Norbert Scheuer: Mutabor C. H. Beck Verlag

Nach „Winterbienen“, bereits hier auf dem Blog besprochen, lag Norbert Scheuers Roman „Die Sprache der Vögel“ schon hier zum Lesen bereit. In seinem gerade erschienenen Roman „Mutabor“ tauchen nun Figuren aus vorherigen Romanen auf und ich entschloss mich vorher noch „Die Sprache der Vögel“ zu lesen (siehe voriger Beitrag). Beide Romane sind, wie auch Winterbienen, mit zarten Schwarz/Weiß-Bildern illustriert, die mir sehr gefallen. Im Abspann erfährt man, dass Scheuers Sohn die stimmigen Illustrationen gefertigt hat. Der Autor, der in der Eifel lebt und dessen Romane auch immer zumindest teilweise dort spielen, hat eine unspektakuläre und wohltuend mainstreamferne Art zu schreiben. Ich mag das sehr.

In „Mutabor“ hören wir die Geschichte des Mädchens, später der jungen Frau Nina, die in einer kleinen Stadt in der Eifel lebt und ein wenig sonderbar erscheint. Nach und nach erfahren wir, warum das so ist.

Nina kennt ihre Mutter nur noch vage, sie war sehr klein, als sie weg ging. Ihren Vater gar nicht. Sie lebt bei den Großeltern, hat den oft verwirrten Großvater gern, die Großmutter eher nicht. Sie selbst hat mit einer (psychischen?) Krankheit zu tun, nimmt Medikamente. Worunter sie außerdem wirklich leidet, ist Einsamkeit. Sie wird von Schulkameraden gemieden und gemobbt, treibt sich im Cafe des Supermarkts der Kleinstadt herum oder liegt schutzsuchend und träumend in ihrem Fass, ein Ort, den nur sie kennt. Begleitet wird sie dann oft von der Schildkröte namens Orlando. Sophia, eine wohlhabende Witwe mit großer Villa, wird zunehmend zu einer wichtigen Bezugsperson. Und auch der Sozialarbeiter Ignatz und seine Frau Helene kümmern sich um sie. In Paul Arimont (er tauchte bereits als Held in „Die Sprache der Vögel“ auf) verliebt sie sich, doch er sieht sie nicht einmal, zumal sie viel zu jung ist für ihn und er nur Augen für Theresa hat.

„Sophia sagte mir immer wieder, wie schön es sei, die Dinge aufzuschreiben, die einen beschäftigen; keiner redet dazwischen oder macht sich lustig über das, was man denkt. Man könne ganz bei sich sein, und doch lausche einem die gesamte Menschheit.“

Immer wieder versucht sie herauszufinden, wer ihre Mutter war, wie sie war, nicht den Gerüchten zu glauben. Sie versucht sich selbst zu verorten, sich selbst besser kennenzulernen, schreibt ihre Gedanken nieder. Nach der Schulzeit wohnt sie in einer Mansarde eines Sozialbaus, trägt morgens Zeitungen aus und arbeitet danach als Zimmermädchen bei Evros, der das griechische Restaurant mit Pension betreibt. Sobald sie volljährig ist, will sie eine Reise auf die griechischen Inseln machen und nach Byzanz, das der Großvater so oft erwähnte. Die neue Sozialarbeiterin, die Nina betreut, missbraucht ihr Vertrauen und fügt ihr Leid zu. Auf dem Volksfest will sie Paul gefallen, doch stattdessen wird ihr von mehreren Halbstarken, die ihr KO-Tropfen verabreichen, Gewalt angetan. Darüber zu reden traut sie sich nicht. Als Leserin reimt man sich natürlich schnell zusammen, wer die Mutter von Nina war. Und nach und nach kommt auch das Geheimnis des Vaters ans Licht.

„Ich denke an Mutter, eine Störchin, die nicht zu mir kommen und mir helfen kann, weil sie das Zauberwort vergessen hat.“

Als ein Unwetter mit heftigen Regenfällen und riesigen Wassermengen (es ist die große Flutkatastrophe 2021 gemeint), den nicht genug befestigten Staudamm brechen lässt, scheint auch bei Nina allerhand aufzubrechen. Sie begibt sich, inzwischen 18 und unabhängig auf die lange schon herbeifantasierte Reise …


Mutabor = aus dem Lateinischen „ich werde verwandelt werden“, aber auch der Zauberspruch im Märchen des Kalif Storch wird hier eingebunden. Zusätzlich gibt es jede Menge Einfluss aus der Antike in Scheuers Roman. Vorrangig findet man sie auf den Bierdeckelzeichnungen (siehe Fotos oben), die Evros während der Arbeit im Ausschank beschriftet. Aber auch, wenn man nicht alle Hinweise erkennt, zeigt sich eine stimmige Geschichte, die jedoch vielleicht zu viele unausgearbeitete Abzweigungen enthält. So hat mir „Die Sprache der Vögel“ auch besser gefallen.

Eine Leseprobe gibt es hier.

4 Gedanken zu “Norbert Scheuer: Mutabor C. H. Beck Verlag

  1. Liebe Marina,
    ich glaube, ich kenne Nina und Sophia und Paul schon aus Scheuers Roman „Am Grund des Universums“. Dort soll der Stausee vergrößert werden und um die Staumauer zu verstärken, muss das Wasser abgelassen werden. Es tauchen vom Grund des Sees so allerlei Gegenstände auf, die die Menschen schon vor längerer Zeit verloren haben. Und mit ihnen tauchen auch die Erinnerungen und das eine oder andere Geheimnis auf.
    So, wie du die Handlung in „Mutabor“ beschreibst, spinnt Scheuer die Geschichten um seine Figuren nun weiter. Und ich bin sehr gespannt und freue mich aufs Lesen.
    Viele Grüße, Claudia

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Claudia, genau, alles ist hier mit allem verbunden. Mir war das bisher noch nicht klar. Aber so bindet Scheuer in einem klugen Schachzug seine Leser. Gab es in dem genannten Roman auch Zeichnungen?
      Eine Figur in Mutabor steht im Wasser des Stausees und hofft etwas darin zu finden …
      Liebe Grüße! War schön, von Dir zu hören.

      Gefällt 1 Person

      • Nein, dort sind noch keine Zeichnungen enthalten. Aber es gibt Jahreszahlen. So spielt die Handlung zwischen 2006 und 2014. Da passt die Fortführung der Geschichte im neuen Roman nun ja gut.
        Und vielen Dank für deinen lieben (Extra-)Gruß. Nach einem Todesfall zum Jahreswechsel bin ich ja sehr aus dem Lesetritt gekommen. Aber ich wünsche mir so, dass ich mir das Lesen und Darüber-Schreiben langsam wieder zurückholen kann.
        Liebe Grüße!

        Gefällt 1 Person

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