von Seilers Kindheit und Jugend, insbesondere auch von der Schulzeit erzählen die Gedichte: da wird der alte Lehrer mit seinen Eigenheiten erinnert oder an die Schulfüllermarke. Wir lesen von Fussballspielen, von Wegen in Wäldern, vom Gehen in der Stadt. Wir tauchen ein Stück weit in die klassische Mythologie ein, wo auch der blinde Riese auftaucht. Wir bewegen uns von thüringischen Dörfern bis nach Irland. Wir laufen durch die Zeit, die Seiler für uns vorbereitet hat, auf seine Weise. Vorwärts, rückwärts, seitwärts, ran. Die Gedichte legen auch Zeugnis ab, von den Wohnorten des Dichters: die Kindheit in der thüringischen Stadt, die Kiefern rund um Wilhelmshorst, auch Berlin-Prenzlauer Berg ist dabei und die Straßen von Stockholm.

Seilers Gedichte in diesem Band variieren sehr, wie ich finde. Die Gedichte schienen mir zunächst leichter zugänglich als früher. Manche sind tief und eindrücklich, manche eigensinnig witzig, manche bleiben aber für mich, was mich bei Seiler erstaunt, ein wenig an der Oberfläche, manche erscheinen mir beim Lautlesen unrhythmisch. Wie hier in „ich hab dem vogel stimmen nachgesagt„:

„ich war ein maurer, nicht zum spaß
(„ein guter estrich sandet nicht“) & so
misslang mir auch das.“

Und dann gibt es eben doch auch die, die ich sehr gut finde in ihrer einfachen Komplexität.

morgenrot & knochenaufgänge

stunde null im habitat. der sogenannte affenmensch
sitzt in der savanne & kann
nichts sehen – das gras

ist zu hoch. dann das knacken, hörbar
in den kapseln, ein druck, ein griff
nach der geschichte: daumen & zeigefinger

kommen zusammen, die
schreibhand entsteht, zehntausend jahre
vor dem aufrechten gang“

Lutz Seilers Buch erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

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„Von den Gegenständen sind mir
Schwäne am liebsten,
verschneite Grammophone mit dem Auftrag,
uns aufrecht
ans Ufer zu begleiten

An zweiter Stelle jenes Gewitter, das die ganze Nacht über
an unseren Schultern hing
und sich am Morgen entlud
und gegen unsere Brüste schlug,
und die Haare
rannen uns nur so übers Gesicht.“

Ulrich Koch ist für mich ein Solitär unter den zeitgenössischen Lyrikern. Seine Lyrik ist nah am Puls der Zeit, dabei aber von einer höchst lebendigen Phantasie geprägt. Seinen vorigen Lyrikband „Selbst in hoher Auflösung“ habe ich hier schon ausführlich besprochen. Im neuen Band ändert sich am Ton kaum etwas und doch scheint jedes Gedicht neu und anders. Formal sind sie mal in freien Versen, mal im Blocksatz geschrieben.

„Die Sonne hatte eine schwere Kindheit.
Daher kommen Amseln
als Scherenschnitt zur Welt.

Alltägliche Dinge kollidieren mit inneren Befindlichkeiten, Tiere verkörpern Gedanken, die Natur begegnet Liebenden. Alles ist möglich. Alles wird gleichzeitig hinterfragt. Nichts verhält sich so, wie es sollte, manches bewegt die ganze Welt und schiebt sich direkt ins Gesichtsfeld. Kühe auf der Weide, Müllcontainer, Wäscheleinen, Liebende, Rehe am Waldrand. Alles wächst aus allem und wird in unwirklichen Metaphern erklärt. Was vermeintlich nichts miteinander zu tun hat, kann im Gedicht verschmelzen und eine Wiedergeburt erleben.

„Auf den Schulhöfen,
in den Vorgärten
stehen Birken mit leichtem Überbiss
und sprechen mit sich selbst
oder dem Licht.“

Alle Texte sind durchdrungen von einer flirrenden Melancholie. Trotz Einsamkeit, Zweifel und aussichtsloser Suche herrscht eine Gewissheit, eine Zuversicht, dass im Laufe der Wörter, der Verse alles gut werden könnte.

Ulrich Kochs Buch erschien im Jung und Jung Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

Ich danke den Verlagen für die Rezensionsexemplare.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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