Rachel Cusk: Der andere Ort Suhrkamp Verlag

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Rachel Cusk, immer wieder. Auch wenn dieser neue Roman formell in eine etwas andere Richtung zielt, bin ich auch diesmal wieder begeistert. Eher so still begeistert, ob der klugen Stimme, der fein durchdachten Sprache. Könnte Rachel Cusk nicht so gut schreiben, wäre es aufgrund des Inhalts für mich ein schwieriges Buch. Auf eine gewisse Art erinnert es mich an Erpenbecks „Kairos“. Denn auch hier treibt ein unangenehmer Typus Mann sein Unwesen. Auch hier versucht ein Mann eine Frau zu manipulieren.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihre kleinen Bücher so viel einbringen.“

Das Zitat stammt von diesem Mann, einem berühmten Maler, der den Zenit seines Erfolgs allerdings bereits überschritten hat. Er wird von einer Frau, einer Schriftstellerin, M genannt, die mit ihrem Mann im ländlichen Marschland im Haus mit Garten lebt, eingeladen einige Zeit, vielleicht als Arbeitsaufenthalt, im dazugehörigen Gäste-Cottage zu verbringen. Die Frau schwärmt für den Maler, vielmehr für dessen Malerei, die sie vor vielen vielen Jahren in Paris kennengelernt hat. Wie eine Initiation erschien ihr damals diese Entdeckung. Nun scheint die Chance da zu sein, diesem Maler persönlich zu begegnen, der schließlich eines Frühjahrs die Einladung annimmt.

In dieser Zeit lebt auch M`s Tochter, Justine mit ihrem Mann Kurt im Haus. So entwickelt sich ein hoch interessantes Kammerspiel der zwischenmenschlichen Begegnungen und der unerwarteten Entwicklungen. Denn der Maler wird von einer jungen selbstbewussten Frau begleitet, die nicht mit angekündigt war. Diese freundet sich bald mit Justine an, was ihre Mutter mit Bedenken und Eifersucht beobachtet, aber auch versucht zu reflektieren.

„Ich glaube nicht, dass Eltern zwangsläufig viel über ihre Kinder wissen. Was man von ihnen zu sehen bekommt, ist das, was sie notgedrungen sein oder tun müssen, nicht das was sie eigentlich wollen, und dieser Umstand führt zu allen möglichen Fehleinschätzungen.“

Der Maler selbst, scheint Begegnungen mit ihr zu vermeiden, obwohl sie so große Erwartungen in den Austausch mit ihm gesetzt hatte. Ja, er scheint sie in den wenigen Gesprächen sogar zu verhöhnen, von oben herab zu behandeln, nicht ernst zu nehmen. Ihren Mann Tony will er porträtieren, sie selbst jedoch nicht. Seine Geschichte erzählt er ihr lang und breit, für ihre Geschichte scheint er wenig übrig zu haben (Hier nähert sich der Roman wieder der Outline-Trilogie an). Immer wieder kommen Sticheleien und der Versuch sie außer sich zu bringen. Was mitunter gelingt. Seine Begleiterin Brett wirkt dagegen übergriffig in die Familienstrukturen ein, denn hier steht die fragile Beziehung zur Tochter und der ganzen Gemeinschaft auf dem Spiel. Der ruhende Pol im Haus ist Tony, der seine Frau auf ganz eigene Art unterstützt.

Rachel Cusk hat eine große Begabung, Menschen bis ins Innerste zu durchleuchten, zu beobachten und dies dann auch in großartige Sprache zu verwandeln. Hier geht es vorrangig um Weiblichkeit, wie sie selbst empfunden wird und wie sie von außen wahrgenommen wird. Aber auch darum, was man von zuhause mitbekommt oder eben auch nicht. Welche Voraussetzungen bieten ein gutes, selbständiges Leben? Wie stark werden wir von der Herkunftsfamilie geprägt und wie gehen wir damit um? Wie gelingt ein Leben, dass einem wirklich entspricht?

„Allein die Sprache kann den Fluss der Zeit aufhalten, denn obwohl sie in der Zeit existiert und aus Zeit gemacht ist, ist sie ewig – oder kann es zumindest sein. Ein Bild ist auch ewig, aber ein Bild hat nichts mit Zeit zu tun – es hebelt sie gezwungenermaßen aus, denn wie sonst sollte man im wirklichen Leben jene zeitliche Bilanz, die den unendlichen Augenblick des Bildes hervorgebracht hat, ziehen und verstehen?“

Mich hat die dreiste Art dieses Mannes schon beim Lesen abgestoßen. Dass M dennoch immer wieder versucht sich auf ihn einzulassen, immer noch auf ein Porträt von ihm hofft, sogar Tony damit beinahe vertreibt, ließ mich schaudern. Doch als Außenstehende ist es natürlich leicht zu verurteilen. Dennoch verwundert es, dass der Maler den ganzen Sommer lang geduldet und sogar nach einem Schlaganfall von Tochter Justine versorgt wird. Immerhin scheint am Ende der Geschichte ein Brief des Malers, der verspätet eintrifft, nachdem dieser längst abgereist ist, der Protagonistin eine kleine Genugtuung zu verschaffen.

Warum die Geschichte, wie ein Brief oder ein Monolog geschrieben ist, der sich an einen gewissen Jeffers richtet, von dem man nicht erfährt, in welcher Beziehung er zur Erzählerin steht, bleibt rätselhaft.

„Der andere Ort“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eva Bonné hat den Roman aus dem Englischen übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weitere sehr empfehlenswerte auf dem Blog besprochene Romane der Autorin gibt es hier.

Eine weitere Besprechung von „Der andere Ort“ gibt es auf dem Blog Letteratura.

15 Gedanken zu “Rachel Cusk: Der andere Ort Suhrkamp Verlag

  1. „Kairos“ hat mich nachhaltig mitgenommen, und nun empfiehlst du wieder so ein Buch. Eigentlich ist jedes Buch, dass du empfiehlst beeindruckend. Ich packe es mir auf die Leseliste. „Der Kreis des Weberknechtes“ ist gerade angekommen und schon muss die nächste Bestellung aufgegeben werden. Würde doch auch das Lesen die Zeit stillstellen! Wie viel man lesen könnte. Viele Grüße!

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    • Also es ist schon anders angelegt als Kairos, es geht nicht direkt um eine Liebesbeziehung, aber um eine sehr verkorkste. Viel Spaß mit dem „Weberknecht“. Mal sehen, was du darüber denkst … Und danke für das Feedback. Das freut mich. Manchmal denkt man ja, man schreibt nur ins Leere hinein. Viele Grüße!

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      • Ich weiß, was du meinst, aber ich lese deine Rezensionen immer gern und kaufe mir sehr viele Bücher von denen, die du empfiehlst. In diesem Sinne schreibst du ganz sicher nicht ins Leere 🙂 Komm gut durch den Sturm. Hast du Franzens „Crossroads“ noch auf dem Tisch?

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      • Irgendwie habe ich die Besprechung dauernd verschoben, obwohl ich Crossroads schon lange ausgelesen habe. Aber gestern habe ich in der Tat damit angefangen. Heute weiter. Aber es wird sicher nicht meine beste, warum auch immer.

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      • Es ist ein sehr eigenartiges Buch. Ich habe es streckenweise so banal, langweilig, dann belanglos, übertrieben, gewollt und so weiter gefunden … jetzt im Rückblick entfaltet es eine seltsame Wirkung. Diese Eintönigkeit hat eine eigene Erinnerungsstruktur in mir hinterlassen. Ich bin sehr überrascht und auch gespannt, was du dazu sagen wirst! Viele Grüße über die Kreuzberger Dächer hinweg 😀

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  2. Rachel Cusk habe ich gerade bestellt. Bin mal gespannt. Crossroads fand ich übrigens klasse, war angenehm überrascht. Jonathan Franzen ist mir in letzter Zeit abhanden gekommen, aber auch „Korrekturen“ von 2005 fand ich damals schon imposant. Danke für deine Besprechung 😉

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    • Ja, ich habe Franzen ja auch verschlungen. Beim letzten hatte ich abgebrochen, aber bei Crossroads war ich wieder dabei. Cusk hat mich mit der Outline-Trilogie schon begeistert. Sag gerne mal, wie du es findest …
      Liebe Grüße!

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    • Ich bin auf Franzen erst durch eine Dokumentation auf arte gestoßen mit dem Titel ‹Romane made in New York› von 2008. Ich habe sie eben sogar auf YouTube gefunden: https://youtu.be/lWsKnoMqHxg. Es kommen neben Franzen auch Jonathan Safran Foer oder Rick Moody zu Wort. Daraufhin las ich irgendwann auch ‹Korrekturen› während eines Urlaubs in Lyon – ich saß in einem kleinen Appaertment, auf einem Lesesessel und habe dieses Buch verschlungen und fand es großartig. Aber eben diese Lesesituation, die Zeit, die Ruhe ermöglichten mir erst so einen dicken Schinken wie ‹Korrekturen› zu lesen, denn eigentlich fehlt mir oft die Geduld, die Zeit und häufig genug empfinde ich solch dicke Werke als wenig befriedigend, weshalb ich es selten versuche. Insofern bin ich bei ‹Crossroads› hin- und hergerissen, eben auch wegen der Seitenzahl. Liebe Grüße.

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      • In den vorherigen Roman von Franzen bin ich auch nicht hineingekommen. Dieser wiederum war vorzüglich. Vor allem, wenn man die 70er Jahre mag. Das Schöne an dicken Büchern ist ja, dass man so abtauchen kann aus der Welt. Aber es bietet sich natürlich ein Urlaub oder eine ruhigere Zeit dafür an, damit man dran bleiben kann. In diesem Zusammenhang kann ich auch „4321“ von Auster empfehlen oder kürzlich erst erschienen: „Gesammelte Werke“, der 1000-Seiter einer schwedischen Autorin. Habe ich beide auch hier besprochen.

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      • 4321 habe ich – als Fan von Paul Auster – begonnen aber wohl den Fehler gemacht es am Abend im Bett zu lesen. Die daraus resultierenden eher kleinen Leseabschnitte führten zu einer unschönen Verwirrung, einem unguten Lesegefühl, weshalb das Buch seither unbeendet hier steht. Ein Fauxpas, den es noch zu beheben gilt.

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  3. Wie immer, vielen Dank für deine Besprechung, heute aus mehreren Gründen und verbunden mit einer Frage. Zuerst aber möchte ich Bezug auf die vorherigen Kommentare nehmen. Zum einen, du schreibst wahrlich nicht ‹ins Leere› denn auch ich möchte dir versichern, ich lese deine Besprechungen gern, sie führen hier und da dazu, das ein Titel auf die Leseliste wandert und sie helfen zusammen mit zwei oder drei weiteren Besprechungen auf anderen Blogs, so vorhanden, ein rundes Bild zu erhalten. Danke für deine Mühen!
    Bei ‹Der andere Ort› las ich zuerst die Besprechung bei der ‹Klappentexterin› und war hin- und hergerissen, mein Feedreader führt mich dann weiter zu deiner und noch weiter zu ‹Letteratura›. Um das Werk von Rachel Cusk schwebe ich schon länger, lange eigentlich, ohne bislang etwas von ihr gelesen zu haben. Ich erinnere mich nicht mehr genau, wann oder in welchem Kontext ich von ‹Lebenswerk› las, ich denke es war ein journalistischer Beitrag zu Feminismus oder vielleicht ein interview. Der Satz bei ‹Klappentexterin› zu Beginn: ‹Viele ihrer Bücher kreisen um das Thema Mutterschaft, aber man muss nicht unbedingt Mutter sein, um sich mit ihren Romanen anzufreunden.› bestärkt mich darin mir Rachel Cusk nochmal vorzunehmen und ich frage mich, welcher Titel nun ein guter Einstieg sein kann? Ist es ‹Der andere Ort› oder eben doch ‹Lebenswerk› oder ‹Outline›?
    Deine Besprechung nun, hat es mir angetan. Die Zitate die du ausgewählt hast, deine Zeilen, ich habe umgehend auch dieses unangenehme Empfinden zur Figur des Malers, illustriert durch das Zitat seines abschätzigen Verhaltens gegenüber M.‘s Schaffen. Ich habe sofort einkonkretes Bild vor Augen; wie er aussehen könnte, wie er spricht und sich bewegt. Das folgende Zitat, dass du ausgewählt hast, zeigt auch die scharfe Beobachtungsgabe von Cusk, finde ich: ‹Ich glaube nicht, dass Eltern zwangsläufig viel über ihre Kinder wissen. Was man von ihnen zu sehen bekommt, ist das, was sie notgedrungen sein oder tun müssen, nicht das was sie eigentlich wollen, und dieser Umstand führt zu allen möglichen Fehleinschätzungen.› Es ist so wahr, eine oberflächlich zwingend enge Beziehung, die keine sein muss, nur sein kann. Ich hoffe, du findest die Zeit, mir auf meine Frage zum Einstieg in Cusks Werk behilflich zusein. Alles Gute!

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    • Lieber Konstantin, ich freue mich sehr über das Feedback. Schön, dass es interessierte Leser gibt. Tatsächlich sind Ines von Letteratura und ich richtige Fans von Rachel Cusk. Bei mir hat es gleich mit Outline begonnen, welches zuerst hierzulande erschien. Lebenswerk las ich nicht, weil ich mit dem Thema Mutterschaft nichts anfangen kann und auch Danach über Ehe und Trennung interessiert mich nicht. Ich kann nur sagen, dass Outline schon etwas spezieller vom Aufbau her ist. Das finde ich gerade interessant. Aber „Der andere Ort“ eignet sich auch gut zum Einstieg. Mich hat es besonders gereizt, da ich ja sowohl schreibe, als auch male. Tatsächlich geht es aber mehr um die Beziehungskonstellationen. Eigentlich immer bei ihr. Und da beweist sie wirklich Scharfblick. Ich würde mich vom Bauchgefühl leiten lassen ….
      Viele Grüße!

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