Delphine de Vigan: Nach einer wahren Geschichte Dumont Verlag

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Dieser Roman hat mich überrascht. Ich brauchte wirklich über 100 Seiten, bis ich überzeugt war, dran zu bleiben. Doch dann faszinierte mich die Story, und zwar aufgrund ihrer Konstruktion und aufgrund der Fragen die sie aufwirft. De Vigan hat da eine ganz verzwickte Komposition, eine verwirrende Konstellation gewählt, die extrem gut durchdacht ist. Man kann das Buch als Psychothriller lesen, darüber hinaus bietet es aber noch mehrere andere Lesarten. Bereits der Titel weißt darauf hin: es könnte sich um „eine wahre Geschichte“ handeln oder „nach einer wahren Geschichte“ erzählt sein.

Die Heldin des Romans hat vor einiger Zeit einen sehr erfolgreichen Roman abgeliefert, der teilweise autobiographisch ist. Nun fühlt sie sich erschöpft von Lesereisen und dem ganzen Rummel um ihre Person, den das Buch hervorgerufen hat. Sie scheint ausgebrannt und landet dadurch direkt in einer Schreibblockade, die vor allem von der Erschöpfungsdepression hervorgerufen wird. Das führt soweit, dass sie nicht einmal mehr den Computer starten kann und keinen Stift mehr in die Hand nehmen will.
In dieser Zeit begegnet ihr eine Frau, im Buch nur L. genannt, die nach und nach zuerst zur Freundin, dann zur Vertrauten, bald aber schon zur ärgsten Feindin wird. Die Ich-Erzählerin wird immer abhängiger von L., diese weiß unter dem Deckmäntelchen der Hilfeleistung ihre Macht geschickt auszunutzen und versucht sogar in deren Identität zu schlüpfen.

„L. war für mich notwendig geworden, unverzichtbar. Sie war da. Und vielleicht brauchte ich genau das: dass sich jemand ausschließlich für mich interessierte. Hegen wir nicht alle diesen verrückten Wunsch? Ein Wunsch aus der Kindheit, auf dessen Erfüllung wir, manchmal zu früh, haben verzichten müssen. Ein Wunsch, von dem wir als Erwachsene wissen, dass er er egozentrisch, übersteigert und gefährlich ist.“

Jene L., selbst als Ghostwriterin tätig, versucht ihr einzureden, dass nur eine wahre Geschichte, also das Autobiographische wirklich von den Lesern gewollt ist. Fiktion sei nur Stückwerk. Damit treibt sie die Hauptfigur langsam aber sicher in die Enge, bis diese zum Gegenangriff ausholt, sich damit aber schließlich größter Gefahr aussetzt.

„Inwiefern war die Fiktion rein? Wovon war sie befreit oder gereinigt? Gab es in der Fiktion nicht immer einen Anteil von uns, unseren Erinnerungen, unserem Innersten?“

De Vigan spielt gekonnt mit den Realitäten und Identitäten. Was ist Wirklichkeit, was nur erdacht, was vielleicht gar pathologisch? Die Doppelbödigkeit dieser Geschichte erliest man sich mit Staunen und es bleibt spannend bis zum Schluss. Die Autorin wirft mit diesem Roman eine der interessantesten Fragen bezüglich der Literatur auf. Was macht Literatur aus? Darf sie autobiografisch sein? Muss sie fiktiv sein? Und was will der Leser? Wie wichtig ist es für einen Autor, was seine Leser sich wünschen?

Delphine de Vigans Roman erschien im Dumont Verlag. Aus dem Französischen übersetzte Doris Heinemann. Eine Leseprobe von „Nach einer wahren Geschichte“ gibt es hier.
De Vigans vorheriges Buch, welches ich noch nicht kenne, aber nun zur Lektüre angeregt wurde heißt „Das Lächeln meiner Mutter“. Ich entdeckte die Autorin durch ihren Roman, „Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin“, in dem es um Mobbing geht.

Frankfurter Buchmesse 2017: Ehrengast Frankreich

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Mit Frankreich ist diesmal wieder ein direktes Nachbarland Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse. Wie ich erfreut feststelle, habe ich bisher schon recht oft literarisch hinüber gelesen. Hier ein kleiner Überblick:

AchterbahnEinen zweisprachigen Lyrikband bringt der Wallstein Verlag in Zusammenarbeit mit Le Castor Astral heraus. Es trafen sich vier französische und vier deutsche Dichter, um gegenseitig im Miteinander ihre Gedichte zu übersetzen – hier findet man zeitgenössische französische Lyrik. Mit dabei unter anderem: Marion Poschmann und Monika Rinck.

Folgende Bücher sind jeweils verlinkt – man gelangt direkt zu meiner Besprechung:

Raymond Queneau: Stilübungen Suhrkamp Verlag 2016
Ein köstliches Spiel mit Sprache von einem der Oulipo-Dichter über eine Busfahrt

Claude Simon: Das Pferd Berenberg Verlag 2017 
Ein sprachliches Meisterwerk: die Grausamkeit des Krieges auf wenigen Seiten

Octave Mirbeau: Diese verdammte Hand Weidle Verlag 2017
Ein Künstlerroman, der Vincent van Goghs Zerrissenheit in den Mittelpunkt stellt

Christophe Boltanski: Das Versteck Hanser Verlag 2017 
Ein Haus in Paris als Familienhöhle und als Versteck für einen jüdischen Arzt

Valentine Goby: Kinderzimmer Ebersbach & Simon 2017 
Erschütterndes Zeitdokument einer Französin aus dem Frauenlager Ravensbrück

François Frenkel: Nichts um sein Haupt zu betten Hanser Verlag 2016 
Eine französische Buchhandlung in Berlin und die Flucht vor den Nationalsozialisten

Silvie Schenk: Schnell, dein Leben Hanser Verlag 2016 
Starkes autobiografisches Frauenporträt einer Französin im Nachkriegsdeutschland

Jérôme Ferrari: Ein Gott Ein Tier Secesssion Verlag 2017
Sprachlich unglaublich dicht: Geschichte eines jungen Mannes auf der Sinn-Suche

Karine Tuil: Die Zeit der Ruhelosen Ullstein Verlag 2017 
Aktuelles, gut konstruiertes Porträt der französischen Gesellschaft

Leila Slimani: Dann schlaf auch du Luchterhand Verlag 2017
Eine Art Psychothriller, der auch als Gesellschaftskritik durchgehen kann

Véronique Bizot: Menschenseele Steidl Verlag 2016 
Eine sprachlich überzeugende Entdeckung, eine ungewöhnliche eigenartige Geschichte

Saphia Azzeddine: Bilqiss Wagenbach Verlag 2016 
Die mutige junge Bilqiss in ihrem klugen Kampf gegen die Religionspolizei

Julia Deck: Winterdreieck Wagenbach Verlag 2016
Schräger Roman um eine skurrile Protagonistin im Widerstand gegen sich und die Welt

Brigitte Giraud: Einen Körper haben S. Fischer Verlag 2016
Roman, der sich durch Körperlichkeit dem Inneren einer trauernden Frau annähert

Delphine de Vigan: Nach einer wahren Geschichte Dumont Verlag 2016 
Eine Frau mit Schreibblockade erhält (scheinbar) Hilfe von einer mysteriösen Fremden

Shumona Sinha: Erschlagt die Armen Edition Nautilus 2015 
Eine Emigrantin steht als Dolmetscherin zwischen Herkunft und neuem Land und scheitert an dieser Aufgabe

Shumona Sinha: Kalkutta Edition Nautilus 2016 
Eine Frau kehrt zum Begräbnis des Vaters in ihr Herkunftsland Indien zurück und erinnert sich

Shumona Sinha: Staatenlos Edition Nautilus 2017
Drei Frauen zwischen Tradition und Moderne, zwischen Fremdheit und Ankommen

Aya Cissoko: Ma Wunderhorn Verlag 2017
Geschichte einer jungen Emigrantin aus Mali zwischen Tradition und Moderne

Nathalie Chaix: Liegender Akt in Blau Kunstanstifter Verlag 2016 
Ein kleines Kunstwerk über eine brennende Liebe anhand des Malers Nicolas de Stael

Catherine Meurisse: Die Leichtigkeit Carlsen Verlag 2017
Das Wieder-in-die-Welt-finden einer Illustratorin nach dem Attentat bei Charlie Hebdo

Was mir auffällt, wenn ich die Titel so durchgehe: Es sind vor allem Autorinnen. Offenbar haben in Frankreich die schreibenden Frauen das Heft in der Hand, was mich wiederum sehr für sie einnimmt. Unschwer zu erkennen ist, dass Shumona Sinha meine Favoritin ist. Ich habe sie kürzlich in einer Lesung des Literaturfestivals erlebt und finde ihre starke kritische Stimme, die sie mit feiner Sprachpoesie kombiniert, mehr als überzeugend. Leuchtende Leseerlebnisse wünsche ich!