Hans-Ulrich Treichel: Tagesanbruch Suhrkamp Verlag

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Die Vogeluhr als Bild an der Wand. Sie zeigt an, welcher Vogel morgens als erstes erwacht, um welche Zeit welcher Vogel singt. Doch sie wird sie nun abnehmen, sie wird nicht mehr gebraucht. Sie kennt die Reihenfolge längst.
Eine Mutter, die ihren todkranken Sohn gepflegt hat, erinnert sich. Während sie ihn leblos in ihren Armen hält ganz früh, noch bevor die ersten Vögel erwachen, durchlebt sie ihr Leben noch einmal. Als wäre sie es, die sich auf dem Totenbett erinnert. Dabei erzählt sie alles ihrem Sohn. Jetzt wo er nicht mehr am Leben ist, ist es leichter. Bei Tagesanbruch wird sie den Arzt anrufen.

Auch in seinem neuen, nur 86 Seiten langen Roman bleibt Hans-Ulrich Treichel bei seinen Themen. Fast immer geht es um die Nachkriegszeit, das Wirtschaftswunder und das, was an Kriegserlebnissen verdrängt wurde und dennoch das Leben beschwerte. Das kann man langweilig finden, für mich aber ist es jedes Mal stimmig. Vor allem weil er variantenreich den Blickwinkel immer wieder verschiebt. Nach dem letzten Roman „Frühe Störung“, den ich liebte aufgrund seines analytischen und zugleich humorvollen Blicks auf eine symbiotische Mutter-Sohn-Beziehung wechselt die Perspektive diesmal und es wird ernster. Eine Mutter kommt zu Wort. Sehr dicht ist diese eigentlich so kurze Geschichte, viel intensiver als manch langer Roman.

Sie hat ihren krebskranken Sohn zu sich in die Alterswohnung geholt, um ihn zu pflegen, wochenlang, monatelang. Nun ist er tot. Sie ist ihm nun näher denn je. Der Sohn, der Akademiker wurde und nicht wie erhofft Pianist, hatte man sich doch ein Klavier ins Haus gestellt, um dem Jungen die Möglichkeit zu geben, ein Instrument zu erlernen. Doch der hörte lieber ganz andere Musik auf dem tragbaren Plattenspieler. Die Mutter erzählt von den Mühen, die in der Nachkriegszeit, in der Aufbauphase zu bewältigen waren. Doch ihr Mann und sie hatten es durch Fleiß und Sparsamkeit geschafft, hatten es zu einem eigenen Haus gebracht und sogar ein Geschäft gegründet. Für sie als Flüchtlinge war es nicht leicht, der Mann versehrt, einen Arm im Krieg verloren, sie mit inneren Wunden. Gerne wäre sie Lehrerin geworden, doch dann hat sie die Buchhaltung für den Laden gemacht. Ein Leben voller Arbeit ohne Zeit, die Traumatisierungen aufzuarbeiten.
Immer tiefer kann sie nun tauchen, kann auch das lange zurückgehaltene, immer verschwiegene ans Tageslicht holen.

„Also habe ich geschwiegen. Wie mein Mann auch. Wir haben das, was wir miteinander erlebt haben, nicht nur vor allen anderen, sondern auch vor uns selbst verschwiegen. Als wären wir beide nicht dabei gewesen, bei unserem eigenen Unglück.“

Bald ahnt der Leser was geschehen war. Wie die Russen sie auf der Flucht aus dem Osten gestellt hatten, über sie hergefallen waren und sie beinahe beide zu Tode gekommen wären, wenn nicht eine wundersame Fügung sie doch noch gerettet hätte. Sie kann ihrem Sohn nun erzählen, dass sie damals schwanger wurde, dass die Zweifel niemals ganz vergingen, ob der geliebte Sohn auch wirklich der Sohn ihres Mannes war oder ein „Russenkind“ …

„Als das Klavier geliefert wurde zum Beispiel, da war unser Sohn ganz und gar unser Sohn. Da gab es auch nicht den geringsten Zweifel. Obwohl das Klavier dann doch nicht sein Instrument wurde. Trotz seiner Klavierspielerhände hat er es darauf zu nichts gebracht. Am Ende stand das teure Instrument unbenutzt im kalten Wohnzimmer.“

Hans-Ulrich Treichel, Jahrgang 1952, unterrichtet seit langem als Professor am Literaturinstitut Leipzig.
Ich empfehle dieses Buch, wie auch jeden seiner älteren Romane sehr. Alle sind im Suhrkamp Verlag erschienen.