Zum Welttag des Buches: Warum ich lese – 40 Liebeserklärungen an die Literatur Homunculus Verlag

Zum heutigen Welttag des Buches ist es natürlich notwendig ein Loblied auf das Lesen, die Literatur und auf das Buch anzustimmen: Deshalb möchte ich noch einmal auf ein bereits vor zwei Jahren erschienenes Buch hinweisen, das genau das tut – vielleicht ist es dem einen oder der anderen bisher entgangen …

„Warum ich lese“ ist aus einer Idee des Literaturbloggers Sandro Abbate entstanden. Er stellte auf seinem Blog novelero die Frage: Warum lest ihr eigentlich?

Das ist doch klar, dachte ich. Doch so einfach ist es gar nicht in Worte zu fassen und mich schickte diese Frage sofort zurück in meine Vergangenheit. Schließlich formulierte ich einen kurzen Text, der aus sehr persönlichen Erfahrungen schöpfte: Welche Initiation für mich das Lesenlernen war, wie gut die Entscheidung war Buchhändlerin zu werden, welche Bedeutung Fernando Pessoa für mich hat und dass ich durchs Lesen schließlich auch zum eigenen Schreiben gekommen bin …

Erstaunlich viele andere Literaturblogger beschäftigten sich ebenfalls intensiv mit der Frage. Die entstandenen Texte waren so interessant und vielschichtig, dass Sandro die Idee hatte, man könne diese Texte doch in einem Buch versammeln. Sandro konnte dann den unabhängigen kleinen feinen Homunculus Verlag für dieses Unterfangen gewinnen.

Im März 2017 ist es mit einer Auswahl von 40 Texten erschienen und es ist schön geworden! Schön wäre auch, wenn es viele Leser fände. Eine Leseprobe gibt es auf der Website des Homunculus Verlags, wo auch alle Beitragenden mit ihren Blogs aufgeführt sind. Mein Text „Warum ich lese oder Ich brauche Wahrheit und Aspirin“ ist natürlich auch hier auf dem Blog zu lesen.

Warum ich lese oder Ich brauche Wahrheit und Aspirin

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Jetzt könnte ich mit Pessoa anfangen …

Aber ich fange anders an. Ich komme aus einer Familie, in der Lesen keine Rolle spielte. Es gab zuhause keine Bücher. Nicht mal Buchattrappen.  Es gab niemanden, der mir das Lesen oder Bücher nahe gebracht hat. Umso erstaunlicher ist meine Initiation …
Das Lesen- und Schreibenlernen in der Schule war Offenbarung.  Lesen war Reisen, Lesen war Flucht, Lesen war abseits der Wirklichkeit. Was war später naheliegender, als eine Ausbildung zur Buchhändlerin zu beginnen?
Ich hatte einen sehr guten Abschluss hingelegt, aber wirklich etwas über Literatur, wie sie funktioniert, wirkt und wie sie Leidenschaften wecken kann, habe ich erst einige Jahre später am besten Arbeitsplatz meines Lebens erfahren. Dort gab es einen Kollegen, der ein immenses Wissen hatte über Literatur. Und zwar tief verinnerlichtes Wissen, das Zusammenhänge schaffen kann, kreatives, nicht auswendig gelerntes Wissen, sondern gelebtes Wissen. Er erzählte mir von Autoren, von denen ich noch nie gehört hatte, er entfachte Leseleidenschaft und pflanzte mir die Liebe zur Lyrik ins Herz.

Und so lernte ich auch Fernando Pessoa kennen: „Ich brauche Wahrheit und Aspirin“ … der Titel eines bibliophilen auf wunderbarem Papier in besonderen Lettern gesetzter Band mit Gedanken und Versen des Portugiesen, welcher in einem winzigen Verlag erschien bei einem passionierten Verleger.

Ich habe mich nie wohlgefühlt, solange ich mich nicht ins Universum legte. *

Ich brauche Wahrheit und Aspirin … das hat mich immer begleitet seither. Es ist, als träfe das genau den Punkt. Meinen Lebenspunkt. Wahrheit als Metaebene und dann Aspirin gegen die Schmerzen vom zu vielen Nachdenken über Wahrheit und Wirklichkeit … Pessoas „Buch der Unruhe“ ist dann meine Bibel geworden durch die Buchhändlerzeit. 

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Literatur als Unruhestifter, als Denkanstifter. Lesen ist längst keine Flucht mehr. Lesen ist für mich niemals Unterhaltung. Darum geht es mir gar nicht. Ich brauche keine leichte Lektüre mit Happyend, um mir die Zeit zu vertreiben. Ich liebe offene Enden, sie beflügeln die Fantasie.  Ich hasse lustige Bücher, weil sie selten klug sind. Bücher, die mir nicht gefallen, die mich nirgends berühren, lege ich rigoros un- oder halbgelesen weg. Außerdem lese ich fast ausschließlich Belletristik, Romane und immer mehr Lyrik. Sachbücher fast nie – non-fiction habe ich auch so genug.
Gute Literatur stößt den grenzenlosen Denkprozess an. Lesen ist Reibung am Text, Herausforderung und Arbeit. Arbeit an und mit mir selbst. Lesen braucht Mut und Zeit – Lyrik lesen noch mehr. Lesen bedeutet für mich Auseinandersetzung mit Sätzen, mit Wörtern, mit Themen, die mich treffen. Entwicklung ist das Stichwort …

Und als Buchhändlerin lag mir die Vermittlung am Herzen. Ich hatte es in der Hand, die Saat zu legen, die Lust aufs Lesen zu gießen und vielleicht keimen zu sehen. Das habe ich sehr lange getan. Ein Vierteljahrhundert. Inzwischen arbeite ich nicht mehr als Buchhändlerin, der Blog ist mittlerweile mehr als ein guter Ersatz. Zusätzlich bin ich auf die schreibende Seite gewechselt, vielleicht sogar aus dem Grund, weil ich wahnsinnig viel gelesen habe, kein Ende in Sicht…

Habe ich die Frage beantwortet? Nein?
Macht nichts. Vielleicht ist der Zauber des Lesens unerklärlich.
Die Frage stellte Sandro Abbate vom Blog Novelero in den Buchblogger-Raum.

*Zitat aus Fernando Pessoa: Ich brauche Wahrheit und Aspirin aus dem Verlag ctl-presse

 

Michel Houellebecq: Vernichten Dumont Verlag

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„Die Menschen erhalten mit Mühe soziale Beziehungen, sogar freundschaftliche Beziehungen aufrecht, die ihnen so gut wie nichts nützen, das ist eine ziemlich rührende Eigenschaft der Menschen.“

Der absoluten Begeisterung vieler Kritikerstimmen kann ich nicht beipflichten. Das beginnt schon beim Titel. Ich hatte mehr Schärfe, mehr Charakter erwartet. Ich kenne ältere Romane Houellebecqs, die ich beachtlicher fand. Ist das jetzt schon das Alterswerk des Autors?

Die Ankündigungen im Klappentext führen in die falsche Richtung, wie ich finde. Denn da heißt es, es gehe um die Aufklärung terroristischer Anschläge, die der Hauptprotagonist, der im Wirtschaftsministerium arbeitet, untersuchen soll.  Über weite Teile ist Michel Houellebecqs neuer Roman jedoch eine etwas betuliche Familiengeschichte und eine Art Karrieregeschichte eines wenig interessanten Mannes, der in der Zukunft, im Jahr 2027 spielt, ohne dass man größere Veränderungen zum Heute bemerkt.

Es geht also um Paul Raison, um die fünfzig, der in einer guten Gegend von Paris wohnt und im Wirtschaftsministerium für einen zukünftigen Kandidat der Präsidentschaftswahl arbeitet. Seine Ehe ist zur Gewohnheit geworden. Ehefrau Prudence und Paul gehen sich zuhause absichtlich aus dem Weg. Als Pauls Vater einen Schlaganfall erleidet, den er mit schweren Folgen und nun pflegebedürftig überlebt, kommt die Familie seit langer Zeit einmal wieder zusammen. Obwohl sich bisher alle wenig zu sagen hatten, entsteht nun plötzlich eine Art Heile-Familienwelt mit engem Zusammenhalt, die ich dem Autor in der Kürze des Zeitraums, in der die Metamorphose vor sich geht, nicht abkaufe. Ganz ähnlich verfährt er mit der erneuten Annäherung der beiden Ehepartner, die sich kurz nach diesem Schicksalsschlag (und nachdem auch noch Prudences Mutter plötzlich verstirbt) in Windeseile wieder zu einer großen Liebe mit reichem Sexualleben zusammen finden. Dass sich zwischendurch auch noch der Bruder Pauls das Leben nimmt, scheint mir sehr dick aufgetragen. Auch, was sich in den letzten Kapiteln abspielt, die ich hier nicht mehr beschreibe, weil ich nicht spoilern will, ist in diesem kurzen Zeitraum von Frühling bis Herbst schon sehr dramatisch.

Recht interessant und aufschlussreich fand ich die Kapitel, die sich um den Wahlkampf drehen und ich hätte mir gewünscht, dass die Ermittlungen um die Terroranschläge nicht einfach im Sande verlaufen wären, nachdem sie eingangs so wichtig für die Geschichte schienen.

Abgesehen davon, dass mich der Roman oft gelangweilt hat, fielen mir auch einige inhaltliche Unstimmigkeiten auf ->gibt es im Jahr 2027 noch Overheadprojektoren? Warum muss die eigene Familie den Vater aus dem Pflegeheim entführen (französisches Recht?)? Weiterhin habe ich nicht verstanden, was Pauls ausführlich erzählte, wirre Träume, die immer plötzlich mitten in den Kapiteln auftauchen, wichtiges zum Roman beitragen sollen. Über das hanebüchene Frauenbild (des Autors/des Protagonisten?) möchte ich nicht lange schreiben; es reicht folgendes Zitat:

Mit seinem Anruf verband er vor allem die Hoffnung, sie werde ihn dafür loben, dass er sich endlich um seine Zähne gekümmert hatte, denn traditionellerweise gehört es zur Rolle der Frauen, die Männer zu ermuntern, sich um sich selbst zu kümmern, insbesondere um ihre Gesundheit, und sie ganz allgemein mit dem Leben zu verbinden, denn die Freundschaft zwischen den Männern und dem Leben ist selbst im besten Fall recht zweifelhaft.“

Alles in allem, kann ich mich nicht dazu entschließen, dem Roman ein positives Urteil zu geben, obwohl ich ja komplett alle über 600 Seiten gelesen habe. Da Houellebecq am Ende des Buches etwas kryptisch darauf hinweist, dass es womöglich das letzte Buch war, muss ich mir vielleicht keine Gedanken über weitere Lektüre seiner Bücher machen. Schlussendlich möchte ich aber auch eine kurze Sequenz zitieren, die mir sehr gut gefallen hat und der ich durchaus zustimme:

„Das menschliche Leben besteht aus einer Abfolge administrativer und technischer Schwierigkeiten, unterbrochen von medizinischen Problemen; mit dem Alter treten die medizinischen Gesichtspunkte in den Vordergrund. Das Leben ändert also seine Beschaffenheit und beginnt einem Hürdenlauf zu ähneln […] Das Leben ändert also ein zweites Mal seine Beschaffenheit und wird zu einem mehr oder weniger langen und schmerzhaften Pfad zum Tod hin.“

Vernichten“ erschien im Dumont Verlag. Das Buch würde übersetzt von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Im Buch erwähnt Houellebecq auch den Roman von Philippe Lançon, in dem er über seine Aufarbeitung des islamistischen Anschlags auf Charlie Hebdo erzählt. Das Buch empfehle ich auch hier auf dem Blog:

Philippe Lançon: Der Fetzen Tropen Verlag

Diana Anfimiadi: Warum ich keine Gedichte schreibe Wieser Verlag

„Dichtung – eine der Sprachen,
 denen das Aussterben droht“

Die 1982 geborene Georgierin Diana Anfimiadi hat mich mit ihren Gedichten in mehrfacher Hinsicht überrascht und froh gemacht. Allein der Titel des kürzlich erschienenen Bandes war eine Offenbarung, hadere ich doch mitunter selbst, ob ich nun weiter Lyrik schreiben soll oder es lassen. Zum Glück tut es die Dichterin ja doch, denn ihre Gedichte sind echte Kunstwerke. Über allem steht ihr großes Thema: Die Sprache und die Liebe zur Sprache. Denn oft erscheinen mir ihre Verse als Liebesgedichte, die sich dann als Hymnen an die Sprache, besonders auch an vergessene oder vom Aussterben bedrohte Sprachen entpuppen. Dabei sind sie oft von Motiven aus der antiken Mythologie durchzogen, aber eben vorrangig auch vom alltäglichen Erleben geprägt.

aufs Brot strich ich dir Butter,
wie man mit der Hand über die Hand streicht,
sparsam, um dich daran zu gewöhnen.
Einst war ich, von deinem Fenster aus, ein Lichtbaum,
du pflücktest Fledermäuse, Früchte der unreifen Angst,
einst war ich der Kühlschrank und nur für dich
pochte mir das Erdbeereis im Gefrierfach“

Anfimiadi erzeugt mit ihrer Sprachzauberei wunderschöne Bilder, eine gewaltige Kraft, die zeigt, was man aus Worten machen kann, wenn man sie ganz eigen und gekonnt zusammenfügt. So wird im Gedicht „Orchester“, aus den Passagieren eines U-Bahn-Waggons ein Orchester. Aus den Geräuschen der Atembewegungen der anderen und schließlich der eigenen erzeugt sie eine Klangkomposition. In „Etüden“ wird aus der Klavierstunde eines Mädchens ein ganz eigenes Lied:

„die Lehrerin sagt:
Um Chopin zu erreichen,

brauchst du eine bessere Technik.
Als wäre Chopin ein Vanillepudding
in der Mitte des Tisches –
ich bin zu klein, ich erreiche ihn nicht“

Mithilfe der Natur und der Götter entstanden hier Gedichte, die immense Auswirkungen haben. Nichts bleibt hier unbesehen, unbeachtet. Eine große Aufmerksamkeit und Liebe lese ich aus ihnen heraus und in sie hinein. Die Liebe, so wie sie sich zeigt, sei es im Alltag der Dichterin oder im antiken Griechenland mit Penelope, die auf den Ihren wartet. Trojanische Pferde tauchen ebenso auf, wie Kassiopeia, Eurydike, Helena und Medusa. All das wird einbezogen in die alltägliche Welt und in die Weite der Sprache. Mir erscheinen die Gedichte durchweg weiblich. Erklären kann ich das nicht. Im Gedicht „Kassiopeia“ ist die Rede von einem georgischen Sprichwort, das ich wunderschön finde:

„… so schwieg ich – das heißt: ich singe verkehrt herum.
>>Und trotzdem starb ich nicht, ich bin verkehrt herum an
                                                          den Himmel genäht,“

In den Anmerkungen heißt es dazu: „an den Himmel angenäht“ bedeutet so viel wie „vom Tod vergessen sein“ oder „über seine Zeit hinaus leben“.

Es ist auch viel von einem Liebes-Du die Rede, welches das lyrische Ich nicht immer nur froh stimmt. Von der Natur und den heiligen Dingen – einige Gedichte heißen Gebete. Aber eben auch vom Tod und Sterben. Von schnöden Körperlichkeiten. Von den Zusammenhängen und von den Zerwürfnissen unserer Welt. Nicht alles, was die Dichterin im Kontext mit ihren antiken Figuren erzählt, kann ich mir erklären. Dazu fehlen mir die genaueren Kenntnisse. Doch ist ihre Sprache durchweg so begreiflich, dass ein Nichtverstehen dabei zurück steht und ein Einfühlen daraus werden kann. Die Bilder, die Anfimiadi erzeugt sind ohnehin so stark, dass ich sie nur bewundern kann. Eines meiner Liebsten hier:

Der Wald steht am Fenster
rauscht,
schaut mich mit ängstlichen Eichhörnchen an,
er schaukelt in der Hängematte der Stimmen,
mal läuft er weg, mal kehrt er zurück,
neugierig und finster“

„Warum ich keine Gedichte schreibe“ erschien im Wieser Verlag. Großes Können steckt in der Übersetzung/Übertragung der Gedichte von Nana Tchigladze und Stefan Monhardt. Das Übersetzer-Duo kenne ich bereits aus dem wunderbaren Lyrikband „Enzephalogramm“ von Lia Sturua. Ich danke Verlag und Übersetzer für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

 

Deniz Ohde: Streulicht Suhrkamp Verlag

„Ich war nicht schaumgeboren, sondern staubgeboren; rußgeboren, geboren aus dem Kochsalz in der Luft, das sich auf die Autodächer legte. Geboren aus dem sauren Gestank der Müllverbrennungsanlage, aus den Flusswiesen und den Bäumen zwischen den Strommasten, aus dem dunklen Wasser, das an die Wackersteine schlug, einem Film aus Stickstoff und Nitrat, nicht Gischt.“

Diese Zeilen aus Deniz Ohdes Debütroman „Streulicht“ zeigen auf, wie und wo die Hauptfigur mit den zwei Vornamen aufgewachsen ist. Es ist ein Stadtteil von Frankfurt am Main, direkt neben den großen Chemiefabriken der Firma Höchst gelegen. Der Vater arbeitet dort im Schichtsystem, die Mutter geht putzen. Es ist ein Arbeiterhaushalt, in dem es nicht selbstverständlich ist, dass die Tochter aufs Gymnasium geht, später studiert. Im Gegenteil, sie wird immer wieder auf ihren Platz verwiesen, vom eigenen Vater, aber auch von Lehrern, gar Freunden. Dass sie mit so wenig Unterstützung als schüchterne, immer stiller werdende Person zum Scheitern verurteilt ist, glaubt sie meist selbst.

„Du tauchst immer so aus dem Nichts auf“, hat Sophia oft zu mir gesagt, und ich habe gelächelt, als wäre mein Lautlosigkeit eine charmante Eigenschaft und nicht Ausdruck einer erlernten Überlebensstrategie.“

Irgendwie gelingt es dann auf Umwegen aber doch. Das Abitur, das Studium. Und das Irgendwie hat mit doppelter Anstrengung zu tun, weil allzu viele Vorurteile den Weg verzögern. Fortan heißt es, immer erklären zu müssen, warum es diese „Brüche“ gab. Dass die Hauptfigur sogar von Freunden wenig Unterstützung bekam und auch so gut wie alle Lehrer die stillen Hilferufe nicht sahen, dass es auch ein Hindernis war, einen nicht geläufigen Vornamen zu haben, der sicher von der türkischstämmigen Mutter herrührte, all das lässt das Mädchen nicht ohne Verwundungen zurück.

Wie sich gegen etwas wehren, wenn man nie vorgelebt bekommt, wie sich wehren, für sich einstehen geht? Wenn der Vater sich so in sein Schicksal fügt, keine andere Lebensweise kennt, als die, die noch von der Zeit herrührt, als „wir zweimal ausgebombt wurden“.  Ein Vater, der keinen Besuch zulässt, weil die Familie etwas geschlossenes ist. Ein Vater, der trinkt, im Chaos versinkt, weil er hortet, nichts wegwerfen kann. Die Mutter, die auszuhalten versucht und sagt „du hast Glück, immerhin schlägt er nicht.

Die Geschichte ist überwiegend chronologisch mit einigen Abweichungen und Unklarheiten von der Kindheit bis zum Studium erzählt. Es ist meist eine sehr geradlinige Sprache, mitunter von bildhaften Szenen durchzogen, vor allem dann, wenn es um Reflexion oder die Erinnerung geht. Der Roman beginnt mit der Ankunft im Heimatort, ein Besuch aufgrund der Hochzeit der Jugendfreunde und hier finden sich gleich diese Sätze, die so beispielhaft sind:

„Auch mein Gesicht verändert sich am Ortsschild, versteinert zu dem Ausdruck, den mein Vater mir beigebracht hat und mit dem er noch immer selbst durch die Straßen geht. Eine ängstliche Teilnahmslosigkeit, die bewirken soll, dass man mich übersieht.“

Deniz Ohde hat einen für alle wichtigen Roman geschrieben, der mich an meine Grenzen brachte, weil mir die Geschichte sehr nah kam, weil mir vieles darin bekannt vorkam. Deshalb ist die Besprechung diesmal auch etwas kürzer als gewohnt; es finden sich nicht mehr Worte. Was nicht heißt, dass dieses Buch nicht gelungen wäre, ganz im Gegenteil. Für manche Leser wird es inhaltliches Neuland sein; gerade jenen lege ich diese so direkt und tief erzählte Geschichte sehr ans Herz.

Sie erhielt für diesen Roman den Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung 2020. Ich freue mich, dass er für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Streulicht erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Rezension gibt es bei Letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Leseprojekt Dag Solstad I: T. Singer / Professor Andersens Nacht Dörlemann Verlag

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„Vom Storytelling halte er gar nichts. Seine Bücher sollen nach Literatur riechen, nicht nach gelebtem Leben.“ sagt der 1941 geborene Norweger Dag Solstad in einem Interview  mit Iris Radisch in der ZEIT. Das ist mir so sympathisch und ich wundere mich, dass die Bücher dieses großen Erzählers hierzulande so wenig bekannt sind (im Gegensatz zu Knausgard oder Espedal). Er hat schon einen eigensinnigen Stil. Aber gerade damit erreicht er wahre literarische und erzählerische Tiefe.

Denn wir müssen zugeben, dass es zu diesem Zeitpunkt in der Erzählung rätselhaft anmuten kann, dass Singer in irgendeinem Roman eine Hauptfigur sein könnte, unabhängig vom Niveau, wir können aber darüber informieren, dass eben dieses Rätselhafte das Thema des zu realisierenden Romans ist.“

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Im Roman „T: Singer“, der bereits 1999 in Norwegen erschien, lässt er einen absoluten Außenseiter, immer wieder kommentiert vom allwissenden Erzähler (siehe Zitat oben) durch sein grüblerisches, gewollt gleichförmiges Leben gehen. Eigentlich möchte er unsichtbar bleiben und nichts als ein gewöhnliches Leben führen. Einmal, als Kind, hat ihn ein Ereignis so geprägt, dass er noch im späteren Leben immer wieder davon beeinträchtigt wird. Es ist so unspektakulär und dennoch entspringt dem ein großes Schamgefühl. Durch Tagträume und Philosophieren gelangt er durch die Tage und wird unversehens zum Langzeitstudent. Anfangs manifestiert sich der Wunsch Schriftsteller zu werden, doch er denkt so lange über den ersten Satz nach, dass er darüber nicht hinaus findet.

„Singer liegt auf der Couch seiner Bruchbude im Stadtteil Homansbyen, […] während er hier, bald dreißig Jahre seinem seligen Tagtraum nachhängt. Das hier ist Singer, absorbiert von seiner heimlichen Bestimmung, die in erster Linie ein Tagtraum ist.“

Schließlich wird er Bibliothekar, nimmt mit Mitte 30 eine Stelle in der Provinz an und zieht weg aus Oslo. In Notodden in der Telemark läuft anfangs alles nach Plan. Er geht in der Masse unter. Seine recht gleichförmige Arbeit bei meist gleichem Tagesablauf ist genau das, was er will. Bestimmte Rituale ergänzen den Tag.

Als er sich in eine Frau verliebt, bei ihr einzieht und heiratet, läuft auch das alles vollkommen unspektakulär für ihn ab. Die Anfangszeit ist geprägt von frischem Wind, von Ablenkungen und neuen Ritualen, wird für ihn aber schnell wieder zur Routine und Singer wird wieder introvertiert wie zuvor. Bald wird klar, dass es zu einer Trennung kommen muss. Doch durch einen Verkehrsunfall kommt seine Frau Merete zu Tode. Dass Singer sich um ihre Tochter kümmert, die aus einer vorigen Beziehung stammt, ist für ihn gleich klar. Und obwohl er weiß, dass ihm nicht wirklich an ihr liegt, besteht er den Großeltern gegenüber darauf, immer in der Angst, alle könnten ahnen, dass Merete und er sich eigentlich scheiden lassen wollten. Von seinem eigentlichen Entschluß, aus diesem Leben auszubrechen, als 40-jähriger anderenorts neu zu beginnen, bleibt nur der Umzug nach Oslo mit einer neuen Bibliothekarsstelle. Und so lebt er schließlich mit einer ihm fremden Tochter ein ihm eigentlich fremdes Leben …

T. Singer ist wie viele der männlichen Protagonisten bei Solstad einer, der sich schicksalhaft treiben lässt, selten eigene Entscheidungen trifft, und wenn doch, dann sogar oft gegen das eigene intuitive Bauchgefühl. So als müsste er nach einer höheren Instanz, einer bestimmten Norm oder Moral handeln, die über sein Tun zu entscheiden hat. Das macht einem die Figuren mitunter fremd aber eben auch extrem faszinierend. Allesamt sinnt sie Zweifler und Eigenbrötler. Solstad beherrscht die Sprache perfekt und bereichert sie mit philosophischen und moralischen Fragestellungen.

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„Professor Andersens Nacht“
mutet zunächst wie ein Kriminalroman an. Er erschien bereits 1996 in Norwegen und die Handlung beginnt am Heiligabend mit einem typisch norwegischen Weihnachtsessen.

Der Literaturprofessor Pål Andersen, alleinlebend, verbringt den Weihnachtsabend zu Hause und sinniert über Sinn und Unsinn dieses Festes. Zu vorgerückter Stunde steht er am Fenster und beobachtet die Menschen in den hell erleuchteten Fenstern im Haus gegenüber. Alles scheint friedlich, bis Andersen Unglaubliches sieht. In einer Wohnung wird eine junge Frau von einem Mann erdrosselt. Andersen ist schockiert, greift zum Telefonhörer, um die Polizei zu benachrichtigen. Doch dann legt er wieder auf. Warum er das tut, weiß er selbst nicht. Es scheint wie ein Zwang. Doch Ruhe findet er nach dieser Entscheidung nicht mehr. Wir kennen das alle: man schiebt eine wichtige Sache auf und irgendwann, je länger man wartet, wird es schier unmöglich, es noch zu tun.

„Dann lief er durch seine Wohnung, […] bis zum hell erleuchteten Arbeitszimmer, wo er sich einige Zeit hinsetzte und zu lesen vorgab, bevor er aufstand, und wieder durch die Zimmer der Wohnung ging, grübelnd, über sich selbst nachdenkend, im völligen Bewusstsein über das, was er da trieb, aber mindestens ebenso ergriffen von dem Unverständlichen daran.“

Was nun in Professor Andersen vorgeht ist spannendstes Kopfkino und psychologische Studie zugleich. Andersen schläft schlecht, geht spazieren und vor allem steht er den Rest des Weihnachtsfests am Fenster und lauert, was gegenüber weiter passiert. Bei einer Einladung zu einem Freund versucht er sich mitzuteilen, endlich über das Vorgefallene sprechen zu können, würde ihn beruhigen, denkt er. Doch er schafft es nicht. Nach schlafloser Nacht, bricht er spontan auf nach Trondheim, um dort Silvester zu verbringen. Nur weg, denkt er. Dort trifft er sich mit einem Kollegen und die Gespräche, von viel Alkohol durchtränkt, lassen ihn langsam das Gesehene vergessen. Über existenzielle Themen und über ihren Beruf und inwiefern die Literatur heutzutage überhaupt noch tragbar ist, wird diskutiert. Sehr spannend ist das alles für die Leser, obgleich man selbst natürlich den Mord nicht aus dem Kopf bekommt, wissen will, wie es weitergeht. Doch auf eine übliche Krimihandlung darf man hier nicht hoffen und das ist gut so.

Andersen erwacht früh am Morgen im Hotel in Trondheim mit panischer Angst, bricht sofort auf und reist nach Hause. In der Wohnung begibt er sich sofort ans Fenster. Infolge sieht Andersen den mutmasslichen Mörder in der Wohnung, die Wohnung verlassen und wieder betreten, kann anhand der Namensschilder an der Haustür seinen Namen ausfindig machen, begegnet ihm sogar auf der Straße. Wochen vergehen. Täglich durchforstet er die Zeitung nach dem Todesfall oder einer Vermisstenanzeige. Doch nichts. In hanebüchenen Selbstgesprächen erläutert er das Für und Wieder nun endlich doch noch zur Polizei zu gehen. Und schließlich sitzt Andersen sogar in einer Sushibar um die Ecke neben ihm, wo er mit ihm ins Gespräch kommt …

Was Dag Solstad als Schriftsteller leistet ist einfach genial. Er schreibt so herrlich unberechenbar, dass seine Geschichten, obwohl scheinbar wenig passiert, spannend und berauschend sind. Das Wenige, was im Außen passiert, steht dem reichen Innenleben seiner Protagonisten entgegen und reicht bis zu philosophisch existenziellen Themen, die uns alle betreffen. Denken und hinterfragen und zweifeln stehen hier im Mittelpunkt. Und eine anspruchsvolle Sprache, die Ina Kronenberger großartig übersetzt hat. DAS ist große Literatur! Hellstes Leuchten!

Lieber Dörlemann Verlag, bitte vervollständigt die Werkausgabe von Dag Solstad! Ich benötige Nachschub!

Teil II meines Leseprojekts „Solstad lesen“ folgt in Kürze. Leseproben gibt es auf der Verlagsseite. Eine weitere Besprechung zu „T. Singer“ findet sich auf dem Blog „letteratura“.

Kerstin Herbert vom Blog Frauenleserin stellt Fragen – Hier meine Antworten

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Eine schöne Idee hatte Kerstin Herbert. Sie rief den Blog „Frauenleserin“ ins Leben. Wie wenig Raum Frauen in allen Bereichen des Literaturbetriebs immer noch gewährt wird, ist gerade im vergangenen Jahr oft auf Blogs, in Zeitungen und in Magazinen thematisiert worden. Kerstins Aufruf gilt nun den Buchbloggerinnen und fragt nach Lesegewohnheiten. Hier sind meine Antworten auf ihre Fragen:

  • Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wieviele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wieviele davon wurden von Autorinnen verfasst?                     Wenn ich richtig gezählt habe, sind es insgesamt 83 gelesene Bücher. Davon sind 37 von Frauen geschrieben, 42 von Männern (der Rest sind Anthologien). Es gibt also einen Männerüberhang. Wenn man aber meine 12 Favoriten ansieht, hier auf dem Blog nachzulesen, sieht das Verhältnis deutlich besser aus. Es sind 8 Frauen und 4 Männer.
  • ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
  • Welches Buch einer Autorin ist Dein diesjähriges Lesehighlight? (Warum?)
    Es ist auch nicht nur eines (siehe Blog Meine liebsten …). Dennoch nenne ich hier jetzt einfach Karen Duves Roman über Annette von Droste-Hülshoff. Denn hier verbindet sich meine Leidenschaft für schöne Sprache mit dem Inhalt, denn es geht um eine Lyrikerin, die sich als schreibende Frau behaupten muss, und oft erfolglos dafür kämpft, als Lyrikerin ernst genommen zu werden. Zudem präsentiert Duve hier eine gutes Stück Zeitgeschichte.
  • ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
  • Welche Autorin hast Du in diesem Jahr für Dich entdeckt und was macht Sie für Dich so besonders?                                                                                                                            Esther Kinsky. Ich habe den Roman „Hain“ gelesen, mit dem sie auch den Preis der Leipziger Buchmesse 2018 gewann. und war beeindruckt. An Esther Kinskys Büchern mag ich vor allem die Sprache. Da wird jegliche Handlung nebensächlich. Man merkt deutlich, dass Kinsky auch Lyrik schreibt. Außerdem ist sie eine bemerkenswerte Übersetzerin. Ich habe mir nach der Lektüre gleich einen ganzen Stapel ihrer Werke zugelegt.
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  • Welche  weibliche Lebensgeschichte bzw. Biografie hat Dich in diesem Jahr besonders beeindruckt (und warum?)
    Es ist ein Roman und auch nicht komplett autobiographisch, aber eine große Wiederentdeckung, die nah an Mela Hartwigs Leben dran ist. Hartwig schreibt in ihrem Roman „Inferno“ in sehr starken Stimmungsbildern über eine Kunststudentin im Wien der 30er Jahre, die erleben muss, wie ihre Stadt von den Nationalsozialisten übernommen wird. Erst nach einem Schlüsselerlebnis erkennt sie die Ausmaße und beginnt für den Widerstand zu arbeiten.
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  • Welches Buch einer Autorin möchtest Du in 2019 unbedingt lesen?
    Da gibt es nicht nur eine. Ich freue mich sehr darauf, dass endlich wieder ein Roman der Japanerin Hiromi Kawakami auf Deutsch erscheint. Ich habe bisher alle Bücher von ihr mit Begeisterung gelesen. Außerdem gibt es neue Romane von Siri Hustvedt, Marlene Streeruwitz, Doris Knecht und Angela Krauß.
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  • Ich füge noch eine Frage hinzu, die mir besonders wichtig ist, denn auf meinem Blog spielt Lyrik eine große Rolle.
  • Welcher Lyrikband einer Autorin hat Dich in diesem Jahr über die Maßen begeistert?
    Grace Paleys wunderbarer, auch für Wenig- bis Nichtlyrikleser_innen geeigneter Band „Manchmal kommen und manchmal gehen“. Eine Perle, da sie eine Sprache spricht, die jeder versteht. Sie schrieb auch viele Erzählungen, die ich mir ebenfalls noch vornehmen möchte.
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  • Nun bin ich gespannt, wie ihr diese Fragen beantwortet. Bis 12.1.19 kann frau noch mitmachen. Beitrags-Link einfach schicken an: http://www.kerstin-herbert.de/?p=8088

Bettina Wilpert: Nichts, was uns passiert Verbrecher Verlag

Cover

„Auch wenn man als Frau anscheinend immer damit rechnen muss
und es das Schlimmste zu sein scheint, was passieren kann, ist es doch
nichts, was wirklich geschieht. So wie es keinen Krieg in Deutschland
gibt oder man ständig Angst haben muss zu sterben. Vergewaltigung
passiert anderen Leuten.“

Ungewöhnlich angelegt hat Bettina Wilpert ihren Debütroman über eine Vergewaltigung. Er speist sich aus verschiedensten Stimmen, die alle über das Geschehnis berichten und doch sagt jede etwas anderes. Selbst die beiden Stimmen der tatsächlich Beteiligten werden hinterfragt. Dieses Buch zu lesen, bedeutet, auch die eigene Stimme am Ende einzubringen, sich ein Bild zu machen, nicht unbeteiligt zu bleiben.

Ausgangspunkt ist Leipzig im Sommer der Fußball-WM 2014. Die Studentin Anna und der Doktorand Jonas lernen sich durch Freunde kennen und merken, dass sie ähnliche Interessen haben, nämlich Literatur und Osteuropa. Anna selbst stammt aus der Ukraine, Jonas hat ein Praktikumsjahr dort verbracht und so kommt es zwischen beiden zu regen Diskussionen.

„Anna mochte es nie, wenn jemand fragte: Wie geht’s? Niemand erwartete eine ehrliche Antwort, die Lüge war gesellschaftlich akzeptiert. Die Leute wurden aus dem Konzept gebracht, wenn man die Wahrheit sagte: Schlecht. Oder: Scheiße. Anna hasste es, ein Gespräch auf Lügen aufbauen zu müssen, am liebsten hätte sie immer die Wahrheit gesagt, ihre echte Gefühlslage geschildert, aber das hätte gegen die Konventionen verstoßen.“

Als beide bei einer Gartenparty zuviel getrunken haben und kaum mehr zurechnungsfähig sind, kommt es laut Anna zur Vergewaltigung, laut Jonas zu einvernehmlichem Geschlechtsverkehr. Anna erzählt zunächst nur ihrer Schwester davon. Als Anna die Tat später anzeigt, fällt Jonas aus allen Wolken. Die „Sache“ breitet sich in Studentenkreisen recht schnell aus und je nachdem, wird Jonas oder Anna gemieden, ja ausgeschlossen. Je nachdem auf welcher Seite man steht. Denn dass man sich entscheiden muss, wem man glaubt und wem nicht, scheint ein Muss zu sein. Ein Dazwischen gibt es nicht …

„Alle sprachen darüber. Vor der Albertina diskutierten Studenten, die Hannes nie zuvor gesehen hatte, über den Fall: Über den jungen Doktoranden, der von einer Studentin angezeigt wurde, weil er sie vergewaltigt haben soll. Abends, wenn er sich beim Späti ein Radler holte und sich mit Freunden am Herderpark traf, gab es kein anderes Thema als den gewalttätigen Vergewaltigter und das schutzlose Opfer. Die junge Frau, die betrunken mit einem Mann Sex gehabt und nicht aufgepasst hat.“

Wie schwierig und unangenehm alles ist, zeigt unter anderem dann die Szene auf dem Polizeipräsidium, als sich Anna nach langem Zögern doch entscheidet Anzeige zu erstatten. Es ist eine unüberlegte impulsive Aktion, die sie später bereut. Wilpert führt hier über eine ganze Seite einen Katalog an Fragen auf, die Anna gestellt wurden, durch die man immer die Frage nach der eigenen Schuld erkennen kann, obgleich sie nie direkt gestellt wird.

„Anna wollte das alles nicht. Sie wünschte, sie hätte nie Anzeige erstattet, dann hätte niemand davon erfahren. Es ging ihr nicht darum, Jonas zu bestrafen. Nein. Sie wollte eine Entschuldigung. Sie wollte, dass er ihr in die Augen blickte und sagte: Ich habe dich vergewaltigt, es tut mir leid.
Dass sie niemals mit all dem gerechnet hätte.“

Aufgrund der vielen Stimmen, die im Roman zu Wort kommen, breitet sich eine große Spannweite aus, was denn eine Vergewaltigung genau sei, wo sie beginne und was als einvernehmlich gelte. Sehr spannend dabei ist, was die unterschiedlichen Meinungen in einem selbst als Leser auslösen. Wer lügt? Wem „glaube“ ich als Leser*in und warum? Zu welchem Schluss komme ich? Wen spreche ich schuldig? Wen frei? Wer ist Opfer, wer Täter?

Dass das alles nicht so einfach ist, verdeutlicht Bettina Wilpert in ihrem Roman. Dass, was aus einem Blickwinkel als klar und logisch erscheint, sieht von der anderen Seite womöglich anders aus. Dass die Rechtsprechung sich mit einem einfachen „Nein“ auf Annas Seite nicht zufrieden gibt und das Verfahren gegen Jonas eingestellt wird, gibt zu denken. Eine Klärung scheint schlicht unmöglich …

Der 1989 geborenen Autorin, die selbst in Leipzig studierte, macht sprachlich keine Experimente. Das Thema ist hier Experiment genug. Ihr ist ein spannendes und nachdenklich machendes Buch gelungen, dass ein Thema anpackt und damit sichtbar macht, welches in Romanen so sonst kaum zu finden ist.

Der Roman erschien im Verbrecher Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das digitale Rezensionsexemplar.

Senthuran Varatharajah: Vor der Zunahme der Zeichen S. Fischer Verlag

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Valmira Surroi                                                                                 18.43
„Ich weiß nicht, warum ich dir schreibe.“

Einen Auszug aus seinem Roman las Senthuran Varatharajah bereits bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt 2014 und erhielt dafür den 3sat-Preis. Inzwischen ist der Roman vollendet und erschienen. Es ist ein durchaus ungewöhnliches Stück Literatur. Der Autor wählt für seinen Text zum einen eine sehr besondere Form, nämlich einen Dialog und zwar einen, der auf Facebook geführt wird; zum anderen lässt er seine beiden Protagonisten in einer anspruchsvollen Sprache kommunizieren und philosophieren, was ein großer Genuß ist.

„wir stellten keine Fragen. der enträumte schnee warf durch die seitenscheibe das kalte licht einer ausgestanzten sekundensonne zurück. die tageszeit war auf der porösen haut nicht abzulesen.“

Das Thema des Romans ist die Flucht der Eltern und das „Einleben“ in einem anderen Land, Weggehen und Ankommen, welches der Autor vorrangig über die Sprache transportiert.

„Ich wusste noch nicht, dass ausweisen beides heißen kann, dass es bedeutet, dass wir unsere Identität durch ein Stück Plastik oder Papier beweisen, und dass es bedeutet, dass wir ein Land verlassen müssen, und vielleicht sind diese Bedeutungen nicht weit voneinander entfernt, ich bin mir nicht sicher.“

Die beiden Gesprächspartner, Senthil Vasuthevan, Ende Zwanzig und Valmira Surroi, Anfang Zwanzig haben beide in Marburg studiert und hätten sich dort begegnet sein können. Tatsächlich sind sie das nie und Senthil lebt inzwischen in Berlin, aber Facebook schafft eine Verbindung durch eine gemeinsame Freundin. Sie beginnen einander zu schreiben, tun das über sieben Tage hinweg, bis Valmira mit ihren Eltern eine Reise in ihr Herkunftsland, den Kosovo antritt.
Sie schreiben sich tagsüber und auch nachts. Sie erzählen sich von ihren Familien und den Umständen der Flucht aus der Heimat, die sie beide als Kind miterlebten. Senthils Eltern flohen als verfolgte Tamilen aus Sri Lanka, Valmiras Eltern aus dem Kosovo, weil sie als Albanier von den Serben verfolgt wurden.Sie zeigen sich Fotos von damals und pendeln zwischen früher und jetzt. Beide sprechen kaum noch ihre „Muttersprache“, dafür aber perfekt deutsch.

Manchmal liefern sie sich Stichwörter. Manchmal scheinen sie einfach frei zu assoziieren. Selten beantworten sie gestellte Fragen direkt. Dennoch entsteht eine Verbindung, ein Austausch, ein Gedankenstrom. Der Leser erkennt die Zusammenhänge manchmal Seiten später, manchmal gar nicht, was der Faszination, mit der man den beiden folgt, keinerlei Abbruch tut. So erinnert sich Valmira, wie sie sich als Kind die Atemwolken im Winter als Sprechblasen vorstellte, viele Seiten später, erfährt man von Senthil, dass er glaubte die Sprache der Engel sähe wie Atemwolken aus. Der intime Austausch scheint gerade durch das Medium Facebook möglich, eine Offenheit gegenüber einem Unbekannten leichter; manchmal wirkt es als würden beide Selbstgespräche führen oder sich einem Tagebuch anvertrauen.

Um Zeichen und deren Deutung geht es hier in der Tat fast immer. Zunächst sieht Senthils Mutter „die Zunahme der Zeichen“:  Sie erkennt, dass es besser wäre rechtzeitig, aus dem eigenen Land zu fliehen, weil die Bedrohung immer deutlicher zu spüren ist. Später die Sprachzeichen, also die Buchstaben, der neuen Sprache, die gelernt werden muss oder auch religiöse Zeichen und Symbole; einerseits die der Hindu-Religion der Mutter Senthils, andererseits die der Zeugen Jehovas, denen der Vater in Deutschland beitritt. Selbst ihre Namen erscheinen den Protagonisten als Zeichen für die Umwelt, erkennt man sie doch sofort als „Fremde“.

„nur gebrochenes deutsch wird uns zugestanden.

es liegt an unseren namen.“

Anfangs dachte ich, es sei ein Roman, der gänzlich ohne Handlung auskommt, der vorrangig über die Sprache lebt, was mich bei solcher Sprachkraft überhaupt nicht stört, doch die Handlung gibt es; sie entsteht im eigenen Kopf, gestaltet sich aus dem, was man selbst mit den kleinen Episoden der Protagonisten in Verbindung bringt und letztlich auch aus dem, was zwischen den Zeilen steht und aus den unbeantworteten Fragen.
Ein Leuchten!

Senthuran Varatharajah, Jahrgang 1984, lebt in Berlin. „Vor der Zunahme der Zeichen“ ist sein erster Roman und erschien im S. Fischer Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier

Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe Arche Verlag

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Es tut mir ausgesprochen leid. Gerne hätte ich in die Lobeshymne mit eingestimmt. Sogar im „Literarischen Quartett“ waren sich alle einig. Dieses Buch ist große Literatur, hieß es allerorten. Aber ich muss gestehen, dass ich mich dem Chor nicht anschließen kann.

Warum?
Ich finde die Geschichten nicht überragend, weder sprachlich noch inhaltlich. Ich habe nur bis zur Hälfte gelesen, (wer weiß, vielleicht habe ich nun ausgerechnet die großartigen verpasst?) und in dieser Hälfte gab es zwei Stories, die mir tatsächlich sehr gefallen haben. Das sind die Geschichten „Stille“ und „Notaufnahme Notizbuch“, da sie wirklich ins Mark treffen und auch eine sprachliche Tiefe haben. Alle anderen sind so lala und lesen sich wie Verschnitte der vorher genannten. Am meisten störte mich, dass es sich letztlich fast immer um ganz ähnliche Inszenierungen handelt. Mich störte diese Gleichförmigkeit, mich langweilten die Geschichten, je mehr ich davon las. Immer wieder Krankenhaus und Alkohol, immer wieder traumatisierte Menschen, immer wieder verkorkste Leben.

Normalerweise finde ich solche Thematik durchaus spannend. Ich las gerne Jacksons „Das verlorene Wochenende“ oder „Ruhestörung“ von Yates oder Stories von Foster Wallace. Doch diese Autoren erreichen für mich sehr viel mehr Tiefe, haben viel stärkeres Ausdrucksvermögen. Bei Lucia Berlin sehe ich das nicht. Bei ihr machen mich diese Themen müde. Mir fehlt erstaunlicherweise gerade hier in diesem Buch der „Glutkern“, der von Thea Dorn im „Quartett“ ins Gespräch gebracht wurde …
Sicher, der Ton ist oft witzig, manchmal schnoddrig, das macht es schon außergewöhnlich, allerdings, wie ich finde, auch oberflächlich und schafft zuviel Distanz. Man kann es auch Ironie nennen. Aber für mich steckt dahinter keine große Sprachkunst.

Mag sein, dass ich so gar nicht mehr mit der US-amerikanischen Literatur zurecht komme, hatte ich doch ganz ähnliche enttäuschende Erlebnisse mit dem neuesten Roman von Jonathan Franzen, auf den ich mich sehr gefreut hatte, und mit dem so hoch gelobten Autoren Donald Antrim.

Über dieses Buch nun wird sehr viel im Zusammenhang mit der Biografie der Autorin gesprochen. Sie hatte tatsächlich ein wirklich hartes Leben, aber davon kann sich nicht die literarische Qualität ihrer Texte ableiten lassen.
Dennoch: Es ist gut und wichtig vergessene Autor/en/innen wieder zu entdecken. Und Lucia Berlin wird sicher ihre Leser finden. Ein jeder bilde sich sein eigenes Urteil …

Und wer nun im Gegenzug eine sehr begeisterte Besprechung einer geschätzten Bloggerkollegin lesen möchte, der tue das bei Birgit von Sätze & Schätze.

„Was ich sonst noch verpasst habe“ erschien im Arche Verlag und wurde von Antje Ravic Strubel übersetzt.