Steven Uhly: Den blinden Göttern Secession Verlag

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„Ja, natürlich. Diese Geschichte ist eigentlich zu verworren, um ein Bestseller zu werden. Die Leute wollen etwas Handfestes, verstehen Sie, eine packende Lebensgeschichte, am besten eine Befreiungsgeschichte, in der sich jemand von äußeren oder inneren Zwängen emanzipiert. Die Leute wollen eigentlich keine Literatur – sie wollen Wirklichkeit, verstehen Sie?“

Welch eine Perle! Welch eine Offenbarung! Steven Uhlys neuer Roman hat für mich spirituelle Dimensionen. Die Geschichte selbst ist ein Koan, welches es zu lösen gilt oder eben gerade nicht. Sie ist witzig und spannend und sprachlich anregend. Folgt man der Idee der Geschichte, bleibt einem selbst nichts anderes übrig, als sich auf alles und damit auf nichts einzulassen. Es ist ein gezielter Schritt ins/in die Leere. Ich bin hin und weg!

Man könnte, wie es oft in Kritiken über das Buch heißt, an eine beabsichtigte Verunsicherung oder Verwirrung des Autors glauben oder an eine verrückte Story. Aber es ist ja viel mehr. Das bemerkt man aber nur, wenn man einen anderen Raum betritt und das Erzählte tief in sich hinein lässt. Wenn man nicht nur endlich wissen will, wie es denn wirklich war. Das wäre viel zu kurz gegriffen.

Zunächst läuft alles glatt. Der Buchhändler und Schöngeist Friedrich Keller erhält eines Tages ein unbekanntes Manuskript von einem Obdachlosen. Als er einige Zeit später zu lesen beginnt, erweist sich die Lektüre als ein Geschenk des Himmels – göttliche Sonette, wie sie gelungener nicht sein könnten.

„In Wahrheit suchte er in den Versen des trunkenen Dichters nach einer Erklärung für die Tatsache, dass ihm, dem gesellschaftsunfähigen Menschenflüchtling, diese eigenartige Lyrik zur letzten Heimat geworden war, obwohl sie alle Fassaden, alle Masken herunterriss und nichts übrig ließ, hinter dem er, Keller, sich hätte verstecken können.“

Als Keller dem obdachlosen Säufer und vermeintlichen Autoren der Sonette erneut begegnet, erfährt er dessen Namen: Radi Zeiler. Zeiler taucht eines Tages im Haus von Keller auf und bleibt einfach. Er wird zum verlorenen Bruder Kellers, verbringt seine Nächte mit der Putzfrau und ruiniert Kellers zurückgezogenes, streng gehütetes Einsiedlerdasein, in dem er wilde Geschichten über den verstorbenen Vater und beider Geliebte erzählt. Dann taucht auch noch ein Sohn auf, also ein Bruder von Keller und das Haus wird zum Unterkunftsort für syrische Flüchtlinge. Keller versteht die Welt nicht mehr, als er auch noch die ehemalige Buchhändlerkollegin vorfindet und sie plötzlich in ganz anderem Licht sieht und sie stante pede zu seiner Braut macht. So weit alles klar?

„Wo er eben noch eine geradezu unbewusste Gewissheit von Selbst empfunden hatte, gab es nunmehr ein großes leeres Nichts, so leer und so nichts, dass es war, als erblindete er, sobald er den inneren Blick dorthin richtete.“

Genau, eine haarsträubende Geschichte. Und ab der Mitte des Romans mischt sich dann auch der Autor Uhly (Gugly? Umbli?) selbst ein. Zur Klärung trägt das wenig bei, obwohl man glauben soll, Keller (Kühler? Kulkur?) erwache gerade nach einem Unfall aus einem Koma und erzähle dahindämmernd seine Geschichte, die der Autor für einen Roman verwenden will (siehe oben: Eingangszitat). Ab diesem Zeitpunkt werden die Abstände zwischen Traum- und Wachzustand des Patienten Keller immer kürzer, schließlich übergangslos … bis die Geschichte auf der Verkehrsinsel einer Hauptstraße endet, wo sie auch begonnen hat.

In diesem Roman kommen nach meiner Lesart vor:
-Ein Autor, der sich einen Bestseller erhofft
-Ein im Krankenhaus angestellter Linguist
-Flüchtlinge aus Syrien in Lederhosen
-Buchhandlungen, die Lyrik verbannen
-jede Menge Neurosen und Traumata
-undurchsichtige Familienverhältnisse
-Obdachlose, die Sonette schreiben
-Dichtung und Wahrheit
-mehr als eine Wahrheit
-diverse Wirklichkeiten
-Lügengespinste
-Raum und Zeit
-Leere

Der Geschichte folgen Seiten mit Sonetten, die wie Haikus wirken. Wer sie geschrieben hat, wird man nie wissen können. Radi Zeiler wird Anspruch darauf erheben. Dann folgen leere Seiten …

Selten habe ich so einen witzigen, phantasiereichen, sprachlich wertvollen, skurrilen, spannenden, geistreichen Roman gelesen. Ein göttliches Leuchten!

Steven Uhlys Roman erschien im fabelhaften Secession Verlag, dessen Bücher nicht nur mit feinen Inhalten sondern auch mit ästhetischem Äußeren auffallen. Das Buch ist fadengeheftet, auf feinem Papier in einer besonderen Schriftart gedruckt. Welches Papier, welche Schrift kann man dem Impressum entnehmen. Wie immer gab es die Zusammenarbeit mit dem bekannten Gestalter und Typograf Erik Spiekermann. Uhly schreibt in der Tat auch Gedichte, die im gleichen Verlag erschienen sind.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Nataliya Deleva: Übersehen eta Verlag

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Wer kennt das nicht? Man sitzt im Cafe, richtet sich ein, zieht das Buch aus der Tasche und wartet. Einen Kaffee will man trinken. Endlich … Doch es kommt niemand, der die Bestellung aufnimmt. Die Kellner wuseln durch den Raum, doch man wird übersehen.      „Übersehen“ heißt auch der Roman der Bulgarin Nataliya Deleva. Doch hier bedeutet Übersehen werden etwas Anderes, etwas Größeres, Überlebenswichtiges. Gerade erschienen ist dieser Debütroman, der mich mit seinen ersten Sätzen sofort ergriff:

„Unsichtbare Menschen sind überall um uns herum. In der Bahn, auf der Straße, im Wohnblock, im Laden, in der Schule, auf der Arbeit, seltener in Nachtclubs, aber auch dort tauchen sie ab und zu auf. Sie gehen in der Menge auf und beobachten die Leute ringsumher mit ihren traurigen, unsichtbaren Augen. Doch weil sie unsichtbar sind, bemerkt sie niemand.“

Deleva porträtiert Menschen, die wir überall finden könnten, wären sie nicht  in unseren Augen unsichtbar. Es geht um Außenseiter, um Zurückgelassene, um Einsamkeit und Sehnsucht. Ihre Geschichte beginnt sie mit einem fiktiven Dialog zwischen Mutter und kleiner Tochter. Ein Dialog, den eine Tochter sich ausdachte, weil sie wünschte, es hätte ihn gegeben. Doch die Mutter war nicht da. Es gab nur das Heim, die anderen Kinder und die Betreuerinnen. Auch wenn an Besuchstagen Paare kamen, die sich ein Kind aussuchen wollten, sich ein Adoptivkind wünschten, fiel deren Blick nie auf die verlassene Tochter. So entstand das Gefühl, des Übersehenwerdens, so wurde das kleine Mädchen unsichtbar.

„Ich frage mich, ob die Mütter ins Heim kommen, um einen von uns zu retten, oder weil sie Rettung für sich selbst suchen.“

Geschickt schildert die Autorin auf Nebenwegen, was Unsichtbarkeit bedeutet. In Zwischenkapiteln tauchen aus den unterschiedlichsten Gründen Übersehene auf. Nicht von ungefähr sind es oft Mädchen oder Frauen. Wie der Begriff der Unsichtbarkeit auf künstlerische Art bereits in Galerien Einzug fand, beschreibt Deleva. Leere Leinwände, ungefilmte Filme, ungespielte Musik. Alles als Anregung, die Leerräume mit dem Eigenen, mit Phantasie auszufüllen. Oder das Experiment: Was passiert, wenn sich zwei Menschen vier Minuten lang nur in die Augen schauen (man denke an Marina Abramovic). Oder, haarsträubend, die App, mit der man Eltern und Bekannten vorspielen kann, man hätte eine/n feste/n Partner/in.

Diese Phantasie, vielmehr dieses Improvisationsvermögen der Übersehenen erfährt eine kuriose Steigerung, wenn sich beispielsweise ein Straßenjunge auf die Suche nach einer neuen Niere für die im Krankenhaus liegende Mutter macht und in einer Fleischerei landet. Wenn eine Frau an Elektroschocktherapie denkt, um ihre Traumata vergessen zu machen. Wenn eine Mutter in ihrem zweitgeborenen Sohn die zuvor bei einem Verkehrsunfall getötete Tochter reinkarniert glaubt und der Sohn leidet. Wenn zwei Frauen ihre gleichgeschlechtliche Liebe lieber im Geheimen leben, weil sie sonst angepöbelt werden. Und wenn eine dieser Frauen ein Mädchen aus dem Heim, das sie lieb gewinnt, nicht adoptieren darf, weil das Gesetz so etwas nicht vorsieht.

Die Heldin des Buches, und so nenne ich sie hier bei dieser Lektüre besonders gerne, schafft es ihre eigenen Traumata zu heilen oder zumindest zu lindern, indem sie sich um Kinder kümmert, denen es ähnlich erging wie ihr selbst und ihnen so gut es geht beisteht und ihnen Freude bereitet. So gibt es zwischen den oft sehr traurigen Kapiteln doch auch Momente des Trostes. In diesem Buch geht es um Nähe, um das Bedürfnis nach Nähe und den Verlust von Nähe im Übersehenwerden. Es ist ein Plädoyer für die Abschaffung der Unsichtbarkeit durch Fürsorge, Mitgefühl und Menschlichkeit.
Ein unübersehbares Leuchten für dieses intensive Buch!

Die Übersetzerin aus dem Bulgarischen ist Elvira Bormann-Nassonowa. Der eta Verlag ist ein kleiner unabhängiger Verlag mit Sitz in Berlin, der südosteuropäische, vorwiegend bulgarische Literatur verlegt. Es gibt viel zu entdecken. Unter anderem einen Gedichtband von Georgi Gospodinov, der durch einen Roman und Erzählungen im deutschsprachigen Raum bereits etwas bekannter ist.

Riina Katajavuori: Herbsttrompetenkonzert hochroth Verlag

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Der Lyrikband der 1968 geborenen Riina Katajavuori ist im hochroth Verlag Bielefeld erschienen. Die Finnin ist in ihrem Heimatland schon mit diversen Publikationen bekannt geworden. Wie schon vor einiger Zeit hier vorgestellt, ist hochroth vor allem der Lyrik zugewandt und da auch vielen unbekannteren Namen. Für diesen vorzüglichen Band habe ich für das Titelbild eine meiner Tuschearbeiten zur Verfügung gestellt. Alles fügt sich stimmig zusammen, Bild und Text, Text und Form und Inhalt.

Die Gedichte, manchmal in Versform, manchmal sind es auch Fließtexte, erinnerten mich ein wenig an kürzlich besprochene Lyrikbände aus Island und Norwegen:
„Denen zum Trost die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“ von Ragnar Helgi Ólafsson, „bewegliche berge“ von Sjón oder „Der weiße Weg“ von Kjartan Hatløy.
Vielleicht gibt es gar so etwas wie eine spezifisch nordische Dichtung?

„Braune, wortkarge, einflussreiche
Herbsttrompeten im Gewittersturm.
Der Regen pausiert.
Der Wald ist grau, stimmlos, tröpfelnd, knackend,
und streckt vorsichtig die Glieder aus.
Alles ist gesehen, getan, gelebt.“

Katajavuori bezieht sich einerseits sehr stark auf die Natur, die natürlich in der Tat in Finnland und Lappland präsenter ist als hier, die aber auch nicht mehr ganz unversehrt ist.

Serie von wegen 3, Tusche auf Papier, 28x21
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„Offen und direkt zu reden ist unverzichtbar,
doch in zwischenmenschlichen Beziehungen/ in der Politik unmöglich,“

Zum anderen schreibt sie aber auch über Politisches, Soziales und geht auf die Entwicklungen des Landes und die unausweichlichen Veränderungen ein. So wird auch hier die Situation der Emigranten thematisiert. Wie sie das macht ist unvergleichlich, locker, überrumpelnd, keck, forsch.

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„Suchen Sie Augenkontakt. Begegnen Sie dem Menschen.
Ich wiederhole ein wichtiges Wort: dem Menschen.
Grüßen Sie den Busfahrer (auch beim Aussteigen).“

Generell empfehle ich die fein gestalteten Lyrikbände des hochroth Verlag, sei es aus Wien, Berlin oder Bielefeld. Der Band „Herbsttrompetenkonzert“ wurde von Elina Kritzokat und Gisbert Jänicke übersetzt. Mehr über die Autorin und ihre Texte hier.
Mehr über die Illustratorin (die gerne weitere Aufträge annimmt, it´s me!) hier: http://www.marinabuettner.de

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Für alle Berliner: Das Literaturprojekt „Stadt Land Buch“ mit vielen Lesungen hat diesmal die nordischen Länder im Focus.

Frankfurter Buchmesse 2018 Ehrengast Georgien

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Wie in jedem Jahr hat die Frankfurter Buchmesse einen Ehrengast eingeladen. Diesmal ist es Georgien. Viele Verlage bringen deshalb extra Bücher aus Georgien heraus, teils Neuauflagen und Neuübersetzungen. Bereits eine ganze Weile vorab habe ich mich hin und wieder mit einem Buch aus Georgien beschäftigt. Was mir immer wieder auffiel, war eine ganz eigene Art von Humor. Hier meine kleine Auswahl:

Aus dem Verbrecher Verlag kommt eine außergewöhnliche Novelle, die von der Kraft der Fantasie erzählt, auch und gerade in schwierigen Zeiten: Naira Gelaschwilis Band „Ich fahre nach Madrid“ hat mir sehr gefallen. Die Übersetzung stammt von Lia Wittek und Mariam Baramidse. Meine ausführliche Besprechung dazu gibt es hier. Außerdem findet man im diesem Verlag auch die Bücher von Giwi Margwelaschwili, einer Ikone der georgischen Literatur. „Das Leseleben“ etwa, ist nicht nur inhaltlich „buchstäblich“ ein Leser/in-Vergnügen, sondern auch außergewöhnlich gestaltet: Jedes Buch der 1500 Exemplare zählenden Auflage ist ein Unikat im feinen Leineneinband.

Nicht umhin kam die geneigte Leserin, den ganz wunderbaren knapp 1000-seitigen Roman „Das achte Leben – Für Brilka“ zu lesen, der bereits vor einigen Jahren in der Frankfurter Verlagsanstalt erschien. Meine ausführliche Besprechung dazu gibt es hier. In diesem Herbst nun erschien das neue Buch von Nino Haratischwili „Die Katze und der General“. Dazu folgt nach Beendigung der Lektüre eine ausführliche Besprechung. Die Autorin und Dramaturgin lebt und arbeitet mittlerweile in Hamburg und schreibt in Deutsch.

 

Auch Zaza Burchuladze lebt inzwischen in Berlin, nachdem er in seiner Heimatstadt Tbilissi tätlich angegriffen und öffentlich angefeindet wurde, weil seine Literatur nicht der Norm entspricht. Er hat sein literarisches Zuhause im Berliner Blumenbar Verlag gefunden. Im Juni sprach er im Rahmen des Europäischen Autorengipfel in Berlin auf dem Blauen Sofa (rechts) über seine Bücher und sein Verhältnis zu Georgien. In seinem aktuellen Roman „Der aufblasbare Engel“ spukt der Meister der Esoterik Georges Gurdjieff durch die leicht verrückte Geschichte. Der Roman wurde von Maia Tabukashvili übersetzt. Hier der Romananfang:

„Viele glauben nicht an Geister. Selbst dann nicht, wenn sie sie beschwören. Auch die Gorosias glaubten nicht daran, dass Georges Gurdjieffs Geist wirklich erscheinen würde. Nino und Niko Gorosia hatten also keine großen Erwartungen.“

 

Gleich zwei Titel aus dem Weidle Verlag habe ich hier vor mir liegen. Es geht um Zurab Karumidzes „Dagny oder Ein Fest der Liebe“ und um Aka Morchiladzes „Der Filmvorführer“. So kompliziert und sprachlich wie inhaltlich anspruchsvoll Karumidzes Roman ist, so schlicht liest sich zunächst Morchiladzes nur 130 Seiten lange Geschichte. Gerade in seiner Einfachheit mag ich dieses Buch sehr. Hier wird erzählt, wie in Georgien üblicherweise eine Hochzeit zustande kommt oder was gemeint ist, wenn Georgier von „Diebe im Gesetz“ sprechen. Viel Weisheit und Witz findet sich zwischen den Zeilen, womöglich dem Mund des „Tartaren“, des alten Filmvorführers, entsprungen, der in Wirklichkeit ein verbannter Khan ist. Er ist der beste Freund von Hauptfigur Beso, dem er schon einmal das Leben rettete. Eine ausführliche Besprechung folgt. Übersetzt hat das Buch Iunona Guruli.

„Islam Sultanow erzählte mir alles – von Dingen, die mich zwangen, darüber nachzudenken, wie ich so alt geworden war, ohne eine Ahnung davon zu haben. Er erzählte mir, wie er als Kind, in einem Sack versteckt, von den Verbündeten seines Vaters, die sich als Hirten verkleidet hatten, aus dem Land geschleust wurde, …“

Karumidzes Roman ist ein wildes Verwirrspiel um göttliche und irdische Liebe und es fließt viel Alkohol. Interessanterweise taucht auch hier wieder Meister Gurdjieff auf, außerdem die norwegische Dichterin Dagny Juel und es geht um den mittelalterlichen Versepos Georgiens „Der Recke im Tigerfell“ von Rustaweli (den es auch in einer Neuauflage gibt).

„Als Aristokratin von Geburt und Charakter war Dagny Juel wie ein frischer Wind für die Männer, die atemlos nach ihrer Postion in Kunst und Leben suchten. Sie war die Königin all der Bohémiens, die Ende des 19. Jahrhunderts in das Berliner Lokal Zum schwarzen Ferkel strömten.“

Der Weidle Verlag ist schon länger um die georgische Literatur bemüht und überzeugt zudem mit feiner Ausstattung und Gestaltung in Zusammenarbeit mit dem bekannten Gestalter Friedrich Forssman.

Aus dem Schweizer Rotpunkt Verlag erschien in der Reihe Edition Blau der Roman „Du bist in einer Luft mit mir“. Die inzwischen in Italien lebende und Italienisch schreibende Georgierin Ruska Jorjoliani hat einen Roman über eine lange Freundschaft geschrieben. Dimitri und Viktor kennen sich schon seit Kindertagen. Ihre Freundschaft wird allerdings auf die Probe gestellt, als einer sich mit einer ungewöhnlichen Tat gegen den Staat auflehnt. Übersetzt wurde das Buch von Barbara Sauser.

„Unter Lenins Porträt, das zwischen seinen beiden Lieblingsschriftstellern hing, Turgenjew und Tschechow, blieb er stehen: Lenin wirkte fast wie ein Kind, verloren zwischen den beiden bärtigen alten Männern. Dimitri ergriff den erstbesten Stuhl, zog ihn an die Wand, stellte sich darauf und nahm das Porträt vom Nagel …“

Der kleine Verlag Edition Fototapeta hat in seinem entdeckenswerten Programm (ich sag nur Moishe Kulbak) meist Titel aus dem osteuropäischen Raum. Zur Buchmesse erschien nun ein Band mit Erzählungen Die Erfindung des Ostens. Irma Tavelidse zeigt in ihren Geschichten das Alltägliche, das in kleinen Momenten ins Überraschende dreht. Übersetzt wurde auch dies Buch von Iunona Guruli, die auch selbst Romane schreibt.

 

Und zum Schluß: Lyrik und eine Art georgischer „Klassiker“:

Wunderbare Lyrik findet man immer wieder im Verlag Das Wunderhorn. Die 1974 geborene Georgierin Bela Chekurishvili schreibt Gedichte, die oft biografisch anmuten, vielleicht sogar stellvertretend für eine bestimmte Lebensart in Georgien sind. Sie sind sehr rhythmisch, fast liedhaft, vielfach in Reimform.

„Ich bin ein Wind und rede über alles,
was zum Wind gehört, das Windesübliche,
namentlich Einsamkeit, Wege und Stimmen. „

Außer „Wir, die Apfelbäume“ erschien soeben ganz neu „Barfuß“, in dem sie unter anderem ihren Ortswechsel nach Deutschland verdichtet. Übersetzt hat die Bände der Lyriker Norbert Hummelt nach Interlinearübersetzungen von Tengiz Khachapuridse und Lika Kevlishvili. Erschienen sind beide im Schöffling Verlag. Von Norbert Hummelt gibt es auch beim Deutschlandfunk Kultur einen ausführlichen Beitrag über georgische Lyrik: https://www.deutschlandfunkkultur.de/lyrik-aus-georgien-fortgegangen-bin-ich-ohne-rueckfahrkarte.976.de.html?dram:article_id=426924

1937 erschien zum ersten Mal der Roman „Ali und Nino“.  Unter dem Pseudonym Kurban Said schrieb Elfriede von Ehrenfels zusammen mit Lev Nussimbaum. Lange verschollen, wurde das Buch in den 70er Jahren wiederentdeckt. Es geht darin um alles was auch heute noch brisant ist. Um das Zusammenleben verschiedener Religionen und Völker und die Hoffnung, dass es möglich sein wird miteinander in Frieden zu leben. Die Geschichte spielt in der kaukasischen Stadt Baku und erzählt von Ali und Nino, die sich seit Schulzeiten kennen und sich später verlieben. Ihre Herkunft spielt dabei eine Rolle. Ali ist Muslim und die Georgierin Nino Christin. So ist die Frage, ob sie zusammen kommen …

„Ali Khan, du bist dumm. Gottlob sind wir in Europa. Wären wir in Asien, so wäre ich schon längst verschleiert, und du könntest mich nicht sehen.“

Auch damals gab es bereits die Frage, ob Georgien nun zu Europa gehöre oder zu Asien. Das Nachwort von Nino Haratischwili in der Ausgabe des Ullstein Verlags gibt da Aufschluß.

Das war meine kleine Auswahl. Eine ausführliche sehr informative Übersicht der zur Buchmesse neu erschienenen georgischen Literatur gibt es hier:
http://georgia-characters.com/getmedia/7880c4fe-e35f-4fb2-8c8b-b83f67dab665/neuerscheinengun-PDF.pdf.aspx?ext=.pdf

Einen interessanten Beitrag kann man auf 3sat in der Mediathek sehen: Georgien lesen
http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=75996

Christoph Hein: Verwirrnis Suhrkamp Verlag

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Mit schöner Regelmäßigkeit schreibt Christoph Hein fast jährlich einen Roman. Diesmal heißt er „Verwirrnis“ und ist (nach dem etwas schwächeren „Trutz“) wieder einmal richtig gut gelungen. Es ist für mich eine sehr emotionale Lektüre gewesen. Immer wieder kam ich beim Lesen in Rage: Was für ein fürchterlicher Vater! Was für grässliches Verhalten unter dem Deckmäntelchen der katholischen Religion! Welch schlimm konservatives Denken, welche Verbohrtheit in den 50er Jahren!

Wir befinden uns im Eichsfeld der 50er Jahre. Es ist die katholischste Region vermutlich ganz Deutschlands, zumindest aber der ganzen Ost-Zone. Im kommunistischen Teil Deutschlands ein Ausnahmefall. Hier wachsen Friedeward und Wolfgang auf. Der Sohn eines strenggläubigen katholischen Lehrers und der Sohn eines Kantors begegnen sich mit 15 zum ersten Mal in der Schule und werden die dicksten Freunde. Sie sondern sich ab von anderen, lesen und diskutieren und stellen sich eine Zukunft als Künstler vor. Als sie gemeinsam Urlaub an der Ostsee machen, entwickelt sich aus der Freundschaft ein gegenseitiges körperliches Begehren, was die beiden nur noch enger zusammenschweißt. Natürlich darf keiner davon erfahren, schon gar nicht Friedewards Vater, der seinen Sohn auch im fortgeschrittenen Jugendlichen-Alter zur Strafe noch mit einer Art Peitsche züchtigt. Dies hat die Geschwister Friedewalds bereits aus dem Haus getrieben.

Es kommt, wie es kommen muss: Pius Ringeling, Friedewards Vater erwischt die beiden auf frischer Tat. Er schafft es, dass Wolfgang die Schule verlassen muss und verdrischt den 17-jährigen Sohn.

„Die frommen Lehren bedrückten Friedeward, bescherten ihm schlaflose Nächte. Die Verdammnis wurde zu einem allnächtlichen Schreckgespenst, er hatte Albträume, er sah die Hölle, die Teufel, das Fegefeuer vor sich und fuhr im Halbschlaf laut schreiend in seinem Bett hoch.“

Dennoch schaffen beide es, wieder zusammen zu kommen. Beide studieren in Leipzig, Wolfgang Musik und Friedeward Germanistik, führen dort ihre Beziehung, wenngleich immer noch heimlich, weiter. Die Freundschaft zur Theaterstudentin Jacqueline und deren Professorin Herlinde, die ebenfalls heimlich ein Paar sind, verschafft ihnen ungeahnte Möglichkeiten: Friedeward und Jacqueline geben sich als Paar aus und sind damit gefeit vorm Entdecktwerden. Eine Hochzeit wird geplant.

Wolfgang jedoch entfernt sich. Er beendet sein Studium in Westberlin, nimmt die westdeutsche Staatsangehörigkeit an und darf fortan nicht mehr in den Osten einreisen. Er bricht alle Beziehungen zu Freunden aus dem Osten ab, auch die zu Friedeward, für den die Trennung ein schwerer Schlag ist.

Beide machen Karriere, sind Könner ihres Metiers, Musik und Literatur, und es scheint sich der Künstlertraum der Jugendlichen zu erfüllen, nur eben nicht gemeinsam.

Ein wenig seltsam mutet es an, dass Friedeward so gelassen zuhört, als im Radio vom Bau der Berliner Mauer berichtet wird. Einzig wegen Wolfgang vergisst er einige Tränen, die Idee eines eingemauerten Berlins scheint ihn kalt zu lassen, vielleicht weil sie so unvorstellbar ist oder in der Überzeugung, dieser Staat sei der Richtige. An der Universität in Leipzig herrscht ein freies, vom Regime wenig beeinträchtigtes Klima. Bis dem Leitenden Professor, genannt Goethe-höchstselbst, eine Ausreise zu einem Kongress in Wien verweigert wird. Bei nächster Gelegenheit bleibt er im Westen. Nun ändern sich die Verhältnisse. Wer nicht linientreu ist/wird, hat keine Chance auf einen höheren Posten. So auch Friedeward, doch er behält zumindest seine Dozentur, weil er zum Zeitpunkt der „Säuberungen“ bei der Beerdigung seines Vater im Eichsfeld ist. Offensichtlich wird auch er längst bespitzelt und steht trotz der „Schein“-Heirat mit Jacqueline, unter Beobachtung. Seine Sexualität lebt er weiterhin nur im Geheimen, obwohl Homosexualität kein Strafdelikt mehr ist.

Für Friedeward vergehen die Jahre bis zur politischen Wende in der DDR dennoch friedlich. Erst die Wiedervereinigung mit der damit verbundenen Abwicklung, mit Stellenabbau auch an der Universität Leipzig, stellt ihn vor eine schwerwiegende Entscheidung …

Heins Sprache ist wie immer unspektakulär, seine Stärke liegt im fließenden Erzählrhythmus, was er mit diesem Roman einmal mehr beweist.

Der Roman erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Weitere begeisterte Besprechungen findet man bei Zeichen & Zeiten, bei Ruth liest und Peter liest.

Steffen Mensching: Schermanns Augen Wallstein Verlag

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Vom Silberlöffel zum grob geschnitzten Holzlöffel: Schon das Buchcover weist auf den Abstieg hin, den der Protagonist Rafael Schermann erleben musste. Die Geschichte Schermanns erzählt Steffen Mensching in Rückblenden. Entstanden ist ein faszinierendes Monumentalwerk von 820 Seiten.

Der 1958 in Berlin (Ost) geborene Autor hat an diesem Roman zwölf Jahre lang geschrieben. Er muss Unmengen recherchiert haben, ob der Genauigkeit mit der er über Rafael Schermann, einen Graphologen und Hellseher erzählt, den es wirklich gab. Der Roman spielt 1941 in Russland in einem Lager des Gulag. Über ein ganzes Jahr lässt er seine beiden Hauptprotagonisten den polnischen Juden Schermann und den jungen Deutschen Otto Haferkorn zusammen unter widrigsten Umständen verbringen.

„Vor dem Tod kriegt man immer schlecht Luft. Die Russen besaßen für die ungemütlichsten Augenblicke trostreiche Sprichwörter“

Dieses Zitat gibt gleich auf den ersten Seiten den Ton vor, der im Roman in den Lagerszenen herrscht. Mensching lässt seine Figuren ohne explizit gekennzeichnete Dialoge sprechen, was anfangs viel Konzentration beim Leser erfordert. Auf einem beiliegenden Lesezeichen sind die wichtigsten Protagonisten des Romans aufgeführt, ein Überblick, der anfangs durchaus hilfreich ist beim Zuordnen der russischen Namen. Auch sonst trifft eine riesige Menge Personal aufeinander. Es sind die, die wichtige Rollen spielen/spielten, die, auf die die beiden Helden im Laufe ihrer Geschichte trafen.

Wenn Schermann beginnt aus seinem reichhaltigen Leben zu erzählen, fallen unzählige auch der Leserin bekannte Namen. Schermann, der in Wien lebte begegnete unzähligen Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Politik der Zwischenkriegszeit, wie etwa Karl Kraus, Adolf Loos, Oskar Kokoschka, Rainer Maria Rilke, Yvan und Claire Goll, Georg Trakl etc.  Viele waren „Kunden“, denn Schermann überzeugte sie alle, selbst die kritischsten, nüchternsten mit seiner hellseherischen Begabung.

Erst ab der zweiten Hälfte wird klar, dass Schermanns Hellseherei nicht nur auf eigener Intuition und Können – er besitzt ein fotografisches Gedächtnis basiert – sondern dass durchaus Methode dahinter steckt. So erzählt er Otto von seinen bisherigen Assistenten, deren Aufgabe es war, vorab über Kunden zu recherchieren und Privates, gar Intimes herauszufinden. Im Lager dolmetscht Otto bei den kein Ende findenden Befragungen, da Schermann angeblich kein Russisch versteht. Otto ist einerseits froh, so lange von der harten Arbeit im Wald beim Holzschlagen befreit zu sein, andererseits ist ihm nicht wohl bei seiner Übersetzer- und Spitzeltätigkeit. Manchmal hält er den alten Polen für einen Spinner, einen ausgebufften Betrüger, manchmal für ein Genie.

„Wo waren Sie? Im Badehaus. Ich erhielt dort etwas, das sich frische Unterwäsche nennt. Für ein Land, das sich auf seine Säuberungen so viel einbildet, sind diese Lumpen keine Empfehlung.“

Im Lager wechselt die Leitung. Als Schermann „abgeholt“ wird, beginnt für Otto ein neues Lagerleben, denn Schermann und er werden in die gefürchtete Baracke der „Urki“, einer Gruppe von gewalttätigen Dieben, Räubern und Mördern, verlegt. Und auch hier zeigt der findige Graphologe wieder Geschick: Beide bleiben verschont von Gewalt und leben für Lagerverhältnisse einigermaßen gut. Doch auch diese vermeintliche Sicherheit bleibt nicht bestehen. Vom Angriff Hitlers auf die Sowjetunion, vom Bruch des Nichtangriffpakts erfahren die Lagerinsassen erst sehr spät. Otto und Schermann werden aufgrund dessen jedoch getrennt …

Auch aus Ottos Erinnerungen und Erlebnissen ergibt sich eine hochinteressante Geschichte. Er, der Deutsche, der als Setzer bei einer deutschen kommunistischen Zeitung in Moskau arbeitete, hatte eine kurze Liebelei mit der glühenden Kommunistin und Journalistin Maria Osten (die es auch tatsächlich gab). Aus den Gesprächen mit ihr ergibt sich ein umfangreiches Bild der damaligen historischen Lage in der sowjetischen Hauptstadt.

„Wir können von Glück reden, sagte Maria, dass wir hier sind, in der Sowjetunion leben wir in Frieden und Sicherheit. Aber was wird mit unseren Freunden im Westen?“

Oft genug googlete ich Personen, Ereignisse und Zusammenhänge, doch ist dieses Buch ob der Vielfalt gerade sehr reichhaltig. Gegen Ende hin erzählt Schermann Otto von seiner Begegnung im Jahr 1915 mit dem Schriftsteller und Herausgeber der Zeitschrift „Fackel“, Karl Kraus, der sich unglücklich in Sidonie Nádherná von Borutín verliebte und mit ihr regen Briefwechsel hatte. Schermann sollte auf Betreiben von Adolf Loos, dem bekannten Architekten, ihre Briefe graphologisch beurteilen. Dies schien für ihn der Durchbruch zu sein.

„Ich lebte in Wien. Dort brauchte ich, um den Ritterschlag gesellschaftlicher Anerkennung zu erhalten, den Kraus. Er machte Leute berühmt, indem er sie feierte oder, was häufiger vorkam, vernichtete.“

Der opulente Roman stellt Verbindungen her zu anderen Romanen deutscher und russischer Geschichte, die ich bereits kenne und liest sich spannender als ein Geschichtsbuch. Solche Romane finde ich bereichernd. Und wenn sie dann auch noch sprachlich so anspruchsvoll sind wie dieser und fesselnd bis zur letzten Seite, bin ich glücklich. Eine der wichtigsten Herbstneuerscheinungen! Ein Leuchten!

Steffen Menschings Roman erschien im Wallstein Verlag. Eine Leseprobe findet sich hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Emmanuel Carrère: Der Widersacher Matthes & Seitz Verlag

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Emmanuel Carrère ist längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Der Matthes & Seitz Verlag hat sich in Deutschland seines Werkes angenommen und bringt nun eine Neuauflage des 2003 unter dem Titel „Amok“ erschienenen Romans  „L`Adversaire“, der bereits 1999 in Frankreich erschien. Für mich ist es der erste Roman Carrères. Ganz bewusst habe ich diesen gewählt, da mich die Geschichte sehr angezogen hat, begibt man sich mit ihr doch sehr tief in die Abgründe der menschlichen Seele.

Und in aller Grausamkeit ist es in der Tat eine faszinierende Geschichte: Ein Mann um die 40 tötet seine Frau, die beiden Kinder und die Eltern. Die Selbsttötung gelingt nicht, er überlebt schwer verletzt. Nach einer kurzen Einführung in den Familien- und Freundeskreis schwenkt Carrère die Kamera um und lässt aus der Sicht eines Schriftstellers erzählen. Dieser verfolgt den Fall Jean-Claude Romands und wendet sich schließlich schriftlich an den mittlerweile in Haft befindlichen Mörder.

Aus diesem Briefwechsel und der Beobachtung der Gerichtsverhandlung macht der Schriftsteller seine Geschichte zu einem Buch. In diesem tatsächlich so begangenem Verbrechen fand Carrère den Stoff für seinen Roman.

Jean-Claude Romand, angeblich wohlhabender Arzt und in hoher Stellung bei der WHO in Genf tätig, hat ein riesiges Lügengerüst erbaut. Seit seinem Studium erfindet er für sich einen Lebenslauf, der unfassbarerweise niemals hinterfragt wird. Nachdem er eine Examensprüfung ausgelassen hat, und somit nicht Arzt werden kann, beginnt er sein weiteres Leben auf Lügen aufzubauen. Es ist hanebüchen zu welchen Mitteln der Mann greift, um gesehen, geschätzt und geliebt zu werden. Er heiratet seine Studienfreundin, zeugt Kinder, veruntreut Gelder, die ihm von Verwandten  als Anlage anvertraut werden, mietet ein nobles Landhaus, fährt teure Autos, gibt Unsummen für seine Geliebte aus und …  keiner merkt etwas. Einmal in diesem Lügen-Karussell gefangen, schreibt sich die Geschichte von allein weiter. Eins folgt dem anderen, bis es scheinbar keine Möglichkeit zurück gibt.

„Eine Lüge dient normalerweise dazu, eine Wahrheit zu verbergen, etwas vielleicht Beschämendes, aber Wahres. Die seine verbarg nichts. Hinter dem falschen Doktor Romand gab es keinen echten Jean-Claude Romand.“

Der Autor versucht nicht aus der Vergangenheit heraus, womöglich aus einer unglücklichen Kindheit heraus den Täter zu entschuldigen. Er zeigt jedoch auf, wie „leicht“ es ist, in eine Spirale der Lügen zu geraten und lässt den Leser dieses unglückliche Leben spüren. Dass der Protagonist sich selbst töten wollte ist absolut nachvollziehbar, denn die Möglichkeit aufzufliegen rückte plötzlich sehr schnell näher. Wie es zu der unglaublichen mörderischen Tat kommen konnte, ist absolut unbegreiflich (Psychologen würden von erweitertem Suizid sprechen). Dafür gibt es keine Antwort, die will auch der Autor nicht finden. Dass der Täter vor Gericht und auch in der Haft sich zunehmend religiös und bußfertig zeigte, um Vergebung bittet, ist möglicherweise eine erneute Lebensflucht. Zudem ist sie wenig glaubwürdig und wirkt wie eine Farce auf die zurückgebliebenen Trauernden.

„Wenn Jesus in sein Herz einzieht, wenn die Gewissheit, trotz allem geliebt zu werden, ihm Freudentränen auf die Wangen treibt, ist es dann nicht immer noch der Widersacher, der ihn täuscht?“

Je weiter ich las, desto bekannter kam mir die Geschichte vor. Ich glaubte sie schon verfilmt gesehen zu haben und dem ist tatsächlich so. Es lief auf Arte die Verfilmung aus dem Jahr 2002 unter dem Titel L’adversaire mit Daniel Auteuil in der Hauptrolle.

Obwohl es sich letztlich nicht um einen vergleichbaren Fall handelt, wurde ich immer wieder an Åsne Seierstads „Einer von uns“ über den Osloer Massenmörder Anders Breivik erinnert. Schon da fragte ich mich, ob ein Mensch grundsätzlich böse sein kann oder ob ihm das Leben so mitspielt, dass er es wird … Eine Frage, die auch in Truman Capotes „Kaltblütig“ mitschwingt, welches für Carrère auch ein gewisses Vorbild war.

Der Roman erschien im Verlag Matthes & Seitz. Er wurde aus dem Französischen übersetzt von Claudia Hamm. Im Anhang gibt es ein höchst interessantes Gespräch zwischen Autor und Übersetzerin. Eine Leseprobe gibt es hier.

Karl-Heinz Ott: Und jeden Morgen das Meer Hanser Verlag

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Was hier mit einem so luftig leichten Titel beginnt, gewinnt beim Lesen schnell an Tiefe. Das Wasser spielt dabei eine Rolle: das wilde Meer in Wales, der zahme Bodensee.

„Jeden Morgen steht sie auf den Klippen, bei jedem Wind und Wetter, und jedesmal denkt sie, ich könnte springen. Denkt es, seit sie hier ist. Das Meer würde sie sofort verschlingen.“

Dass Karl-Heinz Ott ein großartiger Erzähler ist, war auch letzthin in seiner Lesung und Buchvorstellung (passenderweise am Wannsee) im Literarischen Colloquium zu erleben. Geschickt und kurzweilig erzählte er über sein Schreiben und über sein neues Buch. Beim Lesen nun kam mir vieles bekannt vor, Hintergründe die ich aus dem Gespräch erinnere. Doch auch ohne irgendwelches Vorabwissen ist dieses Buch ein Lesegenuss, wenngleich bei nicht gerade leichtem Thema. Doch Ott ist eben ein Könner – er arbeitet auch fürs Theater und ist Musikkenner – der Inszenierung und der Virtuosität. Alles passt. Jeder Satz sitzt. Am Wannsee erzählt er von seinem begonnenen Musikstudium, dass dann durch ein „Erweckungserlebnis“ durch die Lektüre Handkes ein Ende fand. Er wandte sich dem Schreiben zu.

Von einer katholisch-strengen Kindheit bei der Großmutter im Allgäu, später nach deren Tod bei den Nonnen im Waisenhaus, geprägt, möchte die Heldin später eigentlich nichts wie weg aus dieser Gegend. Sie lernt Bruno, einen Koch, bei der Ausbildung in Sankt Moritz kennen. Sie heiraten und übernehmen die Gastwirtschaft von Brunos Eltern. Ohne ihre Tatkraft und Energie wäre aus der Dorfwirtschaft am Bodensee nie ein 1-Sterne-Restaurant geworden. Ohne Ottos Kochkünste auch nicht. Doch als dann der Stern wieder weg ist, geht es mit Bruno bergab.

„Zuweilen ist ihr, als sei sie mit Bruno nie zusammen gewesen. Manchmal entschwindet er so weit, als hätten sie beide nie Seite an Seite gelebt. Er besteht dann nur noch aus einer Hülle, die eine Haube trägt und eine Schürze. Viel mehr sieht sie nicht mehr.“

Von Brunos Tod erfährt man schon zu Beginn des Romans. Langsam dröselt Ott dann die Hintergründe auf und baut damit Spannung auf. Seine Protagonistin, Mitte 60, sitzt auf einem Schuldenberg und findet keine Arbeit mehr. Bruno hat sie mit seinem Tod hängenlassen. Sie folgt schließlich dem Vorschlag eines Stammgasts und fährt, alles zurücklassend nach Wales, um dort ein in die Jahre gekommenes Hotel an der Küste zu bewirtschaften. Es gibt kaum Gäste. Sie hat dort viel Zeit zum Nachdenken und wir Leser/innen dürfen teilhaben an den zweifelnden, hinterfragenden, schmerzlichen, düsteren Gedanken, die sie verfolgen. Sie gibt sich den essentiellen (Glaubens-)Fragen hin, hadert mit der katholischen Erziehung. Selbst im Traum lassen Bruno und dessen Bruder Arno, der das verschuldete Restaurant am Bodensee übernommen hat, sie nicht zur Ruhe kommen. Nur am Meer, auf dem Klippenweg, dem tosenden Wind ausgesetzt, scheint der Kopf etwas leerer zu werden, sich die Unruhe etwas zu legen.

Wiederholte Äußerungen, wie etwa über ein Shakespeare-Gedicht in Sankt Moritz intensivieren das Gefühl der Hauptperson mit ihren ewig um das eine kreisenden Gedanken. Der Sinn des Lebens! Was war verloren? War etwas gewonnen? Was, wenn alles anders gekommen wäre? Großartig wie Ott eine Szene beschreibt, bei der sie einen Vortrag darüber besucht und sich ihrem Empfinden nach plötzlich alles allein auf sie gerichtet scheint. Und es kommen solch herrliche Sätze vor:

„Als Kind erblickte sie in diesen Strommasten lauter kleine Eifeltürme, deren endlose, am Horizont verschwindende Zahl irgendwann in Paris enden müsste.“

Trotz aller Kürze von 140 Seiten hinterlässt die Lektüre das Gefühl großer Fülle, in ihrer Komplexität und Nachdrücklichkeit liegt gerade die Kraft. Wer will, kann sich hier an kurzweiliger Lektüre erfreuen oder aber mit in die Tiefe tauchen, was ich durchaus empfehle. Ein Leuchten!

Bereits mit seinen Romanen „Wintzenried“ und „Die Auferstehung“ (wird auch verfilmt) hat mich Ott begeistert. „Und jeden Morgen das Meer“ erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

Nadine Olonetzky: Belichtungen Kommode Verlag

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Eine ganz und gar faszinierende Idee hatte die vielseitige Schweizer Autorin Nadine Olonetzky. Sie fing die Zeit ein. Wir Bücherliebhaber wissen alle, wie das ist, wenn das Buchregal der Sonne ausgesetzt ist und die Seiten manchen Buchs am Buchschnitt vergilben, Jahr für Jahr mehr. Olonetzky hatte die Idee, dieses Zeitphänomen bewusst auszunutzen. Ich bewundere ihre Geduld: Seit 20 Jahren platziert sie gefundene kleine Gegenstände auf einem Blatt Papier und lässt Sonne und Zeit ihre Arbeit tun. Rund um die Dinge vergilbt das Papier. Zurück blieb die ursprüngliche Form, das Weiß unter den Dingen.

 

„Wir sind leicht, längst hinter allen Wolken, vielleicht auf
dem Weg zur Rückseite des Monds und immer weiter
durch ein Nichts, das trägt. Der Auslöschung
gerade noch einen Lidschlag voraus.“

In dem kostbaren Band sind nun viele dieser Motive abgebildet und eingerahmt von kleinen Texten, die hervorragend zu den Wandlungen passen. Es sind sehr persönliche Miniaturen. Sie sind ebenso wie die Bilder Zeitzeugen. Es wird hinterfragt, geschaut, gefühlt und erinnert. Wie die Belichtungen zeigen sie die Essenz unserer Existenz im Alltäglichen.

„Das Jetzt, wenn es sichtbar wird, ist immer schon
vergangen. Klappen die Lider zu, wird das, was gerade
war, ein Bild im Meer der Erinnerungen. Nur
weil sie vergehen, kann man die Augenblicke sehen.“

Der kleine Kommode Verlag hat aus dem Buch ein feines Kunstwerk gemacht: Hochwertiges Papier, fadengeheftet, der Bucheinband doppelt gelegt und von einer Lichtarbeit hinterlegt. Man spürt hier die Liebe zum Buch. Ich bin froh, trotz aller Hiobsbotschaften, was das Buchsterben betrifft, solche wunderbaren Bücher zu finden. Herzlichen Dank an den Verlag, auch für das Rezensionsexemplar. Mehr über die Autorin und den Verlag findet sich hier.

Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen Ullstein Verlag

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Bereits das Buchcover, das mir ziemlich gut gefällt, weist auf die folgende Geschichte hin. Da ist es aus mit der Romantik eines Caspar David Friedrich (Umschlagbild: Hügel mit Bruchacker bei Dresden), aus mit der heilen ländlich, dörflich, kleinstädtischen Welt, da kreuzt die Faust, die Gewalt das ruhige Dahinleben. Auch in der Epoche der Romantik gab es zeitgleich den Drang zur Weltflucht und die Ausrichtung ins Private, aber auch ein Suchen der Identität in Richtung Nationalismus. Und natürlich Heinrich Heine: Deutschland Ein Wintermärchen, seinerzeit als Schrift eines „Vaterlandsverräters“ beschimpft.

Dass der Roman teils biografisch ist, sagt der Autor selbst. Und dieses Debüt des 23-jährigen Lukas Rietzschel lebt von seiner Geschichte, von einer Geschichte, die aktueller und brisanter nicht sein könnte. Er zeigt, wie Misstrauen und Hass sich langsam und unscheinbar, aber stetig entwickelt in einer zunächst heilen Welt …

Die Geschichte einer zerfallenden Familie ist es. Sie zieht sich über 15 Jahre hinweg von 2000 bis 2015 und ist angesiedelt in Neschwitz in der Lausitz. Zwei Jungs, Philipp und Tobi, kleiner Altersunterschied, und Eltern, die gerade ein Haus bauen, die beide Arbeit haben. Ihnen geht es besser, als anderen in dem kleinen Ort in Sachsen. Viele haben ihre Arbeit verloren und mancher versinkt in Alkohol und Sinnlosigkeit.

Ganz langsam baut sich ein Szenario auf: Die Jungs, denen langweilig ist, die auf der Suche sind und die „falschen“ Freunde finden. Viele ziehen weg, von Zukunft kann hier keine Rede sein. Die Ehe der Eltern zerbricht. Der geliebte Großvater stirbt. Viel Hoffnung bleibt da nicht. Zunächst sind da die Sorben, diese kleine nationale Minderheit mit der eigenen Sprache die in der Lausitz lebt und die von der Clique der Brüder als Fremde angefeindet werden. Und dann all diese Massen von Fremden aus Afrika und Arabien, die Unterkunft und Geld bekommen, während im Ort Schule, Sparkasse, Läden geschlossen werden. Leise schleicht sich der Hass in die Gemüter der Menschen, die sich zurückgelassen fühlen. Rietzschel macht das sehr glaubwürdig, buhlt aber nicht um Verständnis, klärt nur auf.

„Deshalb ist man doch kein Nazi“, sagte Philipp und drehte sich um. Das erste Mal sah er Christoph wieder ins Gesicht. „Alle anderen dürfen stolz auf ihr Land sein“, sagte er, „nur in Deutschland ist das verboten!“.

Einer der Brüder, Philipp, der ältere, zieht sich zurück aus der Szene, will selbständig werden, will weg an einen besseren Ort. Tobias hingegen macht mit und zwar aktiv. Er will nicht hinnehmen, dass „sein“ Land, dass, was ihm zusteht, von diesen Fremden genommen wird. Was anfangs noch als Ausraster im betrunken Zustand an Silvester geschieht, wird immer aggressiver. Tobias und seine Freunde werden gezielt gewalttätig. Übergriffe werden genau geplant und rigoros durchgeführt. Tobias, der sich von Mutter, Vater und Bruder missverstanden und abgelehnt fühlt, sich aber eigentlich nach Zugehörigkeit sehnt, findet nirgends mehr Halt und übergibt sich voll dem Hass und der Gewalt.

Lukas Rietzschels Sprache mit ihren stakkatohaften, teils abgehackten und fragmentartigen Sätzen wirkt zunächst unbeholfen, unvollständig, passt aber zunehmend zur bedrohlichen Entwicklung der Geschichte. Ein wenig mehr Tiefe hätte dem Roman dennoch gut getan. Trotzdem ein recht gutes Debüt!

Der Roman des erst 23-jährigen Autors erschien im Ullstein Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.