Heidi Sævareid: Am Ende der Polarnacht Insel Verlag

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Während viele sich auf den Frühling freuen, habe ich mich auf eine Lesereise nach Norden in die Kälte begeben. Die Norwegerin Heidi Sævareid hat einen richtig schönen Roman über eine aufgrund der äußeren Umstände schwierigen Beziehung veröffentlicht. Wir reisen nach Spitzbergen, wie die Autorin und erleben „Das Ende der Polarnacht„. Spitzbergen, Svalbard genannt, das zu Norwegen gehört, spielt letztlich die Hauptrolle im Roman. Denn auf Spitzbergen zu leben ist eine riesige Herausforderung, für Menschen aus dem „Süden“. Im Winter (von Oktober bis Februar) werden die Tage kaum hell, während es im Sommer auch nachts nicht dunkel wird. Sævareid schildert das in eindrücklicher Weise.

1957: Wir begegnen Eivor und Finn, einem jungen Ehepaar mit zwei kleinen Töchtern, Unni und Lisbeth. Finn ist Arzt, Chirurg und bekommt die Chance sich auf Spitzbergen zu qualifizieren. Während Finn sich sehr schnell in Longyearbyen, dem Hauptort der Insel einlebt, wegen seiner Tätigkeit im Krankenhaus schnell Bekanntschaften schließt, im Fußballverein spielt und im Turnverein mitmischt, findet sich Eivor nur schlecht zurecht. Sie kümmert sich vorwiegend um die Kinder und den Haushalt. Eivor ist schnell überfordert mit den sehr lebhaften Kindern. Als sie vom Sysselmann, dem Ortsvorsteher, die Huskyhündin Jossa ausgeliehen bekommt, damit sie auf ihren Skitouren nicht alleine ist, verändert sich ihr Leben. Die beiden haben Respekt voreinander, sind aber bald ein Herz und eine Seele. In kurzen Rückblenden erfährt man, wie es zu der Beziehung zu Finn kam und dass sich Eivor eigentlich ein anderes Leben gewünscht hat.

Am Anfang des Romans erlebt die Familie, wie sich die Zeit hier im Norden nach den Jahreszeiten, den Temperaturen richtet und wie abhängig die Bewohner davon sind. So achtet man im Herbst darauf, wann der Fjord zufriert, weil dann kein Schiff mehr auf die Insel gelangen kann. Das letzte Schiff ist also auch die letzte Möglichkeit Nahrung, Medikamente, ja Weihnachtsgeschenke auf die Insel zu bringen oder eben auch die letzte Möglichkeit die Insel vor dem Frühjahr zu verlassen. Gleichzeitig wird in der kleinen Gemeinschaft jeder Anlass genutzt, kleine oder größere Feste zu feiern um den eintönigen Alltag zu durchbrechen. Für Eivor ist diese Isolation täglich eine neue Herausforderung. Um dem monotonen Einerlei zu entkommen, begibt sie sich auf lange Skitouren mit Jossa, während eine der Krankenschwestern auf die Kinder aufpasst. Das Gewehr hat sie immer dabei, denn auf Spitzbergen sind Eisbären, die durchaus auch einmal in den Ort kommen, eine nicht seltene Gefahr.

„Eivors Ausflüge werden immer kürzer, je enger sich die Tage um sie herum schließen. Mit jedem Tag, der verstreicht, wird das kleine Fenster mit Dämmerlicht kleiner und kleiner, und ihr Bewegungsradius schnürt sich im Takt enger. Sie traut sich nicht, lange Ausflüge zu machen, nicht einmal mit Jossa, nicht einmal mit Gewehr und Stirnlampe.“

Finn ist mit seinen Patienten ausgelastet, in den Kohlebergwerken kommt es immer wieder zu Unfällen bei den Grubenarbeitern. Er arbeitet zusammen mit dem Assistenzarzt Reidar und dem Zahnarzt … Immer wieder gibt es Überstunden oder lange Schichtdienste. Finn und Eivor entfremden sich zusehends. Von Anfang an bekommen sie auch privat Besuch von Heiberg, der in der Verwaltung des Bergwerks arbeitet. Zunächst scheint sich eine Männerfreundschaft zu entwickeln, doch bald schon zeigt sich, das Heiberg allerlei Merkwürdigkeiten und Ticks entwickelt. Eivor und die Kinder sind von seinen immer häufiger werdenden Besuchen genervt. Finn sieht sich in der Pflicht, dem Mann zu helfen.

Ganz nebenbei erfährt man auch von politischen Geschehnissen. Denn es herrscht der Kalte Krieg, es wird aufgerüstet mit Atombomben und man befürchtet, dass auch auf Svalbard ein Militärstützpunkt errichtet werden könnten, was Russland, das auf Svalbard auch Kohle fördert, nicht gefallen würde. Gleichzeitig ist man den Russen freundschaftlich verbunden, so dass man sich mit russischen Turnvereinen zu Wettkämpfen trifft.

Im Sommer verbringt die Familie mehrere Wochen in Norwegens Süden und in Oslo bei Eltern und Freunden. Für Eivor ist es eine vollkommen unbeschwerte Zeit und das Paar nähert sich wieder an.
Als sie wieder zurück sind, verrutscht das Gleichgewicht erneut. Eivor schafft es zwar die Kinder zu versorgen, doch Finn bekommen sie immer weniger zu sehen. Inzwischen ist Jossa vollständig in der Wohnung eingezogen und wichtigster Bezugspunkt für Eivor. Finn bemerkt, dass Heiberg immer mehr psychische Auffälligkeiten zeigt. Auf psychiatrische Erkrankungen ist das Krankenhaus nicht eingestellt, das letzte Schiff ist vor Wochen abgefahren. Und Heiberg verletzt sich selbst und gefährdet bald andere. Für Finn ist das eine große Herausforderung, er fühlt sich dem Beruf verpflichtet, der sich nun aber schwer mit der Familie vereinbaren lässt.

Die Autorin hat eine große Gabe, an Stellen wo es wichtig ist, genau hinzusehen. Sie zeichnet ihre Figuren bildhaft, besonders Eivor. Eivor in ihrer inneren Not und in ihrem Ringen zwischen Selbstbestimmung und Selbstaufgabe. Auch die Unterschiedlichkeit der Charaktere, die großen Unterscheide zwischen Finn und seiner Frau arbeitet sie deutlich heraus. Finn ist sehr gesellig, Eivor eher verschlossen. Eivor möchte gerne Zeit alleine mit ihrem Mann verbringen, Finn bringt oft unangekündigt Gäste mit. So spitzt sich die Lage immer mehr zu. Reden können die beiden kaum miteinander, obwohl sie es immer wieder versuchen. Als Leserin warte ich förmlich darauf, dass die Situation eskaliert. Gegen Ende des Romans, wir begleiten die Familie über ein ganzes Jahr, löst sich zumindest einer der Knoten auf. Doch die schwierige Grundsituation bleibt.

„Das Licht muss im Laufe der letzten Tage zurückgekehrt sein, sie erinnert sich nur an die Dunkelheit, bevor sie krank geworden ist. Es muss auf einmal ganz schnell gegangen sein. Das passiert Anfang Februar, das weiß sie noch vom letzten Jahr. Alles andere steht still. Das Einzige, was sich ändert, ist das Licht.“

Mich hat der Roman gefesselt, auch sprachlich, denn die Autorin erzählt leichthin und dennoch tief, atmosphärisch dicht. Die Kälte der Polarnacht, die den Menschen auf Dauer so zusetzt, war direkt spürbar.

Der Roman erschien im Insel Verlag. Karoline Hippe hat ihn aus dem Norwegischen übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Zeichen & Zeiten.

Ein weiteres empfehlenswertes Buch über Spitzbergens Polarnacht, ist der inzwischen schon Klassiker gewordene Roman „Eine Frau erlebt die Polarnacht“ von Christiane Ritter, bereits 1934 geschrieben.

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