Jahrbuch der Lyrik 2018 Schöffling Verlag

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Dem Schöffling Verlag ist es zu verdanken, dass das Jahrbuch der Lyrik nun einen festen Verlag hat und zudem jährlich neu erscheint. Der Schöffling Verlag ist ein unabhängiger Verlag und einer der wenigen überhaupt, die noch eine regelmäßige Anzahl an Lyrikbänden im Programm hat. Herausgeber ist seit jeher Christoph Buchwald, der sich einen Co-Herausgeber mit ins Boot holt. Das ist diesmal Nico Bleutge.

Was mir gleich als erstes auffällt: Die auf der Rückseite abgedruckten Namen der ausgewählten Lyriker/innen überschneiden sich in erstaunlich großer Anzahl mit denen des letzten Jahres. Es sind in Lyrikerkreisen bekannte Namen und wie man im Anhang mit den Namen und Biografien der abgedruckten Dichter feststellen kann, nur sehr sehr wenig unbekanntere Namen. Es scheint schwierig zu sein, ohne Buchveröffentlichung und ohne in der „Szene“ mitzumischen, ins Jahrbuch zu gelangen …

Erfreulich ist hingegen die ausgewogene Anzahl von weiblichen und männlichen Dichtern. Falls ich richtig gezählt habe, sind es sogar einige Frauen mehr.

Was ich, glaube ich, jedesmal hier schreibe, ist, dass ich es besser finde mehr Lyriker abzudrucken und nicht mehrere Gedichte von einzelnen.

Von den „alt-bekannten“ Lyrikern sind die Klassiker dabei: Elke Erb, Herta Müller, Friederike Mayröcker, Jürgen Becker und Richard Pietraß. Von den berühmteren mit einigen Preisen gesegneten sind dabei: Monika Rinck, Marcel Beyer, Marion Poschmann, Kerstin Hensel, Lutz Seiler etc. Und natürlich viele der bei Schöffling verlegten Autoren.

Oft hört man ja Kritikerstimmen, die auf Teufel komm raus immerfort etwas Neues Innovatives, aufregend Anderes, ja, eine Revolution der Lyrik verlangen. Dem kann ich mich nicht anschließen – vielleicht bin ich da sogar konservativ. Ich mag ja auch Wasserglaslesungen. Und tue mich oft schwer mit der mittlerweile permanent geforderten Performance um jeden Preis, sehe ich diese doch eher als Inszenierung des Erzeugers, als würde der Text alleine nicht mehr reichen. Ich jedenfalls habe Einiges an Gedichten gefunden, die für mich sehr wohl inhaltlich und sprachlich hinreichend Neues bieten, Lyrik, die ich nicht nur mit einem Literatur-, Philosophie- oder Germanistikstudium etc. lesen bzw. verstehen kann, sondern auch Gedichte, die mich sofort treffen und berühren, die etwas auslösen, bewegen ganz speziell bei mir. Das ist für mich, das was zählt.

Das Jahrbuch enthält deutsche Gedichte. Im letzten Kapitel, wie schon im Vorjahr, gibt es einige wenige fremdsprachige Autoren, deren Gedichte von deutschen Autoren übertragen wurden. Es ist meiner Meinung nach nicht sinnvoll. Hier weiß man nicht: Sind diese Gedichte auch eingereicht worden, womöglich von den Übersetzern? So etwa Ulrike Almut Sandig, deren Zusammenarbeit mit Hinemoana Baker und Grigory Semenchuk ja bekannt ist. Aber was soll dann wiederum ein einziges übertragenes russisches Gedicht mitten zwischen den deutschsprachigen? Und was ein einziges handschriftliches fast unleserliches Stück Papier?

Egal. Kleinigkeiten. Es ist fein, dass es das Jahrbuch gibt. Es bietet einen recht guten Überblick und lädt zum Weiter- und Tieferlesen und Selbstkritisieren ein.

So, und nun kleine Kostproben meiner sehr subjektiven Auswahl an Lieblingsgedichten (interessanterweise fast ausschließlich weibliche Stimmen):

Gleich zu Beginn nenne ich hier Sylvia Geist, die mit fünf(!) Gedichten aus ihrem aktuellen Lyrikband „Fremde Felle“ vertreten ist. Diesen habe ich gerade ausführlich besprochen. Wie man da lesen kann, finde ich Geists Gedichte richtig gut. Trotzdem wären hier zwei Gedichte auch aussagekräftig gewesen und es hätten sich mehr andere Namen einfinden können.

Eine Entdeckung ist für mich Kenah Cusanit. Sie ist mir bisher nicht aufgefallen. Doch die Apfel/Fruchtgedichte sind ganz nach meinem Geschmack. Sie sind inspirierend und leicht skurril. Wenn ich es richtig verstanden habe, gehören sie zu einem Zyklus in Verbindung mit dem romantischen Dichter Percy Shelley:

„… Im Thermometer wird der Herbst
ein halbes Jahr gefangen gehalten. Wie ist er da hinein
geraten. Freiwillig, man muss es sagen. …“

Kurze Zwischenbemerkung: Mir fällt immer wieder auf, dass ich mich mit Gedichten im Blocksatz eher schwer tue. Sie sind „in“. Vielleicht deshalb.

Monika Rincks Gedichte sind eine Freude, zeitkritisch und menschlich und forsch:
aus Fossile Technokraten benebeln eingegrabene Talente:

                        „… Der Angstkomet stürzt schrill
in Richtung unserer Mutter Erde. Und knapp verfehlt.
Hier die Anleitung  zur Löschung der Kosmogonie:
Nehmen Sie Nebel! ….“

Karla Reimerts Lyrik,

„Schilder, die zum Langsamfahren aufrufen.
Vielleicht bin ich deswegen zu allem zu spät.“

aus „November 2017“

Anja Kampmanns Lyrik (besprochen habe ich hier bereits ihren wunderbaren Debütroman „Wie hoch die Wasser steigen“),

„Keiner spielt auf dem Grün
stehen Tankstellen
Masten Trafohäuschen du denkst
an einen Gott
in Gummistiefeln
am Bahnschwellenrand wo die Bäume
den Blick versperren
auf die weitere Fahrt
legt er zwei Finger auf die Erde
nimmt den Puls“

aus „Passagier“

und Maja-Maria Beckers Lyrik,

„… unter Liebenden
ist´s Brauch, so selten wie möglich zu blinzeln, so
verschneiden sie Augen mit Blicken, teilen die Welt
in das Entscheidende und das zur Verfügung Stehende …“

aus einem Liebesgedicht

spricht mit mir im passenden Rhythmus.

Und zum Abschluß Lutz Seilers ebenso witziges wie dichterfreundliches Gedicht über die Menschwerdung: Lyrisches Leuchten!

morgenrot & knochenaufgänge

„stunde null im habitat, der sogenannte affenmensch
sitzt in der savanne & kann
nichts sehen – das gras

ist zu hoch. dann das knacken, hörbar
in den kapseln, ein druck, ein griff
nach der geschichte: daumen und zeigefinger

kommen zusammen, die
schreibhand entsteht, zehntausend jahre
vor dem aufrechten gang“

Das Jahrbuch der Lyrik 2018 erschien im Schöffling Verlag. Hier gibt es eine Leseprobe. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Buchkunst aus der Büchergilde/Edition Büchergilde Teil 1 / 2001-2006

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Beim Durchstöbern meines Buchregals war ich erstaunt, welch schöne Ausgaben der Büchergilde ich besitze. Es sind die wundervoll gestalteten, illustrierten Bände, die mich nicht nur inhaltlich, sondern eben auch künstlerisch ansprechen, ja manchmal auch für meine eigene Arbeit inspirieren. Ich kann die Bände jedem Bibliophilen nur empfehlen. 5 Bände, fast alles Klassiker, stelle ich hier chronologisch nach dem Erscheinungsdatum kurz vor, 4 weitere folgen in Kürze.

 

„Stille Tage von Clichy“ von Henry Miller ist sehr bekannt. Die drei Erzählungen in diesem Band entstanden Ende der dreißiger Jahre in Paris, wurden aber später stark überarbeitet. Erstmals erschienen sie in Frankreich, durften aber in den USA aufgrund der freizügigen Sexszenen nicht veröffentlicht werden. Es sind raue Geschichten, in denen sexuelle Ausschweifungen im Vordergrund stehen. Der Künstler Helge Leiberg hat die Illustrationen dazu gemacht. Es herrschen kräftige Farben vor und Bilder, die in ihrer reduzierten Art hervorragend zum Buch passen.
Das Buch wurde 2001 in der Büchergilde veröffentlicht ist aber leider nur noch antiquarisch zu erhalten.

 

 

„Babettes Fest“ von Tania Blixen ist eine faszinierende Geschichte um eine als Köchin bei einem ältlichen, strengen, karg lebenden Geschwisterpaar angestellte Frau. Keiner im Dorf kennt ihre Vergangenheit. Erst als Babette eines Tages bei einer Lotterie gewinnt und aus Paris auserlesene Zutaten für ein großes Festessen kommen lässt, stellt sich heraus, was wirklich hinter Babettes Kochkünsten steckt, ja, wer sie wirklich ist. Der Band erschien 2003 und wurde von der Illustratorin Nanna Max Vonessamieh mit feinen schwarz/weiß-Zeichnungen ausgestattet. Er ist nur noch antiquarisch erhältlich.

 

 

„Bartleby, der Schreiber“ von Herman Melville ist ein herrliches Buch um einen widerständigen Menschen, der irgendwann nach ewigen Routinetätigkeiten nicht mehr arbeiten will und stattdessen nur ganz schlicht zu seinen Vorgesetzten im Büro sagt: „I would prefer not to“  also „Ich möchte lieber nicht“. Ich liebe diese Geschichte, auch wenn sie nicht besonders gut für den Schreiber endet. Sie ist sehr kurz, auch düster, für mich jedoch sehr ausdrucksstark. Der Band erschien 2004 und ist nur noch antiquarisch
erhältlich.

 

 

„Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun ist ein so wunderbares Buch, dass es überrascht, dass es sogar noch schöner illustriert werden kann. Die Ausgabe ist mit überwiegend schwarz/weiß bzw. sepiafarbenen leicht verschwommenen Bildern versehen. Wenige Farbpunkte setzt die Illustratorin Gerda Raidt zwischen die digital bearbeiteten Bleistiftzeichnungen. Keun erzählt von einer jungen Frau, die in die Glamourwelt Berlins in den 30er Jahren eintaucht, die nicht mehr nur „Tippse“ sein will, sonder ein „Glanz“. Das das nicht so einfach ist schildert Keun in ihrem unverwechselbaren Ton. Große Empfehlung! Die Ausgabe erschien 2006 und ist leider nur noch antiquarisch erhältlich.

 

 

Mit „Augen in der Großstadt“ von Kurt Tucholsky bleiben wir in Berlin, sogar in etwa zur gleichen Zeit. Dieser Band versammelt Gedichte und Prosa und schafft einen schönen Überblick über Tucholskys umfangreiches Werk. Herausgeber ist Ingmar Weber. Die farbigen ausdrucksstarken Illustrationen von Hans Ticha passen stimmig zum Inhalt und verstärken diesen. Das Buch erschien 2006 und ist nur noch antiquarisch erhältlich.

Teil 2 folgt in Kürze.

Hier gehts zur Büchergilde: http://edition-buechergilde.de/programm/

 

Daša Drndić: Belladonna Hoffmann und Campe Verlag

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Diese sprachlich hervorragende und ungewöhnlich konstruierte Romanentdeckung verdanke ich einmal mehr Constanze von Zeichen & Zeiten. Die Autorin war mir bisher kein Begriff, obwohl bereits mit „Sonnenschein“ ein Roman in deutscher Sprache von ihr erschien. Die 1946 in Zagreb geborene Daša Drndić spannt den Bogen von der Gegenwart über das Kriegsgeschehen auf dem Balkan während und nach dem Zerfall Jugoslawiens bis weit zurück in die Zeit des Nationalsozialismus. Gleich vorab: Ein Leuchten!

„Sein Herz bleibt stehen. Andreas Ban spürt, wie sein Herz in Zeitlupe durch seinen Rücken hindurch auf den Boden fällt. Er dreht sich auf die Seite, schaut über den Rand der Behandlungsliege und betrachtet sein großes Schwimmerherz, wie es ins Leere pumpt, als schnappe es nach Luft, immer langsamer. Mit gewölbter Hand hebt er das Herz auf und legt es zurück an seinen Platz.“

Ihre Hauptfigur, Andreas Ban, ein Psychoanalytiker und Schriftsteller im Ruhestand, lebt in einer Kleinstadt in Kroatien (vermutlich Rijeka). Leider kann er diesen nicht genießen, denn Widrigkeiten wie ein geringes Auskommen und diverse Krankheiten hindern ihn daran. Und obwohl er das so gar nicht will, gerät er unwillkürlich immer wieder in Erinnerungen aus dunklen Zeiten. Ban gerät in den Prozeß des Alterns, der ihn melancholisch macht. Daraus speist sich die Handlung, aber Drndić fügt immer wieder Originalfakten wie alte Fotos, Zeitungsberichte, Zitate und sogar Listen Verstorbener mit ein und schafft es alles zu einem stimmigen Ganzen zusammen zu fügen. Durch diese Form der „Bearbeitung“ von Fakten wird die Lektüre sehr intensiv. Denn wenn auf den Bericht der Tötung von 1055 Juden im serbischen Šabac auf den folgenden Seiten eine Liste mit den 1055 Namen erscheint ist das mehr als eindringlich.

„Er taucht in eine andere Geschichte ein, in Hunderte persönlicher Geschichten, wegen denen manche wahnsinnig werden und andere Gedichte schreiben.“

Tief taucht Ban ein in die 70er Jahre, als Sarah Kirsch, Eva Strittmatter, Nicolas Born und der Österreicher Peter Henisch, der über seinen Fotografen-Vater im Nationalsozialismus schreibt, in Albanien auftauchen, wo Ban seinen Wehrdienst leistet. Er erzählt von Niklas Frank, der seinen Vater, den „Schlächter von Polen“ in einem Buch in der Luft zerfetzt. Dass es nationalistische und antisemitische Verbrechen auch in Kroatien gab, die aber nie, wie in Deutschland aufgearbeitet wurden, sondern verschwiegen und verdrängt, ist ein wichtiger Aspekt des Buches.

So schreibt sich Ban alles von der Seele. Unerträglich und absurd, welche Greuel da versteckt wurden, wie hohe Funktionäre der NHD und der Ustascha-Bewegung einfach nach dem Krieg weiter Karriere machten, oft in Südamerika, wie wenig die Nachkommen damit zu tun haben wollen und wie unverdrossen auch heute wieder die Heimatliebe und die Blut und Boden-Ideologie öffentlich zur Schau gestellt wird.

Andreas Ban, der in Paris geboren wurde, der als Kind mit der Familie nach Belgrad kam, dessen Mutter und Schwester früh an Krebs verstarben, ebenso wie später dessen Frau, zog mit seinem Sohn 1992 nach Kroatien. Er erhält nach einigen Jahren Arbeitslosigkeit und schlecht bezahlter Jobs, vielleicht auch deshalb, nur eine kleine, wenig bedeutsame Stelle an der Universität, die von einfältigen, angepassten Intellektuellen bevölkert wird. Auch für den Sohn ist es nicht einfach. Die Sprache ist eine andere. Der Nationalstolz ist groß.
Durch jede Zeile spürt man später Bans Wut über die Leugner und Scheuklappenträger wabern. Er beschimpft sie vor Antritt seines Ruhestands in einem Brief, der von Zitaten kluger Schriftsteller, Philosophen und Intellektueller nur so strotzt, die Ban überhaupt gerne zu Rate zieht, was dem Roman sehr zuträglich ist.

Auch Ban wird vom Krebs nicht verschont. Eine Operation hilft. Andere altersbedingte Verschleißerscheinungen treten auf. Doch jede Krankheit bringt auch Erinnerungen und Geschichten mit sich, wie etwa bei einer Augen-OP der Schwenk zu E. T. A. Hoffmanns Sandmann naheliegend ist.

„Über den Krankenhausflur kullert eine kleine, in Federn gehüllte Angst“

Eine Einladung zu einem Schriftstelleraufenthalt in Amsterdam trägt zu einem kurzen Zwischenhoch bei. Doch auch dorthin folgt die Vergangenheit, wenn Ban etwa erfährt, dass zwischen 1938 und 1945 2061 niederländische jüdische Kinder im Alter von sechs Monaten bis 18 Jahren ermordet wurden und die 2061 Namen der Kinder abgedruckt sind: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“

„Jetzt, wo er einen Zweikampf mit seinem Körper ausficht, einen Zweikampf, aus dem er, ach, er weiß es, sieht es, nicht als Sieger hervorgehen wird, wühlt er in fremden Leben herum, um Abstand zu seinem zu gewinnen.“

Andreas Ban ist wenig versöhnlich mit sich und der Welt. Er macht Tabula rasa. Gegen Ende des Romans kommt es dann zum Showdown mit Belladonna, einer Pflanze, die wir unter dem Namen Tollkirsche kennen …

Der Roman erschien im Hoffmann & Campe Verlag und wurde von Brigitte Döbert und Blanka Stipetić übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier.

Passend zum Thema empfehle ich:
„Die kleinen roten Stühle“ von Edna O´Brien
Als ob sie träumend gingen“ von Anna Baar

Bettina Wilpert: Nichts, was uns passiert Verbrecher Verlag

Cover

„Auch wenn man als Frau anscheinend immer damit rechnen muss
und es das Schlimmste zu sein scheint, was passieren kann, ist es doch
nichts, was wirklich geschieht. So wie es keinen Krieg in Deutschland
gibt oder man ständig Angst haben muss zu sterben. Vergewaltigung
passiert anderen Leuten.“

Ungewöhnlich angelegt hat Bettina Wilpert ihren Debütroman über eine Vergewaltigung. Er speist sich aus verschiedensten Stimmen, die alle über das Geschehnis berichten und doch sagt jede etwas anderes. Selbst die beiden Stimmen der tatsächlich Beteiligten werden hinterfragt. Dieses Buch zu lesen, bedeutet, auch die eigene Stimme am Ende einzubringen, sich ein Bild zu machen, nicht unbeteiligt zu bleiben.

Ausgangspunkt ist Leipzig im Sommer der Fußball-WM 2014. Die Studentin Anna und der Doktorand Jonas lernen sich durch Freunde kennen und merken, dass sie ähnliche Interessen haben, nämlich Literatur und Osteuropa. Anna selbst stammt aus der Ukraine, Jonas hat ein Praktikumsjahr dort verbracht und so kommt es zwischen beiden zu regen Diskussionen.

„Anna mochte es nie, wenn jemand fragte: Wie geht’s? Niemand erwartete eine ehrliche Antwort, die Lüge war gesellschaftlich akzeptiert. Die Leute wurden aus dem Konzept gebracht, wenn man die Wahrheit sagte: Schlecht. Oder: Scheiße. Anna hasste es, ein Gespräch auf Lügen aufbauen zu müssen, am liebsten hätte sie immer die Wahrheit gesagt, ihre echte Gefühlslage geschildert, aber das hätte gegen die Konventionen verstoßen.“

Als beide bei einer Gartenparty zuviel getrunken haben und kaum mehr zurechnungsfähig sind, kommt es laut Anna zur Vergewaltigung, laut Jonas zu einvernehmlichem Geschlechtsverkehr. Anna erzählt zunächst nur ihrer Schwester davon. Als Anna die Tat später anzeigt, fällt Jonas aus allen Wolken. Die „Sache“ breitet sich in Studentenkreisen recht schnell aus und je nachdem, wird Jonas oder Anna gemieden, ja ausgeschlossen. Je nachdem auf welcher Seite man steht. Denn dass man sich entscheiden muss, wem man glaubt und wem nicht, scheint ein Muss zu sein. Ein Dazwischen gibt es nicht …

„Alle sprachen darüber. Vor der Albertina diskutierten Studenten, die Hannes nie zuvor gesehen hatte, über den Fall: Über den jungen Doktoranden, der von einer Studentin angezeigt wurde, weil er sie vergewaltigt haben soll. Abends, wenn er sich beim Späti ein Radler holte und sich mit Freunden am Herderpark traf, gab es kein anderes Thema als den gewalttätigen Vergewaltigter und das schutzlose Opfer. Die junge Frau, die betrunken mit einem Mann Sex gehabt und nicht aufgepasst hat.“

Wie schwierig und unangenehm alles ist, zeigt unter anderem dann die Szene auf dem Polizeipräsidium, als sich Anna nach langem Zögern doch entscheidet Anzeige zu erstatten. Es ist eine unüberlegte impulsive Aktion, die sie später bereut. Wilpert führt hier über eine ganze Seite einen Katalog an Fragen auf, die Anna gestellt wurden, durch die man immer die Frage nach der eigenen Schuld erkennen kann, obgleich sie nie direkt gestellt wird.

„Anna wollte das alles nicht. Sie wünschte, sie hätte nie Anzeige erstattet, dann hätte niemand davon erfahren. Es ging ihr nicht darum, Jonas zu bestrafen. Nein. Sie wollte eine Entschuldigung. Sie wollte, dass er ihr in die Augen blickte und sagte: Ich habe dich vergewaltigt, es tut mir leid.
Dass sie niemals mit all dem gerechnet hätte.“

Aufgrund der vielen Stimmen, die im Roman zu Wort kommen, breitet sich eine große Spannweite aus, was denn eine Vergewaltigung genau sei, wo sie beginne und was als einvernehmlich gelte. Sehr spannend dabei ist, was die unterschiedlichen Meinungen in einem selbst als Leser auslösen. Wer lügt? Wem „glaube“ ich als Leser*in und warum? Zu welchem Schluss komme ich? Wen spreche ich schuldig? Wen frei? Wer ist Opfer, wer Täter?

Dass das alles nicht so einfach ist, verdeutlicht Bettina Wilpert in ihrem Roman. Dass, was aus einem Blickwinkel als klar und logisch erscheint, sieht von der anderen Seite womöglich anders aus. Dass die Rechtsprechung sich mit einem einfachen „Nein“ auf Annas Seite nicht zufrieden gibt und das Verfahren gegen Jonas eingestellt wird, gibt zu denken. Eine Klärung scheint schlicht unmöglich …

Der 1989 geborenen Autorin, die selbst in Leipzig studierte, macht sprachlich keine Experimente. Das Thema ist hier Experiment genug. Ihr ist ein spannendes und nachdenklich machendes Buch gelungen, dass ein Thema anpackt und damit sichtbar macht, welches in Romanen so sonst kaum zu finden ist.

Der Roman erschien im Verbrecher Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das digitale Rezensionsexemplar.

Sjón: bewegliche berge Edition Rugerup

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Es muss also an Island liegen. Vor ein paar Monaten las ich bereits schon einmal einen Lyrikband eines Isländers: „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“ von Ragnar Helgi Ólafsson. Beeindruckend war er. Und nun kommt Sjón, der in und außerhalb Islands ein Begriff ist, der Romane und Lyrik schreibt und manchmal Songtexte für Björk. Und ich bin wieder vollkommen begeistert von diesen Gedichten. „bewegliche berge“ heißt der Band und er lässt auch den Leser innerlich Berge versetzen.

In „ars poetica“ findet sich das Gedicht dazu im Original und in zwei unterschiedlichen Übertragungvarianten der beiden Übersetzerinnen. So zeigt sich gleich die Vielfalt der Möglichkeiten:

Die Gedichte haben oft etwas skurriles, was aber im Kontext vollkommen normal wirkt. Sie schleichen sich ein. Einmal lesen reicht nicht. In die Tiefe gelangt derjenige, der sich einlässt. Obwohl oft kurz und knapp enthalten sie Fülle und Reichtum der Sprache.

Oft erzählt Sjón von seiner Heimat Island, greift tief in die Vielfalt der Sagenwelt. Über jedem einzelnen Gedicht liegt ein Zauber, womöglich die Magie dieser Insel (die ich zu gerne einmal erleben würde). Teils sehr direkt, ja, fast anklagend lesen sich dann Gedichte wie „lied aus dem silbernen zeitalter“:

„bevor wir die kniegeige verloren
als wir noch kontrolle hatten über den zug der schwäne und lachse

bevor wir die verborgenen türen der erdhütten verloren
als wir noch zuflucht fanden im warmen schoß der lava

bevor wir den eisbären und den weißen falken verloren
als wir noch hörten das krächzen weißer raben …“

Teil sehr verfremdet und in der Tat grotesk, ja, makaber, wirkt der Zyklus „dans grotesque“, in dem es um Frauenleichen geht, der letztlich von der Entstehung des Eilands erzählen.

Ein Kapitel des Bandes steht im Blocksatz: Hier widmet sich der Autor seinen Erlebnissen in und mit der Nationalbibliothek und zeigt, dass man sich in Karteikartenkästen ebenso leicht verlieren kann, wie heute im worldwideweb.

Dann wiederum erzählt er von Reisen, wie etwa nach Berlin, wo ich sofort wusste, welche „Sehenswürdigkeit“ er in „über uns“ meinte. Ich mag das Gedicht sehr, es trifft die Stadt sehr genau:

„in form und farbe wie die erde
ein ballon mit der aufschrift „die welt“

er gleitet durch die bläue

eine mahnung dass wir durchs universum schweben
gleich ob verwurzelt oder wurzellos

und das tut berlin auch“

Das Gedicht „acta poetica“ erinnert vom Bild und der Stimmung her beinahe an Celan:

„schwarze reiskörner
wir essen sie nicht …“

Auch eine große Melancholie liegt oft in den Gedichten, die mitunter nur zwei Zeilen benötigen, um eine Stimmung auszudrücken:

„ein gefühlsmäßig zweifelhafter
pfeilgerader regenbogen“

Sjóns bewegliche berge erschien im kleinen feinen Verlag Edition Rugerup. Übersetzerinnen aus dem Isländischen sind Betty Wahl und Tina Flecken. Das schöne Coverbild stammt von Kristinn Már Pálmason.

Die Edition Rugerup verlegt sehr oft nordische Autoren. Gerade ist auch eine zweisprachige Sammlung schwedischer Gedichte mit dem Namen „Von Nordenflycht bis Tranströmer“ erschienen. Herausgeber ist der Lyriker Håkan Sandell. Er hat eine Auswahl getroffen, die in chronologischer Reihenfolge von 1700 bis heute reicht. Dabei sind unter anderem Nelly Sachs, Edith Södergran, Gunnar Ekelöf, Tomas Tranströmer und Lars Gustafsson.

Lars Saabye Christensen: Magnet btb Verlag

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„Was wäre, wenn man eine umgedrehte Erinnerung hätte und sich an das erinnern könnte, was noch geschehen sollte?“

Lars Saabye Christensens neuer Roman hat 950 Seiten. Keine davon ist verzichtbar. Ihn zu lesen bedeutet Eintauchen, die Zeit vergessen, obgleich der norwegische Autor vor allem über die Zeit schreibt. Anhand des Hauptprotagonisten, der Fotograf ist, lässt sich das besonders gut aufzeigen. Fotografieren ist Zeit stoppen, festhalten, der Moment der Vergangenheit, der hernach beim Betrachten in der Gegenwart geschieht, die Erinnerung daran, die womöglich ganz anders war. Überhaupt erfahre ich hier viel über Fotografie, eine Faszination, die auch den gesamten Roman mit trägt.

Jokum Jokumsen, 22 Jahre alt und Student der Literaturwissenschaft, misst über 2 Meter. Dass er mit dieser Größe geschlagen ist, macht ihm immer wieder zu schaffen. Erst als seine Zimmernachbarin im Studentenwohnheim, Synne, zwei Jahre älter, Kunstgeschichte studierend, ihm erzählt, dass er Giacomettis „Der Schreitende“ ähnelt, den sie sehr mag, ist er eine Weile damit versöhnt. Denn er ist verliebt in Synne.

Das ist der Anfang. Wir sind im Oslo der 70er Jahre. Christensen weiß diese Zeit atmosphärisch dicht darzustellen: Jokum, der sich mit Kafkas „Prozeß“ herumschlägt, Jazz statt Rock mag und unter seiner Größe leidet, auch körperlich, die Proportionen stimmen nicht. Nebenan die schöne Synne, die heimlich im Wohnheim den Hamster Hubert hält. Tatsächlich kommen die beiden im ersten Teil des Buches zusammen. Was mich wirklich irritiert, ist, dass dieses Paar imgrunde überhaupt nicht zueinander passt und trotzdem lange miteinander lebt. Jokum ist der Träumer, der Kreative, der begabte Fotograf, der Synne abgöttisch liebt, ja, der sich von ihr bevormunden lässt, bis mir als Leserin, die Wut hochsteigt auf diese Frau. Ist es womöglich wirklich so, dass einer in einer Beziehung immer mehr liebt? Von Synne gibt es jedenfalls kaum Zeichen der Liebe, eher starke Launenhaftigkeit gepaart mit Sarkasmus. Sympathisch ist sie mir als Leserin nicht. Blickt man auf ihr chaotisches Elternhaus zurück, kommt vielleicht etwas Verständnis auf. Jokum hingegen kommt aus einem intakten Elternhaus. Sein Vater kommt ursprünglich aus Dänemark und schwärmt für den Karikaturisten Storm P., der im Roman immer wieder auftauchen wird, ebenso wie der Magnet, der auch vom Vater kommt.

Zeitsprung/Ortswechsel: Nach einem kurzen Zwischenspiel in Dänemark, leben die beiden nun in San Francisco, sind verheiratet. Synne schreibt ihre Doktorarbeit, Jokum fotografiert Dinge. Synne hat ein ganz anders Tempo als Jokum. Sie treibt ihn an, verhilft ihm zur ersten Ausstellung und sagt ihm, was zu tun ist, legt ihm die Worte für Interviews vor und er macht alles mit. Sie ist letztlich eher seine Managerin als seine Frau und führt ihn zum Erfolg. Doch ist das noch er selbst?

Er hatte Dinge verschoben. Er hatte sie zurechtgelegt. Das Foto vom Zimmer des Matrosen war nicht echt. Das machte Jokum zu dem Künstler, der er nicht sein wollte. Er wollte nur einer sein, der zufällig an einem Punkt vorbeikam, wo etwas ist. Und aus dem, was ist, sollten die Bilder entstehen und durch sie bestehen.“

Die Jahre vergehen. Jokum wird berühmt, gibt Interviews, sogar für das heimische norwegische Fernsehen. Das MOMA kauft Fotos an und man lädt ihn ein zur Biennale in Venedig. Doch Jokum wird das alles mehr und mehr zuviel. Er hört auf mit dem Fotografieren. Nachdem ein Fotozyklus über Synnes Schwangerschaft ausgestellt wird, sie das Kind aber verlieren, entsteht eine immer tiefere Kluft zwischen beiden, es kommt zur Trennung. Einmal noch sehen sie sich, als Synne sehr krank wird …

„Es müsste eine Probezeit geben für alle, die sich verändern wollten. Man sollte eine Frist bekommen, den Entschluss wieder rückgängig machen zu dürfen, wenn es einem nicht gefiel, wie man geworden war.“

In den letzten Kapiteln geht es etwas verwirrend zu und doch durchdringt man letztlich die feinen Gewebe der verschlungenen Lebenswege des Paares. Und immer bleibt alles in Bewegung, wenn man es nicht fotografisch festhält. Denn Erinnerungen trügen und jeder hat seine eigenen…

„Ließ das Alter womöglich alles zur Komödie werden? Sollte das, was in der Jugend als Tragödie dastand, mit den Jahren einer Farce ähneln?“

Zwischendurch gibt es Kapitel, die aus gänzlich anderer Perspektive berichten, und zwar zunächst aus einem Heim? einer Anstalt? einer Klinik?, genau weiß man es noch nicht. Dort erzählt einer, der Jokum und Synne aus Studentenzeiten in Oslo kannte, und der offenbar dem Schreiben vollkommen verfallen ist. (Es ist gleichzeitig die Erzählerstimme). Er arbeitete endlose Jahre an seinem ersten Roman und ausgerechnet am Erstverkaufstag mit geplanter Release-Lesung bohren sich zwei Flugzeuge in New York in die Twin-Towers …

Christensen hat auch mit Magnet ein wunderbares Stück Literatur erschaffen, mit viel Witz und philosophischer Tiefe. So, wie ich es bereits vom lange zuvor erschienenen Roman „Der Halbbruder“ kenne. Der Autor ist ein König der Metaphern und ein Künstler der Konstruktion: Sprache und Inhalt als gelungene Komposition. Die Figuren sind lebendig beschrieben und besitzen alle eine gewisse Skurrilität. Man merkt an der Sprache auch, dass Christensen Lyriker ist. Warum der Roman Magnet heißt? Das ist Jokums Geheimnis … Magnetisches Leuchten!

Der Roman erschien im btb Verlag. Übersetzt hat ihn Christel Hildebrandt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

Felix Jackson: Berlin, April 1933 Weidle Verlag

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Vor einiger Zeit gab es meinen Beitrag zu Boschwitz „Der Reisende“. Ein gewichtiges Buch mit einer unglaublichen Entstehungs- und Wiederentdeckungsgeschichte. Das nun besprochene Buch erinnerte mich stark an obiges. Es hat viele inhaltliche Parallelen und es entstand unter ähnlich herausfordernden Bedingungen. In beiden Büchern geht es um die Unfassbarkeit des aufkommenden Nationalsozialismus mit all seinen Schrecken. Der deutsche Autor Felix Joachimson, später Jackson, emigrierte über Österreich und Ungarn in die USA und sprach nie wieder Deutsch. Sein Roman erschien 1980 erstmals auf Englisch und erst kurz vor seinem Tod stimmte er einer deutschen Ausgabe zu. Er ist in Tagebuchform verfasst.

Hauptfigur ist der Rechtsanwalt Hans Bauer, der nach einigen Monaten Kur in der Schweiz im April 1933 nach Berlin und in die Gemeinschaftskanzlei zurückkehrt. Inzwischen hat sich einiges verändert. Er beobachtet den alltäglichen Wahnsinn mit zunehmender Befremdung. Alle nicht-arischen Anwälte müssen ihre Tätigkeit niederlegen. So ergeht es dem Kollegen und Sozius von Bauer, der sich schließlich sogar das Leben nimmt. Er selbst entdeckt mit Entsetzen, dass er eine jüdische Großmutter hat. Der Geliebte einer Freundin, ein hoher Offizier der SS, hilft zunächst, diese Daten zu vertuschen. Doch wie man als Leser sofort erkennt und Bauer warnen möchte, nicht ohne Gegenleistungen. So muss als neuer Sozius, ein andienernder Nationalsozialist aufgenommen werden. So soll Bauer große Geldsummen leisten und schließlich ein befreundetes Künstlerpaar verraten. Keiner vertraut mehr dem anderen, jeder kann zum Verräter werden …

„Der Geruch brennenden Fleisches war noch immer in meiner Nase. Ich wollte mich übergeben, konnte jedoch den Mund nicht öffnen. Ich holte mein Taschentuch heraus und wischte mir das Gesicht ab. Als ich es in die Tasche zurücksteckte, war es naß. Ich hatte nicht bemerkt, daß ich weinte.“

Jackson hat einen Nerv für die Atmosphäre dieser Zeit. Gerade auch über die extrem heftige, immer mehr kippende Gefühlswelt des Hauptprotagonisten weiß er ergreifend zu erzählen. In teilweise atemlosen Abfolgen von sehr dichten Szenen, gerade auch in den Dialogen, zeigt der Autor seine Kunst.

Dass es bereits 1933 so schlimm war und es schon das KZ Oranienburg nahe Berlin gab, in dem im Roman eine junge Frau auf barbarische Weise gefoltert wird, damit sie den Namen eines befreundeten Kommunisten verrät, ist unfassbar. So wurde auch von außen sofort erkennbar, wer nicht hinter der Partei und dem Führer stand, wenn eben einer das „Heil- Hitler“ als Gruß verweigerte. So verrieten schon gedrillte Kinder unter dem Zeichen des Führers ihre eigenen Eltern. Jeder durchforstete angstvoll seine Herkunft. Niemand war mehr sicher.

Das Buch aus dem Weidle Verlag ist wieder von Friedrich Forssman bemerkenswert schön gestaltet und hat ein informatives Nachwort von Verleger Stefan Weidle, der den Roman auch übersetzt hat. Mehr über das Buch und eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Sylvia Geist: Fremde Felle Hanser Verlag

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„Eine Katze sprang von einem Balkon
im 10. Stock und blieb unten lange liegen.
Bis sie aufstand, um länger zu leben …“

Fremde, zumindest aber bunte Felle finden sich auch auf dem Coverbild von Sylvia Geists neuem Lyrikband. Mich wundert, dass mir Geists Lyrik nicht schon früher aufgefallen ist, denn die Gedichte sind so, wie ich mir Gedichte wünsche: Zunächst leicht zugänglich, sogar witzig und etwas verschroben. Und dann der Sinkflug, der Tiefgang, die scheinbar mir eigens zugedachte Bedeutung, ein Sprung in Richtung Innerlichkeit. Oder umgekehrt.

“ … Das Bewusstsein
da ist ein leerer Stuhl, der an der Schädeldecke hängt.“

Manches der Gedichte, scheint mir, besteht aus Sätzen des Kreuzwort-Rätsels „Um die Ecke gedacht“ aus der ZEIT, dass ich eigentlich recht gerne versuche zu lösen. Meist weiß ich nicht alle Antworten, doch erschließen sie sich aus den Querverbindungen. Ganz ähnlich ist es mit Geists Gedichten. Die Dichterin arbeitet viel mit Zeilenbrüchen, was noch mehr Variations- und damit Deutungsmöglichkeiten erlaubt und zum Mehrfachlesen auffordert.

Geists Themen sind keineswegs weltfremd, aber mitunter verfremdet. Sie berichten von Reisen, (Ver-)Orten, Beziehungen, Veränderungen, Verbindungen, von Wegen und Abzweigungen, von Natur und Alltag. Oft agiert ein Ich oder ein Wir.

“ … du lässt dich
auswaschen vom Meerlärm, während ich blinde
Plastikflaschen nach Hilferufen schüttle, „

Sylvia Geists Gedichte leben alle auch von ihrem Rhythmus.

„Stimmt, Pusteblume mit der Potenz einer Streubombe
jeder, so rutschen wir durch die Ritze Leben …“

Inhalt und Form gehen eine Beziehung ein, die letztlich harmonisch ist, im Einklang fließend.

„……. Die Minute,
die ihr nicht gemeinsam habt, du und deine Möglichkeiten, …“

Feine Liebesgedichte sind so selten, aber „Porträt des Geliebten als Setzkasten“ ist ein außergewöhnliches:

“ ….. Karge Gelegenheitsfunde,
zum Wahrzeichen erklärt und abgestaubt für einen Setzkasten,
der mich an dich denken lässt. Ein bräunliches Blatt, das mir
unter den Fingern zerbröseln könnte, dein Lid, wenn du mich
dich lieben machst, wie du selbst es tätest, gäbe es mich nicht.“

Die Lyrikerin ist viel auf Reisen, innen und außen. Ihre Wege bereitet sie für ihre Leser nachhaltig auf, weiß genau, was die Essenz des jeweiligen ist, was heraus zu filtern notwendig ist. Beispielsweise die fiktive Begegnung auf einer Reise mit Dichter Bobrowski im Gedicht „Auf dem Heimweg“:

„Zehn Minuten von zuhause entfernt
geraten wir in eine andere Welt. Dort
steht Bobrowski auf der Leiter, hämmert
am Dach seiner Nebelhütte und schüttelt
den Kopf über unsere Frage nach dem Weg
vor unseren Füßen.“

Ich habe mich an Geists Lyrik fest gelesen und mich bereichern lassen von dieser Art des dichterischen Denkens. Lyrisches Leuchten!

Einige Gedichte sind aus ganz bestimmtem Anlass entstanden, ist aus dem Anhang zu erfahren. Etwa im Rahmen eines österreichischen Projekts Netzwerk Poesie, bei der Geist auf Gedichte anderer Lyriker „antwortete“ oder bei einem Stipendienaufenthalt in Krakau. Fast wirken diese Informationen störend, als wollte man die Gedichte erklären, und ich wünschte mir man hätte sie weggelassen oder sie tatsächlich in den zugehörigen Zusammenhang gestellt.

„Fremde Felle“ der 1963 geborenen Berlinerin erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Amos Oz: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis CD Der Hörverlag

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Am heutigen 14. Mai wurde vor 70 Jahren der Staat Israel gegründet. Aus diesen Zeiten erzählt auch Amos Oz, (eigentlich Klausner) der große israelische Schriftsteller in „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“. Es ist die Geschichte des kleinen Jungen, der er war, ausgehend von der Geschichte seiner Familie, die aus Osteuropa kommt und im Nahen Osten ein neues Zuhause fand. In Jerusalem leben sie, in der Stadt, in der beide Eltern studierten und sich kennen lernten, in der er zur Welt kam. Ungetrübt bleibt weder die Liebe von Vater Arie und Mutter Fanja, noch die Freude über die Gründung des eigenen Staates, in dem die Juden endlich ihre rechtmäßige Heimat finden wollten.

Oz`Mutter, deren Depression alias Migräne er einfühlsam und ausführlich schildert, nimmt sich das Leben. Und der neue Staat wird bereits kurz nach der Gründung vom arabischen „Feind“ angegriffen, der das Land keineswegs teilen wollte. Wie schrecklich, dass die Juden, gerade geflohen und überlebt, sogleich in eine neue Zeit des Krieges und der Unsicherheit gerieten. So einen genauen geschichtlichen Überblick über die Vorkommnisse bei der israelischen Staatsgründung hatte ich bisher nicht. In Verbindung mit einer so persönlichen Geschichte in Form eines Romans finde ich mich am besten ein in ein fremdes Land. Oz ist das wunderbar und überzeugend gelungen.

„Der Rest der Welt hieß bei uns gewöhnlich »die ganze Welt«, […] Die Ganzewelt
war fern, anziehend, wunderbar, aber sehr gefährlich und uns feindlich gesinnt: Sie mochte die Juden nicht, weil sie klug, scharfsinnig und erfolgreich waren, aber auch lärmend und vorwitzig. „

„Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ – stimmiger könnte der Titel dieses Romans gar nicht sein. Wechselweise erzählt Oz von der Geschichte Israels und der Geschichte seiner Familie und es ist schwer zu sagen, welcher Teil erschütternder ist. Dennoch schafft es der Autor auch humorvoll zu erzählen, vor allem wenn er die Sicht des kleinen Jungen einnimmt. Über die Krankheit und den Suizid seiner Mutter reden bzw. schreiben konnte Oz erst viele Jahre später, umso eindringlicher geschah es in diesem Buch.

Ulrich Matthes bringt Oz` wunderschöne Sprache zum Leuchten. Matthes liest eindringlich und mit sehr viel Leidenschaft, so dass die 6 Cd´s, es ist eine gekürzte Fassung, im Nu angehört sind, aufhören kann man dabei nicht. Das Hörbuch erschien bereits 2005 bei Der Hörverlag. Auf der Verlagsseite gibt es eine Hörprobe.

Der Roman erschien im Suhrkamp Verlag. Er wurde auch verfilmt von Natalie Portman. Der Film hat mich allerdings nicht überzeugen können.

Film – Kunst – Film: Die Geträumten DVD Film von Ruth Beckermann 2017 filmedition suhrkamp

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

„Führ mich an die Seine, wir wollen so lange hinein schauen, bis wir kleine Fische geworden sind“

Ingeborg Bachmann, 1948

Der Film „Die Geträumten“ wurde 2016 auf der Berlinale vorgestellt und ist nun auch als DVD erhältlich. Es ist ein gewagtes Experiment. Die bekannte Regisseurin Ruth Beckermann lässt hier den Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Paul Celan von zwei Schauspielern interpretieren, ohne eine eigene Spielfilmhandlung einzusetzen. Die braucht es allerdings auch gar nicht, ja, sie wäre sicher vollkommen verkehrt, denn die Texte wirken von allein sehr stark. Vom Film, gleich vorweg, bin ich etwas enttäuscht.

„Manchmal glaube ich, alles ist ein verworrener Traum und es gibt dich gar nicht und Paris nicht und nur die mich zermalmende, schreckliche hundertköpfige Hydra Armut, die mich nicht loslassen will.“

Ingeborg Bachmann, 1950

Wir hören von zwei höchst sensiblen, leicht zerbrechlichen Menschen, die sich lieben und doch Angst voreinander haben. Beide haben Beziehungen zu anderen Menschen, und so selten die Kraft, einander zu sehen, zu begegnen.

Was mir auffällt: Ich schließe oft die Augen und höre den Briefdialog. Vielleicht ist das Bildhafte bei so starken Zeilen gar nicht notwendig. Die Stimmen der beiden Schauspieler, Anna Plaschg und Laurence Rupp sind gut geeignet für diese Texte und doch muss ich sie nicht unbedingt sprechen sehen, denn ich sehe ja schon Bachmann und Celan im Inneren.

Im Film sieht man dann die beiden in den Drehpausen miteinander: Sie nutzen sie zum Rauchen oder Reden, albern herum, doch kommen sie mir dadurch nicht näher. Im Gegenteil, diese Episoden wirken eher befremdlich, fallen sie doch ganz aus dem Bachmann-Celan´schen Kosmos heraus. Ein Versuch, der hätte glücken können, doch für mich ist, bedauerlicherweise, dieses Filmporträt gescheitert.

Ich empfehle auf jeden Fall aber das Buch, das auch im Suhrkamp Verlag erschien.

Mehr über Film und Schauspieler auf der offiziellen Film-Website:
http://www.diegetraeumten.at/home.php

Der Film kommt aus der filmedition des Suhrkamp Verlags:
http://www.suhrkamp.de/buecher/die_getraeumten-ruth_beckermann_13541.html
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.