Andrea Scrima: Kreisläufe Literaturverlag Droschl

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„Wenn wir nur die Vergangenheit hinter uns bringen könnten und mit ihr die Fehler der Menschen, die uns erschaffen und dann beinah gebrochen haben, könnten wir glücklich sein.“

Es ist der zweite Roman der 1960 in New York geborenen und in Berlin lebenden Künstlerin Andrea Scrima. Nach Wie viele Tage , das mir sehr gefiel, lese ich nun „Kreisläufe“ und finde eine Art Ergänzung zum vorigen Roman vor. Ebenso wie zuvor ist es vor allem auch die Sprache, der Ausdruck innerer Vorgänge und Reflexionen, die Komplexität und die Vielschichtigkeit, die mir das Buch zu etwas Besonderem machen. Ging es zuvor vorrangig um die Lebenswege und Verortungen in der Vergangenheit und Gegenwart, wird nun einerseits die Beziehung zur Mutter und zum Vater thematisiert, aber auch die zum Lebensgefährten.

„Berlin war eine ganz eigene Variante von Nirgendwo; ich hatte meinen Platz unter den Außenseitern und Ausreißern der Stadt gefunden […] Ich redete mir ein, geblieben zu sein, um abseits des Kunstmarkts arbeiten zu können, in Wirklichkeit versteckte ich mich vor etwas, aber das war mir damals nicht bewusst.“

Die Künstlerin Felice lebt in Berlin und hat ihre erste Einzelausstellung in New York, ihrer Heimatstadt. Sie verbindet den Anlass ihrer Reise mit dem Besuch bei der Mutter. Der Vater ist bereits tot, die drei Geschwister an unterschiedlichen Lebensorten angekommen. Sobald sie das Haus betritt, umfängt sie die düstere Atmosphäre der Kindheit. Sie beschreibt gleich eingangs ganz wunderbar, was mit ihr passiert: Sie öffnet den Küchenschrank und findet Büchsen von Nahrungsmitteln vor, eine fällt ihr direkt entgegen. Und nun öffnet sich sinnbildlich eine nach der anderen, jede enthält Erinnerungen, die meisten davon sind keine schönen. Nach und nach und in vielen Zeitsprüngen gelangen wir tiefer in die Familie der Heldin. Anhand von einzelnen Ereignissen, zeigt sich das Bild immer deutlicher, das Bild einer dysfunktionalen Familie. Zwischen der unberechenbaren, manipulierenden Mutter und der Tochter herrscht ein gespanntes Verhältnis, das beide wie eine unsichtbare Mauer voneinander trennt. Jeder Versuch der Aussprache seitens der Tochter ist zum Scheitern verurteilt. Über eine Art Smalltalk geht es nie hinaus, die Mutter blockt, wo die Tochter sich Erklärungen und Anerkennung wünscht. Tatsächlich blitzt die Anerkennung dann einmal kurz hervor, als die Mutter, die Schwester und eine Nachbarin die Ausstellung Felices in der Galerie besuchen, obwohl es womöglich eher darum geht, diese mit dem Berühmtsein der Künstler-Tochter zu beeindrucken.

Zwischendurch erinnert sich Felice an die Zeit, als sie von zuhause auszog, an die Beziehung mit einem Mitstudenten, an die konzentrierte Atelierarbeit während des Studiums, diese magische Zeit, die immer auch mit Geldmangel verbunden war, aber auch ihr Schwangerschaftsabbruch wird thematisiert. Auch später beim Studium in Berlin öffnen sich manche Türen und Felice hat mehrere Ausstellungen an verschiedenen Orten Deutschlands.

„Meine Familie hatte mich aus der Bahn geworfen. Uns alle hatten unsere Familien aus der Bahn geworfen – Bobby, Rick, Sunny und mich – und die Kunst war unser Versuch wieder eine Ordnung herzustellen.“

Im zweiten Teil rückt der Vater in den Vordergrund, dessen Tagebuchkalender Felice nach dem Tod des Vaters findet und mit zurück nach Berlin nimmt. Sie entdeckt, dass der Vater an Depressionen litt und Psychopharmaka nahm, dass er fortweg arbeitete, um die 6-köpfige Familie zu ernähren. Ich spüre hier eine besondere Zuneigung der Tochter zum Vater; das Verhältnis scheint ein viel innigeres gewesen zu sein, als zur Mutter. Jeder Tagebucheintrag weckt Erinnerungen und ruft Bilder hervor; doch manches bleibt für immer im Dunklen. Scrima schreibt sich hier an den Tagebucheinträgen entlang, die meist nur aus kurzen Stichworten bestehen und auch keine spektakulären Ereignisse aufzeigen. Oft geht es um die Arbeit, manchmal ums Wetter oder neue Anschaffungen. Diese Art des Schreiben ist anders, als der erste Teil, der für mich persönlich ausdrucksstärker wirkte, weil sich die Sprache mehr ausdehnen darf. Auch Träume und ihre möglichen Deutungsvarianten spielen durchweg eine Rolle.

In beiden Teilen liegt auch immer wieder der Fokus auf der Partnerschaft mit Michael. Michael ist in der DDR aufgewachsen und wegen zu viel Widerstand und Eigenwillen gegen das System in einen Jugendwerkhof und in Haft gebracht worden. Die Geschehnisse haben in extrem traumatisiert, so dass er nach dem Fall der Mauer zunächst begeistert die neu gewonnene Freiheit nutzt, bald jedoch von der Vergangenheit wieder eingeholt wird und aus mangelndem Vertrauen immer mehr auf Rückzug geht. Auch Felice gegenüber. Gespräche sind kaum möglich. Scrima beschreibt hier sehr klar und eindringlich, wie stark die Veränderungen durch den Fall der Mauer, die Menschen, die in viel zu kurzer Zeit in einer vollständig anderen Staatsform leben sollten, verunsicherte und teils komplett aus der Bahn warf.

„Ich würde ihm (Anmerkung: dem Vater) erzählen, wie mit der Wiedervereinigung eine einzige entzweigerissene Psyche, deren eine Hälfte ihre schlimmsten Ängste auf die andere projizierte, in eine deutsch-deutsche Romanze verfiel, in einen plötzlichen Rausch, der die verheerenden Schäden verleugnete, die das Verschmelzen der beiden grundsätzlich verschiedenen Staaten an den Menschen der früheren DDR anrichtete, deren Land sich mit einer schwindelerregenden Plötzlichkeit in Luft aufgelöst hatte, mit allem, wofür es einst gestanden hatte.“

Die beiden bekommen einen Sohn und trotzdem bestreitet Felice fast allein den Lebensunterhalt mit Übersetzungen. Die Kunst bleibt dabei auf der Strecke. Erst mit der Trennung beginnt ein neues Kapitel, mit dem auch Sohn Max im Text in den Mittelpunkt rückt.

Der Roman ist sprachlich so gekonnt und formell so gut gelungen, dass ich einfach nur beeindruckt bin, wie die Autorin Erinnerungen so aufbereitet, dass sie literarisch leuchten. Dennoch hat mich die Geschichte, obwohl sie mich tief berührt, zeitweise ziemlich mitgenommen, da ich so einige Übereinstimmungen zu meinem eigenen Leben fand. Wenn Literatur so tief auf mich wirkt, ist das für mich doch immer ein großer Gewinn. Besonders intensiv und wunderschön zu lesen, fand ich die Sequenzen, in denen fast nichts passiert, die nur einen Augenblick einfangen, eine Betrachtung, eine Empfindung und diese dann durch Nachdenken und Nachspüren ausdehnen und ins Literarische überführen. Ein Leuchten!

„Kreisläufe“ erschien im Literaturverlag Droschl. Aus dem Amerikanischen übersetzt hat es Andrea Scrima selbst zusammen mit Christian von der Goltz. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

2 Gedanken zu “Andrea Scrima: Kreisläufe Literaturverlag Droschl

    • Da hätte ich jetzt gar keine Verbindung hergestellt. Bei Scrima ist ja alles schon sehr real, was ich bei Red Pill nicht so empfand. Da ist ja immer auch die Frage, ob der Held sich manches nicht einbildet.

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