Norbert Gstrein: Vier Tage drei Nächte Hanser Verlag

Es ist mein vierter Roman von Norbert Gstrein in Folge. Weil ich Gstreins Sprache wirklich sehr schätze. War ich beim letzten noch überwiegend erfreut, bin ich diesmal mächtig enttäuscht. Zum einen, weil es sich um einen „Corona-Roman“ handelt (was sich abwechselnd am Tragen von Gesichtsmasken und Selbstisolation, Verbot von Reisen etc. zeigt) und ich wirklich nicht auch noch in der Literatur damit zu tun haben will, zum anderen weil die Geschichte mich so oft langweilte und bisweilen fand ich sie wirklich auch albern bis kindisch. Von der Liebe könnte man anderes schreiben. Es gibt jedenfalls interessantere sogenannte Dreiecksgeschichten. Aber vielleicht trifft ja auch einfach zu, was die Hauptprotagonistin Ines, neben der die männlichen Figuren blass aussehen, im Roman gleich eingangs sagt:

„… Liebe in diesem Sinne gebe es ja nicht mehr und man sei gut beraten, sich in Sicherheit zu bringen, wenn einer davon spreche, weil sich dahinter meistens etwas anderes verberge, und das Drumherum, das ganze Gebräu aus Macht und Eifersucht sei ekelhaft, unkontrollierte Leidenschaft, eine einzige Peinlichkeit.“

Tatsächlich lebt Ines, die 35-jährige Literaturwissenschaftlerin, die sich auch in ihrer Arbeit mit literarischen Liebenden beschäftigt, dann fortwährend solche unmöglichen Beziehungen. Der ganze erste Teil des Buches kommt mir aufgrund des regelrecht kindlichen Verhaltens von Ines und ihrem aktuellen Lover albern vor. Auch weil der Stiefbruder Elias, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, ihr die abgelegten Männer, denen sie überdrüssig ist, quasi „abnimmt“. Also entweder wie ein Bodyguard grob vertreibt oder sie selbst als Liebhaber nimmt. Überhaupt ist dieser Elias Ines gegenüber sehr unterwürfig, die Schwester hat die Hosen an und pendelt zwischen Kommandoton und hysterischen und naivem Gebaren. Ziemlich unsympathisch. Elias allerdings nicht minder. Es finden sich Szenen, die pubertär und unreif wirken.

Im Mittelteil, den ich am unterhaltsamsten und interessantesten fand, findet sich dann tatsächlich eine Handlung, die allerdings viel zu kurz ist. Hier zeigt sich die große Eifersucht des Bruders gegenüber der Stiefschwester, in die er schon verliebt ist, bevor die Eltern ihnen davon erzählten, dass sie den gleichen Vater haben.

Dann geht es wieder weiter mit Liebeleien, diesmal ist Elias Freund Carl mit dabei. Auch hier finde ich die Handlung stockend und langweilig. Ich habe nur weitergelesen, weil ich Gstreins Sprache sehr mag und auch wissen wollte, ob nicht doch noch etwas bahnbrechendes passiert. Richtung Schluss ufert die Geschichte dann in ein gemeinsames Silvestergeschichtenerzählen aus: Jeder erzählt die Geschichte seiner ersten großen Liebe (seltsam, dass sie die nicht jeweils schon kennen). Und die drei Geschichten darf der Leser dann auch konsumieren, eine sogar in englisch (seltsam und irgendwie für die Handlung auch nicht notwendig). Da kam mir dieser Satz eines ehemaligen Liebhabers von Ines gerade zupass:

„Auch die schlechtesten Romane haben ihre Wahrheit, wenn man sie richtig zu lesen versteht.“

Gefunden habe ich die Wahrheit diesmal leider nicht. Auch nicht im letzten Teil, in dem sich die drei wieder treffen, später, nachdem Ines die Habilitation hingeschmissen hat und sich auf Sizilien selbst am Romanschreiben versucht. Ausgerechnet einen Roman über eine Dreiecksbeziehung mit einem dunkelhäutigen Mann namens Carl. Das Carl, nachdem er Ausschnitte daraus gehört hat, nicht begeistert ist, kann man sich dann selbst zusammenreimen …
Und so hoffe ich nun auf den nächsten Roman von Norbert Gstrein, auf den dann hoffentlich nicht folgendes Zitat (von Ines) zutrifft:

„Heraus kam ein überdrehter Monolog darüber, dass sie den Verdacht habe, man könne die Romane von älteren Männern danach klassifizieren, wie sie entgleisten, entweder ins Schlüpfrige oder in den ewigen Ersatz der sogenannten Gaumenfreuden, wo jeder „gute Tropfen“ und jeder „Schmaus“ wie ein Hochamt zelebriert werde.“

Der Roman „Vier Tage, drei Nächte“ erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Von Norbert Gstrein bereits hier auf dem Blog besprochen:

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