Éric Vuillard: Die Tagesordnung Matthes & Seitz Verlag

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Érich Vuillard hat mit seinem schmalen, aber gewichtigen Band den Prix Goncourt 2017 erhalten. Nun ist er auf Deutsch erschienen in der Übersetzung von Nicola Denis. In ein paar Stunden habe ich diesen – ja, kann man es Roman nennen? – verschlungen und habe mir gleich im Anschluß in der Bibliothek „Ballade vom Abendland“ geholt.

Vuillard hat eine traumwandlerisch sichere Art zu schreiben. Ein Jonglieren mit der Sprache, ohne dass etwas schief geht. Es liegt große Präzision in dem was er tut. Kein Wort ist falsch platziert, jedes setzt auf Wirkung. Benutzt werden die ungewöhnlichsten Metaphern und Humor hat er auch. Was muss die Übersetzerin Nicola Denis da geleistet haben (ich wüsste zu gern, welches französische Wort an Stelle von „Butzemännern“ stand)! Ich bin begeistert wie leicht die Lektüre war, obwohl das Thema keinerlei Leichtigkeit enthält. Ich bin überrascht über die unverstellte Darstellung der Ereignisse und über die Offenlegung kleiner Details mit großer Wirkung. So bleiben Szenen und Inhalte eindrücklich in Erinnerung. Vuillards Bücher sind besser und womöglich wirkungsvoller als jedes Geschichtsbuch.

„Verführt von einer kleinlichen und gefährlichen Nationalidee ohne Zukunft streckt die gewaltige, von einer früheren Niederlage frustrierte Menge ihren Arm in die Luft.“

„Die Tagesordnung“ beginnt mit einem Treffen von 24 stinkreichen Industriellen am 20.2.1933, einberufen von Göring, zu einem Gespräch mit Adolf Hitler. Was Hitler will, ist, dass die noblen Herren Geld für die Nazipartei spenden, auf dass der Boden für die Partei und ihren Führer gesichert wäre. Die Herren Krupp, von Siemens, von Opel etc. zögern nicht lange und spenden. Vuillard spannt den Bogen seiner Erzählung weiter über die Verhandlungen Hitlers mit Schuschnigg, den Anschluß Österreichs 1938 und kommt am Ende wieder zu den Industriellen, die alle Tausende von Zwangsarbeitern aus den Lagern holten, Kriegsgewinnler wurden und sich darüber nie rechtfertigen mussten, sondern im Wohlstand bis in die heutige Generation leben. Namen, wie wir sie alle kennen: BASF, Bayer, Opel, Siemens, Allianz, Telefunken etc.

„Dieses Treffen vom 20.Februar 1933, in dem man einen einmaligen Moment der Arbeitgebergeschichte sehen könnte, ein ungehörtes Zugeständnis an die Nazis, ist für die Krupps, die Opels und die Siemens nicht mehr als eine alltägliche Episode des Geschäftslebens, ein banales Fundraising.“

Die Tagesordnung erschien bei Matthes & Seitz. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

„Aber es reicht nicht, es reicht nie, um zu erklären, weshalb eines Tages Millionen von Männern gemeinsam singend aufbrechend, einander gegenüber Stellung beziehen und plötzlich zu schießen beginnen.“

So heißt es im 1. Kapitel des Bands „Ballade vom Abendland“ und dieses Zitat spricht Bände und steht stellvertretend für den gesamten Inhalt. Es um den 1. Weltkrieg und wie es dazu kommen konnte. Ebenfalls sehr empfehlenswert, ebenfalls erschienen im Matthes & Seitz Verlag.

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Serhij Zhadan: Internat Suhrkamp Verlag

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Kürzlich haben Susanne Stöhr und Juri Durkot für die Übertragung des Romans „Internat“ von Serhij Zhadan vom Ukrainischen ins Deutsche den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse 2018 erhalten. Mich hat das angeregt mich diesem interessanten Autor lesend anzunähern. Der 1974 geborene Zhadan hat bereits einige Romane, auch Lyrikbände geschrieben, die sich immer mit seiner Herkunft, seinem zerrissenen Heimatland auseinander setzen und ist in seiner Heimatstadt recht umtriebig. Sein Band „Warum ich nicht im Netz bin“ bietet lyrische sehr aufrüttelnde Einblicke in eine ganz dunkle Welt des Kriegsgeschehens.

„Sie unterrichten nicht zufällig Geschichte?“ Dabei sieht er Pascha durchdringend an.
„Nein“, antwortet Pascha, „nicht Geschichte“.

Pascha, die Hauptfigur, ist Lehrer. Das ist auch die Auskunft, die er jedem gibt und gleichzeitig die Entschuldigung, dass er sich für nichts, was Politik betrifft, interessiert. Sein Lehrerdasein zusammen mit seiner behinderten Hand haben ihn davor bewahrt, für sein Land kämpfen zu müssen. Dabei weiß eigentlich keiner, wessen Land das eigentlich ist, so oft wechselten die, die etwas zu sagen hatten oder haben wollten. Ein Hin und Her auch der Sprachen – Russisch, Ukrainisch etc. Pascha weiß selbst nicht mehr, was er eigentlich lehren soll. Das große Desinteresse, die Desillusionierung zieht sich durch Paschas bisheriges Leben. Seine Freundin Marina hat ihn bereits deshalb verlassen. Mit seiner Schwester und seinem Vater, mit dem er zusammen wohnt, gibt es oft Streit. Als die Schwester ihn bittet, während seiner Ferien seinen Neffen abzuholen, der in die nächstgrößere Stadt in ein Internat abgeschoben wurde, beginnt für den anfangs noch naiven Pascha die größte Herausforderung und ein ungewollter Leidensweg. Denn rundherum tobt der Krieg, keiner weiß genau wo, warum und wie lang.

„Erst da spürt Pascha, dass er Angst hat. Ein Gefühl klebriger, kalter Angst. Als wäre jemand zu ihm gekommen, hätte seinen Tod aus einem Sack genommen, ihn ihm gezeigt und dann wieder zurückgelegt, in den Sack. Er hat ihn aber schon gesehen.“

Es ist ein unglaublich düsteres Buch. Keine Szene vergeht, ohne dass es neblig, feucht, kalt und schrecklich ist. Noch nie habe ich einen Roman gelesen, der ein Kriegsszenario so drastisch und dennoch wie beiläufig schildert. Die Geschichte handelt von der Gegenwart eines kriegsgebeutelten Landes, das keine Ruhe findet, dessen Bewohner unablässig mit Gefahr, Unsicherheit und Leiden konfrontiert sind. Zhadan schafft es eine Stimmung einzufangen, wie ich sie nicht kenne und hoffentlich nie erleben werde. Der Autor hat nichts anderes als die Sprache gegen diesen Krieg und er weiß sie einzusetzen. Dem Leser wird nichts erspart. Dabei fliesst gar nicht so viel Blut, werden kaum grausame Szenen geschildert. Es ist allein der Alltag der Menschen, der alle Schrecknisse beinhaltet. Mit wenig bis gar keinen Habseligkeiten, kaum mehr Nahrung, ziehen die Bewohner ziellos von einem Ort zum anderen, nirgends gibt es Sicherheit, kein Heim mehr. Keiner weiß, wie die Frontlinie sich verschiebt, wann die eine Seite wieder die Macht übernimmt, die Flagge austauscht.

Pascha als Sprachlehrer. Zhadan, der seine Protagonisten immer wieder in anderen Dialekten sprechen lässt, je nachdem welche militärische Einheit gerade Oberhand gewinnt.

„Er spricht Surshyk, einen Mischmasch aus Ukrainisch und Russisch, wechselt alle zwei Worte in die andere Sprache.“

Generell geht es in diesem Roman viel um Sprache. Sprache als Form der Zugehörigkeit, des Erkennens – Muttersprache. Ukrainisch, das immer wieder verboten war. Aber auch die Sprache, die aufgedrückte, die notgedrungen übernommene aus der Zeit als die Ukraine Teil der Sowjetunion war. Russisch, wohl teilweise auch polnisch. Alles basierend auf einer höchst komplexen und wechselvollen Geschichte dieser Nation (die ich selbst erst recherchieren musste). Bis heute kommt das Land nicht zur Ruhe. Das Buch ist brandaktuell. Es ist schrecklich und hart zu lesen, aber es macht bewusst für das Glück, das wir hier haben, nicht in einem Kriegsgebiet leben zu müssen.

Zhadan findet eine starke Metapher für das was Pascha erlebt und die er mehrfach verwendet, als würde einmal nicht reichen für dieses Gefühl. Seine innere Anspannung, die Angst, die Nerven bis zum Zerreißen gedehnt, als wäre es eine (Sprung-)Feder in seinem Herzen. Pascha schafft diese Reise mit seinem Neffen und sowohl er, als auch der 13-jährige Junge wachsen daran. Schön zeigt Zhadan diese Entwicklung, wenn er auf den letzten Seiten von Paschas Erzählperspektive in die des Jungen wechselt.

„Internat“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Lyrik aus dem Verlagshaus Berlin: Martin Piekar: AmokPerVers / Tobias Roth: Grabungsplan

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Nach einer einjährigen Ruhepause gibt es im Verlagshaus Berlin in diesem Frühjahr wieder vier neue Lyrikbände. Meine Wahl ist auf Martin Piekars „AmokPer-Vers“ und Tobias Roths „Grabungsplan“ gefallen. Beide Bände sind bekannt schön gestaltet; feines Papier, fadengeheftet, aufwendig illustriert und in Szene gesetzt. Piekars Lyrik wurde von Robin Wagemann illustriert, Tobias Roths Band von Ibou Gueye.

Der 1990 geborene Martin Piekar hat kürzlich den Lyrikpreis Irseer Pegasus erhalten. Seiner Lyrik folge ich schon eine Weile und mag sie sehr, auch aufgrund der Vielschichtigkeit und der Offenheit. Sollte ich ein Stichwort dafür nennen, dann wäre es „ehrlich“: „Ich bin gegen Gedichte, die ausblenden …“ Lyrik lesen bedeutet Aufbruch, in Bewegung kommen, hier ganz besonders. Der Lyriker betrachtet unterschiedliche Bereiche des Lebens und erzählt davon in fast unverkennbarer Weise. Ein schönes Wortspiel bietet ja schon der Titel „Amok Per-Vers“.

Im Kapitel „Dirty Dairies“ beschäftigt sich Piekar mit dem Thema feministische Pornografie. Das ist spannend … ob es das in der Lyrik schon einmal gab? Angelehnt an eine feministische Kurzfilmsammlung von Mia Engberg entstanden so zwölf Gedichte, deren Inhalt und Verse von glasklarer Betrachtungsweise zeugen.

„Wie manche Männer unbehagen
Wenn sie sonst sabbern bei Mösen, die
Sie auf Screens zu ficken lechzen
Sich aber fürchten, wenn sie von ihnen
Überrascht werden … „

Ziemlich wunderbar finde ich das Kapitel „Ich bin kein Elitepartner“:

„Merken, dass Zeit und Geld nicht so mein Ding sind
Dass Wasseroberflächen Spannungen
Wie Gedichte haben können
Dass es Gedichte gibt, die ich wie Tee lese … „

Hier finden sich warme weiche Blicke auf das Ich und das Ich in Verbindung mit anderen, ein Blick auf das Wagnis sich einzulassen, zu lieben. Dies und das Kapitel „Ahab“ mag ich am liebsten. Hier zieht Piekar durch Frankfurt am Main, wo er lebt. Diese Gedichte zeugen von guter Beobachtungsgabe, vom Hin- und nicht Wegschauen. Es sind gesellschaftskritische, politische, zwischenmenschliche, digitalisierte Themen, auf die der Focus gerichtet ist.

„Wir schlafen aneinander vorbei
Glassplitter am Hauptbahnhof
Eine gestrandete Flaschenpost
In allerlei Zerstreutheit keine Hände …“

Erfindungsreich sind die „Zerrütteten Sonette“, denn da fallen immer eine Zeile, ein paar Worte heraus, werden durchgestrichen. Natürlich wird es damit erst interessant. Und auch sonst: Die Sprache ist Trumpf. Sie kennt Rhythmus und strömt und manchmal tobt sie. Piekars Band endet im Tollhaus, bei dem es sich womöglich um ein ganz normales Haus mit 17 Stockwerken handelt, die jeweils einem Menschen gewidmet sind, Dichter sind auch darunter … Ein Leuchten!

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Ganz anders ist Tobias Roths neuer Gedichtband „Grabungsplan“. Jedes Kapitel wird mit einem italienischen Zitat eingeleitet. Schon hier spürt man Roths Faible für italienische Lyrik, Kunst und antike Mythologie und der Titel weist auch gleich auf archäologische Expeditionen hin. Gleich der erste Text zeugt von großem Kunstverständnis. Mitunter ziehen sich auch italienische Zeilen durch die Verse. Wieder andere warten plötzlich mit oberbayerischem Dialekt auf. Die Gedichte sind oft von Natur durchdrungen, ohne dass es Naturgedichte wären. Es ist ein Schwanken zwischen Natur und Kultur.

„Der offene Kiefer der Gipfel reißt den
Wolken die durchhängenden Bäuche auf,
brotfarbene, dunkelblonde Wände und
unterhalb der Geburtsort Tizians …“

Einzelne Verse mag ich sehr.

„Der Schnee und sein an die Lippen gelegter Finger,
wo der Marmor geboren wird, beweglich
im Wind, grünender Granit.“

Viele bleiben mir auch nach mehrmaligem Lesen fremd. Habe ich bei einem Gedicht dann doch eine Vorstellung davon, wo es hingehen könnte, bleibt mir gleich das nächste wieder verschlossen.

„Wir winseln vor uns all diese Industrien.
Analyse des Gewitters
vormittägliche Gesinnung,
das Übrige wissen vielleicht die Antipoden.“

Woran es liegt? Vielleicht an der teils (für mich) verrätselten Sprache (die mich jedoch sonst auch selten stört). Die überwiegende Anzahl der Texte gelangen nicht nach innen, sie berühren und erwecken nichts in mir. Nicht einmal Sehnsucht nach Italien, wo ich vormals viel Zeit verbrachte (Esther Kinsky hat das kürzlich mit „Hain“ im Handumdrehen geschafft). Als Stichwort hier würde ich „verkünstelt“ wählen. Gut, dass es einen Anhang gibt, in dem Namen und fachliche Begriffe erklärt werden. So erschließen sich einige Zusammenhänge. Vielleicht fehlt mir aber generell das detaillierte Hintergrundwissen.

Ich danke dem Verlag für die Rezensionsexemplare.

PS:
So schön die Bände aus dem Verlagshaus auch gemacht sind, mir ist mitunter die Schrift zu klein. Gerade Fußnoten oder Widmungen waren für mich (womöglich altersbedingt;-) kaum lesbar.

Angelika Klüssendorf: Jahre später Kiepenheuer & Witsch

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Angelika Klüssendorfs Roman „Jahre später“ ist nach „Das Mädchen“ und „April“  die Fortsetzung der Geschichte von April. Es ist ein Roman über eine alles in den Schatten stellende Ehe. Ob er von Liebe handelt, ist nicht wirklich gewiss. Klüssendorfs Romane erzählen von einer DDR-Kindheit, Adoleszenz und dem späteren Leben im Westen, sie sind überwiegend autobiographisch.

Nach „Das Mädchen“, in dem sie über das Kind schreibt, das mit dem kleineren Bruder der alkoholsüchtigen und gewalttätigen Mutter und dem oft abwesenden Vater vollkommen ausgeliefert ist und schließlich im Heim landet, folgte der Band „April“. Darin kommt das Mädchen, dass sich von nun an April nennt, mit 18 Jahren aus dem Heim und erhält einen Arbeitsplatz zugewiesen. Nach einem Suizid-Versuch und anschließendem Psychiatrie-Aufenthalt bekommt die labile junge Frau eine neue Tätigkeit. Hier lernt sie auch Leute aus Kunst und Literatur kennen und beginnt selbst zu schreiben. Sie hat eine Beziehung, wird Mutter, ist mit beidem überfordert. Schließlich wird der Ausreiseantrag genehmigt und sie geht nach Westberlin.

Im neuen dritten Band ist aus der jungen April eine echte Autorin geworden. Auf einer Lesung lernt sie einen Mann kennen, der ihr eigentlich gar nicht so sympathisch ist, der sie aber durch seine Hartnäckigkeit im Werben um sie beeindruckt. Schließlich lässt sie sich darauf ein. Die Anfangszeit dieser Beziehung ist leicht und von fast kindlichem Frohsinn und Nonsens geprägt. Beide scheinen noch viel zu wenig erwachsen, um sich ernsthaft in einer Beziehung wieder zu finden.

Sie sind wie Kinder, denken sich komische Geschichten aus, rufen mit verstellten Stimmen fremde Leute an, versuchen in der Markthalle einen Hummer aus dem Bassin zu klauen;“

Ludwig ist Chirurg und startet nach der Hochzeit sofort eine steile Karriere. Als das Paar Ludwigs Arbeit wegen von Berlin nach Hamburg zieht, ist April einer totalen Einsamkeit ausgeliefert. Statt zu schreiben schaut sie sich Horror-Filme an, deren Hauptfiguren sie in ihrer Fantasie immer wieder besuchen, sie sitzt mit ihnen am Tisch und kommuniziert.

Seine rare Freizeit verbringt Ludwig mit Computerspielen. Er lügt sich die Dinge, so wie er sie gebrauchen kann:

Wenn er mit Bekannten oder Kollegen spricht, lässt er seine Vergangenheit in einem gehobenen Milieu stattfinden. April empfindet keine Scham über ihre Herkunft, gleichwohl auch sie versucht, ihr zu entrinnen.“

Als April schwanger wird, scheint sich zunächst alles zum Guten zu wenden, scheint sich der Wunsch nach einer ganz normalen Familie zu erfüllen. Doch auch das ist nicht von Dauer. April fühlt sich klein und nichtig, gerade auch an Abenden, an denen Ludwig seine Kollegen einlädt. Sie gehört nicht dazu. Zunächst kann sie sich aus schrecklichen Tief-Phasen mit Medikamenten herausholen, doch die Wirkung wird schwächer. Sie hat schlimme Alpträume, trinkt, zieht um die Häuser. Der Karriere Ludwigs wegen steht der Umzug zurück nach Berlin an. Ein Freund verschafft April einen Job in einer Werbeagentur.

Ludwig verkündet eines Tages die Trennung, kommt dann doch wieder zurück, nur um mitzuteilen, dass er die Scheidung will und um zu erklären, wie die Aufteilung des persönlichen Eigentums funktioniert. Was darauf folgt, ist ein erbitterter Rosenkrieg, den April kaum verkraftet. Es häufen sich Anschuldigungen Ludwigs, die schließlich nur noch mit Anwalt und vor Gericht gelöst werden können.

Wenige Wochen später liest April in dem Brief seines Anwaltes, dass sie einen Teil seiner beruflichen Existenz vernichtet habe.
Sie denkt nicht mehr, dass es sich um einen Irrtum handelt. Ludwig meint es ernst. Wenn sie zum Briefkasten geht, schlottern ihr die Knie.“

Liest man die Geschichte von April, fragt man sich augenblicklich, ob es nicht doch im künftigen Leben darauf ankommt, was einem als Kind widerfährt. Es scheint hier, als würde sich die Prägung unmittelbar auf die nächsten Lebensphasen fast schicksalhaft ausdehnen. Angst, fehlendes Selbstvertrauen, Verlorenheit. All das spürt April auch als erwachsene Frau und Mutter, obwohl sie versucht, alles „richtig“ zu machen. Für ihren Sohn Julius aus einer früheren Beziehung, sorgt April, hat aber Angst, dass es nicht genug ist. Und auch mit dem zweiten Kind, Sam, bleibt es schwierig. Sie beginnt mit einer Therapie, schafft zwei Hunde an. Einmal noch, trifft sie sich mit ihren beiden Brüdern, doch hier ist kaum mehr Verbundenheit. Und doch fühlt es sich in manchen Momenten wieder wie richtiges Leben an.

April sitzt stundenlang vor dem Schreibtisch, ohne einen Satz zu schreiben, aber sie hält es aus. Sie erinnert sich, dass sie im Kinderheim, wenn sie nicht einschlafen konnte, Geschichten erzählt hat, um die anderen wach zu halten.“

Im Roman raten alle, die mit April befreundet sind, sie solle doch über ihr Leben schreiben. Dies verwirft sie vehement. Doch dann tut sie es doch und diesem Entschluss haben die Leser diese drei Romane zu verdanken, die auch sprachlich in ihrer Reduziertheit überzeugen. Und so endet „Jahre später“ mit dem prägnanten Satz, der den ersten Roman einleitete: „Scheiße fliegt durch die Luft“

Ergänzung, womöglich von Interesse:
Was ich bei Lektüre aller drei Romane noch nicht wusste, erfuhr ich kürzlich aus einem Beitrag zum Buch: Aprils Ehemann Ludwig ist wohl angelehnt an den tatsächlichen ehemaligen Ehemann Klüssendorfs, Frank Schirrmacher, der als Journalist und Autor durchaus sehr bekannt war.

Alle drei Bände erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch. Eine Leseprobe findet man hier. Auf dem Blog BooksterHRO gibt es Besprechungen aller drei Bände.

Diese Rezension erschien zuerst bei fixpoetry.

Lyrik in Farbe: Dinçer Güçyeter: Aus Glut geschnitzt Elif Verlag/ Ron Winkler: Karten aus Gebieten Schöffling Verlag

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Kürzlich fiel mir auf, wie gut doch zwei meiner noch nicht vorgestellten Lyrikbände farblich harmonieren. Als ob es darauf ankäme! Dann hatte ich aber meinen Spaß daran, beide parallel zu lesen und stellte fest, wie unterschiedlich die Gedichte gearbeitet sind, wie stark die Stimmen sich voneinander unterscheiden und wie spannend also Lyrik sein kann, selbst wenn sie durchaus von ähnlichen Themen handelt. Eigentlich weist schon die zwar farblich ähnliche, ansonsten aber sehr unterschiedliche Gestaltung des Covers darauf hin. Zwei sehr eigene Schreibarten und dazu meine eigene Lesart. Und nun sollen beide zusammen hier ihren Platz finden. Mal sehen, ob das geht:

 


Dinçer Güçyeters neuer Gedichtband ist ein Schmuckstück, innen wie außen. Das Cover und die Bilder, ich nehme an, es sind bearbeitete Fotos, sind ornamental und organisch, oft collagenhaft. Dazwischen finden sich alte Fotos, Kinderzeichnungen, Handschriften etc., also Gegenständliches. Der Band enthält Dichtung, die durch das Leben geprägt ist, ein Leben mit Brüchen, wie ich vermute ein sehr intensives Leben. Es sind starke, archaische, oft auch sehr gefühlvolle Gedichte, nicht selten überraschend in ihrer direkten Wortwahl, ungeschönt, wie das Leben selbst. Man merkt dass der Dichter auch mit dem Schauspiel vertraut ist; es sind starke Inszenierungen dabei, kostümierte Szenen. Es wäre falsch, nicht zu erwähnen, dass als Hauptthema die Herkunft, die Familie, die kulturelle Prägung eine große Rolle spielt, ohne darauf reduziert zu sein. Es sind Erinnerungsgedichte, die gleichzeitig auch in die Zukunft blicken. Wenn ich ein Stichwort nennen sollte, würde ich „Leidenschaft“ oder auch „Hingabe“ sagen.

“ sei Schnitt, sei Schlitz, sei Wunde
heile dich mit eigenen Liedern
in der Röte des Morgenlichts
… mehr darf ich dir …
mehr will ich dir nicht sagen!
auf diesem vielschneidigen Weg ist vieles möglich
und falls du eines Tages nach mir suchen solltest
– was ich nicht hoffe –
der verlorene Dichter
geht immer noch auf den gleichen Strich … „

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Ganz anders bei Ron Winkler: Hier fällt mir sofort als Stichwort „kühle Tiefe“ ein. Das Coverbild ist eine abstrakte Malerei, die für mich wie eine kristallene Spiegelwelt im Bergwerk oder ein Diamantenschimmern erscheint. Innen gibt es nur eine kleine witzige Zeichnung mit „Grundstück für ein Gedicht“ betitelt, die es mir sehr angetan hat. Ich mag das, diese Annahme, dass ein Gedicht durchaus bodenständig und beheimatet ist und in eine Form gebracht werden mag. Passend dazu der Titel „Karten aus Gebieten“. Damit sind sicher Landkarten aber auch Ansichtskarten gemeint, die aus dem Werweisswo eintrudeln und Bericht erstatten – Gedichte aus der Ferne, aus Ländern, in denen man womöglich Landkarten braucht. Fremdes Terrain? Neue Einblicke? Der längste Gedichtzyklus bezieht sich auf den Titel und erforscht tatsächlich fremde Gegenden. Meist südliche. Viele schöne Einzeiler findet Winkler für den irischen Regen (siehe oben). Auch dabei: die Entdeckungen und Erkundungen in einer Beziehung, die aufzeigen, dass die Wege in der Welt dann so ganz anders aussehen und gegangen werden (können).

„Gleich nach der Ankunft gingen wir an Bord
des Besonderen.
Machten uns selbst zum Bereisten.
Die Lebenslinien haben wir
noch einmal lasern lassen.
Der Klang der Stimmen,
wenn man mit uns spricht, ist jetzt ein anderer.
Nicht mehr wie zu Kindern.“

Ich wage nun einfach zu behaupten, dass Winklers Gedichte zunächst über den Verstand aufgenommen werden und dann weiter ins Innere dringen, während Güçyeters Lyrik sogleich mit großer Wucht einschlägt ins Innere und dann erst sortiert wird. So zumindest erlebe ich es und mich erreichen beide, auf ihre Art. In ihrer Andersheit treffen beide offenbar an einem lyrischen Ort aufeinander. Wo, kann jeder selbst für sich beim lesen herausfinden …

„Aus Glut geschnitzt“ erschien im Elif Verlag. Dinçer Güçyeter ist Dichter, Schauspieler, Verleger und Herausgeber diverser Anthologien. Cover und Ausstattung von Ümit Kuzoluk und Fotos von Yavuz Arslan.
„Karten aus Gebieten“ erschien im Schöffling Verlag . Ron Winkler ist Lyriker und ebenfalls Herausgeber diverser Anthologien. Das Coverbild ist von Ivonne Dippmann.

Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende Klett-Cotta Verlag

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„Man ist ja hilflos wie ein kleines Kind. Wer hätte das denken können? Mitten in Europa – im zwanzigsten Jahrhundert!“

Ohne große Einführung beginnt in diesem wiederentdeckten Roman aus dem Jahr 1938 sofort das Grauen. Als Leser lässt sich dann durchgängig bis zum Ende kein Atem mehr schöpfen. An einem Stück und vollkommen absorbiert habe ich die Geschichte von Otto Silbermann gelesen. Boschwitz schrieb sie gleich nach den Novemberprogromen in Deutschland. Veröffentlicht wurde sie jedoch zunächst erst in England, in den USA und sogar in Frankreich.

Der Verleger Peter Graf hat es nun möglich gemacht, dass das Buch in Deutschland zu lesen ist, also in der Originalsprache. Graf lektorierte, so wie es auch der Wunsch des jungen Autors war, der in tragischer Weise umkam, kurz nachdem er aus Deutschland geflohen war.

Von heute auf morgen ist Silbermann ein Mann auf der Flucht. Seine Wohnung wird gestürmt und verwüstet. Seine arische Frau flieht zu ihrem Bruder aufs Land. Sein Geschäftspartner betrügt ihn und nutzt seine heikle Situation aus. Am Namen erkennt man sofort die jüdische Herkunft. Doch am Aussehen nicht. Das schützt Silbermann zunächst und er distanziert sich zeitweise sogar von seinen jüdischen Bekannten. Zu Anfang noch voller Hoffnung, macht sich Silbermann per Zug auf den Weg Richtung Belgien. Er will zu seinem Sohn nach Paris, der erfolglos versuchte ein Einreisevisum für seine Eltern zu bekommen. Doch trotz des Geldes, dem ausgezahlten Geschäftsanteil, schafft Silbermann nicht die Flucht ins Ausland. So fährt er getrieben mit der Bahn durch das Land, übernachtet in Zügen und die Begegnungen dabei sind ganz unterschiedlicher Art.

„Ein Mensch, dachte Silbermann froh. Das war unbedingt ein Mensch, trotz seines Parteiabzeichens. Es ist vielleicht gar nicht so schlimm. Leute, mit denen man Schach spielen kann, die verlieren, ohne beleidigt zu sein oder frech zu werden, sind schwerlich Räuber und Totschläger.“

Meisterhaft erzählt Boschwitz von der Hin- und Hergerissenheit Silbermanns. Er, der für Deutschland im ersten Weltkrieg gekämpft hat, kann nicht glauben, dass er plötzlich kein Deutscher mehr sein soll. Doch seine Umgebung, die Menschen spiegeln ihm genau das.

Als seine Aktentasche mit dem Geld gestohlen wird, ist es aus mit Silbermanns Selbstbeherrschung. Er stürmt ins Polizeirevier und will eine Anzeige aufgeben und deckt damit gleichzeitig seine Identität auf. Er fordert sein Recht, dass es für seinesgleichen längst nicht mehr gibt. So nimmt ihn auch keiner der Beamten ernst. Er wird sogar wieder weggeschickt. Als die allerletzte Chance zur Flucht außer Landes kommt, ist es jedoch zu spät …

Genaueres über dieses Buch zu erzählen, ist nicht notwendig. Man muss es selbst lesen, dann spürt man es. Und das ist das Wichtigste bei diesem Buch. Das Mitfühlen, das sich hinein versetzen in diese Lage … das Fühlen, was der Gejagte, Unerwünschte, Verachtete fühlt. Ich empfehle die Lektüre nachdrücklich!

Der Roman erschien im Klett Cotta Verlag. Peter Graf als Herausgeber und Lektor hat ein aufschlussreiches Nachwort dazu geschrieben. Eine Leseprobe gibt es hier.

Ich danke dem Kaffeehaussitzer für seine Besprechung und damit die Anregung zur Lektüre. Danke auch an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Klaus Modick: Keyserlings Geheimnis Kiepenheuer & Witsch

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Wieder ein Künstlerroman. Nach „Konzert ohne Dichter“, in dem sich alles um die Künstlerkolonie Worpswede und im Vordergrund um den Jugenstil-Künstler Heinrich Vogeler und sein Gemälde »Das Konzert oder Sommerabend auf dem Barkenhoff« dreht, hat sich Modick diesmal des nicht allzu bekannten Schriftstellers Eduard Graf von Keyserling angenommen. Von Keyserling habe ich vor langer Zeit einmal „Wellen“ gelesen und konnte mich ziemlich gut an dessen Geschichte erinnern.

Der Schriftsteller Eduard von Keyserling wurde 1855 im Baltikum geboren. Ein Adeliger, der eher Lebemann und Schriftsteller sein will und so gar nichts mit dem Verwalten der familieneigenen Besitztümer zu tun haben mag. Die Geschichte beginnt Im Jahr 1901. Keyserling lebt in München und gehört einem kleinen Intelektuellenkreis an, der sich in Kaffeehäusern Schwabings trifft. Man diskutiert und streitet über Politk, die Kunst und die Frauen.

„In den Jurys, Kuratorien und Kommissionen, in all diesen Gremien, die darüber befinden, wen man finanziell alimentieren will und wen nicht, wer ein Stipendium bekommt und wer verhungern darf, sitzen die künstlerisch Impotenten und spielen eine desto größere Rolle, je eitler, talentloser und korrupter sie sind. Und das ganze nennt sich dann Kulturpolitik.“

(Ergänzung der Rezensentin: Hier hat sich offenbar bis heute nichts verändert …)

Zur Sommerfrische wird er vom Dramatiker Max Halbe an den Starnberger See eingeladen. Eingeladen sind auch der exaltierte Frank Wedekind und der Maler Lovis Corinth, dem Keyserling  dort auch Modell sitzen wird. Dazu brauchte es einige Überredungskünste, denn Keyserling findet sich hässlich und ist in der Tat auch von der Syphilis gezeichnet.

Gerüche, Geräusche und Farben am See versetzen Keyserling immer wieder in die Vergangenheit, meist in die baltische Heimat zurück. Als Leser merkt man gleich, dass da ein Geheimnis steckt. Irgendetwas muss in seiner Studienzeit vorgefallen sein, was ihn zwang zu reisen und fern der Heimat, zunächst in Wien, Unterschlupf zu suchen, wo er um zu vergessen, eine Liaison mit einem Blumenmädchen eingeht.

„Und der See spricht auch zu Keyserling, atmet Erinnerungen aus. Er braucht ja nur den Artikel auszutauschen, dann wird der See die See, die Ostsee seiner Kindheit. Wellen gibt es dort wie hier, damals wie heute. Der Duft, der Dunst, das Licht. Und der Augenblick.
Mehr braucht er nicht.“

Und so dröselt sich Stunde um Stunde, Tag und Tag mehr an Erinnerungsfäden vor uns Lesern auf. Als Corinths Gemälde beendet ist, ist auch Keyserlings Geheimnis zu Tage getreten. Und für ihn wird die Erinnerung schließlich noch einmal höchst lebendig, als er sich zusammen mit Wedekind im benachbarten Kurort ein Konzert einer Sängerin anhört. Die Dame kommt ihm irgendwie bekannt vor …

Modick schafft es wieder sehr souverän biografische Daten schlüssig in eine Romanhandlung mit biografischem Hintergrund zu gießen. Sprachlich nicht überhöht, eher leichtfüßig (ja, dieses Wort will ich jetzt auch endlich einmal verwenden) und fesselnd geschrieben, hat mich Modick auch mit diesem Roman wieder überzeugt. Möge er mit solchen Romanthemen weiter schreiben …

Das Buch erschien im Verlag Kiepenheuer & Witsch. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Kjartan Hatløy: Der weiße Weg Edition Rugerup

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Bereits als ich zum ersten Mal Kjartan Hatløys Gedichte las, wusste ich, das ist komplex und gleichzeitig in seiner Einfachheit tief berührend, das ist Lyrik, wie sie mir wichtig ist. Der 1954 geborene Dichter lebt in Norwegen, abseits der Städte an einem Fjord und hat alles in der Umgebung was er für seine Texte braucht: Natur, Tiere, Stille, Bücher und eine klare Quelle als Meditationsort.

„Freue mich über mein Weniges von der reichlichen Zeit der Sonne. Wärmt mich. Dass sie die Möglichkeit bekam, zu werden, wie herrlich ist das! Und sonst: Meinen Kiesweg entlang tanzen viele Einsamkeiten willig mit.“

Der Filmemacher Frank Wierke hat einen Film über den Dichter gedreht, der all dies mit einbezieht. Bei einem ersten Kennenlernen verstanden sich beide gut und es entstand ein schriftlicher Austausch in deutscher Sprache, aus dem dann die Idee des Films entstand. Hatløy schickte kleine „Stimmungen aus Salbu“, so auch der Untertitel des Buches und Wierke machte bei seinen Besuchen die Bilder zu den Stimmungen. In etwa einem Jahr entstand so ein außergewöhnlicher Film, der sehr nah geht. Er heißt Solreven – Sonnenfuchs. Einen Ausschnitt findet man hier.

Die Temperatur in den Handmuscheln meiner Kinderzeit nutze ich nun als freundliche Kraft, die ich überall nah bei mir habe.“

Inzwischen wurden die „Stimmungen“ in Norwegen mit großem Erfolg verlegt, wie alle seine bisherigen Bände, beim bekannten Oktober Verlag (lange vor den Büchern Knausgårds (Kjartan ist ein Onkel von Karl Ove)).

Kürzlich gab es die Deutschlandpremiere des Films zusammen mit einer Lesung aus dem neuen Lyrikband, initiiert vom Haus für Poesie im Kino Central. Kjartan Hatløy las auf Norwegisch und Übersetzer und Lyriker Klaus Anders die deutsche Variante.

„Das Geräusch des Flusses ist ein anderes Blut, hier bei dem großen Stein mittendrin, wo der einzelne Tag klingt wie eine indische Trommel. Das Geräusch ist so achtsam, dass ich es, ein einziges Mal, meine Hand küssen ließ.“

Die Gedichte zeugen von tiefer Verbundenheit mit der Natur und vom Einverstandensein mit allem Leben. Sie beziehen sich auf den riesigen Kosmos und dann wieder auf die Winzigkeit eines Erlenblatts. „Meine Gedichte entstehen hauptsächlich aus dem Denken“. Der Autor hat Philosophie studiert, hat Deutsch gelernt, damit er die deutschsprachigen Philosophen im Original lesen kann. Er weiß aber auch um die harte körperliche Arbeit als Werftarbeiter. Genügsam und allein lebt er in dem Haus am Fjord. Sein Zuhause ist der gesamte Kosmos. Er ist der Wissenschaft ebenso wie dem Unerklärlichen, dem Spirituellen zugewandt.

„Einige gelbe Äpfel kullern von der braunen Tischplatte und reisen zu Boden. Meine liebe Erde reist schneller. Sie pflügt die Farbe Schwarz und sät uns aus, uns Menschen. Sie stürmt weiter, nicht einsam, und in der hohen Geschwindigkeit, die im Verborgenen gründet.“

In diesem Band sind es Prosagedichte, kurze und längere Miniaturen. Kein Reim, keine Versform. Manchmal sind es kleine Geschichten. Sie lassen die Sprache in Alltagsmomenten verharren oder sich fortbewegen. Sie zeugen von der Verbundenheit aller Dinge. Hier zeigt sich die klare Beobachtungsgabe des Dichters, die Art der Wahrnehmung, die für einen Dichter so wichtig ist.

Der Band „Der weiße Weg“ erschien in der Edition Rugerup, ein Verlag der vor allem Lyrik und gerne auch aus dem Norden verlegt. Verlegerin Margitt Lehbert erhielt dieses Jahr den Förderpreis der Kurt-Wolff-Stiftung. Übersetzt aus dem Norwegischen hat Klaus Anders. Von Frank Wierke kommt das Nachwort, dass aufschlussreich über die Entstehung des Buches berichtet. Er hat in der Reihe „Dichter im Porträt“ verschiedene Lyriker filmisch kurz porträtiert, unter anderen auch Elke Erb. Von Kjartan Hatløy gibt es in deutscher Sprache bereits den Lyrikband „Die Lippen verlangen nach Ocker“ in der Edition offenes feld.

Ich danke dem Verlag/dem Übersetzer für das Rezensionsexemplar.

Céline Minard: Das große Spiel Matthes & Seitz Verlag

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„Die einzige Grenze ist der Tod.“

Anfangs erinnerte mich Minards Roman in manchen Szenen an „Gehen“ von Tomas Espedal. Es ist ein Buch, dass von einer Herausforderung erzählt, vom Leben in Extremen, exzessiv und intensiv, von der Fortbewegung und irgendwie auch von der Suche nach dem Sinn.

Unter den neuartigen Begriff des Nature Writing könnte man das Buch stellen, wobei es auch ein Humans Writing ist. Denn Minard taucht auf dem Umweg über die Natur, in das Aushalten des Alleinseins, in ihr eigenes Ich ein. Und das ziemlich bewundernswert. Dieses sich vollkommen der Einsamkeit aussetzen ist ziemlich mutig. Dabei überschreitet ihre Protagonistin Grenzen, wenn sie allein auf gefährlichen Klettersteigen an Steilwänden hängt oder über dreißig Stunden am Stück im selbst angelegten Garten arbeitet, weil sie das Zeitgefühl völlig verliert und erst an der eigenen Erschöpfung merkt, dass es Zeit ist für eine Ruhepause.

„Identität ist kein Zustand, sondern ein aktives Handeln. Und das Leben: ein Zustand oder aktives Handeln? Lebendig sein.“

Minard hatte eine ungewöhnliche Idee und erzählt eine außergewöhnliche Geschichte. Irgendwo in den französischen Bergen auf 2800 m Höhe stellt ihre Protagonistin auf gekauftem Land eine kleine Behausung auf, die nur das allernötigste bietet. Sie versucht sich dort selbst zu versorgen. Einziger Luxus ist das mitgebrachte Cello. Von dort aus plant sie ihre Streifzüge durch die Bergwelt. Sie begibt sich allein auf Wanderungen ja Klettertouren und scheut kein Risiko. So wie Minard das beschreibt, was sie erlebt, hört es sich oft nach anderen Bewusstseinszuständen, nach tiefen Verbundenheitsgefühlen an. Mit der Natur. Mit Gott oder wie auch immer man es nennen will, mit etwas Größerem. Immer wieder stellt sie sich und damit auch dem/r Leser/in existenzielle Fragen.

„Ich verstehe >betrachten was kommt, sich damit begnügen< als einen Akt der Weisheit. Die urteilsfreie Beschreibung ohne Neigung ist vielleicht die einzig notwendige Disziplin. Wofür? Um die Welt zu empfangen.“

Was dann passiert, als das Fremde in Form einer nicht klar benennbaren Person in ihre Idylle, in ihr Reich eindringt, ist schon ein wenig gruselig. Ist es echt oder Einbildung? Die Seele einer Verstorbenen? Ein Guru? Eine Abgesandte des Göttlichen? Oder ist das eigene Fremde, dass in uns allen wohnt gemeint? Die dunkle, die unbekannte Seite?

Mit der Zeit hat die Erzählerin vor allem mit den Wetterwidrigkeiten zu kämpfen. Alles wird klamm, die Behausung, die Kleider. Unmut kommt auf. „Jetzt kannst du loswettern“. Auch ein heftiges Gewitter – die Naturgewalten zwingen sie in die Knie, doch sie gibt nicht auf. Sät, erntet, sammelt Holzvorräte. Irgendwann befindet sie sich in einem Höhenrausch oder ist es ein alkoholischer, ein Drogentrip? Oder ist es die Essenz der Existenz, die sie erlebt, die Verbindung mit allem, das All-eins-sein, die Transzendenz? Dabei ist dies alles sogar nur die Vorbereitung auf das wirkliche „Große Spiel“.

Und dann der wunderbare Abschlußsatz, der mir irgendwie sehr gefällt, denn das Leben ist ein großes Spiel:

„Wie könnte einer die Welt empfangen, der sich nicht selbst zum Einsatz des Spiels macht?“

Ein Buch, dass aus Fragen besteht, sehr essentiellen, philosophischen, spirituellen. Die Antworten darf man bei sich während und nach der Lektüre mitsuchen … Ein Leuchten!

Céline Minards Roman erschien im Verlag Matthes & Seitz und wurde von Nathalie Mälzer aus dem Französischen übertragen. Eine Leseprobe gibt es hier.

Weitere spannende Besprechungen dazu gibt es bei Constanze von Zeichen & Zeiten und auf Poesierausch.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Frank Heller: Die Diagnosen des Dr. Zimmertür Walde + Graf Verlag

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Ich lese ja keine Krimis. Doch das hat mich schon interessiert: Eine außergewöhnlich schöne Gestaltung für einen Krimi und ein jüdischer Psychoanalytiker als „Ermittler“. Und solche Wiederentdeckungen ehemals bekannter Autoren finde ich spannend.

„Der Kellner holte den Absinth und servierte dann einem Herrn mit gelbem Teint, der sich in der Ecke gegenüber niedergelassen hatte, einem kleinen, prallen Mann mit Vollmondgesicht, funkelnden schwarzen Augen und unverkennbar levantinischem Typus.“

Dr. Zimmertür ist eine Mischung aus Hercule Poirot, Maigret, Richter Di und Columbo. Er lebt in Amsterdam und hat dort eine Praxis für Psychoanalyse. Es sind mehrere kurze Fälle im Buch, die von Zimmertür so richtig oldschool gelöst werden. Also mit Köpfchen, Intuition und Menschenkenntnis und es geht auch nicht um blutrünstige Morde und psychopathische Killer. Die Geschichten sind spannend, aber vor allem amüsant. Dabei kommt vom Wünschelruten gehen bis zu Baudelaire-Gedichten, die Zimmertür zitieren kann, so allerhand vor. Manchmal braucht es Shakespeare-Stücke, um einen Fall zu lösen, manchmal sind die Träume seiner Patienten der Schlüssel. Oft hilft er seinem Freund, dem Kommissar Groot, mit dem er auch gerne einen Bitter trinken geht.

„Er konstatierte, dass, wenn nichts so angenehm ist, als im dunkeln gehenkt zu werden, es jedenfalls auch recht unangenehm ist, im Dunkeln von Personen, die vermutlich für die erwähnte Todesart reif sind, hin und her geschleudert zu werden.“

Frank Heller, eigentlich Martin Gunnar Serner, wurde 1868 in Südschweden geboren. Er war einer der ersten skandinavischen Kriminalschriftsteller. Der Autor, der diese skurrile Figur erschuf, ist kaum mehr bekannt. Damals jedoch, hatte er die besten Voraussetzungen einen guten Krimi zu schreiben, da er selbst wegen Betrugs verfolgt wurde. Er konnte außer Landes fliehen und verspielte sein Geld in Monte Carlo. Über seine eigene Geschichte schrieb er und sie wurde sogar verfilmt. In der Weimarer Republik hatte er sehr viele treue Leser. Zitat Tucholsky: „Gegen Angstzustände gibt es nur unsere Original-Heller-Kriminalromane! Regenfeste Ironie! Dauerhafte Spannung!“

Das Buch erschien im Verlag Walde + Graf. Übersetzt hat es Marie Franzos, die zu ihrer Zeit eine der produktivsten Übersetzerin vom Dänischen, Schwedischen und Norwegischen ins Deutsche war.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Arno Camenisch: Der letzte Schnee Verlag Urs Engeler

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Bereits wenn ich die ersten Zeilen lese, schmilzt mir schon das Herz dahin. So wie der Schnee in den Schweizer Alpen aufgrund des Klimawandels. Arno Camenischs neues Buch ist knapp 100 Seiten dünn und bietet dennoch schönste Lesefreude. Die neue Geschichte ist wieder gespickt mit rätoromanischen Dialektworten und die machen gerade auch den Ton. Der Autor tourt mittlerweile durch die ganze Schweiz mit seinen Texten und ist damit ziemlich erfolgreich. Seine Bücher erscheinen im kleinen Schweizer Verlag von Urs Engeler, der sonst auch Lyrik verlegt. Das Buch glitzert silbrig, es sieht jedenfalls sehr nach Kälte und Schnee aus. Feines Papier und Fadenheftung machen den schmalen Band auch äußerlich fein.

„Sie sitzen auf dem Bänkli vor dem Hüttli. Im Hintergrund surrt der Skilift gleichmäßig.“

Paul und Georg sind alte Hasen, was den Skibetrieb angeht. Im Winter, der früher jedenfalls früher anfing, sind sie täglich im Einsatz an ihrem Schlepplift, der beinahe der älteste der Welt ist. Doch die Touristen bleiben aus. Tag für Tag lockt die Tafel, die Paul jeden Morgen aufstellt, während Georg im Hüttli die Billets vorsortiert und alles akribisch in sein „Schurnal“ notiert. Ob nun ein Bügel fehlt, der Notschlitten für etwaige Verletzte überprüft werden muss oder ein Test für die Funkgeräte ansteht, die beiden nehmen ihre Arbeit ernst. Währenddessen unterhalten sie sich und wir Leser erfahren die neuesten und ältesten Dorfnachrichten, politisches aus aller Welt, es wird von der Claire selbstgemachtes Apfelmus verzehrt oder Grappa probiert. Natürlich spielt das Wetter eine Hauptrolle: Freude als es schneit, nur könnte es ein wenig mehr.

„Ich habe fast weinen müssen heute Morgen, Copfertelli, ist das schön, wenn alles verschneit ist, …“

Die Geschichte zeigt Paul und Georgs Welt wie sie einmal war. Doch jetzt ist sie marode, ob die Antenne des Kofferradios fehlt oder dem Jesus an der Wand ein Arm. Den Bündner Bergen fehlt der Schnee und das nicht von ungefähr. Klimawandel, sagt der redselige Paul:

„Man müsste fast meinen, es werde immer wärmer, so wie die Wetterfrösche im Fernsehen sagen, aber der andere da aus La Merica, der Strohkopf mit den gelben Haaren, behauptet immer noch felsenfest, das sei alles nur gelogen.“

Es gibt im Dorf keine Poststelle mehr, keinen Frisör, keinen Bäcker und auch der Kiosk mit den zwei Tanksäulen wurde nach einem Einbruch nicht mehr wiedereröffnet. Still und leise stirbt alles aus. Auch den Sohn vom Paul ziehts hinaus in die Welt. Weder beruflich noch beziehungsmäßig will er sich festlegen. Und überhaupt ist es heute schwierig für die jungen Leute. Die große Auswahl erschwert auch die Entscheidungen. In den Gesprächen der beiden weitet sich der Blickwinkel vom kleinen Dorf in den Schweizer Alpen bis hinaus in die „große“ Welt. Ein Leuchten!

Wer den Autor noch nicht kennt, sollte auf jeden Fall einen Leseversuch wagen. Bereits „Die Kur“ hat mir sehr sehr gut gefallen. Eine ebenso vergnügliche wie wehmütige Geschichte.

Ich danke Urs Engeler für das Rezensionsexemplar.

Esther Kinsky: Hain Suhrkamp Verlag

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Esther Kinsky kenne ich bisher vor allem von ihren Übersetzungen aus dem Polnischen, Russischen und Englischen, obgleich sie schon einige Romane und auch Lyrik veröffentlicht hat. Zum Beispiel hat sie John Clares „Reise aus Essex“ übersetzt. Dass sie sich mit dem sogenannten „Nature Writing“ beschäftigt, merkt man auch im neuen Roman „Hain“. Kinskys „Geländeroman“ besteht in der Tat vor allem aus Beobachtungen und Beschreibungen im „Gelände“. Es sind Momente der Achtsamkeit und der Hingabe. Die Autorin zeichnet, trägt Farben auf, sie entdeckt die Bildhaftigkeit der Sprache und wandelt alles in Ausdruck.

„Wörter rollten in der Hand wie Murmeln, versehrte Glasmurmeln mit stumpfer, zerkratzter Oberfläche und winzigen Scharten, gescheuert an Sand, Erde, Beton, am Glas anderer Murmeln. Ein kleines Klicken, wenn sie aneinander stießen, ein Geräusch, in das der ganze Körper angespannt horchte, ob es zu einem Bild wurde.“

Jedenfalls ist es ein Trauer-Tagebuch. Die Protagonistin ist in einer Situation der Trauer um M. Das spürt man als Leser in den ganz kleinen erzählten, eigentlich fast aufgezählten Dingen. Die Protagonistin lebt in die Dinge hinein. Sie lässt sich treiben und ist gleichzeitig enorm aufnahmefähig für Atmosphärisches, erblickt in Alltäglichem Geheimes und erzählt uns davon. Die genauen Beschreibungen mögen manchem/r Leser*in zu viel werden. Mir nicht. Ich genieße diesen Blick, denn es ist ein Blick des wahrnehmenden Innehaltens. Des Durchatmens, der Langsamkeit, der Zeitlosigkeit. Anfangs in dem kleinen italienischen Ort Olevano, nahe Rom. Genau gegenüber der Unterkunft, auf der anderen Talseite liegt der kleine Friedhof, der zentraler Punkt ihres Blickes wird. Ein Ort, an dem sie mit ihrer Trauer richtig ist.

„Ich stand Stunden am Fenster wie in einer Glocke, die sich über mich gestülpt hatte und mich in die Kindheit versetzte, als ich mich nachmittags und abends oft unfähig fühlte, etwas anderes zu tun, als aus dem Fenster zu sehen.“

Kinsky erzählt weiter und wechselt die Richtung. Zwar bleiben wir in Italien, aber nun werden Kindheitserinnerungen aufgerollt, die Familienreisen, nach Chiavenna, nach Rom und zu den Grabstätten der Etrusker, in denen der Vater eine dominante Rolle spielt. Hier kommt Kinsky ab vom Beschreibenden, hier kommt erinnertes Erzählen. Hier sind wir dichter am Leben. Der Vater ist italophil, interessiert sich rege für die Kunst und die Sprache.

„Dieses langsame Buchstabieren an der Stadt Rom fiel in den Abschnitt des Heranwachsens, in dem ich – wie jedes Kind irgendwann – fast unvermittelt, von einem Zufall angestoßen, die Welt ohne mich erkannte.“

Von seinem Tod wird hier ebenfalls berichtet, von dem Verlust eines Vaters, der gegen Ende des Lebens so ganz anders war, als bei den Familienausflügen. Es ist ein seltsamer Nähe/Distanzwechsel zwischen Tochter und Vater, der nicht aufgelöst wird. Dennoch oder gerade darum führen die nächsten Reisen nach Ferrara und in die ehemaligen Salinen am Meer nach Comacchio, wo die eintönige Landschaft des Po-Deltas zahlreiche Vogelarten beheimatet und schließlich nach Ravenna, wo die Mosaiken an die kulturgeschichtlichen Ausführungen des Vaters erinnern.

„Manchmal ging er auch aus, aber nur kurz, zu seinen nachtlangen Abwesenheiten fehlte ihm in Rom wohl der Mut, oder er spürte die Kleinheit, die er sich an den Sehenswürdigkeiten zugezogen hatte.“

Kinsky ist auf den Spuren des Zerfalls und findet in Italien weitab der Touristenströme außerhalb der Saison im Herbst und Winter einen Raum, ihre ganz eigene Trauerlandschaft und ich mag diese Art an den Tod geliebter Menschen heranzugehen. Es ist vielleicht die beste Art mit den Toten zu kommunizieren, bis das Neue, das Alte ablöst.

„Todesnachrichten sind Scheren oder scharfe Messer, die den Film der Welt durchtrennen. Messer oder Schere – was schneidet glatter? Eine müßige Frage, die sich ohnehin erst Jahre nach dem Ereignis stellt, etwa bei nachträglichen Flickversuchen an dem durchtrennten Band.“

Ich habe diesen Roman in mein Herz geschlossen, vor Genuss sehr langsam gelesen. Es begann eigentlich schon mit dem Titel und der Covergestaltung. Und dann bin ich in Kinskys Sprache gefallen und habe mich aufgehoben gefühlt. Zudem haben mich diese Streifzüge durch italienische Landschaften an eigene unzählige Italienreisen erinnert. Sogar die Besuche auf Friedhöfen mit den vielen Plastikblumen, aber auch die der Etruskergräber sind mir geläufig. Ich freue mich sehr über einen Roman, der mit seinem Inhalt sicher nicht jeden Leser erreichen wird, manche ab- oder verschrecken lässt aufgrund der melancholischen Grundstimmung. Ich fühle mich in diesem Roman sehr wohl. Ein Wunder und ein Glück, dass der Roman für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist.

Der Roman erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ein sehr ausführliches aktuelles Interview mit Esther Kinsky gibt es beim Deutschlandfunk .
Sie steht außerdem auf der SWR-Bestenliste im März auf Platz 1.
Eine weitere Besprechung findet sich auf Blog letteratura.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Nachtrag: 
Seltsam eigentlich, dass mich Kinskys Roman an den thematisch grundlegend anderen Roman „Wie hoch die Wasser steigen“ von Anja Kampmann erinnert, den ich kurz zuvor las. Doch bei genauerer Betrachtung haben beide Geschichten eine Hauptperson, die sich treiben lässt, verloren, irritiert und in Trauer. Und nicht zuletzt haben beide jeweils eine phantastische Sprache dafür gefunden.

Buchmesse Leipzig 2018 – Schwerpunkt Rumänien

 

 

Ich habe gesucht und in der Tat etwas Erlesenes aus Rumänien gefunden:

Filip Florian: Alle Eulen
Filip Florians Roman „Alle Eulen“  ist ein Roman der mir leuchtend gut gefallen hat. Es geht ums Aufwachsen in einem kleinen Karpatendorf und ums Geschichtenerzählen, um den oft  schwer erträglichen Alltag unter der Diktatur Ceaușescus und natürlich um Eulen. Ein neuer Roman soll im nächsten Jahr erscheinen, so wie dieser im Verlag Matthes & Seitz.

 

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Dann ist da Dana Grigorcea, die allerdings schon länger in der Schweiz lebt und auf Deutsch schreibt. 2015 nahm sie am Bachmann-Wettbewerb teil mit einem Auszug aus ihrem Roman „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“, mit dem sie den 3sat-Preis erhielt. Er bietet einen ganz guten, wenngleich sehr persönlichen Einblick in die Verhältnisse des Landes.

 

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Ein gerade eben erschienener kleiner Band mit einer Novelle, die an Tschechows „Die Dame mit dem Hündchen“ erinnert, heißt „Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen“. Beide erschienen im Dörlemann Verlag.

 

 

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Schwer beeindruckt hat mich vor einiger Zeit M. Blecher mit seinen Büchern, die sprachlich überragend und autobiografisch von einem Aufenthalt in einem Sanatorium berichten, wo sich der Autor sehr lange wegen seiner Knochentuberkulose aufhalten musste. Komplett eingegipst, verbrachte er seine Tage, Monate,  liegend und schrieb darüber. Der auf den Büchern basierende Film „Sacred Hearts“ ist künstlerisch ausgezeichnet gemacht und ergänzt die Bücher. Er bietet einen Einblick, manchmal grausigen, manchmal fröhlichen Blick in die Normalitäten der Heilanstalt. Zeitweise taucht man in eine Atmosphäre wie in Thomas Manns „Zauberberg“ ein.
Übersetzt wurden Blechers Bücher von Ernest Wichner, der lange Zeit das Literaturhaus Berlin leitete. Die Bücher erschienen im Suhrkamp Verlag.

Von  Mircea Cartarescu, der soeben mit dem Thomas-Mann-Preis 2018 ausgezeichnet wurde, wollte ich schon lange etwas lesen. Vielleicht ist nun die Gelegenheit dazu. Seine Bücher erscheinen bei Suhrkamp und Hanser.

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Dann komme ich zur Grande Dame der rumänischen Literatur, zur rumäniendeutschen Herta Müller. Zugegeben, für mich hat sich ihre schriftstellerische Arbeit vor allem über ihre wunderbaren Wort-Collagen erschlossen. Einige davon kann man hier von ihr selbst gelesen hören, sogar in rumänisch:

https://www.lyrikline.org/de/gedichte/no-481-das-duemmste-ist-3001#.Wom18yXOXIU

Für ihre Romane jedoch – damals war „Atemschaukel“ gerade erschienen – erhielt sie 2009 den Nobelpreis für Literatur. Darin erzählt sie von der Gefangenschaft Oskar Pastiors im Arbeitslager. Er war in die Arbeit an diesem Buch integriert. Pastior ist als Lyriker höchst bekannt und war mit Herta Müller befreundet. Seine Gedichte, die zunächst in der Tradition des Dadaismus und des Oulipo standen, erregten damals in Rumänien in den 60er Jahren großes Aufsehen. Umstritten ist seine Tätigkeit als IM im Auftrag der Securitate, des rumänischen Geheimdiensts. Hier eine Hörprobe eines seiner Gedichte: https://www.lyrikline.org/de/gedichte/immer-183

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Die rumänische Lyrik ist mir so gut wie unbekannt. Ich habe allerdings eine Anthologie aus dem Wunderhorn Verlag gefunden, die noch nicht allzu alt ist und die einige zeitgenössische Dichter vorstellt. Herausgeber ist wiederum Ernest Wichner.

Außerdem erscheint im Klak-Verlag eine Rumänisch-Deutsche Lyrik-Anthologie mit dem Thema Grenzen und weitere neue Bände rumänischer zeitgenössischer Autoren. Ebenso im Pop-Verlag .

 

Im Transit Verlag gibt es eine neue Anthologie mit rumänischer Prosa mit dem schönen Titel „Das Leben wie ein Tortenboden“.

Und im Verbrecher Verlag das „Handbuch der Zeiten“ von Stefan Agiopan.
Zitat Verbrecher Verlag: »Handbuch der Zeiten« gilt als moderner Klassiker Rumäniens. Viele der heute jungen Autorinnen und Autoren betrachten Agopian als Vorbild.

Der kleine feine Guggolz Verlag bringt eine Wiederentdeckung heraus: „Humbug und Variationen“ von Ion Luca Caragiale ein Band mit Erzählungen, entstanden zwischen 1890 – 1912.

Die Literaturzeitschrift „Die Horen“ aus dem Wallstein Verlag bringt ein Heft zum Thema Rumänische Erzählungen aus dem letzten Jahrzehnt, das einen schönen Überblick gibt.

Eine sehr schöne und ausführliche Besprechung zum „Buch des Flüsterns“ des Rumänen armenischer Abstammung Varujan Vosganian findet sich auf dem Blog „Schriftlichkeit“.

Für mich ist so ein Schwerpunktthema oder ein Gastland immer Anlass, mich mit der jeweiligen Literatur etwas mehr zu beschäftigen. Viel Freude beim Entdecken der rumänischen Literatur!
Im Herbst in Frankfurt dann Georgien …

Ursula Krechel: Stark und leise btb Verlag

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Ursula Krechel ist Lyrikerin und Romanautorin. Sie schreibt Gedichte, die ich sehr mag. Und sie schrieb den Roman „Landgericht“, der 2012 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Ihr neuestes Buch ist nun ein Sachbuch und ist es auch wieder nicht. Denn es sind literarische, sprachlich sehr schön gearbeitete Essays.

Krechel wählte Frauen, Künstlerinnen, über die es einiges zu sagen gibt und erzählt eindringlich Biografisches. In den Lebensbeschreibungen finden sich für mich ganz neue Anknüpfungspunkte. Dabei sind Frauen, die ich bisher nicht kannte oder aber Details über von mir geschätzte Künstlerinnen, die mich überraschten.

Die einzelnen Kapitel sind chronologisch geordnet, stellen die Protagonistinnen jeweils auch in den zeitlichen Zusammenhang und enthalten am Schluss Hinweise auf Werke und weiterführende Lektüre. Mit dabei sind unter anderem:

Caroline von Günderode, der Christa Wolf mit ihrer fiktiven Biografie „Kein Ort. Nirgends.“ ein starkes Denkmal gesetzt hat und die Ihrer Zeit weit voraus war.

Annette von Droste-Hülshoff, die einem mitunter durch Schullektüre (Die Judenbuche) verleidet wird, obgleich sie eine großartige Lyrikerin war:

“ Wär´ich ein Mann doch mindestens nur,
So würde der himmel mir raten;
Nun muss ich sitzen so fein und klar,
Gleich einem artigen Kinde,“

Ein etwas ausführlicheres Kapitel widmet sie den Frauen der zwanziger und dreißiger Jahren in Berlin und erläutert Zusammenhänge.
Da darf Vicky Baum (Menschen im Hotel) nicht fehlen und Ruth Landshoff-Yorck,

„im rücken bleicht mir das verlassene land
und blauer kummer trägt sich nicht so leicht
wie leichtes blau des himmels den ich ließ“

Irmgard Keun mit ihren wunderbaren Romanen wie etwa „Das kunstseidene Mädchen.
Hannah Höch, die mit ihren Collagen im DADA-Land mitmischte, Emmy Ball-Hennings, ebenfalls dem DADAismus verschrieben.

Dann Ingeborg Bachmann, die Dichterin, die die Gruppe 47 durchwirbelte und ewig zerrissen ihre wunderschönen Gedichte und kraftvollen Romane (Malina) schrieb.

„Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.“

Was mich besonders freut:  die beiden zeitgenössischen Lyrikerinnen Friederike Mayröcker

„trinken
das Wehen der Luft/ noch/ sich sagen ich lebe noch
und jetzt und hier aber endlich
oder durch die blendende Bläue segelt die endliche
Schwalbe“

und Elke Erb.

„Das Aus hat (wie
der Laut sagt)
keinen Garten.“

Aber auch unbekanntere Namen wie: Elisabeth Langgässer, Irene Brin, Christa Reinig.

Pionierinnen heißt der Untertitel des Buches. Und mir scheint, das trifft es irgendwie sehr genau.

„Stark und leise“ von Ursula Krechel erschien im Hardcover beim Jung und Jung Verlag. Nun ist es auch als btb Taschenbuch erhältlich. Eine Leseprobe gibt es hier.

Naira Gelaschwili: Ich fahre nach Madrid Verbrecher Verlag

Cover

„Vielleicht existiert in einem geheimen Raum des Weltalls eine Galerie oder Bibliothek, in der alle im Traum gemalten Bilder gesammelt werden könnten, und alle im Traum geschriebenen Gedichte und Erzählungen.“

Ich fahre nach Madrid, sagt der 47-jährige Sandro Litscheli aus Tbilissi. Seiner Geliebten erzählt er, er reise nach Kutaissi, wieder andere hören, dass er aufs Land fahre, da seine Mutter im Sterben liegt, andere meinen, er sei auf Dienstreise in Sochumi …

Dabei ist Sandro Litscheli nur überarbeitet, müde und resigniert und will seine Ruhe. So stiehlt er sich davon, 14 Tage weg aus Tbilissi, und besucht seinen alten Freund, der mittlerweile Chefarzt eines Krankenhauses ist. Tatsächlich freut sich dieser riesig und stellt ihm ein eigenes Zimmer direkt neben seinem Chefarztbüro zur Verfügung, wo er mit allem versorgt wird, doch nie belästigt in seinem Wunsch nach Einsamkeit. Des abends wird es zur Routine, dass der Chefarzt-Freund Sandro besucht, mit allerhand Leckereien. Dabei ist immer ein gutes Tröpfchen. Sie reden über alte Zeiten und genießen das Beisammensein.

„Die Klärung dieser Geschichte und die Erinnerung an diese Einzelheiten rührten ihr Herz, und der Pegel von Sarajischwili N2 näherte sich allmählich dem Flaschenboden.“

Nachts steht der Gast am Fenster mit Blick auf Mond und Sterne. Tagsüber geht er im großen Garten spazieren, malt und singt. Lieder in Spanisch, die er sich angeeignet hat, da er Spanien und die Stadt Madrid von fern aus so liebt.

„Stellen Sie sich mal vor, Sandro Litscheli wäre wirklich mit seinen herzergreifenden Liedern in einem fremden Land erschienen und hätte erklärt, wie sehr er dieses Land und diese Leute liebe, Grund- und selbstlos! Und er hätte dabei auch im Namen seines Landes gesprochen! Was für ein aufregendes Beispiel wäre das für alle Nationen und Länder!“

Pech hat Sandro allerdings, als sein Freund für zwei Tage dienstlich verreisen muss. Der Chefarzt beauftragt eine Krankenschwester, sich um ihn zu kümmern. Doch der kurz darauf eintreffende stellvertretende Arzt hat anderes im Sinn. Ab hier läuft alles aus dem Ruder. Was, wird aber nicht verraten …

Aus Georgien kommt diese einerseits witzige und doch auch traurige Geschichte und sie ist eine große Hommage an die Phantasie und die Freiheit des Denkens, auch und gerade in einem totalitären System. Denn in uns ist alles möglich, Reisen und Dichten und Singen und Malen. Selbst wenn es nicht nach außen dringen darf. Die Idee, dass es eine Wohltäterin, eine Verwalterin, der bloß in der Phantasie geschriebenen Werke und in Gedanken gemalten Bilder gibt, gefällt mir sehr. Dort geht nichts verloren. auch die nie gebaute Architektur, die nur im Traum komponierte Musik.

“ … , dass der Traum eine praktische Bedeutung hat und – wie heute sogar die
Kinder wissen – der ewige Herd aller möglichen Erfindungen und Innovationen ist, selbst im Bereich der exakten Wissenschaften, die eben durch das Träumen und
Phantasieren angeregt werden und nicht etwa durch pedantisch geregelte Köpfe!“

In Georgien ist Naira Gelschwili recht bekannt. Diese Geschichte schrieb sie 1982, sie wurde aber aufgrund der politischen Brisanz nicht gleich veröffentlicht. Über Freiheit und die Möglichkeiten anderer Länder zu schreiben, war nicht erwünscht. Im aufschlussreichen Nachwort von Verleger Jörg Sundermeier erfährt der Leser mehr über die Umstände und die Autorin selbst. Kleines Buch – großes Leuchten!

Die Novelle erschien im Verbrecher Verlag. Aus dem Georgischen übersetzt ist es von Lia Wittek und Mariam Baramidse. Eine Leseprobe gibt es hier.

Ich danke dem Verlag für das elektronische Rezensionsexemplar.