Han Kang: Deine kalten Hände Aufbau Verlag

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„Als H. viele Jahre später fragte, warum ich Abdrücke von Menschen nähme, wusste ich nichts zu erwidern. Hätte sie etwas geschickter gefragt, wie ich dazu gekommen war, hätte ich vielleicht reagieren können.“

Wie schon mit dem ungewöhnlichen Roman „Die Vegetarierin“, mit dem die südkoreanische Autorin Han Kang Aufsehen erregte, taucht sie nun wieder in eine Welt der Sinnlichkeit, der Körperbefindlichkeiten ein. Es ist erstaunlich, wie diese junge Autorin es schafft enorme Tiefe in all ihre Texte zu bringen und das bei großer inhaltlicher Vielfalt. Zugrunde liegt diesem Roman die Suche nach der Wahrheit, nach dem was hinter den Masken der Menschen zu finden ist. Der Roman erschien im Original wesentlich früher als die beiden anderen, die in Deutsch erschienen.

Die Geschichte spielt in Seoul und der erste von drei Teilen in der Stadt Gwangju, deren historische Ereignisse bereits die Hauptrolle in Han Kangs Roman „Menschenwerk“ spielten. Diese Geschichte ist allerdings in der Gegenwart verortet und erzählt von dem Bildhauer Unhyong, dessen Werk von Körperinszenierungen der besonderen Art durchdrungen ist.

Der erste Teil handelt ganz von der Kindheit und Jugend des Bildhauers. Scharf beobachtet der kleine Junge schon, wie selbst seine eigenen Eltern hinter ihren Masken leben. Selten sieht und erlebt er sie ungeschützt. Zwei Erlebnisse prägen die Kindheit: Zum einen der alkoholsüchtige Onkel, dessen Hand leicht deformiert ist und die deshalb große Faszination auf das Kind ausübt. Zum zweiten ist es die Züchtigung und das Verhalten des Vaters, als die Familie ihn beschuldigt, Geld entwendet zu haben. Sich selbst versucht der Junge hinter seinen dicken Brillengläsern zu verstecken:

„Ich versteckte meine Unruhe hinter meiner Brille und ging in mein Zimmer.“

oder

„Die bittere Abscheu versteckte ich hinter meinen Brillengläsern.“

Er merkt schnell, dass es im Leben nicht ums Echtsein geht, sondern um die Leistung, um das, was man tut, nicht was man ist. In diesem Bewusstsein, dass keiner sich wirklich zeigt, wächst der Junge als Außenseiter heran, wird, weil ein Lehrer seine Begabung entdeckt, Kunststudent, aber ein recht einsamer Mensch.

Im zweiten Teil „Die heilige Hand“ lernt der Künstler eine junge Frau, nur L. genannt, kennen. An ihr, die stark übergewichtig ist, findet er zunächst vor allem ihre Hände faszinierend. Er wird sie abformen und in Gips zu Kunst machen. Mehr und mehr vertraut sich L. ihm an, erzählt ihm ihre Geschichte und wird sein Ganzkörpermodell und auch er beginnt sich zu öffnen. Sie werden ein Liebespaar, doch nicht auf Dauer. Als er L. nach vielen Monaten nach ihrer Trennung wieder begegnet, ist sie schlank, leidet aber unter Bulimie und ist psychisch labil. Es geht ihr schlechter als zuvor. Da sie ihre Bleibe verliert, zieht sie zu ihm ins Atelier. Er unterstützt sie, wo er kann. Doch auch das ist nicht von Dauer, denn als ihr Geliebter, dem zuliebe sie sich dünn gehungert hatte, sich wieder meldet, verschwindet sie erneut. Unhyong zieht sich enttäuscht fast ganz von der Welt zurück, kann kaum mehr arbeiten.

„Ich hatte die Bildhauerei als Berufung angenommen und war nun über dreißig Jahre alt. Aber das allein befähigte mich natürlich nicht dazu, Schönheit zu erkennen. Als schön empfand ich, was mich elektrisierte. Ich wurde dann hellwach, das Blut pulsierte schneller in meinen Adern und manchmal stiegen mir Tränen in die Augen. Was mich auf diese Weise berührte, unterschied sich vom Schönheitsempfinden der anderen. (…) Was ich als schön empfand, war für andere ungewöhnlich oder gar abnorm oder etwas, womit sie womöglich nicht in Kontakt kommen wollten.“

Im dritten Teil, sehr bezeichnend „Maskenball“ genannt, lernt Unhyong eine Innenarchitektin kennen, E., deren kühle Ausstrahlung schwer zu durchschauen ist, die ihn aber gerade deshalb interessiert. Er verliebt sich in sie. Als er eines Tages fragt, ob sie ihm ihr Gesicht als Modell zum Abformen zur Verfügung stellen würde, willigt sie schließlich ein. Diese Entscheidung führt für beide zu ungeahnten weiteren Entscheidungen, die sie schließlich dazu zwingen, nach langem inneren und äußeren Kampf voreinander ihre Masken fallen zu lassen. Möglicherweise ist dies der Beginn einer tieferen Ebene ihrer Geschichte …

„Deine kalten Hände“ ist ein faszinierendes, teils erschreckendes Buch. Einzig in seiner Art, die menschlichen Masken zu durchdringen und den Spiegel vorzuhalten. Wer sind wir wirklich, wenn wir uns nicht mehr geschützt von unseren Alltagsmasken befinden, wenn wir verletzlich werden? Werden wir dann noch gewollt und geliebt? Sprachlich ist es absolut gelungen, wenngleich die Story minimal hinter ihren beiden vorher erschienen Romanen zurücksteht.

Das Buch erschien im Aufbau Verlag. Übersetzt aus dem Koreanischen wurde es von Kyong-Hae Flügel. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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Laura Freudenthaler: Geistergeschichte Literaturverlag Droschl

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Nach Erzählungen und dem fantastischen Debütroman „Die Königin schweigt“ ist nun Laura Freudenthalers neuer Roman da. Die Österreicherin schreibt in einer Sprache, durchdacht und oft zweideutig, dass es eine Freude ist. Es ist zu spüren, dass hier ein Text nicht einfach nur plotkonzentriert geschrieben wurde, sondern dass der Sprache Vorrang gewährt wird. Die Geschichte selbst kommt zunächst still daher, faltet sich Seite um Seite auf und zeigt sich. Anfangs erfahren wir wenig über die Hauptfigur Anne, nur dass sie Klavierlehrerin ist und sich auf ein Jahr Auszeit freut.

Anne ist Französin und lebt mit ihrem österreichischen Mann Thomas in Wien. Die beiden sind schon lange ein Paar. Vieles hat sich zur Routine entwickelt, ein Leben, sprichwörtlich aneinander vorbei oder nebeneinander her. Dass sich diese Erkenntnis und auch das Alter des Paares erst nach und nach erschlüsseln lässt, ist Freudenthalers Erzählweise zu verdanken. Sie steigt einfach in die Geschichte ein mit der Vorstellung die Leserin kenne das Paar.

„Was machst du denn? Er wusste, dass sie die Frage Wie geht’s? nicht mag, dieselbe verkürzte Formel wie im Französischen. Zutiefst unehrlich findet Anne es, eine solche Frage zu stellen, ohne sich der Antwort aussetzen zu wollen.“

Für Anne hat die Sprache eine besondere Bedeutung, da Deutsch für sie zunächst eine Fremdsprache ist. So hat sie sich die Sprache erarbeitet und entdeckt immer wieder Mehrdeutigkeiten. Anne ist Pianistin und ihre Sprache ist ebenso die Musik. Töne und Klänge spielen hier immer wieder eine Rolle. Und seit neuestem eben auch neue Geräusche in der Wohnung. Ein Flattern, ein Rascheln, ein Huschen. In Annes Vorstellung sind es die Geräusche des „Mädchens“. Anne vermutet schon lange, dass Thomas eine junge Geliebte hat.

„Ich wollte selber nachschauen, sagt das Mädchen, weil er mir nichts erzählt. Er schafft es, nichts zu sagen. Es muss einem doch das Herz übergehen. Thomas aber hat seine Kammern. Anne nannte sie Herzkammern. Auch wenn er ihr schon vor langer Zeit erklärt hat, es handle sich um einen medizinischen Begriff … „

Deshalb und auch sonst ändert sich Annes Leben in diesem freien Jahr. Weil ihr vom Kaffee zuhause schlecht wird, kann sie nurmehr im Kaffeehaus frühstücken und macht das zur Routine, ebenso wie ihre endlosen Spaziergänge durch die Stadt. Sie schafft es plötzlich nicht mehr Klavier zu spielen. Auch ihr geplantes Klavier-Lehrbuch schreibt sie nicht. Sie gibt sich vielmehr unkontrolliert inneren Impulsen hin.

„Jeden Tag setzt sie sich um vierzehn Uhr vor das Klavier. Jeden Tag verschiebt sich der Zeitpunkt, zu dem sie den Deckel öffnet, nach hinten. (…) Endlich heben die Hände den Deckel hoch. Anne betrachtet sie, hält die rechte und die linke nebeneinander über die Tasten. (…) Sie lässt die Hände sich auf die Tasten legen und richtet den Blick auf das Notenblatt. Die Hände bewegen sich nicht.“

Ihre einzigen Ansprechpartner sind ihre Mutter und eine Freundin. Mit ihr spricht sie auch über den Verdacht, dass Thomas eine Geliebte hat. Doch den Ratschlägen ihrer Freundin geht Anne nicht nach. Obwohl Thomas immer abwesender wird, entwickelt sie ihr ganz eigenes Konzept, damit umzugehen. Für die Leserin wirkt es mitunter, als würde Anne Stoff für einen Roman sammeln, wenn sie Notizen macht, wenn sie die Kassenbelege von Thomas sammelt und daraus Schlüsse zieht, wo Thomas mit dem „Mädchen“ essen war, wo sie gemeinsam übernachtet haben, wie sie vermeintlich sogar dessen Wohnung bei  einem ihrer Rundgänge findet und heimlich betritt.

Man weiß nie so ganz genau, was daran Annes Fantasie ist und was die Wirklichkeit – eine Geistergeschichte eben. Doch man folgt ihr gern, spürt mit ihr, wie es sich anfühlt, das Routine-Leben und der Ausbruch daraus. Und findet es bewundernswert, wie Anne ihre seltsame Art hat, die Dinge anzugehen. Was wird überdauern?

Sprachlich wundervoll und durchdringend passt sich der Text hinein in den tiefen Wortfluss der Autorin. Der Inhalt gleicht mitunter einem Träumen, einem Schweben außerhalb der Zeit. Ich bin be-geist-ert. Ein Leuchten!

Der Roman der Österreicherin Laura Freudenthaler erschien im Literaturverlag Droschl, einem meiner Herzensverlage. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Yishai Sarid: Monster Kein & Aber Verlag

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„Was arbeitest du, Papa?“ fragte er. […] „Es gab mal ein Monster, das Menschen getötet hat“, antwortete ich. „Und du bekämpfst es?“, fragte Ido begeistert. „Es ist schon tot“, versuchte ich ihm zu erklären, „es ist ein Monster der Erinnerung.“

Der israelische Autor Yishai Sarid hat einen Roman geschrieben, bei dem man sich gut vorstellen kann, dass er in seinem Heimatland Aufsehen erregte. Den Titel „Monster“ finde ich trotz des obigen Schlüssel-Zitats nicht ganz so gut gewählt. Im Original lautet der Titel des dort bereits 2017 erschienenen Buches sicher treffender.

Die ganze Geschichte besteht aus einem langen Brief an den Direktor von Yad Vashem, Leiter der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem. Geschrieben wird er von einem jungen israelischen Familienvater aus Tel Aviv, der lange Zeit als Guide für Yad Vashem für die KZ-Gedenkstätten in Polen tätig war. Eigentlich wollte er sich mit diesem Nebenjob nur etwas dazuverdienen, denn Frau und Sohn müssen versorgt werden, doch verbringt er immer mehr Zeit in Polen. Seine Doktorarbeit mit dem Thema „Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Arbeitsmethoden deutscher Vernichtungslager im Zweiten Weltkrieg“ macht ihn zu einem gefragten Experten. Zunächst läuft alles gut, obwohl er durch die Arbeit immer länger von seine Familie in Israel getrennt ist, vor allem der kleine Sohn ihn vermisst. Doch seine Tätigkeit bleibt nicht ohne Folgen. Der Mann, der Schulklassen, Soldaten und Touristen durch die Lager führt, tagein tagaus kaum etwas anderes sieht und hört, als die grausame Vergangenheit, kommt an seine Grenzen.

„Sie waren in die Staatsflagge gehüllt, trugen Kippas und liefen zwischen den Baracken umher, voller Hass – nicht auf die Mörder, sondern auf die Opfer. Es war schwer zu fassen, diese Jungs schwiegen bei den abendlichen Gesprächen, und doch verstand ich sie völlig, ganz und gar, bis zum Ende.“

Er, der anfangs souverän und sachlich an die Arbeit ging, reagiert immer empfindlicher, er hat Aussetzer, hört Stimmen, sieht die ermordeten Lagerinsassen, versucht in seinen Touren Tiefe zu vermitteln. Denn er erfährt, dass die furchtbaren Taten, die Erinnerungsgeschichte, heutzutage sogar mit möglichst großen Effekten aufbereitet und vermarktet werden. Sei es das Computerspiel, vielmehr „die Simulation für rein pädagogische Zwecke“, an dem er mitwirken und sein detailliertes Wissen einbringen soll, sei es eine Gedenkveranstaltung zum 75-jährigen Jahrestag der Wannseekonferenz, die vom Militär mithilfe seiner Kenntnisse zu einer groß inszenierten „Show“ in einem der polnischen Lager vorbereitet wird.

„Das wird ein Computerspiel, sagte ich zu meinem Mann, der für die Lager zuständig war, und als ich beharrte, erklärte er „Wenn Sie unbedingt wollen, kann man es so nennen. Die Leute mögen grausame Spiele.“

Er hält durch, macht mit. Bis die aufgestauten Gefühle, die Trauer, die Wut, sich nicht mehr kontrollieren lassen und sich in einem Akt der Gewalt ihren Raum nehmen …

Der Held ist eine nicht immer sympathische Romanfigur, was es nicht leicht macht, ihm in seinen Gedankengängen gern zu folgen. Trotzdem muss man zugeben, dass er doch immer wieder kluge Fragen stellt. Fragen, die allerdings den Besuchern unangenehm werden, mit denen er vor allem auch die Schulklassen überfordert und mit denen er nicht zuletzt bei seinem Arbeitgeber aneckt. Er schafft es, zu provozieren. Traut sich in solch einem sensiblen Rahmen, die Frage nach der (Mit-)Schuld und der Opferrolle zu stellen. Vor Jugendlichen, vor Soldaten. Ich denke, dass hier die Lesart dieses Romans eine komplett andere ist, als die der Leser in Sarids Heimatland. Es ist ein schwer lastendes, dennoch irgendwie stilles, wenngleich beeindruckendes Buch.

Der Roman „Monster“ des 1965 geborenen israelischen Rechtsanwalt und Autor erschien im Kein & Aber Verlag. Übertragen aus dem Hebräischen wurde er von der verdienten Übersetzerin Ruth Achlama. Im Anhang findet sich ein kleines Glossar. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Muriel Pic: Elegische Dokumente Wallstein Verlag

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„Der Tod des Dichters ist eine Honiggeschichte.“

Schön, dass es den Wallstein Verlag gibt. Hier findet sich immer wieder Besonderes, gerade auch, wenn es um Lyrik geht. Vollkommen unbekannt war mir die französische, in der Schweiz lebende Autorin Muriel Pic. Sie beschäftigte sich mit Henry Michaux, W.G. Sebald und übersetzte Walter Benjamin. Alles mich sehr ansprechende Autoren. Und nun ihre Gedichte auf Deutsch in einem zweisprachigen Band, übersetzt von Lukas Bärfuss. Ich freue mich sehr über dieses Buch.

Muriel Pic schreibt anhand alter Fotos Spuren in die Geschichte ganz verschiedener Welten. Alle Gedichte entstanden aus einem Blick ins Archiv. Sind die Themen rein zufällig gewählt? Jedenfalls gibt es Überschneidungen, Schnittmengen. Gemeinsam haben alle eins: Es sind zunächst vermeintlich unscheinbare Zeugnisse, die durch Pics Betrachtungsweise in einen Mittelpunkt gestellt werden, der mit weitreichenden Assoziationen einhergehen. (Witzig und interessant, dass Pic auch Fotos(pics!) in ihrem Band mit unterbringt.

Zunächst besucht sie das Dokumentationszentrum Prora auf der Insel Rügen. Spannende geschichtliche Einblicke liefern bereits die Fotos zu Prora, das im Nationalsozialismus ja zum „Kraft durch Freude“-Urlaubsmassenresort werden sollte. Bis heute weiß man nicht so recht, was man mit diesen Monsterbauten, erbaut von 1936 bis 39 direkt am Strand, machen soll. Wer diese viereinhalb Kilometer lange größenwahnsinnige Architektur an einem der schönsten Strände Rügens selbst gesehen hat, wird die Gedichte Pics sofort begreifen.

„Wenn Prora stattgefunden hätte
wenn sich die Ostsee an ihre
blauwandigen Versprechen gehalten hätte
es wäre ein Ferienlager
des Dritten Reiches gewesen.
Mit Leibesertüchtigung für zwanzigtausend
eine Masse der Einsamkeit
eine vereinigte soziale Idylle
bei ganz populistischer Tauglichkeit
im Fehlschlag der Utopie.“

Pic bildet Verse aus dieser Zeit heraus, hinterfragt, zerpflückt, verdichtet Dokumente und verknüpft sie mit Gedanken von Franz Kafka, Hannah Arendt, Alexander Kluge, W. G. Sebald, Tomas Morus und Lukrez.

Die Texte des folgenden Kapitels „Honig“ wurden durch Funde in Archiven verschiedener  Kibbuze Israels inspiriert. Es geht um die Arbeit. Aus der Gesellschaftsform und der Arbeit eines Bienenschwarms heraus überdenkt Pic die Gesellschaftsformen und die Stellung der Arbeit bei uns Menschen. Das Bienensterben aufgrund von Parasiten: Die Leben im Kapitalismus oder im Kommunismus. Wer sind unsere Parasiten? Welche Politik ist dem Menschen am zuträglichsten? Ist die Arbeits- und Lebensform eines Kibbuz eine Idealform? Viele Fragen wirft Pic auf. Sie lädt ein zum Mitdenken, zur Selbsterforschung. Hier erzählt sie in Versen von Kafkas hebräischem Vokabelheft (von rechts nach links) und was Waben mit der Bauhaus-Architektur zu tun haben.

„Was sagen die Archive?
Sie beschreiben das Leid nicht.
Sie warten auf einen der sprechen wird
sie warten darauf
trotz aller Folgen Fragmente zu werden.
Aber wo ist der Grund der Bilder?
Auf ein Desaster sollte man sie stecken.“

Im letzten Kapitel geht es um Orientierung. Hier begegnen wir den Ureinwohnern Amerikas. Die Indianer haben als Orientierung die Natur, vor allem auch den Himmel, die Sterne benutzt, für die sie auch bestimmte Namen haben. Durch verschiedene Sternenkarten und Fotos lässt sich Pic zu ihrer universellen Archivpoesie inspirieren.

„Ausgedehnte Meditationen über die Fixsterne:
Seit längst vergangen Jahrtausenden
bewegen sie sich in Richtung kommender Jahrtausende
ebenso weit entfernt.
In ihrer Nähe die siebzig Jahre
die gewöhnliche Dauer eines menschlichen Lebens?
Eine infinitesimale Parenthese der Kürze.“

Ein Leuchten!

aus der Nachbemerkung der Autorin:

Die Elegischen Dokumente wurden nach Archivbeständen geschrieben, nach Untersuchungen, mit der Empfindung eines Sandkorns im Auge des Gedankens.“

Der Band erschien im Wallstein Verlag. Mehr über Buch und Autorin gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Einen kleinen Auszug aus den Gedichten über Prora/Rügen gibt es in Originalsprache von der Autorin selbst gelesen auf youtube:

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Anselm Oelze: Wallace Schöffling Verlag

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Der Debütroman von Anselm Oelze führt uns zunächst ins Jahr 1858 in eine Zeit der Entdecker, Forscher und Wissenschaftler. Die Titelfigur „Wallace“ ist zugleich Held des Romans und durchaus eine interessante Persönlichkeit. Alfred Russel Wallace gab es tatsächlich. Er wurde 1823 in England geboren und hat nur nicht die Berühmtheit von Charles Darwin erlangt, obgleich er die natürliche Selektion und die Entwicklung der Arten womöglich schon ein klein wenig früher als dieser entschlüsselte. Wallace war so freimütig, Darwin seine Ergebnisse aus der Ferne per Brief nach England zu senden und ihn um Weiterleitung und seine Meinung dazu zu bitten. Das Ergebnis war, wie wir alle heute wissen, dass Darwin das Buch „Über die Entstehung der Arten“ schrieb und unter anderem damit weltberühmt wurde.

Anselm Oelze erzählt von Wallace über einen kleinen Zeitraum hinweg, den er auf den Molukken und auf der Insel Lombok zur Forschung und Artensammlung verbringt. Dieser Teil ist recht interessant, teilweise witzig erzählt und macht neugierig auf die Figur und die Zusammenhänge. Da Oelze allerdings einen zweiten Handlungsstrang einflicht, der in der Heute-Zeit spielt und vom Nachtwächter eines naturkundlichen Museums erzählt, wird der Erzählfluß immer wieder durchbrochen. Das Springen zwischen den Zeiten, was normalerweise Spannung erzeugt, funktioniert, wie ich finde, hier nicht so ganz.

Denn die Geschichte des Nachtwächters Albrecht Bromberg, Mitte/Ende fünfzig, der eines nachts beim Bücher einsammeln in der Bibliothek auf ein Buch mit Foto von Wallace stößt und der sich dann plötzlich brennend für diese Figur und die Evolutionstheorie interessiert, wirkt auf mich nicht ganz stimmig. Dass Wallace das vollkommen in Routine eingefahrene Leben Brombergs so durcheinanderbringt, dass dieser sich so maßlos über die Ungerechtigkeit, die Wallace wiederfuhr empört, mag gerade noch angehen. Dass dieser aber dann seinen Job aufs Spiel setzt und mithilfe einer Museumsbibliothekarin, eines Antiquars und einiger Stammtischfreunde die Geschichte umschreibt, wirkt doch allzu konstruiert. Und als würde der Autor das selber merken, versieht er die Geschichte mit einem auf Wallace Insel spielenden letztem Kapitel mit offenen Ende, in dem sich der/die Leser/in dann selbst für eine Variante entscheiden muss.

Froh war ich wirklich, dass der Autor trotz der deutlichen Vorzeichen nicht auch noch ein HappyEnd mit Liebesgeschichte zwischen der jungen(!) Bibliothekarin und dem älteren(!) Nachtwächter ausgearbeitet hat.

Sprachlich bin ich hin- und hergerissen. Manche Szenen sind ganz wunderbar altmodisch erzählt mit Charme und Esprit und manche wieder total austauschbar ohne eigenen Ton. In der Story werden manche Spuren gelegt, die der Autor dann nicht weiter verfolgt, wie etwa die Erfindung des Tonicwater, die spiritistischen Aktionen einer Nebenfigur, und der Besuch bei Studienfreund Juha. Zudem ist es seit langem der einzige Roman, bei dem ich kein Zitat finde, dass ich hier dazustellen möchte. Fazit: Für naturwissenschaftlich Interessierte nett zu lesen. Ich bin gespannt, wie der zweite Roman des Autors gelingen wird.

Der erste Roman des 1986 geborenen Anselm Oelze erschien im Schöffling Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

Hier ist ein informativer Beitrag zum Thema Wallace – Darwin:

 

Eine weitere sehr wohlwollende Besprechung gibt es auf dem Blog „Buch-Haltung“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Maarja Kangros „Kind aus Glas“

Ich habe auf dem feinen Blog ReadOst einen sehr starken, hoch intelligenten Roman vorgestellt:

von Marina Büttner (literaturleuchtet)

„Die Schmerzhaftigkeit des Lebensbeginns und meistens auch die des Endes zeigt schon an sich, dass die Welt als Ingenieursarbeit misslungen war.“

Maarja Kangros Roman „Kind aus Glas“ (Kommode Verlag) ist ein Roman zu einem höchst sensiblen Thema, das immer wieder von Schriftstellerinnen oder auch Filmemacherinnen bearbeitet wird. Es geht um die Frage, wie entscheide ich mich, wenn meinem ungeborenen Kind etwas fehlt. Wie entscheide ich mich, wenn es ein lange herbeigesehntes Wesen ist, das nur wenige Wochen gesund im eigenen Körper gedeihen durfte und dem dann plötzlich etwas fehlt?

Es ist eine lang schon gewünschte Schwangerschaft, nach unzähligen Versuchen der künstlichen Befruchtung ist es gelungen. Die Frau, 41, die sich unermesslich darauf freut, hört bei einer Ultraschalluntersuchung plötzlich: Etwas stimmt nicht. Der Fötus habe keine Schädeldecke, das bereits angelegte Gehirn wird vom Fruchtwasser weggespült werden: Akranie und Anenzephalie heißt die offizielle Diagnose.

„Pfuscht man respektlos im…

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Anita Hansemann: Widerschein Edition Bücherlese

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„Wir sind Jenische“, antwortet sie endlich und stellt eine Tasse vor Mia hin. „Das Wort Zigeuner ist abwertend, obwohl du das sicher nicht so meinst.“ Ihr Blick ruht auf Mia. „So etwas wie ein Volk der Zigeuner gibt es gar nicht.“, sagt sie. „Man nannte früher Heimatlose so, die ihren Lebensunterhalt mit Umherziehen verdienen mussten.“

Mit diesem Buch begebe ich mich in die Schweizer Bergwelt. Faszinierende, unberührte Natur, Berggeister, hochgelegene Almen, beinah urtümliche Täler. Hier vergeht die Zeit noch langsamer, hier sind die Menschen noch mehr Teil der Natur, aber womöglich auch abergläubischer und verstockter. Gut, dass es im Anhang des Buches ein Glossar gibt, denn viele Dialektwörter kenne ich nicht.

Mia und Viid verbindet eine Kinderfreundschaft. Viid, der Jenische, wird in der Schule von den anderen ausgeschlossen. Nur Mia hält zu ihm. Die strenge Mutter jedoch versucht die beiden immer wieder zu trennen. Als Mädchen wird sie in den Sommerferien zum Arbeiten auf die Almen geschickt, denn wer hart arbeitet hat keine Zeit für Unsinn. Von Viids Mutter Franziska, die sie mag, hat Mia etwas über die Jenischen erfahren, die wie Sinti und Roma oft als Reisende leben, eine eigene Sprache haben und auch, dass es überall Menschen gibt, die sie wie Aussätzige behandeln, wie Verbrecher.

Aus der Kinderfreundschaft wird über die Jahre mehr, doch richtig zusammen kommen die beiden nie. Als Viid im Winter während eines Lawinenabgangs verschüttet und in letzter Minute von Mia gerettet wird, scheint sie das zunächst erst recht zu verbinden. Aber dann taucht Viid nach einem Absturz am Berg unter. Man munkelt, die geheimnisvolle weiße Gämse, sei daran schuld. Doch was ich als Leserin schon lange ahne und weshalb Viid und Mia dann eben nicht zusammen kommen, wird erst gegen Ende des Romans aufgeklärt.

Viele Jahre später: Immer wieder kommen Szenen mit Viid im Berg auf der Jagd nach der geheimnisvollen weißen Gämse, Begegnungen mit dem „Äbifräuli“, einer Geistererscheinung. Immer wieder ist Viid müde und erschöpft und schläft mitten im Berg ein und träumt seltsame Dinge. Mia dagegen kümmert sich, ganz gegenwärtig und darunter leidend, um die sieche Mutter und den zurückgebliebenen Bruder und geht nicht weg, obwohl sie alles schon lange satt hat und lässt sich auch nicht auf Claas ein, obwohl sie weiß, dass es gut für sie wäre. Also irgendwie ein wenig viel bergauf und bergab.

Auch in den Zeiten springt die Autorin hin und her. Was mich dranbleiben ließ, war vor allem das Bergpanorama, die fremde Lebenswelt, die eindrücklichen Naturbeschreibungen, die Naturgewalten in den Schweizer Bergen. Die Handlung ist verortet im Walsertal St. Antönien im Prättigau, Kanton Graubünden. „Widerschein“ war für mich vor allem unter diesen Aspekten eine interessante Lektüre, doch weder sprachlich noch inhaltlich tut er sich besonders hervor. Dass der Schluss des Romans überraschend sehr stimmig und besonders gestaltet wurde, hat das Buch für mich dann doch noch zu einer besonderen Lektüre gemacht.

Der Roman der 1962 auf einem Bauernhof im Prättigau geborenen und in Zürich lebenden Anita Hansemann erschien im Schweizer Verlag edition bücherlese. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Merethe Lindstrøm: Aus den Winterarchiven Matthes & Seitz Verlag

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“  … über ihm die Decke, unten der Boden, darauf hat er vertraut, darauf muss er vertrauen, er ist gerade eingeschlafen, er schläft, oder vielleicht liegt er denkend da, und dann lässt ihn das alles im Stich, mit einem Mal ist ein offenes Loch unter ihm, die Erde und das Zimmer verschwinden in der Tiefe, alles, was er hatte.

So fühlt es sich an. Merethe Lindstrøm muss es kennen. Sie kennt Depression, Manie und Schizophrenie.  Und wenn nicht aus eigener Erfahrung doch aus nächster Nähe. Jemand der so schreibt, muss das Wesen der Krankheit durchdrungen haben. In ihrem Buch „Aus den Winterarchiven“ schreibt sie über ihr Leben mit ihrem depressiven Mann. Sie kennt psychische Krankheiten auch von ihrem Vater und ihrer Schwiegermutter. Es sind Zeitmomente die sie sammelt, Erinnerungen, die eigene Geschichte, aus der das aktuelle Dasein resultiert. Es ist die Geschichte einer Partnerschaft, einer Familie mit drei Kindern. Einer Familie, die zeitweise in Armut lebt, Möbel verkaufen muss, ja sogar manch Spielzeug der Kinder, um zu überleben.

Später wird es finanziell etwas besser. Die Familie ist aufs Land gezogen, 3 Hunde kommen dazu. Die Frau arbeitet als Schriftstellerin, der Mann ist Künstler, Maler, wenn er es denn schafft. Denn ihn ereilen immer wieder depressive Schübe. Dann ist er kaum erreichbar, dann braucht er Drogen und Medikamente zum Dämpfen, zum Durchhalten. Er leidet noch immer unter der Willkür der schizophrenen Mutter und dem alkoholsüchtigen wenig ansprechbaren Vater in der Kindheit. Für die Frau ist das schwer auszuhalten und dennoch bleibt sie, versucht zu stützen, muss sich zeitweise abgrenzen. Und gerade das ist wichtig für den Mann. Auch die Frau hatte eine unsichere Kindheit, die Mutter alleinerziehend und überfordert, die kleine Tochter viel zu früh zur Selbständigkeit gezwungen. Wir hören von langen heilsamen Spaziergängen in der Natur, von durchwachten Nächten und der Abgrenzung der eigenen Kinder. Wir erfahren über den Alltag, über den Kampf, den ja gerade Künstler mit sich und der Welt auszutragen haben, vor allem wenn davon der Lebensunterhalt abhängt. Kreativität ist eben nicht immer sofort abrufbar.

„Mit Rausch oder ohne, in der Nacht geschriebene Notizen sind am Morgen immer fremd. Die Nacht befördert etwas hoch, zeigt es, wie es ist, das Vergessene, ist denn die Sprache nachts nicht eine andere, die Nachtsprache, ist sie nicht wahrer, ich glaube schon.“

Merethe Lindstrøms Aufzeichnungen sind in feinster Sprache verfasst und verdichtet. Jedes Wort sitzt. Sie hat ein Talent, ein schwieriges Leben aus der Schönheit ihrer Sprache heraus in etwas besseres zu verwandeln. Nie geht sie so weit, ihre Biografie vollkommen aufzublättern, sich zu entblößen. Und das macht gerade Biografisches zu gelungener Literatur. Und so finden sich unendlich viele hochpoetische Sätze:

„Als stünde ein Minuszeichen davor. Vor deinen Tagen, vor diesen Orten, deinen Sätzen, als würdest du auslöschen, sie löschen.“

oder

„…man möchte am liebsten den Blick und nicht nur die Augen schließen, …“

Was hier zu erlesen ist: Gute Literatur hat immer mit faszinierender Sprachkunst zu tun, auch wenn das Thema ein schweres ist. Ein Buch, dass mich entfernt an die Notizbücher ihres Landsmanns Tomas Espedal erinnert.

Die Autorin und gleichzeitig Heldin dieses Buches wurde 1963 in Bergen in Norwegen geboren. Die deutsche Übersetzung kommt von Elke Ranzinger. Das Buch erschien im Matthes & Seitz Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem wunderbaren Blog Zeichen & Zeiten.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ulrike Draesner: Eine Frau wird älter Penguin Verlag

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Ungeduldig wartete ich auf das Erscheinen dieses Buches von Ulrike Draesner, hatte ich doch ihre Hörbucherzählung „Happy Aging“, die vor zwei Jahren erschien, als sehr wohltuend und geistreich empfunden. Als ich zu lesen begann, merkte ich, dass mir das so einiges bekannt vorkam. Und tatsächlich, man kann es auf der hinteren Umschlagklappe lesen, sind die Essays aus den erzählten Texten jenes Hörbuchs entstanden. Das Hörbuch bei supposé, bereits hier auf dem Blog vorgestellt, hat offenbar wenige Frauen erreicht, so dass man sich entschied, die Texte noch einmal schriftlich zu veröffentlichen. Es schadet nichts, sie noch einmal zu lesen, dachte ich zunächst.

Draesner holt in ihren kurzen Essays weit aus. Es geht weit zurück und tief nach innen. Sie erzählt von ihrer Kindheit an, erzählt sehr persönlich aus ihren Kindheitserfahrungen und der Sichtweise des Mädchens auf die Eltern, Schwester und Großeltern und ganz allgemein über das Heranwachsen, den Zeit, bis hin selbst als Mutter zu agieren. Dabei fließen sowohl zeitspezifische Erziehungweisen und gesellschaftliche Gepflogenheiten mit ein (Draesner ist Jahrgang 1962).

„Ich erlebe es als ein Privileg, diesen Weg gehen zu dürfen. Er ist, wie bereits flüchtige Blicke in die Menschheitsgeschichte belegen, alles andere als selbstverständlich. Wer altern darf, kann sich in einem anhaltenden Prozess bis zu seinem Ende hin verändern. Er ist herausgefordert, sich zu diesen Veränderungen zu verhalten.“

Doch mit Weisheit im Altern ist es nicht getan, Draesner kommt auch auf die spezielle Rolle des weiblichen Körpers, wobei sie zwar die Unterschiede zwischen dem, was sich Männer leisten dürfen und dem was Frauen nicht zu gestanden wird moniert, um dann selbst auf unschöne(!) wabbelige Oberarme bei Frauen hinzuweisen. Oder sie unterstellt einer Frau ohne Mann/ohne Kinder, „ein vorsichtiges Leben“. Ich bin damit unzufrieden.

Das wohl beste und für mich stimmigste Kapitel ist das mit „Astrid Lindgren klettert auf einen Baum“ übertitelte, in welchem Draesner auf Literatur starker zeitgenössischer älterer Autoreninnen eingeht. (zu finden auf Draesners Website, auf der einzelne Kapitel nachzulesen sind).

Ich bin nicht sicher, wie ich das Buch finden soll. Ich erinnere mich, die CD damals als bereichernd empfunden zu haben. Nun kommt mir beim Lesen doch vieles banal vor. Zu persönlich? Zu oberflächlich? Brillante Gedanken oder Denkanstöße finde ich wenige. Schade. Womöglich weil ich mich in diesen zwei Jahren selbst ganz anders weiter entwickelt habe? Aber gleichzeitig weiß ich, dass ich mit dem nächsten Roman der Autorin sicher wieder zufriedener sein werde. Denn in Prosa und Lyrik spricht mich Draesner mehr an. Und dann gibt es ja auch noch Silvia Bovenschens Buch übers „Älter werden“. Oder Iris Radischs Buch „Die letzten Dinge“. Gibt es noch weitere kluge Bücher von Autorinnen zum Thema? Über Tipps freue ich mich.

„Eine Frau wird älter“ erschien im Penguin Verlag. Eine Leseprobe findet man hier.  Eine weitere Rezension, die meiner Meinung ziemlich nahe kommt, findet sich auf fixpoetry.  Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Feuer auf der Zunge Persische Gedichte herausgegeben von Jasmin Tank Edition Pajam

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In der von Jasmin Tank herausgegebenen Lyriksammlung persischer Gedichte finden sich Texte aus allen Zeiten, der älteste Dichter aus dem 11. Jahrhundert, die Jüngste 1977 geboren. Die Herausgeberin hat darauf geachtet, dass auch Dichterinnen Eingang fanden. Die Gedichte sind schön. Für mich besonders die der Frauen. Was mich allerdings richtig begeistert hat sind die Illustrationen von Jasmin Tank. Stimmiger können Dichtung und Illustration keine Verbindung eingehen. Sie treffen vielleicht auch gerade deshalb so sehr meinen Geschmack, weil ich mich mit ähnlichen Materialien in meinen Arbeiten befasse.

Der schmale Band hat ein ungewöhnliches Format, was aber die Zeichnungen am Besten zur Geltung bringt. Er ist beinah quadratisch und hat etwa die Höhe von A5. Der Band ist nicht durchgehend zweisprachig, aber es tauchen immer wieder Übersetzungen auf und in die Illustrationen eingearbeitete arabische Schriftzeichen. Weshalb sich die in Berlin lebende Illustratorin Jasmin Tank mit der persischen Lyrik beschäftigt, erfährt man in ihrem Vorwort. Sie geht mit diesen Arbeiten und mit dem Sichten der Gedichte auch auf die Suche nach den eigenen iranischen Wurzeln, und das auf die schönte Weise, wie ich finde.

Es finden sich Gedichte der weltbekannten Klassiker der persischen Dichtung Farruchi, Hâfez, Dschâmi und auch einer Dichterin aus dem 17. Jahrhundert Zêbunissâ Makfi.

Von Forugh Farrochzād, der 1935 in Teheran geborenen, 1967 gestorbenen Lyrikerin, gibt es unter anderem das wunderbare Gedicht „Das Geschenk“ (siehe Foto oben). Sie war eine der ersten Frauen, die auch die Geschlechterrollen in ihren Gedichten hinterfragte, die in einer freien Versform schrieb, klar und direkt. Es wundert wenig, dass ihre Lyrik von der Regierung verboten wurde. Ich möchte den Text hier noch einmal zitieren, weil die wenigen Zeilen so viel beinhalten:

Geschenk

Vom Ende der Nacht spreche ich,
vom Ende der Finsternis
und vom Ende der Nacht spreche ich.

Kommst du in mein Haus, freundlicher Mensch,
so bringe bitte für mich eine Lampe
und ein Fensterchen, dass ich dadurch
das Gedränge auf glücklichen Straßen erblicken kann.

Eine zeitgenössische Lyrikerin finde ich vor allem noch interessant. Das ist Leila Nouri Naini. sie wurde 1970 in Teheran geboren und lebt in Deutschland. Sie fand zur Lyrik unter anderem durch eine Begegnung mit dem ebenfalls hier im Buch vertretenen Dichter Shamlu. (Ihr Gedicht siehe Foto oben).

Alle Dichter/innen sind am Ende des Buches mit einer Kurzbiografie vorgestellt, zudem gibt es Literatur- und Quellennachweise zu den einzelnen Texten.

Jasmin Tank ist ein wunderschöner Band gelungen, den man als Ein- und Überblick über die persische Dichtung benutzen kann, den man aber auch wegen seiner farbenfrohen und ausstrahlungskräftigen Bilder einfach genießen kann.

Der Band erschien in der Edition Pajam im Goethe & Hafis Verlag.

Mehr über Persische Lyrik gibt es von mir hier und hier.