Sonntags-Literatürchen

In Form der Literarischen Adventtürchen gibt es nun jeden Sonntag ein Türchen zu leuchtender Literatur. Viel Freude!

 

Aus „Bezüglich der Schatten“ von Lewin Westermann

Meine Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2020/07/03/levin-westermann-bezueglich-der-schatten-matthes-seitz-verlag/

Andreas Maier: Die Städte Suhrkamp Verlag

Der achte Band des auf elf Teile angelegte Romanzyklus „Ortsumgehung“ von Andreas Maier ist erschienen! Beinahe jedes Jahr gibt es einen neuen Band, der von mir immer sehnlichst erwartet wird, denn ich bin großer Fan des Erzählstils von Maier. Es sind autobiographische Schriften, womöglich in Anlehnung an Thomas Bernhard, dessen Prosa Thema der Dissertation Maiers war. Auch Maier hat einen sehr eigenen Stil, den ich sehr amüsant finde, zudem ergibt sich bei mir oft ein Wiedererkennungseffekt, da ich im selben Jahr wie Maier geboren bin und somit ähnliche Kindheitsszenarien kenne. 

Andreas Maier wuchs in der Wetterau Nähe Frankfurt am Main auf und nimmt uns diesmal mit auf Reisen. Da sind die Kindheitsreisen mit den Eltern und den Geschwistern in den Ferien. Meist immer ans gleiche Ziel: Das eigene Ferienhaus in Brixen in Südtirol, wo immer die gleichen Abläufe vor sich gehen. Die selben Touren immer mit dem Auto, mit dem Mercedes Benz, denn der Vater ist wohlhabender Rechtsanwalt. Die täglichen Ausflüge und das Köfferchen mit den geliebten Asterixheften, die zum xten Mal gelesen werden, bereits auf der Anreise beim Autofahren.

Auch bei einer klassischen Bildungsreise der Eltern nach Griechenland ist Andreas noch dabei. Der 13-jährige Teenager sitzt dann allerdings meist an der Hotelbar und trinkt Ouzo in südländischer Langsamkeit, statt die Eltern bei den Besichtigungstouren zu begleiten. Die erste Reise allein, bzw. mit einem etwas älteren Schulfreund führt nach Frankreich, nach Biarritz und zwar per Anhalter. Schnell zeigen sich allerdings die Unterschiede zwischen den beiden Jungen. Der eine interessiert sich vor allem für Strand und Mädchen, während Andreas sich irgendwie so gar nicht zielgerichtet lieber treiben und überraschen lässt. 

Der interessanteste Teil spielt in einem piemontesischen Dorf, in dem Andreas, durch eine Freundin vermittelt, viele Wochen in einer Ferienwohnung verbringt. Mit dem Vorsatz, sich umzubringen ist er losgefahren, hadert jedoch von Tag zu Tag damit. Das Wie und Wo will bedacht sein. Das Warum erfährt die Leserin nicht, vermutet aber, dass es eine typische melancholische Stimmung einer bestimmten Altersgruppe ist, die dazu neigt. Auch die Unzufriedenheit mit dem eigenen Schreiben scheint eine Rolle zu spielen. Trotz des scheinbaren Ernsts der Situation, ist dies auch die witzigste Geschichte im Buch. Denn A. beginnt plötzlich Italienisch zu lernen und seine ersten Kenntnisse im Laden und in der Pizzeria bei der hübschen Kellnerin anzuwenden. Das ist natürlich eine Zukunftszugewandtheit in der ein Suizid keinen Platz hat.

„Besuch hatte sich angekündigt. Mein Freund Jan Plaumann und ein weiterer Bekannter würden nach Oulx kommen, in meine Wohnung. Da konnte ich mich natürlich auch wiederum nicht umbringen. Vorher wollte ich nicht, denn der Besuch würde spaßig werden, das wußte ich im voraus. Den Besuch konnte ich gerne noch mitnehmen.“

Zuletzt, Andreas ist nun bereits 32, Doktorand und hat einen Roman geschrieben, geht es nach Weimar. Es ist das Jahr 2000, ein Jahr nachdem Weimar Kulturhauptstadt Europas war. Ich erinnere mich gut daran, habe ich doch damals in Thüringen gelebt und selbst viele der Veranstaltungen besucht. Maier ist angereist zu einer Lesung anlässlich des Nietzsche-Geburtstags. Er erzählt vor allem von den vielen Nazis, die ihm dort begegnen und von den Weimarern, die er, aufgrund einer einzigen skurrilen Begegnung als sehr provinziell darstellt, was ich ein wenig unglücklich bis überheblich finde, denn an zwei Besuchen in Weimar kann man sicher keinen hinreichenden Eindruck von der Bevölkerung erlangen. Ich selbst habe die kulturellen Veranstaltungen dort mit sehr aufgeschlossenem und buntem Publikum erlebt. 

„Die Städte“ erschien im Suhrkamp Verlag. Die Besprechung zum letzten Band „Die Familie“ findet sich hier. Dort kann man auch die jeweils vorherige Besprechung der einzelnen Bände finden. 

Eine weitere Besprechung des Buches gibt es auf dem Blog BooksterHRO

 

Norbert Gstrein: Der zweite Jakob Hanser Verlag

Gerade zur Zeit ist sie wieder häufiger in den Medien: die Grenze zwischen den USA und Mexiko. Der Grenzzaun, der unter Trump zur Mauer werden sollte, hält mexikanische Bürger ab, in die Staaten abzuwandern auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Norbert Gstreins neuer Roman spielt zumindest in Teilen in der texanischen Grenzstadt El Paso, die direkt ins mexikanische Juarez übergeht. Wäre da nicht die Grenzkontrolle. Hauptprotagonist ist Jakob, der aus einer wohlhabenden Tiroler Skilift- und Hotelbesitzerfamilie stammt. Recht schnell hat er sich abgegrenzt und ist weggegangen aus dem Heimatort, aus dieser einengenden Dorfwelt. Ein halbwegs bekannter Schauspieler ist aus ihm geworden, der sich mithilfe des Erbes der Großmutter schadlos hält. Er ist der „zweite Jakob“ in der Familie, der etwas „anders“ ist.

In der Wüste rund um El Paso dreht er einen Film, in dem er einen Grenzpolizisten spielt, der je eine Geliebte auf beiden Seiten des Zaunes hat. Sein Part ist es am Schluss die mexikanische Geliebte umzubringen. Als Film-Mörder hat er schon Erfahrungen und dennoch macht ihm die Szene mehr zu schaffen als die Male zuvor. Weshalb erfahren wir aus einem Gespräch mit der Tochter Luzie 15 Jahre nach dem Vorfall.

Luzie, die mit 12 ins englische Internat abgeschoben wurde und nun mit 20 den bereits drei mal geschiedenen Vater vor einer geplanten gemeinsamen Reise in die USA fragt, was das Schlimmste war, dass er in seinem Leben getan hat. Eine interessante Frage, die von einer jungen Frau gestellt wird, die ebenfalls als „etwas anders“ beschrieben wird. Im Grunde erscheint sie mir als hochsensibler Mensch auf der Suche nach Halt und Stabilität, die sie nie von den Eltern bekommen hat. Nach einigen Ausflüchten erzählt Jakob von dem unheilvollen Geschehnis in der texanischen Wüste. Mit einer exaltierten betrunkenen Schauspielerkollegin war er im Auto mitgefahren und in der Dunkelheit überfuhren sie auf einer abgelegenen Straße eine Frau und begingen Fahrerflucht. Als Luzie das hört, ist sie entsetzt und distanziert sich von ihrem Vater. Die gemeinsame Reise fällt ins Wasser. Auch meine Reaktion als Leserin ist Entsetzen über diese Fahrerflucht. Wie schafft man es eine solche Schuld über 15 Jahre hinweg für sich zu behalten und damit zu leben?

In Vor- und Rückblenden, einmal Texas, einmal Innsbruck, wo Jakob und Luzie wohnen, taucht die Leserin tief in die Geschichte ein. In den Beschreibungen der Grenzregion mit ihren großen Problemen erfahren wir auch wie besonders hart es einmal mehr die Frauen trifft, die teilweise als halbe Kinder täglich in den Fabriken arbeiten und sich zusätzlich oft als Prostituierte verdingen, weil das Geld nicht reicht. Geschickt packt Gstrein diese Themen mit in die Story, indem er einen Journalisten in die Geschichte einführt, der in El Paso über unzählige Frauenmorde recherchiert. Jakob hat ihn in Verdacht, womöglich etwas über die Fahrerflucht heraus gefunden zu haben.

Auch das Vater-Tochter-Verhältnis erhält eine wichtige Rolle im Roman. Luzie als Hinterfragende und Jakob, der seine eigene Tochter im Prinzip gar nicht kennt. Und obwohl beide sich recht ähnlich sind, kommen sie dennoch selten gut miteinander aus. Luzies Freund behagt dem Vater nicht und seinem Biographen, einem windigen Typ, scheint sie mehr zu erzählen, als ihm lieb ist. Am Ende verbessert sich die Beziehung aber doch und Luzie begleitet den Vater sogar zu den Geburtstagsfeierlichkeiten in die Heimat, von der Jakob sie immer fern gehalten hatte.

Vor dem letzten Kapitel fügt Gstrein noch zwei kurze Kapitel ein, die meiner Meinung nach vollkommen überflüssig sind und keinerlei Mehrwert bringen, in dem der am Altern leidende, bald 60 werdende Jakob von einer möglicherweise tödlichen Krankheit erfährt und in dem er die obligatorische Affäre mit einer 30 Jahre jüngeren Frau hat. Sorry, das ist mir zu einfallslos und altmännerhaft. Hier wird manches in Frage gestellt, was es vorher an inhaltlicher Tiefe und Sprachgewandtheit gibt. Und auch weil der Roman nicht in Allem stimmig konstruiert ist, finde ich, dass es nicht der beste von Gstreins Romanen ist.

Das Buch erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Besprechungen zu Die kommenden Jahre und Als ich jung war von Gstrein, die mir auch besser gefielen, gibt es schon auf meinem Blog.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Tove Ditlevsen: Kindheit/Jugend/Abhängigkeit Aufbau Verlag

Alle sind begeistert von Tove Ditlevsens (1917 – 1976) autobiographischer Roman-Trilogie. Ich hatte mich sehr aufs Lesen gefreut, denn eine Gedichte schreibende Frau aus der Arbeiterklasse klang hochinteressant. Doch ich kann in den Begeisterungssturm gar nicht so sehr mit einstimmen. Der dritte Band gefiel mir letztlich am Besten, schien mir am Ausdruckvollsten. Inhaltlich ist die Geschichte durchaus interessant, als Zeitdokument eines Frauenlebens dieser Jahre und Einblick in die Reifung ins Schriftstellerinnendasein. Sprachlich haben mich die Bände aber ein wenig enttäuscht. In den abgedruckten Gedichtstellen sehe ich auch nicht die große Begabung, die Ditlevsen damals in Kopenhagen bescheinigt wurde.

Schon als Kind fühlt sich Tove anders als die anderen Kinder in der Siedlung, in der die Ärmeren Kopenhagens leben. Der Vater meist arbeitslos, aber lesend und gewerkschaftlich organisiert und politisch interessiert, die unzufriedene Mutter zuhause, die sie schlägt. Schon mit fünf lernt sie von sich aus Lesen und Schreiben. In der Schule ist sie sehr gut, aufs Gymnasium darf sie dennoch nicht. Sie tritt mit 14 also ihre erste Arbeitsstelle an. Und sie schreibt. Was mit einem Poesiealbum beginnt, mit dem Tagebuch weitergeht und schließlich zu Gedichten und längeren Texten führt. Immer wieder wird klar, wie wenig gebildet sie ist und wie sehr (und meist richtig) ihre Intuition sie leitet und antreibt. Mit 18 zieht sie aus – ein eigenes Zimmer, endlich. Oft sind es glückliche Umstände, Zufälle, Begegnungen mit passenden Menschen, aber auch der stete Drang schreiben zu wollen, die sie auf ihrem Weg voran bringen. Ein Schlüsselsatz ist für mich etwa dieser:

„Ich denke, dass Piet Hein nicht weiß, was es bedeutet, arm zu sein und fast seine ganze Zeit verkaufen zu müssen, nur um ein Auskommen zu haben. Ich hege viel mehr Sympathie für Halfdan Rasmussen, der klein, dünn und schlecht gekleidet ist und von Sozialhilfe lebt. Wir entstammen dem selben Milieu und sprechen dieselbe Sprache.“

Klingt die Erzählstimme im ersten Band sehr kindlich, im zweiten Band sicherer, scheint sie mir im dritten Band, der auch im Original später (1967/1971) als die beiden ersten erschien, gereift. Nach ersten Erfahrungen mit Männern und durch das durch eigene Arbeit relativ selbständige Leben, folgen nun in Band 3 Abhängigkeiten in der Ehe. Vier mal hat Ditlevsen geheiratet. In ihrer dritten Ehe (1945) mit einem Medizinstudent wird sie durch ein Medikament nach einem Schwangerschaftsabbruch abhängig. Obwohl dieser Mann ihr gar nichts bedeutet, ist sie abhängig von ihm, weil er die Drogen beschafft und ihr verabreicht. Anfänglich schreibt sie unter Drogeneinfluss wie im Rausch. Doch ihre Gesundheit verschlechtert sich in dieser Zeit enorm. Wie sie diese destruktive Zeit schildert, auch wie ihr Mann Carl zur gleichen Zeit eine Psychose bekommt, ist sehr stark erzählt. Hier zeigt sich auch am deutlichsten der Wunsch einerseits nach Unabhängigkeit, vor allem für ihr Schreiben und andererseits nach Sicherheit und Familie. Mit ihrer Sucht wird sie ihr Leben lang zu kämpfen haben, doch scheint ihr die letzte Ehe mit Victor und ihre Kinder einigen Halt gegeben zu haben. 1976 stirbt sie an einer Überdosis Schlaftabletten.

Die drei Bände erschienen im Aufbau Verlag. Übersetzt hat sie Ursel Allenstein.

Ingrid Mylo: Überall, wo wir Schatten warfen Edition Azur

Es gibt Gedichte, die docken sofort bei mir an, die schwingen sofort, sind mit meinem System sofort im Einklang. Ingrid Mylos Gedichtband „Überall, wo wir Schatten warfen“ enthält solche Gedichte. Alle gefallen mir. Dabei sind es keine hoch verrätselten oder poetologisch aufwendig zu deutende Texte, sondern mit geübter und dabei dennoch spielerischer Hand geschriebene. Es sind Gedichte, die von der Natur erzählen, vor allem auch von der menschlichen und die ernst und still und fein Tiefen ausloten, die ich sehr mag.

"Schon damals,
Schatten und Schmerz.
Und die Schärfe,
die sich verliert mit
den Metern, mit den Minuten.
Dort, wo die Grenze des Dunklen
Aufruhr wird, Vegetation,
lässt sich vergessen, woher
die Traurigkeit rührt."

Mylo erzählt dabei von ihrem Schreiben und vom Erinnern an Menschen, an Erlebnisse. Sie schildert Momente des Innehaltens, kleine Sensationen. Sie zeichnet die Liebe. Sie reflektiert Situationen und betrachtet sie neu im Schreiben. Sie benutzt dabei Farben, grün, rot, blau und auch gelbe Tulpen. Mit Farbsignalen beleuchtet sie ihre Verse und setzt sie in die jeweilige Atmosphäre hinein. Und lässt uns Leser die eigene (innere) Stimmung dabei finden. Schatten sind immer dabei.

"Bleistiftspuren

Ein Flüstern, verstohlen, ein
graues Scharren, das Finten
nach sich zieht und gute
Gründe, wachsende Strophen
wie Kapriolen von Insekten:
die Irrtümer sind sanft, und
die Wahrheiten schlagen
sich nieder wie grüner Regen.
Im Schatten. Im
Schatten stöbern wir die
Freuden von früher auf."

Eine Art Melancholie durchzieht die Zeilen, wie ich sie selbst gut kenne. Hier geht es ums Älterwerden, ums Zurücklassen, um den geweiteten Blick auf das bisher gelebte, mehr als „die Hälfte des Lebens“. Die Verluste, die es bereits zu Beklagen gibt. Die Toten. Was wohl noch kommt? Was wohl immer bleibt? Spürbar ist jedoch auch eine weise Gelassenheit, die von Resignation weit entfernt ist.

"Oktobernacht

Was bleibt, wenn die Freunde
gegangen sind,
die Himmel leerstehen,
die Rätsel heruntergekürzt
auf zwei bloße Ziffern.
Eine Kinderschürze
voller zusammengeraffter Wörter,
ein aufgeschreckter Blick,
unter dem sich der Sand
schneller häuft, als
Gefühle Schatten werfen.
Nichts mehr zu sagen."

Mylo erinnert sich auch an Reisen, an Orte, der besonderen Bedeutung, London, die Provence. Hier ahnt man teilweise nur, welche Erlebnisse sich in Erinnerungen entfalten. Spürbar und sinnlich entdecke ich hier erneut Südfrankreich, wie ich es selbst vor vielen Jahren erlebte.

"Carpentras, Cavaillon, am Kanal entlang,
Kurven und Wald, Cotignac.
Elf dem Abhang abgetrotzte Terassen,
Oliven, Steinschichten, Wind,
die Verschiebung der Pflichten:
man hat, wenn sie auf dem eigenen Land wachsen,
auch für die Feigenbäume Sorge zu tragen, selbst
wenn man die Früchte nicht mag."

Die 1955 geborene vielseitige Ingrid Mylo hat nach vielen anderen Texten, Rezensionen, Regiearbeiten, Essays und Kolumnen nun einen Gedichtband verfasst. Welch ein Glück! Für mich ist dieses Buch ein Schatz geworden, in den ich immer wieder ein- und untertauche. Große Empfehlung! Helles Leuchten!

Das Buch erschien in der Edition Azur im Hause von Voland & Quist. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

J.J. Voskuil: Die Mutter von Nicolien Wagenbach Verlag

Es ist wie ein Nachhausekommen. Ich lese die ersten Zeilen und bin sofort wieder von J.J. Voskuils (1926 – 2008) Sprachstil umfangen. Und wenn sich Nicolien und Maarten dann den ersten Genever einschenken, weiß ich, dass ich traurig bin, da ich schon alle Bände von Voskuils grandiosen Mammutwerk „Das Büro“ gelesen habe und dass es nichts neues von ihm geben wird.  „Das Büro“, dieses 7-bändige Werk mit jeweils an die 1000 Seiten, erschienen im Verbrecher Verlag, habe ich eins nach dem anderen verschlungen. Erklären kann ich mir den Sog nicht, aber ich weiß, ich hätte auch noch 20 weitere Bände dieser so humorvollen und trotzdem tiefgängigen Geschichte mit all ihren skurrilen Figuren gelesen.

Nun bringt der Wagenbach Verlag einen „Satellitenband“ heraus, wie Übersetzer Gerd Busse es nennt. Es geht um die Mutter von Nicolien, Maartens Ehefrau, die an Demenz erkrankt. Am Rande hat man das bereits im „Büro“ lesen können, aber nun steht die Mutter, die sowohl von Tochter als auch von Schwiegersohn noch gesiezt wird, im Vordergrund. Voskuil gliedert sein Buch tagebuchartig in Kapitel, die im Jahr 1957 beginnen. Manchmal überspringen die Kapitel ganze Jahre, manchmal folgen die Tage direkt aufeinander. Bis ins Jahr 1985, als Nicoliens Mutter stirbt.

Voskuil schafft es, dass in all der Traurigkeit, die der langsame und stete Gedächtnisverlust und auch der körperliche Verfall des Alterns hervorruft, immer wieder der typische Humor aufblitzt, den ich schon aus dem „Büro“ kenne. Lange habe ich bei einem Roman nicht mehr laut aufgelacht, hier aber schon. Zudem ist Voskuil ein Meister des Dialoge-Schreibens. Dass ich das 250-Seiten-Buch möglichst langsam lesen wollte, war dem geschuldet, dass ich wusste, es wird danach schwierig ein neues zu beginnen.

„“Aber sie haben doch überhaupt keine guten Zähne?“ Es klang verärgert. „Sie hatten vor dem Krieg schon ein künstliches Gebiss.“
„Habe ich ein Gebiss?“
„Das wissen sie doch wohl? Sie nehmen es doch jeden Abend aus dem Mund, bevor sie schlafen gehen?“
Ihre Mutter lachte. „Ja, jetzt, wo du es sagst. Willst du mir wohl glauben, dass ich das völlig vergessen hatte.““

Maarten und Nicolien Kooning leben in Amsterdam. Sie haben keine Kinder, aber Katzen, sind politisch und naturschutzaktiv. Nicolien geht nicht arbeiten und Maarten beginnt seine Stelle im Büro im Beerta-Institut auch nur unwillig, weil eben Geld verdient werden muss. Der 1. Juli 1957 ist sein Geburtstag und gleichzeitig sein 1. Arbeitstag. Über die Jahre wächst er mit seiner Arbeit so stark zusammen, dass er darüber mit Nicolien oft in Streit gerät. Auch in diesem Buch kann man davon lesen.

„“Eine Besprechung?“ Ihre Stimme hob sich vor Empörung. „Während Mutter da ist?“
„Aber ich habe momentan furchtbar viel zu tun.“ Er fühlte sich schuldig.
„Es scheint fast, als ob du verrückt geworden wärst! Eine Besprechung! Für das Büro! In deiner Freizeit! Statt dich gemütlich dazuzusetzen! Ich höre ja wohl nicht recht! Eine Besprechung! Wenn man dir das vor zwanzig Jahren erzählt hätte, hättest du dich kaputt gelacht. Hörst du mich? Kaputtgelacht hättest du dich!“

Nicoliens Mutter lebt in Den Haag. Die beiden besuchen sie oft an Wochenenden oder sie kommt mit dem Zug nach Amsterdam. Immer gibt es den gewohnten Kaffee, die Törtchen, für die Mutter den Eierlikör, für sie selbst den Genever. Bald wird aber sichtbar, dass der Mutter das Erinnern immer schwerer fällt, dass sie Sachen verlegt oder den Wochentag verwechselt. Maarten fordert sie oft heraus, fragt sie nach Dingen, die sie eigentlich wissen müsste, nach der Kindheit, nach Gewohnheiten, versucht Begrüßungsrituale mit ihr aufrecht zu erhalten. Sie spielen Domino oder hören Schubertplatten.

„Nachmittags hörten sie Musik von Schubert an. Bei den Impromptus, die Nicoliens Vater immer gepfiffen hatte, hob ihre Mutter den Kopf ein wenig und bewegte die Hand sanft zum Takt. Das rührte ihn.“

Oft ergeben sich auch witzige Situationen durch die Vergesslichkeit. Bald jedoch traut sie sich nicht mehr alleine mit dem Zug zu fahren und Freundinnen laden sie aus, weil sie immer und immer wieder die Antworten wiederholen müssen, weil sie zu anstrengend wird. Nicolien und Maarten bleiben sehr geduldig.

Als sie mehrmals von Zuhause verschwindet, müssen die beiden sich entscheiden, sie in ein Pflegeheim zu bringen. Auch dort besuchen sie sie regelmäßig, doch sind die Besuche dort schon beim bloßen Lesen deprimierend. Die Mutter versinkt in Gedanken, erkennt sie manchmal nicht mehr, ängstigt sich bei ungewohnten Abläufen. Den letzten Geburtstag am 9. März „feiern“ sie noch zusammen im Pflegeheim, am 11. April 1985 erhalten sie den Anruf von ihrem Tod.

Wen das Thema Demenz interessiert oder wer einen Einstieg in das Voskuil-Universum sucht, dem sei dieses Buch empfohlen. Und den Fans vom Büro sowieso. Ein Leuchten!

Das Buch erschien im Wagenbach Verlag. Perfekt im Maarten-Style übersetzt hat es wie immer Gerd Busse. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Meine Rezensionen zu „Das Büro“ Band 1-7, erschienen im Verbrecher Verlag finden sich hier.

 

Monika Helfer: Vati Der Hörverlag

Gerade ein Jahr nach dem Roman Die Bagage, den ich auch als Hörbuch hier besprochen habe, gibt es nun „Vati„, wieder von Monika Helfer selbst eingelesen. Nachdem sie in „Die Bagage“ die Familie ihrer Mutter vorstellte, spricht sie nun über ihren Vater. Immer mehr erinnern mich ihre kurzen Romane an die autobiographischen Bände von Annie Ernaux. Zwar hat jede ihren eigenen Stil zu erzählen, doch geben beide auch Einblick in eine Familienwelt, die auch immer die Gesellschaft dieser Zeit spiegelt. Bei Helfer ist es sogar der Wortschatz, der teilweise gar nicht mehr verwendet wird. Sie liest das Buch ungekürzt auf 4 CD`s ganz wunderbar mit ihrer ausdrucksvollen, rauhen, teils hinterfragenden Stimme. Denn sie hat natürlich recherchiert, aber die eigenen Erinnerungen und die der noch lebenden Familienmitglieder unterscheiden sich oft voneinander.

„Wir sagten Vati. Er wollte es so. Er meinte, es klinge modern. Er wollte vor uns und durch uns einen Mann erfinden, der in die neue Zeit hineinpasste. An dem eine andere Vergangenheit abzulesen wäre. Untertags und auch nachts denk ich an ihn, wie er da in seinem Lehnstuhl sitzt unter der Stehlampe, rundum die eigenen Kinder und fremde, zum Beispiel die vom Erdgeschoss. Ihr Ball rollt um seine Füße, unter den Stuhl, ihn schreckt es nicht. Er liest.“

So beginnt Monika Helfers Roman. Ihr Vater lernt schon vor dem ersten Schultag lesen und war schon als Kind den Büchern verfallen. In der Bibliothek des Vaters eines Schulkameraden liest er nicht nur, sondern beginnt die Bücher abzuschreiben. Er wird deshalb auch auch gefördert und darf aufs Gymnasium. Doch kurz vor der Matura wird er in den Krieg eingezogen. In einem Lazarett muss ihm der erfrorene Unterschenkel abgenommen werden, doch er lernt hier auch seine zukünftige Frau kennen, die als Krankenschwester da arbeitet. Wir kennen sie bereits aus „Die Bagage“. Bereits im Lazarett macht sie Josef einen Heiratsantrag.

Für den Vater, der auf der „Tschengla“, einem Ort in den österreichischen Bergen auf 1200 m Höhe, nur über eine Seilbahn zu erreichen, nach dem Krieg ein Kriegsopfererholungsheim leitet, ist es ein guter Schritt. Hier blüht er wieder auf. Einer der Stiftungsmitglieder spendet dem Heim eine große Bibliothek, die für den Vater ein Schatz ist. In der Abendschule macht er seine Matura nach. Der Familie geht es gut, die Kinder wachsen dort glücklich auf, bis das Heim zum Hotel ausgebaut werden soll. Aufgrund einer Buchprüfung glaubt der Vater Schuld auf sich geladen zu haben und begeht einen Selbstmordversuch mit Gift. Den Kindern wird das natürlich als „Versehen“ verkauft. Der Vater bleibt lang in der Klinik, die Mutter folgt bald darauf. Sie hat Krebs.

Die drei Schwestern Monika, Gretl und Renate leben nach dem frühen Tod der Mutter bei ihrer Tante Kathi in Bregenz, die selbst drei Kinder hat. Mit der Freiheit ist es nun aus. In beengten Verhältnissen wachsen die Mädchen heran. Der Vater lässt sich nicht mehr blicken, lebt eine Zeitlang nah am Absturz in Klausur in einem Kloster. Über ihn oder die Mutter wird nicht geredet. Viel später nach einer psychischen Krise, als der Vater wieder heiratet, nimmt er die Töchter wieder zu sich. Es geht wieder aufwärts. Er wird Finanzbeamter und übernimmt schließlich die Leitung der Gemeindebibliothek. Im Alter von 67 Jahren stirbt der Vater in der Bibliothek, beim Auspacken von Bücherkisten.

Nach „Die Bagage“ ist auch dieser Roman wieder sehr berührend. Ich selbst erinnere mich noch an Kinderzeiten, wo das Familienleben in der Küche stattfand, Hausaufgaben am Küchentisch gemacht wurden und das Wohnzimmer erst gegen Abend geheizt und betreten wurde. Das Hörbuch erschien beim Hörverlag, das Buch bei Hanser. Eine Hörprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.