Nathalie Chaix: Liegender Akt in Blau Kunstanstifter Verlag

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Geahnt habe ich es ja schon, als wir im letzten Sommer im Büro von Kirchner Kommunikation einen kleinen Einblick in Christina Röckls Arbeit bekamen. Und hält man es in der Hand, ist es klar: „Liegender Akt in Blau“ ist in mehrfacher Hinsicht ein Kunstwerk.

„An René, am 20. Juli 1953

Jeanne kam auf uns zu, in ihrem überwältigenden
Ebenmaß, wir sind immer noch ganz hingerissen. Was
für eine Frau, die die Welt zum Erbeben betört,
was für ein Wohlklang im Gefüge der Dinge.“

… so schreibt der Maler Nicolas de Staël an seinen Freund, den Dichter René Char. Auf einer Italienreise mit Familie und Freunden ist auch Jeanne dabei. Sogleich entsteht eine starke Anziehung zwischen Nicolas und Jeanne.

Nicolas hat sich auf Empfehlung seines Freundes René mit seiner Familie aus Paris in die Sommerfrische eines kleinen Ortes in Südfrankreich zum Malen zurückgezogen. Die ebenfalls verheiratete Jeanne lebt mit ihrer Familie dort. Beide verlieben sich heftig in einander, sie treffen sich heimlich. Nicolas schickt seine Familie nach Paris zurück, die schwangere Françoise und die Kinder, behauptet er müsse arbeiten, dabei allein sein. Nun trifft er sich regelmäßig mit Jeanne. Sie sitzt ihm Modell. Es folgen Bilder: stehender Akt, liegender Akt …

Nicolas ist besessen von ihr. Sie zweifelt, denkt an ihre Familie und rückt von ihm ab. Er kauft ein Haus in ihrer Nähe. Sie treffen sich erneut. Die Freundschaft zu René droht wegen ihr zu zerbrechen. Er malt exzessiv ein Bild nach dem anderen, beginnt mehrere gleichzeitig. Mit seinen Bildern hat er Erfolg, sogar bis in die USA. Aus dem Gedächtnis malt er Jeanne wieder und wieder.

Sie kehrt zurück. Eine wilde körperliche Liaison, eine extreme Leidenschaft. Doch Nicolas will Jeanne gegen ihren Wunsch ganz vereinnahmen, sie soll alleine ihm gehören. Seine Familie, den neu geborenen Sohn, hat de Staël innerlich längst verlassen. Ein hin und her. Ein Gehen, ein bleiben. Ein Drama.

„Das Jahr 1954 geht zu Ende. Edle Einsamkeit.
Schmerzende Einsamkeit.
Der vor ihm ausgebreitete Horizont.
Die Leere.

Verrat des Lichts.“


Nicolas de Staël wurde 1914 in St. Petersburg geboren. Nach der Revolution, als er gerade acht Jahre war starben beide Eltern. Er lebte bei Freunden der Eltern in Brüssel und studierte dort später Malerei. Wie seine Mutter starb auch seine erste Frau an Krebs.
De Staël war zunächst ein Maler des Informel, bevor er abstrakt malte, brach dann allerdings wieder mit diesem Stil und wandte sich der figurativen Malerei zu. Seine vielen Reisen beeinflussten seine Malerei stark. In Kooperation mit dem Dichter René Char, der 1907 in Frankreich geboren wurde, arbeitete er an Illustrationen und Druckgraphik. Aufgrund einer existenziellen Schaffenskrise und schweren Depressionen wählt er 1955 den Freitod.

Dieses Buch ist kein Roman im herkömmlichen Sinne, auch keine Biographie. Es ist mal ein Gedankenbuch, mal ein Reisetagebuch, mal finden sich Briefe, mal nur skizzierte Bruchstücke, lyrische Verse, erotische Aufzeichnungen. Sprunghaft wird aus den verschiedenen Perspektiven der Protagonisten erzählt, oft hochpoetisch. Diese Form gefällt mir sehr gut. Ein wenig kräftezehrend (selbst als Leser) fand ich auf  Dauer das extreme Hin und Her dieser letztlich unglücklichen Liebesgeschichte, wenngleich gerade diese überragend illustriert ist. Für mich lebt die Geschichte vor allem durch die Farben. Die Farben, die sich dem Maler in der sonnen- und lichtdurchfluteten sommerlichen Provence zeigten, und den Farben die Christina Röckl, die Illustratorin des Buches diesen entgegensetzt. Schaut man sich Bilder von de Staël an, spürt man, wie sie in Röckls Arbeit mit eingeflossen sind und doch sind es ganz eigenwillige Neukreationen, die, separat betrachtet, eine ganz eigene Geschichte erzählen. So schafft sie es sogar einen Suizid tief und schön und tröstlich zu gestalten.

„Liegender Akt“ in Blau“ von der 1972 in Frankreich geborenen Nathalie Chaix ist im Kunstanstifter Verlag in feinster Ausstattung erschienen: auf hochwertigem Papier gedruckt, fadengeheftet, mit illustriertem Schutzumschlag, innen und außen. Die Übersetzung stammt von Lydia Dimitrow. Die Illustratorin Christina Röckl recherchierte für das Buch vor Ort in der Provence.
Von ihr gibt es ein weiteres tolles Buch in diesem Verlag: „Und dann platzt der Kopf“, das 2015 den deutschen Jugendliteraturpreis/Sachbuch erhielt. Es hinterfragt nichts geringeres als die menschliche Seele und ist mit faszinierenden Bildern illustriert.

Mehr Informationen über Buch und Verlag findet man hier.
Einen weiteren Beitrag findet man bei Zeichen & Zeiten.

Karine Tuil: Die Zeit der Ruhelosen Ullstein Verlag

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Karine Tuil, 1972 in Paris geboren, Juristin und Schriftstellerin mit tunesischen, jüdischen Wurzeln hat selbst ihre Kindheit in den Banlieus verbracht. „Die Zeit der Ruhelosen“ ist bereits ihr 10. Roman und erzählt von den Klassenunterschieden im heutigen Frankreich. Tuil packt politisch brisante Themen an und weiß stimmig konstruierte Geschichten daraus zu machen, in denen es an Kritik am System nicht mangelt. Ihr 500-Seiten-Roman ist in keiner Sekunde langweilig – selten nehme ich das Wort Pageturner in den Mund, doch hier passt es. Der Roman besticht mit seinem komplexen spannenden Inhalt.

Es gibt vier Hauptfiguren, um die sich die ganze Geschichte dreht. Da ist zunächst Romain Roller, ein französischer Soldat, der aus Afghanistan zurückkommt und stark traumatisiert nicht mehr in seine frühere Rolle mit Frau und Kind zurückfindet. Er hat eine spontane Affäre mit Marion Decker, einer Journalistin, die die zurückgekehrten Soldaten interviewt. Was einmalig sein sollte, wird zur Obsession, obgleich beide verheiratet sind. Marion ist mit dem deutlich älteren stinkreichen Geschäftsmann und Tausendsassa François Vely verheiratet. Und dann gibt es noch Osman Diboula, der auf eine steile politische Karriere aus ist, obwohl oder gerade weil er aus der in den Banlieus lebenden Unterschicht kommt und ein Schwarzer ist. Aus dieser Zeit kennt er auch Romain, den er als Sozialhelfer betreute. Als er gerade die Hand nach der Macht ausstreckt,  wird er durch eine unbedachte Bemerkung wieder von der Karriereleiter gestoßen. Seine Beziehung mit der ebenfalls politisch engagierten Sonia droht in die Brüche zu gehen. Doch er ist zäh und ein Skandal um Vely, lässt ihn unerwartet wieder Aufwind bekommen und höher steigen als zuvor.

„Wenn man an der Macht war, wandte man die Regeln der Kriegskunst an. Man griff zu den Waffen, wenn man erobern wollte, und tat dies auch, um sich seinen Platz zu sichern. Man ließ geliebte Menschen fallen. Man verriet, man verletzte. Man tötete, auch das. Unser Leben gegen euren Tod“

Vely hingegen ist tief gefallen, ihm wird Rassismus vorgeworfen, nachdem er für ein Interview für ein Foto-Magazin auf einem Thron, einem Kunstobjekt, abgelichtet wurde, der eine nackte schwarze Frau zeigt. Doch nicht genug, entdeckt man plötzlich, dass er jüdische Wurzeln hat (der Name Vely war früher Levy) und er wird nun von Antisemiten angefeindet.
Romain und Marion können weder mit- noch ohne einander und so lässt sich Romain als Söldner für eine Sicherheitsfirma im Irak anwerben.

Zum Showdown kommt es, als Diboula, inzwischen Minister für Außenhandel, eine Reise zu einer Handelsmesse in den Irak organisieren soll. Er lädt Vely ein, der seine Geschäfte in den nahen Osten ausdehnen will, da ein Partner in den USA aufgrund des Skandals aus einer geplanten Fusion aussteigt. Kurz entschlossen kommt Marion mit auf diese Reise. Es kommt wie es kommen muss, alle vier treffen in diesem gefährlichen Land aufeinander …

Karine Tuil kennt sich bestens aus in der politischen Landschaft Frankreichs. Sie legt Finger in die Wunden, sie legt bloß, was zu gerne von Politikern unter den Tisch gekehrt wird. Sie zeigt, wie sich die Oberschicht verhält, wie wenig Chancen den einfachen Leuten bleiben. Sie ist sich des Abgrunds bewusst, der zwischen Arm und Reich immer größer wird. Sie schildert die Machtverhältnisse. So stark unterscheidet sich Frankreich da von Deutschland wohl nicht …

Ich wünsche diesem Buch ganz viele aufmerksame, engagierte Leser*innen.

„Die Zeit der Ruhelosen“ erschien im Ullstein Verlag. Übersetzt wurde es von Maja Ueberle-Pfaff. Eine Leseprobe gibt es hier.
Weitere Besprechungen gibt es bei Constanze von Zeichen & Zeiten und auf dem Blog reingelesen

Claude Simon: Das Pferd Berenberg Verlag

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Wie lange ist es her, dass ich etwas von Claude Simon, dem großen französischen Schriftsteller las … „Die Trambahn“ und „Jardin des Plants“ stehen hier im Regal. Und nun kommt aus dem Berenberg Verlag ein schmaler Band mit einer Erzählung, die in aller Kürze, auf gerade mal 47 Seiten, die wesentlichen Dinge ins Licht rückt. Sie erschien erstmals 1958 in Fortsetzungen in der französischen Zeitschrift „Les Lettres Nouvelles“. etwas davon floß später auch in den Roman „Die Straße in Flandern“ ein.

„Alles war dunkel. Man konnte die Spitze der Kolonne nicht sehen. Man konnte überhaupt nichts sehen (außer manchmal – aber nicht sehen, nur undeutlich wahrnehmen; und nicht einmal wahrnehmen: ahnen – die Kruppe des Pferdes vor sich): nur das monotone, endlose und mannigfache Getrappel, das mannigfache Hämmern der Hunderte von Hufen auf dem Asphalt der Landstraße.“

So beginnt Simon seine Geschichte: Mit Pferdegetrappel. Beinahe zwei Seiten lang, beinahe ist es schon rhythmische Lyrik. Allein wie es Simon gelingt die Geräusche von Pferdehufen zu beschreiben, ist mehr als man von manchem zeitgenössischem Autor erwarten kann. Hier agiert ein Sprachkünstler. Seine Zeilen beschwören sogleich Bilder herauf:
Ich sitze auf einem Pferd, reite durch die Nacht, es regnet, es schüttet, ich bin unendlich müde. Um mich wach zu halten, versuche ich ein Gespräch mit meinem Mitstreiter auf dem Pferd links von mir zu beginnen. Wir versuchen uns mit Scherzen aufzumuntern, makabre, wenig tiefsinnige Scherze, Galgenhumor. Als sich das Geräusch der trottenden Pferde verändert, lausche ich. Wir kommen in ein Dorf, wir machen Rast für den Rest der Nacht.

Eines der Pferde ist krank, es ist klar, dass es nicht mehr lange zu leben hat. Auch der Kamerad des Erzählers, Maurice, der Jude ist, was kaum einer weiß, ist krank. Doch er wird durchhalten, soviel ist sicher. Das Pferd nicht. Anhand des Pferdes schafft es Claude Simon diesen unsäglichen sinnlosen Krieg darzustellen. Alle sind ihn müde, und doch sind alle zum Kämpfen, vielleicht zum Sterben verurteilt. Wir befinden uns im zweiten Weltkrieg irgendwo in Frankreich in den Bergen, vielleicht in den Ardennen. Gekämpft wird gegen die Deutschen.

“ … ein Kavallerist in der Nacht, ein Soldat, das heißt nichts, überhaupt nichts, weniger als nichts in dieser feuchten nächtlichen Unermesslichkeit, in der wir im selben Augenblick und fast überall in Europa zu Tausenden, oder vielmehr Zehntausenden, Hunderttausenden, Millionen nichts waren, nicht mehr zählten als Sandkörner oder allenfalls Schachfiguren, …“

Claude Simon selbst war dabei, er war ab August 1939 als Kavallerist eingezogen worden, geriet in Gefangenschaft, aus der er jedoch fliehen konnte. Er wagte es erst Jahre später vom Erlebten zu erzählen. Er klagt an, nicht direkt, aber in seinen Texten entstehen Bilder, er verwendet starke Metaphern. Vielleicht reinigte er sich durch das Schreiben, und das macht er in gekonnter Weise, sprachlich brillant, geschickt konstruiert. Erstaunlich wie viel in einer solch kurzen Geschichte steckt …

1985 erhielt der 1913 in Madagaskar geborene Claude Simon den Literaturnobelpreis. „Das Pferd“ erschien wie immer in schöner Ausstattung in Halbleinen, fadengeheftet, im Berenberg Verlag. Übersetzt wurde es von Eva Moldenhauer. Ein sehr ausführliches Nachwort von Mireille Calle-Gruber, das viele (für mein Empfinden etwas zu langwierige) literaturwissenschaftliche Deutungen beinhaltet, schließt sich an. Mehr über Buch und Verlag hier.
Eine weitere Besprechung gibt es bei Constanze von Zeichen & Zeiten.

Lawrence Osborne: Denen man vergibt Wagenbach Verlag

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Beim Lesen der kurzen Inhaltsangabe des Verlages, kamen mir gleich zwei Geschichten in den Sinn, in denen die Handlung ganz ähnlich klingt: „Denen man vergibt“ könnte eine Mischung sein aus Jonas Lüschers großartiger Novelle „Frühling der Barbaren“ und Ayelet Gundar-Goshens starkem Roman „Löwen wecken“. Beide gefielen mir sehr – warum also nicht Osbornes Roman lesen? … dachte ich …

Eigentlich ging es auch ganz gut los. Als dann im 3. Kapitel die erste irgendwie holprige misslungene Metapher auftauchte, las ich noch darüber hinweg.

„Die breiten Fenster blickten mit soldatischer Strenge über das Tal.“

Doch es ging weiter:

„Plötzlich traten Dally Tränen in die großen braunen Augen, und ein Flunsch ruinierte seine Prächtigkeit.“

oder

„Die große Holzplatte der Tür begann zu schwitzen.“

oder

„Es war entwaffnend von Richard und Dally, dass in allen Räumen Toilettenartikel von Fortnum & Mason bereitstanden.“

oder hier: Es geht um eine Libelle!

„über die schwarze Wasseroberfläche tanzten, wobei ihre Flügel verzweifelt und lasterhaft anmutende Geräusche erzeugten, die ihr gefielen.“

Ich gebe zu, nach einer Weile habe ich schon auf die nächste Passage dieser Art gewartet. Nie habe ich so viele Sätze in einem Buch angestrichen, allerdings nicht etwa weil sie mir gefielen, sondern weil sie sprachlich so schrecklich sind. Zwischendurch habe ich mich natürlich wieder auf die Story konzentriert, die ja wirklich ganz gut gedacht und konstruiert ist, zumindest für Leser*innen, die sie nicht mit beiden oben genannten vergleichen (die ich mehr als empfehlen kann)  und denen vor allem die Handlung eines Romans wichtig ist. Osbornes Versuch der Ausschmückung dieser Handlung mit Landschaftsbeschreibungen und Dialogen ist leider gescheitert. Das Buch hat schon eine gewisse Spannung und obwohl ich es zwischendurch immer wieder langatmig fand, habe ich es aus Neugier auf den Schluss doch zu Ende gelesen. Der Schluss ist immerhin erstaunlich gut gelungen …

Der Inhalt ganz kurz:
Ein englisches Paar ist auf dem Weg zu einer Party der Reichen und Schönen mitten in die Wüste Marokkos. Ein reiches schwules Paar hat geladen: es soll eine spektakuläre Event-Party á la Gatsby werden. Über ein ganzes Wochenende lang darf sich die High Society in ihrem noblen, mit allem Komfort ausgestatteten Luxus-Domizil mit Alkohol, Drogen etc.pp. vergnügen. Rundherum herrscht bittere Armut, einzig die einheimischen Hausangestellten der Hausbesitzer Dally und Richard haben hier ein Auskommen. Das englische Paar Jo und David streiten sich während der Autofahrt, David hat zu viel getrunken, sie verfahren sich. Es kommt wie es kommen muss: Es passiert ein Unfall. David überfährt einen marokkanischen Straßenverkäufer …

Wie Osborne die zwischenmenschlichen und inneren Konflikte der Protagonisten schildert ist überwiegend gut gemacht. Er thematisiert auch sehr anschaulich den riesigen Abgrund zwischen beiden Welten – arm und reich. Das halte ich ihm gerne zugute. Schöner wäre es ohne die immer wieder auftauchenden unbeholfenen vor Adjektiven strotzenden Sätze gewesen:

„Er ließ sich von der Droge nur auf das Tempo herunterfahren, mit dem Sirup von einem Löffel tropft.“

oder (Ich kann gar nicht mehr aufhören zu zitieren … )

„Auch seine mineralgrünen Augen waren weit geöffnet und lachten so geräuschvoll, wie sein Mund geräuschlos lachte.“

und ich glaube, das ist der Höhepunkt:

„und er hatte das Gefühl, dass sich sein eines Auge lockerte wie eine alte Glühbirne.“

und das ist wirklich mehr als platt und peinlich: die Sexszene im Verlauf ist so kitschig, als wäre sie einem Nackenbeißer –  so nennen wir Buchhändler Liebesschmonzetten  – entnommen:

„Männer nutzten wirklich jede Gelegenheit. Und wenn sie es nicht täten, würde nie etwas passieren. Der sexuelle Planet würde sich nicht drehen. Natürlich wurde sie schwach.
[…]
„Während er schlief, strich sie mit den Händen über das Laken, auf dem kleine Spermapfützen trockneten.“

Möglich ist es natürlich, dass die Übersetzung aus dem Englischen nicht gelungen ist. Wirklich vorstellen kann ich mir das allerdings nicht. Ich glaube die Sprache in diesem Buch ist wirklich schlecht. Gespannt bin ich nun, was die Koryphäen aus dem Literarischen Quartett dazu zu sagen haben. Gerne höre ich auch eure Meinung zum Buch und/oder zu den zitierten Stellen, liebe Blogleser*innen. Vielleicht bin ich ja zu streng. Allerdings: In solch einem Fall kann ich nicht anders.

Larence Osborne, Jahrgang 1958, ist Reiseschriftsteller und hat bereits einige Romane veröffentlicht. Dies ist der erste, der ins Deutsche übersetzt wurde, und zwar von Reiner Pfleiderer. Mehr über Buch und Autor auf der Seite des Wagenbach Verlags.
Eine sehr begeisterte Besprechung gibt es bei Die Buchbloggerin.

Ismail Kadare: Die Dämmerung der Steppengötter S. Fischer Verlag

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Endlich endlich Ismail Kadare entdeckt!
„Die Dämmerung der Steppengötter“ ist ein Roman, der mich vollkommen überzeugt hat. Von Anfang an Staunen, wie dieser albanische Schriftsteller schreiben kann: Die herrliche Sprache, metaphernreich, doch immer überraschend, wunderbar durchdacht und konzipiert, ein dicker roter Faden bis zum Ende und ein starkes Thema, was gerade wieder zufällig zu meiner andauernden Ost-Lese-Phase passt. Extra langsam habe ich gelesen, genossen, und am Schluss so eingenommen weggelegt, dass ich dachte: wie soll ich jetzt einen neuen Roman anfangen? (Dass der nächste zum großen Glück ein ebensolches Wunderwerk sein wird, konnte ich da noch nicht wissen.)

Ismail Kadare war bereits mit Anfang 20 in seinem Land als Lyriker bekannt. Um sich weiter zu schulen durfte er in Moskau am berühmten Gorki-Institut Literatur studieren. So geriet er in die größte Autorenschmiede des gesamten Ostblocks. Die Zeit seines Aufenthalts dort ist auch Inhalt dieses Romans.

Kadare beginnt seinen Roman mit einem Sommeraufenthalt in einem sozialistischen Urlaubsheim für Schriftsteller an der Ostsee. Dort begegnet er einem faszinierenden Mädchen, das seiner Moskauer Freundin Lida ähnelt. Ihr erzählt er eines nachts bei einem Spaziergang die albanische Legende von „Konstantin und Doruntina“, die sich schließlich als roter Faden durch die gesamte Handlung des Buches zieht. Darin geht es schlussendlich um die Worttreue der Albaner, die „Besa“, die selbst über den Tod hinaus niemals gebrochen wird.

Zurück zum Studium in Moskau, in einer Zeit nach Stalin, die unter Chruschtschow auch „Tauwetterperiode“ genannt wird, geht es ums Schreiben aber nicht zuletzt auch um Politik und um die Liebe. Unser Held vergrault aus ihm selbst nicht bekannten Gründen seine Geliebte Lida, ja verkuppelt sie sogar noch mit einem Schriftstellerkollegen vom Literaturinstitut.

„Ich denke, es wäre an der Zeit spezielle Untersuchungen über die Verwendung der Zeit in den literarischen Werken der Genossen aus der Tundra anzustellen. Da gäbe es noch Raum für echte Neuerungen, obwohl ich auch die Gefahr sehe, in Modernismus abzugleiten wie dieser Franzose Proust, der die Zeit zu einem dicken Knäuel zusammengewickelt hat.“

Zur gleichen Zeit erhält Boris Pasternak den Literaturnobelpreis. Doch in Moskau freut sich keiner darüber: Pasternaks großer Roman „Doktor Schiwago“ wird sogar verurteilt aufgrund fehlender Linientreue. Eine geraume Zeit hört man in sämtlichen Medien nur, wie Pasternak niedergemacht wird, es werden Briefe aus den abgelegensten Teilen der großen UDSSR veröffentlicht und verlesen – alle wenden sich gegen ihn. Man will ihn damit zwingen, den Preis abzulehnen, man will ihn fertig machen.

„Seit vierundzwanzig Stunden wurde in der gesamten UDSSR ein Feldzug gegen Boris Pasternak geführt. Das Radio (von morgens sieben bis um Mitternacht), das Fernsehen, sämtliche Zeitungen und Zeitschriften, die Kinderpresse eingeschlossen, verspritzten Gift gegen den abtrünnigen Schriftsteller. Wie immer bei solchen Anlässen wurden die Schimpfkanonaden der sowjetischen Literaten mit empörten Meinungsäußerungen der Arbeiter und Kolchosbauern flankiert.“

Kurz darauf, als ein bekannter Maler, aus Indien zurückgekehrt, an der dort eingefangenen Krankheit Pocken stirbt, hängen in der ganzen Stadt Plakate mit dem dringenden Aufruf sich impfen zu lassen. Alle Studenten dürfen zudem keine Kontakte, vor allem keine Frauenkontakte mehr zu Moskauern haben. Quarantäne wird sonst in Aussicht gestellt – eine schöne Metapher für die sich abschottende kränkelnde Sowjetunion.

So sind oft die freundschaftlichen Kontakte der Sowjetrepublik sehr wechselhaft und abhängig von bestimmten Zwischenfällen und vom Personal der „Oberen“, was sich dann sogleich unter den Studenten des Instituts niederschlägt. So erfährt etwa unser albanischer Schriftsteller erst von Kollegen aus anderen Ländern, dass sich das Verhältnis zwischen seinem kleinen Land und der großen UDSSR verschlechtert hat. In Albanien verehrt man weiterhin Stalin und dessen einzig wahren Kommunismus. Für unseren Protagonisten alias Kadare bedeutet das, dass er nur mehr kurze Zeit in Moskau bleiben kann. Und da er Lida, der verlorenen Geliebten, versprochen hatte niemals einfach so zu verschwinden – albanisches Ehrenwort – trifft er sie doch noch ein letztes Mal … und tut dann doch genau das.

Kadares Sprache ist gekonnt, sie pendelt zwischen großer Ernsthaftigkeit und feinster Ironie und erfreut mit vielfältigem Metaphernreichtum. Selten habe ich solch einen klug durchdachten, gut konstruierten Roman gelesen. Große Empfehlung! Ein Leuchten!

Der Roman des 1936 in Albanien geborenen Ismail Kadare erschien im S. Fischer Verlag. Er entstand bereits in den Jahren 1962 – 1976 und wurde nur auszugsweise in seinem Heimatland abgedruckt. Die Übersetzung stammt von Joachim Röhm. Eine Leseprobe gibt es hier

——> Und so stimme ich, oh Wunder, einmal Maxim Biller zu:
»Ismael Kadare ist einer der großen Erzähler des 20. Jahrhunderts. […] Mich hat das Buch unendlich glücklich gemacht. «
Maxim Biller, ZDF/Das Literarische Quartett, 14.10.2016

Christine Lavant: Gedichte aus dem Nachlass Wallstein Verlag

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Wer die österreichische Lyrikerin Christine Lavant (1915-1973) noch nicht kennt, was ein großes Versäumnis ist, hat jetzt die Möglichkeit mit einem neuen über 600 Seiten zählenden Band zu beginnen. Der Wallstein Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, das von Klaus Ammann und Doris Moser zusammengestellte Gesamtwerk der großen Lyrikerin aus dem Lavanttal nach und nach zu verlegen.
Nun sind es die Gedichte aus dem Nachlass, die teilweise aus dem unveröffentlichten ersten Lyrikband „Die Nacht an den Tag“ stammen, die meinem Empfinden nach sehr christlich religiös wirken. Der andere Teil kommt aus privaten Sammlungen – Lavant schickte oft ihren Freunden Gedichte, ohne eine Kopie zu behalten – und aufgefundenem Material, welches im Robert Musil-Institut in Klagenfurt aufbewahrt ist. So führte Lavant zum Beispiel auch mit ihrem Arzt einen Briefwechsel, der Gedichte von ihr enthält.

„An gottverlassenen Regentagen
kannst du – wenn du ganz einsam bist –
und vom Scheitel bis zu den Zehennägeln
keine einzige furchtsame Stelle mehr hast
sehen oder auch riechen
wie die Erde aus sich kommt.“

Ein weiterer umfangreicher Teil, wie ich finde der interessanteste, stammt aus der Sammlung der Briefe an Werner Berg. Denn hier sind wunderschöne Liebesgedichte enthalten. Christine Lavant verband mit Berg, der einen Hof betrieb, aber auch Maler war, eine lange Liebe. Beide lernten sich auf einer Literaturveranstaltung kennen und ihre Beziehung ging weit über einen künstlerischen Austausch hinaus. Doch zusammen kamen sie nicht, beide waren verheiratet.

„Du ergriffst mein Herz schon als ich dich ansah am Abend
dort unter den Vielen wo keiner sein Herz sonst bereit hielt
und wo man das Kleingeld der Freundlichkeit richtig verteilte
in Augen und Hände.

oder

„Vielleicht lebst eben du in einem deiner
erlösten Bilder, wo der Stein noch Brot ist
und weißt nicht mehr was alles mir noch not ist
und willst im Grunde nur noch irgendeiner
einmal Entflohener meines Herzens sein?“

All diese bisher unveröffentlichten Gedichte künden bereits von der Vielfalt, in der sich Lavant mit ihrer Dichtung bewegte: Naturverbundenheit, Spiritualität, Religiösität – sie beschäftigte sich auch mit dem Buddhismus – und unglaubliche Offenheit. Sie zeugen vor allem von den großen Zusammenhängen, die Lavant immer im Kleinen fand.

„Morgen wird die ertrunkene Hälfte der Welt
nur ein verschilfter Froschtümpel sein
vor dem die Sonne ihr Haar nicht schüttelt
und von den Schultern der Bäume herab
wird das Mondhuhn zu anderer Tränke fliegen.
Warum erzähl ich dies alles dem Tau?
Der hat das Ertrunkene nie gekannt
der ist ja heut erst herabgefallen
auf die zitternde Kümmelstaude.“

Christine Lavants Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte““ und den kurzen Roman „Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus“ habe ich bereits ausführlich besprochen. Die gesamte Werkausgabe erscheint im Wallstein Verlag. Der vorliegende Band ist wieder mit einem ausführlichen Nachwort versehen und steht auch auf der Liste der Lyrikempfehlungen 2017.

Gaye Boralioğlu: Der Fall Ibrahim Binooki Verlag

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„Nein, sonst sagte er nichts. Er fragte nur: „Gibt es in Istanbul einen Allah?“ Ich erwiderte: „Um sowas kümmere ich mich nicht.“ Dann stieg er in den Renault und sie fuhren ab.“

Obiger Auszug aus Boralioğlus Buch trifft den Kern der Geschichte schon ziemlich genau: Die Einen sind auf der Suche nach Gott, nach der Wahrheit, den Anderen ist das gleich, sie leben vor sich hin. Bereits 2004 erschien „Der Fall Ibrahim“ in der Türkei. Die Autorin, 1963 in Istanbul geboren, ist lange als Journalistin tätig gewesen. Inzwischen ist sie als Romanautorin und Erzählerin in der Türkei bekannt und erhielt einige Literaturpreise.

Der Fall Ibrahim ist ein ungeklärter. Es liegt nur eine Untersuchungsakte vor, die aus einem brennenden Verlagsgebäude gerettet wurde. Die Grundlage: Ibrahim wurde von seiner Mutter als vermisst gemeldet. In dieser Akte befinden sich neben Fotos auch Tonbandaufzeichnungen, die die unterschiedlichsten Stimmen zum Verschwinden Ibrahims darlegen. Es sind die Interviews einer Reporterin, die sich auf die Spurensuche begeben hat von Ibrahims Heimatdorf bis nach Istanbul. Sie fragt nach, hakt nach, bei all den Personen, die ihn kannten oder ihm kurzzeitig begegnet waren.

Zuerst steht die Mutter Rede und Antwort. Eines Tages hätte der 15-jährige sich entschlossen nach Istanbul zu gehen. Ihr Ibrahim sei ihr Augenstern, schon immer sei er etwas besonderes gewesen, groß gewachsen mit dunklen Augen. Auch die Schwester des Nachzüglers der Familie kommt zu Wort. Bei ihr durfte Ibrahim, als er klein war mit im Bett schlafen. Sein großer Bruder hat wenig zu sagen, er ist erschöpft vom Militärdienst, von den bewaffneten Einsätzen gegen „Terroristen“.

„Aber dieses Mädchen machte einfach nicht einen solchen Eindruck, ihre Hände waren ja mit Henna gefärbt. Gibt es das, eine Terroristin mit Hennahänden? Über solche Dinge hat man uns nicht informiert. Sie haben uns nämlich immer erzählt, Terroristen sind so und so. Sie sind keine Menschen, sie sind Tiere. Sie sind Feinde des Vaterlands, des Staates und aller Menschen.“

Kemal, der Freund, mit dem er Vögel jagen ging, erzählt von einer mystischen sagenhaften Begegnung mit der Gestalt eines riesigen Vogels, den aber nur Ibrahim sah. Der Grundschullehrer wiederum verzweifelt an den philosophischen Fragen des 11-jährigen Jungen. Was alle Beteiligten früher oder später bemerken, ist, dass Ibrahim offenbar keinen Schmerz verspürt. Das Mädchen Rüya, das ihn im Krankenhaus nach einem Sturz aus dem Fenster betreut, kann nie nachts schlafen und hat nie Träume. Ibrahim hingegen träumt immer wieder den gleichen Traum. So nähern sie sich an, finden aber nicht zusammen. Weitere Stationen sind unter anderem ein Hotelbesitzer, ein Scheich, ein Masseur im Hammam, ein Mechaniker. Doch die Spur verliert sich allmählich …

Erstaunlich, wie wenig übereinstimmend die einzelnen Beschreibungen von Ibrahim sind. Jeder scheint ihn anders wahrgenommen zu haben. Schmächtig und klein? Stattlich und groß?  Dunkle oder blaue Augen? In sich gekehrt? Ein Dieb oder zu Unrecht Beschuldigter? Der Leser selbst, darf sich ein Bild aus allen Aussagen zusammenstellen. So fragt man sich, gibt es eine einheitliche Wahrnehmung, eine allumfassende Wahrheit? Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Ich nehme Ibrahim vor allem als Zweifler, als Sinnsuchenden wahr, der auch vor extremen Erfahrungen nicht zurückscheut, der nirgends Ruhe findet, auch nicht in der Liebe.
Diese verrätselte Geschichte ist der Autorin ziemlich gut gelungen. Ich mochte die geheimnisvollen Andeutungen, die Einsprengsel aus dem magischen Realismus.
Wo Ibrahim denn nun ist? Diese Antwort darf jeder sich selbst erlesen …

PS: Was mir sofort beim Lesen aufgefallen ist und mir Unbehagen bereitete:  Erstaunlich häufig begegnet mir in dieser Geschichte das Thema Gewalt, vor allem in den Familien – Gewalt gegen Kinder, gegen Frauen etc. Traurig und tragisch, wenn dass das tatsächliche Abbild der Situation in der Türkei ist.

„Klar, man schlägt sein Kind halt mal. Dass man sein Kind haut, ist in gewisser Weise auch eine Vorbereitung auf das Leben. Es wird ja sowieso eines Tages Schläge einstecken müssen. Wenn er in die Schule geht, wird der Lehrer ihm eine verpassen, seine Freunde werden ihn schlagen und beim Militär wird er ganz bestimmt Prügel bekommen.“

Das Buch enthält Schwarz-Weiß-Fotografien des armenischen Fotografen Manuel Çitak, die sich stimmig in den Text einfügen. Übersetzt wurde es von Wolfgang Riemann. Es erschien im Binooki Verlag, der kürzlich erst mit dem Kairos-Preis 2017 ausgezeichnet wurde. Mehr über Verlag und eine Leseprobe gibt es hier.

Im Zuge dieses Beitrags möchte ich auch noch einmal auf die Essays von Asli Erdogan hinweisen, da es um sie doch in letzter Zeit sehr ruhig geworden ist:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/04/09/asli-erdogan-nicht-einmal-das-schweigen-gehoert-uns-knaus-verlag/

Octave Mirbeau: Diese verdammte Hand Weidle Verlag

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Ein Mann besucht ein wenig widerwillig einen alten Freund, einen Künstler. Dieser erscheint ihm verwirrt, gar verrückt. Als Erklärung seines Zustands erhält er folgende Aufzeichnungen zu lesen:
Darin geht es um einen höchst sensiblen Menschen, dessen Dasein schon von Kindesbeinen an von Schwermut und Traurigkeit geprägt ist.. Eine Familie, die ganz und gar nicht versteht, was mit diesem Jungen bloß los ist, warum er nicht funktioniert. Die ganze Kindheit hindurch hatte man ihm seine Empfindsamkeit, seine Phantasie ausgetrieben und nach dem Collége waren dann auch die Reste jeglichen Eigensinns verloren. Fortan trudelt er verwirrt und planlos durchs Leben, bis er den Maler Lucien kennenlernt.

„Eines musst du dir bewusst machen: Eine Landschaft … eine Figur … ein beliebiger Gegenstand … all das existiert nicht an sich. Es existiert bloß in dir. Du stellst dir vor, daß es Bäume gibt, Ebenen, Flüsse, Meere. Weit gefehlt, mein Freund … Nichts von alldem gibt es, jedenfalls letztlich.“

Mirbeau legt den Maler Lucien nach dem Vorbild Vincent van Goghs an. Mirbeau war auch der einzige, der zeitlebens zwei Gemälde von van Gogh kaufte. Er selbst war Schriftsteller und eine schillernde, gleichzeitig kluge und kritische Gestalt der französischen „Belle Époque“. Eines seiner bekanntesten Bücher war „Tagebuch einer Kammerzofe“, eine Kritik an der Bourgeoisie, das von Jean Renoir und später von Luis Buñuel verfilmt wurde. Es lohnt sich Mirbeau neu zu entdecken.
Wenn van Gogh wirklich so klug und ganzheitlich dachte, wie Mirbeau ihn in dieser Geschichte schildert, war er in der Tat ein verkanntes Genie …

In „Diese verdammte Hand“ wird sich der Maler Lucien aus Selbstzweifel am Schluss seine „verdammte“ Hand absägen, die Hand die den Pinsel führt, die aber den neuzeitlichen Ideen und kreativen Ergüssen dieses eigensinnigen Künstlergehirns scheinbar nicht hinlänglich folgen will. So verblutet er in jener einzigen Nacht, die sein ergebener Freund, oben genannter Sensibler, durchschläft. Zuvor hatte er jede Nacht über ihn gewacht, aus Angst um ihn, der ihm immer verrückter und wahnhafter erschien und dessen Kunst auf ihn mehr als verstörend wirkte. Lucien hatte ihn zum Schreiben angeregt, doch was aus seiner Feder kommt, ist nicht genügend, viel zu vorhersehbar, wie ihm Lucien vorhält. Die Leidenschaft, die Lucien hat, fehlt ihm gänzlich. Er ist ein ängstlicher Mensch, in Liebesdingen vollkommen naiv, wie sich im Falle Fräulein Julias zeigt, und dennoch ein treuer Freund, der jegliche Eskapaden mitmacht, weil er sich sonst vollkommen verloren und einsam fühlt. Was aus ihm nach Luciens Tod wird, steht in den Sternen. Der Autor verrät es nicht …

„Ist Kunst wahrhaftig diese Qual, diese Hölle? Würde auch ich – der ich sie mir in meinen, erneut unsagbar wirren Träumen tatsächlich als eine solch große Linderung vorstellte, ein solches beispielloses und phantastisches und unendliches Paradies, in dem der Mensch nichts anderes erschafft als das Glück – in diesem fortwährenden Wehklagen leben, mit diesem vor Schmerz verzogenen Gesicht und diesem zuckenden Auge, welches der fahle Blitz des Wahnsinns getroffen hat?“

Das Buch erschien im Weidle Verlag in bekannt schöner Gestaltung, hinter der wie immer Friedrich Forssman steckt: Feinstes Papier, fadengeheftet. Papier und Schrift werden im Impressum genannt. Übersetzt wurde es von Eva Scharenberg. Zudem gibt es ein aufschlussreiches Nachwort von Pierre Michel. Mehr über Verlag und Buch findet man hier.
Eine weitere Besprechung findet man bei Birgit von Sätze & Schätze.

Lydia Tschukowskaja: Untertauchen Dörlemann Verlag

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Weiter mit Lektüre aus Russland …
Jetzt also Lydia Tschukowskajas Roman „Untertauchen“. Bereits vor ein paar Jahren ist es neu aufgelegt worden in einer Übersetzung der genialen Swetlana Geier. Lydia Tschukowskaja war eine Zeitgenossin der großen russischen Dichterinnen Anna Achmatova und Marina Zwetajewa. Und auch sie geriet aufgrund ihrer Direktheit, wie die beiden anderen im Stalinregime immer wieder ins Visier der Oberen. „Untertauchen“ erschien erst 1988, obwohl es bereits 1947 geschrieben wurde. Als es 1972 in den USA veröffentlicht wurde, schloss man die Autorin kurz darauf aus dem Schriftstellerverband aus. Die Rede, die sie aus diesem Anlass schrieb, findet man im Anhang des Buches und man staunt über Mut und Offenheit der Dichterin.

„Das machen sie plötzlich. Unterwegs. Genickschuss.“
Während er sprach drückte er mit dem Hinterkopf das Kissen zurecht. Wahrscheinlich spürte er jetzt seinen Nacken, so wie ich. Die Ufer des Kissens traten auseinander, und sein Gesicht lag jetzt tief auf dem Grund.

Dass ihr Mann auf diese Weise von den Schergen des Stalinregimes getötet wurde, erfährt die Schriftstellerin Nina Sergejewna erst 12 Jahre später. Bis dahin gab es für sie noch Hoffnung, erklärte man ihr doch, dass ihr Mann 10 Jahre Lagerhaft mit Schreibverbot vor sich habe. Dass das nur eine Geheimformel für den sofortigen Tod ist, wissen die wenigsten.
Einer, der es weiß, weil er selbst 5 Jahre Lagerhaft mit Zwangsarbeit hinter sich hat, ist der Schriftsteller Bilibin. Ihn lernt die Hauptfigur Nina in einem Sanatorium, eine Stunde von Moskau entfernt auf dem Land, kennen. Zunächst zögerlich erzählen sich die beiden auf ihren Spaziergängen durch die verschneiten Wälder schließlich aus ihrem Leben. Bald schon kommen sie sich näher, werden Vertraute. Während Nina an einer Übersetzung arbeitet, beendet Bilibin seinen Roman. Nina geniest das „Untertauchen“, weitab der beengten Wohnverhältnisse in Moskau. Sie findet endlich Zeit und Ruhe für das eigene Schreiben.

„All das wird mir wieder genommen werden. All das werde ich wieder hergeben müssen. Niemand Bestimmter wird es zurückverlangen, nur etwas Ungreifbares wird dann vorübergegangen sein, jenes etwas, was wir >Zeit< nennen.“

Im Sanatorium lebt zur gleichen Zeit auch der jüdische Lyriker Weksler, dem Nina mit ihrem Gespür für gute Lyrik weiterhilft. Doch dieser wird eines Nachts abgeholt und verschwindet, was Nina enorm erschüttert. Die vier Wochen Erholungskur gehen schneller vorbei als gewünscht. Gegen Ende des Aufenthalts gibt Bilibin Nina seinen Roman zu lesen. Sie ist erschüttert, hatte sie doch gerade ihn nicht für einen Mitläufer gehalten: Der Roman erhält eine geschönte und für regimetreue Augen geschriebene Variante der furchtbaren Geschichte, die Bilibin ihr aus seiner Zeit im Lager berichtete. Nina bricht sofort den Kontakt zu ihm ab. Doch wie kann sie ihn verurteilen, da sie nie das erlebt hat, was verbannte Verurteilte durchmachen mussten, die letztlich auch immer wieder in der Gefahr einer wiederholten Inhaftierung lebten? Dennoch verabschieden sich beide kühl am Bahnhof von Moskau und jeder kehrt zurück in seine eigene Welt.

Ich bin sehr angetan: „Untertauchen“ von Lydia Tschukowskaja überzeugt sowohl sprachlich als auch inhaltlich.
Der Roman erschien bereits 2015 im Dörlemann Verlag in schönem Leineneinband mit einem Nachwort von Hans Jürgen Balmes. Die Übersetzung stammt von Übersetzer-Koryphäe Swetlana Geier. Eine Leseprobe gibt es hier.

Meena Kandasamy: Reis und Asche Verlag Das Wunderhorn

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Dass die Suche nach bester Lektüre auch gerade bei kleineren Verlagen so lohnenswert ist wie nie, zeigte mir Meena Kandasamys Debütroman „Reis und Asche“. Die 1984 geborene Inderin ist auch Lyrikerin und hat bereits einen Band namens „Fräulein Militanz“ in Deutschland veröffentlicht. Beide Bücher erschienen im Wunderhorn Verlag. Diese Autorin ist eine echte Entdeckung! Ich habe mit größtem Genuss dieses Buch gelesen, das trotz des schrecklichen Themas ein helles Licht in der literarischen Landschaft ist. Ein Leuchten!

Das liegt vorrangig, aber nicht ausschließlich, an der Form die sie für ihre Geschichte wählt. Wenn man die kurze Inhaltsangabe liest, vermutet man zunächst einen Roman über ein Drama, ein Massaker, dass sich in Indien im Jahre 1968 abgespielt hat und das die Ungleichheiten zwischen Armen und Reichen thematisiert. Das ist es letztendlich auch. Aber eben noch viel mehr.

„Wenn man auf eine neue, originelle Idee für einen Roman gekommen ist, muss man sicher gehen, dass Kurt Vonnegut nicht bereits dieselbe Idee hatte.“

Kandasamy macht gleich von Anfang an klar, dass das keine einfache Lektüre für den Leser wird, in jeder Hinsicht. Sie spricht uns Leser/innen direkt an, sie zieht uns damit hinein und überträgt uns damit sogar Verantwortung. Sie plappert, moniert, referiert, lamentiert und erklärt sich gleich selbst als Romandebütantin für möglicherweise unperfekt und schiebt gleich nach, dass sie dennoch über unsere Köpfe hinweg entscheiden kann und überhaupt sei ohnehin die Form des Romans zig mal variabler als die lyrische Formen. Sie kommentiert sich während der fortlaufenden Geschichte selbst, mischt sich als Allwissende ein und scheut nicht davor zurück alle Prosa-Regeln über den Haufen zu werfen.

„Ich könnte Ihnen die Freude bereiten, auf dieser exotischen Zeitreise eine Economy-Class-Voyeurin zu sein. So würde es immer weitergehen, ad nauseam, und Sie hätten das widerwärtig Süßliche bald über.
Die einzige Alternative hierzu ist meine Vorgehensweise,“

Es ist ein überaus gelungenes Experiment!

Je weiter die Geschichte erzählt wird, die von den Ärmsten, den unberührbaren Landarbeitern und deren Kampf um ihre Rechte handelt, desto tiefer versinkt man in diese Geschichte aus unsagbarer Grausamkeit und Ungerechtigkeit. Es scheint ein aussichtsloser Kampf zu sein. Die Grundbesitzer haben das Sagen, stecken mit Polizei und Politikern unter einer Decke und beuten die weit unter ihnen stehenden aus. Zu alldem kommt noch das (offiziell abgeschaffte) Kastensystem dazu. Als ein Dorf sich dem Kommunismus zuwendet und beginnt auf die roten Politiker zu zählen, zu streiken, um wenigstens ihre Familien ernähren zu können, kommt es zu unglaublichen Gewaltszenerien in jenem Dorf. Der Gerichtsprozess, der sich über Jahre hinzieht, schafft keine Gerechtigkeit und zeigt nur auf, wie korrupt das System über Menschenrechte hinweg agiert.

„Wir wussten, dass alle nur wegen des Todes in unser Dorf kamen. Das wussten wir, weil nie jemand kam, wenn wir uns abmühten oder Hunger litten oder still auf den Tod warteten. Der Tod war der Höhepunkt. Der Tod war wie der Augenblick im Kino, den keiner verpassen will und wo alle weinen.“

Kandasamy verleiht den Menschen in diesem Dorf eine Stimme, eine Stimme, die gehört werden sollte, die stellvertretend für so viele Dörfer, so viele Länder steht und sie tut dies in ungewöhnlicher Weise, dennoch mit großem Respekt. Ihr Buch ist ein Aufruf, sich endlich gegen Ungerechtigkeit und Ungleichheit zur Wehr zu setzen. Es ist ein Plädoyer an alle und besonders auch an Frauen, dafür aufzustehen und aufzubegehren.

Meena Kandasamys Buch erschien im Wunderhorn Verlag und wurde von Claudia Wenner aus dem Englischen übersetzt. Es enthält ein Glossar und ein erklärendes Nachwort dieser klugen Autorin, die sich auch stark für Frauenrechte und gegen Gewalt und gegen das Kastensystem einsetzt.
Eine Leseprobe gibt es hier.
„Reis und Asche“ steht außerdem auch auf der Liste der Nominierten für den Liberaturpreis 2017. Bis zum 31.5. kann man noch für dieses Buch abstimmen.

Jérôme Ferrari: Ein Gott Ein Tier Secession Verlag für Literatur

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Kürzlich gab es eine schöne Aktion namens Verlagebesuchen. In Berlin war das richtig ergiebig. Ein Highlight: der Secession Verlag. Das Verlagsbüro findet man in einem schönen Gartenhaus in der Potsdamer Straße und es teilt sich die Räume mit der Galerie P98a, in der Erik Spiekermann sein Büro und eine Druckwerkstatt hat. Man erfährt also gleich nebenbei, wo die wunderschönen qualitativ anspruchsvollen Bücher des Verlages gemacht werden …

Verleger Christian Ruzicska sagt dann auch gleich, dass sowohl inhaltlich, sprachlich und auf das Äußere sehr geachtet wird. Alles soll stimmigen Einklang finden. Hier werden Bücher aus Leidenschaft gemacht!

Und das sehe ich einmal mehr bei dem vorliegenden aktuellen Buch von Jérôme Ferrari. „Ein Gott Ein Tier“ ist in schwarzes Leinen gebunden, der Schriftzug kontrastiert in rot und schlängelt sich über Vorder- und Rückseite. Hochwertiges Papier wurde gewählt. Welches es ist, kann man im Impressum nachlesen, ebenso die gewählte Schriftart. Innen rote Vorsatzblätter und ein farblich passendes Lesebändchen. Das ganze natürlich fadengeheftet. Und, man möge es mir nachsehen, es riecht gut …


Jérôme Ferraris Buch erschien bereits 2009 in Frankreich. Inzwischen ist der 1968 geborene Franzose auch in Deutschland bekannter geworden. 2012 erhielt er den Prix Goncourt. Das nur 110 Seiten umfassende Bändchen hat es in sich …

Der Tod und das Grauen kommen aus den schwarzen Augen einer Frau, die unter ihrem Gewand mit schmaler Hand die Schnur des Sprengsatzes zündet „die sich um ihre Taille schlossen wie der goldene Gürtel einer frisch Vermählten am strahlenden Morgen ihrer Hochzeit.“ – eine Selbstmordattentäterin. Auf diese konkrete Tat kommt Ferrari erst spät im Buch zu sprechen. Zunächst berichtet er von den Auswirkungen, die auch viel später noch Leben zerstören können.

Ein junger, zielloser Franzose verdingt sich als Söldner in einer Sicherheitfirma im Irak, ein sehr gut bezahlter, aber äußerst gefährlicher Job. Damit hat er auch seinen Freund überredet mitzukommen. Als sie nach ein paar Tagen Urlaub wieder am checkpoint eintreffen, passiert es.

Kurz darauf kehrt der junge Mann in sein Heimatdorf zurück – als psychisches Wrack. Sein Freund ist bei der Detonation ums Leben gekommen. Er fragt sich warum er überlebt hat und wie er nun leben soll …  er sucht nach dem Sinn.

„Denn du warst des Glaubens und der Kindheit müde, und müde des Vögeltötens, und du hast dir vorgestellt, dass die Welt darauf wartete, dich aufzunehmen in ihrer Umarmung, die sie dir niemals zugestanden hat, und dies hier, das war mitnichten die Welt, das war nur eine Wüste, erinnere dich, …“

Mit seinem alten Hund streift er durch das Dorf und erinnert sich: an den Vater, der ihm das Töten, das Jagen beibrachte, an seine Jugendliebe Magali, die die Sommer in seinem Dorf verbrachte, den ersten Kuss. In Gedanken malt er sich Magalis derzeitiges Leben aus: Sie ist erfolgreich in ihrem Beruf, eine gute Stellung mit Aufstiegschancen und gutem Verdienst. Aber auch mit großer Leere und Oberflächlichkeit, denn es gibt nichts mehr sonst als die Arbeit, geschäftliche Verpflichtungen und flüchtige Bekanntschaften.

„Sie wird eine erlesen gute Laune zur Schau tragen, und einen beispielhaften Teamgeist, wofür sich die Bereichsleiterin bei ihr bedanken wird, indem sie die Zeichen der Zuneigung steigert, …“

Er schreibt ihr einen Brief, versucht auf diese Weise an alte Zeiten anzuknüpfen. Schließlich besucht er sie. Sie mögen sich noch immer. Doch ihre Welt ist nicht die seine und so verschwindet er wieder. Seine Welt gibt es wahrscheinlich gar nicht mehr, gab es vielleicht nie. So sehr er sie auch sucht, er findet sie nicht. Es gibt keinen Weg mehr ins Leben. Weder in der Liebe noch bei Gott findet sich Trost. Auch wenn der Erzähler seinen Protagonisten mehrmals ans Herz legt: „Die Menschen benötigen etwas Größeres als sich selbst, um leben zu können.“

Als Magali einige Zeit später auf der Suche nach ihm in seinem Dorf eintrifft, findet sie ihn nicht mehr …

Auf der Umschlagbanderole des Buches steht der Schriftzug „Requiem auf die Entfremdung des modernen Menschen“. Ich bin geneigt zuzustimmen. Ferraris Requiem ist allerdings auch eine sprachlich Offenbarung. Dem Vorwurf der Pathetik, der in manchen Kritiken zu lesen ist, kann ich nicht zustimmen. Ferrari wählte eine sprachliche Form, die mit dem Inhalt direkt in Beziehung steht und sie ist stimmig. Und sie ist das Einzige, was einen Ausgleich schafft zur Düsternis der Geschichte.

„Ein Gott ein Tier“ wurde von Christian Ruzicska selbst aus dem Französischen übersetzt. Mehr über Buch und den Secession Verlag hier.

Außerdem bisher aus dem Verlag von mir gelesen und besprochen:
„Unorthodox“ von Deborah Feldman und der wunderschöne Gedichtband „minimal“ von Tanikawa Shuntaro

Ellen Hinsey: Des Menschen Element Matthes & Seitz Verlag

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Der Traum
Die Zeit wie eine Schote aufzubrechen und ihre leuchtenden, glühenden Samen zu betrachten

Ellen Hinsey habe ich nur entdeckt, weil Litauen diesmal Gastland der Leipziger Buchmesse war. Denn sie hat zusammen mit dem 80jährigen litauischen Lyriker Tomas Venclova ein Buch herausgegeben. Die 1960 in Boston geborene Amerikanerin hat mit dem vor langer Zeit nach USA emigrierten Dichter und Literaturprofessor Gespräche geführt und somit sein Leben fürs Lesepublikum aufgeblättert. Das Buch heißt „Der magnetische Norden“ und erschien vor kurzem im Suhrkamp Verlag. Ebenso ist sie Übersetzerin seiner Gedichte.

Als ich ein wenig recherchierte fand ich heraus, dass Ellen Hinsey, die lange Zeit in Paris lebte, nicht nur sich gut auskennt im osteuropäischen Raum und dessen Geschichte, sondern dass sie selbst auch schreibt, und zwar vorrangig Lyrik. Als ich in einer Leseprobe die ersten Zeilen von ihr las, war ich fasziniert: Hinsey weiß hochaktuelle und brandheiße politische Gedichte zu verfassen, die in solch gelungener Spracharbeit und Direktheit selten sind. Ihre Themen lassen außerdem auf intensive Philosophie- und Geschichtskenntnisse schließen. So spricht sie bei der Buchvorstellung in der Berliner DAAD-Galerie über die Ideen des griechischen Philosophen Parmenides, der sie beim Schreiben für dieses Buch sehr beeinflusste: Grob gesagt, hatte er die Theorie, dass es keine Getrenntheit gibt in der Welt, dass alles eins ist. So gesehen erhalten die Gedichte auch eine spirituelle Dimension.

Einsicht und Zweifel
Einmal nur unerwartet die Einheit der Welt erfahren –
wider die Manöver des Verstandes.

Dauerhafter Zustand
Die Wachheit lädt den Verstand ein, sich ihr anzuschließen
im sprießenden, sich stetig erneuernden Feld der Welt.

Merkwürdiges Autodafé
Im Gegenzug plant der Verstand seinen ewigen Angriff auf
das Sein.

Auszug aus dem Notizbuch A

 


Ellen Hinsey scheut nicht die Auseinandersetzung mit aktuellen politischen Themen. So schilderte und verdichtete sie beispielsweise Verhöre von Gefangenen verschiedener Regimes. Hinsey besuchte dazu den Gerichtshof in Den Haag, wo es um Kriegsverbrechen im osteuropäischen Raum ging. Oft schockierend und ungeschönt: diese Gedichte sind mitunter starker Tobak …

Die Tyrannei hat nichts dagegen, klein anzufangen: Maß ist ihr gleichgültig. Ihre Träume vom Ruhm werden frohen Mutes im Kindertheater geprobt.
[…]
Die Regression der Tyrannei ist einfach: die Begierde eines Kleinkinds, der Welt seine Allmacht aufzuerlegen.

aus Chronik – Eine kurze Biografie der Tyrannei

In ihrer Buchvorstellung erzählt Hinsey desweiteren, dass es ihr beim Schreiben ums „Bewahren“ geht, das Bewahren vor dem Verschwinden. In ihrem Lyrikband findet sich dieses Bewahrenwollen in allen drei Kapiteln: Im ersten „Des Menschen Element“ geht es um das Wesen des Menschen: seine Besonderheit; im zweiten „Zeugnis“ geht um das Treiben und Tun der Menschen: die Spaltung der Welt; im dritten „Mitternachtsdialog“ um das Zweifeln, den Moment der Veränderung, um die Vergebung.

Langsam rollen Polizeiautos die mitternächtlichen Boulevards entlang, überwachen das Unheil. Pomp protzt mit Verfall – aber keiner gewinnt, da die Nacht beide in ihren abgenutzten Teppich rollt – um sie auf die Schultern ermatteter Schläfer zu laden, jener unschuldigen Träger der Hoffnung.

aus Annalen – Östliche Apokryphen

Ellen Hinsey schreibt über den Menschen in der Welt, verdichtet, konzentriert und philosophisch. Ihre Gedanken sind unbedingt lesenswert, auch für Nicht-Lyrik-Leser.

Ellen Hinsey war 2015 Gast beim Berliner Künstlerprogramm des DAAD. Der vorliegende Band erschien in der Reihe DAAD Spurensicherung 29 im Matthes & Seitz Verlag und wurde übersetzt von Uta Gosmann.

Nellie Bly: 10 Tage im Irrenhaus AvivA Verlag

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Eine schöne Idee: Verlagebesuchen scheint mir in Berlin ganz besonders ergiebig. In diesem Jahr war ich beim AvivA Verlag in Moabit. Die Verlegerin Britta Jürgs hatte ihr Büro in einen gemütlichen Empfangsraum für Gäste verwandelt und erzählte aus der nunmehr fast 20jährigen Verlagsgeschichte. Britta Jürgs hat seitdem nichts von ihrem Elan und ihrer Buchleidenschaft verloren. Mit bewundernswertem Engagement widmet sie sich vorrangig Entdeckungen aus den 20er Jahren, aber nicht nur. Da ist viel Offenheit für Neues. So wird demnächst eine georgische Autorin im Programm dabei sein.

Eines der Highlights aus dem Verlagssortiment scheint mir Nelly Blys Buch „10 Tage im Irrenhaus“ zu sein. Es ist bereits 2011 in deutscher Sprache erschienen und erregte damals nach Ersterscheinung in New York 1887 enormes Aufsehen. Doch auch heute ist diese Geschichte noch spannend, denn leider werden immer noch Menschen aufgrund einer psychischen Erkrankung stigmatisiert und weggesperrt.

Der erste Auftrag bei der New Yorker Zeitung „New York World“ führte die forsche, erst 23-jährige Journalistin Nellie Bly in die psychiatrische Anstalt Blackwell´s Island, damals berühmt und berüchtigt. Sie sollte sich undercover einschleichen und über die misslichen Zustände der Insassen direkt vor Ort recherchieren.

„Ich war von vier Fachärzten für geisteskrank erklärt worden un war nun hinter den unbarmherzigen Stäben und Gittern eines Irrenhauses eingesperrt! Hier gefangen zu sein und Tag und Nacht als Gefährtin von besinnungslosen, plappernden Irren zu verbringen, mit ihnen zu schlafen, mit ihnen zu essen und als eine von ihnen betrachtet zu werden, das war eine unbehagliche Situation.“

Was Nellie Bly dort erlebt, ist unvorstellbar. Nahezu 1600 Frauen lebten in dieser Anstalt unter unsäglichen Bedingungen. Das Essen war nicht Essen zu nennen, die Behandlung nicht menschenwürdig. Nicht die Angestellten erledigten alle Arbeiten, sondern die Patientinnen. Es war keine Heilanstalt sondern eine „Aufbewahrungsanstalt“. Die eigentlich Hilfsbedürftigen erhalten bei Widerworten und Widerstand Schläge, jedoch keinerlei Medikamente. Die Ärzte scheinen sich nicht zu kümmern. Die Frauen werden in dieser Hölle aller Wahrscheinlichkeit nach erst in den Wahnsinn getrieben, zu Verrückten gemacht. Alle Frauen, mit denen Nellie Bly vor Ort sprach, zeigten keinerlei Anzeichen von Wahnsinn …
Obwohl Nellie mit ihrer Aktion erreichen wollte, dass sich die Bedingungen für die Patientinnen verbesserten, ist dies von öffentlicher Hand wohl nur kurzfristig und nicht hinreichend geschehen.


Von Nellie Bly gibt es außerdem ein Buch über ihre Weltreise von 1890, die sie ebenfalls für die Zeitung machte, und zwar schneller als Jules Verne es sich ausdachte, nämlich in 72 Tagen, sechs Stunden, elf Minuten und 14 Sekunden und das alleine als Frau. Das Buch ist ebenfalls im AvivA Verlag erschienen. Leseproben beider Bücher hier.
„Zehn Tage im Irrenhaus“ enthält ein informatives Nachwort von Martin Wagner, der auch übersetzt hat.

Es gibt zwei weitere Bücher zu diesem Thema hier auf dem Blog:
Zum einen ist es der Roman „Professor Hieronimus“ von Amalie Skram, der erstmals 1895 erschien und im vergangenen Jahr beim Guggolz Verlag in deutscher Sprache aufgelegt wurde.
Zum zweiten das Buch „Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus“ von Christine Lavant, die im Jahr 1935 einige Monate in der Psychiatrie verbrachte, erschienen im Wallstein Verlag.

Film-Kunst-Film: Vor der Morgenröte DVD Film von Maria Schrader 2016

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Die Regisseurin Maria Schrader lässt in ihrem Film „Vor der Morgenröte“ Josef Hader den Stefan Zweig spielen. Und er passt in der Tat vortrefflich in diese Rolle.
Es geht um die Jahre im Exil in Brasilien und es geht um die Position, die Zweig vertritt. Gleich zu Beginn spricht er auf dem PEN-Kongreß 1936 in Buenos Aires. Von Journalisten bedrängt, er möge sich doch zu den Entwicklungen in Deutschland äußern, enttäuscht er seine Zuhörer: Stefan Zweig ist Pazifist, Intelektueller und Künstler. Er steht für die Meinung, jeder solle mit seinen Mitteln für Freiheit und Frieden kämpfen. Zudem glaubte er an ein vereintes Europa. Er macht klar, dass er aus seiner sicheren Position im Exil keine kämpferischen Reden schwingen möchte. Ihm bliebe nur sein Schreiben, doch darin sei er aktiv.
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Der 1881 in Wien geborene Schriftsteller, überaus bekannt und erfolgreich, stand 1935 mit seinen Büchern sogleich auf der Liste der von den Nationalsozialisten verbotenen Autoren. Er lebte aus diesem Grund zunächst in London, dann in New York und schließlich in Petropolis in Brasilien. Begleitet wurde er auf seinen Reisen von seiner Sekretärin Charlotte Altmann, die er schließlich auch heiratete. Seine Exfrau, gespielt von Barbara Sukowa,  lebte derzeit mit ihren Töchtern in New York. Beide behielten auch nach der Trennung steten Kontakt.
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Maria Schrader fängt sehr genau die jeweiligen Gemütsbewegungen Josef Haders alias Stefan Zweigs ein. Gerade diese langen Kameraeinstellungen in ein und derselben Position versinnbildlichen das Ausharrenmüssen, die Bewegungslosigkeit der unfreiwillig ins Exil Verbannten. Zwar ist Stefan Zweig in Brasilien mehr als willkommen, zwar hat er diese Stille und Abgeschiedenheit gesucht nach den vielen Reisen, doch findet er nicht die Ruhe, das Ankommen, das er sich sicher erwünscht hat. Zu schwer wiegen die Geschehnisse in der Heimat, zu aussichtslos die Rückkehr in seine geistige Heimat Europa. Im Februar 1942 nimmt er sich zusammen mit seiner Frau Lotte das Leben.
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Sowohl inhaltlich, als auch aufgrund der beeindruckenden Kraft der Bilder ist dieser Film ein großer Gewinn. Es lohnt sich, ihn mehr als einmal anzusehen. Hier gehts zur offiziellen Film-Website mit Trailer: http://www.vordermorgenroete.x-verleih.de/de/film/

Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol Rowohlt Verlag

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Natascha Wodin hat mit ihrem Buch „Sie kam aus Mariupol“ den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Natascha Wodin kann schreiben. Ich weiß es aus dem Roman „Nachtgeschwister“, in dem sie über die schwierige Beziehung zu dem großen Schriftsteller Wolfgang Hilbig schreibt. Durch die Lektüre von Wolfgang Hilbig (in „Das Provisorium“ erfährt man einiges über ihre Beziehung) habe ich überhaupt erst von ihr erfahren. Nun also der Buchpreis …

„Dass ich den Namen meiner Mutter in die Suchmaschine des russischen Internets eintippte, war nicht viel mehr als eine Spielerei.“

„Sie kam aus Mariupol“ ist ein sehr persönliches Buch, eines, was zu schreiben, sicher nicht leicht gefallen ist. Man merkt es immer wieder durch das Buch schimmern, wie stark das Thema Wodin berührt: Schwierig daraus Literatur zu machen …  Vielleicht hätte es eines längeren Abstands bedurft zwischen Recherche und fertigem Buch. Jedenfalls fehlt mir in diesem Buch durchgängig Wodins starke Sprache.

Das Buch ist in vier Abschnitte unterteilt:
Zuerst berichtet Natascha Wodin von ihrer Suche nach den Wurzeln der Mutter, die sich umgebracht hat, als sie selbst noch ein Kind war. Tatsächlich wird sie übers Internet fündig: viele Erinnerungen erweisen sich als wahr, doch noch viel komplexer, als gedacht. Hier erzählt Wodin wie in einem Erlebnisbericht über ihre Recherche und ich als Leserin verheddere mich immer stärker in den immer neuen russischen Namen der gefundenen Verwandten.

„Mein Leben lang hatte ich mich benachteiligt gefühlt, weil ich keine Familie hatte, aber das war nur deshalb so gewesen, weil ich nicht gewusst hatte, dass ich ein glücklicher Mensch war ohne diesen ganzen Ballast.“

Im zweiten Teil erzählt Wodin aus den Tagebüchern und Memoiren ihrer Tante Lidia. Die Hefte wurden in der Wohnung eines neu entdeckten Verwandten aus Sibirien gefunden und ihr zugeschickt. Aus diesen geht hervor in welch schreckliche trostlose Zeit Wodins Mutter 1920 in Mariupol hineingeboren wurde. Anhand von Lidias Lebenslauf gewinnt sie einen kleinen Eindruck vom Leben ihrer Mutter, obgleich diese neun Jahre jünger war als Lidia.

„Wie hat sie ausgesehen mit ihren zwei, drei Jahren? Wie die Kinder in heutigen Hungerländern, kleine Skelette mit geblähten Bäuchen und großen leeren Augen?“

Wodin versucht im dritten Teil das Leben ihrer Mutter von der Flucht (oder Zwangsdeportation?) mit ihrem russischen Mann aus der Ukraine nach Deutschland zu er-schreiben. Sie und ihr Mann arbeiten als Zwangsarbeiter in der Rüstungsindustrie in Leipzig, wo für die sogenannten Ostarbeiter die schlechtesten Bedingungen herrschen.
Das meiste in diesem Teil ist aus wenigen persönlichen Anhaltspunkten und anhand geschichtlicher Dokumentationen rekonstruiert.

Zuletzt erzählt Wodin von der Zeit, die sie ab ihrer Geburt 1945 selbst mit erlebt hat: das Heranwachsen in Lagern für Displaced Persons, später in einer Kleinstadt in Oberfranken in einem Viertel der „Ausgegrenzten“. Sie erlebt die Ängste der Mutter, versteht sie aber nicht. Die kleine Schwester wird geboren. Die Beziehung zwischen den Eltern ist alles andere als liebevoll. Bei kleinsten Vergehen setzt es Hiebe. Die Mutter verfällt in immer tiefere Depressionen. Der Vater kümmert sich nicht. Die beiden Mädchen verwahrlosen …  Schließlich kommt es dazu: Die Mutter tut das, was sie so oft schon ankündigte. Sie „geht ins Wasser“.

„Immer muss man bei uns alles suchen, obwohl wir eigentlich dauernd aufräumen, aber wir finden einfach keinen festen Platz für die Dinge, wir wissen nicht, welche Ordnung wir dem Chaos entgegensetzen sollen.“

Und auf diesen letzten Seiten blitzt auch endlich etwas durch, was an die Ausdrucks- und Sprachkraft aus Wodins vorherigen Büchern erinnert.

Dieses Buch ist ein Erinnerungsbuch. Vermutlich war es für Natascha Wodin notwendig und befreiend die Geschichte ihrer Familie nieder zu schreiben. Es ist auch eine erschütternde Dokumentation, ein zeitgeschichtlicher Einblick. Große Literatur, wage ich zu behaupten, ist es nicht. Ein gutes Beispiel einer ganz ähnlichen Recherche, die mir jedoch sprachlich und literarisch gelungener erscheint, ist Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“.

„Sie kam aus Mariupol“ erschien im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier

Zwei sehr begeisterte Besprechungen findet man bei LiteraturReich und Masuko13