Zum Welttag des Buches: Warum ich lese – 40 Liebeserklärungen an die Literatur Homunculus Verlag

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Zum heutigen Welttag des Buches ist es natürlich notwendig ein Loblied auf das Lesen, die Literatur und auf das Buch anzustimmen: Deshalb möchte ich noch einmal auf ein bereits im letzten Jahr erschienenes Buch hinweisen, das genau das tut – vielleicht ist es dem einen oder der anderen bisher entgangen …

„Warum ich lese“ ist aus einer Idee des Literaturbloggers Sandro Abbate entstanden. Er stellte auf seinem Blog novelero die Frage: Warum lest ihr eigentlich?

Das ist doch klar, dachte ich. Doch so einfach ist es gar nicht in Worte zu fassen und mich schickte diese Frage sofort zurück in meine Vergangenheit. Schließlich formulierte ich einen kurzen Text, der aus sehr persönlichen Erfahrungen schöpfte: Welche Initiation für mich das Lesenlernen war, wie gut die Entscheidung war Buchhändlerin zu werden, welche Bedeutung Fernando Pessoa für mich hat und dass ich durchs Lesen schließlich auch zum eigenen Schreiben gekommen bin …

Erstaunlich viele andere Literaturblogger beschäftigten sich ebenfalls intensiv mit der Frage. Die entstandenen Texte waren so interessant und vielschichtig, dass Sandro die Idee hatte, man könne diese Texte doch in einem Buch versammeln. Sandro konnte dann den unabhängigen kleinen feinen Homunculus Verlag für dieses Unterfangen gewinnen.

Im März 2017 ist es mit einer Auswahl von 40 Texten erschienen und es ist schön geworden! Schön wäre auch, wenn es viele Leser fände. Eine Leseprobe gibt es auf der Website des Homunculus Verlags, wo auch alle Beitragenden mit ihren Blogs aufgeführt sind. Mein Text „Warum ich lese oder Ich brauche Wahrheit und Aspirin“ ist natürlich auch hier auf dem Blog zu lesen.

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Warum ich lese oder Ich brauche Wahrheit und Aspirin

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Jetzt könnte ich mit Pessoa anfangen …

Aber ich fange anders an. Ich komme aus einer Familie, in der Lesen keine Rolle spielte. Es gab zuhause keine Bücher. Nicht mal Buchattrappen.  Es gab niemanden, der mir das Lesen oder Bücher nahe gebracht hat. Umso erstaunlicher ist meine Initiation …
Das Lesen- und Schreibenlernen in der Schule war Offenbarung.  Lesen war Reisen, Lesen war Flucht, Lesen war abseits der Wirklichkeit. Was war später naheliegender, als eine Ausbildung zur Buchhändlerin zu beginnen?
Ich hatte einen sehr guten Abschluss hingelegt, aber wirklich etwas über Literatur, wie sie funktioniert, wirkt und wie sie Leidenschaften wecken kann, habe ich erst einige Jahre später am besten Arbeitsplatz meines Lebens erfahren. Dort gab es einen Kollegen, der ein immenses Wissen hatte über Literatur. Und zwar tief verinnerlichtes Wissen, das Zusammenhänge schaffen kann, kreatives, nicht auswendig gelerntes Wissen, sondern gelebtes Wissen. Er erzählte mir von Autoren, von denen ich noch nie gehört hatte, er entfachte Leseleidenschaft und pflanzte mir die Liebe zur Lyrik ins Herz.

Und so lernte ich auch Fernando Pessoa kennen: „Ich brauche Wahrheit und Aspirin“ … der Titel eines bibliophilen auf wunderbarem Papier in besonderen Lettern gesetzter Band mit Gedanken und Versen des Portugiesen, welcher in einem winzigen Verlag erschien bei einem passionierten Verleger.

Ich habe mich nie wohlgefühlt, solange ich mich nicht ins Universum legte. *

Ich brauche Wahrheit und Aspirin … das hat mich immer begleitet seither. Es ist, als träfe das genau den Punkt. Meinen Lebenspunkt. Wahrheit als Metaebene und dann Aspirin gegen die Schmerzen vom zu vielen Nachdenken über Wahrheit und Wirklichkeit … Pessoas „Buch der Unruhe“ ist dann meine Bibel geworden durch die Buchhändlerzeit. 

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Literatur als Unruhestifter, als Denkanstifter. Lesen ist längst keine Flucht mehr. Lesen ist für mich niemals Unterhaltung. Darum geht es mir gar nicht. Ich brauche keine leichte Lektüre mit Happyend, um mir die Zeit zu vertreiben. Ich liebe offene Enden, sie beflügeln die Fantasie.  Ich hasse lustige Bücher, weil sie selten klug sind. Bücher, die mir nicht gefallen, die mich nirgends berühren, lege ich rigoros un- oder halbgelesen weg. Außerdem lese ich fast ausschließlich Belletristik, Romane und immer mehr Lyrik. Sachbücher fast nie – non-fiction habe ich auch so genug.
Gute Literatur stößt den grenzenlosen Denkprozess an. Lesen ist Reibung am Text, Herausforderung und Arbeit. Arbeit an und mit mir selbst. Lesen braucht Mut und Zeit – Lyrik lesen noch mehr. Lesen bedeutet für mich Auseinandersetzung mit Sätzen, mit Wörtern, mit Themen, die mich treffen. Entwicklung ist das Stichwort …

Und als Buchhändlerin lag mir die Vermittlung am Herzen. Ich hatte es in der Hand, die Saat zu legen, die Lust aufs Lesen zu gießen und vielleicht keimen zu sehen. Das habe ich sehr lange getan. Ein Vierteljahrhundert. Inzwischen arbeite ich nicht mehr als Buchhändlerin, der Blog ist mittlerweile mehr als ein guter Ersatz. Zusätzlich bin ich auf die schreibende Seite gewechselt, vielleicht sogar aus dem Grund, weil ich wahnsinnig viel gelesen habe, kein Ende in Sicht…

Habe ich die Frage beantwortet? Nein?
Macht nichts. Vielleicht ist der Zauber des Lesens unerklärlich.
Die Frage stellte Sandro Abbate vom Blog Novelero in den Buchblogger-Raum.

*Zitat aus Fernando Pessoa: Ich brauche Wahrheit und Aspirin aus dem Verlag ctl-presse

 

Kerstin Herbert vom Blog Frauenleserin stellt Fragen – Hier meine Antworten

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Eine schöne Idee hatte Kerstin Herbert. Sie rief den Blog „Frauenleserin“ ins Leben. Wie wenig Raum Frauen in allen Bereichen des Literaturbetriebs immer noch gewährt wird, ist gerade im vergangenen Jahr oft auf Blogs, in Zeitungen und in Magazinen thematisiert worden. Kerstins Aufruf gilt nun den Buchbloggerinnen und fragt nach Lesegewohnheiten. Hier sind meine Antworten auf ihre Fragen:

  • Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wieviele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wieviele davon wurden von Autorinnen verfasst?                     Wenn ich richtig gezählt habe, sind es insgesamt 83 gelesene Bücher. Davon sind 37 von Frauen geschrieben, 42 von Männern (der Rest sind Anthologien). Es gibt also einen Männerüberhang. Wenn man aber meine 12 Favoriten ansieht, hier auf dem Blog nachzulesen, sieht das Verhältnis deutlich besser aus. Es sind 8 Frauen und 4 Männer.
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  • Welches Buch einer Autorin ist Dein diesjähriges Lesehighlight? (Warum?)
    Es ist auch nicht nur eines (siehe Blog Meine liebsten …). Dennoch nenne ich hier jetzt einfach Karen Duves Roman über Annette von Droste-Hülshoff. Denn hier verbindet sich meine Leidenschaft für schöne Sprache mit dem Inhalt, denn es geht um eine Lyrikerin, die sich als schreibende Frau behaupten muss, und oft erfolglos dafür kämpft, als Lyrikerin ernst genommen zu werden. Zudem präsentiert Duve hier eine gutes Stück Zeitgeschichte.
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  • Welche Autorin hast Du in diesem Jahr für Dich entdeckt und was macht Sie für Dich so besonders?                                                                                                                            Esther Kinsky. Ich habe den Roman „Hain“ gelesen, mit dem sie auch den Preis der Leipziger Buchmesse 2018 gewann. und war beeindruckt. An Esther Kinskys Büchern mag ich vor allem die Sprache. Da wird jegliche Handlung nebensächlich. Man merkt deutlich, dass Kinsky auch Lyrik schreibt. Außerdem ist sie eine bemerkenswerte Übersetzerin. Ich habe mir nach der Lektüre gleich einen ganzen Stapel ihrer Werke zugelegt.
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  • Welche  weibliche Lebensgeschichte bzw. Biografie hat Dich in diesem Jahr besonders beeindruckt (und warum?)
    Es ist ein Roman und auch nicht komplett autobiographisch, aber eine große Wiederentdeckung, die nah an Mela Hartwigs Leben dran ist. Hartwig schreibt in ihrem Roman „Inferno“ in sehr starken Stimmungsbildern über eine Kunststudentin im Wien der 30er Jahre, die erleben muss, wie ihre Stadt von den Nationalsozialisten übernommen wird. Erst nach einem Schlüsselerlebnis erkennt sie die Ausmaße und beginnt für den Widerstand zu arbeiten.
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  • Welches Buch einer Autorin möchtest Du in 2019 unbedingt lesen?
    Da gibt es nicht nur eine. Ich freue mich sehr darauf, dass endlich wieder ein Roman der Japanerin Hiromi Kawakami auf Deutsch erscheint. Ich habe bisher alle Bücher von ihr mit Begeisterung gelesen. Außerdem gibt es neue Romane von Siri Hustvedt, Marlene Streeruwitz, Doris Knecht und Angela Krauß.
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  • Ich füge noch eine Frage hinzu, die mir besonders wichtig ist, denn auf meinem Blog spielt Lyrik eine große Rolle.
  • Welcher Lyrikband einer Autorin hat Dich in diesem Jahr über die Maßen begeistert?
    Grace Paleys wunderbarer, auch für Wenig- bis Nichtlyrikleser_innen geeigneter Band „Manchmal kommen und manchmal gehen“. Eine Perle, da sie eine Sprache spricht, die jeder versteht. Sie schrieb auch viele Erzählungen, die ich mir ebenfalls noch vornehmen möchte.
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  • Nun bin ich gespannt, wie ihr diese Fragen beantwortet. Bis 12.1.19 kann frau noch mitmachen. Beitrags-Link einfach schicken an: http://www.kerstin-herbert.de/?p=8088

Bettina Wilpert: Nichts, was uns passiert Verbrecher Verlag

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„Auch wenn man als Frau anscheinend immer damit rechnen muss
und es das Schlimmste zu sein scheint, was passieren kann, ist es doch
nichts, was wirklich geschieht. So wie es keinen Krieg in Deutschland
gibt oder man ständig Angst haben muss zu sterben. Vergewaltigung
passiert anderen Leuten.“

Ungewöhnlich angelegt hat Bettina Wilpert ihren Debütroman über eine Vergewaltigung. Er speist sich aus verschiedensten Stimmen, die alle über das Geschehnis berichten und doch sagt jede etwas anderes. Selbst die beiden Stimmen der tatsächlich Beteiligten werden hinterfragt. Dieses Buch zu lesen, bedeutet, auch die eigene Stimme am Ende einzubringen, sich ein Bild zu machen, nicht unbeteiligt zu bleiben.

Ausgangspunkt ist Leipzig im Sommer der Fußball-WM 2014. Die Studentin Anna und der Doktorand Jonas lernen sich durch Freunde kennen und merken, dass sie ähnliche Interessen haben, nämlich Literatur und Osteuropa. Anna selbst stammt aus der Ukraine, Jonas hat ein Praktikumsjahr dort verbracht und so kommt es zwischen beiden zu regen Diskussionen.

„Anna mochte es nie, wenn jemand fragte: Wie geht’s? Niemand erwartete eine ehrliche Antwort, die Lüge war gesellschaftlich akzeptiert. Die Leute wurden aus dem Konzept gebracht, wenn man die Wahrheit sagte: Schlecht. Oder: Scheiße. Anna hasste es, ein Gespräch auf Lügen aufbauen zu müssen, am liebsten hätte sie immer die Wahrheit gesagt, ihre echte Gefühlslage geschildert, aber das hätte gegen die Konventionen verstoßen.“

Als beide bei einer Gartenparty zuviel getrunken haben und kaum mehr zurechnungsfähig sind, kommt es laut Anna zur Vergewaltigung, laut Jonas zu einvernehmlichem Geschlechtsverkehr. Anna erzählt zunächst nur ihrer Schwester davon. Als Anna die Tat später anzeigt, fällt Jonas aus allen Wolken. Die „Sache“ breitet sich in Studentenkreisen recht schnell aus und je nachdem, wird Jonas oder Anna gemieden, ja ausgeschlossen. Je nachdem auf welcher Seite man steht. Denn dass man sich entscheiden muss, wem man glaubt und wem nicht, scheint ein Muss zu sein. Ein Dazwischen gibt es nicht …

„Alle sprachen darüber. Vor der Albertina diskutierten Studenten, die Hannes nie zuvor gesehen hatte, über den Fall: Über den jungen Doktoranden, der von einer Studentin angezeigt wurde, weil er sie vergewaltigt haben soll. Abends, wenn er sich beim Späti ein Radler holte und sich mit Freunden am Herderpark traf, gab es kein anderes Thema als den gewalttätigen Vergewaltigter und das schutzlose Opfer. Die junge Frau, die betrunken mit einem Mann Sex gehabt und nicht aufgepasst hat.“

Wie schwierig und unangenehm alles ist, zeigt unter anderem dann die Szene auf dem Polizeipräsidium, als sich Anna nach langem Zögern doch entscheidet Anzeige zu erstatten. Es ist eine unüberlegte impulsive Aktion, die sie später bereut. Wilpert führt hier über eine ganze Seite einen Katalog an Fragen auf, die Anna gestellt wurden, durch die man immer die Frage nach der eigenen Schuld erkennen kann, obgleich sie nie direkt gestellt wird.

„Anna wollte das alles nicht. Sie wünschte, sie hätte nie Anzeige erstattet, dann hätte niemand davon erfahren. Es ging ihr nicht darum, Jonas zu bestrafen. Nein. Sie wollte eine Entschuldigung. Sie wollte, dass er ihr in die Augen blickte und sagte: Ich habe dich vergewaltigt, es tut mir leid.
Dass sie niemals mit all dem gerechnet hätte.“

Aufgrund der vielen Stimmen, die im Roman zu Wort kommen, breitet sich eine große Spannweite aus, was denn eine Vergewaltigung genau sei, wo sie beginne und was als einvernehmlich gelte. Sehr spannend dabei ist, was die unterschiedlichen Meinungen in einem selbst als Leser auslösen. Wer lügt? Wem „glaube“ ich als Leser*in und warum? Zu welchem Schluss komme ich? Wen spreche ich schuldig? Wen frei? Wer ist Opfer, wer Täter?

Dass das alles nicht so einfach ist, verdeutlicht Bettina Wilpert in ihrem Roman. Dass, was aus einem Blickwinkel als klar und logisch erscheint, sieht von der anderen Seite womöglich anders aus. Dass die Rechtsprechung sich mit einem einfachen „Nein“ auf Annas Seite nicht zufrieden gibt und das Verfahren gegen Jonas eingestellt wird, gibt zu denken. Eine Klärung scheint schlicht unmöglich …

Der 1989 geborenen Autorin, die selbst in Leipzig studierte, macht sprachlich keine Experimente. Das Thema ist hier Experiment genug. Ihr ist ein spannendes und nachdenklich machendes Buch gelungen, dass ein Thema anpackt und damit sichtbar macht, welches in Romanen so sonst kaum zu finden ist.

Der Roman erschien im Verbrecher Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das digitale Rezensionsexemplar.

Senthuran Varatharajah: Vor der Zunahme der Zeichen S. Fischer Verlag

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Valmira Surroi                                                                                 18.43
„Ich weiß nicht, warum ich dir schreibe.“

Einen Auszug aus seinem Roman las Senthuran Varatharajah bereits bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt 2014 und erhielt dafür den 3sat-Preis. Inzwischen ist der Roman vollendet und erschienen. Es ist ein durchaus ungewöhnliches Stück Literatur. Der Autor wählt für seinen Text zum einen eine sehr besondere Form, nämlich einen Dialog und zwar einen, der auf Facebook geführt wird; zum anderen lässt er seine beiden Protagonisten in einer anspruchsvollen Sprache kommunizieren und philosophieren, was ein großer Genuß ist.

„wir stellten keine Fragen. der enträumte schnee warf durch die seitenscheibe das kalte licht einer ausgestanzten sekundensonne zurück. die tageszeit war auf der porösen haut nicht abzulesen.“

Das Thema des Romans ist die Flucht der Eltern und das „Einleben“ in einem anderen Land, Weggehen und Ankommen, welches der Autor vorrangig über die Sprache transportiert.

„Ich wusste noch nicht, dass ausweisen beides heißen kann, dass es bedeutet, dass wir unsere Identität durch ein Stück Plastik oder Papier beweisen, und dass es bedeutet, dass wir ein Land verlassen müssen, und vielleicht sind diese Bedeutungen nicht weit voneinander entfernt, ich bin mir nicht sicher.“

Die beiden Gesprächspartner, Senthil Vasuthevan, Ende Zwanzig und Valmira Surroi, Anfang Zwanzig haben beide in Marburg studiert und hätten sich dort begegnet sein können. Tatsächlich sind sie das nie und Senthil lebt inzwischen in Berlin, aber Facebook schafft eine Verbindung durch eine gemeinsame Freundin. Sie beginnen einander zu schreiben, tun das über sieben Tage hinweg, bis Valmira mit ihren Eltern eine Reise in ihr Herkunftsland, den Kosovo antritt.
Sie schreiben sich tagsüber und auch nachts. Sie erzählen sich von ihren Familien und den Umständen der Flucht aus der Heimat, die sie beide als Kind miterlebten. Senthils Eltern flohen als verfolgte Tamilen aus Sri Lanka, Valmiras Eltern aus dem Kosovo, weil sie als Albanier von den Serben verfolgt wurden.Sie zeigen sich Fotos von damals und pendeln zwischen früher und jetzt. Beide sprechen kaum noch ihre „Muttersprache“, dafür aber perfekt deutsch.

Manchmal liefern sie sich Stichwörter. Manchmal scheinen sie einfach frei zu assoziieren. Selten beantworten sie gestellte Fragen direkt. Dennoch entsteht eine Verbindung, ein Austausch, ein Gedankenstrom. Der Leser erkennt die Zusammenhänge manchmal Seiten später, manchmal gar nicht, was der Faszination, mit der man den beiden folgt, keinerlei Abbruch tut. So erinnert sich Valmira, wie sie sich als Kind die Atemwolken im Winter als Sprechblasen vorstellte, viele Seiten später, erfährt man von Senthil, dass er glaubte die Sprache der Engel sähe wie Atemwolken aus. Der intime Austausch scheint gerade durch das Medium Facebook möglich, eine Offenheit gegenüber einem Unbekannten leichter; manchmal wirkt es als würden beide Selbstgespräche führen oder sich einem Tagebuch anvertrauen.

Um Zeichen und deren Deutung geht es hier in der Tat fast immer. Zunächst sieht Senthils Mutter „die Zunahme der Zeichen“:  Sie erkennt, dass es besser wäre rechtzeitig, aus dem eigenen Land zu fliehen, weil die Bedrohung immer deutlicher zu spüren ist. Später die Sprachzeichen, also die Buchstaben, der neuen Sprache, die gelernt werden muss oder auch religiöse Zeichen und Symbole; einerseits die der Hindu-Religion der Mutter Senthils, andererseits die der Zeugen Jehovas, denen der Vater in Deutschland beitritt. Selbst ihre Namen erscheinen den Protagonisten als Zeichen für die Umwelt, erkennt man sie doch sofort als „Fremde“.

„nur gebrochenes deutsch wird uns zugestanden.

es liegt an unseren namen.“

Anfangs dachte ich, es sei ein Roman, der gänzlich ohne Handlung auskommt, der vorrangig über die Sprache lebt, was mich bei solcher Sprachkraft überhaupt nicht stört, doch die Handlung gibt es; sie entsteht im eigenen Kopf, gestaltet sich aus dem, was man selbst mit den kleinen Episoden der Protagonisten in Verbindung bringt und letztlich auch aus dem, was zwischen den Zeilen steht und aus den unbeantworteten Fragen.
Ein Leuchten!

Senthuran Varatharajah, Jahrgang 1984, lebt in Berlin. „Vor der Zunahme der Zeichen“ ist sein erster Roman und erschien im S. Fischer Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier

Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe Arche Verlag

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Es tut mir ausgesprochen leid. Gerne hätte ich in die Lobeshymne mit eingestimmt. Sogar im „Literarischen Quartett“ waren sich alle einig. Dieses Buch ist große Literatur, hieß es allerorten. Aber ich muss gestehen, dass ich mich dem Chor nicht anschließen kann.

Warum?
Ich finde die Geschichten nicht überragend, weder sprachlich noch inhaltlich. Ich habe nur bis zur Hälfte gelesen, (wer weiß, vielleicht habe ich nun ausgerechnet die großartigen verpasst?) und in dieser Hälfte gab es zwei Stories, die mir tatsächlich sehr gefallen haben. Das sind die Geschichten „Stille“ und „Notaufnahme Notizbuch“, da sie wirklich ins Mark treffen und auch eine sprachliche Tiefe haben. Alle anderen sind so lala und lesen sich wie Verschnitte der vorher genannten. Am meisten störte mich, dass es sich letztlich fast immer um ganz ähnliche Inszenierungen handelt. Mich störte diese Gleichförmigkeit, mich langweilten die Geschichten, je mehr ich davon las. Immer wieder Krankenhaus und Alkohol, immer wieder traumatisierte Menschen, immer wieder verkorkste Leben.

Normalerweise finde ich solche Thematik durchaus spannend. Ich las gerne Jacksons „Das verlorene Wochenende“ oder „Ruhestörung“ von Yates oder Stories von Foster Wallace. Doch diese Autoren erreichen für mich sehr viel mehr Tiefe, haben viel stärkeres Ausdrucksvermögen. Bei Lucia Berlin sehe ich das nicht. Bei ihr machen mich diese Themen müde. Mir fehlt erstaunlicherweise gerade hier in diesem Buch der „Glutkern“, der von Thea Dorn im „Quartett“ ins Gespräch gebracht wurde …
Sicher, der Ton ist oft witzig, manchmal schnoddrig, das macht es schon außergewöhnlich, allerdings, wie ich finde, auch oberflächlich und schafft zuviel Distanz. Man kann es auch Ironie nennen. Aber für mich steckt dahinter keine große Sprachkunst.

Mag sein, dass ich so gar nicht mehr mit der US-amerikanischen Literatur zurecht komme, hatte ich doch ganz ähnliche enttäuschende Erlebnisse mit dem neuesten Roman von Jonathan Franzen, auf den ich mich sehr gefreut hatte, und mit dem so hoch gelobten Autoren Donald Antrim.

Über dieses Buch nun wird sehr viel im Zusammenhang mit der Biografie der Autorin gesprochen. Sie hatte tatsächlich ein wirklich hartes Leben, aber davon kann sich nicht die literarische Qualität ihrer Texte ableiten lassen.
Dennoch: Es ist gut und wichtig vergessene Autor/en/innen wieder zu entdecken. Und Lucia Berlin wird sicher ihre Leser finden. Ein jeder bilde sich sein eigenes Urteil …

Und wer nun im Gegenzug eine sehr begeisterte Besprechung einer geschätzten Bloggerkollegin lesen möchte, der tue das bei Birgit von Sätze & Schätze.

„Was ich sonst noch verpasst habe“ erschien im Arche Verlag und wurde von Antje Ravic Strubel übersetzt.

 

Lena Andersson: Widerrechtliche Inbesitznahme Luchterhand Verlag

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„Seit Ester Nilsson mit achtzehn Jahren begriffen hatte, dass es im Leben darum geht, die Traurigkeit zu verjagen, und seit sie zu diesem Zweck auf eigene Faust Sprache und Ideen entwickelt hatte, hatte sie sich im Leben nie mehr unwohl gefühlt, war kaum je einmal niedergeschlagen gewesen, Sie arbeitete stetig an der Entzifferung der Welt und der Beschaffenheit der Menschen.“

Das alles ändert sich schlagartig, als Ester den Auftrag bekommt einen Vortrag über den Künstler Hugo Rusk zu halten.
Ester ist 31, freie Autorin, eine kluge, gebildete Frau und mit ihrer Arbeit recht erfolgreich. Sie lebt in Stockholm in einer wenig aufregenden, aber harmonischen Beziehung mit Per.
Als sie an dem Vortrag über Hugo Rusk, einem charismatischen, sehr bekanntem bildenden Künstler schreibt, versenkt sie sich tiefer als gewohnt in dessen Werke und beginnt sich ein eigenes Bild von ihm zu machen. Ester ist fasziniert.
Der Vortrag wird ein Erfolg, sie begegnet Hugo persönlich, er ist begeistert von ihrem Vortrag und bietet ihr an, ihn doch einmal in seinem Atelier zu besuchen. Ester ist sofort vollkommen eingenommen und verliebt (und verliert) sich auf Anhieb.

„Sie erinnerte sich vage, dass sie sich noch vor kurzer Zeit mit anderen Dingen beschäftigt hatte als mit ihren Gefühlen, sie hatte sich für die Welt interessiert, versucht, alles Mögliche zu lernen, und sich darüber gefreut, dass sie existierte. Jetzt versuchte sie nur zu begreifen, ob er sie wollte oder nicht.“

Die beiden treffen sich öfter, es entwickelt sich eine Beziehung, die zunächst geprägt ist von intensiven philosophischen Gesprächen über Kunst und Weltanschauung. Irgendwann landen sie auch im Bett. Ester lässt sich so stark auf Hugo ein, dass sie sich binnen kürzester Zeit soweit von ihrem bisherigen Partner entfernt, dass die Beziehung in die Brüche geht.

„Jedes Mal, wenn sie etwas kommentierte, kehrte Stille ein. Hugo bezog sich nie auf das, was Ester gesagt hatte. Ester bezog sich immer auf das, was Hugo gesagt hatte. Sie interessierten sich beide nicht sonderlich für Ester, aber sie interessierten sich beide sehr für Hugo.“

Was sich nun entspinnt, ist der Wahnsinn einer unerfüllten Leidenschaft, einer einseitigen Liebe und zwar beeindruckend genau und auf hohem Niveau erzählt. Andersson schafft eine Atmosphäre, die den Leser derart in die Geschichte hineinzieht, dass er glaubt sie am eigenen Leibe zu erleben, alles zu verstehen, allen Schmerz, alle Höhenflüge und dennoch ständig eingreifen will, um die masslos Liebende vor dem absehbaren Abgrund zu bewahren. Das Warten, das Sehnen, das Hoffen. Das Buch hat sicher auch deshalb eine so starke Wirkung, weil wohl jeder etwas dergleichen schon erlebt hat.

Der Freitag quälte sich dahin. Die üblichste Frage seit der Erfindung des Telefons könnte sein: Warum ruft er nicht an? Es war zwei, drei, vier Uhr, und er rief nicht an. Sie legte sich aufs Bett und las Majakowskis „Wolke in Hosen“, weil er es als wichtig bezeichnet hatte. Der Titel war phantastisch, die Gedichte hatten ihre Vorzüge, aber vieles daran lies sie unberührt.“

Ester ist eine reflektierende Frau, die sich durchaus selbst durchschaut und dennoch nicht anders handeln kann. Den mahnenden Stimmen des „Freundinnenchores“ zum Trotz verliert sie ihre Selbstbestimmtheit
Hugo hingegen bleibt unabhängig, er leidet nicht, er zieht sich einfach zurück, ist Meister im Ausweichen, Verschweigen und Hoffnung schüren.

„Sie hörte alles, was sie zu hören brauchte, um endlich zu verstehen, dass sie ihrer Wege gehen müsste und nie mehr über diesen Mann nachdenken dürfte. Aber sie konnte dieses Wissen nicht ihrem autonomischen Erkenntnissystem einverleiben. Es blieb auf einem äußerlichen Niveau, wo Ausflüchte sich davon ernähren, was gerade zu haben ist.“

Anderssons Buch wird getragen von den gekonnt geschilderten(auch inneren) Dialogen und der geschliffenen, genau analysierenden Sprache. Es ist einer der interessanteren und anspruchsvolleren Romane über die Liebe.
Ein Buch, dass mich stark in seinen Bann gezogen hat! Sehr sehr empfehlenswert!

Lena Andersson lebt als Autorin und Journalistin in Stockholm und hat für diesen Roman 2013 den renommiertesten Literaturpreis Schwedens erhalten.

10 Fragen zu Büchern oder Trügt die Erinnerung?

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Das erste Buch, das du bewusst gelesen hast?

Ich erinnere mich nicht.
Was ich weiß, ist, dass ich als Kind alle verfügbaren Pferdebücher las, etliches aus dem Schneider Verlag, Erich Kästner, fast alles aus der Bibliothek ausgeliehen, und irgendwann auch die Bücher meines älteren Bruders, wie etwa Karl May, allerdings nur die Bände die nicht im Wilden Westen spielten (wahrscheinlich wegen des Wunderpferdes „Rih“).

Das Buch, das Deine Jugend begleitete?

Da es in meiner Familie keine Bücher gab, lesen nicht angesagt war, war ich dankbar über das, was mir im Deutschunterricht angetragen wurde. Für mich war jede Schullektüre eine Offenbarung, während sie für viele ja bekanntlich eine Qual war und abschreckend wirkte. Für mich waren sie immer Anregung und entdeckenswertes Neuland.

Prägend waren außerdem vor allem Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ von Remarque „Im Westen nichts Neues“ Lyrik und „Siddartha“ von Hermann Hesse.

Das Buch, das Dich zur Leserin/zum Leser machte?

Antonio Skármeta: Mit brennender Geduld
und
Fruttero/Lucentini: Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz
und
Thomas Nagel: Was bedeutet das alles?

Das Buch, das Du am häufigsten gelesen hast?

Gesammelte Gedichte von Hilde Domin,
Kafkas „Die Verwandlung“, E. T. A. Hoffmanns „Der Sandmann“ und
Pessoas „Buch der Unruhe“

Das Buch, das Dir am wichtigsten ist?

Es ist nicht ein Einziges aber allen voran Goethes „Faust“, weil es wirklich alles beinhaltet, was das Leben ausmacht, auch heute noch.
Doch dann folgt gleich das „Buch der Unruhe“

Das Buch, vor dem Du einen riesigen Respekt bzw. Bammel hast?

Bücher von Thomas Pynchon,  Arno Schmidt

Das Buch, das Deiner Meinung nach am meisten überschätzt wird?

Harry Potter

Das Buch, das Du unbedingt noch lesen willst – wenn da einmal Zeit wäre?

Wie könnte es anders sein: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit von Proust
und
Dantes „Göttliche Komödie“

Das Buch, das Dir am meisten Angst macht?

Mir machen die meisten Bücher Angst, die auf der Bestsellerliste stehen … vor allem die, die unter die sogenannte Kategorie `Frauenbücher`fallen.

Ansonsten fühle ich mich bei E.T.A. Hoffmann oder Edgar Alan Poe mitunter unbehaglich

Das Buch, das Du gern selbst geschrieben hättest?

Das Buch wird noch geschrieben … es wird ein Lyrikband, ich arbeite dran.
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Die Fragen stellte Birgit von Sätze & Schätze bereits vor geraumer Zeit. Nun wurden sie von vielen Buchbloggern noch einmal aufgegriffen. Und wie bisher fast alle sagten, braucht man mehr Zeit dafür, als man zunächst meint, ist es doch ein Eintauchen in die Vergangenheit, verbunden mit Erinnerungen, die über die Lektüre weit hinaus reichen.
Was davon richtig erinnert ist, was wahr ist, wer weiß das schon …

Vor einiger Zeit stellte Buchblogger Sandro Abbate auch die Frage „Warum ich lese“ in den Bloggerraum. Aus diesen Antworten wird sogar ein Buch entstehen. Meine Antwort gibt es hier.

Juan Gómez Bárcena: Kanada Secession Verlag

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Es ist ein Roman, zu dem sich kaum Worte finden lassen. Atemlos, gebannt, fast an einem Stück habe ich ihn gelesen. Und jetzt Sprachlosigkeit infolge des Raums und der Sprachlandschaft dieses Romans, der Fülle und zugleich der Leere …

Juan Gómez Bárcena war eine Empfehlung Alexander Weidels vom Secession Verlag für Literatur. Ohne ihn hätte ich das Buch vermutlich nicht gelesen. Im Wust der Bücherfluten wäre er untergegangen. Ich bin froh, dass das nicht passiert ist. Mir wäre etwas entgangen, was für mich unvergleichlich gute Literatur ausmacht. Trotzdem oder gerade deshalb fällt es mir schwer über den Roman zu schreiben. Ich weiß jetzt schon, dass ich das nicht zu fassen kriege, was er transportiert in all seiner Bildhaftigkeit und was vermutlich bei jedem/jeder Leser/in ganz anders ankommt. Und ich weiß, dass es anderen bei der Lektüre ähnlich ging.

Gleich vorweg: Stefan vom Blog Poesierausch hat eine Rezension über „Kanada“ geschrieben, die kaum etwas über den Inhalt verrät. Möglicherweise ist die Lesart, ohne etwas vorab zu wissen eine ganz gute Herangehensweise. Wer also nicht gespoilert werden will, der lese auf Poesierausch. Ansonsten ist hier meine Besprechung:

„Kanada ist eine Empfindung, ein Schütteln, ein Schlag, den man nicht verstehen kann und der aus diesem Grund niemals verschwindet, während dein Leben vor dem Krieg nur ein Konzept ist, eine Idee, die sich auflöst, sobald man sie erklärt.“

Zunächst klingt der Titel ganz harmlos. Kanada. Doch dann spielt der Roman in Ungarn. Und erst auf Seite 124, zumindest ich wusste es vorher nicht, erfahre ich von den Erlebnissen des Protagonisten in „Kanada“. Gemeint ist nicht das Land in Übersee. Furchtbare traumatisierende Erfahrungen macht dieser Mann und kann nicht wieder in sein Leben zurück, weil er eigentlich nicht mehr lebensfähig ist. Was er durchgemacht hat, versteht niemand. Auch nicht der „nette“ Nachbar, der sich in der Zeit seiner Abwesenheit um das Haus gekümmert hat. Trotzdem wurde es geplündert. Dem/r Lesenden wird klar, warum. Die Stadt ist von den Bomben des Zweiten Weltkriegs völlig zerstört. Der Mann verkriecht sich im Haus. Anfangs glaubt der Nachbar, der ihm regelmäßig Essen bringt, dass er bald wieder anfangen wird zu arbeiten. Versucht zu vermitteln. Doch nach dem Krieg haben die Kommunisten das Land übernommen. Mit einer Arbeit wird es nichts. Der Mann zieht sich in sein ehemaliges Büro im Haus zurück und verlässt es nicht mehr, zieht sich immer mehr in sich zurück. Man erfährt, dass er ein Zahlengenie ist, dass er einmal Dozent war, ein versierter Astrophysiker. Dass er das Lager nur überlebt hat, weil er diese Begabung hat. Doch auch jetzt in der Freiheit kann er nur weiter dahinvegetieren, mehr Tier als Mensch. Der Nachbar quartiert im restlichen Haus Mieter ein und verdient Geld damit. Jahre vergehen. Das Kind der Nachbarin wird vom Säugling zum Schukind. Wie viele Jahre wirklich vergehen, erfährt man erst, als es plötzlich Straßenkämpfe gibt, sowjetische Panzer durch die Stadt rollen. Es ist also der Ungarnaufstand 1956, als sich das Land gegen die Besatzungsmacht, die Sowjetunion auflehnt.

„Der Schuld lässt sich auf die ein oder andere Weise trotzen. Unschuldig zu sein, ist dagegen ein Gewicht, das dich zerquetscht. Unschuld stellt die ganze Welt bloß. Wenn es möglich ist, die härtesten Strafen grundlos zu erleiden, dann wird die  Wirklichkeit schuldig und verliert ihren Sinn –“

Der gebrochene Mann – nur ein einziges Mal erfährt man seinen Namen, János Kövári – nimmt kaum noch etwas außerhalb war, er fantasiert in Wahnvorstellungen, absurden Träumen oder sind es Retraumatisierungen? Erst am Schluss, als alles rückwärts läuft, scheint vollkommene Klarheit in den Mann zurückzukehren. Es ist wie ein Abspann. Er sieht sich und seine Familie unversehrt aus dem Zug aussteigen und ins Haus zurückkehren mit allen Koffern und sieht aus dem Fenster, wie der Nachbar den Schergen den Weg zu seinem Haus weist …

Die Entpersonalisierung oder Abspaltung wirkt besonders stark durch die Erzählform aus der Du-Perspektive. Und auch deshalb kommt mir die Geschichte besonders nah. Und tut weh. „Kanada“ ist ein Roman, der schmerzt, schmerzen muss, weil Literatur mitunter so sein muss. Große Literatur ist für mich keine, die unterhaltsam ist, sondern eine, die mich auch an meine Grenzen bringen darf. Das tut Bárcena mit diesem unfassbaren Buch. Und gerade deshalb leuchtet dieser Roman in all seinen Schrecken und seiner Düsternis.

Der Roman des 1984 in Spanien geborenen Juan Gómez Bárcena erschien im Secession Verlag für Literatur. Genial übersetzt wurde es von Steven Uhly. Er ist wie immer fein ausgestattet und fadengeheftet. Papiersorte und Schriftart kann man im Impressum nachlesen. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Das Debüt 2018 – Bloggerpreis für Literatur: Meine Favoritinnen

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Favoritin von Anfang an und mit 5 Punkten meine Gewinnerin ist Verena Stauffer mit „Orchis“:

Es ist ein sehr sinnlicher Roman, den Verena Stauffer als ihr Debüt geschrieben hat. „Orchis“ ist ein Abenteuerroman, ein Roman der in eine duftende, bunte, mystische Welt entführt, die seinen Hauptprotagonisten nicht mehr aus lässt. Und mich als Leserin auch nicht. Ich bin vollkommen entzückt von dieser Geschichte, die von wundervoller Phantasie und großer Erzählbegabung der Autorin zeugt. Blühendes Leuchten!

Auf Madagaskar wächst nicht nur der Pfeffer, sondern auch die seltensten Orchideenarten. Der junge Botaniker Anselm ist auf der Suche nach einer ganz bestimmten Art. Der kühle europäische Wissenschaftler gelangt schon beim Betreten der Insel in eine andere Sphäre. Mithilfe eines einheimischen Führers und in Begleitung eines englischen Forscherkollegen gelingt tatsächlich der sensationelle Fund: Die Orchidee der weiße Stern wächst hier zuhauf und wird schleunigst auf ein Schiff Richtung Europa gebracht.

Die Insel hat ihn verzaubert. Die Pflanzen und wohl auch der einheimische Führer Isaac. Als bei einem Sturm die kostbare Fracht über Bord geht, gerät Anselm vollends in wahnhafte Verzweiflung. Und so darf der/die Lesende erleben, wie Anselm selbst bewachsen wird von einer seiner Stern-Orchideen. Nie ist man im Verlauf sicher, ob die Orchidee wirklich auf Anselms Schulter wächst. Doch scheint sie sonst keiner zu sehen. Aufgrund des totalen Rückzugs in sich selbst, schicken in die besorgten Eltern schließlich in eine Nervenheilanstalt. Doch es dauert Monate und bedarf eines Tricks des Arztes, bis Anselm wieder der alte ist.

„Er habe den Eindruck, Anselm sei seelisch gestürzt, er sei, um den Vergleich mit einer Blume anzustellen, […] in vollster Blüte, vielleicht mitten in einem Moment der Euphorie plötzlich abgeknickt worden, und hätte daraufhin, gleich einer Blütenpflanze, beschlossen, sich in das tiefste Innere seiner Zwiebel zurückzuziehen, um eine schwierige Zeit zu überdauern.“

Dann folgt flugs die Berufung an die Universität. Es ist die Zeit von Darwins späten botanischen Forschungen, denen Anselm mit eigenen Theorien beikommen will. Vollkommen überdreht und impulsiv verhält er sich, wenn es um neu zu entdeckende Orchideen geht. Anselm hat enorm viel Fantasie und keinerlei Zweifel an seinem Können und Erfolg. Und statt einen prominent angekündigten Vortrag in London zu halten, bricht er kurzerhand und überstürzt auf, um in China eine sagenumwobene neue Schönheit zu finden und seiner Sammlung einzuverleiben. Dass ihm ein neidischer Botaniker damit eine böse Falle stellen wollte, merkt Anselm nicht und das ist auch gut so, denn so landet er nach langer Schiffsreise in der Tat im fernen China auf der Suche nach dem chinesischen Frauenschuh und findet viel mehr als das.

„Wenn es regnete, spürte Anselm, wie unbeeinflussbar der Lauf der Dinge war. Es war, als sei alles immer genauso gewesen und als würde es nie anders sein, deshalb war jede Zeitmessung irrelevant, dachte er, da es keine Möglichkeit des Hinauskommens über das >Jetzt< gab, …“

Verena Stauffers Sprache ist poetisch und sie weiß damit sehr plastisch und sinnesfreudig ihre Figuren und Geschehnisse zu formen. So fügt sie immer wieder Träume und Abzweigungen in Anselms Gedankenwelten ein, dass man ins Überlegen kommt, was ist nun Traum, was Wirklichkeit. Oft haben Anselms Erlebnisse auch etwas märchenhaftes. Man könnte wohl auch das Stichwort „Magischer Realismus“ ins Spiel bringen. So weiß man nicht genau aus welchem Land Anselm kommt. Es ist von Krieg und Umstürzen die Rede, die Anselm jedoch nicht interessieren. Manchmal hätte ich gerne bei einem Erzählstrang, mit mancher Figur noch länger verweilt, doch die Autorin strebt weiter und findet schließlich einen ganz wunderbaren stimmigen Abschluss dieser exotisch leuchtenden Geschichte.

Der Roman erschien im Verlag Kremayr & Scheriau und ist auch äußerlich fein ausgestattet.

 

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Sehr dicht, fast gleichauf, folgt Bettina Wilpert mit „Nichts, was uns passiert“. Sie erhält von mir 3 Punkte:

„Auch wenn man als Frau anscheinend immer damit rechnen muss
und es das Schlimmste zu sein scheint, was passieren kann, ist es doch
nichts, was wirklich geschieht. So wie es keinen Krieg in Deutschland
gibt oder man ständig Angst haben muss zu sterben. Vergewaltigung
passiert anderen Leuten.“

Ungewöhnlich angelegt hat Bettina Wilpert ihren Debütroman über eine Vergewaltigung. Er speist sich aus verschiedensten Stimmen, die alle über das Geschehnis berichten und doch sagt jede etwas anderes. Selbst die beiden Stimmen der tatsächlich Beteiligten werden hinterfragt. Dieses Buch zu lesen, bedeutet, auch die eigene Stimme am Ende einzubringen, sich ein Bild zu machen, nicht unbeteiligt zu bleiben.

Ausgangspunkt ist Leipzig im Sommer der Fußball-WM 2014. Die Studentin Anna und der Doktorand Jonas lernen sich durch Freunde kennen und merken, dass sie ähnliche Interessen haben, nämlich Literatur und Osteuropa. Anna selbst stammt aus der Ukraine, Jonas hat ein Praktikumsjahr dort verbracht und so kommt es zwischen beiden zu regen Diskussionen.

„Anna mochte es nie, wenn jemand fragte: Wie geht’s? Niemand erwartete eine ehrliche Antwort, die Lüge war gesellschaftlich akzeptiert. Die Leute wurden aus dem Konzept gebracht, wenn man die Wahrheit sagte: Schlecht. Oder: Scheiße. Anna hasste es, ein Gespräch auf Lügen aufbauen zu müssen, am liebsten hätte sie immer die Wahrheit gesagt, ihre echte Gefühlslage geschildert, aber das hätte gegen die Konventionen verstoßen.“

Als beide bei einer Gartenparty zuviel getrunken haben und kaum mehr zurechnungsfähig sind, kommt es laut Anna zur Vergewaltigung, laut Jonas zu einvernehmlichem Geschlechtsverkehr. Anna erzählt zunächst nur ihrer Schwester davon. Als Anna die Tat später anzeigt, fällt Jonas aus allen Wolken. Die „Sache“ breitet sich in Studentenkreisen recht schnell aus und je nachdem, wird Jonas oder Anna gemieden, ja ausgeschlossen. Je nachdem auf welcher Seite man steht. Denn dass man sich entscheiden muss, wem man glaubt und wem nicht, scheint ein Muss zu sein. Ein Dazwischen gibt es nicht …

„Alle sprachen darüber. Vor der Albertina diskutierten Studenten, die Hannes nie zuvor gesehen hatte, über den Fall: Über den jungen Doktoranden, der von einer Studentin angezeigt wurde, weil er sie vergewaltigt haben soll. Abends, wenn er sich beim Späti ein Radler holte und sich mit Freunden am Herderpark traf, gab es kein anderes Thema als den gewalttätigen Vergewaltigter und das schutzlose Opfer. Die junge Frau, die betrunken mit einem Mann Sex gehabt und nicht aufgepasst hat.“

Wie schwierig und unangenehm alles ist, zeigt unter anderem dann die Szene auf dem Polizeipräsidium, als sich Anna nach langem Zögern doch entscheidet Anzeige zu erstatten. Es ist eine unüberlegte impulsive Aktion, die sie später bereut. Wilpert führt hier über eine ganze Seite einen Katalog an Fragen auf, die Anna gestellt wurden, durch die man immer die Frage nach der eigenen Schuld erkennen kann, obgleich sie nie direkt gestellt wird.

„Anna wollte das alles nicht. Sie wünschte, sie hätte nie Anzeige erstattet, dann hätte niemand davon erfahren. Es ging ihr nicht darum, Jonas zu bestrafen. Nein. Sie wollte eine Entschuldigung. Sie wollte, dass er ihr in die Augen blickte und sagte: Ich habe dich vergewaltigt, es tut mir leid.
Dass sie niemals mit all dem gerechnet hätte.“

Aufgrund der vielen Stimmen, die im Roman zu Wort kommen, breitet sich eine große Spannweite aus, was denn eine Vergewaltigung genau sei, wo sie beginne und was als einvernehmlich gelte. Sehr spannend dabei ist, was die unterschiedlichen Meinungen in einem selbst als Leser auslösen. Wer lügt? Wem „glaube“ ich als Leser*in und warum? Zu welchem Schluss komme ich? Wen spreche ich schuldig? Wen frei? Wer ist Opfer, wer Täter?

Dass das alles nicht so einfach ist, verdeutlicht Bettina Wilpert in ihrem Roman. Dass, was aus einem Blickwinkel als klar und logisch erscheint, sieht von der anderen Seite womöglich anders aus. Dass die Rechtsprechung sich mit einem einfachen „Nein“ auf Annas Seite nicht zufrieden gibt und das Verfahren gegen Jonas eingestellt wird, gibt zu denken. Eine Klärung scheint schlicht unmöglich …

Der 1989 geborenen Autorin, die selbst in Leipzig studierte, macht sprachlich keine Experimente. Das Thema ist hier Experiment genug. Ihr ist ein spannendes und nachdenklich machendes Buch gelungen, dass ein Thema anpackt und damit sichtbar macht, welches in Romanen so sonst kaum zu finden ist.

Der Roman erschien im Verbrecher Verlag.

 

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Mit größerem Abstand folgt Marie Gamillscheg mit „Alles was glänzt“. Sie erhält gerade so einen Punkt. Ihre Geschichte, die in einem Gebirgsdorf spielt, dass mehr oder weniger vom Aussterben bedroht ist, gefiel mir zwar sprachlich ganz gut, bleibt aber doch sehr weit hinter den ersten beiden Plätzen zurück. Der Berg ist ausgehöhlt, das Bergwerk stillgelegt. Und auch die wenigen Menschen, die noch geblieben sind scheinen abgestumpft und leer. Ein Autounfall in den Serpentinen zum Dorf hin und der Besuch eines Fremden, der das Dorf und den Berg wiederbeleben soll, bringt kurzfristig ein wenig Bewegung in die Bewohner.

Der Roman erschien im Luchterhand Verlag.

 

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Zum Abschluss und in der Tat meilenweit entfernt von jeglicher Punktezahl:
David Fuchs mit „Bevor wir verschwinden“ und Christian Y. Schmidt mit „Der letzte Huelsenbeck“. Beide Bücher sind sofort ausgeschieden, da sie mich sowohl thematisch als auch sprachlich kein bisschen überzeugten.

Ich danke den Damen von Das Debüt, dass ich dabei sein konnte und freue mich schon aufs nächste Jahr. Nun bin ich gespannt, wie meine Jurykolleg_innen entscheiden:

Petra von Literaturreich:
 https://literaturreich.wordpress.com/2019/01/05/das-debuet-2018-bloggerpreis-meine-entscheidung/

Ruth von Ruth liest:
http://ruthjusten.de/das-debuet-2018

Fabian von Mokita:
https://www.mokita.de/blog/2019/01/06/das-debuet-2018-meine-juryentscheidung/

Janine von Frau Hemingway:
https://frau-hemingway.de/meine-stimme-fuer-den-bloggerpreis-das-debuet-2018/

Silvia von Leckere Kekse:
https://leckerekekse.de/wordpress/bloggerpreis-debuets-2018/

Eva Jancak von Literaturgeflüster:
https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/12/08/wuerfelspielereien/

Marc von Lesen macht glücklich:
https://lesenmachtgluecklich.wordpress.com/2019/01/06/debuetpreis-2018-meine-entscheidung-keine-grossen-ueberraschungen/

Angelika von Angelikaliest:
https://angelikaliest.wordpress.com/2019/01/06/kurz-knapp-das-debuet-2018/

Jessica von misspaperback:
https://www.misspaperback.de/2019/01/meine-drei-besten-debutromane-2018-das.html