Nell Zink: Das Hohe Lied Rowohlt Verlag

Nach „Virginia“ ist es der zweite Roman, den ich von der in Bad Belzig nahe Berlin lebenden Amerikanerin Nell Zink lese und es bestätigt sich, dass diese Autorin eine ungewöhnlich gute Erzählerin ist. Ich frage mich, warum sie so selten im Feuilleton oder auf Blogs besprochen wird. Ihre Erzählweise ist so mitreißend, kraftvoll und witzig, dass es eine Freude ist. So schafft sie es mit Themen, in denen ich mich gar nicht auskenne oder für die ich mich normalerweise nicht so brennend interessiere, dass ich trotzdem bereits nach den ersten Zeilen nicht mehr von ihrer Story los komme.

In „Das Hohe Lied“ spannt sie einen Bogen vom New York der 80er Jahre über Washington DC bis übers Jahr 2016 hinaus, als Donald Trump die Wahl zum Präsidenten gewinnt. Wir lernen Joe, Daniel und Pam kennen. In einzelnen Kapiteln werden diese Hauptprotagonisten mit ihrer Herkunft vorgestellt, bis sie in der Geschichte schließlich in New York zusammen treffen. Alle drei wollen Musik machen. Alle drei können es aber gar nicht so toll. Trotzdem planen sie mit einem von Daniel getragenen Musiclabel Joes unverblümt spontane Musik zu veröffentlichen. Daniel und Pam werden ein Paar. Pam ist früh von zuhause, sprich Washington DC abgehauen und hat als Programmiererin einen guten Job gefunden. Daniel arbeitet für Zeitarbeitsfirmen. Als Pam sehr jung schwanger wird, ist es für beide trotzdem keine Frage das Kind zu bekommen. Sie engagieren Joe als Babysitter für Flora und produzieren nebenbei Musik. Unverhofft wird ein Song von Joe tatsächlich erfolgreich, er unterschreibt einen Plattenvertrag und geniesst künftig sein hedonistisches Leben. Die raffinierte drogenabhängige Freundin, die der unbedarfte Joe aufgabelt, lässt Pam und Daniel sich um ihn sorgen …

Dennoch läuft alles ganz gut, bis am 11.9.2001 in New York zwei Flugzeuge in das World Trade Center donnern. Ab diesem Zeitpunkt verändert sich das Leben. Daniel und Pam packen die kleine Flora ins Auto und fahren zu den Großeltern. Dort kommt es schließlich zum Entschluss, Flora dort im sicheren Wohnviertel zur Schule gehen zu lassen. Die beiden Alt-Punks kehren ins in die Jahre gekommene Loft nach New York zurück.

„Die Stadt hatte ihren Billigtouch verloren. […] Die Reichen waren noch reicher, und Armut war inzwischen nicht mehr praktikabel. In ganz Manhattan stand die Mittelschicht mittleren Alters inmitten der Trümmer ihrer privaten Altersvorsorge und wartete darauf, ihre Positionen im mittleren Management zu verlieren.“

Wir begleiten sowohl die persönliche Entwicklung und Ausbildung von Flora, als auch die der politischen Entwicklung der Vereinigten Staaten. Der Bankencrash, der erste schwarze Präsident, und dann der Wahlkampf, der auf die Wahl Trumps zusteuert, in dem sich Flora nach Ende ihres Studienabschlusses in Biochemie für die Grünen engagiert. Flora steht stellvertretend für die junge Generation, die mit den Sozialen Medien aufwächst und sich in diesen sicher bewegt.

„Sie war damit groß geworden, der potenziell sofortigen weltweiten Verbreitung eines jeden von ihr geäußerten Wortes eine Kosten-Nutzen-Analyse vorauszuschicken.“

Sie steht für die Generation, die sich aufgrund des Klimawandels um ihre Zukunft sorgt, die die Welt retten und sich politisch engagieren will, die sich aber auch mit einer gewissen Desillusionierung auseinandersetzen muss.

„Der Krieg gegen öffentliche Güter und privates Auskommen hatte einen Namen: Wirtschaftswachstum, Kapitalismus, der zum Kapital – den natürlichen Ressourcen, wie etwa Flüssen voller kostenlosem Fisch – im selben Verhältnis stand wie der Islamismus zum Islam. Es war ein Fetisch, der „Güter“ produzierte, die nicht „gut“ waren.“

Mit dem Ergebnis, dass Flora mehr als einmal hinterfragt, wohin die Reise gehen soll und erst recht wozu. Auch in ihren ersten Beziehungen zeigt sich dieses Schwanken, dieses nicht genau wissen wohin. Der Professor, der an der Uni ihre Arbeit betreut, der wesentlich ältere eloquente Politik-Berater, der junge unbedarfte Praktikant, der an Joe erinnert? Manchmal erfordern dann die Ereignisse doch Entscheidungen, so auch bei Flora.

Nell Zink hat einen überzeugenden, wie unterhaltsamen Roman geschrieben, der durchaus kritisch brandaktuelle Themen unter die Lupe nimmt. Zink brachte mir dabei zum Beispiel die Funktionsweise des Wahlkampfs in den USA, die mich bisher gar nicht interessiert hat oder aber auch, wie die Musikszene und der Musikbusiness wirklich funktioniert, nah. Sie ist eine kluge Erzählerin, die nie langweilt, ganz gleich um was es geht. Sie schreibt in einer ebenso flotten, wie gründlichen Sprache mit sehr gelungenem Humor. Die hohe Qualität hält sie geschickt bis zum perfekt konstruierten Schluss durch.

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag. Übersetzt wurde es von Tobias Schnettler. Eine Leseprobe gibt es hier.

Anna Mayr: Die Elenden Hörbuch tacheles!

Eindrücklich und mitunter forsch bis laut, so wie es für den Text vollkommen stimmig ist, interpretiert von der jungen Schauspielerin Nairi Hadodo, wirkt das Buch „Die Elenden“ von Anna Mayr womöglich tiefer als selbst gelesen. Das Thema interessiert mich brennend. Das Thema sollte viel mehr Menschen interessieren. Das Thema ist erschütternd, aber nicht von der Hand zu weisen. Und schon gar nicht zu verschweigen. Gut, dass die 1993 im Ruhrgebiet geborene Autorin, Journalistin und heutige ZEIT-Redakteurin dieses Buch geschrieben hat. Nun bleibt zu wünschen, das es möglichst viele Menschen aus allen Schichten lesen, auf dass sich das Bewusstsein schärft.

Es geht um Arbeit. Und um Arbeitslosigkeit. Es geht darum, was es heißt, Kind von langzeitarbeitslosen Eltern zu sein. Es geht darum, arm zu sein. Es geht darum, was es wirklich bedeutet, am Konsum nicht teilhaben zu können. Es geht darum ausgegrenzt zu werden, zu sein, und davon niemals frei zu werden. Selbst, wenn es gelingt, sich herauszuarbeiten aus der „Klasse“ der Arbeitslosen, aufzusteigen, wie es der Autorin gelungen ist, bleibt etwas zurück. Denn die Kindheit prägt, in der Kindheit wird angelegt und angelernt, was später gebraucht wird. Und wenn nicht, was dann immer fehlen wird. Mitunter anhand sich selbst als Beispiel erzählt Mayr eindrücklich, wie sich das alles eben nicht so einfach abstreifen lässt.

Aus der Geschichte heraus zeigt Mayr auf, wie sich Arbeit entwickelte bis zu dem was sie heute ist. Arbeit als einzige Selbstdefinition. Und wem sie fehlt, ist eben ein Nichts. Sich über anderes als Arbeit zu definieren scheint nicht erlaubt, solange man keine hat. Man fällt heraus aus der Masse, hinein ins Nichts. Mayr geht dabei so weit, zu sagen, dass, Arbeitslose in der Gesellschaft gebraucht werden, sozusagen als abschreckendes Bespiel. Das klingt furchtbar, wird aber von ihr stimmig erklärt. Wer selbst schon einmal (länger) HartzIV „empfangen“ hat, kennt das durchaus.

„Der Kapitalismus braucht die Arbeitslosen als Ressource.“

Was Mayr auch ganz klar zum Ausdruck bringt: Scheitern ist nicht erlaubt. Zumindest interessiert sich keiner für die Scheiternden. Alle Stories, die von Scheiternden handeln oder die sie selbst erzählen, sind Erfolgsgeschichten. Denn die Leute mögen gerade diese Geschichten, in denen sich die untere Schicht hoch arbeitet bis zum Erfolg. Die tatsächlich Gescheiterten gehen weiter unter.

Anna Mayr erzählt die Geschichte von der Entstehung von ALG II. Von der Verschmelzung der Arbeitslosenhilfe mit Sozialhilfe. Sie erläutert die Veränderungen in der Sozialpolitik seit der Wende und den großen Anteil Gerhard Schröders. So im Jahr 1998 nach einem Text im Tagesspiegel, dass die Sozialhilfe zu hoch sei:

„Die Stimmung im Land kippte in eine Angst vor Sozialschmarotzern, in Leistungsverliebtheit und in ein obsessives Bedürfnis nach Sparsamkeit.“

Wenn man sich die gut recherchierten internen Abläufe der Hartz-Sitzungen und die Meinungen diverser politischer Entscheidungsträger so anhört, kann einem übel werden. Je mehr Macht, desto mehr Angst vor Machtverlust, desto mehr irrationale Entscheidungen, die weitab von den Interessen eines Sozialstaats, kaum dem Bürger, sondern ausschließlich dem Politikerwohl dienen.

Die Autorin denkt zum Ende des Hör/Buchs auch über mögliche Veränderungen nach. Im Denken und im Tun. Da sind gute Ideen, da ist der Wunsch etwas zu verbessern, was immer ärger wird: Die Kluft zwischen arm und reich. Doch die Eigentlichen, die dringend an der Reihe sind etwas zu tun, sind die Politiker. Dazu müssten sie die Armut aber erst einmal sehen und anerkennen. Und nicht einmal das geschieht. Von soweit oben, sieht man offenbar nicht mehr so gut, oder vielmehr will es nicht. Vielleicht sollten gerade sie Anna Mayrs Buch lesen.

Mayr führt auch all die Bücher an, die zur Zeit auf dem Markt zum Thema zu finden sind: Rückkehr nach Reims von Didier Eribons, Das Ende von Eddy von Édouard Louis und schließlich auch die Bücher der wunderbaren Annie Ernaux. Sie zieht Pierre Bourdieu, Max Weber und andere Soziologen und Philosophen hinzu, um ihre Aussagen zu unterlegen. Ich persönlich möchte noch den aktuellen Debütroman „Streulicht“ von Deniz Ohde hinzufügen, den ich als Ergänzung unbedingt empfehle.

„Die Elenden“ hat mich wütend gemacht, hat mir einmal mehr die sozialen Ungerechtigkeiten vor Augen geführt. Es war gut, diese teils sehr persönlichen Einblicke bekommen zu haben. Ich wünsche mir mehr davon. Ich freue mich über diese mutige, deutliche Stimme.
Eine Hörprobe gibt es hier. Ich danke dem Roof/tacheles Verlag für das Hörexemplar. Das Buch erschien im Hanser Verlag.

Kristof Magnusson: Ein Mann der Kunst Kunstmann Verlag

Kristof Magnussons neuer Roman „Ein Mann der Kunst“ ist das, was man einen Pageturner nennen könnte. Kurzweilig und mit viel Sprachwitz ganz auf der Höhe der Zeit, kreiert er eine wunderbare Persiflage auf die heutige Kunstwelt und das Bildungsbürgertum. 

Constantin Marx, aus seiner Sicht wird erzählt, ist in der Baubranche. Eigentlich ist er Architekt, doch künstlerisch ist an seinem Beruf inzwischen nichts mehr. Dafür hat er eine kunstsinnige Mutter, Ingeborg, eine Psychotherapeutin, die nebenher Vorsitzende des Fördervereins des bekannten Museums Wendevogel in Frankfurt ist. Sie nimmt ihn schon als Kind mit in Ausstellungen und auf Kunstreisen. Ihr Idol ist der Künstler KD Pratz, der neben Beuys in Düsseldorf Kunst studierte und seitdem immer wieder die Richtung änderte. Er ist so erfolgreich und berühmt, dass der Leiter des Museums plant, einen neuen Anbau ausschließlich ihm zu widmen. Ingeborg unterstützt ihn dabei. Die Mitglieder des  Fördervereins müssen jedoch zustimmen, sonst gibt es auch vom Staat keine Zuschüsse.

KD Pratz jedoch ist alles andere als ein einfacher Mensch. Typisch exaltierter Künstler hat er sich seit Jahren auf eine Burg im Rheingau zurückgezogen (siehe stimmiges Coverbild) und lebt und malt von der Außenwelt abgeschottet. Es gibt keinen Handyempfang, kein Internet, kein Social Media. Das Geheimnisvolle also, was den Künstler noch besonderer macht und seine Bilder noch teurer. Seit Jahren hat er kein Interview gegeben, ist nicht mehr in der Öffentlichkeit erschienen und jetzt ausgerechnet plant der Förderverein eine seiner Kunstreisen ins Rheingau, um das Atelier des KD Pratz zu besuchen. Was anfangs aussichtslos schien, ist durch, wie sich später herausstellt, unlautere Methoden des Leiters des Museums zur Realität geworden. Ein Wochenende im Rheingau steht an.

Was nun geschieht ist wirklich extrem gut erzählt. Köstlich, wie es Magnusson gelingt gängige Klischees und unausgesprochene Wahrheiten in dieser Geschichte zu einer explosiven Mischung zusammenzubringen. Er schreibt rasante Dialoge und schafft deutliche Charaktere, die ich genau vor Augen habe. Die Masken werden von den Gesichtern gezogen, sowohl auf Künstler- als auch auf Kunstliebhaberseite. Und natürlich läuft Einiges turbulent aus dem Ruder … Herrlich!

Alle Protagonisten sind in diesem Roman unsympathisch und gleichzeitig wieder sympathisch. Und das sagt eigentlich alles. Wir sind alle nie nur das Eine oder das Andere. Und oft hat, wie ich finde, der Künstler ja durchaus recht:

„Ich bin kein Künstler. Ich habe mich immer als Handwerker begriffen. Weil die Kunst am Ende ist. Die Kunst ist genauso kaputt wie die Gesellschaft. Genauso am Ende wie die EU und die Demokratie. Ist Ihnen mal aufgefallen, dass alles gleichzeitig zum Teufel gegangen ist, zu der Zeit, als die Leute angefangen haben, nicht mehr in die Welt zu sehen, sondern nur noch auf ihre Telefone? Früher war man sozial. Heute ist man social media. Wer hat denn noch die Konzentration, sich ein Bild wirklich anzusehen? Nicht nur ein Foto machen, posten und dann weiter?“

Der Roman erschien im Kunstmann Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

Eine weitere Rezension gibt es bei Letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Sandra Gugić: Zorn und Stille Hoffmann und Campe Verlag

„Ein Bild hat die Kraft, die eigenen Vorstellungen zu überschreiben.
Ein Bild hat die Kraft, die eigenen Erinnerungen zu überscheiben.“

Die beiden Sätze könnten ein Leitmotiv des neuen Romans „Zorn und Stille“ von Sandra Gugić sein. Er weist auch auf die Lyrikerin Gugić hin. Erst 2019 erschien ihr Lyrikdebüt „Protokolle der Gegenwart“ im Verlagshaus Berlin. Für mich ist Sprache immer ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Aspekt für mein Lesen. Und hier treffe ich auf einen Roman, der es vor allem mit der Sprache schafft, sich abzuheben von den vielen Geschichten, die es bereits zum Thema gibt. Und hebt eben auch durch die Sprache das Besondere dieser Familiengeschichte hervor.

Billy Bana ist Fotografin, angesagt und erfolgreich, mit Ausstellungen in ganz Europa. Eigentlich heißt Billy Biljana Banadinović und hat die erste Zeit ihres Lebens bei den Großeltern im ländlichen Jugoslawien gelebt. Ihre Mutter Azra und ihr Vater Sima haben das Land lang vor den großen Kriegen verlassen und sind nach Wien emigriert. Die Tochter holten sie nach und in Wien kam dann auch Sohn Jonas Neven zur Welt. Die beiden Geschwister hielten fest zusammen. Erst als sich die 16-jährige Billy vom einengenden Elternhaus löst und in eine Kommune zieht, kommt es auch zum Abschied vom Bruder. Erst Jahre später werden sich die beiden wieder sehen, als Billy längst Karriere gemacht hat und mit der Galeristin Ira in Berlin zusammenlebt. Dass der labile Jonas sich rückbesinnt auf sein Herkunftsland, dass es so nicht mehr gibt und sich auf eine Reise durch das zerbrochene Land begibt, von der er nicht mehr zurückkehrt, macht das Familienzerwürfnis total.

„An diesem Punkt der Geschichte klafft die Lehrstelle. Von hier aus schien Jonas Nevens Abwesenheit stetig zu wachsen und zu wuchern. Von hier aus dachten wir uns wund, spielten alle möglichen Szenarien durch, versuchten zu rekonstruieren, was geschehen sein könnte und warum, ohne echte Anhaltspunkte zu haben.“

Die Autorin erzählt in Rückblenden, ausgehend vom Anruf der Mutter, die Billy mitteilt, dass der Vater gestorben ist. Beide begeben sich getrennt auf die Reise nach Beograd, wo der Vater beigesetzt werden wollte. Im ersten Teil erinnert sich Billy, während sie am Flughafen auf ihren Flug wartet, endlich an die bis zuletzt gemiedene Familienvergangenheit. Im zweiten Teil lesen wir aus dem Blickwinkel der Mutter und im dritten aus der Sicht des Vaters. Sowohl Azra als auch Sima kommen aus ländlichem traditionellem Elternhaus. Beide wollten raus, hatten ganz eigene Pläne von einem freien Leben. Beide gehen nach Beograd und begegnen sich zufällig. Azra wird schwanger, Sima verschwindet. Als sie dann doch wieder zusammen kommen, reisen sie nach Österreich mit dem Wunsch ein vollkommen anderes Leben als die Eltern zu leben. Doch was anfangs noch gelingt, dehnt sich in eine lange Zeit mit sich im neuen Land zurechtzufinden, Geld verdienen, Kinder versorgen und als Ausländer möglichst nicht aufzufallen. Alle Träume sind ausgeträumt, Wünsche unerfüllt geblieben. Der Ausbruch der Kinder aus dem ehernen „Familiengesetz“ verschlimmert die Entfremdung der beiden Eltern noch (die das ja eigentlich verstehen könnten, da sie ja einmal dasselbe wollten).

„Alles was wir machen, absolut alles, tun wir nur, um glücklicher zu werden. Selbst derjenige, der sich umbringt, tut das, weil er glaubt, im Tod glücklicher zu sein.“

Gugić` Blick ist ein genauer. Sie versucht einerseits die Innenwelt ihrer Protagonisten auszuleuchten, andererseits die Verbindung zu den äußeren Geschehnissen nicht zu verlieren. Alle Mitglieder der Familie sind eigentlich verschlossen, unstet und irgendwie verloren, jeder auf seine Weise. Dass Sohn Jonas Neven wirklich verloren geht und das auch noch im Land seiner Wurzeln, wirkt wie eine Verdeutlichung der Tragik. Für ihn ist diese Reise wichtig zum Verständnis seiner selbst, wie sich im Epilog zeigt. Und auch wenn der Jugoslawien-Krieg erst gegen Ende des Romans stärker in den Fokus rückt, wirkt er tief auf die Figuren ein. Am Beispiel Billys am Flughafen, als sie bei der Ankunft auf Serbisch angesprochen wird und die Sprache kaum mehr versteht, weil sie eben vor dem Krieg Serbokroatisch war und sie ohnehin nur noch deutsch spricht, zeigt sich wieder der Zwiespalt. Auch die zwei Ausweise, die sie besitzt machen sie zur Außenseiterin. Oder bei Vater Sima, der von seinen Arbeitskollegen ausgefragt wird, wie er denn zum Krieg seiner „Landsleute“ stehe und auf welcher Seite.

Die 1976 in Wien geborene, in Berlin lebende Autorin hat die Geschichte eines starken und dennoch fragilen Familiengeflechts geschrieben, die mir sehr gefällt und mit ihrer ausgefeilten Sprache durch ihre Bilder lebt; womöglich so wie aus dem genauen Blickwinkel einer Fotografin …

Der Roman erschien im Hoffmann und Campe Verlag. Mehr über Buch und Autorin gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

Stephan Roiss: Triceratops Kremayr & Scheriau Verlag

Mit seinem Debütroman „Triceratops“ wurde der Österreicher Stephan Roiss gleich für die Longlist des Deutschen Buchpreis nominiert. Das Buch ist schon äußerlich eine dunkle Schönheit. Das Cover mit diesem seltsamen Tier ist aufgeraut und sieht aus wie glänzender dunkelgrauer Stahl mit fliederfarbener Schrift. Mit Fliederfarben geht es auch innen auf dem Vorsatzblatt weiter, auf dem man die Hautstruktur des Triceratops, einer Dinosaurierart erkennt. Auch durch die Seiten schleicht sich das Tier.

Die Hauptfigur, ein namenloser Junge, der von sich selbst als „wir“ spricht, hat mich zutiefst berührt. Dieses „wir“, über das ich immer wieder erschrecke, als ich mir klar mache, dass der Junge allein ist, das mir immer wieder neu suggeriert, dass es vielleicht als eine Art Stärkung fungiert, eine Art „ich bin nicht allein“. Vielleicht eine Nachahmung der Schwarmbildung der kleinen Fische, die er im Naturkundemuseum sah, ein Versuch nicht gefressen zu werden? Auch der Triceratops, die Dinosaurierspielfigur wird eine Art Verstärker der Abwehr.

„Wir spielten am liebsten mit dem Dinosaurier mit dem Nackenschild und den Hörnern. Er aß nur Pflanzen, aber war unbesiegbar. Er war kompakt, schwer gepanzert, ein guter Krieger. Niemand konnte ihn in den Hals beißen, nichts konnte ihn um werfen. Er stand fest auf der Erde.“

Dem kleinen Schuljungen wird eine Bürde auferlegt, der er niemals gerecht werden kann, auch wenn er sich noch so anstrengt. Er soll auf seine Mutter achten, sie stabilisieren, sie nicht aus den Augen lassen, sie trösten. Und weil ein kleines Kind auf die Liebe seiner Mutter angewiesen ist, tut er sein möglichstes und verliert dabei seine Kindheit. Die Mutter leidet unter schweren Depressionen, muss immer wieder in die Klinik für längere Aufenthalte. Bei ihrem Sohn zeigt sich die psychische Anspannung schnell: er bleibt lange Zeit Bettnässer, er kratzt sich die Arme blutig, kaut die Nägel bis ins Fleisch ab. Der Vater übernimmt keinerlei Verantwortung, schützt den Sohn nicht, die ältere Schwester ist ebenfalls seltsam abwesend. Die guten Tage sind für ihn die, an denen er zu seiner Großmutter darf. Sie nimmt ihn wie er ist und fordert nichts von ihm. Doch die guten Tage sind selten.

„Bitte mach, dass es ihr besser geht“, flüsterten wir vor uns hin, während wir über den vereisten Schotterweg nach Hause trotteten.“

Im zweiten Teil des Buches ist der Junge älter geworden. Pubertät, Teenageralter. In den Ferien bei der Großmutter, beginnt er seinen dicklichen Körper zu trainieren, rasiert sich die Haare ab. Dann stirbt die Großmutter. Er versucht auf den Spuren des Großvaters dessen Geheimnis zu erkunden. Besetzt dessen Hütte im Wald. Bald schließt er sich einem Punkmädchen und dessen Bruder an. Doch auch da ist der Halt nicht von Dauer. Die ältere Schwester zieht zu ihrem Freund, wird schwanger und immer labiler. Monate nach der Geburt tötet sie ihr Kind. Auch sie landet in der Psychiatrie: „Es wird nicht mehr schön.“ Die Mutter gibt sich für alles die Schuld.

Unser Held lässt sich treiben. In der Schule häufen sich Fehltage, schlechte Zensuren. Das „wir“ bleibt. Die Suche. Die Fragen. Die Möglichkeiten sich aus der Familie zu lösen. Einen Halt in sich selbst zu finden.

Ein sehr kurzer dritter Teil schließt sich an. Ein sehr schöner, weil vollkommen offener Schluss. Nicht mehr aus der Ich- bzw. Wir-Perspektive erzählt. Unsere Hauptfigur ist einfach nur „der Junge“.

Roiss erzählt nie direkt, was ich sehr gelungen finde. Ich setze Bauteilchen zusammen und erkenne die Zusammenhänge. Ich habe die Geschichte quasi mitzutragen, ich muss mitgehen, sonst lese ich zwar eine Geschichte, aber nicht das zwischen den Zeilen. Der Wahnsinn, der in dieser so brüchigen Familie herrscht, wird niemals so beschrieben, dass es mir zu viel wird (wie es kürzlich beim Debütroman von Ulrike Almut Sandig mit dem Thema Gewalt war). Die traurigsten und furchtbarsten Passagen wechseln mit alltäglichen Szenen ab. Überwiegend sind es einfache Satzkonstruktionen, teilweise sind die Seiten nur halb gefüllt. Und doch ist da etwas an der Art der Anordnung, das aus dieser einfachen Sprache Literatur macht. Vollkommen zurecht nominiert. Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Kremayr & Scheriau Verlag in feiner Ausstattung. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Deniz Ohde: Streulicht Suhrkamp Verlag

„Ich war nicht schaumgeboren, sondern staubgeboren; rußgeboren, geboren aus dem Kochsalz in der Luft, das sich auf die Autodächer legte. Geboren aus dem sauren Gestank der Müllverbrennungsanlage, aus den Flusswiesen und den Bäumen zwischen den Strommasten, aus dem dunklen Wasser, das an die Wackersteine schlug, einem Film aus Stickstoff und Nitrat, nicht Gischt.“

Diese Zeilen aus Deniz Ohdes Debütroman „Streulicht“ zeigen auf, wie und wo die Hauptfigur mit den zwei Vornamen aufgewachsen ist. Es ist ein Stadtteil von Frankfurt am Main, direkt neben den großen Chemiefabriken der Firma Höchst gelegen. Der Vater arbeitet dort im Schichtsystem, die Mutter geht putzen. Es ist ein Arbeiterhaushalt, in dem es nicht selbstverständlich ist, dass die Tochter aufs Gymnasium geht, später studiert. Im Gegenteil, sie wird immer wieder auf ihren Platz verwiesen, vom eigenen Vater, aber auch von Lehrern, gar Freunden. Dass sie mit so wenig Unterstützung als schüchterne, immer stiller werdende Person zum Scheitern verurteilt ist, glaubt sie meist selbst.

„Du tauchst immer so aus dem Nichts auf“, hat Sophia oft zu mir gesagt, und ich habe gelächelt, als wäre mein Lautlosigkeit eine charmante Eigenschaft und nicht Ausdruck einer erlernten Überlebensstrategie.“

Irgendwie gelingt es dann auf Umwegen aber doch. Das Abitur, das Studium. Und das Irgendwie hat mit doppelter Anstrengung zu tun, weil allzu viele Vorurteile den Weg verzögern. Fortan heißt es, immer erklären zu müssen, warum es diese „Brüche“ gab. Dass die Hauptfigur sogar von Freunden wenig Unterstützung bekam und auch so gut wie alle Lehrer die stillen Hilferufe nicht sahen, dass es auch ein Hindernis war, einen nicht geläufigen Vornamen zu haben, der sicher von der türkischstämmigen Mutter herrührte, all das lässt das Mädchen nicht ohne Verwundungen zurück.

Wie sich gegen etwas wehren, wenn man nie vorgelebt bekommt, wie sich wehren, für sich einstehen geht? Wenn der Vater sich so in sein Schicksal fügt, keine andere Lebensweise kennt, als die, die noch von der Zeit herrührt, als „wir zweimal ausgebombt wurden“.  Ein Vater, der keinen Besuch zulässt, weil die Familie etwas geschlossenes ist. Ein Vater, der trinkt, im Chaos versinkt, weil er hortet, nichts wegwerfen kann. Die Mutter, die auszuhalten versucht und sagt „du hast Glück, immerhin schlägt er nicht.

Die Geschichte ist überwiegend chronologisch mit einigen Abweichungen und Unklarheiten von der Kindheit bis zum Studium erzählt. Es ist meist eine sehr geradlinige Sprache, mitunter von bildhaften Szenen durchzogen, vor allem dann, wenn es um Reflexion oder die Erinnerung geht. Der Roman beginnt mit der Ankunft im Heimatort, ein Besuch aufgrund der Hochzeit der Jugendfreunde und hier finden sich gleich diese Sätze, die so beispielhaft sind:

„Auch mein Gesicht verändert sich am Ortsschild, versteinert zu dem Ausdruck, den mein Vater mir beigebracht hat und mit dem er noch immer selbst durch die Straßen geht. Eine ängstliche Teilnahmslosigkeit, die bewirken soll, dass man mich übersieht.“

Deniz Ohde hat einen für alle wichtigen Roman geschrieben, der mich an meine Grenzen brachte, weil mir die Geschichte sehr nah kam, weil mir vieles darin bekannt vorkam. Deshalb ist die Besprechung diesmal auch etwas kürzer als gewohnt; es finden sich nicht mehr Worte. Was nicht heißt, dass dieses Buch nicht gelungen wäre, ganz im Gegenteil. Für manche Leser wird es inhaltliches Neuland sein; gerade jenen lege ich diese so direkt und tief erzählte Geschichte sehr ans Herz.

Sie erhielt für diesen Roman den Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung 2020. Ich freue mich, dass er für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Streulicht erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Rezension gibt es bei Letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Johanna Hansen: zugluft der stille edition offenes feld

Blau ist, wie mir scheint, die Farbe von Johanna Hansen. Das Coverbild ihres Lyrikbands „zugluft der stille“ betrachte ich immer wieder wie hypnotisiert. Das  Porträt einer Frau, umschmeichelt von blauestem Blau. Ein Blau, dass mich direkt hineinzieht in die Gedichte. Innen gibt es weitere Malereien der Autorin, die gleichzeitig auch bildende Künstlerin und Herausgeberin der Literaturzeitschrift „Wortschau“ ist, immer als Unterteilung der einzelnen Kapitel.

Noch vor dem Blau kommt in den Gedichten allerdings die Farbe weiß. Der weiße Schnee – das weiße Blatt. Winterlandschaften, äußere und innere. Grenzen kennen die Verse scheinbar keine. Weder zwischen Körper und Seele noch zwischen Wirklichkeit und Phantasie. Scheinbar … wären da nicht die Punkte. Die vielen Punkte, die andere Satzzeichen nicht benötigen. Das verlangsamt die Lektüre, das macht die Leserin achtsamer. Mir kam es mitunter vor, als würden die Verse zwischen den Punkten meine Atemzüge begleiten. Ein. Aus. Der Rhythmus vorgegeben. Und der Punkt als winzige Atempause. Ein Innehalten. Wer die Gedichte so liest, kommt ins Fließen.

„sobald mir die stimme wegbleibt im digitalen dauerregen.
konzentriere ich mich auf das geräusch meines atems.
ganz dicht neben dir. beim spaziergang im park höre ich
es deutlicher. und heute fiel dort von einem ulmenzweig
beiläufig und leise ein ach“

Und Wasser gibt es in der Tat auch in Hülle und Fülle. Ostseewasser ist dabei: Die Dichterin brachte Verse mit von einem Künstleraufenthalt in Lettland. Im Kapitel „schwimmschnee“ sind sie aneinandergereiht wie Perlen. Sie erzählen Geschichten …

Ein umfangreiches Kapitel widmet sich der Kindheit. Es ist mir das eindrucksvollste. Von Geburt an, womöglich schon vorgeburtlich. Es sind mit Zeilen von Kinderliedern oder Sprichwörtern durchzogene Texte, die kaum kindlich kuscheliges haben. Es ist die Kindheit eines Mädchens in Nachkriegszeiten, der Vater stumm, die Mutter fleißig und gläubig.

“ … mama sagt. gott teilt alles zu. auch die schuld. aber der
krieg passt in keine schuld. sie ist einfach zu groß und verschlingt
uns vollständig. eimerweise schütten wir vergib uns unsere schuld
aus den tagen. waschen den krieg ab. der bleibt trotzdem schmutzig.
kann nicht aufgeräumt und nicht weggeputzt werden. so viele
wörter werden ans kreuz geschlagen. vollkommene wörter. tauber
kram. unsichtbar. wie ich.“

Es sind starke teils albtraumhafte Sequenzen, die mitunter Bilder aus meiner eigenen Kindheit wecken. Zwischendurch immer wieder Momente der Lebendigkeit wie im Gedicht „kopfüber herzunter“. Wenn ich es richtig interpretiere geht es hier um die große Entdeckung des Schreiben- und/oder Lesenlernens. Die Schönheit des geschriebenen Worts, das Glück des Ent-zifferns. Und auch Tröstliches wie die Anna im „Porträt in Sepia“. Die Köchin, die Haushälterin?

„… sie den kopf ungeniert in den nacken legt. einfach
lacht. kind sagt. und winkt über die wicken
am zaun …“

Dann ein Sprung. Die Dichterin ist mit Paris verbunden, das Lyrische Ich ist dort unterwegs. Im Gedicht „madame“ folgen Stadtimpressionen. Sinnlich. Womöglich beeinflusst durch den Eindruck eines Bildes im Museum? Womöglich durch den Wandteppich Dame mit Einhorn? Eine poetische Bildbeschreibung mit vielfältigen Assoziationen und Wendungen folgt.

Und dann geht es zum Abschluss wieder in den Schnee. Es geht nach Davos. Das gefällt mir gut, denn ich bin Liebhaberin des „Zauberberg“ der von Thomas Mann hier angesiedelt wurde. Und es schließt sich auch ein Kreis – der des Ein- und Ausatmens. Denn hier fanden sich, die Lungenkranken in Sanatorien. Die Liegekur an der frischen Luft sollte heilen. Die Dichterin lässt das Lyrische Ich tief im Archiv der Sanatorien kramen. Hier finden sich „kulissen für inspiration. expiration“ und dem letzten Satz kann ich als ebenfalls Dichtende nur zustimmen:

“ … erst beim überschreiten des sprachraums zur stille öffnet sich das wort wie eine tür zum gedicht.“

Johanna Hansens Band weist auf ein künstlerisches Doppeltalent, was mich immer ganz besonders staunen lässt. Vor allem wenn, wie hier zu erkennen ist, sich das Eine mit dem Anderen verbindet und jede Trennung sich auflöst. Der Gedichtband erschien in der Edition offenes Feld. Danke für das Rezensionsexemplar!

 

 

Martin Panchaud: Die Farbe der Dinge Graphic Novel Edition Moderne

Die Debüt-Graphic Novel des Schweizer Zeichners Martin Panchaud „Die Farbe der Dinge“ begegnete mir auf der Liste für den Max und Moritz-Preis 2020 des Erlangener Comic-Salons. Graphic Novels sind eine meiner Meinung nach unterschätzte Sparte der Literatur. Hier kann viel mehr experimentiert werden, was Panchaud auch hinreichend ausnutzt. Seine Geschichte ist vor allem in der zeichnerischen Umsetzung ein echtes Highlight. 

Äußerlich scheint es zunächst unspektakulär, zeigt jedoch sofort, auf was die Leserin sich hier einstellen muss. Panchaud erzählt seine Geschichte sozusagen aus der Vogelperspektive. Die farbigen Punkte auf dem Umschlag stehen und bewegen sich stellvertretend für die Protagonisten der ungewöhnlichen Geschichte. Es ist unglaublich, wie extrem gut das funktioniert. Nach einer kleinen Gewöhnungsphase beginnt man diese Art der Darstellung zu lieben. Die Leserin selbst hat hier die Möglichkeit sich mit der eigenen Phantasie den/die Helden „auszumalen“. Diese reduzierte Art wechselt sich ab mit konkreten Bildern, so dass es genügend Abwechslung und genug Raum für die Vorstellungskraft gibt.

Am besten man prägt sich gleich die jeweiligen Farben ein, vor allem die von Simon, dem 14-jährigen Helden. Zu Anfang wenig heldenhaft, ausgenutzt und getriezt von seinen Mitschülern, hängt auch im prekären Zuhause der Haussegen schief. Als er auf Befehl seiner Peiniger einer Wahrsagerin die Einkäufe nach Hause trägt, gibt sie im unverhofft einen Tipp fürs Pferderennen. Simon setzt alles Geld, was er zuhause finden kann auf den Außenseiter Black Caviar – und gewinnt! Und zwar richtig viel. Das Problem: als Minderjähriger darf er seinen Wettgewinn nicht einlösen.

Zuhause angekommen, um den Vater Dan unterschreiben zu lassen, ist nichts mehr wie zuvor. Die Mutter, vermutlich vom Vater ins Koma geprügelt, weil er glaubt, sie hätte sein Geld entwendet, wird ins Krankenhaus eingeliefert, der Vater taucht unter. Simon muss ins Heim. Als ein Foto von ihm, dem glücklichen Gewinner in der Zeitung erscheint, tauchen plötzlich jede Menge Leute auf und wollen ihm den Wettschein abknöpfen. Nur einer, Alan, scheint vertrauenswürdig. Er sagt, er wäre Simons Mutter etwas schuldig und die beiden machen sich gemeinsam auf die Suche nach Dan. Es beginnt eine Art Roadmovie. Doch Simons Vater weiß die Umstände für sich zu nutzen. Er beschuldigt Alan der Kindesentführung und die Polizei schlägt unerbittlich zu. Was Alan Simon kurz vor der Verhaftung verrät, stellt Simons bisheriges Leben auf den Kopf. Alan sein Vater?

Dan verschwindet erneut, nicht ohne den Wettschein eingelöst zu haben, sprich mit dem ganzen gewonnen Geld. Simon sitzt wieder im Heim. Die Mutter liegt noch immer im Koma. Wie sich das Blatt dann doch noch für Simon wendet und die Gerechtigkeit siegt und was das ganze mit einem Blauwal zu tun hat, verrate ich nicht.

Martin Panchaud hat mit dieser Graphic Novel gezeigt, dass es doch immer noch und immer wieder Neues zu entdecken gibt, gerade in diesem Genre, und dass der Kreativität keine Grenzen gesetzt sind. Sowohl die Idee der außergewöhnlichen bildlichen Umsetzung dieser Story, als auch die Story selbst zeugen von enormem Einfallsreichtum und zeichnerischem Können. Ich bin sehr begeistert! Ein Leuchten!

„Die Farbe der Dinge“ erschien im Schweizer Verlag Edition Moderne. Das Buch steht auch auf der Hotlist der unabhängigen Verlage 2020 . Natürlich habe ich dafür abgestimmt und ich wünsche dem Buch viel Erfolg. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine kurzer Beitrag auf Arte über Martin Panchauds Arbeit am Buch ist zusätzlich aufschlußreich.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Michael Wildenhain: Die Erfindung der Null Klett Cotta Verlag

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„Manche Menschen wirken auf den ersten Blick wie Verlorene. Als hätte ein Ereignis in ihrem Leben sie aus der Bahn getragen und als hätten sie trotz aller Bemühung nicht wieder Fuß gefasst.“

Michael Wildenhains neuer Roman hat es in sich. Obwohl ich mich mit Mathematik noch nie anfreunden konnte, hat mich der Titel und das Thema sehr gereizt. Die einzelnen Kapitel sind nach einem mathematischen Beweisverfahren benannt, der Induktion, ergänzt durch Zwischenkapitel wie Gegenprobe und Hilfssatz. Die eigentliche Story wird dann auch begleitet von kurzen, im Zusammenhang mit dem Text aufschlussreichen philosophischen und mathematischen Diskursen. Auch Homers Irrfahrten des Odysseus spielen eine Rolle.

Was zunächst wie ein Krimi beginnt, entpuppt sich schließlich als extrem gut konstruierte Geschichte, die oft durch Vor- und Rückblenden verwirrt, was wiederum darauf hinweist, welche Rolle die Zeit überhaupt spielt und in wie vielen Parallelwelten wir womöglich leben.

Eine Frau aus Stuttgart, Susanne Melforsch, verschwindet im Urlaub in Südfrankreich. Ihr Reisebegleiter Dr. Martin Gödeler (schöne Anspielung auf Gödel, bekannter Philosoph und Mathematiker), einst Koryphäe auf dem Gebiet der Mathematik, nun Nachhilfelehrer, meldet sie nicht als vermisst, sondern reist allein zurück nach Stuttgart. Kurze Zeit später wird er verhaftet und erzählt dem ermittelnden Staatsanwalt in mehreren längeren „Verhören“ seine Version der Geschichte. Gödeler holt dabei weit aus, erzählt detailreich, was er für wichtig hält, wirkt dabei sehr zielstrebig, doch folgt nie ein Geständnis der Tat. Je nach wechselnder Beweislage, eine Leiche wird nie gefunden, befindet er sich in Untersuchungshaft oder wird unter Auflagen wieder freigelassen.

„Als ich, Martin Gödeler, Doktor der Mathematik, summa cum laude, vormaliger Spezialist für Differentialgeometrie, am dritten Tag auf der anderen Seite der entspiegelten Glasplatte zu reden begann, ist die Metamorphose abgeschlossen.
Der antike Heerführer setzt sich an jenem Vormittag auf dem Besucherstuhl zurecht, und der junge, kluge Staatsanwalt braucht Zeit, um zu begreifen, dass er nun das Publikum ist.“

Wir Leser dürfen den Gesprächen folgen, wir bewegen uns sprunghaft durch das Leben Gödelers, der bereits in der Schule ein Mathegenie ist und ab dem Studium eine steile Karriere hinlegt. Mit einer Mitstudentin lebt er zusammen, sie bekommen eine Tochter. Doch die Ehe zerbricht, als Gödeler auf einem Kongreß eine faszinierende Kollegin kennen lernt und eine sowohl im fachlichen wie im privaten obszessive Beziehung beginnt. Dass Dr. Elisabeth Lucile Trouvé auch noch andere Leidenschaften verfolgt, als die Mathematik, erlebt Martin nach ein paar Jahren, gerade als er seine Frau und Tochter endgültig verlassen will, wie einen Paukenschlag, der ihn für lange aus der Bahn wirft.

Parallel dazu erfahren wir aus dem Leben von Susanne Melforsch (ebenfalls verwirrend geheimnisvoll), die immer wieder zu verschiedenen Zeitpunkten in Gödelers Leben auftaucht, wobei er für sie immer eine bedeutendere Rolle spielt, als sie für ihn. Drei junge Leute, Nachhilfeschüler von Gödeler, die gleich anfangs sehr präsent, fast slapstickartig auftauchen, dienen eher zur Verwirrung und spielen letztlich eine untergeordnetere Rolle. Die Handlung verlagert sich von Berlin nach Hamburg schließlich nach Stuttgart, mit Zwischenhalten in Belgien und Südfrankreich. Mehr verrate ich nicht zum Inhalt, denn sonst gäbe es nicht mehr dieses spannende Lesevergnügen.

Auf höchst verschlungenen Wegen nähert sich der Autor der Auflösung aller Geheimnisse, die die Lektüre so spannend machen. Was anfangs wie ein undurchdringlicher Irrgarten erscheint, wird nach und nach zugänglich gemacht. Dazu kommt der sprachliche Genuss, denn auch hier brilliert der Autor. Teils leicht altmodisch, teils in verschlungenen Satzbauten und in ausführlichen schwingenden Strukturen füllte mich diese Sprache vollkommen aus. Welch eine große und seltene Kunst eine spannende anspruchsvolle Geschichte in beeindruckender Sprache zu lesen!

Michael Wildenhain ist mit diesem Buch ein großer Wurf gelungen. Was in „Das Lächeln der Alligatoren“ schon anklang, wächst hier zum Höhepunkt. Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Klett Cotta Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

Michel Layaz: Louis Soutter, sehr wahrscheinlich Verlag Die Brotsuppe

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Aus dem kleinen feinen Verlag mit dem ungewöhnlichen Namen „Die Brotsuppe“ habe ich bereits vor einiger Zeit ein sehr besonderes Buchkunstwerk vorgestellt: „Willkommen im Tal der Tränen“ von Noëmi Lerch. Nun habe ich wieder eine Entdeckung gemacht. Da ich selbst male und mich sehr für Künstlerbiographien interessiere, passt dieses Buch über Louis Soutter, einen Musiker und Maler, den man zu den Art Brut Künstlern zählt, obgleich er Kunst studiert hatte. Der Schweizer Autor Michel Layaz erzählt mit fiktiven Anteilen aus dem Leben dieses vermutlich hochsensiblen, wie nicht für die Welt gemachten Künstlers.

Louis Soutter, 1871 in Morges in der Schweiz geboren, eigentlich unter den besten Voraussetzungen in einer wohlhabenen, angesehenen Familie, bricht aus den für ihn vorgesehenen Laufbahnen aus. Nach abgebrochenem Architekturstudium folgt ein Musikstudium an einem berühmten Konservatorium in Brüssel. Doch auch hier bricht er ab, um an eine Schule für Zeichnung und Malerei zu wechseln. Danach folgt die Heirat mit einer amerikanischen Violinistin. Beide gehen 1897 in die USA. Soutter erhält die Leitung eines Kunstinstituts. Die Ehe zerbricht. Er kehrt zurück in die Schweiz.

Hier beginnen nun die Probleme. Soutter spielt als erster Geiger in großen Orchestern, doch immer öfter hat er Aussetzer, hört mitten im Konzert einfach auf zu spielen, versinkt in Tagträumereien. Er lebt über seine Verhältnisse, kauft sich teure Kleidung, die Schulden häufen sich. Der Bruder, ein Apotheker, muss immer öfter für sein Auskommen aufkommen. Seine Stellen verliert er, spielt nur noch in Hotels oder in Kinos, lebt in einer engen Mansarde. Sein Freiheitsdrang lässt ihn immer wieder tageweise verschwinden. Dann wandert er vagabundierend im Anzug durch Schweizer Landschaften und übernachtet schon mal im Heuschober. Die Familie entscheidet sich für einen Vormund. 1923 lässt man ihn mit 52(!) Jahren dauerhaft in ein Altersheim in Ballaigues im Schweizer Jura einweisen. Für ihn ist das schwer erträglich. Er beginnt zu malen. Exzessiv.

Das Malen löst die Musik ab. Soutter zeichnet täglich mehrere Bilder, wie in einem Rausch. Was ihn antreibt, sind die eigenen inneren Gespenster, aber auch die unglaublich starke Verbindung zur Natur. Was mit ihm geschieht, wenn er sich dem Bilderstrom hingibt, würde man heute vermutlich „Flow“ nennen. Ich bin sicher, er ist dabei mit etwas Höherem verbunden.

„Wie das Licht, die Rundung der Hügel und Täler es wollten, ließ Louis sich von der Landschaft einsaugen, er wollte nicht neben der Natur sein oder über ihr, sondern in ihr, in Bewegung ganz in ihrem Innern.“

In den nächsten 19 Jahren bis zu seinem Tod entkommt er dem Heim nicht. Trotz kurzer Hoffnungsschimmer bleibt er dort allein zurück, strengen christlichen Regeln ausgeliefert, lebt immer asketischer. Sein Cousin, der Architekt „Le Corbusier“ besucht ihn einmal, ist begeistert von seinen Bildern, gibt ihm kurz öffentliche Aufmerksamkeit, wendet sich später aber ab. Jean Giono, der südfranzösische Schriftsteller und Cousin einer Pflegerin besucht ihn, kauft schließlich sogar einige Bilder ab. Auch der Schweizer Nationaldichter Ramuz verspricht ihm eine Zusammenarbeit. Und eine reiche entfernte Cousine lässt ihn in ihrem noblen Landhaus ab und an „Urlaub vom Heim“ machen. Doch niemand hilft ihm von dort dauerhaft wegzukommen. Seine eigenen Einsprüche wirken nicht. Ab 1937 malt er nicht mehr mit Feder oder Bleistift sondern mit den Fingern. Schwarz wird immer die vorherrschende Farbe bleiben. Am 20. Februar 1942 stirbt er allein in seinem Bett im Altersheim von Ballaigues.

Layaz schildert das alles in einem der Zeit angemessenen Ton. Er pickt Lebensjahre heraus und erzählt die wichtigsten Ereignisse, lässt auch Kleinigkeiten, die mir höchst wichtig erscheinen mit einfließen. Er haucht Soutter wirklich Leben ein, macht ihn (be)greifbar und zeichnet ihn zutiefst menschlich mit einem reichen Innenleben. Durch seine mitunter poetische Sprache zeigen sich mir sofort Bilder, kann ich mir Soutters Lebenswege bildhaft vorstellen. Es ist schwer abzuwägen, was hier tatsächlich biographisch ist und was fiktiv, doch der Autor zeigt immer offen, wenn er Vermutungen anstellt, wenn er sich der tatsächlichen Details nicht sicher ist. Ihm gelingt ein fesselndes Porträt eines Ausnahmekünstlers, dem man sich genau so hingeben muss, wie man das mit Soutters Bilderwelt tun sollte. Einfach erschließt sich weder eine solch unruhige Lebensgeschichte, noch solch komplexe Werke.

„Man hatte ihn manchmal gefragt, was er für Wünsche, Pläne hätte, doch seiner Miene nach wurde rasch klar, dass es ihm zuwider war, von sich zu sprechen. Manche hatten bemerkt, dass er sehr gebildet war, dass er sehr gut verstand, was man sagte, dass er sehr empfindsam war, eine Senisbilität, die er wie ein Makel mit sich herumschleppte, ein Gewicht, das er vergeblich irgendwo abzulegen versuchte.“

Soutter war meiner Meinung nach ein großes Talent, ein einzigartiger Künstler, ein Eigenbrötler im besten Sinne, freiheitsliebend und unkonventionell, sich nicht den Zwängen seiner Zeit unterwerfen wollend, und hatte das Pech, wie so viele Genies, vollkommen verkannt zu werden. Er war sicher kein einfacher Mensch, aber möglicherweise einer, der seiner Zeit voraus war. Nach der Lektüre begleitet er mich noch fast täglich in meinen Gedanken. Ein Leuchten!

Das Buch erschien im Verlag Die Brotsuppe. Übersetzt aus dem Französischen hat es Yla M. von Dach. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.