Zum Welttag des Buches: Warum ich lese – 40 Liebeserklärungen an die Literatur Homunculus Verlag

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Zum heutigen Welttag des Buches ist es natürlich notwendig ein Loblied auf das Lesen, die Literatur und auf das Buch anzustimmen: Deshalb möchte ich noch einmal auf ein bereits im letzten Jahr erschienenes Buch hinweisen, das genau das tut – vielleicht ist es dem einen oder der anderen bisher entgangen …

„Warum ich lese“ ist aus einer Idee des Literaturbloggers Sandro Abbate entstanden. Er stellte auf seinem Blog novelero die Frage: Warum lest ihr eigentlich?

Das ist doch klar, dachte ich. Doch so einfach ist es gar nicht in Worte zu fassen und mich schickte diese Frage sofort zurück in meine Vergangenheit. Schließlich formulierte ich einen kurzen Text, der aus sehr persönlichen Erfahrungen schöpfte: Welche Initiation für mich das Lesenlernen war, wie gut die Entscheidung war Buchhändlerin zu werden, welche Bedeutung Fernando Pessoa für mich hat und dass ich durchs Lesen schließlich auch zum eigenen Schreiben gekommen bin …

Erstaunlich viele andere Literaturblogger beschäftigten sich ebenfalls intensiv mit der Frage. Die entstandenen Texte waren so interessant und vielschichtig, dass Sandro die Idee hatte, man könne diese Texte doch in einem Buch versammeln. Sandro konnte dann den unabhängigen kleinen feinen Homunculus Verlag für dieses Unterfangen gewinnen.

Im März 2017 ist es mit einer Auswahl von 40 Texten erschienen und es ist schön geworden! Schön wäre auch, wenn es viele Leser fände. Eine Leseprobe gibt es auf der Website des Homunculus Verlags, wo auch alle Beitragenden mit ihren Blogs aufgeführt sind. Mein Text „Warum ich lese oder Ich brauche Wahrheit und Aspirin“ ist natürlich auch hier auf dem Blog zu lesen.

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Warum ich lese oder Ich brauche Wahrheit und Aspirin

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Jetzt könnte ich mit Pessoa anfangen …

Aber ich fange anders an. Ich komme aus einer Familie, in der Lesen keine Rolle spielte. Es gab zuhause keine Bücher. Nicht mal Buchattrappen.  Es gab niemanden, der mir das Lesen oder Bücher nahe gebracht hat. Umso erstaunlicher ist meine Initiation …
Das Lesen- und Schreibenlernen in der Schule war Offenbarung.  Lesen war Reisen, Lesen war Flucht, Lesen war abseits der Wirklichkeit. Was war später naheliegender, als eine Ausbildung zur Buchhändlerin zu beginnen?
Ich hatte einen sehr guten Abschluss hingelegt, aber wirklich etwas über Literatur, wie sie funktioniert, wirkt und wie sie Leidenschaften wecken kann, habe ich erst einige Jahre später am besten Arbeitsplatz meines Lebens erfahren. Dort gab es einen Kollegen, der ein immenses Wissen hatte über Literatur. Und zwar tief verinnerlichtes Wissen, das Zusammenhänge schaffen kann, kreatives, nicht auswendig gelerntes Wissen, sondern gelebtes Wissen. Er erzählte mir von Autoren, von denen ich noch nie gehört hatte, er entfachte Leseleidenschaft und pflanzte mir die Liebe zur Lyrik ins Herz.

Und so lernte ich auch Fernando Pessoa kennen: „Ich brauche Wahrheit und Aspirin“ … der Titel eines bibliophilen auf wunderbarem Papier in besonderen Lettern gesetzter Band mit Gedanken und Versen des Portugiesen, welcher in einem winzigen Verlag erschien bei einem passionierten Verleger.

Ich habe mich nie wohlgefühlt, solange ich mich nicht ins Universum legte. *

Ich brauche Wahrheit und Aspirin … das hat mich immer begleitet seither. Es ist, als träfe das genau den Punkt. Meinen Lebenspunkt. Wahrheit als Metaebene und dann Aspirin gegen die Schmerzen vom zu vielen Nachdenken über Wahrheit und Wirklichkeit … Pessoas „Buch der Unruhe“ ist dann meine Bibel geworden durch die Buchhändlerzeit. 

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Literatur als Unruhestifter, als Denkanstifter. Lesen ist längst keine Flucht mehr. Lesen ist für mich niemals Unterhaltung. Darum geht es mir gar nicht. Ich brauche keine leichte Lektüre mit Happyend, um mir die Zeit zu vertreiben. Ich liebe offene Enden, sie beflügeln die Fantasie.  Ich hasse lustige Bücher, weil sie selten klug sind. Bücher, die mir nicht gefallen, die mich nirgends berühren, lege ich rigoros un- oder halbgelesen weg. Außerdem lese ich fast ausschließlich Belletristik, Romane und immer mehr Lyrik. Sachbücher fast nie – non-fiction habe ich auch so genug.
Gute Literatur stößt den grenzenlosen Denkprozess an. Lesen ist Reibung am Text, Herausforderung und Arbeit. Arbeit an und mit mir selbst. Lesen braucht Mut und Zeit – Lyrik lesen noch mehr. Lesen bedeutet für mich Auseinandersetzung mit Sätzen, mit Wörtern, mit Themen, die mich treffen. Entwicklung ist das Stichwort …

Und als Buchhändlerin lag mir die Vermittlung am Herzen. Ich hatte es in der Hand, die Saat zu legen, die Lust aufs Lesen zu gießen und vielleicht keimen zu sehen. Das habe ich sehr lange getan. Ein Vierteljahrhundert. Inzwischen arbeite ich nicht mehr als Buchhändlerin, der Blog ist mittlerweile mehr als ein guter Ersatz. Zusätzlich bin ich auf die schreibende Seite gewechselt, vielleicht sogar aus dem Grund, weil ich wahnsinnig viel gelesen habe, kein Ende in Sicht…

Habe ich die Frage beantwortet? Nein?
Macht nichts. Vielleicht ist der Zauber des Lesens unerklärlich.
Die Frage stellte Sandro Abbate vom Blog Novelero in den Buchblogger-Raum.

*Zitat aus Fernando Pessoa: Ich brauche Wahrheit und Aspirin aus dem Verlag ctl-presse

 

Bettina Wilpert: Nichts, was uns passiert Verbrecher Verlag

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„Auch wenn man als Frau anscheinend immer damit rechnen muss
und es das Schlimmste zu sein scheint, was passieren kann, ist es doch
nichts, was wirklich geschieht. So wie es keinen Krieg in Deutschland
gibt oder man ständig Angst haben muss zu sterben. Vergewaltigung
passiert anderen Leuten.“

Ungewöhnlich angelegt hat Bettina Wilpert ihren Debütroman über eine Vergewaltigung. Er speist sich aus verschiedensten Stimmen, die alle über das Geschehnis berichten und doch sagt jede etwas anderes. Selbst die beiden Stimmen der tatsächlich Beteiligten werden hinterfragt. Dieses Buch zu lesen, bedeutet, auch die eigene Stimme am Ende einzubringen, sich ein Bild zu machen, nicht unbeteiligt zu bleiben.

Ausgangspunkt ist Leipzig im Sommer der Fußball-WM 2014. Die Studentin Anna und der Doktorand Jonas lernen sich durch Freunde kennen und merken, dass sie ähnliche Interessen haben, nämlich Literatur und Osteuropa. Anna selbst stammt aus der Ukraine, Jonas hat ein Praktikumsjahr dort verbracht und so kommt es zwischen beiden zu regen Diskussionen.

„Anna mochte es nie, wenn jemand fragte: Wie geht’s? Niemand erwartete eine ehrliche Antwort, die Lüge war gesellschaftlich akzeptiert. Die Leute wurden aus dem Konzept gebracht, wenn man die Wahrheit sagte: Schlecht. Oder: Scheiße. Anna hasste es, ein Gespräch auf Lügen aufbauen zu müssen, am liebsten hätte sie immer die Wahrheit gesagt, ihre echte Gefühlslage geschildert, aber das hätte gegen die Konventionen verstoßen.“

Als beide bei einer Gartenparty zuviel getrunken haben und kaum mehr zurechnungsfähig sind, kommt es laut Anna zur Vergewaltigung, laut Jonas zu einvernehmlichem Geschlechtsverkehr. Anna erzählt zunächst nur ihrer Schwester davon. Als Anna die Tat später anzeigt, fällt Jonas aus allen Wolken. Die „Sache“ breitet sich in Studentenkreisen recht schnell aus und je nachdem, wird Jonas oder Anna gemieden, ja ausgeschlossen. Je nachdem auf welcher Seite man steht. Denn dass man sich entscheiden muss, wem man glaubt und wem nicht, scheint ein Muss zu sein. Ein Dazwischen gibt es nicht …

„Alle sprachen darüber. Vor der Albertina diskutierten Studenten, die Hannes nie zuvor gesehen hatte, über den Fall: Über den jungen Doktoranden, der von einer Studentin angezeigt wurde, weil er sie vergewaltigt haben soll. Abends, wenn er sich beim Späti ein Radler holte und sich mit Freunden am Herderpark traf, gab es kein anderes Thema als den gewalttätigen Vergewaltigter und das schutzlose Opfer. Die junge Frau, die betrunken mit einem Mann Sex gehabt und nicht aufgepasst hat.“

Wie schwierig und unangenehm alles ist, zeigt unter anderem dann die Szene auf dem Polizeipräsidium, als sich Anna nach langem Zögern doch entscheidet Anzeige zu erstatten. Es ist eine unüberlegte impulsive Aktion, die sie später bereut. Wilpert führt hier über eine ganze Seite einen Katalog an Fragen auf, die Anna gestellt wurden, durch die man immer die Frage nach der eigenen Schuld erkennen kann, obgleich sie nie direkt gestellt wird.

„Anna wollte das alles nicht. Sie wünschte, sie hätte nie Anzeige erstattet, dann hätte niemand davon erfahren. Es ging ihr nicht darum, Jonas zu bestrafen. Nein. Sie wollte eine Entschuldigung. Sie wollte, dass er ihr in die Augen blickte und sagte: Ich habe dich vergewaltigt, es tut mir leid.
Dass sie niemals mit all dem gerechnet hätte.“

Aufgrund der vielen Stimmen, die im Roman zu Wort kommen, breitet sich eine große Spannweite aus, was denn eine Vergewaltigung genau sei, wo sie beginne und was als einvernehmlich gelte. Sehr spannend dabei ist, was die unterschiedlichen Meinungen in einem selbst als Leser auslösen. Wer lügt? Wem „glaube“ ich als Leser*in und warum? Zu welchem Schluss komme ich? Wen spreche ich schuldig? Wen frei? Wer ist Opfer, wer Täter?

Dass das alles nicht so einfach ist, verdeutlicht Bettina Wilpert in ihrem Roman. Dass, was aus einem Blickwinkel als klar und logisch erscheint, sieht von der anderen Seite womöglich anders aus. Dass die Rechtsprechung sich mit einem einfachen „Nein“ auf Annas Seite nicht zufrieden gibt und das Verfahren gegen Jonas eingestellt wird, gibt zu denken. Eine Klärung scheint schlicht unmöglich …

Der 1989 geborenen Autorin, die selbst in Leipzig studierte, macht sprachlich keine Experimente. Das Thema ist hier Experiment genug. Ihr ist ein spannendes und nachdenklich machendes Buch gelungen, dass ein Thema anpackt und damit sichtbar macht, welches in Romanen so sonst kaum zu finden ist.

Der Roman erschien im Verbrecher Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das digitale Rezensionsexemplar.

Senthuran Varatharajah: Vor der Zunahme der Zeichen S. Fischer Verlag

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Valmira Surroi                                                                                 18.43
„Ich weiß nicht, warum ich dir schreibe.“

Einen Auszug aus seinem Roman las Senthuran Varatharajah bereits bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt 2014 und erhielt dafür den 3sat-Preis. Inzwischen ist der Roman vollendet und erschienen. Es ist ein durchaus ungewöhnliches Stück Literatur. Der Autor wählt für seinen Text zum einen eine sehr besondere Form, nämlich einen Dialog und zwar einen, der auf Facebook geführt wird; zum anderen lässt er seine beiden Protagonisten in einer anspruchsvollen Sprache kommunizieren und philosophieren, was ein großer Genuß ist.

„wir stellten keine Fragen. der enträumte schnee warf durch die seitenscheibe das kalte licht einer ausgestanzten sekundensonne zurück. die tageszeit war auf der porösen haut nicht abzulesen.“

Das Thema des Romans ist die Flucht der Eltern und das „Einleben“ in einem anderen Land, Weggehen und Ankommen, welches der Autor vorrangig über die Sprache transportiert.

„Ich wusste noch nicht, dass ausweisen beides heißen kann, dass es bedeutet, dass wir unsere Identität durch ein Stück Plastik oder Papier beweisen, und dass es bedeutet, dass wir ein Land verlassen müssen, und vielleicht sind diese Bedeutungen nicht weit voneinander entfernt, ich bin mir nicht sicher.“

Die beiden Gesprächspartner, Senthil Vasuthevan, Ende Zwanzig und Valmira Surroi, Anfang Zwanzig haben beide in Marburg studiert und hätten sich dort begegnet sein können. Tatsächlich sind sie das nie und Senthil lebt inzwischen in Berlin, aber Facebook schafft eine Verbindung durch eine gemeinsame Freundin. Sie beginnen einander zu schreiben, tun das über sieben Tage hinweg, bis Valmira mit ihren Eltern eine Reise in ihr Herkunftsland, den Kosovo antritt.
Sie schreiben sich tagsüber und auch nachts. Sie erzählen sich von ihren Familien und den Umständen der Flucht aus der Heimat, die sie beide als Kind miterlebten. Senthils Eltern flohen als verfolgte Tamilen aus Sri Lanka, Valmiras Eltern aus dem Kosovo, weil sie als Albanier von den Serben verfolgt wurden.Sie zeigen sich Fotos von damals und pendeln zwischen früher und jetzt. Beide sprechen kaum noch ihre „Muttersprache“, dafür aber perfekt deutsch.

Manchmal liefern sie sich Stichwörter. Manchmal scheinen sie einfach frei zu assoziieren. Selten beantworten sie gestellte Fragen direkt. Dennoch entsteht eine Verbindung, ein Austausch, ein Gedankenstrom. Der Leser erkennt die Zusammenhänge manchmal Seiten später, manchmal gar nicht, was der Faszination, mit der man den beiden folgt, keinerlei Abbruch tut. So erinnert sich Valmira, wie sie sich als Kind die Atemwolken im Winter als Sprechblasen vorstellte, viele Seiten später, erfährt man von Senthil, dass er glaubte die Sprache der Engel sähe wie Atemwolken aus. Der intime Austausch scheint gerade durch das Medium Facebook möglich, eine Offenheit gegenüber einem Unbekannten leichter; manchmal wirkt es als würden beide Selbstgespräche führen oder sich einem Tagebuch anvertrauen.

Um Zeichen und deren Deutung geht es hier in der Tat fast immer. Zunächst sieht Senthils Mutter „die Zunahme der Zeichen“:  Sie erkennt, dass es besser wäre rechtzeitig, aus dem eigenen Land zu fliehen, weil die Bedrohung immer deutlicher zu spüren ist. Später die Sprachzeichen, also die Buchstaben, der neuen Sprache, die gelernt werden muss oder auch religiöse Zeichen und Symbole; einerseits die der Hindu-Religion der Mutter Senthils, andererseits die der Zeugen Jehovas, denen der Vater in Deutschland beitritt. Selbst ihre Namen erscheinen den Protagonisten als Zeichen für die Umwelt, erkennt man sie doch sofort als „Fremde“.

„nur gebrochenes deutsch wird uns zugestanden.

es liegt an unseren namen.“

Anfangs dachte ich, es sei ein Roman, der gänzlich ohne Handlung auskommt, der vorrangig über die Sprache lebt, was mich bei solcher Sprachkraft überhaupt nicht stört, doch die Handlung gibt es; sie entsteht im eigenen Kopf, gestaltet sich aus dem, was man selbst mit den kleinen Episoden der Protagonisten in Verbindung bringt und letztlich auch aus dem, was zwischen den Zeilen steht und aus den unbeantworteten Fragen.
Ein Leuchten!

Senthuran Varatharajah, Jahrgang 1984, lebt in Berlin. „Vor der Zunahme der Zeichen“ ist sein erster Roman und erschien im S. Fischer Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier

Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe Arche Verlag

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Es tut mir ausgesprochen leid. Gerne hätte ich in die Lobeshymne mit eingestimmt. Sogar im „Literarischen Quartett“ waren sich alle einig. Dieses Buch ist große Literatur, hieß es allerorten. Aber ich muss gestehen, dass ich mich dem Chor nicht anschließen kann.

Warum?
Ich finde die Geschichten nicht überragend, weder sprachlich noch inhaltlich. Ich habe nur bis zur Hälfte gelesen, (wer weiß, vielleicht habe ich nun ausgerechnet die großartigen verpasst?) und in dieser Hälfte gab es zwei Stories, die mir tatsächlich sehr gefallen haben. Das sind die Geschichten „Stille“ und „Notaufnahme Notizbuch“, da sie wirklich ins Mark treffen und auch eine sprachliche Tiefe haben. Alle anderen sind so lala und lesen sich wie Verschnitte der vorher genannten. Am meisten störte mich, dass es sich letztlich fast immer um ganz ähnliche Inszenierungen handelt. Mich störte diese Gleichförmigkeit, mich langweilten die Geschichten, je mehr ich davon las. Immer wieder Krankenhaus und Alkohol, immer wieder traumatisierte Menschen, immer wieder verkorkste Leben.

Normalerweise finde ich solche Thematik durchaus spannend. Ich las gerne Jacksons „Das verlorene Wochenende“ oder „Ruhestörung“ von Yates oder Stories von Foster Wallace. Doch diese Autoren erreichen für mich sehr viel mehr Tiefe, haben viel stärkeres Ausdrucksvermögen. Bei Lucia Berlin sehe ich das nicht. Bei ihr machen mich diese Themen müde. Mir fehlt erstaunlicherweise gerade hier in diesem Buch der „Glutkern“, der von Thea Dorn im „Quartett“ ins Gespräch gebracht wurde …
Sicher, der Ton ist oft witzig, manchmal schnoddrig, das macht es schon außergewöhnlich, allerdings, wie ich finde, auch oberflächlich und schafft zuviel Distanz. Man kann es auch Ironie nennen. Aber für mich steckt dahinter keine große Sprachkunst.

Mag sein, dass ich so gar nicht mehr mit der US-amerikanischen Literatur zurecht komme, hatte ich doch ganz ähnliche enttäuschende Erlebnisse mit dem neuesten Roman von Jonathan Franzen, auf den ich mich sehr gefreut hatte, und mit dem so hoch gelobten Autoren Donald Antrim.

Über dieses Buch nun wird sehr viel im Zusammenhang mit der Biografie der Autorin gesprochen. Sie hatte tatsächlich ein wirklich hartes Leben, aber davon kann sich nicht die literarische Qualität ihrer Texte ableiten lassen.
Dennoch: Es ist gut und wichtig vergessene Autor/en/innen wieder zu entdecken. Und Lucia Berlin wird sicher ihre Leser finden. Ein jeder bilde sich sein eigenes Urteil …

Und wer nun im Gegenzug eine sehr begeisterte Besprechung einer geschätzten Bloggerkollegin lesen möchte, der tue das bei Birgit von Sätze & Schätze.

„Was ich sonst noch verpasst habe“ erschien im Arche Verlag und wurde von Antje Ravic Strubel übersetzt.

 

Lena Andersson: Widerrechtliche Inbesitznahme Luchterhand Verlag

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„Seit Ester Nilsson mit achtzehn Jahren begriffen hatte, dass es im Leben darum geht, die Traurigkeit zu verjagen, und seit sie zu diesem Zweck auf eigene Faust Sprache und Ideen entwickelt hatte, hatte sie sich im Leben nie mehr unwohl gefühlt, war kaum je einmal niedergeschlagen gewesen, Sie arbeitete stetig an der Entzifferung der Welt und der Beschaffenheit der Menschen.“

Das alles ändert sich schlagartig, als Ester den Auftrag bekommt einen Vortrag über den Künstler Hugo Rusk zu halten.
Ester ist 31, freie Autorin, eine kluge, gebildete Frau und mit ihrer Arbeit recht erfolgreich. Sie lebt in Stockholm in einer wenig aufregenden, aber harmonischen Beziehung mit Per.
Als sie an dem Vortrag über Hugo Rusk, einem charismatischen, sehr bekanntem bildenden Künstler schreibt, versenkt sie sich tiefer als gewohnt in dessen Werke und beginnt sich ein eigenes Bild von ihm zu machen. Ester ist fasziniert.
Der Vortrag wird ein Erfolg, sie begegnet Hugo persönlich, er ist begeistert von ihrem Vortrag und bietet ihr an, ihn doch einmal in seinem Atelier zu besuchen. Ester ist sofort vollkommen eingenommen und verliebt (und verliert) sich auf Anhieb.

„Sie erinnerte sich vage, dass sie sich noch vor kurzer Zeit mit anderen Dingen beschäftigt hatte als mit ihren Gefühlen, sie hatte sich für die Welt interessiert, versucht, alles Mögliche zu lernen, und sich darüber gefreut, dass sie existierte. Jetzt versuchte sie nur zu begreifen, ob er sie wollte oder nicht.“

Die beiden treffen sich öfter, es entwickelt sich eine Beziehung, die zunächst geprägt ist von intensiven philosophischen Gesprächen über Kunst und Weltanschauung. Irgendwann landen sie auch im Bett. Ester lässt sich so stark auf Hugo ein, dass sie sich binnen kürzester Zeit soweit von ihrem bisherigen Partner entfernt, dass die Beziehung in die Brüche geht.

„Jedes Mal, wenn sie etwas kommentierte, kehrte Stille ein. Hugo bezog sich nie auf das, was Ester gesagt hatte. Ester bezog sich immer auf das, was Hugo gesagt hatte. Sie interessierten sich beide nicht sonderlich für Ester, aber sie interessierten sich beide sehr für Hugo.“

Was sich nun entspinnt, ist der Wahnsinn einer unerfüllten Leidenschaft, einer einseitigen Liebe und zwar beeindruckend genau und auf hohem Niveau erzählt. Andersson schafft eine Atmosphäre, die den Leser derart in die Geschichte hineinzieht, dass er glaubt sie am eigenen Leibe zu erleben, alles zu verstehen, allen Schmerz, alle Höhenflüge und dennoch ständig eingreifen will, um die masslos Liebende vor dem absehbaren Abgrund zu bewahren. Das Warten, das Sehnen, das Hoffen. Das Buch hat sicher auch deshalb eine so starke Wirkung, weil wohl jeder etwas dergleichen schon erlebt hat.

Der Freitag quälte sich dahin. Die üblichste Frage seit der Erfindung des Telefons könnte sein: Warum ruft er nicht an? Es war zwei, drei, vier Uhr, und er rief nicht an. Sie legte sich aufs Bett und las Majakowskis „Wolke in Hosen“, weil er es als wichtig bezeichnet hatte. Der Titel war phantastisch, die Gedichte hatten ihre Vorzüge, aber vieles daran lies sie unberührt.“

Ester ist eine reflektierende Frau, die sich durchaus selbst durchschaut und dennoch nicht anders handeln kann. Den mahnenden Stimmen des „Freundinnenchores“ zum Trotz verliert sie ihre Selbstbestimmtheit
Hugo hingegen bleibt unabhängig, er leidet nicht, er zieht sich einfach zurück, ist Meister im Ausweichen, Verschweigen und Hoffnung schüren.

„Sie hörte alles, was sie zu hören brauchte, um endlich zu verstehen, dass sie ihrer Wege gehen müsste und nie mehr über diesen Mann nachdenken dürfte. Aber sie konnte dieses Wissen nicht ihrem autonomischen Erkenntnissystem einverleiben. Es blieb auf einem äußerlichen Niveau, wo Ausflüchte sich davon ernähren, was gerade zu haben ist.“

Anderssons Buch wird getragen von den gekonnt geschilderten(auch inneren) Dialogen und der geschliffenen, genau analysierenden Sprache. Es ist einer der interessanteren und anspruchsvolleren Romane über die Liebe.
Ein Buch, dass mich stark in seinen Bann gezogen hat! Sehr sehr empfehlenswert!

Lena Andersson lebt als Autorin und Journalistin in Stockholm und hat für diesen Roman 2013 den renommiertesten Literaturpreis Schwedens erhalten.

10 Fragen zu Büchern oder Trügt die Erinnerung?

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Das erste Buch, das du bewusst gelesen hast?

Ich erinnere mich nicht.
Was ich weiß, ist, dass ich als Kind alle verfügbaren Pferdebücher las, etliches aus dem Schneider Verlag, Erich Kästner, fast alles aus der Bibliothek ausgeliehen, und irgendwann auch die Bücher meines älteren Bruders, wie etwa Karl May, allerdings nur die Bände die nicht im Wilden Westen spielten (wahrscheinlich wegen des Wunderpferdes „Rih“).

Das Buch, das Deine Jugend begleitete?

Da es in meiner Familie keine Bücher gab, lesen nicht angesagt war, war ich dankbar über das, was mir im Deutschunterricht angetragen wurde. Für mich war jede Schullektüre eine Offenbarung, während sie für viele ja bekanntlich eine Qual war und abschreckend wirkte. Für mich waren sie immer Anregung und entdeckenswertes Neuland.

Prägend waren außerdem vor allem Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ von Remarque „Im Westen nichts Neues“ Lyrik und „Siddartha“ von Hermann Hesse.

Das Buch, das Dich zur Leserin/zum Leser machte?

Antonio Skármeta: Mit brennender Geduld
und
Fruttero/Lucentini: Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz
und
Thomas Nagel: Was bedeutet das alles?

Das Buch, das Du am häufigsten gelesen hast?

Gesammelte Gedichte von Hilde Domin,
Kafkas „Die Verwandlung“, E. T. A. Hoffmanns „Der Sandmann“ und
Pessoas „Buch der Unruhe“

Das Buch, das Dir am wichtigsten ist?

Es ist nicht ein Einziges aber allen voran Goethes „Faust“, weil es wirklich alles beinhaltet, was das Leben ausmacht, auch heute noch.
Doch dann folgt gleich das „Buch der Unruhe“

Das Buch, vor dem Du einen riesigen Respekt bzw. Bammel hast?

Bücher von Thomas Pynchon,  Arno Schmidt

Das Buch, das Deiner Meinung nach am meisten überschätzt wird?

Harry Potter

Das Buch, das Du unbedingt noch lesen willst – wenn da einmal Zeit wäre?

Wie könnte es anders sein: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit von Proust
und
Dantes „Göttliche Komödie“

Das Buch, das Dir am meisten Angst macht?

Mir machen die meisten Bücher Angst, die auf der Bestsellerliste stehen … vor allem die, die unter die sogenannte Kategorie `Frauenbücher`fallen.

Ansonsten fühle ich mich bei E.T.A. Hoffmann oder Edgar Alan Poe mitunter unbehaglich

Das Buch, das Du gern selbst geschrieben hättest?

Das Buch wird noch geschrieben … es wird ein Lyrikband, ich arbeite dran.
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Die Fragen stellte Birgit von Sätze & Schätze bereits vor geraumer Zeit. Nun wurden sie von vielen Buchbloggern noch einmal aufgegriffen. Und wie bisher fast alle sagten, braucht man mehr Zeit dafür, als man zunächst meint, ist es doch ein Eintauchen in die Vergangenheit, verbunden mit Erinnerungen, die über die Lektüre weit hinaus reichen.
Was davon richtig erinnert ist, was wahr ist, wer weiß das schon …

Vor einiger Zeit stellte Buchblogger Sandro Abbate auch die Frage „Warum ich lese“ in den Bloggerraum. Aus diesen Antworten wird sogar ein Buch entstehen. Meine Antwort gibt es hier.

Chinelo Okparanta: Unter den Udala Bäumen Wunderhorn Verlag

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Der Wunderhorn Verlag hat eine eigene Reihe für zeitgenössische Literatur aus Afrika, herausgegeben von Indra Wussow. Nach „Ma“ von Aya Cissoko ist dies nun der zweite Roman, den ich lese. Und ich finde diese Reihe wirklich besonders gut ausgewählt. Sie gibt hierzulande noch weniger bekannten Stimmen einen Raum.

„Der Legende nach kommen Geisterkinder, die es leid sind, rastlos zwischen der Welt der Lebenden und der Toten hin- und herzuschweben, über Udala-Bäumen zur Ruhe. Dankbar, endlich irgendwo anzukommen, verhelfen sie jeder Frau, die sich, und sei es auch noch so kurz, unter einem Udala-Baum niederlässt, zu Fruchtbarkeit.“

Nigeria in den 70er Jahren. Es herrscht Bürgerkrieg. Unter den Udala Bäumen spielt eine Schlüsselszene des Romans von Chinelo Okparanta. Hier begegnet die Heldin ihrer zukünftigen Freundin Amina zum ersten Mal. Aus der Freundschaft der beiden jungen Mädchen entsteht eine körperliche Anziehungskraft, entsteht eine zarte erste Liebe. Was für die beiden 12-Jährigen selbstverständlich ist, treibt die Pflegefamilie zu strengen Maßnahmen, denn in der Region in Nigeria mit seinem strengen Katholizismus, ist das, was die beiden tun verboten, ja eine Todsünde, die man nur durch strenges Bibelstudium wieder wettmachen kann. Zudem sind beide auch noch aus unterschiedlichen, verfeindeten Ethnien, die eine Hausa, die andere Igbo. Man trennt die beiden Mädchen. Die Muslimin Amina bleibt bei der Familie, Ijeoma wird zurück zur Mutter geschickt, die sie während des Bürgerkriegs in eine sicherere Region gebracht hatte, nachdem bei einem Bombenangriff 1968 der Vater getötet und das Haus zerstört wurde.

„Ich hatte nicht die Geistesgegenwart zu lügen. Ich sah Mama in die Augen und nickte. „Ja, ich denke immer noch an sie“, sagte ich. Und „Ja, ich denke immer noch auf diese Weise an sie.“ Mama sprang auf, warf die Hände in die Luft und brüllte irgendwas von Gebeten und Vergebung. Sie zog mich am Kragen meines Kleides auf die Füße.“

Ijeoma beugt sich zunächst der strengen Mutter, die das was die beiden Mädchen taten, als ein „Gräuel“ bezeichnet, die laut Altem Testament von Gott nicht geduldet wird. Doch später im Internat kommen die beiden wieder zueinander, können sich aber nur heimlich begegnen. Bis Amina aus Angst vor Strafe beginnt sich Jungen zuzuwenden und schließlich nach Abschluss der Schule heiratet und aus Ijeomas Blickfeld verschwindet. Diese kehrt zur Mutter zurück und arbeitet in ihrem kleinen Gemischtwarenladen mit. Dort lernt sie die Lehrerin Ndidi kennen. Die beiden werden ein heimliches Paar. Alles geht hier nur heimlich. Wer als gleichgeschlechtlich Liebender erkannt wird, muss den Tod fürchten. Selbst vor Steinigung schrecken die gläubigen Katholiken nicht zurück. Ein als Kirche getarnter Treffpunkt für lesbische Frauen, wird enttarnt und viele Frauen fallen der willkürlichen Gewalt der „Sittenwächter“ zum Opfer.

„Orangeblaue Flammen. Sie stiegen von einem Haufen aus brennendem Holz auf. Ndidi begann zu weinen. Wir alle weinten jetzt, weil wir das Gesicht erkannt hatten oder vielleicht mehr das, was davon übrig war. Adanna lag mitten in dem Feuer und brannte.“

Eines Tages taucht im Laden der Jugendfreund von Ijeoma auf und umgarnt sie. Er ist auf der Suche nach einer Ehefrau und Ijeomas Mutter ist begeistert, ihre Tochter endlich unter die Haube zu bringen. So ganz verstehe ich als Leserin nicht, warum Ijeoma schließlich in die Ehe einwilligt, obwohl sie nicht ihn, sondern weiterhin Ndidi liebt. Vielleicht ist es auch nicht nachvollziehbar aus heutiger Zeit und europäischer Sichtweise, wie schwer es war diese Heimlichkeit und das Gefühl einer Schuld zu ertragen.

Es kommt, wie es kommen muss. Ijeoma fühlt sich in ihrer Ehe gefangen, wird depressiv, hat schreckliche Angst von Gott bestraft zu werden, wenn sie keine gute Ehefrau und Mutter ist, ihrem Mann nicht zu Diensten ist. Okparanta beschreibt dieses Dilemma, so im religiösen Glauben verhaftet zu sein mehr als eindringlich. Als Leserin spürt man den seelischen Schmerz und die Angst der Hauptfigur einschneidend und deutlich. Es braucht Zeit, sich davon zu lösen und das Wagnis der Trennung einzugehen …

Die 1981 geborene Nigerianerin Chinelo Okparanta, die seit ihrem 10. Lebensjahr in den USA lebt, hat einen, sprachlich wie inhaltlich, für mich sehr bereichernden Roman geschrieben. Solche Bücher öffnen den Zugang zu anderen Ländern, geben Einblicke in andere Lebenswelten und machen neugierig.

Der Roman wurde aus dem nigerianischen Englisch übersetzt von Sonja Finck und Maria Hummitzsch. Mehr über Buch und Autorin gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Lars Saabye Christensen: Magnet btb Verlag

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„Was wäre, wenn man eine umgedrehte Erinnerung hätte und sich an das erinnern könnte, was noch geschehen sollte?“

Lars Saabye Christensens neuer Roman hat 950 Seiten. Keine davon ist verzichtbar. Ihn zu lesen bedeutet Eintauchen, die Zeit vergessen, obgleich der norwegische Autor vor allem über die Zeit schreibt. Anhand des Hauptprotagonisten, der Fotograf ist, lässt sich das besonders gut aufzeigen. Fotografieren ist Zeit stoppen, festhalten, der Moment der Vergangenheit, der hernach beim Betrachten in der Gegenwart geschieht, die Erinnerung daran, die womöglich ganz anders war. Überhaupt erfahre ich hier viel über Fotografie, eine Faszination, die auch den gesamten Roman mit trägt.

Jokum Jokumsen, 22 Jahre alt und Student der Literaturwissenschaft, misst über 2 Meter. Dass er mit dieser Größe geschlagen ist, macht ihm immer wieder zu schaffen. Erst als seine Zimmernachbarin im Studentenwohnheim, Synne, zwei Jahre älter, Kunstgeschichte studierend, ihm erzählt, dass er Giacomettis „Der Schreitende“ ähnelt, den sie sehr mag, ist er eine Weile damit versöhnt. Denn er ist verliebt in Synne.

Das ist der Anfang. Wir sind im Oslo der 70er Jahre. Christensen weiß diese Zeit atmosphärisch dicht darzustellen: Jokum, der sich mit Kafkas „Prozeß“ herumschlägt, Jazz statt Rock mag und unter seiner Größe leidet, auch körperlich, die Proportionen stimmen nicht. Nebenan die schöne Synne, die heimlich im Wohnheim den Hamster Hubert hält. Tatsächlich kommen die beiden im ersten Teil des Buches zusammen. Was mich wirklich irritiert, ist, dass dieses Paar imgrunde überhaupt nicht zueinander passt und trotzdem lange miteinander lebt. Jokum ist der Träumer, der Kreative, der begabte Fotograf, der Synne abgöttisch liebt, ja, der sich von ihr bevormunden lässt, bis mir als Leserin, die Wut hochsteigt auf diese Frau. Ist es womöglich wirklich so, dass einer in einer Beziehung immer mehr liebt? Von Synne gibt es jedenfalls kaum Zeichen der Liebe, eher starke Launenhaftigkeit gepaart mit Sarkasmus. Sympathisch ist sie mir als Leserin nicht. Blickt man auf ihr chaotisches Elternhaus zurück, kommt vielleicht etwas Verständnis auf. Jokum hingegen kommt aus einem intakten Elternhaus. Sein Vater kommt ursprünglich aus Dänemark und schwärmt für den Karikaturisten Storm P., der im Roman immer wieder auftauchen wird, ebenso wie der Magnet, der auch vom Vater kommt.

Zeitsprung/Ortswechsel: Nach einem kurzen Zwischenspiel in Dänemark, leben die beiden nun in San Francisco, sind verheiratet. Synne schreibt ihre Doktorarbeit, Jokum fotografiert Dinge. Synne hat ein ganz anders Tempo als Jokum. Sie treibt ihn an, verhilft ihm zur ersten Ausstellung und sagt ihm, was zu tun ist, legt ihm die Worte für Interviews vor und er macht alles mit. Sie ist letztlich eher seine Managerin als seine Frau und führt ihn zum Erfolg. Doch ist das noch er selbst?

Er hatte Dinge verschoben. Er hatte sie zurechtgelegt. Das Foto vom Zimmer des Matrosen war nicht echt. Das machte Jokum zu dem Künstler, der er nicht sein wollte. Er wollte nur einer sein, der zufällig an einem Punkt vorbeikam, wo etwas ist. Und aus dem, was ist, sollten die Bilder entstehen und durch sie bestehen.“

Die Jahre vergehen. Jokum wird berühmt, gibt Interviews, sogar für das heimische norwegische Fernsehen. Das MOMA kauft Fotos an und man lädt ihn ein zur Biennale in Venedig. Doch Jokum wird das alles mehr und mehr zuviel. Er hört auf mit dem Fotografieren. Nachdem ein Fotozyklus über Synnes Schwangerschaft ausgestellt wird, sie das Kind aber verlieren, entsteht eine immer tiefere Kluft zwischen beiden, es kommt zur Trennung. Einmal noch sehen sie sich, als Synne sehr krank wird …

„Es müsste eine Probezeit geben für alle, die sich verändern wollten. Man sollte eine Frist bekommen, den Entschluss wieder rückgängig machen zu dürfen, wenn es einem nicht gefiel, wie man geworden war.“

In den letzten Kapiteln geht es etwas verwirrend zu und doch durchdringt man letztlich die feinen Gewebe der verschlungenen Lebenswege des Paares. Und immer bleibt alles in Bewegung, wenn man es nicht fotografisch festhält. Denn Erinnerungen trügen und jeder hat seine eigenen…

„Ließ das Alter womöglich alles zur Komödie werden? Sollte das, was in der Jugend als Tragödie dastand, mit den Jahren einer Farce ähneln?“

Zwischendurch gibt es Kapitel, die aus gänzlich anderer Perspektive berichten, und zwar zunächst aus einem Heim? einer Anstalt? einer Klinik?, genau weiß man es noch nicht. Dort erzählt einer, der Jokum und Synne aus Studentenzeiten in Oslo kannte, und der offenbar dem Schreiben vollkommen verfallen ist. (Es ist gleichzeitig die Erzählerstimme). Er arbeitete endlose Jahre an seinem ersten Roman und ausgerechnet am Erstverkaufstag mit geplanter Release-Lesung bohren sich zwei Flugzeuge in New York in die Twin-Towers …

Christensen hat auch mit Magnet ein wunderbares Stück Literatur erschaffen, mit viel Witz und philosophischer Tiefe. So, wie ich es bereits vom lange zuvor erschienenen Roman „Der Halbbruder“ kenne. Der Autor ist ein König der Metaphern und ein Künstler der Konstruktion: Sprache und Inhalt als gelungene Komposition. Die Figuren sind lebendig beschrieben und besitzen alle eine gewisse Skurrilität. Man merkt an der Sprache auch, dass Christensen Lyriker ist. Warum der Roman Magnet heißt? Das ist Jokums Geheimnis … Magnetisches Leuchten!

Der Roman erschien im btb Verlag. Übersetzt hat ihn Christel Hildebrandt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

Kristine Bilkau: Eine Liebe, in Gedanken Luchterhand Verlag

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„Eine hatte Freiheit gesucht.
Ihre Tochter hatte sich nach Beständigkeit gesehnt.
Und deren Tochter sehnte sich wieder nach Freiheit.“

Nach „Die Glücklichen“ kommt nun als zweiter Roman Kristine Bilkaus „Eine Liebe in Gedanken“. Mir hat ihr Debüt sehr gut gefallen, aber mit dem neuen Roman übertrifft sie sich. An was mag es liegen, dass ich nur so diffus sagen kann, warum ich ihre Geschichten mag? Es ist nicht allein die Sprache, der Inhalt ist nicht spektakulär neu, und dennoch ist da etwas drunter oder zwischen den Zeilen, eine feine Sensibilität, was mir gut gefällt. Und ich denke, für dieses Ungesagte, nur Angedeutete hat Bilkau ein Händchen.

Bilkau beginnt ihr Buch mit einem Zitat aus dem schmalen Band „Fast ganz die Deine“ der Französin Marcelle Sauvageot. Das Buch bekommt später noch Raum, denn viele Zeilen hat die verstorbene Mutter der Hauptprotagonistin darin angestrichen. Zeilen, in denen sie sich wiederfand. Sofort kommt eine schöne Erinnerung an das Buch, dass ich seinerzeit auch gelesen habe. Ein Anreiz, nochmals einen Blick hineinzuwerfen.

Ein Paar mit erwachsener Tochter ist Ausgangspunkt der Geschichte. Als die Mutter der Protagonistin stirbt und sie die Wohnung ausräumt, tauchen Erinnerungsbruchstücke und Briefe auf. Von hier an wird parallel die Liebesgeschichte der Mutter erzählt, die zugleich Lebensgeschichte ist, denn die erste Liebe durchzieht ihr ganzes Dasein, obgleich sie zum großen Teil nur aus der Ferne gelebt werden wird.

In den 60er Jahren, als Antonia Edgar kennenlernt, war es noch ungewöhnlich, dass eine junge Frau allein lebt und arbeiten geht. Doch diese Freiheit mag Toni. Mit Edgar scheint sie dieses Gefühl teilen und leben zu können.Es ist eine Zeit, wo man noch Briefe schreibt, und Edgar tut das mit Leidenschaft, obwohl Toni und er sich regelmäßig sehen. Es ist eine Innigkeit und gleichzeitig eine schöne Verrücktheit zwischen beiden. Als Edgar einen besseren Job in Hongkong angeboten bekommt, nimmt er an. Toni soll nach seiner Eingewöhnungszeit nachkommen, dort wollen sie heiraten. Sie hat schon gekündigt, Job und Wohnung, bemüht sich um eine Stelle in Hongkong. Ein Übergangsleben. Von Monat zu Monat werden die Briefe von Edgar immer kürzer und rarer. Telefonieren ist kostspielig, dafür ist kein Geld da. Als Edgar überraschend für kurze Zeit zurückkehrt, treffen sich die beiden, doch nichts scheint wie zuvor. Danach ist es aus. Doch Antonia wird von dieser Liebe nicht wegkommen. Sie wird sie sich bewahren, auch wenn sie ihr Leben auf ihre freie Art weiterführt.

Noch einmal kommt es lange Zeit später zu einem Treffen mit Edgar, doch Antonia ist enttäuscht und irritiert davon. Die Tochter traut sich nach dem Tod der Mutter dann auch, diesen Mann zu treffen, der ihrer Mutter so viel bedeutete. Was genau sie davon erwartet, weiß sie nicht. Doch sie wird sich ihr eigenes Bild machen …

„Ich wollte ihn fragen, ob er je darüber nachgedacht hatte, dass diese Frau einmal alles für ihn auf eine Karte gesetzt hatte, für ihn allein, dass sie verloren hatte, in einer Zeit, in der Frauen dieser Mut nicht verziehen wurde;“

Auch Hannah, die Tochter der Ich-Erzählerin, wird erwachsen und beginnt sich abzunabeln und scheint in ihrem Freiheitsdrang ihrer Großmutter zu folgen. Und wenn diese zuletzt durch die von ihr kuratierte Ausstellung der Malerin Helene Schjerfbeck geht, bekommt man Lust diese Bilder ebenfalls zu betrachten. Eine Künstlerin, die sehr jung sehr selbständig war, alleine reiste und später zu ihrer Mutter im ländlichen Finnland zurückkehrte, um sie zu pflegen. Parallelen also zum Leben der eigenen Mutter.

Was sich als Inhalt zunächst kitschig anhört und auch mich anfangs skeptisch lesen lies, entpuppt sich im Laufe der Geschichte als höchst stimmiges feines sensibles Unterfangen.

„Eine Liebe, in Gedanken“ erschien bei Luchterhand. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.