Adelheid Duvanel: Fern von hier Limmat Verlag

Adelheid Duvanels „Fern von hier“ kann man eigentlich nur auf dem Silbertablett servieren. Die gesammelten Erzählungen der Schweizerin sind Literatur vom Feinsten. Dieses Buch begleitet mich seit Sommertagen und wird jedenfalls in die Sammlung meiner besten 10 in diesem Jahr aufgenommen. Aufmerksam geworden durch die tolle Besprechung von Michael Krüger in der ZEIT, las ich die Leseprobe und wusste sofort: Das passt zu mir. Das trifft mich. Das trägt mich. Das ist wie für mich geschrieben. Ein Leuchten!

Duvanel stellt die Verlorenen, die Verlierer, die Verschrobenen, die Schrulligen, die Skurrilen, die Verwahrlosten, die Verdrehten und Verlassenen in den Mittelpunkt ihrer Erzählungen. Ich weiß, Erzählungen sind bei vielen Lesern ja nicht so beliebt, aber hier ist es exakt DIE Form, die zum Inhalt passt. Ich konnte das Buch nicht auf einmal durchlesen, das lag zum einen daran, das die Protagonisten in den Geschichten mir so viel zu denken (und zu fühlen) gegeben haben, zum anderen mag man das Buch einfach nicht so schnell beenden, denn man weiß, das ist alles was Duvanel je geschrieben hat.

Gleich in der ersten Geschichte, die „Der Dichter“ heißt, bin ich für diese Schriftstellerin eingenommen:

„Ich versuchte als Kind, mit Hilfe von kleinen Gesten, von andeutenden Worten mit Menschen in Kontakt zu treten, doch sie liebten das Laute, das Deutliche, das ich verabscheute. Sie konnten mich nicht verstehen.“ […] Seit jenem Augenblick frage ich mich, ob nicht Worte über der großen Leere, über den Abgrund, in den mein Leben gefallen ist, eine neue Welt schaffen können.“

Die Helden, ja, es sind alles Helden des (Über-)Lebens, in den Erzählungen fallen aus dem Rahmen. Sie sind ja so unspektakulär, aber faszinierend, sie sind so alltäglich und glitzern schillernd. Adelheid Duvanel muss mit wachem Blick und steter Aufmerksamkeit durch die Welt gegangen sein, dass ihr diese Menschen auffielen. Eigentlich sind sie überall, doch gesehen werden sie kaum. Es sind nicht die Macher, die Lauten, die überall vorne dabei sind. Es sind die Stillen, nach innen Gekehrten. Oft sind es Kinder, die sich ihre eigene Welt erschaffen, weil die reale so unerträglich ist. Es sind Menschen, die nicht immer sympathisch oder schön sind und doch kann man sich mit ihnen identifizieren, denn sie tragen etwas in sich, was manch einer auch kennt: Traurigkeit, Melancholie, Unzufriedenheit, Dunkelheit und das Festhalten am Leben, sei es auch noch so schwer oder prekär.

Es sind oft einzelne Sätze in den nur 1-2, höchstens 3 Seiten langen Geschichten, die so stark sind, dass man sie notieren möchte. Diese einzelnen Sätze tragen oft die Essenz der ganzen Erzählung in sich:

„Hinter der baufälligen Kirche, in der Annas matte Kindersonntage gefangen gehalten wurden, …“

Es ist, als gingen wir durch die Straßen und schauten in die Fenster und sähen eine Momentaufnahme fremden Lebens. Mir kommen sehr viele Bilder daraus entgegen, meist sind es schwarz/weiß-Bilder. Bunt ist es meistens nicht in der Handlung, aber die Erzählerin versteckt einen schönen feinen Humor zwischen den Dunkelheiten.

„Er springt aus dem Bett, wo er ein Nachmittagsschläfchen gehalten hat, und bemüht sich, in Gedanken seine Füße zu begleiten, die auf eine ungewöhnliche Weise vielleicht schwebend in den Korridor gelangen.“

Aus unerfindlichen Gründen erinnert mich der Schreibstil an Texte von Christine Lavant. Vielleicht weil sie manchmal an Gebete erinnern, an Übersinnliches, an Naturereignisse. Teilweise klingen sie wie Märchen, im Stil mitunter altmodisch, immer geheimnisvoll. Jede Geschichte könnte mit „Es war einmal … “ beginnen. Auch Träume spielen häufig eine Rolle und der Versuch sie zu deuten.

Duvanel gelingt jede Erzählperspektive. Sie schafft es sich in jede ihrer Figuren sensibel und feinfühlig hineinzuversetzen. Kinder als Protagonisten wirken aufgrund ihrer Erlebnisse oft schon wie Erwachsene. Ihre skurrilen Held*innen durchwandern eine oft surreale Szenerie. Menschen haben „haferfarbene Augen“, Häuser haben Gesichter, ein Mann hat „ein Faultiergesicht“, eine Frau hat „gasflammenblaue Augen“:

„Er wartet im Schneidersitz auf dem Boden und lässt den Blick seiner schönen, sozusagen in Leid eingelegten Augen über die farbigen Zeichnungen an den Wänden schweifen.“

Nach jeder Geschichte denke ich, viel schräger kann es gar nicht kommen; kommt es aber doch. Noch über Wochen hinweg tauchen Bilder oder Gestalten aus den Geschichten auf. Kaum eine, die mir nicht gefallen oder mich getroffen hat.

„Ein heftiger Wind stieß Sabel vorwärts; anscheinend lag ihm daran, sie zur Schule zu führen, doch plötzlich erlahmte er und fuhr wie ein alter Herr leise und vornehm im Rollstuhl davon.“

Das Buch ist in acht Kapitel mit Erzählungen eingeteilt, die chronologisch angeordnet sind. Der Bogen spannt sich über den Zeitraum von 1980 bis 1997. Dabei sind auch Erzählungen, die bisher nur in Zeitungen veröffentlicht wurden in der Zeit von 1960 bis 1979. Adelheid Duvanel wurde 1936 in der Schweiz geboren. Bereits als Kind schrieb und malte sie. Nach einem Umzug der Familie musste sie 1953 eine zeit lang in einer psychiatrischen Klinik verbringen. Gleichzeitig beginnt aber auch ihre künstlerischen Tätigkeit. Sie veröffentlichte regelmäßig in Zeitungen. In der Ehe mit einem Maler gab sie das eigene Malen auf. Eine Tochter kommt zur Welt. 1980 erscheint ihr erster Erzählband im Luchterhand Verlag. 1981 liest sie in Klagenfurt beim Bachmann-Preis und es folgt die Scheidung. Sie erlangt einige Preise. Es gibt wiederholte Aufenthalte in der Psychiatrie. 1996 stirbt sie in Bern.

„Fern von hier“ ist der treffliche Titel dieses faszinierenden, über 700 Seiten zählenden Buchs, das außerdem auch noch schön gestaltet ist, leinengebunden, gedruckt auf feinem Papier mit Lesebändchen. Es errang den 2. Platz auf der diesjährigen Hotlist der unabhängigen Verlage. Erschienen ist es im Schweizer Limmat Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

4 Gedanken zu “Adelheid Duvanel: Fern von hier Limmat Verlag

  1. Schön, dass man von dir immer auf solche Perlen geführt wird. Wunderbar geschrieben – ein Rezensionsleuchten am Morgen! Ich werde mir das Buch mal auf die Liste packen, während ich noch ergriffen von „Die Aufdrängung“ von Ariane Koch bin.

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    • Danke, das freut mich sehr. Gerade dieses Buch liegt mir sehr am Herzen. „Die Aufdrängung“ hatte ich jetzt schon oft im Blick. Da es ein Taschenbuch ist, werde ich es mir als Weihnachtsbuch selbst schenken. Liebe Grüße!

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  2. Das Buch verdient wirkich viel mehr Aufmerksamkeit. Ich habe den Stil mit Robert Walser verglichen oder auch mit der ebenfalls unterbeachteten Prosa Lasker Schülers. Doch Duvanel hat mehr Bewusstsein für Komposition, für den narrativen Aufbau ihrer Miniaturen und Erzählungen als beide:
    https://soerenheim.wordpress.com/2021/06/12/wie-robert-walser-oder-lasker-schuler-aber-mit-mehr-formbewusstsein-fern-von-hier-von-adelheid-duvanel/

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