Yara Nakahanda Monteiro: Schwerkraft der Tränen Haymon Verlag

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„… hier bin ich Weiß, dort bin ich Schwarz, der zweitschlimmste Ort ist dazwischen …“

Eigentlich hätte dieses Buch mehr Sichtbarkeit bekommen, wäre nicht in diesem Jahr zum dritten Mal die Leipziger Buchmesse in ihrer traditionellen Form ausgefallen. Tara Nakahanda Monteiros Roman „Schwerkraft der Tränen“ ist im Original auf portugiesisch geschrieben, Portugal wäre/war Schwerpunkt der Buchmesse. Monteiros Roman ist aber gleichzeitig kein typisch portugiesisches Buch, sondern eins, dass uns nach Angola führt, in die Hauptstadt Luanda des portugiesischsprachigen Landes im südwestlichen Afrika. Die Autorin lebt im Alentejo/Portugal, ihre Wurzeln aber liegen in Huambo in Angola. Dort wurde sie 1979 geboren. Gleich stellt sich mir die Frage nach autobiographischem Schreiben, wird aber bald unwichtig aufgrund der Schönheit der Sprache und des spannenden Inhalts.

Vitória verlässt Portugal Hals über Kopf und verpasst damit absichtlich ihre geplante Hochzeit mit Dinis, der schwul und der Bruder ihrer Geliebten Catarina ist. Sie lässt alles, was ihr wichtig ist zurück, weil es etwas noch Wichtigeres, Dringenderes gibt: die Suche nach ihrer Mutter, die sie als kleines Kind bei den Großeltern zurückließ, um als rebellische und kämpferische junge Frau in den Krieg für die Unabhängigkeit ihres Landes zu ziehen. Die Familie verlässt Angola und Vitória wächst in Portugal auf, erhält in einem Internat ihre Schulbildung, lebt dann in Lissabon.

„Ich fühle mich hilflos, Luanda ist anders als Lissabon und mit dem Idyll in Malveira sowieso nicht zu vergleichen. Kurz überlege ich, ob ich meinen Entschluss bereue.“

Nach der Ankunft fühlt sich alles fremd an. Sie kommt bei einer Bekannten ihrer Tante unter und gliedert sich langsam ins Familienleben dort ein. Romena besitzt Bäckereien und gehört somit zur Mittelschicht, es gibt Dienstpersonal und den Töchtern fehlt es an nichts. Ganz anders sieht es in anderen Vierteln aus. Armut, bettelnde Kinder, aber eben auch Reichtum, der gerne gezeigt wird. Vitória wird zu Hochzeiten mitgenommen, aber auch zu Totenfeiern. Es wird aufgetischt, es gibt traditionelle Rituale, von denen auch die gebildeten, reichen Familien nicht abweichen. Kontakte werden geknüpft, Beziehungen genutzt. So gelangt Vitória auch an den General, der ihr bei der Suche nach der Mutter helfen soll. Die Tante hatte ihr den Namen aufgeschrieben. Alle Hoffnung ruht auf dem Einfluss seines Namens.

Erste Hinweise kommen dann aber aus anderer Richtung: Vitória fliegt nach Huambo und begegnet Juliana, einer Freundin ihrer Mutter, die an ihrer Seite kämpfte. Sie bewirtschaftet eine Art Frauenhaus. Vitória lebt sich ein, es dauert lange, bis Juliana zu erzählen beginnt und ihr einen Schritt weiter hilft. Bei einer Hilfsorganisation hinterlegt sie Foto und einen Brief an die Mutter. Dann vergehen viele Monate. Die Heldin findet sich in diesen neuen Strukturen zurecht, arbeitet mit und fragt sich, ob es je wieder ein zurück nach Portugal geben wird. Und wartet. Und merkt, wieviel mehr Geduld sie in diesem Land braucht. Auch ihre innere Not und die großen Hoffnungen spiegeln sich im Text.

„Denn Familiengeschichte gehört nicht allein denen, die sie erlebt haben. Die Nachgeborenen tragen die Biografie derer in sich, die vor ihnen da waren. Auch ich bin schon Teil dieser Vergangenheit, also gehört mir auch die Erinnerung.“

Als schließlich eines Tages ein Brief der Mutter kommt, das Zeichen, dass die Mutter noch lebt, beinhaltet er so gar nicht das, was sich Vitória gewünscht und erhofft hat. Doch sie erfährt viel über das Schicksal der Mutter, die letztendlich ein Opfer des Krieges wurde. Und was Krieg mit den Menschen macht. Wie sie verraten wurde. Und welche Rolle der General dabei spielte …

„Sie erzählt, als die Kämpfe losgingen, habe man sich die Gewalt des Krieges nicht vorstellen können. Man lebte für eine Utopie, einen Traum. Das geht so lang, bis man töten muss, um nicht selber getötet zu werden. Beim Töten bleibt es im Krieg auch nicht. Es wird massakriert, gefoltert, verstümmelt und vergewaltigt.“

Mich hat dieses Buch sehr beeindruckt. Es ist eine dieser Geschichten, in denen ich in ein mir fernes fremdes Land eintauche, es ein wenig kennenlernen darf, ohne zu verreisen. Mir kommt es nahe, durch die Persönlichkeiten, denen ich begegne, die mich teilhaben lassen an ihrem Alltag und an den Festen. Und ich werde neugierig und gebe das Land ein in die Suchmaschine, sehe auf der Karte, wo es liegt, wie groß es ist, lese über die Geschichte, die im Fall von Angola eine sehr kriegerische ist. Unabhängigkeitskriege, um sich von der Kolonialmacht Portugals zu lösen, Bürgerkriege zwischen verschiedenen Freiheitsbewegungen und immer wieder Staatspräsidenten, die korrupt in die eigene Tasche arbeiten.

Mir hat die bildreiche, lebendige und sinnliche Sprache sehr gefallen und die Art der Erzählung, die Einblicke – manchmal schiebt die Autorin Sequenzen mit Selbstgesprächen ein: von einer Hausangestellten, von einem alten Fischer – bietet in die Lebenswelt der Bewohner, aber eben auch in die spezifische Natur und die Traditionen. Wer per Roman auf Reisen gehen möchte, weit weg, dem sei dieses Buch empfohlen.

Der Roman erschien im Haymon Verlag. Übersetzt aus dem Portugiesischen hat es Michael Kegler. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich bedanke mich für das Rezensionsexemplar!

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