Deutscher Buchpreis 2018 – Die Longlist Meine bisherigen Leseerfahrungen

Von der diesjährigen Buchpreis-Longlist habe ich bereits drei Romane gelesen, die mir alle drei sehr gefallen haben, sprachlich am Schönsten war Anja Kampmanns Debütroman. Ein weiteres ist heute eingetroffen: Auf Maxim Billers „Sechs Koffer“ bin ich sehr gespannt. Drei weitere sind schon angefordert und auch den Rest finde ich überwiegend lesenswert.

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Mein Beitrag zu Arno Geigers  „Über der Drachenwand“:

Ich habe Arno Geigers neuen Roman nur aufgrund der guten Kritiken zur Hand genommen, denn sein letztes Buch „Selbstporträt mit Flusspferd“ fand ich schwach. Doch „Unter der Drachenwand“ ist wieder ein buchpreiswürdiges Werk, wie ich finde, sein bestes. Ich bin tief beeindruckt. Es ist ein Buch, welches ich nach Lesebeginn nicht mehr aus der Hand legen mochte und bei dem ich, das ist selten, es schwierig fand darüber zu schreiben, weil man es eigentlich unbedingt selbst lesen und vor allem spüren muss … weiterlesen 

 

 

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Mein Beitrag zu Anja Kampmanns „Wie hoch die Wasser steigen“:

Anja Kampmann ist mir als Lyrikerin bereits bekannt. Nach ihrem Lyrikdebüt 2016 liegt nun ihr Romandebüt vor mir und ich freue mich, dass sie beides kann – Lyrik und Prosa.

Ihr Roman beginnt auf einer Ölbohrinsel im Meer vor Marokko. Wir lernen die Arbeiter kennen, die draußen hoch überm Wasser ihre harte Arbeit verrichten. Kampmanns Blick fällt auf Waclav/Wenzel, der aus Polen kommt und auf seinen Freund Matyás, der nach einer Unwetternacht plötzlich verschollen ist. Es wird sofort von seinem Tod ausgegangen. Beweise dafür gibt es nicht. … weiterlesen    

 
Jahre später
Mein Beitrag zu Angelika Klüssendorfs „Jahre später“:

Angelika Klüssendorfs Roman „Jahre später“ ist nach „Das Mädchen“ und „April“  die Fortsetzung der Geschichte von April. Es ist ein Roman über eine alles in den Schatten stellende Ehe. Ob er von Liebe handelt, ist nicht wirklich gewiss. Klüssendorfs Romane erzählen von einer DDR-Kindheit, Adoleszenz und dem späteren Leben im Westen, sie sind überwiegend autobiographisch. …  weiterlesen

 

 

Gelesen werden also bald außer Maxim Billers „Sechs Koffer“ (ob er seine hohen Ansprüche an die Literatur im eigenen Roman halten kann?) noch:

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Nino Haratischwilis „Die Katze und der General“. Die Autorin hat mich mit ihrem ersten Roman, dem wundervollen schokoladenhaltigen „Das Achte Leben – Für Brilka“ vollkommen begeistert. Meine Besprechung dazu gibt es hier. Große Vorfreude auf den neuen Roman.

Gianna Molinaris Debütroman „Hier ist noch alles möglich“. Die Autorin las im letzten Jahr beim Bachmann-Wettbewerb einen Auszug aus diesem Roman. Die Lesung machte mich sehr neugierig. Hier gibt es mehr über die Autorin und eine Leseprobe.

Eckhardt Nickels Roman „Hysteria“. Der Autor las im letzten Jahr ebenfalls beim Bachmann-Wettbewerb einen Auszug aus seinem Roman. Auch seine Lesung gefiel mir gut. Hier gibt es mehr über den Autor und eine Leseprobe.

Ich bin recht zufrieden mit der Liste, obgleich mir Bettina Wilperts „Nichts, was uns passiert“ und Steffen Menschings „Scheermanns Augen“ und natürlich ein Lyrikband fehlen.

Die komplette Longlist kann man auf der offiziellen Seite des Deutschen Buchpreises 2018 finden: https://www.deutscher-buchpreis.de/nominiert/#section-longlist

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Zülfü Livaneli: Unruhe Klett-Cotta Verlag

 

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Es ist mein erstes Buch von Zülfü Livaneli. Dabei hat der türkische Autor bereits sehr viele Romane auch in deutscher Sprache veröffentlicht. Wie ich finde, darf man ihn ruhig auf eine Stufe mit Orhan Pamuk stellen, der ja hierzulande sehr viel bekannter ist.

Livaneli hat einen kurzen unaufgeregten Roman geschrieben, der jedoch wichtige Themen seines Heimatlandes, der Türkei, aufgreift. Die Handlung spielt aktuell im heute  in Mardin, das sehr nahe der syrischen Grenze liegt. Hier gibt es Flüchtlingslager, in denen vor dem Islamischen Staat und seinen Grausamkeiten geflohene Menschen aus Syrien leben. Darunter sind auch gläubige Jesiden, eine Minderheit, deren Religion älter ist als Judentum, Christentum und der Islam und auch heute noch archaisch anmutet.

„In der Stadt, in der Schule, überall waren Aramäer, Muslime, Juden und Zoroastrier miteinander befreundet und feierten gemeinsam die jeweiligen Feiertage. Jetzt dagegen verkommt die Stadt unter dem Schatten eines in sich gekehrten, verhärteten, wütenden Islam.“

Der Autor schickt in seiner Geschichte den Journalisten Ibrahim aus Istanbul in seinen Heimatort zurück, um den Spuren der Ermordung eines ehemaligen Schulkameraden nachzugehen. Erinnerungen tauchen auf und vermischen sich mit der Realität. Bei seinen Recherchen trifft er auf alte Freunde und sieht seine Stadt mit ganz neuen Augen. Er erfährt, dass Freund Hüseyin eine geflohene Jesidin zur Frau nehmen wollte und sich damit alle zum Feind machte, auch die eigene Familie.

„… du kennst mich als aufgeschlossenen Menschen, doch was hilft`s, in diesem Erdstrich geht nun mal die Tradition über alles, auch wenn sie noch so falsch und abergläubisch ist.“

Hier trifft der so weltlich Lebende plötzlich wieder auf Religon, Spiritualität und Mystik. Hier beginnt er zu hinterfragen, ob sein auf den Westen ausgerichtetes Leben ihm wirklich entspricht. Eingeholt von allerlei muslimischen Ritualen und einer dörflichen, mystisch anmutenden Umgebung, fragt er sich, ob er nicht doch auf einem falschen Weg ist. Er forscht auf den Spuren von Meleknaz, der Jesidin mit dem blinden Baby und hört von unsagbaren Grausamkeiten im Namen des Islam. Und je weiter er sucht, um so tiefer gerät er selbst in den Bann dieser Frau, die er doch noch nie gesehen hat. Er spricht mit dem alten aramäischen Priester des Jesiden-Heiligtums, mit einer Jesidin im Flüchtlingslager und mit den Geschwistern von Hüseyin. Nach und nach fügt sich so die Geschichte zusammen. Zurück in Istanbul fühlt sich Ibrahim aus dem Leben geworfen und macht sich geradezu obsessiv auf die Suche nach Meleknaz …

Was diese Geschichte aus der Türkei sehr deutlich zeigt, sind, die Diskrepanzen zwischen Stadt und Land, zwischen den Religionen, sogar innerhalb einer Religion. Sie hinterfragt die Mechanismen der Politik der westlichen Länder und stellt die Frage nach der Verantwortung. Sie weist eindringlich auf das Leid der Menschen in den Flüchtlingslagern hin und klärt auf über die Geschichte einer Minderheit, der Jesiden. Livaneli spricht in diesem Roman von der Kraft der Liebe, die das Leid überwinden kann, aber auch von der Unbarmherzigkeit der Menschen.

Der Roman erschien im Klett-Cotta Verlag. Übersetzt aus dem Türkischen hat es Gerhard Meier. Eine Leseprobe und mehr über den Autor gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Özlem Özgül Dündar: Gedanken zerren Elif Verlag

Özlem Özgül Dündar las beim diesjährigen Bachmannwettbewerb einen Text, den die Jury für preiswürdig hielt. Zurecht bekam sie den Kelag-Preis. Mehr über die Autorin, die Lesung und den Text findet man hier: https://bachmannpreis.orf.at/stories/2914730/

Ihre Lyrik steht, wie ich finde, auf einem ganz anderen Blatt. Sie fordert weit mehr heraus, ist sprachlich ganz anders und umfassender, tief und eigensinnig: Pro Seite ein im Blocksatz, mit dauernden Zeilenumbrüchen geschriebenes Gedicht. Durch einzeln stehende  Buchstaben wird der Leser immer wieder unterbrochen: Was mich zunächst nervt, dann aber durch verlangsamtes Lesen gewinnt. Gleichzeitig, falls das überhaupt geht, gewinnen die Zeilen eine unglaubliche Geschwindigkeit, atemlos, ein her und hin. Eine Suchbewegung. Ein Ausleuchten. Wohin? Woher?

„einen krampf um die  komp
osition machen zwei schritte
vorwärts u zwei rückwärts g
ehen eine schiefe beobachtu
ng hinstellen u um den geda
nken von glück u unglück k
reisen bis die perspektive die
augen schief hängen lässt d
…“

Alle Gedichte beziehen sich auf ein Selbst, auf ein lebendiges Wesen in seinem So-Sein. Das lyrische Ich stellt Fragen, stellt fest, erläutert. Begreift etwas körperliches, innen und außen. Die Wechselwirkungen beim Funktionieren, beim Stillstand, die Wunden und Brüche. Die jeweilige Haltung dazu. Die Gedanken, die zerren und nicht vorüber gleiten. Die Wolken, die Sturm bringen. Sprache, die stürmt und stammelt und Worte deutlich platziert, jedes muss da stehen, wo es steht und muss mitunter wiederholt werden. Ein Fluß, ein Strom, ein Er- und Übergießen. Und darin die Welt, die gesellschaftlichen Strukturen mit ihren Hinderungen und Grenzen und ein Du, ein beziehen auf. Das Du und Ich im Austausch, geistig und körperlich. Das durch Sprache zu einander finden. Auch Liebesgedichte, dringlich und durchdrungen vom schöpferischen Ausdruck. Bei mir war es Liebe auf den zweiten Blick …

Dündars Debüt-Lyrikband erschien im Elif Verlag, dessen Programm ich jedem Sprachfreund ans Herz legen möchte.

Rachel Cusk: Kudos Suhrkamp Verlag

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Die kanadische, in England lebende Autorin Rachel Cusk lässt den dritten Band ihrer Trilogie fast gleich beginnen wie den ersten. Zufall oder Kalkül? Interessant auf jeden Fall, denn das Gespräch, das genau wie im ersten Band fast ausschließlich vom Nachbarsitz im Flugzeug geführt wird, ist ein ganz anderes. Und doch ist es letztlich das gleiche Thema, um dass es bereits in den ersten beiden Bänden „Outline“ und „Transit“ ging. Großartig, wie Cusk ihren bewundernswerten Stil beibehält.

Beziehungen und deren Ungleichgewichte zwischen Mann und Frau, Kindern und Eltern, berufliche und private, durchleuchtet Cusk auf ihre ganz unvergleichliche Art. Wie bereits in den Bänden zuvor, schickt sie ihre Hauptfigur Faye, in Begegnungen, meist recht kurze, die auf Gesprächen basieren. Die Gespräche verlaufen allerdings sehr einseitig. Das Gegenüber erzählt, oft uferlos, und die Schriftstellerin Faye hört zu, geht mitunter, doch sehr selten, auf Fragen ein oder sagt ihre Sicht auf die Dinge. Diese aber sehr konkret und mit großer Wichtigkeit.

Diesmal ist Faye auf dem Weg zu einem Literaturfestival auf dem „Kontinent“. Im Flugzeug hört sie sich die Geschichte eines erfolgreichen Geschäftsmann an, der für die Karriere immer unterwegs, sich nun endlich seiner Familie widmen will, diese jedoch gar nicht mehr zu erkennen scheint. Das eingespielte Team brauchte offenbar nur den Versorger. Eine wichtige Rolle spielt allerdings der Familienhund …

„Ich hatte den Eindruck, dass er seine Geschichte oft und gern zum Besten gab und es ermächtigend und befriedigend fand, die Ereignisse noch einmal zu durchleben, nur eben ohne den Schmerz. Offenbar bestand der Trick darin, sich der vermeintlichen Wahrheit so weit wie möglich anzunähern, ohne die von der Wahrheit ausgelösten Gefühle die Oberhand gewinnen zu lassen.“

Im Gespräch mit dem Moderator einer Lesung und einer Schriftstellerkollegin geht es dann um den Nutzen des Buches an sich. Es wird eingetaucht in den Literaturbetrieb. Auch hier wird er totgeredet. Dann hören wir die Familiengeschichte der anderen Autorin. Auch ein Gespräch mit einer Journalistin endet nach kürzester Zeit im Monolog der selbigen. Fast glaubt man Faye würde etwas über die Journalistin schreiben wollen und sicher schöpft sie eben aus all diesen Begegnungen, den Stoff für ihre Literatur.

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Wir erleben zwei weitere Interviews, in denen ausschließlich die Journalisten reden. Sehr selbstbewusst, ohne zu merken, was sie da tun, breiten sie Theorien und biografische Daten aus, drängen Faye ins Aus. Es sind häufig Gender-Themen, die hier seziert werden. Seltsame Figuren sind unter den Gästen dieses Literaturfestivals. Schriftsteller, die eigenartiger nicht sein könnten. Jeder hat eine andere Macke. Es ergeben sich seltsame Querverbindungen, Flirt- und Fluchtversuche. Schwierig zu deuten, ob „echte“ Autoren dabei sind und in welchem Land/Stadt (Lissabon?) das Buch spielt.

“ …, gleichzeitig habe sie das Gefühl, aus einem privaten Zeitvertreib wie Lesen und Schreiben ein öffentliches Anliegen zu machen, bringe eine ganz eigene Art von Literatur hervor. Viele der eingeladenen Autoren überträfen sich bei ihren Auftritten selbst, während man ihre Bücher bestenfalls durchschnittlich nennen könne.“

Nur Faye bleibt „normal“ und im Hintergrund. Gegen Ende der Story, merke ich, wie mich die fortdauernden Monologe ermüden. Vielleicht hat Cusk diesmal doch ein wenig übertrieben, wäre doch besser ein wenig näher an ihre Hauptfigur gerückt, so wie sie es im zweiten Teil „Transit“ gemacht hat, der mir auch am Besten gefiel. Nur zweimal wird Cusk konkreter: Zwei Anrufe ihrer Söhne deuten an, dass in Fayes eigenem Leben noch immer keine Ruhe eingekehrt ist.
Für ein Faye-Interview bin ich jedoch sehr dankbar, erwähnt die Journalistin doch eine bildende Künstlerin, die ich noch nicht kannte und die eine inspirierende Entdeckung ist. Es ist die schottische Malerin Joan Eardley, deren Namen und Ideen sie, wie auch Louise Bourgeois in das Gespräch einfließen lässt.

Generell mag ich Cusks Sprache sehr. Auch davon lebt der Roman. Ich bin gespannt auf weitere Übersetzungen der Autorin und empfehle die Lektüre in der Reihenfolge des Erscheinens. Ein Leuchten!

Kudos (laut wikipedia: Ruhm, Ehre, ein vor allem im englischsprachigen Raum verbreiteter Ausruf der Anerkennung) und beide vorherigen Bände erschienen bei Suhrkamp. Übersetzt aus dem Englischen hat sie Eva Bonné. Eine Leseprobe gibt es hier.
Eine weitere Blogbesprechung gibt es auf letteratura.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip Dumont Verlag

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Angelockt von Titel und kurzer Inhaltsangabe in der Vorschau war ich gespannt auf diesen Roman. Von der amerikanischen Autorin habe ich bisher nichts gelesen. Um den Feminismus im 21. Jahrhundert geht es in Wolitzers Roman, so war es angekündigt. Um die stille, etwas schüchterne College-Absolventin Greer geht es, die gleich zu Anfang des ersten Semesters von einem Kommilitonen sexuell bedrängt und tätlich belästigt wird und dadurch sensibilisiert wird. So lernt sie nach einem Vortrag die Feminismus-Ikone Faith Frank kurz persönlich kennen. Deren Ausstrahlung beeinflusst sie so stark, dass sie versucht ihrem Leben eine neue Richtung, ein Ziel zu geben.

Da Greer die beeindruckende Faith vergöttert, ist sie erfreut, als sie nach ihrem College-Abschluß von ihr zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wird. Offenbar erinnert sich Faith Frank noch an ihr College-Gespräch. Weil Greers fester Freund Cory für seinen ersten Job nach dem Abschluß nach Manila versetzt wird, entfernen die beiden sich mehr und mehr. Da sie sich seit ihrer Jugend kennen, planten sie in New York eine gemeinsame Wohnung zu beziehen. Nun lebt Greer allein und steckt bis über den Kopf in Arbeit, die ihr allerdings aufgrund der Nähe zur verehrten Faith, leicht von der Hand geht. Greer geht in ihrer, ja, man kann es fast Hörigkeit nennen, sogar soweit, ihre College-Freundin Zee zu verraten oder als überzeugte Vegetarierin ein blutiges Steak zu essen. Als Corys kleiner Bruder bei einem Unfall zu Tode kommt, den die eigene Mutter mitverschuldete, opfert Cory Karriere und schließlich auch die Beziehung zu Greer. Und Greer selbst wird mit der Arbeit für Faith immer unzufriedener …

Wolitzer hat ihr Buch in Kapitel unterteilt, in denen nach und nach Greer, Cory, Zee und Faith als Hauptperson fungieren. Hier erfährt man mehr über Familiengeschichte und Hintergrund der jeweiligen Person.

Gleich zu Anfang stelle ich fest, dass ich mich schwer tue mit der amerikanischen Art zu schreiben. Wolitzers Stil liest sich nach Creative-Writing-Seminar, nach Handwerk und Technik, aber nicht nach Sprachgefühl, nach Eintauchen in die Sprache. Das merke ich immer wieder, vor allem, wenn sie übertriebene oder künstlich wirkende Metaphern verwendet (dass es an der Übersetzung liegt, kann ich mir nicht vorstellen, aber wer weiss …), was sie oft tut, von den Sexszenen ganz zu schweigen, siehe unten:

„Niemand wusste, wie es kam, dass man diesen konzentrierten Ehrgeiz in sich trug. Er glich einer Fliege, die heimlich ins Haus eindrang, und da war sie dann: deine Stubenfliege.“

oder

„Herzlichen Glückwunsch, Franny, sagte Linda an dem Tag, und wie ein Sofapolster beim Daraufsetzen Luft entlässt, entließ sie durch den Druck der Umarmung ein sehr weibliches Parfüm.“

oder

„Sie dachte an die Gesichter aller Menschen, die sie kannte, zitternd in der Gelatine ihrer Gegenwärtigkeit.“

Ich las den Roman nur zu Ende, weil ich die Story hören wollte, wissen wollte, wie es mit Greer und dem Feminismus weiterging. „Das weibliche Prinzip“ ist, nicht wie erwartet, ein explizit auf Feminismus und Emanzipation ausgerichteter Roman, sondern ein leicher Unterhaltungsroman. Die Autorin überzeugt mich auch inhaltlich nicht, bedient sie doch in ihrer Sprache selbst (unbewusst?) so manch verkrustetes Frauenbild, dabei spielt der Roman überwiegend in der Jetzt-Zeit, mit kurzen Rückblenden in die 70er.

Schlussendlich haben mir die letzten Kapitel noch am besten Gefallen (obwohl es eine Art Happy End gibt). Und da fand ich dann auch endlich ein paar schöne Zeilen:

„Vielleicht bestand das wahre Geheimnis des Todes darin, dass er einen Menschen aus dem Leben riss und zwang, an einem fernen Ort zu leben – ein ähnlicher Vorgang wie die Reinkarnation, nur dass es sofort geschah, nicht in der Zukunft. Eine Art Zeugenschutzprogramm auf Grundlage des Todes.“

Das Buch erschien im Dumont Verlag. Übersetzt hat es Henning Ahrens. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Katharina Adler: Ida Rowohlt Verlag

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Eine neue Stimme, ein Debütroman. Katharina Adlers „Ida“ hat mich aufgrund der wahren Geschichte, die hinter dem Roman steckt interessiert. Ida Adler, geborene Bauer, die Urgroßmutter der Autorin, war in Behandlung des großen Wiener Psychoanalytikers Sigmund Freud. Sie war als Fall „Dora“ bekannt. Freud, der zu dieser Zeit mit seiner „Sprechtherapie“ vor allem Frauen behandelte, die als hysterisch galten, hat sich in Idas Leben stark eingeprägt. Als ihr sehr viel später in den USA die Psychoanalyse als Trend in Intellektuellen- und Künstlerkreisen wiederbegegnet, erinnert sie sich an längst vergessen geglaubte Zeiten.

1941 kommt die Jüdin Ida Adler auf Ellis Island an. Ihr Sohn Kurt hat es geschafft, ihr die nötigen Papiere zu beschaffen und nun wird sie in den USA leben. Der Sohn ist Dirigent und Operndirektor und nimmt die Mutter mit zu einer Party, auf der gerade die Psychoanalyse nach Freud Gesprächsthema Nr. 1 ist. Das hätte die Wienerin Ida nicht erwartet. Sie stürzt sofort in ihre Vergangenheit, in die Zeit, in der sie selbst in Therapie bei Sigmund Freud persönlich war.

Die 1980 geborene Katharina Adler erzählt nun in Rückblenden, die nicht ganz chronologisch, aber stimmig für den Roman verlaufen. Kapiteln, die von der Analyse handeln, ist ein Vorwort mit Zitaten aus Originaldokumenten vorangestellt.

Das Mädchen Ida lernt schon früh Verantwortung zu tragen, muss ihren augenkranken Vater jahrelang pflegen. Die Mutter ist eine zwanghafte Persönlichkeit. An ihrem älteren Bruder Otto hängt Ida sehr, ja fast obsessiv. Als dieser von zu Hause fort geht, der Vater eine Liason mit einer Freundin der Familie eingeht und deren Mann später Ida gegenüber sexuell übergriffig wird, entwickelt Ida Symptome wie Migräne, Atembeschwerden und Husten, später auch Stimmlosigkeit. Der Vater schickte sie daraufhin zu Dr. Freud auf die Couch, weil er glaubte, sie erfinde die tätlichen Übergriffe. Letztlich kommt es zum Bruch mit dem Vater und nach 3-monatiger Therapie auch mit Freud.

„Ida trat aus der Berggasse 19 auf das Trottoir hinaus. Die Holztür fiel hinter ihr zu. Sie hob das Kinn. Sie, nur sie, würde ab jetzt über ihr Leben bestimmen.“

So entlässt sich die kaum 18-jährige Ida 1901 selbst aus der Therapie und beginnt tatsächlich ein überwiegend selbstbestimmtes Leben. Sie heiratet Ernst Adler, einen Komponisten, der aus dem Umfeld des Theaters kommt, bekommt einen Sohn, lebt wohlhabend bis das vorhandene Geld verbraucht ist. Der Ehemann ist nicht so geschickt im Geld verdienen. Als mit Beginn des 1. Weltkriegs sowohl Bruder als auch Ehemann in den Krieg ziehen, beginnt Ida sich zu emanzipieren. Sie hat ein Faible für Zahlen und wird aus einem anfänglich als Vergnügen mit kleinem Zuverdienst gedachten Kartenspielclub, eine lukrative Geldquelle machen.

Katharina Adler hat 5 Jahre an diesem Roman gearbeitet. Dass es sich um einen Debütband handelt, merkt die Leserin nicht. Adler hat vielfältig recherchiert und einen biografischen Roman über das ereignisreiche Leben ihrer Großmutter geschrieben und zwar sehr überzeugend. Sowohl Sprache als auch Inhalt und Plot sind hier äußerst lebendig.  Mich hat diese Geschichte sehr gefesselt. Adlers Figuren sind authentisch und facettenreich dargestellt. Obgleich mich vor allem die Geschichte von Idas Psychoanalyse ansprach, war ich positiv überrascht, wie viel ich auch über die Geschichte Österreichs erfahren habe, wie wichtig auch die zeitgeschichtlichen Zusammenhänge sind. Vor allem einmal aus dem Blickwinkel der Sozialdemokraten, des roten Wien, in dem Idas Bruder Otto , ein Marxist, eine wichtige Rolle spielte. Es ist die Zeit zwischen den Kriegen. Otto will etwas bewegen, will die Demokratie, doch letztlich bleiben seine Vorstöße erfolglos und er muss das Land verlassen.

Vor allem ist es aber ein Buch über eine unerschrockene, wenngleich auch exzentrische Frau, die kämpft und es schafft, selbstständig und unabhängig zu leben in einer Zeit, in der das keineswegs selbstverständlich war. Ob da doch Freuds Psychoanalyse gewirkt hat? Oder gerade die Entscheidung damit zu brechen?
Große Empfehlung! Ein Leuchten!

Ein aufschlußreiches Interview mit der Autorin in der ZEIT kann man hier nachlesen. Der Roman erschien im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ralf Rothmann: Der Gott jenes Sommers Suhrkamp Verlag

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Sehr zuverlässig schreibt Ralf Rothmann jedes Jahr einen Roman. Auffällig ist, dass sie immer etwas außerhalb des Frühjahrs- oder Herbstprogramms erscheinen. Man munkelt, weil Rothmann keine Lust auf einen der zwei Messe-Preise hat. Ich kanns verstehen, denn er hat keinen der Preise nötig. Und wer einmal einen Roman von ihm gelesen hat, bleibt vermutlich treuer Leser. Im Spiegel fand ich am 4.5. ein Interview, in dem mir Rothmann auch wieder sehr sympathisch ist. Der Auszug unten spricht mir aus dem Herzen und ich würde ihn sowohl auf Roman, als auch auf Lyrik beziehen.

„Der Gott jenes Sommers“ könnte eine Art Ergänzung des letzten Romans sein, denn die Hauptfigur „Karl“ aus „Im Frühling sterben“ taucht wieder kurz auf. Leider hat dieser neue Roman nicht die Dringlichkeit des vorigen. Die Geschichte wirkt nicht vollständig, nicht rund. Sie liest sich flüssig, doch hat sie keinen klaren Fixpunkt, um den sich alles bewegt. Und doch ist es eben ein „Rothmann“, den man als Fan gerne liest.

Dass Rothmann eine Parallelgeschichte zur eigentlichen erzählt, wirkt auf mich seltsam und bereichert den Roman auch nicht. Es geht um den 30-jährigen Krieg, der aufgrund eines Jubiläums offenbar gerade „in“ ist. Womöglich soll sie Spannung auf das nächste Kapitel erzeugen. Ich bin eher in Versuchung gewesen diese Episoden zu überblättern und war traurig, dass so viel weniger von der eigentlichen Story blieb, die durchaus etwas mehr Raum gebraucht hätte. Allerdings ist es wohl auch dieser Geschichte zu verdanken, dass die Story Gott im Titel führt. Auch die eigentliche Geschichte handelt zu winzigen Teilen in einem Kloster, dass in ein Lazarett verwandelt wurde. Auch die letzte Szene, kurz nach Kriegsende, spielt im Kloster. Eine Nonne antwortet auf Hauptprotagonistin Luisas Wunsch, auch Nonne zu werden: „…iss erst mal einen Teller Suppe!“

Das Ende klingt zwar versöhnlich, aber es ist vorher auch allerhand geschehen, was unzählige Risse in Luisas 12-jähriges Leben verursachte: „Ich hab alles erlebt“, antwortete Luisa“. Der geliebte Vater, der sich scheinbar urplötzlich das Leben nahm, die ältere Schwester die verschwand, der angehimmelte Karl, aus dem Krieg zurück und doch sich gleich wieder von ihr entfernend. Die vielen Geheimnisse, wie das Lager in der Nähe des Gutshofs, in dem ihre Familie Unterschlupf fand, von dem sie immer ferngehalten wurde, streng bewacht. Oder die Perückenmacherin, die immer echtes Menschenhaar parat hat. Und vor allem die schlimme Erfahrung sexueller Gewalt, durch eine Person aus der eigenen Familie, und nicht wie immer prophezeit wurde, von den Russen, die womöglich schon bald anrücken und den Gutshof beschlagnahmen würden. Die sonst so starke Luisa bricht daraufhin fiebrig und krank zusammen und erlebt das Ende des Kriegs nur im Fieberwahn.

Luisa ist eine Leseratte, verschlingt die Bücher aus der Klosterbibliothek. So ganz anders ist die ältere Schwester Billie, die trotz Krieg und Armut vor allem auf ihr Äußeres bedacht ist, um die Männer zu betören. Die Mutter, die das unterstützt. Der trinkende Vater, der in Kiel zurück blieb und das Offizierskasino leitet und nur ein seltener Gast auf dem Gut ist. Und der Melker Karl, in den Luisa sich verguckt, ohne genau zu wissen, was da geschieht. Mit ihm verbringt sie Zeit im Stall mit den Tieren, doch wird er dann kurz vor Kriegsende noch eingezogen und an die Front geschickt. Die bodenständige linientreue Stiefschwester, die mit einem SS-Offizier verheiratet ist, hat der Familie die Bleibe auf dem Gutshof ermöglicht. Ihm wird auch das Anwesen zugesprochen, nachdem es ja keine Erben, „zumindest nicht im Reich“, mehr gibt.

Rothmann lässt manches im Dunklen, macht nur Andeutungen und doch kann man sich als Leser*in natürlich vieles zusammen reimen. Anderes wiederum bleibt offen und immer ein Rätsel, so wie es in der Geschichte ja tatsächlich auch geschieht. Und wer weiß, vielleicht schreibt Rothmann ja schon an einer weiteren Ergänzung dieser Geschichte, die ganz offensichtlich auch, wie schon beim Vorgänger, aus autobiographischen Material entstand.

„Der Gott jenes Sommers“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Eine weitere Besprechung gibt es auf LiteraturReich. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Film – Kunst – Film: Final Portait von Stanley Tucci DVD 2017

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Wochen, ja Monate habe ich auf die in der Bibliothek vorbestellte DVD „Final Portrait“ gewartet. Zunächst Tage, dann Wochen hat Alberto Giacometti am Porträt des Schriftstellers James Lord gearbeitet. Viel Geduld brauchte ich und auch der Modellsitzende.
Der Film von Regisseur Stanley Tucci ist ein wunderbares Künstlerportät. Obgleich es sich im Film immer und ausschließlich um das Malen am berühmten Porträt von James Lord dreht, erhält man einen recht guten Eindruck von Giacomettis Lebensgeschichte. Der Schweizer Künstler, der vor allem wegen seiner langbeinigen, dünnen Tier- und Menschenskulpturen bekannt ist, war auch Maler.

 

Der Film erzählt von der Entstehungszeit des Gemäldes 1964 im Pariser Atelier und zeigt gleichzeitig, was Giacometti für ein Mensch und Künstler war. Obsessiv und chaotisch, kettenrauchend und dem Wein und den Frauen nicht abgeneigt. Frauen, neben seiner Ehefrau Annette, die ihn inspirieren und Modell sitzen. James Lord, der 1964 von Giacometti porträtiert wurde, wusste nicht worauf er sich da einließ: Er musste seine Abreise zurück in die USA verschieben, erst täglich, dann wöchentlich, weil Giacometti nicht fertig wurde, nie zufrieden war, mitunter komplett übermalt hat. Als Zuschauer litt ich selbst Qualen, wenn Giacometti mal wieder von vorne begann. Doch der Künstler hatte bereits anfangs angekündigt, dass es passieren könnte, dass das Porträt nie vollendet wäre. Tatsächlich ist es das letzte Porträt Giacomettis. Der 1901 geborene Künstler starb 1966 in der Schweiz.
Lord erlebt den Künstler in diversen Gefühlszuständen. Im wüsten Atelier, in dem unzählige angefangene Skulpturen der Vollendung harren, erlebt man den Meister ganz aus der Nähe. Wie er wütet, wie er Zeichnungen verbrennt oder schlecht gelaunt ist, weil die Geliebte verschwunden ist, wie er im Ehestreit mit Geldscheinen um sich wirft.

 

James Lord, ein amerikanischer Schriftsteller, 1922 geboren, der sich oft in Paris aufhielt und auch Gertrude Stein, Picasso und andere Kunstikonen traf, schrieb später seine Erlebnisse mit Giacometti auf und veröffentlichte sie als Buch, das sicher auch für das Drehbuch des Films hilfreich war.

Der Film lebt vor allem von der großartigen Schauspielkunst Geoffrey Rushs, der für seine Rolle in „Shine“ einen Oscar erhielt. Unzufrieden mit seinen Fähigkeiten, zweifelnd an der Arbeit, verwirrt und exzentrisch spielt er die Figur des Giacometti trefflich. Auch Sylvie Testud als Ehefrau passt stimmig. James Lord wird von Armie Hammer gespielt. Vorrangig in Grautönen ist der Film gehalten, wie auch das Atelier und die Gemälde des Künstlers. Von den gegossenen Bronzefiguren, die jeder kennt, ist im Atelier nichts zu sehen. Der Regisseur setzt kleine Farbakzente, wie etwa der gelbe Mantel von Ehefrau Annette oder das rote Cabrio, dass Giacometti seiner Geliebten schenkte. Tucci hat außerdem ein gutes Gefühl dafür, wie Stimmungen einzufangen sind. Für Giacometti-Fans ein Muss!

Der Film entstand 2017 und ist als DVD erhältlich. Mehr auf der offiziellen Filmseite:  http://finalportrait.prokino.de/
James Lords Biografie von Giacometti ist auch als Buch erhältlich.

Robert Seethaler: Das Feld Hanser Verlag

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Ich liebe Friedhöfe. Ich halte mich gern dort auf, weil es still ist. Ich kann dort weitab vom Berliner Lärm schreiben, lesen und meditieren. Und so war ich durchaus erfreut, als ich bei den Neuerscheinungen zwei „Friedhofsromane“ vorfand: Seethalers Das Feld und George Saunders Lincoln im Bardo. Enttäuscht haben mich beide.

Robert Seethaler habe ich schon gelesen, bevor er zum „Geheimtipp“ wurde. Seine Romane „Der Trafikant“ und „Ein ganzes Leben“ fand ich ganz wunderbar und kann sie nur empfehlen. Der neue Roman, der auf Episoden basiert, die Verstorbene im Rückblick auf die Essenz ihres Lebens erzählen, hat längst nicht die Kraft der beiden Vorgänger. An was es liegt? Mein Gefühl sagt mir, es sind zu viele Personen, die da „vorgestellt“ werden. Mancher erhält nur eine halbe Seite. Durch diese Vielzahl erreicht jeder einzelne nicht die Tiefe, die man von Seethalers Figuren kennt und liebt. Und mich stört auch diese Verknüpfung der Lebensgeschichten um jeden Preis. Das hört sich manchmal schon weit hergeholt an, dass sich alle Toten kannten in dieser Kleinstadt. Das soll den Roman sicher komplexer machen. Mich überzeugt es nicht.

Ich habe das Buch bis zur Hälfte gelesen, angestrichen habe ich mir nichts (!). Seethaler erreicht mich diesmal nicht, doch zähle ich einfach auf den nächsten Roman. Aufgeben mag ich diesen Autor nicht. Denn er sagt so schöne Sätze wie:

„Der Reichtum eines Lebens hängt ja nicht von Erlebnissen ab, sondern vom Erleben, das ist es, was mich interessiert.“

Außerdem: ein belletristisches Buch, dass kein Krimi und keine Schmonzette ist, auf Platz 1 der Spiegel-„Bestsellerliste“ ist nicht das Schlechteste …

„Das Feld“ erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Grace Paley: Manchmal kommen und manchmal gehen Schöffling Verlag

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Schon das erste Gedicht der amerikanischen Dichterin haut mich um:

„Eine Frau erfand das Feuer und nannte es
das Rad
War das so weil die Sonne rund ist
Ich sah die runde Sonne den Himmel färben
Und das Feuer rollt übers Feld
von Wald zu Wipfel
Es springt wie ein Fahrrad mit einem wilden Jungen darauf … „

Grace Paley, 1922 in New York geboren und 2007 verstorben, stammt von russisch-jüdischen Einwanderern ab. Ein Hintergrund, der auch ihr Werk mitbestimmt. Paley schrieb Gedichte und Stories. Von Philip Roth und dem New Yorker hoch gelobt wurde sie mit ihrem Werk schließlich bekannter. Außerdem engagierte sie sich politisch in der Friedensbewegung und für Rassen-, Geschlechter- und Klassenfragen. Ein schönes Panorama über Paley und ihr Gesamtwerk bei Schöffling gibt es hier.

Paleys Gedichte sind Perlen. Und es gibt ganze Perlenketten in diesem Buch. Gleich das zweite Gedicht möchte ich hier im Ganzen zitieren, weil es eine Zeitreise ist, eine Reise in eine bereits vergangene Zukunft, eine bildhafte Mahnung:

„Das Lied von den bekümmerten Kindern

Dieses Haus ist ein Wrack sagten die Kinder
als sie nach Haus kamen mit ihren Kindern
Überall gibt es nichts als Papiere
Auf den Stühlen liegen Bücher herum
und guck Laub bedeckt den Boden
unter den umherziehenden Juden

Dein Gesicht ist ein Wrack sagten die Kinder
als sie nach Haus kamen mit ihren Kindern
Du hast das ganze Gesicht voller Falten
einen Hals wie neugierige Schildkröten
Wieso hast du dich so gehen lassen?
Wohin gehst du denn ohne uns?

Diese Welt ist ein Wrack sagten die Kinder
als sie nach Haus kamen mit ihren Kindern
Überall gibt es nichts als Bomben
Es gibt kein Wasser jedes Feld ist vergiftet
Wieso hast du uns alles so hinterlassen
Wohin sollen wir sagten die Kinder
was sagen wir unseren Kindern?“

Diese Lyrik lebt vom Rhythmus. Jedes Gedicht schwingt wie ein Lied, kein Abgesang, ein Neuanfang, immer wieder, kraftvoll, manchmal lauter, manchmal wispernd. Die Dichterin hinterlässt eine feine Idee von Energie, von Achtsamkeit. Ich habe ein klares Bild beim Lesen dieser wunderbaren Gedichte: Paley wacht auf, schreibt ein Gedicht, Paley geht durch ihren Alltag und schreibt ein Gedicht, Paley liebt und streitet und lacht und weint und schreibt ein Gedicht. Diese Verse stehen in ihrer Einfachheit überdeutlich und rufen danach gelesen zu werden. Gleichzeitig verbirgt manches Gedicht etwas. Man spürt es und wenn man es schafft, zu erfühlen, was es ist, ist es womöglich der Geheimniszustand, von dem die große Lyrikerin Inger Christensen und bereits lang zuvor Novalis schrieb.

Paley thematisiert so manches Mal ihre jüdische Herkunft und die damit verbundene Geschichte der Emigration ihrer Familie, sie scheut nicht vor Gesellschaftskritik, vor den Themen Alter

„Glauben Sie alte Leute sollten weggeschlossen werden
das eine rote feuchte Auge die Pupille die zurück- und zurückweicht
die Hände sind schuppig
glauben Sie all das sollte man verstecken“

oder Tod und Sterben zurück.

„Ich habe mit meiner schwester gesprochen sie
weiß wohl nicht dass sie seit jetzt zwei jahren
staub und asche ist ich spreche mit ihr
fast jeden tag“

Sie wirft Blicke auf Kriege, große wie alltägliche und weiß doch die große Tragik sprachlich in eine mögliche Zukunft zu verwandeln. Einige wunderschöne Gedichte widmet sie dem betagten Vater, ihre Liebe spürt man durch jede Zeile.

„Mein Vater mit 89

Sein verflachendes Denken
bekümmerte alle aber er
fragte uns Kinder
wisst ihr noch mein Hund Mars
der auf der Straße auf mich wartete
als ich daherkam einsam
und sang auf dem Heimweg
vom Gefängnis des Zaren“

Dieser Gedichtband von Grace Paley ist eine Offenbarung. Selten haben mich Gedichte, jedes einzelne, so tief getroffen, auf einer Ebene, die weitaus tiefer als Sprache liegt, die in jede Körperzelle reicht und fast auf direktem Weg ins Herz. Ich bin sehr dankbar über diese Wiederentdeckung. Strahlendes lyrisches Leuchten!

Der Lyrikband erschien im Schöffling Verlag. Er wurde übersetzt von Mirco Bonné. Von ihm gibt es auch aufschlussreiche Anmerkungen im Anhang. Erwähnenswert, weil stimmig passend sind auch die Coverbilder des Malers Christian Brandl.
Ich danke dem Verlag für das elektronische Rezensionsexemplar.