Kunst im Buch: Romane über Kunst und Künstler

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Dunkle Hommage an Max Ernst 2, Tusche und Grafit auf Papier, 42×29,5 ©Marina Büttner

Als selbst Künstlernde (siehe oben, Tuschearbeit, inspiriert von Max Ernsts Frottagen) und Kunstbegeisterte freue ich mich immer wieder auf Romane über Kunst und Künstler. Eine kleine Auswahl meiner bisherigen Highlights habe ich hier zusammengestellt. Zur jeweiligen ausführlichen Besprechung auf meinem Blog  gehts direkt über den link.

Einzelne Künstler:

Nathalie Chaix: Liegender Akt in Blau – Nicolas de Staël

Dieses Buch selbst ist ein kleines Kunstwerk. Es kommt aus dem Kunstanstifter Verlag, der großen Wert auf wunderbare Illustrationen und feine Papierqualität legt. Hier geht es um den französischen Maler Nicolas de Staël, der mit dem Dichter René Char befreundet war. Einen Sommer malte er unter der südfranzösischen Sonne, inspiriert von seiner Muse Jeanne. Die Künstlerin Christina Röckel hat den Band stimmig illustriert. Zu meiner ausführlichen Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/06/27/nathalie-chaix-liegender-akt-in-blau-kunstanstifter-verlag/

Margret Greiner: Charlotte Salomon Es ist mein ganzes Leben
Astrid Schmetterling: Charlotte Salomon – Bilder eines Lebens 

Charlotte Salomon, für mich eine absolute Ausnahmekümstlerin, habe ich lange nicht gekannt. In einem Jahr kamen dann gleich drei neue Bücher über sie heraus und ich bin mehr als beeindruckt von ihrer Kunst und nicht minder von ihrem so kurzen Leben. Salomon lebte mit ihren Eltern in Berlin und studierte Kunst, als der Nationalsozialismus aufkam. Da sie Jüdin war schickten sie die Eltern außer Landes. In Südfrankreich schließlich, ihrer letzten Station der Flucht, malte sie hintereinander weg binnen einiger Monate eine riesige Anzahl an Bildern, die zum Glück erhalten blieben und nach dem Krieg öffentlich wurden. Charlotte selbst überlebte nicht, sie wurde deportiert und ermordet. Zu meinen Besprechungen auf dem Blog und auf fixpoetry:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/04/16/margret-greiner-charlotte-salomon-es-ist-mein-ganzes-leben-knaus-verlag/
https://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritiken/astrid-schmetterling/charlotte-salomon-bilder-eines-lebens

Käthe Kollwitz: Ich sah die Welt mit liebevollem Blick

Das Leben der Käthe Kollwitz anhand ihrer Tagebuchnotizen, von Sohn Hans gesammelt, und reich an Bildmaterial stellt dieses Buch vor. Die Werke der Bildhauerin kennt quasi jeder. Sie sind vielschichtig und zeigen Themen, die damals kaum vorher in dieser Direktheit dargestellt wurden. Sie hatte Glück, dass ihr Mann, ein Armenarzt, sie in ihrer Arbeit voll unterstützte, was zu dieser Zeit alles andere selbstverständlich war. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/12/27/kaethe-kollwitz-ich-sah-die-welt-mit-liebevollen-blicken-marixverlag/

 

Octave Mirbeau: Diese verdammte Hand

Octave Mirbeaus Roman ist angelegt an den Künstlerfreund Vincent van Gogh. Mirbeau, der bereits zu Lebzeiten Bilder von Van Gogh kaufte, war selbst als Schriftsteller seiner Zeit recht bekannt. Es ist ein ungewöhnliches, sensibles Porträt des Malers Van Gogh geworden. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/06/03/octave-mirbeau-diese-verdammte-hand-weidle-verlag/

Klaus Modick: Konzert ohne Dichter

Klaus Modicks Roman erzählt von der Künstlerkolonie Worpswede. Im Mittelpunkt steht zunächst Heinrich Vogeler, der sich voll dem Jugendstil verschrieben hat. Letztlich tauchen aber auch alle anderen wichtigen Gestalten der Gemeinschaft auf. Rilke, Clara Westhoff, Paula Modersohn-Becker etc. Es ist ein stilles, feines Porträt einer hoch interessanten Künstlergeneration. Zudem findet sich als Vorsatzblatt das Gemälde, dass dem Roman seinen Titel verlieh. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2015/03/26/klaus-modick-konzert-ohne-dichter-kiepenheuer-witsch/

Markus Orths: Max

Das Leben des schillernden und ausgesprochen vielseitigen Künstlers Max Ernst hat der Autor hier ganz wunderbar in Romanform präsentiert. Im Mittelpunkt stehen die verschiedenen Frauen, die Max in bestimmten Lebensphasen begleiteten und die oft selbst Künstlerinnen waren, wie so oft im Schatten des Mannes.
Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/10/20/markus-orths-max-hanser-verlag/

Joachim Schädlich: Felix und Felka

Schädlich zeichnet in äußerster Knappheit, die auch sein Markenzeichen ist, einen Auszug aus dem Leben des Malers Felix Nußbaum und seiner Frau Felka …, die ebenfalls Künstlerin war. In einem Versteck in Amsterdam wurden sie, die beide jüdischer Herkunft waren an die Besatzer verraten und ins KZ gebracht, wo beide starben.
Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/01/17/hans-joachim-schaedlich-felix-und-felka-rowohlt-verlag/

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Kunst allgemein:

Teresa Enzensberger: Blaupause

Ein Bauhausroman von der Tochter von Hans Magnus Enzensberger, der zwar einige Informationen und Einblicke in die Bauhauszeit gibt, deutlich schildert, wie wenig Rechte Frauen damals dort hatten, obwohl sie immerhin zum Studium zugelassen wurden, der aber von seiner Hauptfigur her nicht ganz überzeugte.
Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/08/04/theresia-enzensberger-blaupause-hanser-verlag/

Teresa Präauer: Johnny und Jean

Grandioses und schön schräges Buch über zwei junge Kunststudierende, die beide sehr eigenwillig, aber mit viel Einsatz an ihre Kunst herangehen, mit mehr oder weniger Erfolg. Gleichzeitig spiegelt die Autorin kritisch den Kunstbetrieb und macht viele Anspielungen auf bekannte Künstler. Teresa Präauer ist selbst auch Künstlerin und hat das Titelbild selbst gestaltet.
Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/02/07/teresa-praeauer-johnny-und-jean-wallstein-verlag/

Jost Zwagerman: Duell

Der Niederländer Jost Zwagerman beschreibt in seinem Roman den Kunstbetrieb höchst amüsant und entblößend. Im Vordergrund steht der leitende Direktor eines Amsterdamer Kunstmuseums, der einem seiner Gemälde in einer rasanten Verfolgungsjagd auf der Spur ist, als der Restaurator feststellt, dass das Bild im Museum eine Fälschung ist. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/07/29/joost-zwagerman-duell-weidle-verlag/

Viel Vergnügen beim Kunst erlesen!

 

 

 

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Zum Welttag des Buches: Warum ich lese – 40 Liebeserklärungen an die Literatur Homunculus Verlag

Zum heutigen Welttag des Buches ist es natürlich notwendig ein Loblied auf das Lesen, die Literatur und auf das Buch anzustimmen: Deshalb möchte ich noch einmal auf ein bereits vor zwei Jahren erschienenes Buch hinweisen, das genau das tut – vielleicht ist es dem einen oder der anderen bisher entgangen …

„Warum ich lese“ ist aus einer Idee des Literaturbloggers Sandro Abbate entstanden. Er stellte auf seinem Blog novelero die Frage: Warum lest ihr eigentlich?

Das ist doch klar, dachte ich. Doch so einfach ist es gar nicht in Worte zu fassen und mich schickte diese Frage sofort zurück in meine Vergangenheit. Schließlich formulierte ich einen kurzen Text, der aus sehr persönlichen Erfahrungen schöpfte: Welche Initiation für mich das Lesenlernen war, wie gut die Entscheidung war Buchhändlerin zu werden, welche Bedeutung Fernando Pessoa für mich hat und dass ich durchs Lesen schließlich auch zum eigenen Schreiben gekommen bin …

Erstaunlich viele andere Literaturblogger beschäftigten sich ebenfalls intensiv mit der Frage. Die entstandenen Texte waren so interessant und vielschichtig, dass Sandro die Idee hatte, man könne diese Texte doch in einem Buch versammeln. Sandro konnte dann den unabhängigen kleinen feinen Homunculus Verlag für dieses Unterfangen gewinnen.

Im März 2017 ist es mit einer Auswahl von 40 Texten erschienen und es ist schön geworden! Schön wäre auch, wenn es viele Leser fände. Eine Leseprobe gibt es auf der Website des Homunculus Verlags, wo auch alle Beitragenden mit ihren Blogs aufgeführt sind. Mein Text „Warum ich lese oder Ich brauche Wahrheit und Aspirin“ ist natürlich auch hier auf dem Blog zu lesen.

Sigurður Pálsson: Gedichte erinnern eine Stimme Elif Verlag

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Erneut und nun schon zum dritten Mal, kommt ein Lyrikband aus Island im Elif Verlag heraus. Die Zusammenarbeit des Verlegers Dincer Gücyeter mit Übersetzer Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason trägt reiche Früchte. Wieder ist er ganz anders gestaltet, als die beiden Vorgänger. Es ist der letzte Band, der von Sigurður Pálsson veröffentlicht wurde. Er starb 2017. Posthum wurde sein Band für den „Preis des nordischen Rats“ nominiert. Auch zuvor wurde der Dichter bereits mit Preisen geehrt. Interessant an Pálssons Biografie ist, dass der 1948 geborene in Frankreich die Sprache und Literatur studierte, auch die Studentenunruhen 1968 miterlebte, und später zurück in Island neben seiner Dichtertätigkeit und der Arbeit für Film und Radio, diverse literarische Werke vom Französischen ins Isländische übertrug.

Pálssons Gedichte sind so, wie Gedichte für mich sein sollten. Nicht über die Maßen verrätselt und doch mit ungewöhnlicher Tiefe. Das erste Gedicht, welches mich beim Blättern in Bann zog, ist eines über das Schreiben. Es ist mir sehr nah, finden sich doch die Worte meiner eigenen Lyrik oft auf ganz ähnliche Art. Schattiges Glück heißt es und ist unten auch im Isländischen Original abgebildet.

Im ersten Teil finden sich kleine Aberwitzigkeiten, es findet sich Feuer und Glut, eine heitere Vielfarbigkeit, eine Neigung zur Farbe Weiß. Die Worte haben das Sagen, sind Lichter und Laternen und kommen auf ungewohnte aber äußerst wohlwollende Art und Weise. Und die Liebe gedeiht, fließt über die Insel und in Herzensdingen fallen die Worte weich und zart.

Alle Gedichte haben ein ganz eigenes Gewicht. Mir fällt der Begriff wertvoll ein. Aber es sind die kleinen Werte. Sie sind zu finden in dem wundervollen Zyklus „Stimmen in der Luft„, die den Dichter zu einem Seher werden lassen, quasi als Medium des Winds.

„Während der Windhauch zum Balkon hoch glitt
fand er ein Buch soeben vom Leben geschrieben
er las es durch von Anfang bis Ende
und entbrannte vor Begeisterung
er fuhr durch alle Straßen
und erzählte den Leuten
was er gelesen hatte

Erzählte den Leuten
von dem großen Wunder

dass das Leben zeichnen und schreiben könne
und er könne lesen“

Dann kommen die Nachdenklichkeiten und die Bewegung im Herzen, sehr innig und durchdrungen. Jedes einzelne Gedicht stellvertretend für ein Dichterleben. Sie zeugen von einer gelebten Spiritualität, erinnern in mancher Schlichtheit an Haikus, an östliche Weisheiten, an die Verbindung zum Größeren, sei es die Natur, sei es etwas Göttliches. Ich lese eine genaue Wahrnehmung, eine Achtsamkeit, eine enorme Sinnlichkeit, eine Bewusstwerdung. Eine Letztendlichkeit.

Weiße Nacht

Schlaflos war sie nicht
diese Nacht

Gleichwohl war sie weiß
vollkommen schneeweiß

Am Morgen liegt ein Blatt
mit Buchstaben
auf dem Tisch

Der, der am Tisch saß
ist verschwunden“

Mich begleiten Pálssons Gedichte herzlich tröstend. Er leuchtet mir durch die Tage und blinkt wie ein Leuchtturm in der Nacht. Mir scheint, die Isländischen Dichter haben eine Gabe, Tiefes und Dringliches in ihrer Lyrik auf eine angenehm natürliche Art zu vermitteln, die es einem leicht macht, sie zu mögen. Ich empfehle diesen Band sehr und weise auf zwei weitere isländische Lyriker/innen hin, ebenfalls im Elif Verlag erschienen:

https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/11/10/ragnar-helgi-olafsson-denen-zum-trost-die-sich-in-ihrer-gegenwart-nicht-finden-koennen-elif-verlag/

https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/12/22/linda-vilhjalmsdottir-freiheit-elif-verlag/

Ich danke dem Verleger für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Aslı Erdoğan: Das Haus aus Stein Penguin Verlag

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„Was in dem Roman erzählt wird, ist natürlich frei erfunden. Erfunden aber hat es die Wirklichkeit.“

Diesen und weitere solch wunderbare Sätze finden sich in Aslı Erdoğans Roman „Das Haus aus Stein“, der bereits 2009 in der Türkei erschien und jetzt erstmals auf Deutsch zu lesen ist. Die Autorin hat ein aktuelles Vorwort vorangestellt, das unter anderem auch auf ihren eigenen Gefängnisaufenthalt hinweist und die Leserin staunen lässt, wie sie in diesem lange vorher erschienenen Roman bereits wie eine Wissende oder doch zumindest Ahnende über ein Gefängnis schreibt, über das Haus aus Stein. Absurd ist zudem, das Erdoğan für dieses Buch in der Türkei damals den bedeutendsten Literaturpreis bekam und Jahre später wegen ihres Schreibens inhaftiert wurde. Die Autorin war 132 Tage lang im Istanbuler Frauengefängnis und erzählt, dass sie nach ihrer Freilassung, die einfachsten Dinge nicht mehr tun konnte – „In der Haft entwickelt man sich zurück, wird wieder zum Kind ohne Rechte und Verantwortung.“. Heute lebt sie im Exil, aber sicher,  in Frankfurt am Main. Über die Erfahrung zu schreiben, fällt ihr schwer, macht sie sogar krank, heißt es im Nachwort. Sie wird es dennoch tun.

“ – ist das Schreiben nicht gewissermaßen die Kunst, in der Glut zu rühren, ohne sich dabei die Finger zu verbrennen? – „

Es ist ein nur etwa 100 Seiten zählender Text, der allerdings das Gewicht eines 1000-Seiters hat. Die Autorin schreibt in einer Dichte und Intensität, wie ich sie schon aus ihren vor zwei Jahren erschienen Essays „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“ kenne. Diese Dichtheit macht es auch schwer, etwas über den Inhalt zu sagen. Denn es geht um nicht mehr und nicht weniger, als das Thema im Gefängnis sein/Gefangensein/unfrei Sein. Und wie kann man über dieses Thema mit solcher Schönheit und Poesie schreiben? Aslı Erdoğan kann es.

„Heute werde ich vom Haus aus Stein erzählen, dem das Schreiben gern ausweicht, dem es nur aus sicherer Entfernung zusieht, durch die Wörter hindurch.“

Es passiert vermeintlich nicht viel in dieser Geschichte. Ein junger Mann, nur A. genannt, der früh einen Gefängnisaufenthalt hatte, schafft es nach der Entlassung nicht mehr ins Leben zurück. Wir lesen von dem unendlichen Schmerz, körperlich uns seelisch und vom Leid in der Zeit danach. A. lebt auf der Straße, gegenüber des Gefängnisses, des Haus aus Stein. Er ist ein Niemand geworden. Die vorüber Eilenden beachten ihn nicht. Er ist für die Welt verloren. Eindringlich, wie eine einzige fortlaufende Suada, Sätze wie Refrains wiederholend, beschreibt die Autorin diese brüchige Existenz, die selbst keine Worte mehr findet, mitunter nur noch in wildes lautes Gelächter ausbricht. Ver-rückt. Den Verstand verloren. Erneut unfrei.

„Jedes Menschenleben ist schließlich eine Niederlage, nur fällt sie bei manchen grandioser aus als bei anderen.“

Dieses Buch ist hart, geht in die Tiefe des Schmerzes und ist eigentlich nicht auszuhalten, würde Asli Erdoğan nicht solche Worte dafür finden. Und auszuhalten vielleicht auch dann, wenn die Leserin sich vor Augen führt, dass die Autorin womöglich ähnlich Unerträgliches er- und überlebt hat. Und dass es immer noch überall auf der Welt solche furchtbaren Orte gibt – solche Häuser aus Stein.

Der Roman erschien im Penguin Verlag. Übersetzt hat es Gerhard Meier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Carl-Christian Elze: langsames ermatten im labyrinth Verlagshaus Berlin

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Es ist der zweite Band, den ich von Carl-Christian Elze lese. Und auch hier bin ich wieder betört von der Schönheit dieser Lyrik. Der Band kommt auch diesmal wieder aus dem Verlagshaus Berlin und ist, wie alle Bände dieses Verlages, ganz wunderbar illustriert. Die Künstlerin ist Lilli Gärtner. Ungewöhnlich ist diesmal, dass der Band zweisprachig ist: Deutsch und im zweiten Teil, der sich auch farblich abhebt in Italienisch. Nicht von ungefähr, sind doch die Gedichte zum großen Teil mit einem Bezug zu Venedig. Die italienische Lagunenstadt von Elze bedichtet, das gefällt mir.

etwas greift in dich ein, in dein biologisches gerüst
als ständen hinter jeder biegung träume
auf den schienen: deine züge entgleisen
deine gedanken, auch deine bewegungen
verwackeln, jemand übernimmt die kontrolle
im dogenpalast deiner zellen: deine schultern
und deine beine beginnen zu zucken, nachts,
und immer öfter am tag im rhythmus …“

Schon das Cover strahlt in blauer Tiefe mit metallisch glänzendem Titelschriftzug. Innen wird es dann Pastell. Zarte, feine Motive, die sich filigran zwischen die Gedichte schmiegen. Textteil wechselt mit Bildteil ab. Das Buch ist fadengeheftet und mit vom Umschlag verdeckter japanischer Bindung. Unterschiedliche feinste Papiersorten wurden ausgewählt.

Elzes Gedichte erzählen von einem Venedig weitab der Touristenperspektive (Der Autor war als Stipendiat des Deutschen Studienzentrums 3 Monate in Venedig). Schon im Eingangsgedicht (siehe oben) spürt man, dass der Dichter versucht hat die Stadt zu durchdringen, aber es trotz längerem Aufenthalt nicht gelungen ist, was bei einer Stadt wie Venedig vielleicht gar nicht gehen kann. Das macht aber gar nichts, denn ob Elze aus der Perspektive einer Eintagsfliege auf die Stadt blickt oder im Zimmer Wagners dem Komponist kurz vor seinem Tod in Venedig über die Schulter schaut, immer ist es ein etwas anderer Blick. Immer bleibt ein Geheimnis.

Der Band ist, wie schon der Vorgänger in Kapitel, Caput genannt, unterteilt. Enorm viele der Gedichte beziehen sich auf Gemälde, die der Autor vermutlich in Museen und Kirchen betrachtet hat. (Auflage für ein Stipendium war ein gewisser Venedig-Bezug der Arbeiten). Gemälde von Tintoretto, Bellini, Giorgione und Carpaccio. Interessant wird das, wenn man sich beim zweiten Lesen die Bilder dazu aufruft, die unter dem jeweiligen Gedicht benannt werden. Hier fühlt man sich, als ginge man selbst durch die Scuola Grande die San Rocco und betrachte Tintorettos Zyklus der Leidensgeschichte Jesu. Obgleich ich sehr kunstbegeistert bin und ich mit den venezianischen Malern auch vertraut bin, gefallen mir die „neutralen“ Gedichte ohne Bildbezug dennoch besser. Sie sind freier, offener, zeigen mehr von der Stadt und auch mehr vom Dichter, was ich spannender finde. Gedichte über berühmte Gemälde, obgleich Elze einen besonderen Ton dafür findet, reichen meist nicht an diese heran, können es gar nicht, können bestenfalls den Blick oder die Auslegung des betrachtend Schreibenden aufzeigen.

„und dennoch gibt es eine art blume, die dich noch immer erfreut
eine art tier, das sich zu dir legt und dich wärmt
einen gedanken, der still hält und dich anhält
in deiner verzweifelten magie, eine art wolke,
die flüstert .. für einen kurzen moment.“

Immer wieder zeugen die Gedichte davon, wie es dem Autor geht, wie der Körper auf die Stadt reagiert, wie der Geist aus dem Lot gerät, ob der ganzen Kunst, der labyrinthischen Gassen, der vielen sinnlichen Eindrücke. Die Stadt als Spiegel des Selbst, das Ich auflösend? Überreaktionen, vielleicht gar das Stendhal-Syndrom? Und das Telefon verloren und zwinkernde Krankenschwestern. Doch dann gleicht sich alles wieder aus. Am Schreibtisch, den ruhig atmenden Hund zu Füßen.

„niemand ist rettbar
in diesem gebilde

weder dogen noch päpste
weder du noch dein kind

alles verschwindet
in einem anfall von schönheit

nichts und alles gelingt“

Elze schreibt alle Gedichte in Kleinbuchstaben, unterschiedlich formatiert, oft Einschübe, viele Zeilenbrüche, auch gestaltete konkrete Poesie. Form scheint genauso wichtig wie Inhalt. Ich kann den Gang durch diese venezianische Bildergalerie nur empfehlen. Denn sie leuchten, diese Gedichte, so hell, wie die Tintorettos oder Bellinis oder so glitzernd, wie die sonnenbeschienenen Wasser der Kanäle.

„langsames ermatten im labyrinth“ erschien im Verlagshaus Berlin. Die Übersetzung ins Italienische kommt von Daniele Vecchiato. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Annette Hess: Deutsches Haus CD Hörbuch Hamburg

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Die Schauspielerin und Sprecherin Eva Meckbach hat für ihre Lesung des Hörbuchs „Deutsches Haus“ von Annette Hess den Deutschen Hörbuchpreis als „Beste Interpretin“ 2019 erhalten.

Das kann ich beim Hören gut nachvollziehen. Die Schauspielerin, die auch stetes Mitglied in der Berliner Schaubühne ist, macht ihre Sache gut. Glaubwürdig verkörpert sie die Stimme der weiblichen Hauptperson, schafft es aber auch die anderen Stimmen gut klingen zu lassen. Was mich bei männlichen Vorlesern oft stört, die weibliche Figuren, um sie zu unterscheiden, immer in unmöglich hoher unnatürlich betonter Stimmlage präsentieren, passiert hier nicht. Das ist mehr als angenehm.

Annette Hess` Geschichte spielt in Frankfurt am Main im Jahr 1963. Die Heldin Eva kommt aus einer Mittelschichtsfamilie, die Eltern führen ein Gasthaus, eben das „Deutsche Haus“, der Vater kocht, die Mutter macht den Service. Eva ist gelernte Dolmetscherin und auf dem Sprung in ein anderes Leben, nämlich in eine Ehe mit dem wohlhabenden Versandhausbesitzerssohn Jürgen. Als sie zum Dolmetschen in einem Gerichtsprozeß angefordert wird, ändert sich für Eva nach und nach alles. Zum ersten Mal erfährt sie in aller Deutlichkeit und Direktheit von den Greueltaten der Nazis, denn es ist der erste Auschwitzprozeß, der 20 Monate dauert und der für großes Aufsehen sorgt. Sie, die für die polnischen Augenzeugen übersetzt, kommt dadurch ganz nah an die unfassbaren Geschehnisse heran, von denen sie bisher so gut wie nichts wusste. Die Familie und auch Jürgen insistieren, sie solle diese Arbeit nicht annehmen, doch etwas in Eva drängt der Wahrheit entgegen. Sie erinnert plötzlich Szenen ihrer eigenen Kindheit, die in Verbindung zu stehen scheinen, mit dem, was sie hier hört. Warum konnte sie als Kind schon polnische Wörter? Warum hat sie diese Sprache für ihre Dolmetscher-Ausbildung gewählt? Die Eltern ignorieren zunächst die Fragen ihrer Tochter nach deren Vergangenheit. Nach und nach zeigt sich, wie verwickelt die eigene Familie in diese „alten Geschichten“ ist, die fast durchweg von der deutschen Bevölkerung verdrängt wurden.

Als Evas künftiger Mann ihr die Arbeit verbietet, löst sie die Verlobung. Eine Delegation des Gerichtsprozesses fährt nach Auschwitz, um sich der Richtigkeit der Standorte zu versichern und damit die Aussagen der Zeugen und der Angeklagten zu bestätigen. Eva ist dabei und sieht nun auch den Ort, den sie offensichtlich bereits in ihrer Kindheit kannte …

Die Autorin arbeitet ihre Figuren, vor allem Eva sehr gekonnt heraus, Eva wird beim Zuhören lebendig. Man merkt, dass Hess für den Film als Drehbuchautorin arbeitet: von ihr stammen die Fernsehserien „Kudamm“ und „Weissensee“. So steht hier auch nicht die Sprache im Vordergrund, sondern die Wirksamkeit der erzählten Story. Und die funktioniert auch überwiegend. Einige wenige Male gelangt sie allerdings nahe an die Grenze zum Unglaubwürdigen, weil sie ein wenig zuviel hinein packt. Insbesondere die Geschichte von Evas älterer Schwester wirkt überzogen und hätte gut weggelassen werden können.

„Was haben Mutti und Vati denn gemacht? Eva antwortete, „Nichts“. Wie sollte sie ihrem Bruder erklären, wie richtig diese Antwort war?“

Schlussendlich: Die Heldin Eva wird von einer relativ unbedarften jungen Frau zu einer verantwortungsbewussten, selbständigen, reflektierenden Persönlichkeit. Wenngleich sie die einzige, sich entwickelnde in der Familie bleibt …

Das Hörbuch erschien bei Hörbuch Hamburg. Es handelt sich um eine gekürzte Lesung.
Mehr über den Deutschen Hörbuchpreis und die Preisträgerin auf der offiziellen Seite:
https://www.deutscher-hoerbuchpreis.de/dhp-2019/detailansicht/preistraeger/?no_cache=1&hbuid=3590

Siri Hustvedt: Damals Rowohlt Verlag

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„Sagen Sie mir, wo die Erinnerung endet und die Erfindung beginnt? Sagen Sie mir, warum ich Sie als Reisegefährtin brauche, als meine jeweils liebe und launische Andere, meine Partnerin für die Dauer dieses Buchs? Wie kommt es, dass ich Ihren Schritt neben mir fühle, während ich schreibe?“

Siri Hustvedts neuer Roman beginnt schon auf den ersten Seiten zu leuchten. Ihr Thema ist nach vielen Essays und dem Roman „Der Sommer ohne Männer“ Biografisches. Die Autorin gleitet zurück in die Zeit, in der sie als junge Frau ihre erste eigene winzige Wohnung in New York bezog. Aus Tagebucheinträgen der 21-jährigen, einem ersten Romanmanuskript und aus der Perspektive der 61-jährigen, setzt sich ihr Buch zusammen. Zeit scheint dabei nicht wichtig. Das Damals mit dem Heute momentweise zu verschmelzen. Sich Erinnerungen auszusetzen, einzelne Stücke zu einem plausiblen Ganzen zusammen zu setzen.

„In der Erinnerung“, sagte sie, „gibt es kein wirkliches Voraus oder Hinterher, nicht wahr? Die Erinnerung wallt im Jetzt auf, in der vertikalen Zeit. Und erinnerte Zeit ist, wie Sie wissen, mit Imagination durchsetzt. Wer bin ich eigentlich?“

S.H., genannt Minnesota, hat sich nach dem Schulabschluss ein Jahr Frist gesetzt, um einen Roman zu schreiben, bevor sie ihr Studium antritt. Ziel ist die Stadt New York. In einer heruntergekommenen Wohnung liest sie, schreibt und lauscht der seltsamen Nachbarin Lucy, die abends und nachts eine Suada von Tönen und imaginären Gesprächen los lässt. S. H. lernt ihre beste Freundin Whitney kennen und sie ziehen durchs Viertel. Intellektuelle Parties und alternative Lesungen werden besucht. Liebesaffären ausgelebt. Anhand eines wiederentdeckten Tagebuchs rekonstruiert die heutige Siri Hustvedt ihr damaliges Leben. Zwischendurch lesen wir Abschnitte aus dem Romanmanuskript, dass eine Detektivgeschichte werden soll. Erlebnisse aus dem Alltag fließen hinein.

Die Erinnerung an den Vater, der Arzt war, den sie manchmal als Kind begleiten durfte zu seinen Hausbesuchen. Der, als sie stolz ihre Anatomiekenntnisse vorführte, nur meinte, sie würde bestimmt eine gute Krankenschwester – „Ich werde mich weit über dich hinauslesen, Vater.“ Die Entscheidung über den Vater hinauszuwachsen. Zu lesen und nochmal zu lesen, um zu wissen. Und dann im Jetzt, die Telefonate der heutigen Siri mit der alten Mutter, die immer mehr vergisst, wiederholt nach ihrem Schreiben fragt, vielleicht stolz auf die Tochter ist.

Das Erinnern und Reflektieren der Fünferbande, des damaligen engen Freundeskreises von S.H. Wie sich alle eine eigene Geschichte zu S.H.`s sonderbarer Nachbarin Lucy zusammenspinnen. Die Entdeckung der DADA-Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven, Freundin von Marcel Duchamp, dessen berühmt gewordenes Werk „Fountain“ eigentlich ihre Idee war, die mit der Schriftstellerin Djuna Barnes befreundet war.

Sie beschreibt außerdem genau das, was in einem Essay in Rebecca Solnits Buch „Wenn Männer mir die Welt erklären“ dargestellt wird. Ganz klar. Männer überall tun das immer und immer wieder und auch die junge Siri hat damit zu kämpfen. Einmal erfährt sie Gewalt und entgeht dabei nur knapp einer Vergewaltigung, weil die Nachbarin mit ihren Freundinnen zur Stelle ist. Die Siri aus dem Jetzt hinterfragt diese Szene und hadert noch immer mit sich selbst, zu „brav“ gewesen zu sein.

Von Lucy erfährt S. H. dann auch deren traurige Familiengeschichte. Bei einer Dinnerparty, zu dem S.H. von Lucys esoterisch spirituellen Freundinnen eingeladen ist, geschieht schließlich so etwas wie eine, man könnte sagen „Initiation“. Der zunächst kluge, sympathische Philosophieprofessor, entpuppt sich als seine Ehefrau unterdrückender und überheblicher, Frauen die Welt erklärender Macho. Wie Hustvedt die Geschehnisse dieses Dinners schildert, diese Verwandlung, diese Erkenntnis, auch im inneren S. H.`s, deren Widerstand endlich auflebt und als hoch intelligente Suada zu Tage treten darf,  ist grandios. Das ist Erzählkunst par Excellence!

„Aber ich zitierte Wittgenstein, dem ich mich so viele Stunden gewidmet hatte, und um Sarahs Mann, den ich, wie ich merkte, angefangen hatte zu hassen, noch weiter zu verletzen, zitierte ich hochtrabend auf Deutsch …“

Dass S. H. schließlich offenbart wird, sie sei in einen Hexenzirkel geraten – „Wir sind entschieden gegen alle patriachalen Religionen. (…) Wir sind gegen den Hass des Patriarchats auf den Körper und die Sinnlichkeit, die Natur und die Frauen. Wir glauben an die alte Ökologie, an Harmonie und Heilen.“  – beschäftigt diese noch lange. Und wer weiß, vielleicht hat dieses Erlebnis die Frau und Autorin Siri Hustvedt ja doch auch geprägt in ihrer feministischen Entwicklung?

„Wenden Sie sich nicht von Ihren Gaben ab. Entschuldigen Sie sich nicht dafür. Fürchten Sie auch nicht Ihre Wut. Die kann nützlich sein. Und merken Sie sich: Die Welt liebt starke Männer und hasst starke Frauen. Ich weiß das. Die Welt wird sie strafen, aber Sie müssen daran festhalten.“

Später trägt S.H. immer ein Springmesser bei sich, dass ihr eine Freundin nach dem Angriff zur Selbstverteidigung schenkte. Sie nennt es liebevoll „Baroness“. Und mit der Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven schließt sich der Kreis: Frauen im Schatten der Männer … so gern ich Paul Austers Bücher lese, Siri Hustvedt sollte nie im Schatten ihres Ehemanns stehen. Ihr Werk ist klug und reif und zeugt von unglaublicher sprachlicher und erzählerischer Stärke! Ein strahlendes Leuchten!

„Damals“ erschien im Rowohlt Verlag. Die Übersetzung kommt von Uli Aumüller und Grete Osterwald. Es gibt zudem einige karikaturhafte Illustrationen von der Autorin selbst. Ebenso empfehlenswert: die gleichzeitig erschienenen Essays zum Thema Kunst, Geschlecht und Geist unter dem Titel: „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“. Und natürlich, wer ihn noch nicht kennt, der 2003 erschienene bekannteste Roman „Was ich liebte“, den ich noch aus Buchhändlerzeiten im Regel stehen habe.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar von „Damals“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Lia Sturua: Enzephalogramm Edition Monhardt

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Einen sehr besondereren Lyrikband erhielt ich aus der Edition Monhardt. Dank an Stefan Monhardt, der mir diese wundervollen Gedichte erreichbar machte. Der Verleger Stefan Monhardt selbst hat die Gedichte der beinahe 80jährigen Georgierin Lia Sturua zusammen mit Nana Tchigladze übersetzt und nachgedichtet. Daraus entstanden ist ein zweisprachiger Band, was ich sehr schön finde, da ich die georgische Schrift sehr mag. Ausgesucht hat Lia Sturua Gedichte aus ihren letzten Büchern.

„Eine Energiesparlampe brennt in meinem Kopf,
in dem sich die Kinder vor Kälte krümmen,
ich wärme sie nicht, beruhige sie nicht,
ich werfe sie gleich in das Gedicht wie
ins Taufbecken“

Bereits der Titel weist auf eine inspirierende Lektüre hin, zeigt ein Enzephalogramm, eine neurologische Untersuchung der Gehirnströme, doch die Aktivitäten eines menschlichen Gehirns auf. Die Gedichte Lia Sturuas zeugen von einem aktiven, reichen Leben. Von einem Leben voller Intensität. Im Guten wie im Schlechten. Lia Sturua hat zeit ihres Lebens einige Umstürze in ihrem Land erlebt und das geht nicht ohne Prägung ab. Ich erfahre, dass sie in Georgien eine der ersten Frauen war, die sich in ihrer Literatur stark und streitbar zeigten. Die 1939 in Tbilissi geborene Dichterin veröffentlichte 1965 ihren ersten Gedichtband. Ihre moderne Art zu schreiben, zumal als Frau, rief zunächst Unverständnis hervor. Inzwischen ist sie eine der wichtigsten Schriftstellerinnen ihres Landes und erhielt viele Preise für ihre Werke.

Tatsächlich kommt in ihren Gedichten dann auch immer wieder die Thematik der Rolle der Frau, das Selbstverständnis als Lyrikerin. Wie sie darüber schreibt, ist unglaublich faszinierend. Gleichzeitig höchst selbstbewusst und doch immer wieder hinterfragend beleuchtet sie ihre Themen. Ihr Einsatz: Ihre Lebenswelt. Wie verwandelt tritt diese als etwas sprachlich Kunstvolles (nie Verkünsteltes) wieder hervor. Metamorphosen. Viele Geschehnisse treten als Rätsel auf, verwortet in der inneren Sprache der Dichterin. Doch es sind Rätsel, die gerne gelöst werden möchten und deren Auflösung durch jeden einzelnen Leser ganz individuell entdeckt werden kann.

„Ein Winter mit Charakter –
so, wie zu kochendheißem Wasser
allein die orange Tasse passt;
jeden Tag der Wind …
Wenn er sich legt, lässt er seine Zähne in den Bäumen zurück,
dass ihnen das Holz weh tut.“

Lia Sturuas Gedichte rufen Bilder hervor, so eindringlich, dass ich sie sofort in meiner Vorstellung in Malerei verwandle. Diesen Gedichtband zu lesen, ist wie durch eine aufregende Gemäldegalerie zu spazieren, aber auch wie durch einen stillen Garten zu wandeln …

„Weiß steht mir gar nicht,
es spült mir den Charakter aus dem Gesicht,
egal, ob man ein Landschaftsbild oder ein Porträt hineinmalte,
das Gesicht nähme es hin.“

Sturuas Themen sind weit verzweigt. Die Eltern, die Kindheit, das Land, die Liebe und auch die Krankheit, das Altern. Mitunter fließt auch Gesellschaftskritik mit ein. Eine große Kraft strahlt aus allem, auch wenn der Inhalt mancher Gedichte widersprüchliche oder widerspenstige Gefühle aufzeigt. Hingabe statt Aufgabe fällt mir dazu ein.

Ich habe eine reine absolute Freude an diesen Texten, sie stehen mir so nah. Egal, welche Seite ich aufschlage, ich bin sofort ganz bei ihr. Selten darf ich so etwas mit Gedichten erleben. Sie verwandeln sich während des Lesens direkt in Energie. Ein Leuchtfeuer!

Der Lyrikband „Enzephalogramm“ von Lia Sturua erschien im Verlag Edition Monhardt. Mehr über Autorin und Buch hier.

IndieBookDay 30.März – Meine Entdeckungen aus unabhängigen Verlagen

Alle Jahre wieder: It´s Indiebookday!

Ich habe ein Faible für die kleinen unabhängigen Verlage, weil sie große Arbeit leisten und häufig zu ungeahnten Entdeckungen und feiner Lesefreude führen! Am Besten ist es, solche Schätze auch in unabhängigen Buchläden zu kaufen …

Durch klicken auf die Bilder findet sich der Link zu meiner jeweiligen Besprechung. Viel Spaß beim Stöbern!

Tereza Semotamová: Im Schrank Voland & Quist

Zwei wunderbare Autorinnen aus Tschechien habe ich im Literaturhaus Berlin bei einer Lesung mit Gespräch mit der Übersetzerin Martina Lisa erleben dürfen. Beide sprechen deutsch und übersetzen auch selbst. Radka Denemarková, Jahrgang 1968, eine sehr kämpferische Stimme, wenn es um Frauenrechte geht und Tereza Semotamová, Jahrgang 1983, mit ihrem witzigen, doch nachdenklichen Debütroman. Eine Besprechung zu „Ein Beitrag zur Geschichte der Freude“ gab es bereits hier.

Einen sehr eigensinnigen Roman hat die 1983 geborene Tschechin Tereza Semotamová geschrieben. Man darf annehmen, was auch dem Gespräch im Literaturhaus zu entnehmen war, dass es sich teilweise um eine autobiografische Geschichte handelt. Ob die Autorin nun tatsächlich, wie ihre Protagonistin einige Zeit in einem Schrank lebte, sei dahin gestellt.

„Ich freue mich schon auf den Abend. Endlich allein. Nicht allein bei jemandem, nicht allein unter fremden Distanzierten, die sich die Nächsten nennen, sondern einfach allein, auf meiner eigenen Parzelle: In meinem Schrank.“

Es geht um eine verlorene Generation, wie sie ähnlich auch schon die Österreicherin Friederike Gösweiner in ihrem Debütroman „Traurige Freiheit“ beschrieb. Eine Generation junger Leute, die, alle vielversprechend, meist studiert, gebildet, dann doch im Nirgendwo landen. Sei es, weil eine Beziehung nicht hält, sei es weil sich kein passender Job findet. Dann ist improvisieren angesagt, um nicht zu verzweifeln. Das tut unsere Heldin in diesem Roman auf sehr ungewöhnliche Weise. Aus einer nicht mehr funktionierenden Beziehung ist sie aus Deutschland in ihre Heimat zurückgekehrt, ohne Wohnung, ohne Job. Immerhin gibt es noch einige Freunde, die Familie, die sie jedoch auf Dauer nicht aushält. Und so zieht sie in einen ausgemusterten Kleiderschrank, der in einem Hinterhof steht.

Ziellos sich treiben lassend lebt die Heldin vor sich hin. Sie zählt: wieder ein Tag geschafft. Ab und zu ein Besuch bei der Familie, ein Ausflug mit der Freundin oder dem Nachbarn, Toilette und Katzenwäsche im Laden des Vietnamesen, der sie inzwischen kennt. Schwermut bei Galgenhumor. Ziellose Melancholie.

„Jede Existenz wird ohne Grund geboren, überlebt aus Schwäche und stirbt an Begegnungen, ach herrje. Ich werde hier ganz unruhig, als würde mir meine Obdachlosigkeit hier noch fünftausendmal stärker bewusst.“

In den Sequenzen zwischen den Schrankzeiten gleitet die Erinnerung der jungen Frau durcheinander gewirbelt in die Vergangenheit. Manchmal muss man rätseln, in welcher Zeit man sich gerade befindet, Anhaltspunkte suchen. Beziehung, Elternhaus, Freunde, Job. Wohnort. Der Mann, von dem sie sich getrennt hat, erkrankt, stirbt. In der Wohnung brennt es. Die Bildhauerin kann nicht mehr bildhauern. Krise. Und der Sinn?

Sprachlich ist der Roman recht ausgefeilt. Die Autorin lässt Zitate aus der tschechischen Literatur, Film und Märchen mit einfließen, das erfährt man aus dem Glossar im Anhang. Der Roman ist witzig, scharfsinnig mit genauem Blick fürs Alltägliche und Allzumenschliche. Die Innenwahrnehmung und Reflektion der Heldin ist der Hauptaspekt des Buches, die Außenwelt dringt in Form von Nachrichten, Zeitungsmeldungen und Gesprächen zeitkritisch hinterfragend mit ein.

Der Roman „Im Schrank“ erschien im Voland & Quist Verlag. Martina Lisa hat ihn übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.