Ulrike Draesner: Kanalschwimmer Mare Verlag

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Die Lyrikerin und Prosaautorin Ulrike Draesner hat einen neuen Roman geschrieben. Ich vermute, er entstand oder wurde zumindest angeregt durch Draesners Aufenthalt als poet in residence in den Jahren 2015 bis 2017 in Oxford. Denn auch der Roman spielt teilweise in dieser kleinen aber höchst bekannten englischen Universitätsstadt beziehungsweise am und im Wasser des Ärmelkanals zwischen Dover und Calais.

Ich bin zunächst hin- und hergerissen zwischen „oje, überdreht“ und „erfrischend extravagant“. Und das natürlich in Bezug auf die Sprache. Bei Draesner geht es immer vor allem um Sprache. Denn diese Geschichte des alternden Mannes, der es noch einmal wissen will und damit unbedingt auch seine Angetraute wieder zurückgewinnen will, der also mit über sechzig den Ärmelkanal an der engsten Stelle zwischen Dover und Calais durchschwimmen will, wie es tatsächlich heutzutage viele machen, wie ich bei Recherchen feststellte (auf der Suche nach Grenzüberschreitungen? dem Kick? dem wahren Ich?), ist nicht das Spannendste am Roman. Es ist schon die Sprache und auch die zunächst wenig stringent erscheinende Erzählstruktur, die im Vordergrund steht.

Es gibt enorm viele Sätze mit höchst experimentellem Charakter, auch Kombinationen, die, wie ich finde, fragwürdig sind:

„Unversehens saß er in einer Lichtmühle. Er saß auf einer Bank des Shakespeare Inn unter quietschendem Shakespeare-Schild in einem Schauer aus Leuchtkörnchen, die auf ihn heruntergemahlen wurden. Hunderte Säcke von Lichtmehl waren explodiert.“

Sehr spannend ist, was ich im Verlauf des Lesens spürte: Wenn Draesner Held Charles im Kanal schwimmen lässt, an seine Grenzen bringt bzw. grenzenlos werden lässt, dann ist die Geschichte am stärksten, dann fließt sie, wird selbst durchlässig wie Wasser.

Die in Rückblenden, während des Schwimmens von Charles erinnerten Beziehungsthemen hingegen, wirken auf mich sehr unruhig. Aber vielleicht ist das gerade die beabsichtigte und letztlich auch gelungene Konstruktion der Autorin.

Ganz am Rande steht für mich dann auch die Beziehungsgeschichte von Charles und Maude, die nach 30 Jahren noch einmal eine große Veränderung erfahren könnte, wenn es nach der Pianistin Maude ging. Sie wünscht sich eine Dreierbeziehung zusammen mit Charles ehemaligem besten Freund und Konkurrenten Silas.

Und ja, hier werde ich das so oft bei Besprechungen verwendete „in den Sog geraten“ tatsächlich auch einmal anwenden, denn es passt so schön zum Meer und dem Kanalschwimmer-Helden Charles, den ich anfangs noch skeptisch, zum Schluss hin doch durchweg sympathisch in seinem Menschlich-Sein, wenn nicht gar in seiner  Menschwerdung,  im Ärmelkanal begleiten durfte. Und ein Hoch auf die Autorin, die es schafft, die dringlichste Frage, die uns Leser durchs Buch treibt, ohne Antwort zu lassen: Schafft er es oder schafft er es nicht? Ein Leuchten!

Ulrike Draesners Roman „Kanalschwimmer“ erschien im Mare Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Zu weiteren Besprechungen hier auf meinem Blog von Ulrike Draesner:
„Mein Hiddensee“, „Eine Frau wird älter“ und zum Hörbuch „Happy Aging“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios Hanser Verlag

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Viel Aufmerksamkeit bekam dieses Buch schon lange vorab. Der Shooting Star aus den USA nun auch in deutscher Übersetzung! So viele Vorschusslorbeeren machen mich eher skeptisch. Doch dann las ich, dass Vuong auch Gedichte schreibt, las die Leseprobe und wusste: Ja, das will ich lesen. Da ist einer, der hat eine poetische Sprache, der hat kluge Metaphern an der richtigen Stelle, dessen Sprache schwebt und sich erhebt über die Geschichte, seine eigene Geschichte, die auch eine Leidensgeschichte ist. Grandios auch das Coverbild und der Titel.

Im ersten Teil beschreibt Ocean Vuong auf unruhige, nicht immer leicht durchschaubare Weise  Kindheit und Familiengeschichte seines Protagonisten, genannt „Little Dog“. Hier wählt er die Briefform, ein vermutlich nie gelesener Brief an die Mutter, die Analphabetin ist. Er kommt mit zwei Jahren mit seiner Mutter und Großmutter aus Vietnam in die USA. Gleich zu Anfang wird die Gewalttätigkeit der Mutter thematisiert, die umso mehr erschreckt, als sie zwischen sprachlich feine Passagen gesetzt wird. Großmutter, Mutter, Kind: Alle durch den Vietnamkrieg psychisch erschüttert, alle nun in der Hoffnung auf ein besseres Leben im Land des Kriegsgegners. Alle binnen kurzer Zeit ohne jede Hoffnung. Es ist auch der Teil, der mir am eindrücklichsten bleibt.

„Unsere Muttersprache ist so überhaupt keine Mutter – sondern eine Waise. Unser Vietnamesisch eine Zeitkapsel, die den Punkt markiert, an dem deine Bildung endete, zu Asche zerfiel, Ma, unsere Muttersprache zu sprechen heißt, nur teilweise auf Vietnamesisch zu sprechen, aber ganz auf Krieg.“

Im zweiten Teil geht es um die Identifizierung als Teenager, der sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlt bis hin zum Coming Out gegenüber der Mutter. Mit Trevor einem Farmerssohn erlebt er zum ersten Mal Sex. Auch hier ist Gewalt im Spiel, gewollte Gewalt. Es geht um die beiden Jungen, der eine weiß, der andere gelb, die sich durch die Zeit treiben lassen, begleitet von Drogen verschiedenster Art, langer Weile, Schwärmerei und dem Wunsch nach Rebellion, in einer heruntergekommenen Gegend, in einer für sie begrenzten Welt.

„Da war Gewalt bereits alltäglich für mich, war, was ich letzten Endes von Liebe wusste.“

Im dritten Teil, fünf Jahre sind vergangen, studiert „Little Dog“ in New York Literatur. Als er von Trevors Tod durch eine Überdosis Heroin erfährt, kehrt er zurück in die Stadt seiner Jugend. Kurze Zeit darauf stirbt auch die Großmutter und Little Dog reist mit der Mutter zur Beisetzung zurück nach Vietnam, nach Saigon.

„Ich wollte nie einen „Textkörper“ erschaffen, sondern sie, unsere Körper, atmend und verschollen im Text bewahren.“

Vuong unterfüttert seine Geschichte mit einzelnen Sätzen, Zeilen, die ungeordnet aus dem Rahmentext hervorbrechen, die teils wirken, als versuchten sie wie Säulen den Fließtext in seiner inhaltlichen Brüchigkeit und manchmal auch Grobheit zu stützen. Einfach ausgedrückt, bestehen sie womöglich aus gewonnener Erkenntnis in poetische Bilder gelegt.

Was mir gefehlt hat, ist die Entwicklungsgeschichte Little Dogs hin zum Studium, zur Literatur und zum eigenen Schreiben. Das hätte mich brennend interessiert. Nun bin ich gespannt auf seine Lyrik, die hoffentlich auch in Deutsch erscheinen wird.

„Auf Erden sind wir kurz grandios“ erschien im Hanser Verlag. Die Übersetzung stammt von Anne-Kristin Mittag.

Judith Kuckart: Kein Sturm, nur Wetter Dumont Verlag

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Der wunderbaren Autorin Judith Kuckart wünsche ich mehr Aufmerksamkeit für ihre Bücher. Ich lese ihre Romane schon lange und bin jedesmal angenehm überrascht über die Vielfalt, die sie in aller Ruhe in ihren Geschichten ausbreitet. Das Unspektakuläre liegt ihr, denn sie schafft es durch ihre fantasiereiche Sprache etwas ganz Besonderes daraus zu machen.

„Ob das neue teure Stadthaus, einen Steinwurf von meinem alten Hinterhaus entfernt, das so prunkvoll Licht und Luft verdrängt, sich daran erinnert, dass es mal eine Lücke war?“

Schwierig zu erläutern, um was es in diesem Roman geht. Oberflächlich gesehen, geht es um eine 54jährige Frau, die über die vergangenen Partnerschaften und daraus resultierend übers Älterwerden in ihrem Leben nachdenkt. Zu recht ein wenig melancholisch, aber extrem reflektiert sieht das dann aus, wenn Judith Kuckart eine solche Geschichte erzählt.

Der Überbau der Geschichte: Eine Frau sitzt als recht spezielle Freizeitbeschäftigung an Wochenenden am Flughafen Tegel Berlin, trinkt, und beobachtet die Menschen rundherum. Fliegen wird sie nicht, darum geht es nicht. Eines Sonntags kommt sie mit einem Mann ins Gespräch. Sie erfährt, dass er 36 ist, beruflich nach Sibirien fliegt und am nächsten Samstag zurückkehrt. Sie findet ihn sympathisch.

Die 36 scheint eine magische Zahl im Leben unserer Heldin Konstanze zu sein und so gerät sie ob dieser Begegnung in einen Erinnerungsstrom. Sie begibt sich rückblickend auf ihre Verflossenen auf eine Reise in die Vergangenheit. Als Studentin mit 18 lernt sie den politisch engagierten, unruhigen Viktor kennen, der damals 36 Jahre alt war. Doppelt so alt wie sie. Gleich zu Beginn entdeckt sie Dinge an Viktor, die sie eigentlich eher abschrecken, sich auf ihn einzulassen. So ist diese Beziehung immer eine Gratwanderung.  Dennoch verbringt sie viele viele Jahre mit ihm.

„Wie war er an dem Abend eigentlich an den raschen Urteilen ihres Verstands vorbeigekommen? Hatte er das richtige Passwort … ?“

Als sie selbst dann 36 ist, lernt sie ihren zukünftigen Partner Johan kennen, der ebenfalls 36 ist und erlebt eine lange, zunächst sehr ausgeglichene Beziehung, welche allerdings mehr und mehr von beider beruflich prekären Situation geprägt wird.

„In seinem [Zimmer] baute er sich einen riesigen neuen Schreibtisch mit zwei Telefonanschlüssen, Scanner und großem Computerbildschirm, auf dem er seine Ratlosigkeit verwaltete.“

Das Ende der Beziehungen kommt dann jeweils wenig überraschend. Hier zitiert Kuckart das Gedicht „Sachliche Romanze“ von Erich Kästner, welches ich hier mit einbinde, weil es so stimmig zum Roman und so schön ist:

Sachliche Romanze

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Cafe am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

Bei Lyrikline liest Kästner es vor.

Und nun der 18 Jahre jüngere, also wieder 36-jährige Robert Sturm am Flughafen. Noch während des Gesprächs, malt sie sich aus, wie dieser Sturm lebt, ob sie sich wiedersehen und gerät in den Bann des jüngeren Manns. Sturm fliegt davon und sie bewegt sich in Gedanken immer ihren Fantasien über ein Wiedersehen folgend, durch ihren Alltag, ihre Arbeitswoche in einem wissenschaftlichen Versuchslabor. Sie hat ihm eine Visitenkarte entwendet und sucht sein Wohnhaus, ruft seine Telefonnummer an, obwohl sie weiß, dass er nicht da ist. Was wie Stalking klingt, wenn ich es hier so hinschreibe, ist etwas ganz anderes. Ich bin mir sicher, dass es eine unbenennbare Sehnsucht ist, die die Heldin vorantreibt, vielleicht die Sehnsucht nach tiefer Liebe, nach dem großen Sinn. Vielleicht vom Alleinleben, vom Älterwerden geprägt, äußert sich dieser Wunsch in einer schrulligen, skurrilen Art und Weise. Kuckarts Hauptfigur ist mir sehr sympathisch.

Sie hinterfragt, wie die Beziehungen zu Ende gehen konnten, ob sie es nicht lang zuvor schon waren und nur noch in der Gewohnheit gelebt wurden. Was war gut, was war schlecht? Wie hätte es besser gemacht werden können? Sie erinnert sich an ihr Studienfach Neurobiologie und an das Schreiben ihrer Doktorarbeit unter dem Titel „Emotionale Ansteckung“, die im Grunde vielleicht Antworten auf die Fragen hätte geben können. Denn oft hatte sie sich angepasst an die Gewohnheiten und Bedürfnisse der Partner.

Kuckart teilt ihren Roman in 7 Kapitel ein, die jeweils einem der Wochentage entsprechen, bis Sturm von seiner Reise zurückkehrt. Zwischen den Kapiteln fügt sich eine Art Traumtagebuch ein, falls ich das richtig definiere, welches einmal mehr Auskunft gibt über den Gemütszustand der Heldin. Es sind solche Sätze, solche Passagen, die das Lesen zur Freude machen:

„Sie hatte dem zukünftigen Vermieter nicht widersprechen wollen. Er war ein munterer Rheinländer, den die Welt erst etwas anging, wenn sie lustig zusammengefasst als Karnevalsumzug direkt durch die Straße kam.“

Wer so virtuos und mutig und auch witzig mit Sprache umgeht, hat mehr Aufmerksamkeit verdient. Eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis sollte dieses Jahr eigentlich mal drin sein …

„Kein Sturm, nur Wetter“ erschien im Dumont Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Eine weitere Besprechung gibt es bei letteratura.

Einen weiteren Roman von Judith Kuckart mit dem wunderbaren Titel „Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück“ habe ich hier auf dem Blog besprochen. Und kann ihn ebenso wie alle zuvor erschienenen sehr empfehlen.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Norbert Scheuer: Winterbienen C. H. Beck Verlag

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Norbert Scheuers neuer Roman „Winterbienen“ ist ein seltsames, aber geniales Buch. Erst beim Versuch, darüber zu schreiben, zeigte sich die enorme Vielschichtigkeit dieser anfangs recht einfach anmutenden Geschichte. Ziemlich geschickt hat der 1951 geborene Autor, der selbst in der Eifel lebt, das konstruiert.

Es ist das Tagebuch eines Mannes, ich glaube sein Alter wird gar nicht erwähnt, das von 3. Januar 1944 bis zum Mai 1945 geführt wurde. Wir befinden uns also in den letzten Kriegsmonaten. Der Mann namens Arimont lebt als Bienenzüchter in der Eifel, war Lehrer, wurde aber suspendiert, da er unter Epilepsie leidet. Nun versucht er mit den Verkäufen aus der Bienenzucht zurechtzukommen. In den Krieg eingezogen wird er nicht, auch nicht deportiert, da sein Bruder, ein gerühmter Jagdflieger, offenbar schützend seine Hand über ihn hält. Medikamente, die er dringend benötigt, sind teuer, oder es gibt sie gar nicht mehr. Zumal für einen wie ihn, der bereits zwangssterilisiert wurde und eigentlich längst als „unwertes“ Leben durch die Nationalsozialisten hätte liquidiert werden sollen. Um sich zusätzlich Geld zu verdienen, schmuggelt er Menschen auf der Flucht vor den Nazis in präparierten Bienenstöcken zur deutsch-belgischen Grenze. So weit. So gut.

Was mir an dem Buch sofort auffällt, ist die Schlichtheit der (Tagebuch-)Sprache und die beinahe vollkommen fehlenden Emotionen des Schreibenden (außer vielleicht wenn es um seine Bienenvölker geht). Anteilnahme scheint der Held nicht zu kennen. Von vielem bleibt er scheinbar völlig unberührt. Sogar die diversen Frauengeschichten lassen ihn irgendwie kalt. Zumindest sobald die Jeweilige problemlos erreichbar ist.

“ Seit er auf Heimaturlaub ist, sehe ich sie kaum mehr; sie erscheint mir nun so begehrenswert wie ne zuvor. Ich hoffe, dass ihr Mann bald wieder an die Front muss.“

Irgendwann frage ich mich, ob dieses Verhalten vielleicht auch der Krankheit geschuldet ist, die, nun unbehandelt, immer mehr hervordrängt. Der Protagonist schreibt selbst oft, es sei ihm als würde er sich an vieles nicht mehr erinnern. So erklärt sich vielleicht auch, dass sich viele Einträge wortwörtlich ähneln, ja für den Leser schon zum Refrain, ja, zum Mantra werden.

Vielleicht denken wir gar nichts Neues, sondern unsere Gedanken sind nur das Echo von bereits Gedachtem.“

Auf dem Land in der Eifel scheint der Krieg zunächst weit weg. Obwohl alle Männer einberufen wurden, scheint sich eine sonderbare Normalität, ja fast Gleichgültigkeit fortzusetzen. Erst spät, als die Alliierten sich der belgischen Grenze nähern, wird er direkt spürbar. Ich überlege, ob hier ein Abbild der deutschen Bevölkerung in Zeiten des Krieges aufgezeigt werden soll. Bereits hier ein einziges Verdrängen um eines „ungestörten“ Lebens willen?

Zunächst begleiten wir unseren Helden jedoch durch das Bienenjahr. Das Tagebuch zieht sich über alle vier Jahreszeiten hinweg und gibt Einblick in die Arbeit der Bienen und ihres Imkers. Das ist höchst interessant und nimmt anfangs viel Raum ein.

„Ich gehe in der Nacht durch den Garten zum Bienenhaus, lege mein Ohr an einen Stock und höre das leise Singen der Winterbienen. Sie hängen alle dicht gedrängt zusammen, sind gesund. Tagsüber summen Bienen auf eine andere Weise als in der Nacht, und im Sommer anders als im Winter; ihr Chor klingt wie eine gleichmäßig schwingende Melodie, die von ihren zarten Flügelchen erzeugt wird.“

Eine Zeit lang sind es die Frauen im Dorf, die Gedanken und Einträge des Helden besetzen (sehr skurril: als Trophäe entwendet er ihnen nach einer Liebesnacht einen Lockenwickler, den er dann als Transportkäfig für seine Bienenköniginnen verwendet).

Dann kommen vermehrt Fliegerangriffe ins Blickfeld. Hier weiß der Erzähler genau, um welches Modell es sich handelt, er erkennt sie schon am Geräusch (vielleicht geschult, durch die Berichte des Bruders?). So sind auch zwischen einigen Kapiteln Zeichnungen von Kriegsflugzeugen eingefügt. So ganz erschließt sich mir der Zusammenhang mit dem Rest der Geschichte nicht. Ich vermute jedoch, sie sollen als Flugkörper mit den Bienen konkurrieren, deren verschiedene Summtöne ähnlich aufschlussreich für den Imker sind.

Desweiteren fügt sich eine Parallelgeschichte ein. Es geht um alte Schriften aus dem 15. Jahrhundert und den Mönch Ambrosius, der, wie der Vater des Protagonisten erzählt, der im nahen Kloster lebte, selbst Gründer von Bienenvölkern war, und somit womöglich den Grundstein zur Familientradition gelegt hat. Darüber recherchiert unser Held in der Bibliothek, in der die alten Folianten des ehemaligen Klosters untergebracht wurden, und wo auch zwischen den Büchern die Informationen zur nächsten Fluchthilfe-Aktion hinterlegt werden.

So pendelt das Leben des Protagonisten zwischen Bienenstock, Frauenbesuchen, epileptischen Anfällen und Verbringung von Flüchtenden in Verstecke in nahe gelegene Stollen und schließlich bis nah an die Grenze. Wie es danach mit ihnen weitergeht, wenn sie diese zu Fuß erreichen und überqueren müssen, scheint ihn zunächst wenig zu interessieren, ihr Schicksal wird nur in einem Nebensatz erwähnt:

„Ich arbeite den ganzen Tag an den Stöcken und übernachte in einem Gasthaus, das abends voller Soldaten ist. Sie reden an der Theke von Flüchtlingen, die sie gefangen und gleich erschossen haben. Ich treffe Anna und besuche danach noch Louis in Malmedy … „

Als Arimont sich in die Frau eines der Nazikommandanten im Ort verliebt, begibt er sich auf gefährliches Terrain. In seiner Naivität oder durch die zunehmenden Anfälle, die ihn in andere Bewusstseinszustände werfen, merkt er das aber gar nicht. Erst als er zum Verhör abgeholt wird, erkennt er, dass er denunziert wurde. Ob nun von der Frau oder vom braun gesinnten Apotheker, der ihm keine Medikamente mehr gab, bleibt offen …

„Winterbienen“ hat mich zunächst irritiert, dann zunehmend fasziniert und schlußendlich begeistert. Ich empfehle dieses Buch sehr. Ein Leuchten!

Der Roman „Winterbienen“ erschien im C. H. Beck Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es bei BooksterHRO.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Bodo Kirchhoff: Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt Hörbuch Frankfurter Verlagsanstalt

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„Die Reederei würde sich freuen, Sie als Gastkünstler an Bord begrüßen zu dürfen!“

Bissig, sarkastisch und irgendwie doch „schrecklich amüsant“, wie sich schon der geniale amerikanische Schriftsteller David Foster-Wallace in seinem Kreuzfahrtbuch äußert, sind die Erwiderungen Bodo Kirchhoffs auf die Einladung zu einer Kreuzfahrt durch die Karibik. Diesen in Brief- oder Mailform gehaltenen Antwort-Monolog gibt es auch als Buch. Vom Autor selbst gelesen ist es aber vielleicht sogar noch böser, klingt zumindest aber deutlich unbescheiden, wie sich Kirchhoff ja oftmals gibt und zudem sich in Rage redend, bisweilen geistreich und scharfzüngig zugleich.

Sehr geehrte Frau Faber-Eschenbach!
Haben Sie Dank für die Einladung zu einer zweiwöchigen Kreuzfahrt durch die Karibik in einer Außenkabine mit Balkon bei freier Verpflegung sowie freien Getränken an jeder Bar unter der Bedingung mehrerer Lesungen aus meinem Werk, jeweils zur Prime Time, wie es in Ihrem Schreiben heißt, das Ganze auch gültig für eine Begleitperson einschließlich des Fluges nach Havanna auf Kosten der Reederei Arkadia Line – was kann ein Mensch dazu anderes sagen als ja? Und doch erlaube ich mir einige Gedanken vor einer Zusage, die, wie Sie betonen, möglichst umgehend erfolgen soll, obgleich die Reise erst für die Zeit um die Jahreswende eingeplant ist und wir uns noch kaum im März befinden.

Ihr Angebot traf am frühen Nachmittag ein, und auch wenn elektronische Post keine Zeiten kennt, keine innere Uhr, kennt sie doch der, der so ein Schreiben mittags versendet – er kann davon ausgehen, dass sich der Empfänger auf einem Tagestiefpunkt befindet, fast von allein bereit, die Einladung zu einer Kreuzfahrt als Glücksfall zu sehen.
( … )
Allerdings legt die Eile, zu der Sie mich anhalten, eine Vermutung nahe: Ob Sie wohl unter Druck stehen, etwa diese und jene unerwartete Absage erhalten haben, weil die Angefragten doch ein häusliches Weihnachten und Silvester vorziehen, oder bin genau ich es, den die Reederei auf dem Schiff haben will, natürlich auf Ihre Empfehlung hin, weil man in Chefetagen nur Bilanzen liest? „

So beginnt Kirchhoffs Tirade, die sich als Antwort tarnt, sich aber in Wirklichkeit viel weiter in Fragen vertieft: Was ist ein Künstler/Schriftsteller zu tun bereit, wenn es um Berühmtheit oder ums liebe Geld geht? Wie weit geht die moderne Vergnügungssucht in ihren immer bizarreren Formen? Reicht eine „normale“ Lesung oder gar die stille Lektüre zuhause nicht mehr aus? Muss alles nur noch aus Performance mit möglichst exotischem Drumherum bestehen? Fragen, die ich für absolut berechtigt halte.

Wie auch immer, Frau Faber-Eschenbach wird sich wundern, wenn Sie Kirchhoffs Antwort tatsächlich erhält. Falls sie Kirchhoff-Fan ist, wird sie diese vielleicht aber auch freuen.

Als Ergänzung zu David Foster Wallace klugem Buch „Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich“ (der allerdings wirklich eine Woche lang auf einem Luxusliner verbrachte und durchhielt) für alle zukünftigen Kreuzfahrtreisenden zu empfehlen (obgleich man natürlich besser von jeglicher Kreuzfahrt abrät, allein schon wegen des Umweltschutz und der zunehmenden Gefahr des Kenterns). Oder für Kirchhoff-Fans, die mehr über das Selbstbild ihres Lieblingsautors erfahren wollen.

Buch und Hörbuch sind in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen. Hier eine
 Hörprobe . Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine Besprechung von Bodo Kirchhoffs 2016 buchpreisgekröntem Roman „Widerfahrnis“ gibt es bereits hier auf meinem Blog.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Marina Zwetajewa: Unsre Zeit ist die Kürze Suhrkamp Verlag

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„Ich bin mit Lyrik geladen wie eine Handgranate: bis zum Explodieren.“

Marina Iwanowna Zwetajewa (Мари́на Ива́новна Цвета́ева) wurde am 18. Oktober 1892 in Moskau geboren. Sie ist neben Anna Achmatova die berühmteste russische Dichterin, die mich zunächst aufgrund der Namensgleichheit lockte. In einem literarischen Kalender fand ich auf einem Blatt einen schönen Text, mit dem ich mich sogleich identifizieren wollte. Es war der Auslöser, mich der Dichterin anzunähern, was nicht so leicht ist. Letztlich bin ich immer wieder und immer noch mit ihr beschäftigt.

Wie Selbstgespräche muten sie an, die Zeilen und Texte in Marina Zwetajewas bisher unveröffentlichten Schreibheften, die der Suhrkamp Verlag nun gesammelt herausgegeben hat. Es sind vier Hefte, die überwiegend im Exil in Frankreich geschrieben wurden. Gedankenspuren sind es, Traumnotizen, Lebensüberlegungen. Es sind die einzigen schriftlichen Darlegungen, die sie aus Frankreich mit in die Sowjetunion zurücknahm. Vieles ließ sie zurück, manches versteckt bei Freunden oder nur mündlich weitergegeben. Auf jeden Fall ist es ein Wunder, dass sie erhalten blieben. Die Hefte zeugen außer von großer Dichtkunst, Leidenschaft und innerem Reichtum, auch von bitterer Not und prekärer Armut und von der ewigen Suche.

„Die Begegnung mit einem Dichter (einem Buch) ist für mich eine Wohltat von ganz oben. Nicht anders lese ich.“

Es finden sich sehr zugetane Briefe?, notierte Gespräche? mit Boris Pasternak. Im regen (brieflichen) Austausch war Zwetajewa mit vielen, nicht zuletzt mit Rainer Maria Rilke und Ossip Mandelstam. Manch pathetischer leidenschaftlicher Liebesbrief ist dabei. Mit Konstantin Rodsewitsch, der auch auf einigen der Fotos im Buch zu sehen ist, verband sie eine Liebesgeschichte, die die Ehe mit Sergej Efron gefährdete. Zwetajewas Liebesgeschichten waren höchst intensiv, doch nie hinreichend und von Dauer.

„Bei der Frau ist Kreativität stets ein Normbruch. – Und beim Mann, offenkundig, der Normalfall?“

Eine kritische, hinterfragende Stimme, also auch, was das weibliche Schreiben angeht und die geringere Anerkennung von Schriftstellerinnen, zumal Zwetajewa für ihre Zeit eine absolut unabhängige Frau war.

Viele Sätze und Abschnitte in den Originalnotizheften sind nicht mehr komplett lesbar, so ist es zum Teil recht schwierig zu verstehen, was die Dichterin meint. Die Zeilen erscheinen bruchstückhaft und verrätselt. Ganze Passagen sind in Französisch geschrieben.  Oft erfolgt die Anrufung der antiken Götterwelt. Manches erscheint mir zutiefst spirituell und transzendent. Viele zeugen von einem höchst komplexen Denken, nicht nur im Kleinen, sondern auch in größeren Zusammenhängen. Man darf vor allem auch davon ausgehen, dass sich Zwetajewa unentwegt mit der politischen und gesellschaftlichen Situation in ihrem Heimatland auseinandersetzte, auch und gerade im Exil.

„… Hier (im Exil) bin ich – unbrauchbar, dort (in Russland) bin ich undenkbar.“

Aber auch der teils bissige Humor scheint durch manche Zeilen, wie etwa im Bericht über den Besuch eines Vortrag des Anthroposophen Rudolf Steiner im Jahr 1923:

(deutsch:) „Herr Doktor, sagen Sie mir ein einziges Wort – fürs ganze Leben!“
L(ange) Pause und, himmlisch lächelnd, mit Nachdruck:
(deutsch:) „Auf Wiedersehn!“

Eine wichtige Rolle spielen immer die beiden Kinder. Die Tochter Alja, die dem Vater nacheifert und sich vor allem für Politik, für die große Sache, für den neuen Menschen, wie in Stalin propagiert, interessiert, und Murr, der Sohn, der Zwetajewa am nächsten steht. Von ihren Dialogen und seinen Kindersprüchen gibt es im Buch unzählige Seiten. So erklärt sich auch, weshalb man ihn Murr, nach E.T.A. Hoffmanns Kater, nannte:

„Mama, machen Sie mich klein!“ – „Mama, machen Sie mich zu einem Kater! Zu einem lebendigen Kater, einem echten, mit Pfoten!“

Alja geht zurück nach Moskau, wo der Vater lebt, während Marina in Paris irgendwie versucht sich und den Sohn durchzubringen. Hier entstehen auch die vier Notizhefte, die vielleicht ein klein wenig als Nachlassarchiv gedacht waren, denn sie wusste nicht, was von ihren Werken in der Sowjetunion überdauern würde, für die sie schließlich 1939 auch wieder ein Einreisevisum beantragte. Marina Zwetajewa wählte schließlich 1941 in Jelabuga, wohin sie nach dem Einmarsch der Deutschen verbracht wurde, den Freitod.

„Ich schreibe stoßweise – es ist wie eine Belohnung. Gedichte sind Luxus. Mein ewiges Gefühl, dass ich darauf kein Anrecht habe.“

Weitere Lektüre zum Thema habe ich bereits hier auf dem Blog und auf fixpoetry vorgestellt. Ein Klick auf das Bild führt jeweils zum link der Besprechung. In Romanform widmen sie sich jeweils einer bestimmten Phase in Zwetajewas Leben und Arbeiten: Die Finnin Riikka Pelo nähert sich der Beziehung Marinas zu ihrer Tochter Adriana. Hier wird auch viel von und aus den Notizheften erzählt. Und der Franzose Simon-Pierre Hamelin schreibt intensiv über die Zeit in Paris, als Marina in Clamart, einem Vorort, lebte (wie später auch unter ganz anderen Voraussetzungen Peter Handke).

Zum Schluß: dieses Zitat ist eine sehr schöne, für mich sehr stimmige Idee, wie man Gedichte schreibt, welche Herangehensweise man wählt, was man als Lyriker/in ja oft gefragt wird. Zwetajewa kommt meiner eigenen Idee vom Lyrikschreiben damit ziemlich nah.

„An Gedichten braucht man nicht zu arbeiten, der Vers selbst muss an einem (in einem!) arbeiten.“

Ganz viele Infos und eine Kurzbiographie von Marina Zwetajewa gibts bei FemBio. Bei planet lyrik findet man einen sehr ausführlichen informativen Beitrag über Zwetajewas Schreiben.
„Unsre Zeit ist die Kürze“ erschien im Suhrkamp Verlag. Herausgeber und Übersetzer aus dem Russischen und Französischen ist Felix Philipp Ingold, der auch ein informatives Nachwort dazu verfasste. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Johan Harstad: Max, Mischa & die Tet-Offensive Rowohlt Verlag

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1241 Seiten: Max. Mischa. Owen. Theater. Apokalypse Now. Beckett. Vietnam-Krieg. Ionescos „Die Nashörner“. 09/11. Klavier. New York. Jazz. Stavanger. Freundschaft. Liebe. Kunst. Und eine schwer greifbare Melancholie.

Das sind die Stichworte, auf die ich Johan Harstads großen Roman reduzieren könnte, wenn ich es wollte. Ziemlich schnell sah ich Verwandtschaften zu zwei anderen gewichtigen Büchern. Ich finde nach wie vor, dass dieser Roman eine Art Mischung ist aus den von mir geliebten Romanen „4321“ des US-Amerikaners Paul Auster und „Magnet“ des Norwegers Lars Saabye Christensen. Ganz ähnliche Themen werden hier verhandelt. Und wie diese beiden, ist es ein gewaltiger Roman, pure Erzählkunst, wie sie nur über so viele Seiten geschehen kann. Nur auf diese Weise kann ich in eine Geschichte total versinken. Dabei sein. Mit leben. Spüren, was die Figuren fühlen. Selten sah eines meiner Bücher nach Beendigung der Lektüre so zerlesen aus. Es musste überall mit hin … und es war danach schwer, etwas gleichwertiges zum Lesen zu finden.

Tatsächlich spielt die Handlung dann auch zum Teil in Norwegen und in den USA und sie beginnt 1988 und endet 2011. Max lebt in Stavanger, seine Eltern sind kommunistische Aktivisten. Als 11-jähriger Junge spielt Max mit seinen Freunden allzu gerne Krieg. Der Film „Apokalypse Now“ wird später zum Highlight des beschaulichen Lebens in der Kleinstadt in Norwegen. Als seine Eltern mehr als überraschend beschließen, in die USA nach New York auszuwandern, bricht für den inzwischen 14-Jährigen eine Welt zusammen.

„… ich höre selbst, wie meine Sprache an Steinchen erinnert, die zwischen den Zähnen knirschen. Und so soll es auch sein. Die Kiesel sind das Resultat einer Sprache, die Jahrtausende überdauert hat, sie wurde aus dem Altnordischen herausgeschliffen, von Gletschern aus Felswänden geschürft, mit den Sedimenten aus dem Fjord gewaschen, vom Wind fortgeweht, …“

Der Vater wird Pilot bei American Airlines und glänzt durch Abwesenheit, was Max und seine Mutter näher zusammen bringt. Als er in der neuen Schule Mordecai kennenlernt, beginnt eine enge Freundschaft, die für die Entwicklung beider wichtig ist. Die beiden beginnen zunächst mit gemeinsamem Sport, wechseln schließlich zum Theaterworkshop der Schule und werden in diesem Metier richtig gut. In einem Sommer auf der New Yorker Insel Fire Island, lernt Max durch Mordecai Mischa kennen. Max ist 16, Mischa ist 23, kommt aus Montreal und ist bereits im Begriff als Künstlerin bekannt zu werden. Beide beginnen trotz mancher Widrigkeiten eine Liebesbeziehung. Max und Mordecai studieren an Schauspielschulen, Max wechselt ins Fach Regie und wird damit später recht erfolgreich. Mordecai hat es als Schauspieler schwerer und lebt oft am Limit. Ihre Freundschaft wird die Jahre überdauern, sie verlieren sich nicht aus den Augen.

Weiterhin kommt Owen ins Spiel. Er heißt eigentlich Ove und ist Max`von den Eltern tot geschwiegener Onkel. Ove verließ als junger Mann sein Heimatland, um in den USA Pianist zu werden. Doch der Erfolg ließ auf sich warten. Um die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erhalten, meldete er sich freiwillig für den Vietnam-Krieg, der damals, wie jeder glaubte, bald zu Ende sein würde. Diese Zeit prägt Ove/Owen nach seiner Rückkehr stark. Nach einigen guten Jahren mit seiner großen Liebe, kommt es zur Trennung. Erschüttert beginnt er in New York ein weiteres Mal ganz neu. Er findet Arbeit in einer Klavierfabrik, beginnt langsam wieder mit dem Klavierspiel und landet schließlich durch unvorhersehbare Umstände in einer riesigen Wohnung im damals architektonisch ungewöhnlichen Wohnhaus, genannt Apthorp, in Manhattan.

Max fasziniert der fremde Onkel und als beide sich kennenlernen, verstehen sie sich wunderbar. Max und Mischa ziehen schließlich bei Owen ein. Es folgen glückliche, spannende, bewegte Jahre, die einen großen Teil der Geschichte ausmachen. Doch so wie das Gebäude immer maroder wird, bröckelt auch Mischas Liebe zu Max, wird Owens Körper durch eine Krankheit immer fragiler. In dieser Zeit lebt auch Mordecai, mangels Geld und Arbeit eine Weile mit im Apthorp. Mischa trennt sich von Max und geht zunächst nach Kalifornien, dann nach Montreal zurück. Ihre Bilder werden auf dem Kunstmarkt hoch gehandelt.

„Kunst von einer Künstlerin war schwieriger zu verkaufen. Sie musste, das wurde nie gesagt, aber immer gedacht, doppelt so gut, doppelt so kontrovers, aggressiv und sexy sein, um auf dem Markt dieselben Preise zu erzielen wie die Werke der männlichen Kollegen. Zusätzlich geplagt von der Furcht, man könnte es womöglich auch noch mit feministischer Kunst zu tun haben, …“

All das wird in Rückblenden erzählt. Max fährt mit dem Auto, um unabhängiger zu sein, von Auftrittsort zu Auftrittsort quer durch die USA. Sein neuestes Stück ist so erfolgreich, dass sich diese Tournee durch große Schauspielhäuser ergeben hat. Auf dieser Reise gerät auch Max an seine Grenzen, stellt sich die Frage, ob er mit dem Theater weiter machen will. Ein unerwartetes Wiedersehen mit Mischa bei einem sehr traurigen Anlass,

„… denn wenn es Temperaturen von Einsamkeit gibt, sind diese letzten Minuten die kältesten, weit unter dem Nullpunkt, ein Ort, zu dem Telefone oder Stimmen und Freunde und Familie nicht mehr durchdringen und in dem sich alle Moleküle zu einer unerschütterlichen Ruhe ordnen, …“

scheint dann aber neue Möglichkeiten zu eröffnen …

Und Wahnsinn: Was für ein Schluss! Welch große Erzählkunst! Harstad lässt seinen Helden Max in einem furiosen Showdown seinen ganz eigenen „Apokalypse Now“-Augenblick erleben. Welch ein Finale! Ein beglückendes Leseabenteuer, wie es selten zu finden ist, durfte ich hier erleben. Johan Harstad hat einen nahezu perfekten Roman konstruiert, dessen Sprache und Erzählweise mit dem Inhalt, den verhandelten Themen, um die Wette glänzen. Allem liegt eine tiefe Melancholie zugrunde, eine Dringlichkeit und Intensität, wie ich sie mag. Müsste man aus der großen Menge der diesjährigen Neuerscheinungen zum Buchmesse-Gastland Norwegen nur einen Roman wählen, dann bitte diesen. Ein nordlichtes Leuchten!

„Max, Mischa & die Tet-Offensive“ erschien im Rowohlt Verlag und wurde von Ursel Allenstein brillant aus dem Norwegischen übersetzt. Hier gibt es ein schönes Interview mit der Übersetzerin und hier eines mit dem Autor Johan Harstad. Zudem ist das Buch auch noch äußerlich interessant gestaltet. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weitere ebenso begeisterte Besprechungen gibt es bei Klappentexterin, Masuko13 und Buzzaldrins.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Lütfiye Güzel: dreh-buch go-güzel-publishing

„Eine Tragödie ist in fünf Akte eingeteilt. In nur fünf Akte.“

Allein wegen ihrer speziellen Idee, ihre Texte selbst zu „vermarkten“ und sich nicht diesem Verlagssuche-Glücksspiel zu unterwerfen, finde ich Lütfiye Güzel erwähnenswert. Zum Glück sind aber ihre Gedichte, falls man sie dieser Kategorie zuschreiben möchte, ebenfalls eine Entdeckung wert. Die 1972 in Duisburg geborene Autodidaktin ist zudem bildende Künstlerin. Ihr Einfallsreichtum, was das Selbst-Verlegen angeht, macht sich dann auch in ihren Werken bemerkbar. So gab es schon Aufkleber mit Gedichten und eine Art Loseblattsammlung in Papiertüten.

Da ich selbst Lyrik schreibe, und mich umsehe, was andere so schreiben, ist mir ihr Name schon mehrfach aufgefallen, habe ich einzelnes gelesen. Nun wurde mir ihr neuer Band „dreh-buch“ in die Hände gespielt. Glänzender Umschlag in schwarz mit der Abbildung eines Insekts, vermutlich einer Stubenfliege (womöglich eine Plastik der Autorin?).

„Weitere Notizen des Zweifelns:
Wie soll dieses Theaterstück
auf die Bühne kommen? Der Film auf
die Leinwand? Schreiben reicht nicht
mehr. Es muss getreten werden
und gebrüllt.“

Im Inneren in der typischen Schreibmaschinenschrift „Courier New“ das Drehbuch. Ein Drama in 5 Akten. Dass es sich hier wirklich um ein Theaterstück handeln soll, scheint mir wenig glaubhaft. Wenn überhaupt, dann ist es eher ein treffliches Abbild der Inszenierung, die wir Leben nennen. Womöglich ist es das Theater, das pausenlos in den meisten menschlichen Wesen abläuft: Der Versuch nach Drehbuch und Regieanweisungen zu spielen; die Unmöglichkeit es perfekt hinzukriegen, die daraus resultierende Notwendigkeit der Improvisation.
Güzel hinterfragt dabei die Lebensart ihres „lyrischen Ichs“ in kleinen Schritten, Akt für Akt. Die Bewegung dabei scheint im Krebsgang stattzufinden: ein Schritt vorwärts, zwei rückwärts …

„Die Urheberin der Nichtigkeit:
Durch die Gegend existieren.
Das Sein a cappella.
Das verschluckte Ich.

Güzels Texte sind zudem vor allem solche, die Fragen stellen. Es bedarf einer/s mit-denkenden Lesenden. Antworten gibt es nur im Selbstversuch. Oder zwischen den Zeilen. Was zu offensichtlich erscheint, hat garantiert einen doppelten Boden. Eine große Knappheit kennzeichnet die Verse, verdichtete und entschlackte Sprache. Alles unnötige, wuchernde gestrichen. Der Blick oft in Richtung Einbahnstraße des Lebens, gar in Richtung Sackgasse. Dagegen anschreiben vielleicht, dafür schreiben, dahin schreiben. Und das nicht unbedingt laut, aber wild und eigen.

„Nur flüstern. Nur hoffen, dass man
das Frühstück überlebt und sich
selbst.
Uncut, wenigstens heute.“

Damit auch Jugendliche die Möglichkeit des Schreibens finden, gibt Güzel auch Workshops für Schüler. Vielleicht nicht die schlechteste Idee den Schriftstellernachwuchs zu fördern. Es müssen nicht alle in Hildesheim oder Leipzig das Schreiben studieren. Das (Er-)Leben selbst ist oft die beste Schule.

„Am Nebentisch drei Frauen. Alle mit
Ohrringen. Vielleicht ist alles noch
in Ordnung, wenn man Ohrringe trägt.“

Bestellen kann (und sollte) man die Werke Lütfiye Güzels direkt unter https://luetfiye-guezel.tumblr.com/BOOKS

 

 

Andreas Maier: Die Familie Suhrkamp Verlag

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Ein neuer Band der autobiografischen, auf 11 Bände angelegten Romanserie „Ortsumgehung“ des 1967 in Bad Nauheim geborenen Andreas Maier wird von mir immer freudig erwartet. Hier kann ich sicher sein, dass ich mich auf hohem Niveau amüsiere. Thomas Bernhard lässt grüßen – Maier schrieb seine Dissertation zu Bernhard. Zu meinen Besprechungen bereits gelesener Bände gelangt man durch Klick auf die Buchcover unten.

Nach sechs Bänden, in denen er das möglicherweise schwierigste „Kapitel“ nur umkreist, schlägt Maier diesmal, im siebten, zu: Es geht um die eigene Familie. Und in der Tat schlägt dieses Buch einen raueren Ton an. Es geht um die Verschwiegenheit der Nachkriegseltern, um den vermeintlichen inneren Zusammenhalt einer recht wohlhabenden Familie, um die Leichen im Keller, die wohl jede Familie hat und von denen Maier nun zum ersten Mal genauer erzählt. Seinem Erzählton meine ich anzumerken, dass dieses Buch auch eine Art Abrechnung mit den Eltern ist, zumindest zeigt er schonungslos die einzelnen Beziehungen der Mitglieder zueinander auf. Das klingt mitunter recht bissig. Sogar die Sprache erscheint mir weniger ausgefeilt als sonst. Vielleicht, weil das Thema dem Autor doch auch sehr nahe geht.

„Ich hatte als Kind das Bild: Immer wenn jemand eine Person von außen kennenlernt, beginnt die Entfremdung (wie bei den funktionalen Miterziehern). Alles, was von außen kommt, ist schädlich und gefährlich.“

Maier erzählt zunächst von einzelnen Familienmitgliedern, von Onkeln, von Geschwistern, den Eltern. Wichtig ist, wie immer in seinen Geschichten die Verortung. Maiers Familie lebt in der hessischen Wetterau, in der kleinen Stadt Friedberg. Die Eltern besitzen ein riesiges Grundstück, auf dem das neue Haus gebaut wurde, auf dem aber auch noch Reste der alten Firma der Großeltern, einem Steinmetzbetrieb, stehen, unter anderem eine zerfallende Wassermühle.

Die unter Denkmal stehende alte Mühle spielt dann auch die Hauptrolle in einem sich über Jahre hinziehenden Gerichtsprozess, der die Familie in den Ruin bringen könnte. Hier erlebt der Erzähler zum ersten Mal den Vater als unaufrichtige, janusköpfige Person, die er im Verlauf Avatar nennt. Von nun an, beginnt er die Entscheidungen und Aussagen der Eltern stärker zu hinterfragen. Wir kennen das alle: Als Kind scheint einem alles richtig, was Eltern einem erzählen – später wird man klüger.

„Als Kinder transzendierten wir den Horizont der Familie zunächst nicht, sondern wuchsen mit ihren Positionen auf.“

Das Familienoberhaupt ist Jurist mit einer guten Position und sehr konservativ. Als der ältere Bruder des Erzählers zusehends in linke Kreise gerät, hängt bald der Haussegen schief. Der Bruder lässt sich nicht beirren und macht so bald als möglich den Abgang nach Berlin. Die Schwester ist ebenfalls ein Sorgenkind. Sie heiratet einen Amerikaner, zieht mit ihm in die USA, bekommt Kinder, kehrt zurück, geht wieder weg, kehrt zurück, etc. pp. Und alles auf Kosten der Eltern.

Wie wir wissen, im letzten Roman „Die Universität“ wird ausführlich darüber erzählt, beginnt unser Held ein Studium in Frankfurt am Main und ist somit ebenfalls aus der Schusslinie der elterlichen Instanz.

Im zweiten Teil des Buches wird es nun wirklich brenzlig. Hier erfährt der Protagonist von der örtlichen Buchhändlerstochter (und Ex-Freundin) aus alten, wieder gefundenen Tage- und Meldebüchern, dass das Grundstück nicht schon ewig lange der Familie gehörte, wie es immer in den Erzählungen der Eltern hieß. Vielmehr ist es naheliegend, dass das Land enteignet wurde und die jüdische Besitzerin die Zeit des Nationalsozialismus nicht überlebte …

„Die Frage nach Parteimitgliedschaft mußte aus irgendwelchen düsteren Gründen bei meiner Mutter einen solchen Adrenalinausstoß verursachen, daß sich eine alles vernebelnde Wolke in ihrem Gehirn ausbreitete und sie nicht einmal merkte, daß sie mir das schon zehnmal erzählt hatte und ihr Wortlaut dabei immer exakt ein und derselbe war.“

Ziemlich erschüttert über dieses Nichtwissen, dieses Verschweigen der Eltern und Großeltern, fragt sich der Autor, was er hier eigentlich schreibt, wie naiv er tatsächlich bisher über die Geschichte, den Ort, die Geschehnisse in der Familie schrieb. Wie kann es nun weitergehen? Wie mit der plötzlich „neuen“ Vergangenheit schriftlich umgehen?

Im Zuge der Lektüre wurde mir klar, dass ich den Band „Das Haus“ auch noch einmal lesen wollte, da es hier genau um das Grundstück, den Hausbau und Einzug ging und um das Problemkind Andreas, dem es am besten ging, wenn er allein zuhause war. Zu wenig erinnerte ich noch von dem bereits vor Jahren Gelesenen. Das war in der Tat sinnvoll und ergänzte die Gedächtnislücken. Die Stimmung in diesem Band ließ mich sehr oft an meine eigene Kinderzeit denken (Ich wurde im selben Jahr geboren wie Maier). So sind alle Bände des Zyklus separat mit Gewinn lesbar, ergeben aber schließlich ein stimmiges Bild durch die komplette Lektüre. Da die einzelnen Bände sehr schmal sind, ist nichts einfacher als das. Mehr- und unbändiges Leuchten!

Alle Bände erschienen im Suhrkamp Verlag. Eine 10-Seiten-Lesung des Autors gibt es hier:

Eine weitere begeisterte Besprechung (von allen Bänden) gibt es beim Blog BooksterHRO.

Saša Stanišić: Herkunft Der Hörverlag

Dass ich Saša Stanišićs neues Buch „Herkunft“ als Hörbuch auswählte war klar. Denn seine Texte sind von ihm selbst gelesen einfach ein großer Genuss und eine Freude,.

„Dreißig Jahre später, im März 2008, musste ich zum Erlangen der deutschen Staatsbürgerschaft unter anderem einen handgeschriebenen Lebenslauf bei der Ausländerbehörde einreichen. Riesenstreß! Beim ersten Versuch brachte ich nichts
zu Papier, außer dass ich am 7. März 1978 geboren worden war. Es kam mir vor, als sei danach nichts mehr gekommen, als sei meine Biografie von der Drina weggespült worden.“

Er beginnt seine Erzählung mit der Großmutter, die in ihrem Heimatort auf der Straße nach sich selbst ruft, nach dem Mädchen, dass sie einmal war. Die Großmutter wird dement, vergisst viel, vergisst aber nicht, ihren Enkel beim Besuch oder am Telefon wie früher liebevoll „Esel“ zu nennen. Immer wieder kehrt die Geschichte an den Ort der Großmutter zurück, in das Dorf Oskoruša, in dem noch traditionelle mythische Überlieferungen erzählt werden, wie etwa die vom Drachen. Damit löste sich auch meine Frage, weshalb auf dem Cover ein eher chinesisch anmutender Drache abgebildet ist.

Die Familie lebt dann in Višegrad, einer Stadt an der Drina. Vater und Mutter haben eine gute Arbeit. Die Mutter hatte sogar studiert. Doch sie trägt einen Namen, der nach Muslima klingt und als es zu ersten Verfolgungen und Kriegshandlungen im zerfallenden Jugoslawien kommt, flieht sie mit dem Sohn nach Deutschland. Die Familie folgt später nach.

Wenn Stanišić über die Erfahrungen seiner Zeit als Flüchtlingskind erzählt, zunächst allein mit der Mutter in Heidelberg, dann mit der ganzen Familie in einer Flüchtlingssiedlung auf engstem Raum mit vielen anderen Nationen, wird sehr deutlich, was es heißt, fremd zu sein. Dass er das alles auf seine verschmitzte, heitere Art erzählt, verbirgt nicht die Traurigkeit, die auch darunter lag und auch die Scham. Scham, ein „Jugo“ zu sein, über die prekären Verhältnisse, in denen die Familie lebt, da die Eltern nicht in ihren ursprünglichen Berufen, sondern als Hilfskräfte ihr Geld verdienen müssen. Für ihn wird es einfacher, er lernt schneller Deutsch, er wird schneller integriert. Die Schulklasse, die vorrangig aus nichtdeutschen Kindern besteht, prägt diese Zeit positiv.

aus Kapitel: Die Häkchen im Namen

„Allerdings kommt man auch bei der 20. Wohnungsbesichtigung nicht auf die Shortlist, dann wird aus Saša schon mal Sascha mit sch. Es klappt dann zwar auch nicht, aber jetzt liegt es wenigstens am Beruf.“

Stanišić springt in der Zeit hin und her, es ist nicht seine Art chronologisch zu erzählen. Mir scheint es dadurch als eine sehr persönliche, zugewandte Art zu erzählen. Beinah wie ein Zwiegespräch …
Sehr besonders, dass er zwei im Text vorkommende Lieder des Vereins der Jugoslawien-Freunde vorsingt (das hat man im Buch nicht!), Lieder, die er aus der Kindheit kennt, und die heute wieder vermehrt Anklang finden bei all jenen, die sich in die Tito-Zeit zurück sehnen und die vermeintlich besseren Zeiten wieder herauf beschwören und den Nationalstolz feiern.

Wenn Stanišić von seiner Großmutter erzählt, die erst langsam, dann sehr schnell in die Demenz gleitet, ist es berührend zuzuhören …

„Welcher Tag ist heute, Oma?“, frage ich und meine Großmutter sagt, „Alle Tage.“

… oder witzig, wenn er von seinem ersten Verliebtsein in der Schulzeit erzählt, das sich, ob der zunächst geringen Sprachkenntnisse nicht ganz so einfach gestaltet. Und sogar der Bericht über ein Fussballspiel von Roter Stern Belgrad, dessen Fans er und sein Vater waren, fesselt mich in seiner Art, obwohl ich eigentlich Fussball nichts abgewinnen kann. Stanišić ist ein magischer Geschichtenerzähler!

Ob lesen oder hören, „Herkunft“ lohnt sich. Das Hörbuch erschien bei Der Hörverlag. Es liest der Autor selbst. Die Hörfassung ist leicht gekürzt. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Eine Hörprobe gibt es hier: https://www.youtube.com/watch?v=rJegzFqo76A

Eine feine, sehr tiefgehende Besprechung des Buches findet man auf dem Blog LiteraturReich.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.