Dobrot/Knausenberger, Chaumeny/Ehninger: Wenn ich Flügel hätte Kunstanstifter Verlag

20210930_1435327649635139788335772.jpgIm Kunstanstifter Verlag habe ich schon einige Buchschönheiten entdeckt. Dieser Band hat mich als Lyrikerin und Malerin besonders angesprochen, da er Lyrik und Kurzprosa in Verbindung mit Collagen enthält. Eine unglaublich vielseitige Technik, mit der ich auch länger gearbeitet habe. Im Band „Wenn ich Flügel hätte“ geht es um Freiheit im Allgemeinen und im Besonderen. Über dieses Thema verständigen sich im künstlerischen Dialog Nina Dobrot und Sarah Knausenberger mit Texten und Corinna Chaumeny und Elke Ehninger mit Collagen. Daraus entstanden ist eine reiche Sammlung von Gedanken und Eindrücken, die sich durch den gegenseitigen Austausch vervielfältigen. Die 4 Künstlerinnen haben ein Jahr lang im Austausch von Text und Collage hin und her assoziiert und fanden das enorm bereichernd. Wer es gerne ordentlich und übersichtlich hat, ist hier vermutlich leicht überfordert, denn die Bilder und Texte verschlingen einander und sogar das Inhaltsverzeichnis und das Impressum sind durch unterschiedliche Handschriften abwechselnd mit Schreibmaschinenzeilen höchst kreativ verzahnt.

Für mich ist das genau das Richtige, denn ich lasse mich gerne einfach hineinfallen ins kreative Chaos und mich einfach inspirieren wohin mein Blick gerade fällt. Da ich meine ganz eigene Vorstellung von Freiheit habe, war es auch ein abgleichen. Und natürlich ein Erkenntnisgewinn. Und in der Tat scheint das Ergebnis bei mir ganz ähnlich auszufallen: Freiheit findet sich vielleicht genau da: im künstlerischen Ausdruck und im eigenen Tun, in der Entfaltung des ganzen Potenzials. Und das alles mit Freude, in tiefer Versunkenheit, in Verbindung mit dem großen Ganzen.

„Der Morgen fühlt sich schal an,
hinter den Augen laufen Tränen ins Herz
und die Farben schmecken bis zum Mittag anders.“

Das Buch gliedert sich in vier Kapitel, die vielleicht einem Lebenslauf entsprechen: Nest, Abflug, Turbulenzen und Landung. Alle vier Begriffe können für jeden einzelnen die verschiedensten Bedeutungen haben und so ist es auch bei den Künstlerinnen. Ich fühle mich darin sehr verstanden.

Im ersten Kapitel finden wir Texte und Bilder von den Startbedingungen; dazu gehören natürlich Familie und das Nest, in dem man flügge werden kann. Je nach Startbedingungen (hier kommen sehr kreativ Biographiearbeit und die Probleme der Kriegskinder/Enkel-Generation zum Tragen) gelingt der erste Flug …

„Der Preis für die Freiheit und das Fliegen:
Sehnsucht.
Sie kommt ihm Schlaf und an Weihnachten,
wenn alle zu ihren Familien fahren“

Das Kapitel Turbulenzen steht mir am nächsten. Hier liegen jede Menge Steine im Weg der Startbahn. Hier verhindern so manche Menschen den pünktlichen Abflug. Sogar Abstürze sind nicht die Ausnahme. Entscheidungen stehen an. Erinnerungen brechen in die Gegenwart ein. Mal dunkel, mal heller.  Bei der Landung gibt es dann aber auch Helfershelfer. Werkzeuge, die man nutzt, weil man sich deren Wirkung jahrelang antrainiert hat und Menschen, die Flugobjekte mögen und auch unkonventionelle Flugbahnen unterstützen. Und natürlich das kreative Tun, das Schreiben, Zeichnen, Malen und Kleben. Das Aufgehen im Werk, gesehen oder ungesehen.

„Eine Bekannte meinte kürzlich neidisch zu mir, nachdem sie sich darüber beklagt hatte, keine wirkliche Leidenschaft im Leben zu haben: „Na ja, du hast ja das Schreiben!“
Wenn die wüsste. Das Schreiben hat man nicht, nie, es muss immer geholt werden, und zwar aus dem Nichts.“

Ich erhalte aus diesem Band auch schöne Anregungen für die eigene künstlerische Arbeit. Er enthält sehr starke mutige Gedanken, aufrichtige Bekenntnisse, Verse aus Licht, verrücktes Geklebtes, zartes Gezeichnetes und Ansporn fürs So-Sein. In meinen Augen ist es ein Buch von Frauen für Frauen. Ein Trostbuch und ein Buch, das sagt: Du bist nicht allein.
Ich empfehle dieses feine Werk nachhaltig und denke, es ist auch perfekt geeignet als Weihnachts- oder Neujahrs- oder Geburtstagsgeschenk.

Der Band ist beinahe DIN A4 groß, gedruckt auf feinstem Papier, fadengeheftet mit Lesebändchen und der Buchrücken ist Leinengebunden. Er erschien im Kunstanstifter Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

2 Gedanken zu “Dobrot/Knausenberger, Chaumeny/Ehninger: Wenn ich Flügel hätte Kunstanstifter Verlag

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