Levin Westermann: Bezüglich der Schatten Matthes & Seitz Verlag

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Kürzlich wurde der 1980 geborene Lyriker Levin Westermann mit dem Heidelberger Clemens-Brentano-Preis 2020 für seinen neuesten Lyrikband „Bezüglich der Schatten“ ausgezeichnet. Ich habe mich in seine Art zu schreiben gleich verliebt. Eigen, originell und tief genug, ohne zu überkandidelt oder verkopft zu sein. So las ich gleich auch noch den vorherigen Band „3511 Zwetajewa“, den ich im nächsten Beitrag vorstelle. Lange habe ich mich nicht mehr so intensiv mit einem Lyrikband beschäftigt und lange hat mich keine Lyrik mehr so für mein eigenes Schreiben inspiriert. Ein Leuchten!

Westermann teilt seinen Band „bezüglich der schatten“ in verschiedene Zyklen ein, die um unterschiedliche Themen kreisen, aber dennoch miteinander in Verbindung bleiben. Die Natur spielt hier die Hauptrolle, auch die menschliche.

Das erste komplexe Langgedicht führt in die Natur im Winter. Idyllisch ist es da allerdings nicht in diesen Wäldern und Hütten, denn es herrscht Krieg. Die Leserin erfährt nichts konkretes über Schauplatz und Zeit. Ich würde die Geschehnisse vielleicht in Russland, Sibirien, der Ukraine verorten. Einer erzählt, kurz und knapp, was geschieht, Schüsse, Granaten, das Auflauern, das Verstecken, das Fliehen. Wladimir, der sich Kaffee kocht und nach verdächtigen Geräuschen lauscht. Und ein Fuchs. Ein sprechender Fuchs, der Hilfe und Ratschläge anbietet, ein wohlwollender Fuchs, der alles sehr schnell durchschaut. Weil er dort lebt? Oder lebt er nur in der Phantasie des Kämpfers?

„Anfangs hieß es
Störfall, später
Invasion, und als die Städte
brannten, rannten
wir davon, flohen
wie die Schatten
vor dem Licht –
Bewegung bei den Bäumen,
es folgt uns nun
seit Tagen schon
ein Fuchs.“

Welch ein Rhythmus. Welch ein Reimschema. Reimen kann wirklich schlimm sein in der Lyrik, doch hier ist es immer stimmig, oft sind es unreine Reime, die ich sehr liebe. Anfangs bin ich etwas irritiert, weil der Fuchs zeitweise Englisch spricht. Westermann schiebt generell oft englische Zeilen mit ein, was mich wundert, weil ich den Sinn darin nicht sehe. Vielleicht geht es einfach um den Rhythmus, um die sprachliche Ausdehnung. Dieser erste Zyklus wirkt auf mich auch irgendwie balladenhaft, klarstellend, mahnend.

Einen anderen Zyklus legt er wie ein antikes Theaterstück an, in dem der Philosoph Roland Barthes und die Dichterin und Klassische Philologin Anne Carson mitmischen, die erst kürzlich die Rede zur Poesie 2020 beim leider nur virtuellen Berliner Poesiefestival hielt. Einige Zeilen entnimmt er als Zitate direkt aus deren Werken. In diesem Theaterstück, das an klassische Tragödien erinnern soll, hört man Euripides Alkestis durchklingen. Der Schauplatz scheint allerdings ein Krankenhaus, (eine Nervenheilanstalt?) zu sein. Die Mutter tot, die Tochter trauernd, den Vater anklagend.

„Scapula“ handelt von einer Frau, die den Fels bezwingen will, die klettert, weit oben, übernachtet im Zelt und die keiner sieht, schon gar nicht der Tourist im Hotel am Frühstücksbuffet. Eine, die der Natur wie einer verlorenengegangenen Gewalt begegnet. Eine, die sich womöglich wie Ikarus Flügel anbringen und fliegen will.

Der letzte Zyklus, „Zerrüttung“ heißt er, spricht mich direkt an. Was hier genau geschieht, ist nicht so klar zu erkennen. Hier geht es um die Stimmung. Die rundherum, und die der einen Person, die kaum handelt, nur da ist und dieses Dasein irgendwie quälend (langsam) empfindet. Die über die Spanne eines ganzen Jahres und länger den Wandel der Jahreszeiten erlebt, aber doch nicht wirklich im Leben steht.

„alles wiederholt sich,
alles wiederholt sich
(tag für tag), fortwährend
läuft dasselbe band, ein hörbild
namens leben“

Sicher lassen sich viele weitere Bezüge zur Philosophie oder zur Poetologie finden, die mir entgangen sind, doch die Verse funktionieren meiner Meinung nach auch ohne, denn sie leben vom Einfühlen. Levin Westermann las auch in diesem Jahr beim virtuellen Bachmannwettbewerb (allerdings mit einem Text, der nicht an diese Gedichte hier heranreicht). Dennoch fand sein lyrischer Text erstaunlich guten Anklang unter den Juroren, so dass er bis auf die Shortlist gelang.

Westermanns Bücher erscheinen im Matthes & Seitz Verlag. Im Anhang erläutert der Autor seine Quellen, was manche Frage, die beim Lesen entsteht, beantwortet. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für die Rezensionsexemplare.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ottessa Moshfegh: Mein Jahr der Ruhe und Entspannung Liebeskind Verlag

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Nach „Eileen“ von Ottessa Moshfegh brauchte ich Nachschub. Es geschieht gar nicht so oft, dass ich von einem/r Autor/in alle Bücher lesen will. (Zuletzt war es Dag Solstad, der brillante norwegische Erzähler). Aber in Moshfeghs Bücher bin ich verliebt. Sie ist so eine brillante Erzählerin mit so einer eigenen Stimme und so abwechslungsreichen Themen, dass sie für mich wirklich die Entdeckung des Jahres ist.

In „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ habe ich mich enorm wohlgefühlt. Obwohl die Protagonistin alles andere als sympathisch, eher Antiheldin ist, wirkt sie auf mich zutiefst menschlich. In aller Verschrobenheit der Figuren, in aller Absurdität der Geschichten liegt so viel Wahrheit, und ja, so viel Gesellschaftskritik, die nicht auf den ersten Blick zu sehen ist. Wie schon in „Eileen“ ist es eine Figur, die es in der Wirklichkeit sicher häufiger gibt, nur will selbst niemand so sein. Dass die Autorin manches überspitzt darstellt, macht gerade den Reiz ihres Schreibens aus.

Diesmal erzählt sie von einer jungen Frau, die scheinbar alles hat was sie braucht. Ausreichend Geld, Schönheit, einen Job in einer angesagten Kunstgalerie, eine Wohnung in einer guten Gegend, ein hippes Leben in New York. Von ein auf den anderen Tag, gibt sie ihren Job auf und bleibt zuhause. Sie verlässt die Wohnung nur noch, um etwas zu Essen oder Kaffee zu holen. Sie will vor allem nur noch schlafen. Dass das ohne Hilfsmittel nicht funktioniert, merkt sie schnell und kontaktiert eine Psychotherapeutin, der sie so manche Befindlichkeit vorspielt. Und es gelingt: sie erhält unzählige Rezepte über diverse Schlaf- und Beruhigungsmittel. Die Gespräche mit der selbst höchst skurrilen Therapeutin Dr. Tuttle wiederholen sich einmal pro Monat.

„Aus ärztlicher Sicht muss ich Ihnen vom Bedienen schwerer Maschinen abraten – fahren Sie keine Sattelschlepper oder Schulbusse. Haben Sie es schon mit dem Infermiterol probiert?“

Zwischen den Schlafphasen der namenlosen Heldin erfahren wir etwas über deren Lebensumstände, die dann doch nicht immer so rosig waren. Kühles Elternhaus, früher Krebstod des Vaters, emotional abwesende alkohol- und tablettenabhängige Mutter, bald ebenfalls tot. Und zuletzt die Trennung von Trevor, einem Mann, der sie ausnutzte.

„Ich wollte mich auch am Gefühl der Verlassenheit festklammern, der Leere des Hauses, die mich daran erinnern sollte, dass es besser war, allein zu sein als umgeben von Menschen, die einen eigentlich lieben müssten, aber nicht dazu in der Lage waren.“

Während die Heldin ihre Medikamente durcheinander und in hoher Anzahl nimmt, wird sie nach dem Aufwachen gewahr, dass sie während des vermeintlichen Schlafs doch aktiv ist: auf einer Single-Seite chattet, in angesagten Clubs trinkt, mitunter horrende Rechnungen über Internet-Bestellungen erhält, Unmengen an Liefer-essen auf dem Tisch steht, etc. Ab und an bekommt sie Besuch von ihrer einzigen Freundin Reva, die ihre seltsame Verwandlung so gar nicht verstehen kann und sich sorgt. Doch für unsere Heldin ist sogar Reva nur ein Störfaktor. Reva selbst leidet an Magersucht und an dem Idealbild der toughen erfolgreichen hoch gestylten (aber mageren) jungen Frau. Dass unsere Heldin ihre Freundin doch mehr braucht, als sie denkt, merkt sie viel später erst.

„Ich setzte große Hoffnung auf das Ambien. Vier Ambien, dazu ein schöner Hustensaft, und ich wäre mindestens vier Stunden lang weg. „Denk positiv“, wie Reva immer sagte.“

Als eine Art Selbstfindungsprozeß, wenngleich sehr skurril und nicht unbedingt nachahmenswert, kann man diese Geschichte lesen. Die Heldin erkennt, dass alles was sie besitzt, nicht die Einsamkeit und innere Leere, vertreiben kann und versucht dieses Selbstexperiment. Denn um sich tatsächlich gänzlich von der äußeren Welt fernzuhalten, verbringt sie die letzten Monate tatsächlich nur im Tiefschlaf, der endlich Läuterung bringen soll. Wie und ob das gelingt, wird nicht verraten. Sicher ist jedoch, dass Moshfegh das Ende der Geschichte höchst gelungen konstruiert hat. Was ich bereits in „Eileen“ sehr zu schätzen wusste, ist ihr wirklich tiefschwarzer Humor, der seinesgleichen sucht. Ein Leuchten!

Der Roman der US-amerikanischen Autorin erschien im Liebeskind Verlag. Die wunderbare Übersetzung stammt von Anke Caroline Burger. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar und stürze mich gleich in die Erzählungen im neuen Buch „Heimweh nach einer anderen Welt“. Besprechung folgt.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Anna Burns: Milchmann Tropen Verlag

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Anna Burns Roman „Milchmann“, für den sie 2018 den Man Booker Prize erhielt, hat mich in meine eigene Kindheit in den 70er Jahren versetzt. Nicht nur wegen dieses überwachten und traditionsbehafteten Aufwachsens, sondern auch weil ich mich selbst an Nachrichten erinnere, in denen der bürgerkriegsartige Nordirlandkonflikt (1969 – 1998) ständig präsent war. Ich wunderte mich dann immer, wie es sein kann, dass man die „falsche“ Religion (katholisch vs. protestantisch) haben kann, wenn man doch an denselben Gott glaubt. Und vor allem, wie man sich in seinem Namen gegenseitig bekriegen kann. Leider ist es ja bis heute so, zwar nicht mehr in Nordirland, aber anderswo. Und oft geht es um weit mehr als die Religionszugehörigkeit.

Anna Burns hat einen historischen politischen Roman geschrieben und einen, in dem irgendwie auch eine Emanzipationsgeschichte mitklingt. Sie zeigt, dass es eigentlich immer die Frauen sind, die „die Welt retten“ oder sie zumindest am Laufen halten. Die Frauen, die es hier in dieser Geschichte gegen jedes Macho-Gehabe schaffen, Familien mit vielen Kindern zu versorgen und zu ernähren, oft ohne einen Mann, da er entweder im Gefängnis sitzt oder gar bereits aus politischen Gründen ermordet wurde oder als verschollen gilt. Die meisten sind alles andere als emanzipiert und in ihrer Geschlechterrolle gefangen, aber es gab eben doch immer wieder einzelne, die es geschafft haben, das Bewusstsein der anderen zu wecken und aus dem jahrzehntelangen Albtraum der kriegerischen Auseinandersetzungen und den damit verbundenen vorgegebenen Einschränkungen auszubrechen und es schrittweise anders zu machen als üblich.

„Mit achtzehn wusste ich noch nicht, was unerwünschte Annäherung war. Ich hatte ein Gefühl, eine Intuition, eine unwillkürliche Abneigung gegen manche Situationen und Menschen, aber mir war nicht klar, […] dass es mein gutes Recht war, nicht jeden Dahergelaufenen zu mögen, dass es mein gutes Recht war, nicht auf ihn einzugehen, wenn er sich mir näherte.“

Die Autorin hat eine stimmige, mitunter durchaus komische Art gefunden, diese Geschichte zu erzählen. Alle Protagonisten sind namenlos, auch die 18-jährige Heldin, aus deren Sicht berichtet wird. So gibt es dann eben den „Milchmann“, „Vielleicht-Freund“, „Schwager Drei“, „Tablettenmädchen“ und „Irgendwer McIrgendwas“.  Sie lebt mit Mutter und drei kleineren Geschwistern „Kleine Schwestern“ zusammen. Die älteren Geschwister sind aus- oder weggezogen, der Vater tot. Gleich am Anfang lernen wir eine Macke der Heldin kennen, die sie schließlich auch auf die Liste der auffälligen Personen in ihrem Wohnbezirk gebracht hat: Sie liest im Gehen dicke Bücher, zumeist Klassiker des 19. Jahrhunderts. Sie geht gerne zu Fuß und sie joggt gerne und das weiß auch der „Milchmann„, der ihr immer wieder auflauert. Das schlimme daran ist für die Heldin seine subtile Manipulation, dass er scheinbar zunächst nichts wirklich von ihr will, sie kaum ansieht, auch nicht berührt, aber alles über sie weiß und unterschwellig Bedrohung und Tücke ausstrahlt. Und: diese Begegnungen schüren die Gerüchteküche. Etwas was zu dieser Zeit in diesem Umfeld die Wahrnehmung einer Person bestimmt.

„Die skandalöse Milchmannaffäre hatte sich explosionsartig verbreitet, sie grassierte wie wild, war der absolute Renner, und deswegen, wegen der Häufung der Grenzüberschreitungen, fühlte ich mich mehr und mehr in Inkohärenz und Ohnmacht gedrängt.“

Burns erzählt so, wie man eine Geschichte vielleicht mündlich erzählen würde. Sie schweift ab, kommt vom Hundersten ins Tausendste und findet irgendwann viele Seiten später wieder den roten Faden. Das fordert von Lesern höchste Aufmerksamkeit. Und auch die sehr fremd anmutenden Hierarchien dieser Lebensgemeinschaften aufgeteilt in Bezirke, Niemandsland (die Zehnminutengegend)

„Sie sagte, sie sei in „einer Viertelstunde und zehn Minuten“ da, was fünfundzwanzig Minuten bedeutete, was verständlich war, denn die Zehnminutengegend war so trostlos und unheimlich, dass niemand sie in seine normalen Berechnungen einbeziehen wollte.“

oder gefährlichen Zonen, die Zugehörigkeit zu Paramilitärs, Sympathisanten oder Regierungstreuen, das komplette Ausgrenzen von „denen auf der anderen Seite der Grenze“ oder gar „der See“ und das furchtbare Misstrauen jedes Einzelnen gegen den Anderen, macht dieses Buch zu einem höchst komplexen Unterfangen. Was meiner Meinung nach absolut gelungen ist. Mich hat das Buch nicht losgelassen, obwohl augenscheinlich nichts Spektakuläres passiert.

Erst gegen Schluss scheint sich etwas neu zu sortieren und vor allem in der Familie der Heldin in Gang zu kommen. Vergangene Ereignisse gelangen ans Licht und lösen lange währende Ungereimtheiten auf. Männerrollen dürfen sich verändern. Frauen wachsen an schwierigen Ereignissen und Kinder tanzen auf der Straße. Und manches bleibt auch gleich, hat sich bewährt und vielleicht bis heute nicht verändert … wenig hört man heutzutage noch von Nordirland. Mir hat dieser Roman in all seiner Eigenart und Fülle sehr gefallen. Ein Leuchten!

Der Roman der 1962 in Belfast geborenen Autorin erschien im Tropen Verlag. Übersetzt hat es Anna-Nina Kroll. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

James Baldwin: Giovannis Zimmer Random House Audio

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Obwohl James Baldwins Romane inzwischen durch viele Neuauflagen im Deutschen Taschenbuchverlag wieder sehr präsent sind, habe ich bisher nichts von ihm gelesen. Mein erster Versuch mit „Von dieser Welt“ gelang nicht, mir blieb das Thema seinerzeit verschlossen. Nun griff ich nach dem Hörbuch „Giovannis Zimmer„, um eine Leseflaute auszugleichen und es gelang beim zweiten Anlauf. Das Buch wurde 1956 geschrieben und löste nach Erscheinen Skandale aus. Man gestand Baldwin nicht zu, als Schwarzer über eine Beziehung zweier homosexueller weißer Männer zu schreiben. Tatsächlich war das zu dieser Zeit sehr mutig. Baldwins Wille, sich beim Schreiben an keine von der Gesellschaft vorgegebenen Themen zu halten, finde ich höchst bewundernswert.

Baldwin lässt schon von Anfang an das tragische Ende seiner Geschichte durchscheinen. Sehr spannend entwickelt sich dadurch die Handlung. Er lässt dafür seinen Helden David in Rückblenden erzählen. Dabei ist mein Held eigentlich der Italiener Giovanni. Der Amerikaner David, der Giovanni in Paris kennenlernt ist zeitweise wirklich sehr unsympathisch und wie auch Giovanni ihm viel später vorwerfen wird, ein großer Egoist und gleichzeitig eine von Schuld und Scham geprägte Figur. David kann sich sein Schwulsein, seine Liebe zu einem Mann selbst nicht zugestehen und kann aber auch nicht zurück ins alte Leben, welches Ehe und Familie in den USA vorsieht.

„Wohl deshalb habe ich um ihre Hand angehalten, um mich irgendwo zu verankern. Vielleicht hat sie deshalb in Spanien beschlossen, mich zu heiraten. Doch leider können sich die Menschen ihren Ankerplatz, ihre Liebhaber und ihre Freunde ebenso wenig aussuchen wie ihre Eltern. Das Leben gibt sie und nimmt sie, und die Schwierigkeit liegt darin, zum Leben Ja zu sagen.“

Paris, 50er Jahre: Als seine Verlobte Hella, ebenfalls Amerikanerin, nach Spanien fährt, um sich auf ihrer Reise ihrer Gefühle für David klar zu werden, zieht dieser durchs Pariser Nachtleben und entdeckt erneut die homosexuelle Liebe, lange verdrängt, die sich nun doch wieder in aller Intensität Bahn bricht. Bald zieht er zu Giovanni, der aus Geldmangel in einem winzigen Zimmer am Rand von Paris lebt. David lebt vom Geld, dass ihm sein Vater aus den USA zuschickt, wenn ihm danach ist. Als Giovanni seine Arbeit in der Bar von Guillaume verliert, denken die beiden zunächst dennoch, dass sie es gemeinsam schaffen können.

Als jedoch Hella ihre Rückkunft nach Paris ankündigt und David fest entschlossen ist, den früher eingeschlagenen Weg weiterzugehen, beginnt eine dramatische Entwicklung, die zunächst Giovanni und letztlich dann alle drei ins Unglück stürzen lässt.

James Baldwin hat ein unheimliches Gespür für Sprache und findet darin die allerfeinsten Nuancen. Seine Charakter schildert er so deutlich, dass ich diese Geschichte wie einen Film vor mir ablaufen sah. Das hat sicher auch damit zu tun, dass mir die Geschichte vorgelesen, ja, erzählt wird. Thomas Lettow, ein mir bisher unbekannter  Schauspieler, spricht in der Ich-Form aus der Sicht Davids und spielt diese Rolle gut. Das intensiviert die Geschehnisse und lässt mich nah dabei sein, lässt klare Bilder entstehen. Hörbuchleuchten!

„Giovannis Zimmer“ in der Neuübersetzung von Miriam Mandelkow erschien bei Random House Audio. Thomas Lettow interpretiert den ungekürzten Text (6 CDs, über 6 Stunden) sehr überzeugend. Auch das aufschlussreiche Nachwort von Sasha Marianna Salzmann, gelesen von Frank Arnold ist dabei. Eine Hörprobe gibt es hier.

Eine sehr gute Besprechung zum Buch findet sich bei Zeichen & Zeiten.

Ottessa Moshfegh: Eileen btb Verlag

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Lange schon habe ich diese Autorin im Auge. Endlich habe ich nun nach Erscheinen des Taschenbuchs nach „Eileen“ gegriffen. Und bin sehr froh darüber. Ottessa Moshfeghs Stil ist so herrlich unverblümt, geschrieben ohne ein Blatt vor dem Mund, sehr ehrlich, mitunter zum Fremdschämen. Ich bin mir sicher, dass es Menschen wie die entzückende Antiheldin Eileen auch in der Wirklichkeit gibt, vielleicht öfter als man glaubt. Der raue Ton, die feine Selbstironie, sie passt so gut zum Schauplatz und zur Situation.

USA 1964, eine Kleinstadt in der Nähe von Boston: Die 24-jährige Eileen arbeitet in einem Gefängnis für jugendliche Straftäter. Ihr Vater, ein Polizist im Ruhestand ist Trinker, der mitunter Wahnvorstellungen hat. Durch ihn hat sie den Job bekommen. Um ihn kümmert sie sich notgedrungen, obwohl er sie extrem schlecht behandelt. Zuvor musste sie ihr Studium aufgeben, um die kranke Mutter zu pflegen, die schließlich starb. Eileen hat Minderwertigkeitsgefühle, wird ihr doch dauernd gespiegelt, dass sie nichts wert ist, zu nichts taugt. Für eine 24-jährige ist sie sehr naiv, hat keine Freundinnen, geschweige denn einen Freund. Dafür schwärmt sie für Randy, einen Gefängniswärter, dem sie sich aber nur ihn ihrer Fantasie, in ihren Tagträumereien nähert und regelmäßig vor seinem Haus heimlich beobachtet. Ihr Job ist langweilig und anspruchslos und sie malt sich aus, das alles bald hinter sich zu lassen und abzuhauen.

„Alles, was populär oder in Mode war, verstärkte nur mein Gefühl von Einsamkeit. Ich wollte nichts davon wissen, dann konnte ich wenigstens so tun, als hätte ich mir dieses Leben selbst ausgesucht.“

Wie Moshfegh ihre Hauptprotagonistin schildert ist extrem gut gemacht. Sie dringt tief in deren Psyche ein und arbeitet jedes intime Detail aus. Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto deutlicher wird das Ausmass der Schrecknisse, desto tiefer tun sich die Abgründe auf.

„Ich war melancholisch veranlagt, könnte man sagen. Launisch. Aber ich glaube, durch und durch herzlos war ich nicht. Wäre ich in eine andere Familie hineingeboren worden, wäre ich vielleicht als ganz normaler Mensch aufgewachsen.“

So erleben wir, dass Eileen in einem Feldbett auf dem Dachboden schläft, kaum etwas isst oder sich sehr schlecht ernährt. Ihre Verstopfung bekämpft sie mit reichlich Abführmitteln. Zu dieser Essstörung kommt dazu, dass auch sie dem Alkohol zugetan ist und beinahe genau so viel verträgt wie der Vater. Befremdlich auch, dass sie die altbackenen Kleider ihrer Mutter aufträgt und die Schuhe ihres Vaters wegsperrt, damit er nicht auf Sauftouren gehen kann. Mitunter denkt sie auch über Suizid nach.

„Aber ganz ehrlich: Selbst in diesen dunkelsten Augenblicken war die Vorstellung, dass jemand meinen nackten Leichnam untersuchen würde, schlimm genug, um mich am Leben zu halten. So sehr schämte ich mich meines Körpers.“

Eileen beginnt aufzublühen, als sie eine neue Kollegin bekommt. Eine hübsche, bewundernswert selbstbewusste Rothaarige, die sich ausgerechnet für Eileen zu interessieren scheint. Sogleich fängt diese an, Rebecca anzuhimmeln. Eileen ist so bedürftig, dass sie die Zuwendung so überhöht und glaubt, von nun an ändere sich ihr Leben komplett. Sogar Randy ist plötzlich uninteressant geworden.

Als Rebecca sie für den Heiligabend (Eileen hasst die Heile-Welt-Familienweihnachtsfeiern) zu sich nach Hause einlädt, schwebt sie im 7. Himmel. Doch alles kommt ganz anders, als sie es sich ausmalt …

„Eileen“ erschien im Liebeskind Verlag und als Taschenbuch bei btb. Großartig übersetzt hat es Anke Caroline Burger. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Annette Pehnt: Alles was Sie sehen ist neu Piper Verlag

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Annette Pehnts Bücher kenne ich schon seit ihrem starken Debüt „Ich muss los“ aus dem Jahr 2001. Sie schreibt gut konstruierte Romane, die mich je nach Thema mehr oder weniger erreichen. Zuletzt gefiel mir Briefe an Charley, in dem Sie sich auch mit einem Buch der Lyrikerin Friederike Mayröcker auseinandersetzt. Im Klappentext steht, dass sie seit 2018 das Institut für literarisches Schreiben in Hildesheim leitet. Da kommt mir gleich das böse Wort „Institutsprosa“ in den Sinn. Tatsächlich ist der neue Roman aus dieser Sicht sicher gelungen. Handwerklich perfekt, gut durchdachte Story, die auch noch Blicke ins Politische und Gesellschaftskritische aufweist. Und doch: mir fehlt da was. Da leuchtet nichts.

Eine Frau macht mit ihrem alten Vater (Bildungsbürgertum) jedes Jahr gemeinsam geführte Bildungsreisen. Ein bekannter Reiseveranstalter mit Kleingruppen und bestens ausgebildetem Personal. Ich denke da an Studiosus, falls es das noch gibt. Die aktuelle Reise führt nach Khirtan. Khirtan ist ein erfundener Ort, der für ein Land wie China oder Nordkorea stehen könnte. Jedenfalls für ein asiatisches Land mit autoritärem Regime.

Anfangs läuft alles gut, alles scheint perfekt organisiert. Doch dann taucht der nette Reiseleiter Nime an einem der Tage mit vollem Programm einfach nicht auf. Warum und wie es ohne ihn weitergeht, erfährt die Leserin nicht. Dafür aber etwas aus Nimes Leben. Aus welcher Familie er stammt, dass er schon in der Schule wahnsinnig gut Geschichten erzählen konnte und damit auch seine zukünftige Frau gewann. Dass er irgendwie anders war mit einem direkten Blick. Zu direkt und scharf für dieses Land, in dem der Einzelne, Individualismus und Eigeninitiative kaum gefragt sind. So erzählen dann auch verschiedene Personen Ähnliches über ihn, die in engerem oder weiteren Sinn mit ihm irgendwie zu tun haben/hatten.

Wie die Touristengruppe dürfen wir Leser Sehenswürdigkeiten und ausgewählte Teile der Bevölkerung kennen lernen. Ja, wir Leser erfahren sogar etwas zu den Hintergründen, was der Reisende eher nicht mitbekommt, zur echten Wirklichkeit der Menschen, die für Touristen gute Miene zum bösen Spiel machen. Auch die Dynamik, die in der Gruppe entsteht, entfaltet sich im Laufe der Geschichte. Wobei die Personen aber irgendwie auch sehr klischeehaft dargestellt sind. So richtig nah kommt mir keine/r.

Alles in allem weiß ich eigentlich nach Ende der Lektüre nicht, was die Botschaft des Romans sein soll. Falls es keine gibt, hätte zumindest die Sprache und die Form diese in meinen Augen nicht ganz gelungene Story retten sollen/müssen. Hat sie leider nicht. Nicht ein Satz zitierenswert. Schade. Es gibt stimmigere Bücher von dieser Autorin.

Immerhin stimmt mir da Jörg Magenau mit seiner Kritik auf Deutschlandfunk Kultur zu.

Der Roman erschien im Piper Verlag. Auf der Verlagsseite gibt es eine Leseprobe. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Benjamin Myers: Offene See Dumont Verlag

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Auf der Bestsellerliste also. Platz 13. Eigentlich finden sich selten richtig gute Romane auf der Bestsellerliste. Dann schon eher an der SWR-Bestenliste orientieren, denke ich. Trotzdem bestellte ich „Offene See“ in meiner Bibliothek vor, um zumindest hineinzulesen. Die Welle auf dem Cover lockte. Gleich auf den ersten Seiten scheint mein Eindruck bestätigt: Gewollte missglückte Metaphern – so etwas ist für mich schwer erträglich:

“ … und ich kam an Kühen vorbei, deren Euter, wie Partyballons herumbaumelten“ […] und deren Rippen hervortraten wie die Rümpfe von gestrandeten Booten.“

oder

„Das graue Meer brüllte in der Ferne wie ein Fußballstadion, das eine Fehlentscheidung in der Nachspielphase erlebt, …“

Ich sehe in der Biographie des Autors, dass er auch Lyrik schreibt. Na gut. Vielleicht kann er das besser. Und doch lese ich weiter, irgendetwas lockt. Die Dialoge sind auch gut gelungen. Und sehr spät, auf Seite 148, kriegt er mich dann. Kein Wunder: es geht um ein gefundenes Manuskript einer Lyrikerin. Und wie Benjamin Myers da beschreibt, wie ein 16-jähriger das Gedichtelesen für sich entdeckt, was er dabei erlebt, das trifft es schon sehr gut. Das kann ich nachvollziehen. Als ich die genannte Dichterin google, erfahre ich, dass es sie tatsächlich gab: Romy Landau, 1912 in Bayern geboren, später in England lebend und erfolgreich mit ihrem Debütlyrikband von 1936 „The Emerald Chandelier“, doch als Deutsche mit Beginn des Zweiten Weltkriegs ausgegrenzt. Ihr Manuskript „The Offing“, nach dem dieser Roman benannt ist, erschien posthum.

„Bis zu diesem Sommer war Lyrik eine Geheimsprache gewesen, die nur von vornehmen Leuten gesprochen wurde, […]
Jetzt jedoch tat sich mir dieses geheime Universum durch die Gedichte, die ich im Atelierhaus las, jeden Abend etwas weiter auf, und nirgends mehr als in den Worten, die John Clare, Landarbeiter und Prophet der Scholle, über ein Jahrhundert zuvor geschrieben hatte.“

Der 16-jährige Robert erlebt den 2. Weltkrieg in Nordengland in einer Bergbaustadt und geht kurz nach dessen Ende 1946 auf eine Wanderung. Er will in die Natur, er will ans Meer, bevor er wie schon der Vater und Großvater zuvor Grubenarbeiter werden wird. Etwas in ihm sträubt sich gegen diesen vorgegebenen Lebenslauf. Auf einem kleinen Cottage an der Westküste begegnet er schließlich nach langem Wandern der weltoffenen Dulcie, die allein mit ihrem Schäferhund lebt und trotz der Nachkriegsarmut, die überall herrscht, über große Lebensmittelvorräte verfügt. Zwischen den beiden entwickeln sich Gespräche, die Robert zum Nachdenken anregen, die ihn auf Gedanken bringen, auf die er in heimatlicher Enge nie gekommen wäre. Er hilft ihr mit Arbeiten auf dem Grundstück mit Meerblick und sie kocht für ihn und bringt ihm manche Lektüre nahe.

Als Robert das kleine Gartenhaus, das Atelier, renoviert, entdeckt er ein Manuskript, liest die Gedichte und versenkt sich hinein. Hier spürt er zum ersten Mal, was es mit Gedichten wirklich auf sich haben könnte (unter anderem liest er auch John Clare, von dem ich hier bereits einen Band besprochen habe). Nach und nach erzählt ihm Dulcie von der Herkunft des Manuskripts …

Und hier an dieser Stelle wundere ich mich ein wenig. Ein Roman, in dem es um Lyrik geht auf der Bestsellerliste? Okay. Wahrscheinlich liegt es an der bezaubernden Landschaft, am Nature Writing„, was ja sehr beliebt ist und hier mit Ausnahmen (siehe oben) ja durchaus funktioniert. Und doch wünsche ich mir sehr, dass die, die das Buch gekauft und damit auf die Bestsellerliste gebracht haben, auch entflammen und sich wie Robert mutig ans Lyriklesen wagen. Und wenn dann ein Bruchteil davon ähnliche Initiationserlebnisse hätte wie er, wäre schon viel gewonnen. Denn Lyrik ist ein Geschenk, Lyrik birgt Geheimnisse, die man in keinem Roman findet. Lyrik leuchtet und dieses Buch insofern schlussendlich mit ihr!

Der Roman des 1976 geborenen Engländers Benjamin Myers erschien im Dumont Verlag. Übersetzt haben ihn Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.

Die dunkle Nacht der Seele – Psychische Erkrankungen in Roman und Lyrik

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Wenn ich so meine Besprechungen der letzten 5 Jahre überblicke, finde ich immer wieder das Thema Psyche: Depressionen/Psychische Erkrankungen/Psychiatrie. Mich interessieren diese Themen brennend. Vor allem dann, wenn es Autor*innen gelingt, aus oft autobiographischem Inhalt wirklich gute Literatur zu machen. Deshalb heute, nach „Kunst im Buch“, ein Beitrag über die Psyche. Sowohl in Prosa als auch in der Lyrik habe ich Hervorragendes gelesen. Durch Klick auf das jeweilige Foto gehts zur Besprechung.

Depression

Allen voran der große amerikanische Autor David Foster Wallace, der in seinem frühen Text über seine beginnenden Depressionen als „die üble Sache“ schreibt. David Vann, der in seinem neuesten Roman sehr anschaulich über die Depression seines Vaters schreibt. Connie Palmen, die aus der Sicht Ted Hughes auf Depression und Suizid Sylvia Plaths blickt. Die Sprachzauberin Merethe Lindstrøm, die über Depressionen in Familienkonstellationen schreibt und zuletzt gelesen und aktuell ganz neu: Benjamin Maacks sehr persönliches Buch über die eigenen Depressionen.

andere psychische Erkrankungen

Nancy Hünger schreibt sich mit ihren Gedichten ausdrucksstark in den Selbstverlust einer Frau ein. Die Amerikanerin Julia Cohen schreibt in poetischer Form außergewöhnlich über die eigene (oder die des lyrischen Ichs) Psychotherapie. Akwaeke Emezi erzählt den abgründigen Weg einer seit der Kindheit traumatisierten jungen Frau. Der Lyriker und Romanautor John Burnside schreibt umfassend über eine ganz und gar labile Persönlichkeit. Und der Finne Juha Hurme lässt sich mit seinem „ver-rückten“ Romanhelden durch die Abteilungen einer psychiatrischen Klinik treiben.

Psychiatrie und Psychoanalyse, wie sie einmal war und zum Glück nicht mehr ist

Hier begleiten wir die wohl erste investigative Journalistin der USA, Nelly Bly, die sich 1887 für ihre Recherche freiwillig für 10 Tage ins „Irrenhaus“ einweisen ließ. Die großartige Lyrikerin Christine Lavant lebte nach einem Suizidversuch für 6 Wochen in der „Landes-Irrenanstalt“ Klagenfurt und schrieb 1946, 11 Jahre später, über diese Zeit als 20-jährige. Auf der finnischen Schäreninsel Själö befand sich eine Nervenheilanstalt. Johanna Holmström erzählt aus dem Leben zweier Frauen, die dort 1891 und 1931 eingeliefert wurden. Katharina Adler schreibt in ihrem Roman über ihre Urgroßmutter, die auf der Couch Sigmund Freuds lag und unter dem Namen „Dora“ als Hysterie-Patientin bekannt wurde. Und die Norwegerin Amalie Skram erzählt von einer Malerin, die unter der Doppelbelastung Familie/Künstlerin einen Zusammenbruch erleidet und 1894 von ihrem Mann in die Psychiatrie eingeliefert wird.

Alle diese Bücher sind auch ohne den speziellen Fokus Psyche uneingeschränkt zu empfehlen. Über weitere Tipps zum Thema würde ich mich freuen.

 

 

Grand Tour – Reisen durch die junge Lyrik Europas Hanser Verlag

 

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„Die Grand Tour war, vor allem im 18. Jahrhundert, die klassische Bildungsreise für junge Adelige, aber auch für Künstler und Intellektuelle, vor allem nach Italien, mitunter aber auch nach Paris und London, nach Athen, Istanbul und Amsterdam, um die dortige Architektur, Kunst und Kultur kennenzulernen, um den eigenen Horizont zu erweitern und das Erlernte und Erlesene durch sinnliche Erfahrungen vor Ort ergänzen und vervollkommnen zu können, was Monate, manchmal Jahre dauern konnte.“

Eine ganze Weile liegt die umfangreiche bereits 2019 erschienene Lyrik-Anthologie „Grand Tour“ nun schon hier und gerade zur Zeit, da Reisen selbst in Europa derzeit noch schwierig sind und es wieder Grenzkontrollen gibt, nehme ich sie immer wieder zur Hand. Tatsächlich fällt es mir derzeit auch leichter Lyrik zu lesen als Prosa. Womöglich liegt es an der schönen Abstraktheit oder an der Möglichkeit, mich als Leserin viel weiter „auszudehnen“ als im Roman.

„Vielleicht ist die uralte, bis in mythische Zeiten zurückgreifende, aber immer noch bemerkenswert lebendige Form des Gedichts nicht das schlechteste Mittel um festzustellen, an welchem Punkt des Weges hin zu jenem Ort oder Zustand, zu einem idealen Europa, wir uns befinden.“

Die Herausgeber des Bandes sind Jan Wagner, kein Unbekannter, spätestens seit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2015, und Federico Italiano, ebenfalls wie Wagner Dichter und Übersetzer. Aus einem unter Lyrikern bei einem Poesiefestival entsponnenen Vorhaben wurde ein umfangreicher Band kreiert, der wirklich einen schönen Einblick in die Lyrik unserer europäischen Nachbarn gibt. Viel Arbeit war es. Mehrere Jahre haben beide Herausgeber über Inhalte diskutiert, beraten, gestritten und entschieden. Zunächst aus der Ferne dann im Zwiegespräch. Beide erzählen darüber im aufschlussreichen Vorwort. Die deutsche Akademie für Sprache und Dichtung war hinlänglich am Gelingen beteiligt.

730 Stimmen und 49 Länder auf 584 Seiten. Quer durch Europa mit Gedichten, eine wundervolle Entdeckungsreise, eine Fülle an Leseanregungen. Alle Autoren sind mit ihren Büchern im Anhang zu finden (allerdings ohne biographische Daten). Jedes Gedicht wurde in deutscher Übersetzung und der Originalsprache abgedruckt. Es wurde weder irgendwie chronologisch noch alphabetisch verfahren. Die Herausgeber haben sich entschieden die Texte in sieben verschiedene Reisen/Kapitel zu unterteilen. Dabei sind all die bekannten und großen Dichternationen, aber auch kleine Länder mit vollkommen unbekannten Namen. Von Island bis Georgien, von Portugal bis Estland oder von Finnland bis Belgien. Bretonisch, irisch, samisch, rätoromaisch: Alles wurde übersetzt. Alle haben eine gleichwertige Stimme. Einzig eine Einschränkung gibt es: Es wurde entschieden, um den Begriff „junge Lyrik“ einzugrenzen, eine Altersgrenze bis zum Jahrgang 1967/68 zu setzen.

Schnell ist das Jahrhundert. Wir überleben die leichten
Erdbeben,
indem wir in den Himmel schauen statt auf die Erde.
Wir öffnen die Fenster, um Luft hereinzulassen
von den Orten, an denen wir noch nie gewesen sind.
Kriege existieren nicht, weil täglich jemand
unser Herz verletzt. Schnell ist das Jahrhundert.
Schneller als das Wort.
Wäre ich tot, würden mir alle glauben,
wenn ich schwiege.“

Nikola Madzirov – Alexander Sitzmann

Eine riesige Fülle an Dichtern und Übersetzern sind an diesem Projekt beteiligt gewesen. Ein besonders reger Austausch entstand zwischen den Nationen, der durch den Rahmen von Poesiefestivals ohnehin gegeben ist. Länder- und sprachübergreifend wurde gearbeitet. Erkennbar ist auch, wie viele der Autor*innen ohnehin in mehreren Gegenden und/oder Sprachen zuhause sind und wie kurz zum Glück die Wege durch das heutige Europa geworden sind. Die Themen sind vielseitig und vielschichtig, durchaus auch gesellschaftskritisch und politisch engagiert. Die folgend abgebildeten 3 Texte kommen von Dichter*innen, von denen ich auch bereits Bücher auf dem Blog besprochen habe (siehe link):

Wer Lust darauf hat Lyrik zu entdecken und noch nicht so recht weiß, wohin die Reise gehen soll, dem sei dieses feine Buch als Wegweiser ans Herz gelegt. Lyrik leuchtet!

Grand Tour erschien im Hanser Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hier noch der Beitrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zum Buch:

 

 

Jörg Rehmann: Herr Wunderwelt Kommode Verlag

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Aus dem Schweizer Kommode Verlag kommen immer wieder die unterschiedlichsten Buchentdeckungen. So in diesem Frühjahr das Debüt des 1966 in Merseburg geborenen Jörg Rehmann. In der DDR aufgewachsen, in Schkopau mit den ungesunden Ausdünstungen des Chemiewerks Buna, erzählt Rehmann vermutlich autobiografisch in zwei Strängen aus seinem Leben.

Im April 1989 verlässt der Protagonist per Ausreiseantrag den Osten und beginnt mit seiner Arbeit als Altenpfleger in einem Heim im Berliner Grunewald. Mit dem Bewerbungsgespräch beginnt der Roman und setzt damit gleich Zeichen. Denn Held Dirk hat keine Ahnung von Altenpflege und schummelt sich so geschickt durchs Gespräch, dass er dennoch die Stelle bekommt. Wie das Leben im Goldenen Westen für Dirk weitergeht, ist amüsant zu lesen.

Interessanter und witziger fand ich aber den Teil, der von der Zeit der Kindheit und Jugend in der DDR erzählt. Ob Dirk für die Russischolympiade der Schule büffelt, von seinem wöchentlichen Auftritt als überzeugter Lieblingspionier des Schulleiters erzählt, oder von den regionalen Erfolgen mit der Kindertanzgruppe (obwohl sein Vorbild die erfolgreiche Eiskunstläuferin Anett Pötzsch ist), immer ist es ein lockerer Plauderton, den der Autor wählt. Dirk ist ein mit extrem viel Phantasie ausgestattetes Kind und so gelingt es ihm immer wieder auf die Füße zu fallen. Er ist ein Tagträumer mit unbedingtem Ehrgeiz etwas Großes zu erreichen.

„Wer darüber meckerte, weil es dort irgendetwas nicht zu kaufen gab, hatte John Schehr und Genossen nicht begriffen. Manche Kühltruhen in der Kaufhalle waren noch leer. Sie würden später im Kommunismus gefüllt werden. Aber man hatte sie für die Zeit des Kommunismus schon hingestellt.“

Bis zum Germanistik-Studium in Leipzig begleiten wir ihn und weiter über den Wunsch Schriftsteller zu werden (auch mit unlauteren Mitteln), bis zum Entschluss die DDR zu verlassen. Rehmann erzählt jedoch so leicht und locker von seinem DDR-Leben, dass man sich wundert, weshalb er bzw. sein Protagonist das Land verlassen will. Interessant auch in diesem Zusammenhang, dass es schon der zweite Roman dieses Frühjahrs ist, in dem Thomas Kunst mit seiner Lyrik erwähnt wird. (siehe Lutz Seilers „Stern 111“, welches ich eindeutig favorisiere).

„Wenn ich beim Plagieren etwas gelernt hatte, dann Beharrlichkeit. Vor jedem Spät- und Nachtdienst saß ich am Schreibtisch. Aber nichts fügte sich. Ich wusste nicht mehr, was ich schreiben wollte und lieferte zweihundertachtundzwanzig Seiten sperrigen Blödsinn ab.“

Aus einem ungelernten Pflegehelfer, der quasi immer in prekären Verhältnissen lebt, wird langsam aber sicher ein studierter Altenpfleger mit Fachkenntnissen im Qualitätsmanagement, der auch nach Auslandsaufenthalten in den USA und Amsterdam immer wieder ins Irmgard-Breugel-Heim zurückkehrt. Bis er endlich nach unzähligen Jahren des Abwägens dem Pflegeheim im Grunewald den Rücken kehrt, vergeht die Zeit mit wechselnden Liebhabern, denen immer andere Lebensgeschichten aufgetischt werden, denn wie attraktiv wäre er denn, wenn er „nur“ Altenpfleger wäre …

Jörg Rehmann hat ein Debüt geschrieben, das witzig zu lesen, unterhaltsam und bisweilen höchst amüsant ist. Hinlänglich überzeugt hat es mich jedoch nicht; vor allem fehlte mir inhaltlicher Tiefgang und ein gewisser Anspruch, was die Sprache betrifft.

„Herr Wunderwelt“ erschien im Züricher Kommode Verlag. Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.