Simone Scharbert: Rosa in Grau Edition Azur


Simone Scharbert kenne ich als Lyrikerin. Nun ist bereits ihr zweiter Prosaband erschienen. Rosa in Grau interessierte mich vor allem wegen der Thematik: eine Frau in der Psychiatrie, Schreiben und Malen in der Psychiatrie, die sogenannte Art Brut. Die Autorin orientiert sich an wahren Schicksalen. Sie hat viel recherchiert über die Zustände in deutschen „Nervenheilanstalten“, wie sie in der Nachkriegszeit und weit in die 70er Jahre hinein herrschten. Im Nachwort kann man mehr darüber erfahren. Wunderbar stimmig finde ich auch den Untertitel „Eine Heimsuchung“, denn der trifft ja gleich mehrdeutig zu. Eine Heimsuchung die psychische Krankheit – eine Heimsuchung: auf der Suche nach einem Zuhause, einem Ankommen. Einem So-Sein-Dürfen. Vielleicht ein Daheim finden im Aufbrechen der unausgelebten Kreativität.

„Manchmal sehe ich Worte. Egal ob ich will oder nicht. Sie sind einfach da, farbig. Manchmal steht Rosa daneben, wenn das passiert. Sie schüttelt dann den Kopf und lacht. Sie mag, wenn ich Worte sehe, wenn ich sie male oder schüttle, etwas Neues draus mache oder sie einfach vergesse, so wie ich mich manchmal vergesse.“

1. Kapitel: zu Hause, 1951. Wir sehen eine Frau mit zwei Kindern, einem Mann. Eine Frau, die ihre Kinder mit Hingabe liebt. Besonders Rosa, das Mädchen, bei dem man manchmal gar nicht weiß, ob die Tochter gemeint ist oder ob es sich um ein inneres Kind oder ein zweites Ich handelt. Sie fühlt sich überfordert, überschwemmt von einem Zuviel. Scharbert inszeniert alles nur schemenhaft und fragmentarisch. Nichts ist klar. Es gibt keine chronologische Abfolge, es geschieht vermeintlich wenig. Zumindest äußerlich. Im Innenleben der Hauptfigur passiert jedoch viel. Gedanken über Gedanken, ein Gedankenrauschen. Ein großes Fühlen.

2. Kapitel: Heil- und Pflegeanstalt Haar, 1953. Hauptschauplatz ist nun die psychiatrische Anstalt. Wie sie hier hin gelangt, erfahren wir nicht. Hier lernt die Heldin Eugen kennen, der sehr lange schon hier lebt und zum Maler geworden ist. Bei ihm fühlt sie sich wohl, mit ihm teilt sie die inneren Farben, die Worte. Zu ihm fasst sie Vertrauen. Es gibt Phasen, in denen sie aggressiv ist und in eine Isolationszelle kommt, es gibt Phasen der Klarheit und der Sehnsucht nach einem Ort außerhalb der Anstalt, nach den Kindern. Nach einem gelingenden Dasein.

Bereits in ihren Gedichten glänzt Simone Scharbert mit einer feinen Sprache, mit Wortspielereien und kunstvoller Poesie. Hier stellt sie die Zartheit ihres poetischen Ausdrucks dem oft harten Inhalt gegenüber. So zeigt sich auch, dass nicht alles pathologisch ist, was auf den ersten Blick so wirkt. Viele der Patientinnen wurden einfach ihrem Schicksal überlassen. Ein riesiger Schlafsaal, in der Nacht voller Patientinnen und tagsüber keinen Raum für sich, das ist das, was die Protagonistin am schwersten aushält. Wir erleben den stumpfen Alltag der Patientinnen, in dem jede Unregelmäßigkeit erfrischend, aber ebenso sehr erschreckend sein kann.

„Es ist ein hemmungsloses Weinen. Es ist ein Weinen gegen alles. Ich verstehe es sofort. Dagegen kann man nichts tun, darf man nichts tun. Eine Wasserflut, eine eigene Sprache. Vom Verlust der Dinge, der Menschen, die uns wichtig sind, wichtig waren. Dagegen ist kein Ankommen. Es ist eine Sprache, die nur hier verstanden wird, wir sprechen sie alle.“

Wir erfahren auch aus der Erzählung einer Pflegerin, Käthe, die die Heldin gern hat, wie es war zur Zeit des Nationalsozialismus, wie schnell hier „unwertes“ Leben einfach ausgelöscht wurde und wie zäh, träge und langsam sich die Behandlungen, die Zustände ändern. Käthe erzählt von Tausenden, die hier angeblich in Heilpflege waren, in Wirklichkeit aber dem Tode geweiht waren. Über die Euthanasie der Klinik Eglfing-Haar findet man mithilfe der Suchmaschine verschiedene Beiträge und persönliche Tatsachenberichte.

3. Kapitel: zu Hause, 1954. Plötzlich heißt es: Sie darf nach Hause. Eine kleine Wohnung wartet. Sie ist nun eine „Geschiedene“, wird schräg angeschaut. Sie sehnt sich nach Rosa, die immer seltener an ihrer Seite ist. Sie versucht sie zu finden, doch scheint diese sie vergessen zu haben. Vielleicht findet die Suche aber auch nur in ihrem Kopf, in ihrer Vorstellung statt.

„Das es zwei Kinder seien. Zwei. Dass ich sie nicht sehen dürfe. Trotz meiner Entlassung. Man wisse ja nicht. Dass jemand anderes für sie sorge. Dass das so besser sei. Ich nicht mehr in der Lage dazu gewesen, einfach weg gewesen sei. Die armen Kinder.“

4. Kapitel: Nervenkrankenhaus Haar, 1956. Wieder ist sie da. Warum sie es nicht geschafft hat „draußen“, erfahren wir nicht. Sie ist wieder bei den Frauen, manche bekannt, manch neues Gesicht. Ganz junge Frauen sind dabei. Eine stickt aus den eigenen ausgefallenen Haaren das Antlitz eines Mannes in ein Stück Stoff, eine andere zerreißt die Laken in kleine Streifen und bildet daraus am Boden ihres Zimmers einen Sternenhimmel nach. Welch eine Tragik. Wie es wohl gewesen wäre, wenn diese Frauen ihre Kreativität hätten ausleben dürfen? In Freiheit? Und der große unerklärliche Zorn einer Frau, die sich aufgrund dessen der Elektrokrampftherapie aussetzen lassen muss, so dass sie hinterher nur ein Grau in Grau sieht. Die Frauen, die eingeteilt werden in die Kategorien: die Ruhigen, die Unruhigen und die Unsicheren. Die Frauen, die bei klarem Verstand sind, und dennoch bleiben (müssen). Und auch sie muss sich schließlich dieser Behandlung unterziehen. Ausgerechnet die vertraute Pflegerin Käthe muss sie darin betreuen.

“ … vor der Anwendung noch schnell Erinnerungen in die Innenseiten ihrer Schürzen, Kleidertaschen einnähen, Bilder, einzelne Worte, Relikte eines anderen Lebens, das hier an der Pforte abgegeben wird und von dem mit jedem Heilkrampf ein weiteres Stück verschwindet, in einem selbst oder dem, was davon übrig ist.“

Wie Menschen entmenschlicht werden, aus dem Leben, aus der Zeit fallen, in ein nur-noch-körperlich-Anwesendsein. Wieviel fehlt. Wieviel Zeit verstreicht. Wieviel verlorenen geht. Die Hauptfigur wird lange bleiben. 1979 heißt es am Ende.

„Was die Zeit auch sieht: Wie alles wieder zusammenbricht. Wie die Wörter verschwinden. Und immer weniger zum Malen bleibt. Wie Käthe an mir vorbeigeht. Ohne mich anzusehen. Immer öfter. Irgendwann stehen bleibt. Sagt, dass sie bald gehen, die Anstalt verlassen müsse.“

Dieses Buch hat mir beigestanden in den letzten Wochen. Ich habe es über einen langen Zeitraum hinweg gelesen. Es hat dadurch für mich eine besondere Qualität. Ich habe Bilder empfangen und in den Seiten Wege gefunden. Formal ist es wie ein Gedankenstrom, mitunter fragmentarisch. Die Poesie in der eigentlich dunklen traurigen Geschichte hellte mich auf und ließ mich nicht allein im Hier stehen. Eine Zartheit nahm ich war. Eine Verlorenheit, die ich kenne. Und unter all dem ein Leuchten! Danke, Simone, dafür!

Und dieser Text steht auch für all die Frauen, die man oft in die Psychiatrie schickte, weil sie dem jeweiligen Rollenbild ihrer Zeit nicht entsprachen. Zum Thema passt da auch sehr gut Amalie Skrams „Professor Hieronimus“ oder auch Johanna Holmströms „Die Frauen von Själö“:

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2 Gedanken zu “Simone Scharbert: Rosa in Grau Edition Azur

  1. Eine sehr bewegende Besprechung. Ich werde mich mal sanft dem Buch nähern. Es gibt Bücher, die ich nur in kleinen Dosen lese, wie Sylvia Plath, da ich sonst in einen emotionalen Strudel hinabgezogen werde, auf den ich gar nicht vorbereitet bin. Vielleicht ist das ein solches. Viele Grüße und vielen Dank!

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