Kunst im Buch 4: Graphic Novels

Ich habe ein Faible für gut gemachte Graphic Novels. Vermutlich weil ich selbst male, mitunter auch zu eigenen Gedichten und weil ich die vielfältigen Möglichkeiten der Umsetzung von Literatur ins Bild faszinierend finde. Auf dem Blog habe ich bisher 11 Graphic Novels vorgestellt. Hier kommt ein Überblick:

Elisa Macellari: Kusama
Eingangs finden sich einige Seiten Text zur Einführung in die Lebens- und Künstlerinnenwelt von Kusama. Interessant scheint mir hierbei die Prägung durch östliche und westliche kulturelle Traditionen. Dann tauchen wir in die Bilder ein. Dass die rote Farbe am dominantesten ist, ergibt sich aus den künstlerischen Arbeiten. Am bekanntesten sind wohl die Polka-Dots. Eine Art Türkis, ein beinahe fliederfarbenes Violett und Schwarz ergänzen das Rot. Die Aufteilung der Bilder und Textanteile scheint mir gelungen über Kusamas Lebenszeit verteilt und ein stimmiges biographisches Abbild zu zeichnen. 
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/06/29/elisa-macellari-kusama-graphic-novel-laurence-king-verlag/

Oxana Matiychuk: Rose Ausländers Leben im Wort
Die beiden Illustratoren Olena Staranchuk und Oleg Gryshchenko haben die Lebensgeschichte von Rose Ausländer ins Bild gesetzt. Die einzelnen Episoden werden dicht an dicht in Szene gesetzt. Das Farbspektrum bewegt sich angeführt von kräftigem Rot in Grün/Schwarz/Hellblau/Weiß. Einzelne Titel der jeweils zu dieser Zeit erschienenen Lyrikbände tauchen auf, ebenso wie kurze Zitate aus Gedichten. Die Texte zu Roses Leben sind anfangs sehr einfach gehalten und wachsen mit der Zeit. Die Frage nach den Beweggründen und den Motiven von Rose Ausländers Schreiben wird gestellt. Auch ihre Heimatstadt und die Bukowina sind immer wieder Themen in Gedichten. Rose Ausländers Werk umfasst die beeindruckende Zahl von 2500 Gedichten. Sowohl Werk als auch diese kunstvoll gelungene Graphic Novel empfehle ich sehr.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/06/15/oksana-matiychuk-rose-auslanders-leben-im-wort-graphic-novel-danubebooks/

Ambra Durante: Black Box Blues
„Black Box Blues“ von Ambra Durante ist eine Art Graphic Novel. Die Zeichnungen sind comicartig, durchgehend in schwarz/weiß gehalten und oft sehr ausdrucksstark. Schon aus dem Titel heraus kann man ahnen, dass es hier um Depressionen geht. Doch nicht nur das. Der 19-jährigen jungen Frau, die ihre jugendliche Heldin sich selbst und ihr Leben zeichnen lässt, die diversen Abstürze und Dunkelheiten, aber auch das Licht zeigt, das ab und an durchscheint, geht es auch darum, wie schwierig es heute ist erwachsen zu werden. Licht bringt da das Zeichnen. So kann der schwarze Block, der scheinbar immer da ist, zumindest ab und an verkleinert werden.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2020/10/06/ambra-durante-black-box-blues-wallstein-verlag/

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Thomas Bernhard/Lukas Kummer: Der Keller
Als ich kürzlich entdeckte, dass es die Autobiographischen Schriften von Thomas Bernhard auch als Graphic Novel gibt, war ich sehr gespannt. Nun habe ich „Der Keller“ in der Hand und freue mich über die gelungenen Zeichnungen von Lukas Kummer. In aller Deutlichkeit und im typischen Bernhard-Stil mit seinen langen Satzschlangen und Wiederholungen gelingt es ihm die Atmosphäre dieser Lokalität, der Ausbildungsstelle Bernhards, darzustellen. Auch die Bilder von Lukas Kummer greifen die vielen Bernhard`schen Wiederholungen auf. Mitunter gibt es auf einer Seite vielfach das gleiche Motiv oder es taucht Seiten später wieder auf. Alles ist sehr einfach dargestellt, schwarz-weiß ohne Schnörkel und das passt schon gut zum Bernhard`schen Sprachkosmos.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/11/26/thomas-bernhard-lukas-kummer-der-keller-graphic-novel-residenz-verlag/

Hans Fallada/Jakob Hinrichs: Der Trinker
Hinrichs hat Roman und Autobiografisches vermischt, vermutlich lässt sich dies auch kaum trennen. Der Text ist überwiegend wörtlich aus dem Roman übernommen, die Textauswahl geschickt zu den Bildern kombiniert. Auch hat Hinrichs das Buch so gestaltet, dass Inhalt und Illustrationen einen deutlich erkennbaren Bezug zur heutigen Zeit haben. Seine Bilder erinnern an Holzschnitte des Expressionismus. Die Farben sind kraftvoll und auf einige wenige reduziert. Mich fasziniert die immense Wirkkraft der Bilder, die eindrücklich den Text verstärken und die Essenz aus dem Roman gekonnt herausfiltern. Ein Kunstwerk, das anregt, sich mehr mit Falladas Werken auseinanderzusetzen.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2015/11/05/hans-fallada-der-trinker-graphic-novel-von-jakob-hinrichs-metrolit-verlag-2/
(Die Ausgabe ist nach der Schließung des Metrolit Verlags nun beim Aufbau Verlag lieferbar)

Knut Hamsun/Martin Ernstsen: Hunger
Knut Hamsuns „Hunger“ ist ein Klassiker, eines der bekanntesten Romane Norwegens. Der norwegische Illustrator Martin Ernstsen hat aus dem Roman eine ausdrucksstarke Graphic Novel gemacht, die ich, ebenso wie den Roman selbst, sehr empfehle. Als Grundfarbe hat Ernstsen schwarz gewählt, was auch sehr stimmig zum düsteren Inhalt passt. Die inneren Zustände des getriebenen Protagonisten werden im Bild sehr deutlich und beleben die eigene Phantasie. Auch das, was den Roman ausmacht, was damals 1890 bei Erscheinen neu war, der stete Bewusstseinsfluß, die durchdringende Psychologie, zeigt sich in den Illustrationen durch daumenkinoähnliche Sequenzen.
Meine Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/10/28/knut-hamsun-martin-ernstsen-hunger-avant-verlag/

George Orwell/Fido Nesti: 1984
Wenig optimistisch ist der Roman zu lesen und auch diese Graphic Novel von Fido Nesti. Seine Bilder zum für diese Ausgabe angepassten Text sind eindrücklich, düster und teils drastisch. Die Farbpalette geht von Rot bis Schwarz in ihren jeweiligen Abstufungen. Der Band ist DIN A4 groß und der Buchblock in einen stabilen Karton eingebunden. Teilweise klassisch comicartig mit Sprechblasen zu den Dialogen, teilweise mit beschrifteten Einzelbildern. Manche Bilder sind ganzseitig groß und wirken entsprechend gruselig. Zwischendurch gibt es einzelne Kapitel ausschließlich mit Text. Im letzten dritten Teil geht es in den Bildern sehr schlimm zu, wie ich finde, die Gefängnis- und Folterszenen haben es in sich und sind schwierig für Zartbeseitete. Nesti zeichnet das zwar brillant und sehr vielschichtig in unterschiedlichsten Dimensionen, aber eben auch drastisch.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/11/30/george-orwell-fido-nesti-1984-graphic-novel-ullstein-verlag/

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Barbara Yelin/Thomas von Steinaecker: Der Sommer ihres Lebens
Barbara Yelin, die einfühlsame Zeichnerin dieses Buches, ist als Comic-Autorin keine Unbekannte. Sie hat sie sich längst unter die besten Illustrator*innen gezeichnet und wurde mit Preisen gekürt. In „Der Sommer ihres Lebens“ arbeitet sie erstmals mit dem Schriftsteller Thomas von Steinaecker zusammen. In 15 Episoden kann gelesen und betrachtet werden, was denn ein Leben ausmacht. In diesem ganz speziellen Fall ist es das Leben von Gerda Wendt, geboren in den 50er Jahren, die aus ihrem Platz im Altenheim heraus in die Vergangenheit zurückdenkt. An die großen und kleinen wichtigen Momente und manchmal auch an das „Was wäre gewesen, wenn …?“ Und wie gelungen ist es Yelin eben diese Rückblicke, die ja im Erinnern auch als Bilder aufscheinen, als gemalte Geschichte aufs Papier zu bringen! Die Zeichnerin übersetzt das Entsinnte aus dem Kopf von Gerda über den Weg der Farbe und Form in unsere Köpfe hinein.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/05/07/barbara-yelin-thomas-von-steinaecker-der-sommer-ihres-lebens-reprodukt/

Catherine Meurisse: Die Leichtigkeit
Fast genau sieben Jahre sind vergangen, seit in Paris auf das Büro der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ ein grausamer Anschlag verübt wurde. Catherine Meurisse, die an jenem Morgen auch an der Teamsitzung hatte teilnehmen wollen, war zu spät dran. Deshalb hat sie überlebt. Die meisten ihrer langjährigen Kollegen und Freunde in der Redaktion wurden getötet. Wie erschütternd das für Meurisse war und wie sie wieder annähernd in einen „Normalzustand“ zurück fand, schildert sie nun in ihren Zeichnungen. Ihre Zeichnungen sind eindeutig und dennoch vielschichtig, die Figuren großartig charakterisiert, jeder Gefühlszustand ist sichtbar. So entstand die berührende Graphic Novel „Die Leichtigkeit“, ein Buch, das aufzeigt, wie wichtig die künstlerische Freiheit ist, heute mehr denn je. Es ist ein Buch, das mir sehr nahe geht.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/01/16/catherine-meurisse-die-leichtigkeit-graphic-novel-carlsen-verlag/

Martin Panchaud: Die Farbe der Dinge
Äußerlich scheint Martin Panchauds Graphic Novel zunächst unspektakulär, zeigt jedoch sofort, auf was die Leserin sich hier einstellen muss. Panchaud erzählt seine Geschichte sozusagen aus der Vogelperspektive. Die farbigen Punkte auf dem Umschlag stehen und bewegen sich stellvertretend für die Protagonisten der ungewöhnlichen Geschichte. Es ist unglaublich, wie extrem gut das funktioniert. Nach einer kleinen Gewöhnungsphase beginnt man diese Art der Darstellung zu lieben. Die Leserin selbst hat hier die Möglichkeit sich mit der eigenen Phantasie den/die Helden „auszumalen“. Diese reduzierte Art wechselt sich ab mit konkreten Bildern, so dass es genügend Abwechslung und genug Raum für die Vorstellungskraft gibt. Sowohl die Idee der außergewöhnlichen bildlichen Umsetzung dieser Story, als auch die Story selbst zeugen von enormem Einfallsreichtum und zeichnerischem Können.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2020/08/31/martin-panchaud-die-farbe-der-dinge-graphic-novel-edition-moderne/

Andrea Wulf/Lilian Melcher: Die Abenteuer des Alexander von Humboldt
In der Art einer Graphic Novel haben Andrea Wulf und die Illustratorin Lilian Melcher dieses ungewöhnliche Buch gestaltet. Es geht um die amerikanischen Reisen Alexander von Humboldts (1769 – 1859) und zwar nicht in einer wissenschaftlichen Form, sondern erzählerisch und von zauberhaften Illustrationen begleitet. Text und Bild finden hier stimmig zueinander, fließen ineinander und befruchten sich gegenseitig. Bilder, oft collagenhaft, teils skizzenhaft mit Bleistift oder Filzstift gezeichnet, teils mit Sprechblasen wie im Comic und teilweise im Erzählstil weisen auf die wichtigsten Ereignisse der Humboldt`schen Reise hin und sind oft wunderbar detailverliebt. Die Seiten sind meist komplett mit Fotocollagen, Zeichnungen oder Kopien der handschriftlichen Aufzeichnungen Humboldts unterlegt, darüber dann die Sprechblasen einzelner Dialoge oder der Text der Erzählerstimme.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/12/12/andrea-wulf-lilian-melcher-die-abenteuer-des-alexander-von-humboldt-graphic-novel-c-bertelsmann-verlag/

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Viel Vergnügen beim Entdecken!

Titelfoto: Wikimedia Commons

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2 Gedanken zu “Kunst im Buch 4: Graphic Novels

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