Steffen Mensching: Hausers Ausflug Wallstein Verlag

Bereits „Schermanns Augen“ von Steffen Mensching hat mich sehr beeindruckt. Ein gewichtiges, perfekt konstruiertes, sprachlich dichtes und geschichtlich hoch interessantes Buch, teils mit echten historischen Figuren, für das der Autor einen Preis bekam. Ich habe es hier bereits besprochen. Nun gibt es einen brandneuen Roman, der mich von der ersten Zeile an gepackt hat und mich mit einer unglaublichen Spannung immer weiter getrieben hat. Mensching, 1958 in Ostberlin geboren, ist auch Theaterregisseur, derzeit als Intendant am Theater Rudolstadt und kann inszenieren.

Der neue Roman ist allerdings mit dem Vorgänger nicht vergleichbar, ist es diesmal doch eine ganz und gar fiktive Geschichte, die sogar in der nahen Zukunft spielt, nämlich 2029. David Hauser, unser Held, findet sich gleich am Anfang der Geschichte in seiner selbst erfundenen Transportkiste wieder, die eigentlich des Landes ausgewiesene Asylbewerber zielgenau an ihren ehemaligen Wohnort transportieren soll. Ein ausgeklügeltes System, AIRDROP genannt, dass preiswert und effektiv scheint. Nach der Pandemie ausrangierte, weil nicht mehr gebrauchte, und entsprechend umgebaute unbemannte Flugzeuge setzen die gesicherten und mit Fallschirm bestückten Transportkisten mit ihrem menschlichen Inhalt zielgenau ab. Hauser ist dafür umstritten, mitunter unterstellt man ihm Menschenrechtsverletzungen und dennoch kann er sein Modell sogar in andere europäische Ländern verkaufen.

„In Europa hatte sich Ende der zwanziger Jahre die Stimmung in der Bevölkerung gedreht. Sympathiekundgebungen für die gestrandeten aus den südlichen Krisengebieten gab es nur in den Großstädten. Man sprach jetzt von Flüchtlingen der ersten und der zweiten Kategorie.“

Menschings Roman ist gegenwärtig, da er (im Rückblick) direkt auf die aktuellen Krisen eingeht. So thematisiert er die Pandemie genauso wie die aktuellen Kriegsgebiete. Hauser der Kapitalist, sehr reich geworden mit einer ungewöhnlichen Idee, der Vater noch immer links, ein alter Kommunist, dessen Rente nicht für die Wohnung im Prenzlauer Berg reicht, und die der Sohn bezahlt.

Und nun hat es ihn selbst in eine der Transportkisten verschlagen, in denen die Personen für eine sanfte Landung ein Beruhigungsmittel injiziert bekommen. Nach der Landung in einem unwirtlichen wüstenartigen, gebirgigen Landstrich, stellt Hauser fest, dass sein Markenanzug, seine Markenschuhe und die teure Armbanduhr samt Dokumente und Mobilphone weg sind; er stattdessen in Jeans, Windjacke und abgetragenen Joggingschuhen dasteht. In den Taschen ein Feuerzeug, Zigaretten, einen Pass, ausgestellt auf den Namen Walid Said, geboren am selben Tag wie Hauser und auch das Foto ist eindeutig seines.

Interessant finde ich, wie der Autor den Helden Hauser zunächst mit einer gewissen Ruhe, sein Schicksal annehmen lässt, ihn glauben lässt, man würde ihn natürlich vermissen und sofort suchen. Diese Gewissheit verschwindet dann im Laufe der Geschichte und zeigt uns Hauser in einer absoluten Ausnahmesituation, in der er mit einer Notration aus der Kiste versucht zu überleben. Er ahnt, dass er in Syrien ist oder Afghanistan. Der Name im Ausweis weist darauf hin, wie die Landschaft. Tagelang geht er durch unbewohntes Gebiet und malt sich die verrücktesten Szenerien aus, wie es zu dieser Situation kommen konnte. War es kein Versehen? Hatte man in absichtlich in die Wüste geschickt? Wer sind seine Feinde? Wer hätte es tun können und weshalb? So zermartert sich Hauser den Kopf.

Bis er auf einen Menschen trifft, der ihm nicht wohl gesonnen scheint. Mit Gewehr und Verpflegungsbeutel ausgestattet, bedeutet der Einheimische dennoch zunächst einmal die Rettung vorm Verdursten. Hauser ist fast froh, endlich gefunden worden zu sein. Doch bald geht die Tortur im Gelände weiter, er wird zum Gefangenen des Mannes, der scheinbar auch nicht mit ihm spricht. Hausers Gedanken entspinnen sich nun neue Szenarien: Gefangen vom IS, Entführung, Ermordung, etc. pp. Mit der Zeit nähern sich die beiden Männer sogar an …

Mehr mag ich nicht verraten, denn der Roman ist so spannend zu lesen, dass es schade wäre, die Entwicklungen alle vorab zu kennen. Ich bin ganz und gar abgetaucht, habe den Roman binnen zwei Tagen gelesen und zufrieden weggelegt. Er ist leicht zu lesen. Steffen Mensching muss für den Roman viel recherchiert haben, denn wir erfahren sehr viel über zwei unterschiedliche Welten, die Hausers und die seines Gegenübers. Natürlich vermutet man eine Art Lehrstück hinter dem Setting des Romans: „nun erlebst du reicher Wohlstandsmensch am eigenen Leib, was du den Ausgewiesenen antust“. Zum Glück ist Menschings Ton aber alles andere als oberlehrerhaft und so kann jeder aus dem Roman herausziehen, was er will. Sowieso bleiben am Schluss jede Menge Fragen offen …

Hausers Ausflug“ erschien im Wallstein Verlag. Eine Leseprobe und ein aufschlussreiches Interview gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

4 Gedanken zu “Steffen Mensching: Hausers Ausflug Wallstein Verlag

  1. Der Einstieg in „Schermanns Augen“ war aus meiner Sicht sehr gelungen, und ganz intuitiv bin ich mir ziemlich sicher, es dabei mit einem ganz wunderbaren Buch zu tun zu haben – aber es hatte dann eben auch über 800 Seiten und irgendwann … tja.

    Nicht nur deswegen, sondern auch wegen der hier umrissenen, spannend klingenden Handlung scheint „Hausers Ausflug“ vielleicht eher für mich geeignet, mich in Menschings Bücher reinzufinden, insofern danke ich für die Vorstellung des Buches.

    Und irgendwann versuche ich es dann nochmal mit „Schermanns Augen“. Ganz sicher. 😉

    Gefällt 1 Person

  2. Schermanns Augen habe ich erst in diesem Jahr gelesen, ein unglaublich gutes Buch, gerade weil es so wunderbar sperrig und gewaltig ist. Hausers Ausflug klingt interessant, auch weil der Mensching ganz anderes Terrain betritt.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s