Mariam Kühsel-Hussaini: Emil Klett-Cotta Verlag


„Eine Toteninsel ist Berlin, wenn man Angst hat.“

Ein Roman über Emil Cioran? Das interessierte mich. Cioran, ein rumänischer Philosoph (1911-1995), der mir vor allem wegen seiner Suizid-Gedanken, die er in vielen seiner Bücher auch schriftlich darlegte, faszinierte mich vor allem deswegen, weil er dann doch nie Suizid beging, sondern sogar sehr lange lebte. Vielleicht schützt es sogar vor dem tatsächlichen Begehen eines Suizid, wenn man sich hinreichend theoretisch damit befasst?

„Es tut wohl, auch nur zu denken, man könnte sich umbringen. Es beruhigt. Man atmet auf. Wenn man, so wie ich, ständig jenseits der Welt ist, bringt einen zumindest der Gedanke, man könne sich selbst abschaffen, auf ein Niveau der Lebenden zurück, ja führt einen dem Leben zu.“

Mariam Kühsel-Hussaini zeigt mir dann aber in ihrem Roman kurz eine andere Seite von Cioran, die ich noch nicht kannte. Sie erzählt über Ciorans Stipendienaufenthalt zunächst an der Humboldt-Universität Berlin im Jahr 1933, später in München und verknüpft dies mit der Geschichte des Chefs der damaligen Geheimpolizei, Rudolf Diels. Cioran fühlte sich vom Gedankengut der Nationalsozialisten angezogen. Es wäre interessant, dazu mehr Hintergründe zu erfahren. Doch das Buch handelt viel zu wenig von Cioran, sondern es überwiegen die Gräueltaten der SS und SA die mir zu oft zu detailreich und zu drastisch auserzählt werden.

Ich bekomme Cioran im Text nicht wirklich zu fassen, obwohl die Autorin ihn ja schon durch den Buchtitel in den Mittelpunkt stellt. Ich erfahre zu wenig über ihn. Nur ganz selten blitzen interessante Aspekte, meist philosophische Ideen auf, die ich dann auch sprachlich stark finde. Doch die meiste Zeit bleibt der Held in seinen Gedanken und Vorstellungen gefangen. Werden anfangs noch Begegnungen und Beziehungen zu Studenten beschrieben, verliert sich das im Laufe des Romans ganz.

„Mir wurde bewusst, in diesem Berlin der Theorien und der Ideale war ich nur ein Absteiger, ein Mensch ohne Geltung, ohne Teilhabe, ein Fremder, denn das Leben selbst war mir fremd und nur mit meiner unerschöpflichen Gabe der Geistesgestörtheit, die mir meine Mutter mitgegeben hatte, würde ich dieses ganze Dasein weiterführen können.“

Mitunter verzettelt sich Kühsel-Hussaini auch mit einem Wortschatz, der von poetisch bis pathetisch reicht. Oft steht die zierliche Sprache auch den inhaltlich grausamsten Szenen gegenüber. Da wird man hin und her geworfen. So verfährt sie auch mit dem Personal ihres Romans. Sprunghaft wechseln sich die Charaktere ab, mitunter geht es drunter und drüber. Und wenn ein kurzer Absatz über den jungen Josef Mengele mit einem über Carl Ossietzky und Hans Scholl konkurriert, frage ich mich, ob es nicht etwas zu viele Personen sind, die hier agieren. Ich hätte mir mehr Tiefe, vor allem bei Cioran gewünscht.

„Die Zeit ist meine einzige Heimat, ich bin kein Bewohner dieser Erde, ich betrachte sie, berühre ihr Glas. Ich lebe nicht, ich schaue das Leben an. Ich atme nicht, ich fange die Luft ein. Ich bewundere den Mond nicht, ich bemitleide ihn.“

Kurz werden Einzelschicksale angerissen: der Kommunist, der gefoltert wird, der jüdische Kunsthändler, der auf der Straße blind geprügelt wird. Otto, Medizinstudent, der Emil zu Beginn in Berlin als Stipendiat in Empfang nahm, wird im Laufe der Geschichte, weil drogenabhängig und (nicht offen) homosexuell, nun als SS-Mann als Aufseher und Peiniger ins KZ Dachau geschickt, um „clean“ zu werden. Heinrich Himmler kommt zu Wort und wir lesen von kruden Allmachtsfantasien. Rudolf Diels trifft mehrfach Adolf Hitler persönlich und klagt die grausamen Foltermethoden an. Er bringt wiederholt Männer hohen Dienstrangs vor Gericht, da sie sich nicht an geltende Gesetze halten, bis Hitler ihm irgendwann nicht mehr freie Entscheidungen zugesteht. Er steht hier im Roman fast noch als humanste Figur da, obwohl er sehr große Entscheidungsgewalt hat. Inwiefern das in der Realität so war, ist schwierig herauszufinden.

Ich finde es durchaus mutig aus diesen zwei realen Gestalten der Geschichte, die sich nie begegnet sind und die nichts verbindet, außer eine Zeit lang der Aufenthaltsort, einen fiktiven Roman zu machen. Für zart Besaitete und Sensible ist der Roman nicht zu empfehlen; und das liegt nicht an Ciorans Suizidgedanken, sondern vielmehr an der schlimmen Gewalt, die doch sehr viel Raum einnimmt. Mich hat das ziemlich abgeschreckt und ich habe mich gefragt, warum man als Autorin so etwas macht. Ich habe mich deshalb auch in den Zitaten auf die Cioran`schen Gedanken konzentriert, die mir sehr gefielen.

Der Roman erschien im Klett Cotta Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hier gibt es eine interessante Diskussion zum Buch, die meiner Meinung überwiegend auch entspricht:
https://www.swr.de/swr2/literatur/mariam-kuehsel-hussaini-emil-100.html

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