Wolfgang Hildesheimer: Das Paradies der falschen Vögel Edition Büchergilde

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Bereits 1953 ist diese Geschichte von Wolfgang Hildesheimer, der 1916 als Sohn jüdischer Eltern geboren wurde und der auch in der berühmten nachkriegsdeutschen literarischen Gruppe 47 verkehrte, erstmals erschienen. Ein witziges intelligentes Schelmenstück ist ihm damit gelungen, das aber auch allerhand zwischen den Zeilen lesen lässt und das zudem zeitlos ist. Was den großen Zauber dieser Ausgabe aus der Edition Büchergilde ausmacht, sind die fabelhaften Illustrationen (frei erfundener) falscher Vögel von Monika Aichele.

 

Um falsche Vögel geht es in Hildesheimers Geschichte, um Fälscher, genauer gesagt Kunstfälscher, noch genauer gesagt, um Fälscher, die die Künstler, die sie fälschen auch zuvor noch erfinden und in der Geschichte verankern. Mit gefälschten, fantasievoll erfundenen Daten. Frei erfunden, doch mit Ähnlichkeiten zu tatsächlich vorhandenen Ländern, ist auch die Gegend, wo Hildesheimer seinen Fälscher, Robert Guiscard, ansiedelt. Es handelt sich um die Procegovina, an die direkt Blavazien angrenzt, mit dem es auch immer wieder Auseinandersetzungen bezüglich des genauen Grenzverlaufs gibt. Unschwer ist darin der Balkan zu erkennen.

„Der Maler Ayax Mazyrka, der >Procegovinische Rembrandt< benannt, eine der bedeutendsten Erscheinungen der Kunstgeschichte, hat niemals existiert. Seine Werke sind gefälscht, und die Geschichte seines Lebens ist eine Fiktion.“

Wer dies dem Leser gleich eingangs unterbreitet, ist die Hauptfigur der Geschichte, Anton Velhagen, den es aber eigentlich auch nicht mehr gibt. Zumindest nicht mehr unter diesem Namen. Als Velhagen eines Tages per Post vom Ableben seiner Tante Lydia erfährt, beginnt er seine Geschichte aufzuzeichnen. Anton, der bei seiner skurrilen Tante, einer Kunst- und Krempel-Sammlerin, aufwächst entdeckt schnell seine Liebe zur Malerei. In Lydias Haus lernt er auch Onkel Robert kennen, der sich später als gewiefter Kunstfälscher entpuppt.

„In den Augen der Öffentlichkeit galt er einfach als Kunstsachverständiger und Sammler, daher auch sein Lebensstil durchaus nicht ungewöhnlich schien. Denn alle, die etwas mit Kunst zu tun haben, sind reich, außer den Künstlern.“

Robert Guiscard, dessen Kopf später auch die Idee des Volkskünstlers Mazyrka entsprang, hatte als Meisterschüler der Künste angeblich die Mona Lisa gefälscht. Er reiste durch die Lande, fälschte, wo er konnte, und kam schließlich durch seltsame, für den Leser ausgesprochen witzige, Umstände – eine Frau ist im Spiel und ein Zugschaffner – in das kleine Land Procegovina auf dem Balkan. Dort entsprang schließlich die Geschäftsidee, einen eigenen großen Maler für das Land zu erfinden, was in der Tat gelingt und dem Land Touristenströme und eine gefüllte Staatskasse einbringt. Als Anton Velhagen in die Procegovina reist, hat Robert bereits den Posten des Kultusministers eingenommen. Anton, der sich nahe der Landesgrenze niederlässt, um in Ruhe mit seiner Malerei voran zu kommen, wird in die absurdesten Ereignisse verstrickt, die schließlich bis zum Identitätsverlust führen, und die sich auszudenken einer besonders reichen Phantasie bedarf …

Hildesheimer hatte sie offenbar. Er macht sich lustig über den Kunstbetrieb und die dazugehörige Politik und stellt gleichzeitig in Frage, was wirklich echt ist und was falsch. Ihm ist eine witzige, schräge Geschichte gelungen, die enormen Spaß macht. Auch sprachlich zieht er alle Register. Ich bin begeistert, da es so selten kluge und dennoch humorvolle Bücher gibt. Ein ungefälschtes Leuchten!

Im Anhang des Buches finden sich ein Nachwort zu den falschen Vögeln von Monika Aichele. Auch sie schwelgt in Vogel-Fälschungen, die herrlich anzusehen sind und deren Erläuterungen sich direkt auf Hildesheimer Fälscherparadies beziehen.

Das Buch ist selbst ein Kunstwerk. Es ist in changierendem Leinen gebunden, mit silbrig eingeprägtem Titel, fadengeheftet und mit zwei Lesebändchen ausgestattet. Die Illustrationen sind eigens für das Buch entstanden mit Tusche, digital coloriert und auf feinstem Papier gedruckt. Erschienen ist das Buch in der Edition Büchergilde. Eine Kostprobe gibt es hier .

Wer mehr über Wolfgang Hildesheimer lesen möchte, dem sei die Biographie empfohlen, die Monika Vasik kürzlich auf fixpoetry vorgestellt hat.

 

Anna Kim: Die große Heimkehr Suhrkamp Verlag

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„Die große Heimkehr“ leistet als Roman beinahe so viel wie ein Geschichtsbuch, das zudem vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Situation zur Wissensauffrischung durchaus geeignet ist. Anna Kim erzählt anhand dreier Hauptfiguren umfangreich und detailliert über die Geschichte und Entwicklung des Landes Korea und die Teilung. Tatsächlich dehnt sie den eigentlichen Zeitraum 1959/60, also zwei Jahre, aus und berichtet auch von den Hintergründen und Voraussetzungen dieser unruhigen Zeit. Hat man das Buch gelesen, begreift man erst, dass dieses Land niemals zur Ruhe kam. Weder im kommunistischen Norden noch im versteckt (militär-)diktatorischen Süden, der in Wirklichkeit keine Demokratie war, konnte man gut und sicher leben. Mich hat das Buch ziemlich erschüttert: Überall Gewalt, Folter, Verrat – wie wenig eigentlich im Namen des Volkes geschieht und wie viel aus Machtgier der Oberen. Und nicht zuletzt, weil sich auch hier wieder die Einflussnahme der Großmacht USA nicht unbedingt von ihrer besten Seite zeigt.

Gut, dass man sich an der im Jahr 1959 in Seoul einsetzenden Geschichte um Johnny und Yunho, die seit ihrer Kindheit befreundet sind und die später eine Art Dreiecksbeziehung mit der älteren Eve führen, entlang hangeln kann und dieser staatlichen Willkür nicht fortwährend ausgeliefert ist. Kim schildert vielleicht manchmal etwas zu ausführlich die politischen Ereignisse, doch letztlich sind sie auch notwendig für das Durchdringen der Romanhandlung. Kurz bevor ich versucht war zu überblättern, fand ich mich wieder in der eigentlichen Geschichte vor. Die drei Helden müssen während der Unruhen aus Südkorea nach Japan ins Exil fliehen, wo sie jedoch ein kaum besseres Schicksal erwartet und wo sich das Misstrauen gegeneinander verstärkt. Viele der Geflohenen werden bald angeworben ins kommunistische Nordkorea zurückzukehren: Die Große Heimkehr.

„Heimat: was für eine heikle, furchtbare und furchterregende Religion 
In Korea steht Kohyang für das Land der Ahnen und für Herkunft, zugleich enthält der Begriff eine emotionale, eine überwirkliche Komponente, nämlich die des Blutes, der individuellen und kollektiven Wurzeln. Heimat ist somit Vergangenheit, aber auch, und das ist die Crux, Zukunft; Schicksal.

Der Handlungsstrang wird in Rückblenden aus der Sicht des 78-jährigen Yunho Kang erzählt, unterlegt mit Sequenzen über die geschichtlichen Ereignisse. Yunho, der wieder in Korea lebt, erhält einen Brief mit der Mitteilung von Eves Tod in den USA. Eine junge Frau, die eigentlich auf der Suche nach ihren Wurzeln in Korea ist, übersetzt ihm den Brief und nach und nach erzählt ihr Yunho seine Erinnerungen.

Anna Kims Roman ist ein großes Epos über die Suche nach Zugehörigkeit, nach Heimat, nach Liebe und Freundschaft im Exil und in den Wirren des Weltgeschehens. Anna Kim wurde 1977 in Südkorea geboren und kam mit ihrer Familie 1979 zunächst nach Deutschland dann nach Österreich. Im Einband des bei Suhrkamp erschienenen Buches ist ergänzend eine Karte von Korea und Japan abgedruckt. Eine Leseprobe gibt es hier.

Eine sehr ausführliche und detailreiche Besprechung gibt es auf dem Blog ausgelesen. weitere bei  Zeichen & Zeiten und Literaturreich.

PS: Interessant als begleitende Lektüre ist „Denunziation“, ein Band mit Erzählungen aus dem Piper Verlag, der über die Zustände in Nordkorea viel aussagt. Der Autorenname „Bandi“ ist ein Pseudonym für den wirklichen Autor, der angeblich noch in Nordkorea lebt und bei Aufdeckung wohl nicht mehr seines Lebens sicher wäre. Sprachlich hat mich der Band nicht überzeugt, aber um Einblick in persönliche Schicksale zu erhalten, ist er gut geeignet.

Laura Freudenthaler: Die Königin schweigt Literaturverlag Droschl

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Welch ein schönes Buch! Immer und immer wieder entdecke ich in diesem unabhängigen österreichischen Verlag echte Leseperlen. Ein Hoch auf Droschl!
Wie schon vor einiger Zeit Friederike Gösweiner mit ihrem Debüt „Traurige Freiheit“ ist es nun der erste Roman der 1984 geborenen Österreicherin Laura Freudenthaler der mich mit seiner Konzentriertheit und seiner ruhigen so tiefgründigen Sprache erreicht. Man könnte sagen, es ist eine relativ unspektakuläre Geschichte, die hier erzählt wird, doch sie lebt auch von dem, was verschwiegen wird. Von Anfang an hat mich dieses Buch eingenommen. Freudenthalers Sprache schleicht sich langsam aber stetig in ihre Leser hinein, zunächst ist sie ein zartes Pflänzchen, doch im Verlauf der Geschichte wird sie kräftig und setzt Blüten an. Dazu braucht die Autorin keine modischen Tricks und Kniffe eines Creative-Writing-Seminars. Ihr Arrangement entspringt dem einfachen Leben, dem Alltäglichen und macht es zu großer Literatur.

„Erst als sie Schulmeisterin war wusste sie, dass es immer zwei Wirklichkeiten gab, eine vordergründige, über die laut gesprochen wurde, und eine Wirklichkeit hinter vorgehaltener Hand. Es gab die Ereignisse, die offiziell geschahen, und zugleich gingen immer auch Dinge vor sich, die unsichtbar waren.“

„Die Königin“, die schweigt, ist Fanny. Eine Frau, die immer aufrecht bleibt, vieles für sich behält und dennoch viele Geschichten kennt. Aus ihrer Biografie wird erzählt – sie erinnert sich an die tragischen und die schönen Ereignisse ihres Lebens:
Fanny lebt mit ihren Eltern und dem Bruder auf dem Bauernhof, darf als einziges Mädchen später auf die Wirtschaftsschule gehen. Der Bruder fällt im Krieg, was die Familie stark erschüttert. Als Fanny den Dorfschullehrer heiratet, zieht sie um ins Schulmeisterhaus. Sie versucht den Eltern weiterhin zu helfen, doch bald schon muss der Hof verkauft werden. Dann erwartet Fanny ein Kind. Toni wird geboren. Der Schulmeister, aktiv in einer kommunistischen Partei, verunglückt tödlich. Die Eltern sterben. Fanny zieht um. In der Großstadt fühlt sie sich nicht wohl und kommt in die kleinere Stadt, nahe des Heimatdorfs, dass sie aber nie wieder betreten will. So lebt sie mit ihrem Sohn, der erwachsen wird und seiner Wege geht und sich schließlich aus für sie unerfindlichen Gründen für den Freitod entscheidet. Auch die Enkeltochter bleibt ihr fern.

„Fanny schaute Hanna an. Noch so eine Vergangenheitsfahrerin. Wie die Enkeltochter, wie Toni auch. Alle wollen sie hingehen, wo irgendwann einmal etwas gewesen war, und begriffen nicht, dass eine Rückkehr unmöglich war.“

Alle Männer, die ihr in ihrem Leben näherzukommen versuchen, sterben ihr weg.
Dass sie nach über 40 Jahren doch noch einmal das Dorf besucht, kommt dem Ende des letzten Lebensabschnitts gleich. Nach einem arbeitsreichen Leben mit vielen Erschütterungen begegnet sie ganz im Stillen und selbstbestimmt jenem, der ihr als Gegenspieler immer präsent war …

Eine schöne Melancholie, eine wunderbare Stimmung schwingt durch diese Geschichte. Laura Freudenthaler ist eine brillante Erzählerin, die mit ihrer direkten Einfachheit, mit ihrer bildhaften Sprache verzaubert. Ein Leuchten!

Für mich sehr wohltuend: Es ist nicht der x-ste Berlinroman, nicht die soundsovielte Geschichte einer traumatischen Kindheit. Schauplatz ist zunächst ein Bauernhof, dann ein Dorf, später eine Kleinstadt in Österreich. Das Setting erinnerte mich an Reinhard Kaiser-Mühlecker oder Josef Winkler, ja anfangs auch an „Winters Garten“ von Valerie Fritsch.

Laura Freundenthalers Roman „Die Königin schweigt“ erschien im Literaturverlag Droschl. Mehr über Autorin, Buch und eine Leseprobe gibt es hier . Sie hat bereits einen Band mit Erzählungen veröffentlicht.

Hisham Matar: Die Rückkehr Luchterhand Verlag

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„Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater“ lautet der Untertitel dieses Buches, das eindeutig autobiografisch ist. Bereits in seinen beiden vorhergehenden Büchern erzählt Hisham Matar, mehr fiktional, von der Suche nach dem Vater und von dem was dieser Suche vorausging. Nun kommt der Autor, der aus einer gebildeten und wohlhabenden lybischen Familie stammt, zum ersten Mal seit der Kindheit wieder in sein Heimatland zurück und setzt sich vor Ort den Geschehnissen der Vergangenheit aus. Mit seiner Frau Diana, einer Amerikanerin, und seiner Mutter besucht Matar all die Verwandten, die in Lybien zurückgelassen wurden, die Verwandten, die teilweise ebenso wie Matars Vater Jaballa unter der Herrschaft Gaddafis als Regimegegner verhaftet wurden. Im Gegensatz zum Onkel, wurde der Vater, ein ehemaliger Diplomat und ärgster Widerstandskämpfer gegen Gaddafi nicht wieder freigelassen. Er verschwand spurlos. Hisham Matars Leben ist seither geprägt von der Suche nach dem Vater, doch jegliche Recherche läuft ins Nichts. Eine Ungewissheit, die für Hoffnung kaum Platz lässt und die schwer erträglich ist …

Als die Familie nach der Machtübernahme Gaddafis zunächst in New York, wo auch Hisham 1970 geboren wird, danach im Exil in Agypten lebt, fühlt sie sich einigermaßen sicher. Doch wird der Vater aus Kairo entführt und 1990 nach Lybien ausgeliefert. Er landet im berüchtigtesten Gefängnis in Tripolis. Einige wenige Briefe erhält die Familie von ihm. Seit dem Massaker in Abu Salim, in dem über 1000 Gefangene, überwiegend Reigimegegner ermordet wurden, kommt kein Lebenszeichen mehr.

„Gaddafi hatte seine größten Gegner gern nahe bei sich, um sie sich von Zeit zu Zeit ansehen zu können, die Lebenden wie die Toten. Gefriertruhen mit Leichen lange verstorbener Dissidenten wurden gefunden.“

Matar zeichnet in seinem Buch auch die wechselhafte Geschichte des Landes auf und dessen unruhige politische Entwicklung. Schwerpunkt ist jedoch die Vatersuche mit all der Hoffnung und all dem Zweifel. Er, der mittlerweile mit seiner Frau in England lebt, setzt von dort aus, später sogar mit Hilfe von Menschenrechtsorganisationen und des Parlaments, alle Hebel in Bewegung. Die Ungewissheit bleibt …

„Die Suche wurde zur Besessenheit, ich verlor jede Zurückhaltung und war bereit zu kontaktieren, wer immer, wie ich dachte, helfen konnte.“

Matar schreibt sehr gut, er findet eine Sprache in seiner Sprachlosigkeit, die wiederum mich sehr eindringlich anspricht. Er erzählt oft in beinahe poetischen Bildern über die eigentlich schrecklichen Ereignisse. Sicher lohnt es sich, auch die beiden vorherigen Romane des Autors zu lesen, die alle um das Thema kreisen. Matar ist einer der Autoren, dem das Schwierige gelingt: aus Biografischem Literatur zu machen.

Hisham Matars Buch „Die Rückkehr“ erschien im Luchterhand Verlag. Es wurde übersetzt von Werner Löcher-Lawrence. Eine Leseprobe findet sich hier
Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs Ruth liest und aus.gelesen

Kurzer Nachtrag: Etwas was nicht direkt mit dem Buch zu tun hat, was mir aber auffiel und trotz allen Mitgefühls unbegreiflich und abstoßend bleibt, ist, dass sich Menschen bei kriegerischen Handlungen gegenseitig fotografieren und filmen, ihre blutigen Taten stolz dokumentieren, so wie Matar das hier in einer Szene von seinem Neffen Issa berichtet.

Theresia Enzensberger: Blaupause Hanser Verlag

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Das Foto auf dem Cover von „Blaupause“ mag ich. Es ist womöglich von einem Schüler in einem der Kurse von László Moholy-Nagy enstanden, der am Bauhaus Dessau lehrte. Es ist ein Originalfoto aus dem Bauhausarchiv von 1926 von einem unbekannten Fotografen und es ist nachkoloriert. Es ist eine schöne Eröffnung zum Debütroman der 1986 geborenen Theresia Enzensberger (ja, die Tochter von Hans Magnus).  „Blaupause“ spielt in den Jahren 1921 – 1926 teils in Weimar, teils in Dessau.

Es geht um die junge Luise Schilling, die es geschafft hat, ihren Vater zu überreden, am Bauhaus in Weimar Architektur studieren zu dürfen. Sie kommt aus Berlin aus einer wohlhabenden Familie und doch ist das illustre Studentenleben in Weimar aufregender als das beaufsichtigte Leben in Berlin. Zunächst gerät Luise in die „Fänge“ der dort angesagten Gruppe von Naturmystikern um Johannes Itten, Professor am Bauhaus und Guru der dortigen Mazdaznan-Bewegung, die mich leicht an die Anthroposophen erinnerte. Das liegt vor allem daran, dass sie sich in den hübschen, aber unsteten Jakob aus diesem seltsamen Freundeskreis verliebt hat. Nach einer Weile findet sie allerdings heraus, dass weder Jakob noch diese Bewegung, das passende für sie sind und sie stürzt sich vermehrt in die Arbeit.

Ihr Vater beordert sie allerdings kurzerhand nach Berlin zurück, wo er sie in eine Hauswirtschaftsschule steckt, um ihr die Bauhaus-Flausen auszutreiben und um einen geeigneten Ehemann zu finden.

Nach dem Tod des Vaters kehrt sie kurzerhand wieder ans Bauhaus zurück, allerdings nach Dessau, wo der verehrte Walter Gropius unterrichtet. Dort verdient sie ihr Geld zunächst mit Kellnern, von zuhause erhält sie keine Unterstützung mehr. Und sie findet neue Freunde, einen zuverlässigeren Geliebten, eine alte Freundin aus Weimarer Tagen und einen Platz in der Bau-Klasse. Den verhassten Webstuhl lässt sie links liegen und arbeitet leidenschaftlich an neuen und innovativen Plänen für eine Wohnsiedlung in Berlin.

Doch auch hier läuft es nicht so wie erhofft. Dass ihr am Ende sowohl der Geliebte als auch der Professor den Boden unter den Füßen wegziehen, lässt sie straucheln, aber auch eine ganz neue Richtung einschlagen, auch geografisch, wie man am Ende des Buches aus dem „Nachlass Luise Schillings“ erfährt …
Mehr wird nicht erzählt, man lese selbst.

Theresia Enzensbergers Debüt lebt von seiner Geschichte, von den Schauplätzen, vom Interesse an der Kunst, von den damals neuen kreativen Ideen, vom Aufbruch und auch von mutigen Frauen, die sich trotz aller Vorbehalte in ein von Männern dominiertem Studium einbringen wollen. Nur am Rande streift Enzensberger das politische Geschehen in Deutschland, vor allem anhand des Kommilitonen Friedrich, der sich in Berlin als Kommunist aktiv gegen den wachsenden Faschismus stellt.

Enzensbergers Buch punktet nicht mit seiner Sprache, keine Figur kommt mir wirklich nah. Es ist leicht geschrieben, leicht herunter gelesen, eine schöne unterhaltsame Geschichte. Für mich ist es aber kein Buch über die „emanzipierte Frau“ und auch kein Buch über Politik, wie man in verschiedenen Rezensionen lesen kann, dafür geht es zu wenig tief auf diese Themen ein. Vielleicht ist das generell ein Problem des Buches, dass die Autorin vieles anschneidet, aber zu schnell weiterspringt. Gerade in den zweiten Teil, der in Dessau spielt packt sie zuviel hinein.

Ich bin gespannt wie es mit der Schriftstellerin Theresia Enzensberger weitergeht nach diesem Debüt. „Blaupause“ erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

Lyrik aus dem hochroth Verlag am Beispiel von: Inger-Mari Aikio, Niillas Holmberg, Tzveta Sofronieva

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Lyrik aus dem hochroth Verlag zu entdecken ist auf vielfache Weise eine Freude:
Zum Einen ist es ein engagiertes Projekt, das von vielen Lyrikbegeisterten an sechs verschiedenen Standorten getragen und fortbewegt wird.
Es ist ein Glück, dass diese lyrikbegeisterten Verleger auch großen Wert auf eine ästhetische Gestaltung ihrer Werke legen. Es sind kleine Kunstwerke, diese wunderschönen Bändchen, die handgefertigt aus hochwertigem Papier, sogar einzeln nummeriert verlegt werden.
Und es werden eine Vielzahl an Lyrikern, die in einer Vielzahl an Sprachen unterwegs sind, ausgewählt, bekanntere und unbekanntere. Zudem werden nun auch mehrsprachige Variationen hergestellt.

Meine kleine Auswahl aus der Bielefelder Dependance zeigt gleich das breite Spektrum an Sprachvielfalt:

 

„heimweg des mondes
in den daunen der kolkraben
tragen die flöhe seidenkrawatten“

„knoten fallen vom himmel
eine eintönige arbeit
sie das jahr hindurch zu lösen“

Inger-Mari Aikio: Die Sonne leckt Sahne:
In Aikios Band geht es um den Lauf der Jahreszeiten. Und es geht um Zwischenjahreszeiten, wie wir sie hier nicht kennen, wohl aber im Norden Finnlands. Die Dichterin schreibt auf Finnisch und auf Samisch und sie bietet uns ungewohnte Einblicke in die Natur. Ihre Gedichte ähneln in ihrer Dichte oft Haikus. Durch diese Reduziertheit entstehen starke Bilder. Mitunter war ich an Christine Lavant erinnert, deren Themen ja ebenso Natur und Mystik sind. Mir gefällt dieser Band ausgesprochen gut – für mich Herzenspoesie.
Aikio wurde 1961 in Ohcejohka/Utsjoki in Finnland geboren. Der schmale Band ist zudem hinreißend (mit Rentieren, die im Winter ihr Geweih verlieren) illustriert von Katrin Merz. Die Übersetzung aus dem Nordsamischen stammt von der Gruppe B.

 

“ … der dem Wind auf dem Schoß sitzt
schreibt seine Verse auf Steine und Baum.“

„Doch obwohl ich den Strahl fühlte
nicht mein Lichtzelt
war ich, wie du, nicht geduldig genug
noch in diesem Leben zu leuchten … )“

Ebenfalls aus dem Nordsamischen kommt der Band Der dem Wind auf dem Schoß sitzt von Niilas Holmberg. Der 1990 ebenfalls in Ohcejohka/Utsjoki in Finnland geborene Schriftsteller schreibt so ganz andere Gedichte. Seine Themen verweben den Alltag, die aktuellen Lebensthemen unter anderem mit antiker Philosophie. So ergänzen sich ungewohnt alt und neu. So ergeben sich neue Ideen aus Experimenten. Übersetzt hat den zweisprachigen Band Katrin Merz.

 

„Formen, Ausdrücke, Kochrezepte,
weitere Algorithmen,
All go Rhythm,
Knoten von Assoziationen.“

„An die Erdoberfläche
nagen Anthropozähne
In der entscheidenden Szene
wird der Hintergrund stets
mit dem Vordergrund vertauscht.“

Von Norden nach Osten: Von der Bulgarin Tzveta Sofronieva kommt der Band mit dem schönen Titel: Anthroposzene. Es ist ein mehrsprachiges Lyrikexperiment in der Reihe „Translingual“ In der Tat wimmelt es von unterschiedlichen Sprachen, die in- und nacheinander übergehen und sich zu vereinen versuchen. Ihre Themen sind häufig gesellschaftskritisch. Mitunter verrätselt wie ein Kreuzworträtsel, mitunter gesetzt wie Konkrete Poesie ist dieser Band nicht so leicht zu greifen. Es ist ein Spiel mit der Sprache, experimentell, überbordend und rhythmisch.
„Die Autorin studierte weder Literatur noch Sprachen, weil sie diesen unbefangen begegnen wollte“, eine biografische Angabe, die ich sehr gerne lese …


Ich empfehle das „Unternehmen“ hochroth nachdrücklich!
Weitere Informationen über hochroth an allen Standorten finden sich auf der Website des Verlags, wo es auch ein kurzes Video über die handwerkliche Herstellung der Bände gibt:: http://www.hochroth.de

Übrigens: Der Verlagsname ist angelehnt an ein Gedicht der Dichterin Karoline von Günderode:

Hochroth 

Du innig Roth,
Bis an den Tod
Soll meine Lieb Dir gleichen,
Soll nimmer bleichen,
Bis an den Tod,
Du glühend Roth,
Soll sie Dir gleichen.

 

Andreas Moster: Wir leben hier, seit wir geboren sind Eichborn Verlag

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Es gibt sie also glücklicherweise noch immer, die bemerkenswerten Debüts, die sich keiner Mode und keinem Schreibschuleneinerlei unterordnen. Ich bin ziemlich beeindruckt von Andreas Mosters Roman, der in keiner Großstadt spielt, schon gar nicht in Berlin … Ganz ähnlich erging es mir erst kürzlich mit Juliana Kalnays Erstling „Eine kurze Chronik des Verschwindens“ und auch bei Laura Freudenthalers Romandebüt „Die Königin schweigt“ (Besprechung folgt nach Erscheinen). Es macht mich sehr froh, solche Talente zu entdecken.

Allen drei ist gemein, dass sie den Leser sofort, obwohl eigentlich noch nichts weiter passiert ist, von Anfang an in einen Spannungszustand versetzen, der sich durchs ganze Buch hält. Schwer erklärbar, wie sie das schaffen. Vielleicht ist das genau das Geheimnis eines guten Schriftstellers.

„Die Zeit ist eine Fliege an der Wand. Wir sehen hin, gezwungenermaßen, weil sich sonst nichts bewegt. Die Fliege läuft über die Wand, ohne Spuren zu hinterlassen. So ist es immer: Die Zeit geht spurlos an uns vorüber.“

Mosters Roman spielt in einer archaischen von Männern dominierten Welt, wie man sie sich nur in abgelegenen Gegenden, in Dörfern noch vorstellen kann. Die Frage in welcher Zeit der Roman spielt, drängt sich auf, bleibt aber unbeantwortet und wird schließlich unwichtig. Er handelt von fünf Mädchen im Übergang zur Frau begriffen, die dieser eintönigen gewalttätigen Welt ausgeliefert sind, und die fort von dort wollen. „wir leben hier, seit wir geboren sind“ – und normalerweise ließe sich daran auch nichts ändern. Um wegzukommen bedarf es jedenfalls Hilfe, am besten in Form eines männlichen Wesens.

In dieses Bergdorf, dass von Kalkfelsen mit einem Steinbruch umgeben ist, in dem die meisten der Männer arbeiten, kommt ein junger Mann. Georg Musiel soll überprüfen, wie rentabel der Steinbruch noch ist, der laut Bilanz nur rote Zahlen schreibt. Moster schreibt vom Steinbruch wie einem körperhaften Wesen, wie überhaupt viel auf Körperlichkeit und Sinnlichkeit in dieser Geschichte gesetzt wird: schön auch das Titelbild des Buches, das an ein steinernes Gesicht erinnert, dass einem erst auffällt, wenn Moster die absolut gelungene Szene von der Sprengung erzählt. Georg und der Berg bestimmen schließlich das Schicksal der Männer, die ihn los werden wollen, aber auch das, der fünf Mädchen, die ihn nicht allein wieder gehen lassen wollen.

„Die Sonne steht tief über den Gipfeln, und wir setzen und auf die Mauer, müde vom Tag, müde von der Langeweile, müde von der Rätselhaftigkeit dieses fremden Mannes, der durch unser Dorf geht und Dinge berührt, die keine Bedeutung für uns haben, keinen Sinn, außer da zu sein und es immer zu bleiben.“

Diese vibrierende Stimmung hält sich durch den ganzen Roman. Der Faden ist zuäußerst gespannt und es kommt wie es kommen muss zu einer Zerreißprobe zwischen jung und alt, alt und neu, zu einem Showdown, der Verluste aber auch Hoffnung hervorbringt und keinen der Protagonisten so zurücklässt wie vorher.

„Die beiden Hälften einer Welt: Georg der Tag, unsere Väter die Nacht, dazwischen die lose Naht der Dämmerung.“

Moster erschafft eine dichte Atmosphäre und passt seine Sprache dem Erzählten an. Durch häufige Wiederholungen ganzer Sätze, die wie Beschwörungen anmuten rhythmisiert er seinen Text und macht ihn gleichzeitig zu einem ewigen Kreislauf. Er durchbricht die unendliche Eintönigkeit seiner Figuren durch das Auftauchen des „Fremden“, scheinbar Bedrohlichen. Keiner bleibt davon unberührt. Seltsame Rituale und Traditionen werden plötzlich aufgebrochen. Moster nimmt außerdem verschiedene Erzählperspektiven – Ich, Wir, Er – ein: vor allem die, eines der fünf Mädchen, dessen Name erst am Schluss genannt wird und einmal – toller Kniff – die eines Hundes, der einen Mord beobachtet.

Womöglich wirkt meine Beschreibung des Buches etwas wirr, überfrachtet gar, doch kommt das nur aus schierer Begeisterung:  Alles ist stimmig, alles fügt sich zu einem Ganzen. Ein literarisches Leuchten!

Andreas Mosters Roman „wir leben hier, seit wir geboren sind“ erschien im Eichborn Verlag. Eine Leseprobe und ein Interview mit dem Autor gibt es hier .
Eine weitere Besprechung gibt es bei Zeichen & Zeiten und ein weiteres Interview mit dem Autor bei Zeilensprünge .

Toni Morrison: Gott, hilf dem Kind Rowohlt Verlag

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Die große amerikanische Schriftstellerin Toni Morrison, immerhin 86 Jahre alt und bereits im Jahr 1993 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, hat wieder einen neuen Roman geschrieben. Ich erinnere mich an Romane wie „Menschenkind“, „Blaue Augen“, „Sula“, die ich damals vor Jahrzehnten noch in der Rowohlt-Taschenbuchreihe „Neue Frau“ gelesen habe. Eine Autorin, die sich schon immer stark einsetzte für die Rechte der farbigen Bevölkerung und die der Frauen.

Toni Morrison hat in „Gott, hilf dem Kind“ eine tolle Romanfigur geschaffen. Bride, eine junge Schwarze hat sich aus den denkbar schlechtesten Verhältnissen hochgearbeitet und ist mit Anfang zwanzig bereits Leiterin einer Kosmetikfirma. Sie hat sich ein nicht zu übersehendes Outfit zugelegt. Nur weiße Kleidung, kein Make-up, kein Schmuck. Und das Konzept geht auf. Sie ist erfolgreich, gutaussehend und wird umschwärmt. Endlich ist sie wer. War doch ihre Mutter, die sehr hellhäutig ist wie auch der Vater, entsetzt über dieses tiefdunkle Kind und vollkommen überfordert. Bride erfuhr von ihr erst Wertschätzung, als sie vor Gericht eine wichtige Aussage als Zeugin gegen eine Lehrerin, die wegen Kindesmissbrauch angeklagt war, machte.

„Ich verkaufe meine schwarze Eleganz an all die Plagegeister meiner Kindheit, und sie bezahlen mich teuer. Und ich muss zugeben, dass es mehr als eine Entschädigung ist, all jene, die mich gequält haben – die echten und die, die ihnen gleich sind – heute vor Neid sabbern zu sehen, wenn sie mir begegnen. Es ist ein Triumph.“

Die Geschichte setzt ein, als Bride gerade von ihrem Freund Booker verlassen wurde und jene Lehrerin aus dem Gefängnis entlassen wird. Bride hat sich in den Kopf gesetzt, sie müsse eine Schuld abtragen und dieser Frau materiell weiterhelfen. Als sie ihr gegenübersteht und sagt, wer sie ist, schlägt die andere sofort zu. Bride kommt ins Krankenhaus. Obwohl sie körperlich schnell wieder gesund wird, scheint sie innerlich angeschlagener als sie zulassen will. Beide Geschehnisse leiten einen Wandel in Brides Leben ein.

Sie merkt plötzlich, wie sich ihr Körper langsam in den eines Kindes zurückverwandelt – ein toller Griff in die Trickkiste des magischen Realismus: Morrison ermahnt hier ihre Protagonistin achtsamer zu werden, mehr nach innen zu schauen, da ihr Leben aus dem Ruder zu laufen scheint. Letztlich beginnt damit ein Prozess, der von der reinen Oberfläche wegführt zu mehr Bewusstsein. Hierin liegt eventuell sogar die Chance zur Heilung der traumatisierten Kinderseele … Dann der Unfall auf dem Weg zu Booker und die Familie, die sie so uneigennützig aufnimmt und pflegt …

Bis hierhin hat mir das Buch extrem gut gefallen. Die Erzählperspektive aller Figuren einzunehmen und aus deren Blickwinkel zu berichten war stimmig. So erfährt der/die Leser/in hier auch einiges aus Bookers Lebensgeschichte, die ebenso viele traumatische Erfahrungen aufweist wie Brides`.

Vorsicht Spoiler:
Irgendwann zwischen dem dritten und vierten Teil wird mir die Geschichte dann doch etwas zu übertrieben dramatisch und auch noch mit vorhersehbarem Happy End. Bride erfährt Bookers neue Adresse, steigt ins Auto und fährt zu ihm nach Kalifornien. Dann überschlagen sich die Ereignisse. Bookers Tante, die sofort zur Vertrauten Brides wird, stirbt fast bei einem Feuer, wird aber von beiden gerade noch aus ihrem brennenden Wohnwagen gerettet. Durch die gemeinsame Pflege der Tante nähern sie sich einander wieder an. Plötzlich stirbt die Tante dann doch und beide überlegen, ob sie jetzt wieder richtig zusammenkommen. Und dann ist Bride auch noch schwanger und Booker sagt: „unser“ Kind. Und ihre tolle Stelle als Chefin der Kosmetikfirma ist ihr auch plötzlich ganz egal …

Das ist mir etwas zuviel schnelle Verwandlung von „Schatten“ in „Licht“, von Oberfläche zu Innenschau. Das wirkt auf mich doch sehr wirklichkeitsfern. Was so stark begann überzeugt mich zum Ende hin nicht und klingt an wie im Hollywoodfilm.
Dennoch: Ein wichtiges Buch mit leider nie endenwollender Aktualität und Brisanz ist es jedenfalls, als hätte sich in all den Jahren, die Toni Morrison schon dagegen anschreibt, kaum etwas geändert …

Toni Morrisons Roman erschien bei Rowohlt. Eine Leseprobe gibt es hier.
Weitere Blogbesprechungen gibt es unter anderem bei Sätze & Schätze und  Leckere Kekse.

Karl Ove Knausgård: Kämpfen Luchterhand Verlag

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Nun ist er also da, der sechste und zugleich letzte Band der Romane Karl Ove Knausgårds mit dem Übertitel „Min Kamp“. Knausgård hat das 1200-Seiten-Buch in drei Sequenzen geteilt. Trotzdem wechseln die Zeiten ständig, einmal vor, einmal nach Erscheinen der Bücher, das macht konfus.

Im ersten Teil erzählt er über sein Schreiben dieser Roman-Reihe und über die Kämpfe, die er deshalb bereits vor der Veröffentlichung des ersten Bandes mit einem Teil seiner Herkunftsfamilie in Kauf nehmen musste. Sein Onkel, der Bruder seines Vater beschwert sich zunächst beim Verlag, droht mit dem Gericht, wegen der Offenlegung allerlei Familieninterna und wirft ihm Verlogenheit und Geldgier vor. So müssen Namen im Manuskript geändert werden, Passagen ganz entfernt werden.

Im zweiten Teil berichtet Knausgård über die Zeit, als das Buch dann tatsächlich erscheint, über Interviews, die er voller Angst und Hadern über sich ergehen lässt und über die Zeit zwischen den Büchern, übers Weiter-Schreiben und vor allem auch den Alltag mit Linda und den Kindern. Der Leser erfährt von den Differenzen zwischen den beiden, dem Leben in Malmö und schließlich auf dem Land. In diesem letzten Teil des Buches erfahren wir auch alles über die bipolare Störung von Linda, eine ziemlich erschütternde Sequenz. Knausgårds Buch endet im Jahr 2011, als der vorliegende Band in Norwegen erscheint und gleichzeitig ein Buch von Linda (gerade ist zum ersten Mal ein Roman von ihr auf Deutsch erschienen mit dem Titel „Willkommen in Amerika“).

In beiden Teilen, die an die Art der ersten fünf Bände anknüpfen, geht es dann auch wieder akribisch genau weiter mit der Beschreibung seines Familienlebens: Hier scheut er sich nicht, das genaue Bedienen einer Kaffeemaschine zu beschreiben oder gar den Gang zu Toilette. Es geht um das alltägliche Familienleben mit Ehefrau Linda und den drei Kindern, Vanja, Heidi und John. Seien es Urlaubsreisen oder Besuch von Freunden oder Interviews mit Journalisten, wir erleben mit. Aber auch die eigene Innenwelt wird wie bisher offen gelegt.

Ein sehr großer Teil dazwischen ist das Kapitel mit dem Titel „Der Name und die Zahl“ Hier schweift Knausgård immer wieder aus dem Jetzt in philosophische Überlegungen ab. Intensiv kommentiert er hier diverse Werke von Schriftstellern wie Joyce, Shakespeare, Kafka, Proust, Homer oder Philosophen wie Hegel, Nietzsche und Heidegger. Ein Gedicht Celans wird über viele Seiten hinweg interpretiert. Auch vor Hitlers „Mein Kampf“ schreckt Knausgård nicht zurück. Die Auseinandersetzung speziell mit Hitlers Werdegang gestaltet sich ausufernd und befremdet. Ich habe viele Seiten überblättert. Es gibt keinen Zusammenhang zum Rest des Buches.
Stellenweise ist das interessant, denn man erhält doch allerhand Informationen über Knausgårds Denkart und philosophische Theorien. Nur erwartet man so etwas nicht in diesem Band und es passt auch nicht wirklich dazu.

Das Neue in Band sechs ist vielleicht, dass fast jede reale Situation mit Nachdenken und Hinterfragen durchbrochen wird. Hier reflektiert der Autor über sein eigenes Sein und den Sinn des Ganzen, über die persönliche Freiheit, über die Ehe mit Linda und thematisiert seine Selbstzweifel. Soviel Reflexion war bisher in keinem Band, offenbar hat Entwicklung stattgefunden. Es ist vielleicht das „reifste“ Buch aus dem Zyklus. Dennoch hätten ein paar Kürzungen nicht geschadet, hätte das Buch auch durchaus nur aus Teil 1 und 2 bestehen können.

Alles in allem: Wer mit Knausgårds „Min Kamp“ beginnen will, sollte wirklich mit „Sterben“ anfangen. „Leben“ und „Träumen“ habe ich bereits hier auf dem Blog besprochen. Wer ihn nicht lesen will, dem sei sein ehemaliger Lehrer Jon Fosse empfohlen, sein Freund Tomas Espedal oder die Gedichte seines Onkels Kjartan Hatløy.

„Kämpfen“ erschien im Luchterhand Verlag in einer Übersetzung von Paul Berf und Ulrich Sonnenberg. Eine Leseprobe gibt es hier.

J. J. Voskuil: Und auch Wehmütigkeit – Das Büro 5 Verbrecher Verlag

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„Maarten grinste. „Der Mensch ist doch eigentlich ein Wunderwerk“, sagte er mit verhaltener Genugtuung.“

Es ist soweit! Nicht nur Aufsätze erscheinen von Maarten Koning, sondern endlich endlich auch eine eigene wissenschaftliche Publikation: Ein Buch über die Wände des Bauernhauses!
Ansonsten betreibt Maarten Studien über das Brot: Roggen oder Weizen und wenn ja wo und ab wann … Karten und Kulturgrenzen werden immer weniger wichtig, die Forschung verändert sich. Natürlich bleibt wie üblich wenig Zeit dafür, denn organisatorische und administrative Aufgaben nehmen ihn als Abteilungsleiter weiter stark in Anspruch.

„Ihr aller Misstrauen gegenüber seiner Gerechtigkeit machte ihn zutiefst niedergeschlagen. Sie hatten keinen Grund dafür. Es war so, weil er der Chef war. Obwohl er nicht der Chef sein wollte.“

Im 5. Band, der die Jahre 1979 bis 1982 umfasst, findet sich viel Privatsphäre: (Streit-)Gespräche mit Ehefrau Nicolien, politische Demonstrationen, Besuche bei der dementen Schwiegermutter im Heim, nostalgische Ausflüge nach Den Haag, seiner Heimatstadt, Urlaub in Südfrankreich, Treffen mit Frans. Die Besuche bei Beerta im Heim werden weniger, vermutlich auch, weil Beerta Maarten eines Tages Avancen macht …
Zum ersten Mal in seinem Büroleben bleibt Maarten länger krank zu Hause. Einige Wochen – sogar Arztbesuche stehen an. Was er genau hat, ist nicht klar …

„Der Mann sah ihm mithilfe einer Zange in die Nase und anschließend in seine Luftröhre, wobei Maarten hohe, singende Schreie nachmachen musste, die ihm vorgesungen wurden. Es gab der Beziehung trotz seiner anfänglichen Antipathie etwas Anrührendes.“

Alles in allem ist dieser Band, wie schon der Titel sagt, tatsächlich etwas wehmütig erzählt, zeigt sich doch sehr viel Vergänglichkeit, nicht zuletzt durch das Älterwerden Maartens. Er hat das 50. Lebensjahr überschritten und blickt oft bedauernd zurück. Es scheint ihm, als wäre seine Pensionierung nicht mehr weit, so berühren ihn mögliche drohende Sparmaßnahmen persönlich wenig. Dennoch muss er als Abteilungsleiter und Vertreter in allen möglichen Kommissionen für das Büro und vor allem für seine Abteilung Rede und Antwort stehen. Seine Schlaflosigkeit wird dadurch nicht besser …

„Aber das wäre doch sicher phantastisch, wenn ihr aufgelöst werdet? Darüber musst du doch wohl froh sein?“
„Ja, natürlich wäre ich froh darüber“, er stieg aus dem Bett, „aber ich fühle mich auch verantwortlich.“
„Wenn du vor Freude nicht hättest schlafen können, hätte ich es verstanden!“, sagte sie empört. „Aber ein Forschungsprogramm zu erstellen, weil man aufgelöst wird! Wie kannst du nur?“

In der Tat steht im Raum, dass das A. P. Beerta Institut aufgelöst werden könnte, was innerhalb des Personals immer wieder zu Aufregung führt. Die Stimmung im Büro wird dadurch nicht besser, die Abteilungen und einzelne Personen versuchen sich ins rechte Licht zu rücken, Konkurrenzdenken entsteht. Sogar eigentlich kleine Entscheidungen, ob beispielsweise „fairtrade“-Kaffee, statt des üblichen ausgeschenkt werden sollte, arten in immense Diskussionen aus und zeigen die Nervösität der Büro-Kollegen auf.

Was jedoch gleich bleibt zu meiner großen Freude, sind die die Gesten, die Kleinigkeiten, die Boshaftigkeiten und Liebenswürdigkeiten, wenn z.B. Maarten gemein lacht oder Direktor Balk aus Ungeduld mit dem Fuß wippt, wenn de Vries zum gefühlten 1000. Mal „Danke, Mijnheer“ sagt oder Katje Kater zum letzten Mal „ich meine ja nur“ sagt, wenn Lien scheu eine Frage stellt oder Hans sanft mit dem Kopf wackelt und wenn Maarten seinen Schreibtischstuhl zum xten Mal genau eine Vierteldrehung herumrückt … „und so weiter und so fort“ (O-Ton Katje Kater)

„Die ungewöhnliche Zeit, zu der er hier entlangging, holte ihn aus seiner Geistesabwesenheit und machte ihn aufmerksam. Sie gab ihm das Gefühl, heimlich eine andere Welt betreten zu haben, eine glücklichere Welt, nahe der seinen, von ihr jedoch durch eine unsichtbare Wand getrennt, sodass er bei einem entgegenkommenden Fußgänger unwillkürlich den Kopf abwandte, um bloß so wenig wie möglich aufzufallen.“

Endlich ist nun auch Band 6 erschienen … ich lese ganz langsam, im Bewusstsein, dass es der vorletzte Band ist … Besprechung folgt …

Eine Leseprobe zu diesem Band gibt es hier auf der Seite des Verbrecher Verlags. Übersetzt hat wie immer Gerd Busse.
Meine Besprechungen zu Band 1, Band 2/3 und Band 4 kann man hier nachlesen.

Spreepartie, die 2te: Neue Bücher aus dem Kunstanstifter Verlag, dem Weidle Verlag, der Büchergilde und dem Verlag ebersbach & simon

Die Presse-Agentur Kirchner Kommunikation, die ganz wunderbare kleine Verlage vertritt, lud kürzlich einige Literatur-Blogger ein zur zweiten „Spreepartie“ durch Berlin. Wie bereits im vorigen Jahr war es ein vielfältiges Programm, dass wieder einmal zeigt, auf welche überraschende Entdeckungen man gerade in den kleinen unabhängigen Verlagen treffen kann! Alle vier hier vorgestellten Neuerscheinungen erwarte ich mit Neugier.

Im Kirchner-Büro in Kreuzberg ging es dann auch gleich wieder um ein Buch aus dem fabelhaften Kunstanstifter Verlag. Allein der Titel verspricht schon, was das Buch mit Sicherheit halten wird: „Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen“ ist ein Künstlerbuch, das ein Kuriositätenkabinett aus dem Reich der Tierwelt bietet. Die Tier-Geschichten, basierend auf echten Daten, erzählt uns Lucia Jay von Seldeneck (siehe unten), die Illustrationen trägt Florian Weiß bei. Seine Arbeiten sind auf ganz besondere Weise hergestellt. Er hat eine Punktiermaschine erfunden: Statt jede einzelne Zeichnung mit der Hand zu pixeln, nutzt er den selbstgebastelten Grafittätowierer (siehe unten).

„Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen“ von Florian Weiß und Lucia Jay von Seldeneck erscheint im September im Kunstanstifter Verlag.

Weiter ging es durch die Stadt in Richtung Mitte. Hier stellte uns das Verlegerpaar Weidle einen Roman aus ihrem kommenden Herbstprogramm vor, der mindestens genauso aufregend klingt. Auch hier scheint sich ein kurioses Personal einzufinden: der Autor aus Georgien, Zurab Karumidze, erzählt uns von Dagny Juel, einer Norwegerin, ehemals Modell von Edvard Munch, die nach Tiflis reist, nur um kurze Zeit später in Georgien ihr Leben zu lassen. Rundherum drapiert der Autor allerhand verstrickte und verrätselte Begebenheiten, deren Höhepunkt in einem mystischen „Fest der Liebe“ gipfelt. Das wunderbare Covermotiv ist eine Zeichnung! der Berliner Künstlerin Levke Leiß.

„Dagny oder Ein Fest der Liebe“ von Zurab Karumidze erscheint im August im Weidle Verlag. Wie immer bei den Weidles wird es ein kleines Buchkunstwerk sein, dass von Friedrich Forssman mitgestaltet wird. Der Autor stellt sein Buch am 17.10. in Berlin in der Buchhandlung ocelot vor.

Im „Ministerium für Illustration“ in der Chausseestraße, einer Galerie, die von Henning Wagenbreth geleitet wird und die allein schon einen Besuch wert ist, wartet schon Rotraut Susanne Berner, die bekannte Illustratorin, um uns die „Tollen Hefte“ aus der Büchergilde vorzustellen. Ihr Mann Armin Abmeier legte den Grundstein für dieses ambitionierte künstlerisch eigene Projekt: Alle Hefte (bisher fast 50) werden im Original-Flachdruck hergestellt, die Illustratoren haben große Freiheit bei der Gestaltung. Die „Tollen Hefte“ sind mittlerweile Sammelobjekt, da sie in einmaliger, limitierter Auflage und 2 x im Jahr erscheinen.

Das nächste Tolle Heft erscheint am 15 September in der edition büchergilde. Es trägt den Titel „Die Hauskatze ist selten eine weiße“ und wurde von Katrin Stangl und 21 Kindern gestaltet.

Vierte und letzte Station war die Buchhandlung und Chocolaterie „Fräulein Schneefeld & Herr Hund“. Hier stellte uns die Autorin Unda Hörner ihr neues Buch im Verlag ebersbach & simon vor. Es geht um Franz Kafka und es geht vor allem um Felice Bauer, mit der er 2 x verlobt und wieder entlobt war. Unda Hörner hat auf Grundlage der Briefe Kafkas an Felice die Beziehung der beiden recherchiert und dann in einem teils fiktiven Roman erzählt. Ein spannendes Projekt, gibt es doch einen deutlichen Einblick in Kafkas Zerrissenheit zwischen Leben, Lieben und Schreiben …

„Kafka und Felice“ von Unda Hörner erscheint am 21, August im Verlag ebersbach & simon , wo von der Autorin auch schon „Ohne Frauen geht es nicht“ über Tucholskys Lieben verlegt wurde.

Dank an Kirchner Kommunikation und an alle anderen Beteiligten für diesen ergiebigen Tag der literarisch-künstlerischen Fülle!
Weitere Beiträge zur Spreepartie von Zeichen & Zeiten und Klappentexterin.

Orsolya Kalász: Das Eine Brüterich Press

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„Jetzt
schließen wir die Augen,
wir alle.
Dann greift jeder
nach seinem toten Winkel
und legt ihn zu den anderen,
auf den vorbestimmten
Platz.“

Die 1964 geborene Orsolya Kalász hat kürzlich den Peter-Huchel-Preis 2017 erhalten. Die ungarisch/deutsche Lyrikerin, die bereits sehr lange in Berlin lebt, hat eine ganz schöne eigene Art zu schreiben, die mich beim Lesen manchmal an die polnische Dichterin Wislawa Szymborska erinnert hat.

Es ist eine direkte Art über Beziehungen und über Liebe zu schreiben, die mich sehr für sie einnimmt, denn Liebesgedichte zu schreiben die nicht dem Klischee anheim fallen ist wohl das Schwierigste überhaupt. Diese Gedichte sind sehr durchdringend mit klarem persönlichen Ausdruck, sehnsuchtsvoll auch, und mit Metaphern, die vollkommen neu sind. Eine Sprache, die mich anspricht, im Wortsinn.

„Die Vergleiche hissen die Segel

Das Gefühl, von dir berührt zu werden,
vergleiche ich mit einem
vom verschwenderischen Blau
des Himmels gebannten Blick.
Es ist, als würde ich schwimmen
in einem durch die Haut schimmernden See,
inmitten der gespiegelten Wolken
deiner Hand.“

Außer Beziehungs- und Begegnungsthemen jeglicher Art finden sich vorrangig Gedichte einer Sparte, die mir bisher weder als Gedicht noch sonstwie untergekommen ist: Sie beschäftigt sich mit Heraldik und schreibt also Wappen-Gedichte. Gedichte über Heraldik hört sich erst mal seltsam, gar altmodisch an, doch sind Wappen in Kalász` Gedichten immer Symbole, Bilder und Zeichen einer Zugehörigkeit. So lerne ich beispielsweise die Merlette (aus dem Französischen „Merle“= Amsel) kennen: Eine an Schnabel und Füßen gestutzte Amsel, die oft auf Wappenbildern verwendet wird und die hohen Symbolgehalt hat.

Schau mich an
und sag
du bist mein Wappentier,
mein pferdeköpfiger Greif,
mein Tiger-Biber,
mein Fisch-Huhn,
meine Adler-Ziege.

Am Morgen Meerjungfrau,
Am Mittag Basilisk
Am Abend ein roter Krebs
[…]
Auszug aus „Himmel und Erde“

oder

Und dann wäre da noch die Idee,
dass die Wappenfiguren,
vererbbare Erscheinungen
der Realwelt, in der Heraldik,
beim nächsten Selbstentwurf
von Nutzen sein könnten.
[…]
Auszug aus „Idee“

Das Buch kommt aus dem sehr kleinen Verlag Brüterich Press, hinter dem der Lyriker Ulf Stolterfoht steht. Sein wunderbarer wirklich gelungener Werbeslogan:
Schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis – dann ist es BRUETERICH PRESS
Der Band steht auch auf der Liste der Lyrikempfehlungen 2017. Und er ist sehr fein gestaltet und stimmig typographisch inszeniert, durchbrochen von Aufnahmen des Künstlers Frank J. Schäpel, die Röntgenbilder vom menschlichen Schädel zeigen.

Ein interessantes Interview mit Orsolya Kalász gibt es auf fixpoetry.

Tomas Espedal: Biografie Tagebuch Briefe Matthes & Seitz

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„Mir wurde früh klar, dass meine eindrucksvollsten Erlebnisse dort stattfanden,wo nichts geschah.“

Tomas Espedals neues Buch heißt “ Biografie Tagebuch Briefe“. Es sind Fragmente und Episoden aus seinen Notizbüchern, die in Norwegen schon wesentlich früher erschienen sind. In Deutschland erlangte Espedal mit seinem Buch „Gehen oder die Kunst ein wildes und poetisches Leben zu führen“ im Jahr 2011 zum ersten Mal größere Aufmerksamkeit. „Gehen“ halte ich nach wie vor für sein bestes Buch. Kennt man noch nichts von ihm, sollte man damit beginnen.

„Gehen: seinen Beruf ausüben, indem man ihn nicht ausübt.“

Imgrunde ist es Lyrik: In Tomas Espedals neuem Buch gibt es keine Handlung. Was er erzählt, steht ohnehin meist zwischen den Zeilen. Leser die ihn kennen, werden einiges wiederentdecken, sich erinnern an Sequenzen aus den vorherigen Büchern. Trotzdem bleibt manches rätselhaft, erschließt sich durch mehrfaches Lesen. So scheint er manchmal mit sich selbst zu sprechen. Aus der Ich-Perspektive oder auch mit dem Du, um sich selbst zu ermahnen, zu begreifen, endlich endlich die Welt und sich selbst zu verstehen. Hauptthema ist wie immer das Schreiben.

„Jetzt denke ich schon daran, was ich schreiben werde. Blind gehen mit offenen Augen. Ebenso einfach wie dieser Pfad, ich gehe ihn auf und ab, schreite einen Satz ab oder ein paar Zeilen: Wenn ich mich stören lasse, wenn ich einen Schritt breit  nach rechts oder links abweiche, in die falsche Richtung, zu den Beerensträuchern im unteren Teil des Gartens oder oben zur Straße hin, dann werde ich kein einziges Wort schreiben können.“

Es ist ein wirklich trauriges, sehnsuchtsvolles Buch. Ein Buch in dem philosophiert wird, gedacht wird, wiederholt wird, was immer noch nicht oder vielleicht nie begreiflich wird. Es geht um den Tod zweier wichtiger Menschen: der Frau und der Mutter. Es geht um die zwei Töchter. Es geht um das alte Haus, in dem sie wohnen. Es geht um das Ringen zwischen Alltag und Schreibtätigkeit. Es geht ums erschöpft sein, um den Versuch durch Alkohol alles abzumildern, den Schmerz zu dämpfen, den Kummer zu verdrängen. Und es geht auch um Gewalt: Espedal zeigt die Gewalt auf, die in seinem Leben auch eine Rolle spielte: Die Boxkämpfe mit dem Vater, im Boxclub, die Prügeleien um Mädchen und später die handgreiflichen Auseinandersetzungen in Beziehungen.

Das rundherum Schöne an diesem Buch ist wie immer Espedals Sprache, die Poesie, die noch im schlimmsten Moment alles durchdringt und einen Rettungsanker sowohl für Leser als auch Schriftsteller bietet. Am feinsten und dichtesten und sinnlichsten liest sich das Kapitel „Tagebücher“.

Ich empfehle auch „Wider die Natur“ und „Wider die Kunst“. Alle Bücher von Tomas Espedal sind im Matthes & Seitz Verlag erschienen. Eine Hörprobe findet sich hier. Die Übersetzung kommt von Hinrich Schmidt-Henkel.

Eine weitere Besprechung liest man bei Zeichen & Zeiten.

Film-Kunst-Film: Bin im Wald. Kann sein, daß ich mich verspäte DVD Film von Corinna Belz 2016

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Die Regisseurin Corinna Belz, bekannt durch ihren Film über den Maler Gerhard Richter, hat einen wunderbaren Film über Peter Handke gemacht. Ein Film, der mich sehr für den Schriftsteller einnimmt, ein stiller Film voller Sehnsucht und Passion.

Gedreht wurde vor allem in Peter Handkes Haus nahe Paris, seinem ganz eigen gestalteten Lebensort. Eine kleine Episode auch in dem Landhaus, welches Schauplatz der Verfilmung von Handkes Theaterstück „Die schönen Tage von Aranjuez“ war, in dem Sophie Semin, Handkes Frau die weibliche Rolle spielt und er selbst einen sehr kurzen Auftritt als Gärtner hat. Auch diesen Film vom Regisseur Wim Wenders empfehle ich sehr: http://www.dieschoenentagevonaranjuez-derfilm.de/ (gerade neu als DVD)

Es ist schon spannend zu sehen, welch eine Persönlichkeit aus dem jungen, aufmüpfigen und dennoch scheuen Mann, der auf der Tagung der Gruppe 47 im Jahr 1966 zum ersten Mal von sich reden machte oder dem „Verrückten“, der mit seinem Stück „Publikumsbeschimpfung“ in der Regie von Claus Peymann die Theaterbesucher mehr als irritierte, geworden ist.

Die kleinen Dinge sind es, die den Film so besonders machen. Zuzusehen, wie Handke Pilze schneidet und das Geräusch genießt, wie er draußen im Garten all seine Bleistifte spitzt (er schreibt nur mit der Hand), oder wie er auf seinem Nähsessel sitzt und versucht den Faden in das schmale Nadelöhr zu fädeln, um eines seiner Hemden zu besticken ist schon sehr besonders. Handke gibt diesen Dingen seine ganze Aufmerksamkeit, findet die Sinnlichkeit darin. Die gleiche große Aufmerksamkeit, die er auch für die Sprache seiner Geschichten verwendet. Jedes Wort wird gewogen, damit es auch stimmig ist. Handke nennt das Schreiben auch einen Prozeß der Erfindung.

Schön auch zu sehen, wie die Notizbücher entstehen mit Text und paralleler Zeichnung, sie sind selbst schon kleine Kunstwerke. Das „Notizbuch“ aus dem Insel Verlag zeigt Einblicke. Einige Zeichnungen konnte man bereits in „Von der Baumschattenwand nachts“ aus dem Jung & Jung Verlag sehen.

Noch bis Ende Juli kann man Original-Zeichnungen aus Handkes Notizheften in der Galerie Friese in Berlin sehen.

Einen Trailer zum Film gibt es auf der offiziellen Film-Seite.

Valentine Goby: Kinderzimmer ebersbach & simon

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In Ravensbrück stehen nur noch drei Baracken, was bleibt davon, wenn es keine Bücher darüber gibt?“

So die Französin Valentine Goby in einem Interview zu ihrem Roman „Kinderzimmer“, der bereits 2013 in Frankreich erschien. Sie hat dafür kürzlich den Annalise-Wagner- Preis 2017 erhalten. Deshalb erst wurde ich auf dieses Buch aufmerksam. Dass das Thema, das Goby hier bearbeitet kein leichtes ist, war mir klar, aber das es so schwer erträglich wird, hätte ich nicht gedacht.

Goby hat viel recherchiert, die Berichte überlebender Frauen des Frauen-KZ Ravensbrück gesammelt und einen Roman daraus gemacht. Es ist ein sehr sehr gutes Buch geworden. Mit größtem Respekt und sehr viel Feingefühl erzählt sie die Geschichte der Französin Suzanne Langlois mit Decknamen Mila, die in der Resistance tätig war, verraten wurde und 1944 zur Zwangsarbeit nach Deutschland ins Frauenlager Ravensbrück deportiert wurde. Die Zwanzigjährige ist schwanger. Doch das verrät sie bei ihrer Ankunft zunächst niemandem, auch den KZ-Arzt kann sie täuschen. Aufgrund der Mangelernährung sieht man ihr die Schwangerschaft bis zur Geburt nicht an. Sie vertraut sich nur zwei Frauen an, die zu engen Freundinnen werden. Ohne die Polin Teresa, hätte sie wahrscheinlich nicht überlebt:

„Leben heißt aufstehen, sagt sie, heißt essen, sich waschen, den Napf waschen, tun was dich erhält, und dann das Fehlende beweinen, es an dein eigenes Dasein heften. […] Leben heißt dem Tod nicht vorgreifen, in Ravensbrück und überall. Nicht vor dem Tod sterben, sich auf den Beinen halten in dem winzigen Intervall zwischen Tag und Nacht.“

Unter den unsäglichsten Umständen leben die Frauen dort. An einem solchen Ort schwanger zu sein, ist eigentlich unerträglich. Als ihr Sohn dann geboren wird, bringt man ihn in das sogenannte „Kinderzimmer“, in dem alle Säuglinge von einer einzigen Schwester betreut werden. Täglich sterben dort Neugeborene an Mangelernährung und Verwahrlosung. Mila selbst arbeitet als Näherin, sieht ihr Kind nur zum Stillen. Als auch ihr Sohn stirbt, übernimmt sie, sozusagen im geheimen Austausch, die Verantwortung für einen Neugeborenen, dessen Mutter starb.

Immer wieder keimt die Hoffnung, der Krieg möge zu Ende sein, die Befreier mögen kommen. Als sie mit einigen anderen Frauen auf einen Bauernhof zur Zwangsarbeit geschickt wird, ist das fast schon die Befreiung. Kurz darauf ist der Krieg tatsächlich beendet, sie werden fortgeschickt und versuchen sich schwach und ewig hungrig gen Westen nach Hause durchzuschlagen. Vom Roten Kreuz werden sie schließlich aufgenommen und nach Frankreich gebracht …

Im Epilog beschreibt Goby, wie Mila/Suzanne ihrem inzwischen 21jährigen Sohn, seine wahre Herkunft offenbart und ihn vorsichtig in die Ereignisse jener schlimmen Zeit einweiht.

Suzanne Langlois berichtete später als Überlebende und Augenzeugin vor Schulklassen über ihr Schicksal in Ravensbrück.
Ich empfehle Valentine Gobys wichtiges Buch uneingeschränkt. Mögen solche Zeitzeugnisse immer weiter getragen werden …

„Kinderzimmer“ erschien bei ebersbach & simon. Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Claudia Steinitz. Auf der Verlagsseite gibt es eine Leseprobe.
Unter http://www.ravensbrueck.de findet man Informationen über das Frauen-KZ und die dazugehörigen Lager.