Jan Bazuin: Tagebuch eines Zwangsarbeiters C.H. Beck Verlag

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Ich mag Barbara Yelins Illustrationen sehr, deshalb fiel mein Blick auch sofort auf diese Neuerscheinung. Der 19-jährige Holländer Jan Bazuin hat Tagebuch geführt über die Ereignisse, die er vor und im Arbeitslager der Deutschen in München-Neuaubing von 9.1.1944 bis zu seiner Flucht am 21.4.1945 erlebte. Barbara Yelin hat dazu ihre typischen Illustrationen beigetragen. Es ist ein hochinteressantes Zeitdokument und hat mich wirklich überrascht, da ich bisher wenig zum Thema gelesen habe.

Am 23.2. wurde das Buch im NS-Dokumentationszentrum in München vorgestellt. Ich war beim Live-Stream dabei und habe unglaublich viel erfahren. Wie das Buch entstand, wie Yelin sich die Illustrationen erarbeitet hat. Der Sohn von Jan Bazuin berichtete, wie das Tagebuch, das eigentlich aus drei kleinen Heften besteht, die er nach dem Tod seines Vaters fand, zum Buchprojekt wurde, Barbara Beuys bereicherte die Runde mit umfassendem historischen Wissen zum Thema.

November 1944, Rotterdam: Die Deutschen besetzen seit 1940 die Niederlande. Jan Bazuin, 19 Jahre alt, lebt bei seinen Eltern. Er beginnt Tagebuch zu schreiben. Die Arbeitslosigkeit ist zu dieser Zeit groß. Der Vater will Jan loswerden, weil es zu wenig zu essen für die Familie gibt. Manchmal hat Jan Arbeit, manchmal organisiert er Essen, das er tagelang im Umland sucht. Die Menschen fällen die Bäume in den Straßen, um Brennholz zu haben. Es herrscht überall großer Mangel. So oft wie möglich trifft er sich mit seiner Freundin. Bei ihr verbringt er auch Weihnachten, hier bekommt er genug zu essen.  Als die Deutschen im Januar wieder alle 16 – 40-Jährigen unter Strafandrohung zum Abtransport ins Arbeitslager nach Deutschland aufrufen, muss auch Jan Rotterdam verlassen. Beim ersten Aufruf hatte Jan Glück, er war als Saisonarbeiter auf dem Land, doch wurde sein Bruder bereits da nach Kassel geschafft. Die Reise führt mit dem Zug quer durch Deutschland bis nach München. Mit langen Unterbrechungen, die die Männer im Viehwaggon verbringen müssen und mit Zwischenaufenthalt in Dachau, landen sie in Neu-Aubing.

Dort hat Jan das Glück die meiste Zeit eine Arbeit in der Küche zu finden, so dass er alles andere als Hunger leiden muss. Die Portionen, die er dort bekommt und die er in seinem Tagebuch genauestens erfasst, lassen fast nicht glauben, dass er sich in einem Zwangsarbeiter-Lager befindet. Dafür arbeitet er von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends. Doch dann gibt es auch Zeiten in denen er mit Rübensuppe, Brot und Kartoffeln auskommen muss. Er selbst empfindet die Arbeit als gut für ihn, damit er nicht so viel grübelt und an seine Familie und die Freundin denken muss.

„Montag, 19. März. Halb zwölf Fliegeralarm. Erst halb vier Entwarnung. Bei uns keine Bomben, wohl aber 30 km weiter. Das Essen war wie gehabt. Gut, aber wenig. Vielleicht gibt es in Holland gar nichts, ich will also nicht klagen.“

Das Ungewöhnliche an den recht schlichten Tagebucheinträgen ist eine ungebrochene Zuversicht, mit der Jan an alles herangeht. Nie glaubt er, dass er nicht mehr nach Hause kommt. Jeder Tag wird, auch wenn er noch so anstrengend war, mit einem positiven Gedanken bedacht. Tatsächlich darf man sich die Verhältnisse hier nicht wie in einem Konzentrationslager vorstellen. Jan verdient Geld mit seiner Arbeit, er hat oft den halben Samstag und/oder den Sonntag frei. Mehrfach geht er ins Kino, macht sogar Ausflüge ins Umland.

Im Lager begegnet er auch polnischen und italienischen Zwangsarbeitern. Manche lädt er ein, ihm etwas in sein Tagebuch zu schreiben, es bilden sich kleine Zusammenhalte. Doch es wird auch gestohlen, vor allem Nahrung. Nicht alle haben so ein Glück wie Jan. Immer wieder kommen Informationen im Lager an, in denen von der Lage der Front, von der Hilfe der Alliierten und vom möglichen Ende des Kriegs die Rede ist. Die vielen Luftangriffe sprechen ihre eigene Sprache.

Am 21.4.45 entscheidet sich Jan für die Flucht. Mit einem Kameraden legt er Hunderte von Kilometern zurück und schafft es tatsächlich über die Frontlinie zu den Amerikanern. Kurz darauf bricht das Tagebuch ab.

Im informativen Nachwort berichtet Mitherausgeber Paul Raabe vom NS-Dokumentationszentrum, was über Jan Bazuins Leben sonst noch bekannt ist und bindet die Tagebucheinträge in größere Zusammenhänge.

Barbara Yelins Illustrationen sind dunkel gehalten. Grau dominiert. Wenige Bilder sind mit Sprachblasen gezeichnet, die meisten Bilder sprechen für sich. Das Buch ist keine Graphic Novel. Man wollte den Tagebuchcharakter nicht verfälschen, was ich als eine gute Entscheidung betrachte.

Ich finde dieses Buch hochinteressant, zeigt es doch einen weiteren Aspekt zum Thema Zwangsarbeit im Nationalsozialismus. Bisher kenne ich den Roman Sie kam aus Mariupol von Natascha Wodin, in dem sie über ihre Eltern erzählt, die als Zwangsarbeiter aus der Ukraine nach Deutschland verschleppt wurden und wesentlich schlechter behandelt wurden.

Tagebuch eines Zwangsarbeiters“ erschien im C. H. Beck Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Indiebookday 26. März – Meine Entdeckungen aus unabhängigen Verlagen

Alle Jahre wieder: Heute ist Indiebookday!

Ich habe ein Faible für die unabhängigen Verlage, weil sie große Arbeit leisten und häufig zu ungeahnten Entdeckungen und feiner Lesefreude führen! Am besten ist es, solche Schätze auch in unabhängigen Buchläden zu kaufen … dazu gibt es den Indiebookday!
Hier sind meine diesjährigen Empfehlungen: Dabei sind: Romane, Gedichtbände, Künstlerbücher, eine Graphic Novel, ein Krimi. Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Durch klicken auf die Bilder findet sich der Link zu meiner jeweiligen Besprechung. Viel Spaß beim Stöbern!

Weitere Indiebuch-Tipps aus den letzten Jahren gibt es hier:

Emmanuel Carrère: Yoga Matthes & Seitz Verlag

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„… und zuerst Pythagoras zitieren, der die Frage gestellt hat: >Wozu ist der Mensch auf Erden?< Antwort: >Um den Himmel zu betrachten.< Um den Himmel zu betrachten? Wenn das wahr ist, dann wissen es die meisten Menschen nicht.“

Dieses Zitat ist die Essenz, die ich aus dem neuen teils autobiographischen Roman von Emmanuel Carrère für mich herausziehe. „Yoga“ ist kein Ratgeber oder Mode-Yogabuch. Der französische Autor praktiziert seit 20 Jahren Yoga und beschäftigte sich auch mit der Philosophie dahinter. Denn Yoga beschränkt sich nicht auf die Asanas, die Körperübungen, die manche sogar als Sport verkaufen wollen. Yoga hat mit Sport überhaupt nichts zu tun, was ich aus eigener langer Erfahrung weiß. Spannend wird es nämlich erst, wenn man sich mit den weiteren Aspekten tiefer beschäftigt. Auch Carrère geht es um die philosophischen Ideen der östlichen Lehren. Er praktizierte lange Tai Chi und meditiert.

“ Die Atmung verändert sich. Die Gedanken verändern sich. Sie verändern sich, weil sich sowieso immer alles verändert, aber auch, weil man sie beobachtet. Beim Meditieren tut man nichts anderes und soll auch gar nichts anderes tun als zu beobachten. Man beobachtet das  Auftauchen von Gedanken, Gefühlen und Empfindungen im Bewusstsein, und man beobachtet ihr Verschwinden. […] Man folgt ihrem Strom, ohne sich davon mitreißen zu lassen. Und dadurch, dass man genau das tut, verändert sich das Leben selbst.“

Der Roman ist in 3 Teile mit Kapiteln unterteilt. Der erste Teil des Buches wird von den oben genannten Erfahrungen bestimmt. Doch es geht um weit mehr. Es geht um das, was im Leben passiert, unabhängig von unseren Plänen, Vorstellungen und Hoffnungen.

Beim Einstieg in das Buch finden wir den Autor/Protagonisten auf dem Weg zu einem Schweige-Meditationsseminar, ein 10tägiger Kurs mit Vipassana Meditation, bei dem man sich bei strengem Tagesablauf vollkommen von der Außenwelt abschottet. Diese Erfahrungen sollen in ein geplantes Buchprojekt zum Thema Yoga einfließen. Bereits in diesem Kapitel, wie auch in den weiteren, erzählt Carrère immer wieder abschweifend kleine Geschichten in die eigentliche Handlung hinein: teilweise amüsante Episoden aus dem Alltag oder mit Mitmenschen oder auch Teile aus gelesenen Lektüren. Der erste Teil also, in dem wir vor allem aus dem Inneren und dem Denken des Helden erfahren, endet damit, dass er das Seminar bereits nach 4 Tagen beenden muss, da genau in dieser Zeit der terroristische Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo geschah. Ein Freund Carrères wird dabei getötet und er soll die Trauerrede halten.

Von da an gerät das Leben des Protagonisten mehr und mehr aus den Fugen. Die genauen Ursachen werden nicht auserzählt, sind aber bei psychischen Zusammenbrüchen ohnehin meist vielseitig. Er gerät zusehends in eine Depression, seine Gedanken kreisen – auch Suizidgedanken – das einzige, wozu er sich noch aufraffen kann, ist der Weg ins Stammcafé, um an seinem geplanten Buch zu arbeiten. Doch stattdessen sitzt er nur da und schafft es nicht mehr sich zu konzentrieren. Kurz drauf wird ein Psychiater eine Form einer bipolaren Störung diagnostizieren. Und dem Protagonisten wird klar, dass er endlich eine Erklärung für seine psychische Befindlichkeit hat, an der er schon länger schwer trägt.

„Die Sache ist: Ich bin krank, so krank, als hätte ich einen Schlaganfall gehabt oder eine Bauchfellentzündung, und deshalb legt man mich ins Bett und wird nach der geeigneten Medizin suchen, wobei man mir nicht verschweigt, dass diese Suche eher tastend verlaufen wird und man das Mittel, das mir hilft, wohl nicht gleich auf den ersten Griff finden wird …“

Verschiedene Medikamente und Therapien werden ausprobiert, doch nichts hilft dauerhaft. Die Ärzte gehen sogar soweit, es mit Elektrokonvulsionstherapie zu versuchen. Letztlich verbringt der Patient vier Monate in der Psychiatrie. Sehr interessant finde ich, dass Carrere um seine Konzentration und Merkfähigkeit zu trainieren, die bei Depressionen oft zu wünschen übrig lässt, später Gedichte auswendig lernt. Einige Kostproben sind auch abgedruckt.

Nach der Entlassung bei neu gewonnener Stabilität will er sich mit der Familie und mit Freunden auf der Insel Patmos erholen und wieder schreiben. Doch auch hier kommt es anders. Er hält das Zusammensein nur schwer aus und verlässt Hals über Kopf die Insel, um einer Bekannten auf der griechischen Insel Leros zu helfen. Frederica kümmert sich dort um unbegleitete Jugendliche (es ist die Flüchtlingswelle 2015). Hier verbringt er mehrere Monate und lebt in Fredericas Haus, übernimmt später sogar ihre Aufgaben, die Jugendlichen zu unterrichten und zukunftsweisend zu unterstützen.

„Was hieße es, ein anderer zu sein als der, der man ist? Sie (die Frage) ist einer der Gründe, die Leute dazu zu bringen, Bücher zu schreiben – so wie ein anderes sein kann zu erforschen, was es heißt, man selbst zu sein.“

Das Buch endet offen, wie das Leben. In Frankreich gab es helle Aufregung um das Buch, denn Carrères Exfrau legte Veto ein (dazu ein interessanter Beitrag in der FAZ aus dem Jahr 2020). Tatsächlich hatte der Autor vorher eingewilligt keine privaten Einblicke zu geben. Für mich wirkt der Roman dann auch nicht durchweg stimmig, eher so als hätte der Autor versucht, einzelne Teile zu einem ganzen zusammenzufügen und eben auch wichtige Stellen ausgelassen (möglicherweise die von der Exfrau monierten). Der Spagat zwischen Autobiographischem und Fiktion gelingt hier nicht hundertprozentig. Aber vielleicht ist genau diese Schreibart die richtige, wenn man sich selbst plötzlich zerrissen und instabil im Leben vorfindet. Ich habe das Buch gern gelesen und viele Aspekte für mich herausgezogen, obgleich manchmal auch die Eitelkeit, das Ego des Schriftstellers überhand nimmt, dann wieder die Selbstzweifel. Eben auch wie im richtigen Leben.

„Solange man kann, stirbt man noch nicht. Man stirbt immer noch nicht, doch das Herz ist nicht mehr dabei. Man glaubt nicht mehr daran. Man glaubt, man habe sein Guthaben aufgebraucht und nichts könne mehr kommen. Und dann kommt eines Tages doch etwas.“

Der Roman erschien im Matthes & Seitz Verlag. Übersetzt hat es Claudia Hamm. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ein weiteres, ganz anderes Buch von Emmanuel Carrère habe ich bereits auf dem Blog besprochen:

Emmanuel Carrère: Der Widersacher Matthes & Seitz Verlag

Zum Weltfrauentag: Monika Vasik: Knochenblüten Elif Verlag / 100 Autorinnen in Porträts Piper Verlag

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Zum Weltfrauentag – wir hier in Berlin haben sogar heute Feiertag – möchte ich zwei Bücher von Frauen über Frauen vorstellen:

Die Wienerin Monika Vasik hat einen Lyrikband mit dem ungewöhnlichen Titel Knochenblüten geschrieben, in dem Frauen die Hauptrolle spielen. In ihrem Buch stellt sie auf jeweils einer Seite in gedichteten Porträts Frauen vor: Frauenrechtlerinnen, Malerinnen, Schriftstellerinnen, Vorreiterinnen, meist ihrer Zeit voraus. Ich finde, das ist eine wunderschöne Idee, den Frauen besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Die Texte selbst sind natürlich Kunstwerke, die sich, wie ich finde, auch an der Sprache der jeweiligen Frau anlehnen und sie setzen jeder ein besonderes Denkmal. Eine eigentlich ideale Form der Annäherung an die Biographien der Frauen. Im Band sind die Gedichte chronologisch nach der Lebenszeit der Frauen sortiert, beginnend mit Christine de Pizan, 1364-1430, (die auch in 100 Autorinnen dabei ist, ebenso wie Maya Angelou), und endend mit Silvia Bovenschen, 1946-2017. Ich kannte nicht alle, habe mich aber sofort daran gemacht, mehr über das jeweilige Tun und Schaffen herauszufinden.

„Dies Wirbeln dies Bewusstseinsrumoren
innerer Monologe im Kopf alles schreit
schrie ungeordnet wie es drängte sich stülpte
im Jetzt schädelte gegen Wand um Wand
sie spitzte die Feder stach tief sprengte Wörter
it`s writing that gives me my proportion

aus „Schwermütige Partituren“   ~ Virginia Woolf

Wie lange muss Monika Vasik sich mit den Frauen beschäftigt haben, um solch intensive Gedichte zu schreiben? Die Gedichte wecken die Neugier. Dabei sind: die Malerin Artemisia Gentileschi, die Barockdichterin Sybilla Schwarz, die Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft, die Mathematikerin Ada Lovelace, die Politikerin Clara Zetkin, die Pazifistin Anita Augspurg, die Sozialpädagogin Alice Salomon, die Schriftstellerin Alfonsina Storni (siehe Foto unten), die Flugpionierin Amelia Earhart, die Malerin Lotte Laserstein (siehe Foto unten), die Künstlerin Louise Bourgeois, die Bürgerrechtlerin Rosa Parks, die Filmemacherin Agnès Varda, die Juristin Ruth Bader Ginsburg und viele andere. Große Empfehlung!

Die Herausgeberinnen Verena Auffermann, Julia Encke, Gunhild Kübler (1944-2021), Ursula März und Elke Schmitter, alle selbst als Autorinnen/Publizistinnen bekannt, stellen in ihrem Buch 100 Autorinnen in mehrseitigen Porträts vor. Ich habe festgestellt, dass ich den Vorgänger dieses Buches bereits im Regal stehen habe. Damals waren es 99 Autorinnen und Julia Encke war noch nicht Mitherausgeberin. Dennoch hat sich einiges verändert, es wurden mehr aktuelle Autorinnen dazu genommen, während andere wegfallen mussten. Schwer ist solch eine Wahl immer. Doch die Erweiterung in die aktuelle, zeitgenössische oder neu entdeckte, teils feministische Literatur ist gelungen und von großem Mehrwert. So kommen zum Beispiel zu Klassikerinnen wie Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Elfriede Jelinek, Silvia Plath, Claire Lispector, A. L. Kennedy, Toni Morrison, Arundhati Roy, Ludmila Ulitzkaja, Marina Zwetajewa, neue Namen, unter anderem: Leila Slimani, Juli Zeh, Han Kang, Rachel Cusk, Olga Tukarczuk, Siri Hustvedt, Annie Ernaux (siehe Foto unten), Maya Angelou. Die Texte der Herausgeberinnen sind kurze Essays, die biographischen Einblick bieten, über das Werk und die Arbeit am Text erzählen, Texte reflektieren und sie mitunter in einen aktuellen Kontext stellen. Ich finde in der neuen Ausgabe so einige Autorinnen, die mir selbst ans Herz gewachsen sind. Ich habe die entsprechenden Namen mit den bereits hier besprochenen Büchern direkt verlinkt. Welch eine Fülle!

Und nun viel Freude mit „Frauen schreiben“/“Frauen lesen“.

Monika Vasiks Lyrikband „Knochenblüten“ erschien im Elif Verlag. „100 Autorinnen im Porträt“ wurde im Piper Verlag herausgegeben. Ich danke den Verlagen für die Rezensionsexemplare.

Kunst im Buch 3: Sachbücher – Biographien – Briefe – Filme über Kunst und Künstler

Originale von Hilma af Klint, zur Zeit in der Neuen Nationalgalerie Berlin

Als selbst Malende und Kunstbegeisterte freue ich mich immer wieder auf Bücher oder Filme über Kunst und Künstler*innen. Eine kleine Auswahl meiner bisherigen Highlights habe ich hier zusammengestellt. Es ist mittlerweile der 3. Beitrag zu diesem Thema. Zur jeweiligen ausführlichen Besprechung auf meinem Blog gehts direkt über den link. Zu Teil 1 hier, zu Teil 2 hier.

Sachbuch – Biographie

Julia Voss: Hilma af Klint >Die Menschheit in Erstaunen versetzen<

Mich hat die Künstlerin Hilma af Klint (1862-1944) so stark angesprochen, dass ich mich in ihre Biographie vertiefen wollte. Eine Frau, die womöglich noch vor all den bekannten Männernamen die abstrakte Kunst „erfunden“ hatte? Ich griff zum Buch von Julia Voss und bin sehr begeistert. Nicht nur vom Leben und Arbeiten der Künstlerin, sondern auch von der Autorin, die enorm viel recherchiert hat und der ein detailgenaues, hochspannendes, intelligentes und dennoch kurzweiliges Porträt dieser ungewöhnlichen Frau und ihrer Zeit gelungen ist. Man merkt in jeder Zeile, wie fasziniert sie von Hilma ist. „Die Menschheit in Erstaunen versetzen“ umfasst 600 Seiten und beschäftigt sich ausführlich mit der Lebens- und Schaffensgeschichte und den oft verschlungenen Wegen, die zu af Klints riesigen Werk geführt haben. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/11/02/julia-voss-die-menschheit-in-erstaunen-versetzen-s-fischer-verlag-ylva-hillstrom-karin-eklund-die-unsichtbare-welt-von-hilma-af-klint-henschel-seemann-verlag/

Barbara Beuys: Helene Schjerfbeck Die Malerin aus Finnland

In Skandinavien betrachtet man die Finnin Helene Schjerfbeck (1862-1946) als eine der bedeutendsten Malerinnen des 20. Jahrhunderts. Hierzulande ist sie trotz der großen Ausstellung 2014 in Frankfurt am Main noch nicht so bekannt. Barbara Beuys, die bereits viele Biographien veröffentlichte erzählt sachlich und dennoch kurzweilig über Schjerfbecks Leben und Arbeiten. Die Familie stammte ursprünglich aus Schweden. Helene durfte aufgrund ihres künstlerischen Talents auf die Zeichenschule. Nach ersten Erfolgen geht sie auf Studienreise unter anderem nach Paris, in die Bretagne, nach England. Ab 1890 lebt sie in Helsinki und kämpft um ihr Ansehen als Künstlerin. Ihr Leben ist auch immer wieder von Krankheiten überschattet. Schließlich zieht sie in einen kleineren Ort und verändert ihre Malweise stark. Als ein Kunsthändler sie entdeckt, beginnen sich die materiellen Verhältnisse zu bessern. Sie hinterlässt nach ihrem Tod über 1000 Gemälde, vor allem ihre Porträts stechen hervor. Im Buch gibt es ergänzend zwei Bildteile. Hier gibt es noch keine ausführliche Besprechung, aber auf dem Blog „Zeichen & Zeiten“.

Annet Mooji: Das Jahrhundert der Gisèle – Gisèle van Waterschoot van den Gracht

Gisèle van Waterschoot van den Gracht (1912 – 2013), Tochter eines Niederländers und einer Österreicherin, studierte in Paris Kupferstich und Radierung, lebte mit den Eltern kurz in den USA. 1941 bezieht sie ein Haus in der Herengracht in Amsterdam. Nachdem sie deutsche Dichter kennenlernte, die hier im Exil lebten, gab sie vielen Zuflucht, darunter Wolfgang Frommel und weiteren jüdischen Freunden in einer Wohnung im eigenen Haus. Selbst in dieser gefährlichen Zeit gab es eine Art Künstlerzirkel, der sich bis über das Kriegsende hinaus erhielt. Es entwickelten sich weitere Kontakte, eine Literaturzeitschrift entstand und ein Verlag: Castrum Peregrini war eine Art männlicher Dichterclub, wie man ihn von Stefan George her kennt, in diesem Fall nicht ganz unproblematisch. Die Künstlerin, die eine schillernde eigensinnige Persönlichkeit war und Max Beckmann kannte, schuf selbst viele Gemälde, die schwer einzuordnen sind. Sie erinnern mitunter an Picasso, an den Kubismus; viele Porträts und Selbstporträts entstanden. Sie kreierte Wandteppiche und renovierte eine Klosterruine auf der griechischen Insel Paros. Ihr Haus ist bis heute als Gesamtkunstwerk erhalten geblieben. Annet Mooij hat eine informative und dennoch leicht lesbare Biographie über eine ungewöhnliche Frau geschrieben. Mehr darüber auf der Seite der Büchergilde.

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Briefe – Graphic Novel – Bildband

Inés Burdow: Sweetheart, es ist alle Tage Sturm – Lyonel Feininger

Auch zu diesem Buch gibt es keine ausführliche Besprechung, aber eine Empfehlung, wenn man sich für den Künstler Lyonel Feininger (1871-1956) interessiert. Gerade erschien der Briefwechsel zwischen der Künstlerin Julia Berg (1881-1970) und Feininger. Ich erlebte die Autorin und Sprecherin Ines Burdow und den Sprecher Ulrich Lipka bei einer kurzweiligen Lesung aus dem Buch. Die Briefe sind Zeichen einer großen Liebe (beide waren anderweitig verheiratet, als sie sich 1905 begegneten), aber auch biographisch und zeitgeschichtlich interessant. Sie zeigen auch sehr persönlich auf, wie Feininger an seiner Kunst zweifelte, von Julia aber sehr unterstützt wurde (auf Kosten ihrer eigenen Kunst). Von Krieg, Weimarer Republik, über die Entstehung des Bauhauses bis zum Nationalsozialismus, von dem Julia als Jüdin direkt bedroht war, spannt sich der literarische Bogen. Das Paar verlies das Land 1937 Richtung New York. Ein einmaliges Werk, welches auch bisher unveröffentlichte Briefe enthält und durchaus als besondere Biographie gelesen werden kann. Siehe auch auf der Seite des Kanon Verlags.

Elisa Maccelari: Kusama – Yayoi Kusama Graphic Novel

Eingangs finden sich einige Seiten Text zur Einführung in die Lebens- und Künstlerinnenwelt von Kusama. Interessant scheint mir hierbei die Prägung durch östliche und westliche kulturelle Traditionen. Dann tauchen wir in die Bilder ein. Dass die rote Farbe am dominantesten ist, ergibt sich aus den künstlerischen Arbeiten. Am bekanntesten sind wohl die Polka-Dots. Eine Art Türkis, ein beinahe fliederfarbenes Violett und Schwarz ergänzen das Rot. Die Aufteilung der Bilder und Textanteile scheint mir gelungen über Kusamas Lebenszeit verteilt und ein stimmiges biographisches Abbild zu zeichnen. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/06/29/elisa-macellari-kusama-graphic-novel-laurence-king-verlag/

I love Women in Art Hrsg. Janine Mackenrodt und Bianca Kennedy

Erst seit 100 Jahren dürfen Frauen an den Kunstakademien studieren – das war der Anlass für die beiden Künstlerinnen Janine Mackenrodt und Bianca Kennedy ein Buchprojekt zu starten, was ich mehr als hervorragend finde. Damit wollen die beiden auf die immer noch andauernde Unterpräsentation von Künstlerinnen im Kunstbetrieb aufmerksam machen. Großformatig auf bestem Papier gedruckt, lese ich von Künstlerinnen, die ich noch nicht kannte, entdecke Neues, was mich selbst für meine Kunst inspiriert oder begegne Kunstfrauen, deren Werk ich bereits kenne und liebe. Ein schöner Kunstbildband von Künstlerinnen mit Künstlerinnen. Meine Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/03/08/i-love-women-in-art-hrsg-janine-mackenrodt-bianca-kennedy/

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DVDs

Film Jenseits des Sichtbaren von Halina Dyrschka

Mit Hilma af Klint habe ich mich sehr eingängig beschäftigt. Nachdem ich auf Arte eine kurze Dokumentation gesehen hatte und erfuhr, dass es einen Film über sie im Kino geben wird, war ich hochinteressiert. Eine Frau, die womöglich noch vor all den bekannten Männernamen die abstrakte Kunst „erfunden“ hatte? Ich griff zur Biographie von Julia Voss und bin sehr begeistert. Nicht nur vom Leben und Arbeiten der Künstlerin, sondern auch von der Autorin, der ein detailgenaues, hochspannendes, intelligentes und dennoch kurzweiliges Porträt dieser ungewöhnlichen Frau und ihrer Zeit gelungen ist. Der Film lässt verschiedene Stimmen zu Wort kommen, Verwandte von Hilma, Kuratoren, Kunsthistoriker und eben auch Julia Voss.
Mein Beitrag zum Buch: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/11/02/julia-voss-die-menschheit-in-erstaunen-versetzen-s-fischer-verlag-ylva-hillstrom-karin-eklund-die-unsichtbare-welt-von-hilma-af-klint-henschel-seemann-verlag/

Film Seraphine von Martin Provost

Seraphine de Senlis, eigentlich Seraphine Louis, war eine der bekanntesten naiven Maler/innen in Frankreich. Sie lebte von 1864 bis 1942 in Oise, Frankreich. Sie wuchs in armen Verhältnissen auf und verdingte sich später, zunächst in einem Kloster, dann privat, als Putzfrau und Haushaltshilfe. In ihrer knappen freien Zeit und somit meist nachts, entstanden ihre Bilder, die sie in großer Hingabe malte und die von ihrem religiösem spirituellem Hintergrund zeugen, aufgrund dessen sie sich auch zum Malen berufen fühlte. Ihre Farben mischte sie sich aus natürlichen Zutaten selbst zusammen, einmal, weil sie sehr wenig Geld hatte, zum anderen aus ihrer Naturverbundenheit heraus. Entdeckt wurde Seraphine vom deutschen Kunsthändler Wilhelm Uhde, der im Sommer 1914 seinen Urlaub in Senlis verbrachte und zufällig eines ihrer Gemälde sah. Zwischen beiden entsteht eine besondere Verbindung. Uhde besaß eine Galerie in Paris und war Entdecker unter anderen von Picasso und Rousseau.
Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/01/19/film-kunst-film-seraphine-dvd-film-von-martin-provost-2010/

Film Final Portrait von Stanley Tucci

Der Film von Regisseur Stanley Tucci ist ein wunderbares Künstlerportät. Obgleich es sich im Film immer und ausschließlich um das Malen am berühmten Porträt von James Lord dreht, erhält man einen recht guten Eindruck von Alberto Giacomettis Lebensgeschichte. Der Schweizer Künstler, der vor allem wegen seiner langbeinigen, dünnen Tier- und Menschenskulpturen bekannt ist, war auch Maler. Der Film erzählt von der Entstehungszeit des Gemäldes 1964 im Pariser Atelier und zeigt gleichzeitig, was Giacometti für ein Mensch und Künstler war. James Lord, ein amerikanischer Schriftsteller, 1922 geboren, der sich oft in Paris aufhielt und auch Gertrude Stein, Picasso und andere Kunstikonen traf, schrieb später seine Erlebnisse mit Giacometti auf und veröffentlichte sie als Buch, das sicher auch für das Drehbuch des Films hilfreich war. Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/07/15/film-kunst-film-final-portait-von-stanley-tucci-dvd-2017/

Film Werk ohne Autor von Florian von Donnersmarck

Der Film „Werk ohne Autor“ wartet mit immerhin über drei Stunden Laufzeit auf. Doch kein Problem: ich hätte noch eine Stunde länger sitzen und zusehen können. Nun bearbeitet der Film von Florian Henckel von Donnersmarck, bekannt durch den Film „Das Leben der Anderen“, auch vorrangig zwei Themen, die ich aus persönlichen Gründen mehr als interessant finde. Zum einen ist der Film an die Biografie des Ausnahmekünstlers Gerhard Richter angelehnt und berichtet im letzten Drittel ausführlich über den Entwicklungsprozess zum eigenen künstlerischen Ausdruck, zum anderen steht das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten im Mittelpunkt und die (teilweise erfolglose) Verfolgung der Täter im Nachkriegsdeutschland.
Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/11/05/film-kunst-film-werk-ohne-autor-von-florian-henckel-von-donnersmarck-2018/

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Viel Vergnügen beim literarischen/filmischen Kunstentdecken!


Julia Voss: Die Menschheit in Erstaunen versetzen“ S. Fischer Verlag / Ylva Hillström/Karin Eklund: Die unsichtbare Welt von Hilma af Klint Henschel/Seemann Verlag

Selten lese ich Sachbücher oder Biographien. Doch hat mich die Künstlerin Hilma af Klint (1862-1944) so stark angesprochen, dass ich mich in ihre Biographie vertiefen wollte. Nachdem ich auf Arte eine kurze Dokumentation gesehen hatte und erfuhr, dass es einen Film über sie im Kino geben wird, war ich hochinteressiert. Eine Frau, die womöglich noch vor all den bekannten Männernamen die abstrakte Kunst „erfunden“ hatte? Ich griff zum Buch von Julia Voss und bin sehr begeistert. Nicht nur vom Leben und Arbeiten der Künstlerin, sondern vor allem von der Autorin, die enorm viel recherchiert hat und der ein detailgenaues, hochspannendes, intelligentes und dennoch kurzweiliges Porträt dieser ungewöhnlichen Frau und ihrer Zeit gelungen ist. Man merkt in jeder Zeile, wie fasziniert sie von Hilma ist. „Die Menschheit in Erstaunen versetzen“ umfasst 600 Seiten und beschäftigt sich ausführlich mit der Lebens- und Schaffensgeschichte und den oft verschlungenen Wegen, die zu af Klints riesigen Werk geführt haben. Dass die Künstlerin sich ausführlich mit Religion, Philosophie, Spiritismus und mit Spiritualität beschäftigt hat, finde ich gerade faszinierend. Einiges deutet darauf hin, dass viele ihrer Bilder, die ja teilweise riesig sind, aus der Verbindung als Medium entstanden. Beinahe folgerichtig erscheint es mir, dass sie damit ihrer Zeit voraus war und beschloss, dass die Bilder erst zwanzig Jahre nach ihrem Tod an die Öffentlichkeit gehen sollten.

Hilma af Klint wird 1862 in Solna bei Stockholm geboren. Der Vater ist Offizier bei der Marine und er fördert Hilma, die sich fürs Zeichnen und Malen interessiert. Sie studiert an der Königlichen Kunstakademie in Stockholm, die gerade erst auch Frauen fürs Kunststudium zulässt. Noch während des Studiums beginnt sie sich für Spiritismus zu interessieren und nimmt an Séancen teil. Mit einigen anderen Frauen gründet sie einen theosophischen Kreis, zu dieser Zeit unter Künstlern nicht außergewöhnlich. Sie bezieht ein eigenes Atelier, nimmt an verschiedenen Gemeinschaftsausstellungen teil und verdient sich ihr Geld mit Zeichnungen für ein Veterinärinstitut. Ab 1891 beginnt ein neues Kapitel: Sie wird zum Medium und erhält Anweisungen von höheren Wesen. In erstaunlichem Tempo malt Hilma ihre Bilderserien in zum Teil riesigen Formaten. Ich stehe diesen Bildern voller Bewunderung gegenüber und sehe in jedem einzelnen die spirituelle Kraft.

Mit ihrer Freundin Anna unternimmt sie Reisen. Sie begegnet Rudolf Steiner, erhofft sich Zuspruch, doch erhält nur Ablehnung. Auch später wird Steiner Hilmas Gemälde ablehnen, die sie sich in seinem „Tempel“ in der Schweiz vorstellen könnte. Währenddessen malt Kandinsky in Deutschland die angeblich „ersten“ abstrakten Bilder. Hilma malt, Hilma reist, Hilma zieht um. Zu ihrem Werk gehören unzählige Notizbücher mit Skizzen und Gedanken. Hilma möchte verstehen, wie die Welt, wie das Universum funktioniert, wie alles mit allem zusammenhängt. Mehrmalige längere Malpausen und verschiedene Wechsel der Techniken kennzeichnen ihren künstlerischen Weg. Als Hilma 80 Jahre alt ist, hat sie mehr als tausend Bilder gemalt, die kaum jemand gesehen hat. Sie übergibt ihren Nachlass einem Neffen und stirbt 1944. Tatsächlich werden ihre Gemälde erst viel später gezeigt und als das was sie sind erkannt: die ersten abstrakt gemalten Bilder. Ein Leuchten für diese Bilder und diese Biographie!

Ich möchte nicht nur Julia Voss` Buch vorstellen, sondern auch – und das ist Premiere! – ein Kinderbilderbuch, dass sich Hilma af Klint kindgerecht widmet. In „Die unsichtbare Welt von Hilma af Klint“ erzählt Ylva Hillström über af Klints Leben als Malerin und Karin Eklund illustriert das ganz zauberhaft. Schwerpunkt des Bilderbuchs ist die besondere Gabe von Hilma, also nicht nur die Malerei, sondern das unermüdliche Beschäftigen mit Wissenschaft in Kombination mit dem Übersinnlichen. Dieses wird so aufgezeigt, dass es (für ganz kleine Kinder eher nicht) absolut natürlich und verständlich ist. Der Stil der Illustratorin passt perfekt zu Hilma af Klint. Ich kann mir vorstellen, dass dieses Bilderbuch die Kinderfantasie anregt und vielleicht selbst Lust aufs Malen erzeugt. Im Band sind auch Abbildungen einiger Originalgemälde als große Farbtafeln teilweise aufklappbar. Aus dem Schwedischen übersetzt wurde das Buch von Angelika Kutsch.

Viele der Bilder habe ich dem Kunstband „Hilma af Klint“ aus dem Hatje Cantz Verlag entnommen und auch den Film „Jenseits des Sichtbaren“ von Halina Dyrschka kann ich nur empfehlen.

Die Biographie von Julia Voss erschien im S. Fischer Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Das Bilderbuch erschien beim Verlag Henschel/Seemann in der Reihe Bilderbande. Ich danke den Verlagen für die Rezensionsexemplare.

Emily Carr: Klee Wyck – Die, die lacht Verlag Das kulturelle Gedächtnis

Nochmal mein Beitrag zu Gastland Kanada, da die Buchmesse ja diesmal stattfindet:
Gastland der letzt- und diesjährigen Buchmesse ist Kanada. Ich habe es nicht geschafft einen kompletten Beitrag als Übersicht über die ins Deutsche übersetzte kanadische Literatur vorzubereiten. Ein Buch hatte ich aber schon im letzten Frühjahr im Auge, schon wegen seiner schönen gestalterischen Aufmachung und es ist auch das einzige geblieben, das ich gelesen habe. Es ist ein Buch, das in Kanada in vielen Auflagen bis heute gut verkauft wird, ja, das sogar Schullektüre geworden ist. Emily Carr (1871-1945), eigentlich Malerin, hat das Buch erst spät in ihren 70ern geschrieben, als sie aus gesundheitlichen Gründen mit dem Malen aufhören musste. Sie nahm dazu ihre Notizbücher, die sie seit jeher führte und formte daraus und aus ihren Erinnerungen autobiografische Erzählungen, so wie wir sie nun im Band Klee Wyck lesen können. Die erste Ausgabe erschien 1940.

In der ersten Geschichte erfahren wir, dass die 15jährige Emily zeitweise bei christlichen Missionarinnen in einem Indianerdorf lebt, um sich mit der Lebensart der Indigenen, der First Nations auseinanderzusetzen. Bereits hier hat sie den Zeichenblock dabei und einen genauen Blick. Ihren indianischen Namen Klee Wyk erhält sie gleich eingangs vom Stammeshäuptling. Sie ist Die, die lacht.

In den drei folgenden Geschichten erfahren wir von Emilys Vorhaben, die Totempfähle der Grabstätten verschiedener indianischer Dörfer zu zeichnen. Mit einem befreundeten Paar reist sie mit dem Boot von Insel zu Insel. Haiida Gwaii heißen die vor der Westküste British Kolumbiens gelegenen Inseln. Hier erzählt Emily von der einfachen naturzugewandten im Jetzt verankerten Lebensweise der Bevölkerung. Spannend zu erfahren, dass es in deren Sprache keine Schimpfwörter gibt.

„Ich setzte mich neben den sägenden Indianer und wir unterhielten uns ohne  Worte, zeigten auf die Sonne und aufs Meer, die Adler in der Luft und die Krähen am Strand. Wir nickten und lachten zusammen, ich saß da und er sägte. Der alte Mann sägte als lägen Äonen von Zeit vor ihm, und als wären all die Jahre, die bereits hinter ihm lagen, geruhsam gewesen, und alle kommenden Jahre wären es ebenso.“

Wir hören von Sophie, die Körbe flechtet und in Vancouver verkauft und die Emilys Freundin wird. Sophie, die einundzwanzig Babys bekommt, von denen nur wenige überleben. Sophie lebt im Reservat. Viele der Kinder werden in Internate gebracht, die von christlichen Institutionen geleitet werden. Dort versucht man sie zu „kultivieren“, doch werden sie ihrer Herkunft und ihrer Tradition komplett beraubt. Wir lesen von Louisa und deren Mutter, der Louisa unbedingt das traditionelle „indianische“ Pfeiferauchen abgewöhnen möchte, weil die Missionare das für Frauen unschicklich finden.

Emily lässt sich immer wieder in teils nicht mehr bewohnte Indianerdörfer bringen, auf der Suche nach Motiven für ihre Bilder. Dort findet sie auch immer wieder die D`Sonoqua, eine heilige Frau, die sie auf imposant geschnitzten Totems findet und von der sie wie magisch berührt wird. Vorrangige Motive werden für sie immer die Totems bleiben, die in den alten Dörfern zurückbleiben, wenn die Familien durch Missionare gedrängt, in modernere Ortschaften mit Läden und Häusern statt Hütten ziehen.

„Selbst diese wenigen Worte waren eine Neuerung – nach dem Vorbild der Weißen. In früheren Zeiten hätten Totemzeichen erklärt, wer dort lag. Die indianische Sprache kannte keine Schriftform. Anstelle der Kreuze wären hier die Habseligkeiten des Verstorbenen aufgetürmt worden: all seine geliebten Schätze, Kleidung, Pfannen, Armbänder – damit jeder sehen konnte, was das Leben ihm an eigenen Dingen geschenkt hatte.“

Dabei gerät sie mitunter in Seenot, auf unheimliche Inseln mit wilden Hunden und in heftigste Moskitostürme. Sie und damit auch die Leser erfahren, dass das Zeitgefühl der indigenen Völker ein ganz anderes ist. In der letzten Geschichte „Kanu“ etwa, fragt sie am Strand eine indianische Familie, ob sie sie im Kanu mit zurück zur Küste nehmen könnten. Sie sagen zu, sie müsse sich aber beeilen, da sie in Kürze ablegen wollen. Tatsächlich aber wird erst noch gekocht, Beeren und Strandgut gesammelt, die Abfahrt erfolgt viele Stunden später …

Emily Carr erzählt ihre Geschichten teils sehr poetisch und bildhaft, aber auch sehr direkt. Sie scheut sich nicht, die Methoden der Missionare in Frage zu stellen. Was dazu führte, dass man ihr Buch zwar zur Schullektüre machte, dabei aber den kritischen Blick auf die christliche Mission heraus kürzte. Die vorliegende vollständige Ausgabe erschien 2003 erst in Kanada. Im Vorwort von Kathryn Bridge erfahren wir mehr dazu. In jeglicher Hinsicht war Emily Carr für ihre Zeit eine bemerkenswert emanzipierte Frau, war sie doch immer sehr selbstbewusst alleine unterwegs, oft nur in Begleitung ihrer Hunde. So trifft sie aber oft auch, wie etwa im Ort Kitwancool, auf ebenso starke weibliche Präsenz bei den Frauen der First Nations.

„Klee Wyck“ erschien im „Verlag Das kulturelle Gedächtnis“. Es ist besonders schön gestaltet, wie alle Bücher aus diesem besonderen Verlag. Übersetzt aus dem kanadischen Englisch hat es Marion Hertle. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Sofia Yablonska: Der Charme von Marokko Kupido Verlag

„Die Macht der Eindrücke, Reize und Entdeckungen, diese Fülle und Kraft der Farben und Formen, viel lieber würde ich, statt Wort für Wort zu Papier zu bringen, alles fotografieren und Ihnen die Aufnahmen schicken.“

Die Ukrainerin Sofia Yablonska (1907-1971) war zunächst keine literarische Schriftstellerin. Sie war Fotografin und Dokumentarin. Dieses Buch hätte es womöglich gar nicht gegeben, wenn Yablonska damals schon die Möglichkeiten des WorldWideWeb gehabt hätte. Sie hätte einfach ihre Aufnahmen auf Instagram geteilt. Sofia Yablonska wurde aber 1907 geboren und ihr Buch über ihre Marokkoreise von 1929 erschien 1932. Es ist eine Art Reisetagebuch, dem man die große Begeisterung der Autorin anmerkt. Sehr subjektiv sind die Eindrücke und oft gerade deshalb auch berührend. In dieser Zeit als Frau alleine auf Reisen zu sein, war durchaus ungewöhnlich und das merkte Yablonska auch immer wieder in ihren Begegnungen. Mit großer Offenheit und Neugier lässt sie sich auf mitunter abenteuerliche Aktionen ein und erzählt lebhaft davon.

Die Reise beginnt mit dem ersten Ziel Marseille und von dort aus geht es mit dem Schiff nach Marokko. Von der Überfahrt erzählt sie uns nichts. Doch wie Yablonska selbst, werden wir Leser in die Flut der ersten Eindrücke von Marrakesch geschickt. Offenbar hat sie ein Zimmer gemietet und sich zur Erholung auf dem Dach des Hauses im Schatten eines Strohdachs einen Liegeplatz gebaut. Von dort aus wird sie die Blicke schweifen lassen und ihre Erlebnisse notieren.

So erfahren wir von den Farben, den Gerüchen, Geräuschen und dem besonderen Licht. Yablonska schwärmt von den Menschen auf den Märkten, den Feuerschluckern, den Märchenerzählern, den Heilern, den Schlangenbändigern und den Tänzern.

In einem sehr ausführlichen Kapitel berichtet sie von ihrer Begegnung mit einem reichen einheimischen Mann, dem Kaid. Er will nicht glauben, dass sie eine Frau ist, weil sie im Kaffeehaus mit einem französischen Bekannten Schach spielt. Für ihn ist so etwas für Frauen undenkbar. Als sie ihn dann beim Schach sogar besiegt, erhalten die beiden eine Einladung in den Palast. In der Figur des Bekannten Manrier zeigen sich stark die Ressentiments der Kolonialherren gegenüber den Einheimischen. Doch der Kaid wird zum Bewunderer Yablonkas, spricht perfekt Französisch und zeigt ihr sogar seinen Harem, zu dem normalerweise nie jemand Zutritt erhält. Und er diskutiert mit ihr sogar über Politik und über beider Heimatländer.

Ein weiteres spannendes Kapitel führt Yablonska durch die Wüste über Taroudant bis ans Meer nach Agadir und in die unbesetzten Gebiete der Berber in der Wüste. Ein bekannter Chauffeur nimmt sie im Auto mit, zusammen mit einem Araber und seinen zwei Frauen. Yablonska ist hier ihre Abenteuerlust stark anzumerken.

„War das womöglich mein letzter Tag in Freiheit? In Gegenden, in denen die Franzosen ihre Trikolore noch nicht gehisst haben, in die sie mit ihren Truppen noch nicht einmarschiert sind, verüben die freien Araber Racheakte an glücklosen Abenteurern, die ihnen, getrieben von Neugier oder Leichtsinn, in die Hände fallen.“

Und tatsächlich gibt es dann auch brenzlige Situationen, da beide die Hitze und Sonne stark unterschätzen. Es drohen Wassermangel und Hitzschlag, doch Yablonska übernimmt das Steuer selbst und schafft es aus der Wüste in die rettende Oase. Später erfahren beide, wieder erholt, die legendäre Gastfreundschaft der Bevölkerung und gewinnen Freunde.

Ein besonderer Blick liegt auch immer auf den Frauen. Die Reisende erzählt begeistert von der Schönheit der Frauen, die jedoch zumeist verschleiert sind. Sie bemerkt jedoch auch, welches Schicksal die Frauen überwiegend tragen, wenn sie etwa wie eine „Frau“ des Kaid bereits mit 12 Jahren verheiratet werden und fortan dem Mann dienen müssen. Einzig die Berberfrauen erkennt sie als stolzer und freier.

In ihrem Nachwort erfahren wir von Olena Haleta mehr über Sofia Yablonska und ihr Leben. Sie wurde 1907 in der Nähe von Lwiw geboren. Die Familie wurde mehrmals vertrieben und Sofia entging diesem Schicksal später, in dem sie von selbst mal hier mal dorthin reiste. Sie war in einer galizischen Frauenbewegung engagiert und veröffentlichte Reisereportagen in Frauenzeitschriften. Um Geld für ihre Reisen zu verdienen, leitete sie zwei Kinos, betrieb später eine Pension. Sie lebte und studierte einige Zeit in Paris. Ihre Reisen führten sie auch überwiegend in französischsprachige Räume. Ihre Unabhängigkeit ist stellvertretend für ein neues Frauenbild. Auch die Liebe und die Zweierbeziehung stellte sie dafür zunächst zurück. Später lebte sie mit ihrer Familie in Frankreich. Sie starb 1971 bei einem Autounfall.

Auf ihren Reisen blieb sie nie oberflächliche Touristin, sondern wollte tatsächlich den Menschen und ihrer Lebensweise begegnen und die Eigenheiten des Landes kennenlernen. Als Hilfe dient ihr dazu auch ihre Kamera und ihr echtes tiefes Interesse. Yablonska reist später noch viel im asiatischen Raum, in China verbringt sie gar 15 Jahre. Hier entstehen zwei Reisetagebücher, veröffentlicht 1936 und 1939, die im Anschluss an dieses Buch zur Veröffentlichung in deutscher Sprache im neuen Kupido Verlag in Vorbereitung sind.

Die Übersetzerin Claudia Dathe übertrug das Buch aus dem Ukrainischen. Herausgegeben hat es Roksolana Sviato. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.