Sonntags-Literatürchen

Jeden Sonntag ein Türchen zu aus verschiedenen Richtungen leuchtender Literatur.


aus Jasmin Tanks „Feuer auf der Zunge“ Persische Gedichte

Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/01/23/feuer-auf-der-zunge-persische-gedichte-herausgegeben-von-jasmin-tank-edition-pajam/

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Indiebookday 26. März – Meine Entdeckungen aus unabhängigen Verlagen

Alle Jahre wieder: Heute ist Indiebookday!

Ich habe ein Faible für die unabhängigen Verlage, weil sie große Arbeit leisten und häufig zu ungeahnten Entdeckungen und feiner Lesefreude führen! Am besten ist es, solche Schätze auch in unabhängigen Buchläden zu kaufen … dazu gibt es den Indiebookday!
Hier sind meine diesjährigen Empfehlungen: Dabei sind: Romane, Gedichtbände, Künstlerbücher, eine Graphic Novel, ein Krimi. Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Durch klicken auf die Bilder findet sich der Link zu meiner jeweiligen Besprechung. Viel Spaß beim Stöbern!

Weitere Indiebuch-Tipps aus den letzten Jahren gibt es hier:

Meine Liebsten im Jahr 2021 – Teil 1: Roman, Debüt, Erzählung, Buchkunst, Hörbuch

Mein literarischer Jahresrückblick: Es war ein gutes Lesejahr, immerhin …
Mit Überraschungen, wie beispielsweise gleich drei starken Debüts aus dem hohen Norden. Mit wunderbaren Hörbuchstimmen. Und zauberhafter Lyrik. Mit faszinierenden Romanen aus aller Welt und einer deutschen Buchpreisträgerin. Aus unabhängigen und Publikumsverlagen. Von Autoren und Autorinnen, wobei in diesem Jahr die weiblichen Stimmen stark überwiegen, ohne dass ich es bewusst so gewählt hätte.
Ein Überblick über meine diesjährigen Highlights in der Literatur: Mit Klick auf das Bild kommt man zum Blogbeitrag. Teil 2 mit liebsten Lyrikbänden folgt. Viel Freude beim Entdecken!

Romane:

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Romandebüts:

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Erzählungen & Buchkunst:

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Robert Macfarlane/Jackie Morris: Die verlorenen Zaubersprüche Matthes & Seitz Verlag

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Nach „Die verlorenen Wörter“ erschien nun von Robert Macfarlane und illustriert von Jackie Morris der neue Band „Die verlorenen Zaubersprüche“. Diesmal ist es kein großer Band wie der letzte, sondern ein kleines Bändchen, nicht minder schön in Halbleinen und zwar in der Reihe Naturkunden. Wieder wurden die Texte gekonnt aus dem Englischen übertragen von der Übersetzerin Daniela Seel. Den vorigen Band habe ich bereits im letzten Jahr hier vorgestellt.

Bereits der Einband ist ein Augenschmaus. Beim Aufklappen schwärmen verschiedene Falter übers Vorsatzblatt. Wie bei einem Tagebuch darf man eingangs seinen Namen eintragen und die Empfehlung im Vorspann weist darauf hin, dass die Zaubersprüche gerne laut gelesen und gesprochen werden dürfen. Es ist dann wirklich ein kindliches Vergnügen dieser Anleitung zu folgen.

Jackie Morris hat wieder wunderschöne Naturbilder gezaubert. Robert Macfarlanes Verse sind erfindungsreich und poetisch ins Deutsche übertragen von der Lyrikerin Daniela Seel. Im einführenden Text steht:

„Verlust bestimmt die Melodie unserer Epoche, sie ist kaum zu überhören und schwer auszuhalten. Lebewesen, Orte und Wörter verschwinden, Tag für Tag, Jahr um Jahr. Aber in dunklen Zeiten wurde immer gesungen – und Staunen braucht es heute mehr denn je.“

Wir begegnen dem Rotfuchs, der uns Fragen stellt, einer großen Vielzahl von Motten. Das Gänseblümchen wird uns in einem Akrostichon vorgestellt. Längerer Verse bedarf es für die Dohle, den Mauersegler, die Eiche. Der Buntspecht ist in ein Gespräch mit dem Dachs vertieft. Beide liefern sich Stichworte, die Rap-Texten ähneln. Es gibt Kapitel über Eichelhäher, Ginster, Stieglitz, Schneehase, Schleiereule, Kernholz, Brachvogel, Reiher, Kegelrobbe, Tölpel, Grasnelke, Buche und Schwalbe. Bei vielen der Gedichte ergeben die Buchstaben der Zeilenanfänge den Namen des Tiers, der Pflanze. Die Sprache ist teilweise sehr verspielt manchmal leicht versponnen, aber eben auch oft dynamisch und lebendig auf der Höhe der Zeit.

„Entlang Riedgras, über Marschen
– schh 
Und horchst auch du einmal
    mit Eulenohren?
Lässt das Wispern wilder Welt dich
Einbestellen?“

Am schönsten finde ich das letzte Kapitel. Hier geht es um die Weißbirke, die ich ohnehin liebe. Wenn sich ihre Rinde vom Baum löst, scheint es als würde sie direkt ein Blatt Papier zum schreiben verschenken. Und ihre Augen wirken oft sehr menschlich.  Dieses etwas längere Kapitel ist untertitelt mit ein Wiegenlied. Es spendet besonders viel Licht. Die Birke, Silberseherin, begleitet mit ihrem Gesang den Fuchs durch den dunklen, gefährlichen Wald und beschützt ihn sicher in seinem Schlaf im Fuchsbau „bis die Sonne wiederkehrt“.

Am Schluss erwartet uns noch ein ausführliches Glossar der vielen Tierarten unserer Regionen und die Anregung mit dem Buch hinauszugehen und all die Lebewesen zu finden und die Natur vielleicht etwas besser zu verstehen. Die Eule bewahrt den Schlüssel dazu.
Ein Buch, das sich als Weihnachtsgeschenk hervorragend eignet, und gerade auch für die kommenden Raunächte. Verzaubertes Leuchten!

Der notizbuchkleine Band ist in blauem Halbleinen gebunden, am oberen Buchblock gelbfarben, mit Lesebändchen, fadengeheftet, auf hochwertigem Papier gedruckt, welches die Illustrationen leuchten lässt. Mehr über dieses Buch und die Reihe Naturkunden gibt es hier. Er erschien im Matthes & Seitz Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

Kunst im Buch 3: Sachbücher – Biographien – Briefe – Filme über Kunst und Künstler

Originale von Hilma af Klint, zur Zeit in der Neuen Nationalgalerie Berlin

Als selbst Malende und Kunstbegeisterte freue ich mich immer wieder auf Bücher oder Filme über Kunst und Künstler*innen. Eine kleine Auswahl meiner bisherigen Highlights habe ich hier zusammengestellt. Es ist mittlerweile der 3. Beitrag zu diesem Thema. Zur jeweiligen ausführlichen Besprechung auf meinem Blog gehts direkt über den link. Zu Teil 1 hier, zu Teil 2 hier.

Sachbuch – Biographie

Julia Voss: Hilma af Klint >Die Menschheit in Erstaunen versetzen<

Mich hat die Künstlerin Hilma af Klint (1862-1944) so stark angesprochen, dass ich mich in ihre Biographie vertiefen wollte. Eine Frau, die womöglich noch vor all den bekannten Männernamen die abstrakte Kunst „erfunden“ hatte? Ich griff zum Buch von Julia Voss und bin sehr begeistert. Nicht nur vom Leben und Arbeiten der Künstlerin, sondern auch von der Autorin, die enorm viel recherchiert hat und der ein detailgenaues, hochspannendes, intelligentes und dennoch kurzweiliges Porträt dieser ungewöhnlichen Frau und ihrer Zeit gelungen ist. Man merkt in jeder Zeile, wie fasziniert sie von Hilma ist. „Die Menschheit in Erstaunen versetzen“ umfasst 600 Seiten und beschäftigt sich ausführlich mit der Lebens- und Schaffensgeschichte und den oft verschlungenen Wegen, die zu af Klints riesigen Werk geführt haben. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/11/02/julia-voss-die-menschheit-in-erstaunen-versetzen-s-fischer-verlag-ylva-hillstrom-karin-eklund-die-unsichtbare-welt-von-hilma-af-klint-henschel-seemann-verlag/

Barbara Beuys: Helene Schjerfbeck Die Malerin aus Finnland

In Skandinavien betrachtet man die Finnin Helene Schjerfbeck (1862-1946) als eine der bedeutendsten Malerinnen des 20. Jahrhunderts. Hierzulande ist sie trotz der großen Ausstellung 2014 in Frankfurt am Main noch nicht so bekannt. Barbara Beuys, die bereits viele Biographien veröffentlichte erzählt sachlich und dennoch kurzweilig über Schjerfbecks Leben und Arbeiten. Die Familie stammte ursprünglich aus Schweden. Helene durfte aufgrund ihres künstlerischen Talents auf die Zeichenschule. Nach ersten Erfolgen geht sie auf Studienreise unter anderem nach Paris, in die Bretagne, nach England. Ab 1890 lebt sie in Helsinki und kämpft um ihr Ansehen als Künstlerin. Ihr Leben ist auch immer wieder von Krankheiten überschattet. Schließlich zieht sie in einen kleineren Ort und verändert ihre Malweise stark. Als ein Kunsthändler sie entdeckt, beginnen sich die materiellen Verhältnisse zu bessern. Sie hinterlässt nach ihrem Tod über 1000 Gemälde, vor allem ihre Porträts stechen hervor. Im Buch gibt es ergänzend zwei Bildteile. Hier gibt es noch keine ausführliche Besprechung, aber auf dem Blog „Zeichen & Zeiten“.

Annet Mooji: Das Jahrhundert der Gisèle – Gisèle van Waterschoot van den Gracht

Gisèle van Waterschoot van den Gracht (1912 – 2013), Tochter eines Niederländers und einer Österreicherin, studierte in Paris Kupferstich und Radierung, lebte mit den Eltern kurz in den USA. 1941 bezieht sie ein Haus in der Herengracht in Amsterdam. Nachdem sie deutsche Dichter kennenlernte, die hier im Exil lebten, gab sie vielen Zuflucht, darunter Wolfgang Frommel und weiteren jüdischen Freunden in einer Wohnung im eigenen Haus. Selbst in dieser gefährlichen Zeit gab es eine Art Künstlerzirkel, der sich bis über das Kriegsende hinaus erhielt. Es entwickelten sich weitere Kontakte, eine Literaturzeitschrift entstand und ein Verlag: Castrum Peregrini war eine Art männlicher Dichterclub, wie man ihn von Stefan George her kennt, in diesem Fall nicht ganz unproblematisch. Die Künstlerin, die eine schillernde eigensinnige Persönlichkeit war und Max Beckmann kannte, schuf selbst viele Gemälde, die schwer einzuordnen sind. Sie erinnern mitunter an Picasso, an den Kubismus; viele Porträts und Selbstporträts entstanden. Sie kreierte Wandteppiche und renovierte eine Klosterruine auf der griechischen Insel Paros. Ihr Haus ist bis heute als Gesamtkunstwerk erhalten geblieben. Annet Mooij hat eine informative und dennoch leicht lesbare Biographie über eine ungewöhnliche Frau geschrieben. Mehr darüber auf der Seite der Büchergilde.

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Briefe – Graphic Novel – Bildband

Inés Burdow: Sweetheart, es ist alle Tage Sturm – Lyonel Feininger

Auch zu diesem Buch gibt es keine ausführliche Besprechung, aber eine Empfehlung, wenn man sich für den Künstler Lyonel Feininger (1871-1956) interessiert. Gerade erschien der Briefwechsel zwischen der Künstlerin Julia Berg (1881-1970) und Feininger. Ich erlebte die Autorin und Sprecherin Ines Burdow und den Sprecher Ulrich Lipka bei einer kurzweiligen Lesung aus dem Buch. Die Briefe sind Zeichen einer großen Liebe (beide waren anderweitig verheiratet, als sie sich 1905 begegneten), aber auch biographisch und zeitgeschichtlich interessant. Sie zeigen auch sehr persönlich auf, wie Feininger an seiner Kunst zweifelte, von Julia aber sehr unterstützt wurde (auf Kosten ihrer eigenen Kunst). Von Krieg, Weimarer Republik, über die Entstehung des Bauhauses bis zum Nationalsozialismus, von dem Julia als Jüdin direkt bedroht war, spannt sich der literarische Bogen. Das Paar verlies das Land 1937 Richtung New York. Ein einmaliges Werk, welches auch bisher unveröffentlichte Briefe enthält und durchaus als besondere Biographie gelesen werden kann. Siehe auch auf der Seite des Kanon Verlags.

Elisa Maccelari: Kusama – Yayoi Kusama Graphic Novel

Eingangs finden sich einige Seiten Text zur Einführung in die Lebens- und Künstlerinnenwelt von Kusama. Interessant scheint mir hierbei die Prägung durch östliche und westliche kulturelle Traditionen. Dann tauchen wir in die Bilder ein. Dass die rote Farbe am dominantesten ist, ergibt sich aus den künstlerischen Arbeiten. Am bekanntesten sind wohl die Polka-Dots. Eine Art Türkis, ein beinahe fliederfarbenes Violett und Schwarz ergänzen das Rot. Die Aufteilung der Bilder und Textanteile scheint mir gelungen über Kusamas Lebenszeit verteilt und ein stimmiges biographisches Abbild zu zeichnen. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/06/29/elisa-macellari-kusama-graphic-novel-laurence-king-verlag/

I love Women in Art Hrsg. Janine Mackenrodt und Bianca Kennedy

Erst seit 100 Jahren dürfen Frauen an den Kunstakademien studieren – das war der Anlass für die beiden Künstlerinnen Janine Mackenrodt und Bianca Kennedy ein Buchprojekt zu starten, was ich mehr als hervorragend finde. Damit wollen die beiden auf die immer noch andauernde Unterpräsentation von Künstlerinnen im Kunstbetrieb aufmerksam machen. Großformatig auf bestem Papier gedruckt, lese ich von Künstlerinnen, die ich noch nicht kannte, entdecke Neues, was mich selbst für meine Kunst inspiriert oder begegne Kunstfrauen, deren Werk ich bereits kenne und liebe. Ein schöner Kunstbildband von Künstlerinnen mit Künstlerinnen. Meine Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/03/08/i-love-women-in-art-hrsg-janine-mackenrodt-bianca-kennedy/

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DVDs

Film Jenseits des Sichtbaren von Halina Dyrschka

Mit Hilma af Klint habe ich mich sehr eingängig beschäftigt. Nachdem ich auf Arte eine kurze Dokumentation gesehen hatte und erfuhr, dass es einen Film über sie im Kino geben wird, war ich hochinteressiert. Eine Frau, die womöglich noch vor all den bekannten Männernamen die abstrakte Kunst „erfunden“ hatte? Ich griff zur Biographie von Julia Voss und bin sehr begeistert. Nicht nur vom Leben und Arbeiten der Künstlerin, sondern auch von der Autorin, der ein detailgenaues, hochspannendes, intelligentes und dennoch kurzweiliges Porträt dieser ungewöhnlichen Frau und ihrer Zeit gelungen ist. Der Film lässt verschiedene Stimmen zu Wort kommen, Verwandte von Hilma, Kuratoren, Kunsthistoriker und eben auch Julia Voss.
Mein Beitrag zum Buch: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/11/02/julia-voss-die-menschheit-in-erstaunen-versetzen-s-fischer-verlag-ylva-hillstrom-karin-eklund-die-unsichtbare-welt-von-hilma-af-klint-henschel-seemann-verlag/

Film Seraphine von Martin Provost

Seraphine de Senlis, eigentlich Seraphine Louis, war eine der bekanntesten naiven Maler/innen in Frankreich. Sie lebte von 1864 bis 1942 in Oise, Frankreich. Sie wuchs in armen Verhältnissen auf und verdingte sich später, zunächst in einem Kloster, dann privat, als Putzfrau und Haushaltshilfe. In ihrer knappen freien Zeit und somit meist nachts, entstanden ihre Bilder, die sie in großer Hingabe malte und die von ihrem religiösem spirituellem Hintergrund zeugen, aufgrund dessen sie sich auch zum Malen berufen fühlte. Ihre Farben mischte sie sich aus natürlichen Zutaten selbst zusammen, einmal, weil sie sehr wenig Geld hatte, zum anderen aus ihrer Naturverbundenheit heraus. Entdeckt wurde Seraphine vom deutschen Kunsthändler Wilhelm Uhde, der im Sommer 1914 seinen Urlaub in Senlis verbrachte und zufällig eines ihrer Gemälde sah. Zwischen beiden entsteht eine besondere Verbindung. Uhde besaß eine Galerie in Paris und war Entdecker unter anderen von Picasso und Rousseau.
Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/01/19/film-kunst-film-seraphine-dvd-film-von-martin-provost-2010/

Film Final Portrait von Stanley Tucci

Der Film von Regisseur Stanley Tucci ist ein wunderbares Künstlerportät. Obgleich es sich im Film immer und ausschließlich um das Malen am berühmten Porträt von James Lord dreht, erhält man einen recht guten Eindruck von Alberto Giacomettis Lebensgeschichte. Der Schweizer Künstler, der vor allem wegen seiner langbeinigen, dünnen Tier- und Menschenskulpturen bekannt ist, war auch Maler. Der Film erzählt von der Entstehungszeit des Gemäldes 1964 im Pariser Atelier und zeigt gleichzeitig, was Giacometti für ein Mensch und Künstler war. James Lord, ein amerikanischer Schriftsteller, 1922 geboren, der sich oft in Paris aufhielt und auch Gertrude Stein, Picasso und andere Kunstikonen traf, schrieb später seine Erlebnisse mit Giacometti auf und veröffentlichte sie als Buch, das sicher auch für das Drehbuch des Films hilfreich war. Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/07/15/film-kunst-film-final-portait-von-stanley-tucci-dvd-2017/

Film Werk ohne Autor von Florian von Donnersmarck

Der Film „Werk ohne Autor“ wartet mit immerhin über drei Stunden Laufzeit auf. Doch kein Problem: ich hätte noch eine Stunde länger sitzen und zusehen können. Nun bearbeitet der Film von Florian Henckel von Donnersmarck, bekannt durch den Film „Das Leben der Anderen“, auch vorrangig zwei Themen, die ich aus persönlichen Gründen mehr als interessant finde. Zum einen ist der Film an die Biografie des Ausnahmekünstlers Gerhard Richter angelehnt und berichtet im letzten Drittel ausführlich über den Entwicklungsprozess zum eigenen künstlerischen Ausdruck, zum anderen steht das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten im Mittelpunkt und die (teilweise erfolglose) Verfolgung der Täter im Nachkriegsdeutschland.
Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/11/05/film-kunst-film-werk-ohne-autor-von-florian-henckel-von-donnersmarck-2018/

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Viel Vergnügen beim literarischen/filmischen Kunstentdecken!


Julia Voss: Die Menschheit in Erstaunen versetzen“ S. Fischer Verlag / Ylva Hillström/Karin Eklund: Die unsichtbare Welt von Hilma af Klint Henschel/Seemann Verlag

Selten lese ich Sachbücher oder Biographien. Doch hat mich die Künstlerin Hilma af Klint (1862-1944) so stark angesprochen, dass ich mich in ihre Biographie vertiefen wollte. Nachdem ich auf Arte eine kurze Dokumentation gesehen hatte und erfuhr, dass es einen Film über sie im Kino geben wird, war ich hochinteressiert. Eine Frau, die womöglich noch vor all den bekannten Männernamen die abstrakte Kunst „erfunden“ hatte? Ich griff zum Buch von Julia Voss und bin sehr begeistert. Nicht nur vom Leben und Arbeiten der Künstlerin, sondern vor allem von der Autorin, die enorm viel recherchiert hat und der ein detailgenaues, hochspannendes, intelligentes und dennoch kurzweiliges Porträt dieser ungewöhnlichen Frau und ihrer Zeit gelungen ist. Man merkt in jeder Zeile, wie fasziniert sie von Hilma ist. „Die Menschheit in Erstaunen versetzen“ umfasst 600 Seiten und beschäftigt sich ausführlich mit der Lebens- und Schaffensgeschichte und den oft verschlungenen Wegen, die zu af Klints riesigen Werk geführt haben. Dass die Künstlerin sich ausführlich mit Religion, Philosophie, Spiritismus und mit Spiritualität beschäftigt hat, finde ich gerade faszinierend. Einiges deutet darauf hin, dass viele ihrer Bilder, die ja teilweise riesig sind, aus der Verbindung als Medium entstanden. Beinahe folgerichtig erscheint es mir, dass sie damit ihrer Zeit voraus war und beschloss, dass die Bilder erst zwanzig Jahre nach ihrem Tod an die Öffentlichkeit gehen sollten.

Hilma af Klint wird 1862 in Solna bei Stockholm geboren. Der Vater ist Offizier bei der Marine und er fördert Hilma, die sich fürs Zeichnen und Malen interessiert. Sie studiert an der Königlichen Kunstakademie in Stockholm, die gerade erst auch Frauen fürs Kunststudium zulässt. Noch während des Studiums beginnt sie sich für Spiritismus zu interessieren und nimmt an Séancen teil. Mit einigen anderen Frauen gründet sie einen theosophischen Kreis, zu dieser Zeit unter Künstlern nicht außergewöhnlich. Sie bezieht ein eigenes Atelier, nimmt an verschiedenen Gemeinschaftsausstellungen teil und verdient sich ihr Geld mit Zeichnungen für ein Veterinärinstitut. Ab 1891 beginnt ein neues Kapitel: Sie wird zum Medium und erhält Anweisungen von höheren Wesen. In erstaunlichem Tempo malt Hilma ihre Bilderserien in zum Teil riesigen Formaten. Ich stehe diesen Bildern voller Bewunderung gegenüber und sehe in jedem einzelnen die spirituelle Kraft.

Mit ihrer Freundin Anna unternimmt sie Reisen. Sie begegnet Rudolf Steiner, erhofft sich Zuspruch, doch erhält nur Ablehnung. Auch später wird Steiner Hilmas Gemälde ablehnen, die sie sich in seinem „Tempel“ in der Schweiz vorstellen könnte. Währenddessen malt Kandinsky in Deutschland die angeblich „ersten“ abstrakten Bilder. Hilma malt, Hilma reist, Hilma zieht um. Zu ihrem Werk gehören unzählige Notizbücher mit Skizzen und Gedanken. Hilma möchte verstehen, wie die Welt, wie das Universum funktioniert, wie alles mit allem zusammenhängt. Mehrmalige längere Malpausen und verschiedene Wechsel der Techniken kennzeichnen ihren künstlerischen Weg. Als Hilma 80 Jahre alt ist, hat sie mehr als tausend Bilder gemalt, die kaum jemand gesehen hat. Sie übergibt ihren Nachlass einem Neffen und stirbt 1944. Tatsächlich werden ihre Gemälde erst viel später gezeigt und als das was sie sind erkannt: die ersten abstrakt gemalten Bilder. Ein Leuchten für diese Bilder und diese Biographie!

Ich möchte nicht nur Julia Voss` Buch vorstellen, sondern auch – und das ist Premiere! – ein Kinderbilderbuch, dass sich Hilma af Klint kindgerecht widmet. In „Die unsichtbare Welt von Hilma af Klint“ erzählt Ylva Hillström über af Klints Leben als Malerin und Karin Eklund illustriert das ganz zauberhaft. Schwerpunkt des Bilderbuchs ist die besondere Gabe von Hilma, also nicht nur die Malerei, sondern das unermüdliche Beschäftigen mit Wissenschaft in Kombination mit dem Übersinnlichen. Dieses wird so aufgezeigt, dass es (für ganz kleine Kinder eher nicht) absolut natürlich und verständlich ist. Der Stil der Illustratorin passt perfekt zu Hilma af Klint. Ich kann mir vorstellen, dass dieses Bilderbuch die Kinderfantasie anregt und vielleicht selbst Lust aufs Malen erzeugt. Im Band sind auch Abbildungen einiger Originalgemälde als große Farbtafeln teilweise aufklappbar. Aus dem Schwedischen übersetzt wurde das Buch von Angelika Kutsch.

Viele der Bilder habe ich dem Kunstband „Hilma af Klint“ aus dem Hatje Cantz Verlag entnommen und auch den Film „Jenseits des Sichtbaren“ von Halina Dyrschka kann ich nur empfehlen.

Die Biographie von Julia Voss erschien im S. Fischer Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Das Bilderbuch erschien beim Verlag Henschel/Seemann in der Reihe Bilderbande. Ich danke den Verlagen für die Rezensionsexemplare.

Lyrisch-künstlerisches Sonntags-Literatürchen

Jeden Sonntag ein Türchen zu aus verschiedenen Richtungen leuchtender Literatur. Heute in etwas anderer Form:

Mein Augenmerk gilt heute dem neuen Lyrik- und Kunstband von Marlies Blauth. Die 1957 in Dortmund geborene, in Meerbusch lebende Künstlerin hat nun bereits ihr drittes Buch herausgegeben. Ihre „Bilder aus Kohlenstaub“ sind wunderbar atmosphärische schwarz/weiß-Gemälde, die hauptsächlich aus dem typischen Stoff der Gegend aus dem die Künstlerin stammt gestaltet sind, aus dem Ruhrgebiet. Sowohl Bilder, als auch die dazugehörigen Gedichte durchdringen die Tiefe des jeweiligen Materials und wirken doch oft schwebend. Kohle und Worte fallen aufs Weiß und fließen in ihre ganz eigene Form.
Der Band ist DIN A4 groß, und auf wertigem Papier gedruckt wirkt er wie ein kostbarer Ausstellungskatalog. Erschienen ist er im Athena Verlag. Mehr dazu auf der ohnehin sehenswerten Website der Künstlerin: https://kunst-marlies-blauth.blogspot.com/2021/09/mein-drittes-buch-ist-erschienen.html

Elisa Macellari: Kusama Graphic Novel Laurence King Verlag

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Einen Tag nach der Eröffnung, musste die Ausstellung von Yayoi Kusama im Gropius Bau Berlin aufgrund der Corona-Massnahmen schon wieder schließen. Sobald es wieder möglich war, mehr als einen Monat später, buchte ich mir sofort ein Ticket und die Ausstellung übertraf deutlich meine Erwartungen. Denn es ist eben nicht dasselbe eine Ausstellung online zu sehen oder den realen Kunstwerken gegenüberzustehen, mit denen man gerade in dieser Ausstellung direkt in Kontakt treten kann.  Die Ausstellung läuft noch bis zum 15.8.

Als ich bei Fräulein Julias Kulturjournal sah, dass es eine Graphic Novel über Kusama gibt, war ich erfreut. Wie meine Blogleser*innen ja wissen, bespreche ich hier auch immer wieder Graphic Novels, auch aus persönlichem Interesse als selbst Malende (so entstand gleich nach dem Besuch der Ausstellung auch unten stehendes Bild mit Tusche und Aquarellkreide). Außerdem gibt es ein 1000-Teile-Puzzle, welches ich bisher noch nicht in Angriff genommen habe.

Eingangs finden sich einige Seiten Text zur Einführung in die Lebens- und Künstlerinnenwelt von Kusama. Interessant scheint mir hierbei die Prägung durch östliche und westliche kulturelle Traditionen. Dann tauchen wir in die Bilder ein. Dass die rote Farbe am dominantesten ist, ergibt sich aus den künstlerischen Arbeiten. Am bekanntesten sind wohl die Polka-Dots. Eine Art Türkis, ein beinahe fliederfarbenes Violett und Schwarz ergänzen das Rot. Die Aufteilung der Bilder und Textanteile scheint mir gelungen über Kusamas Lebenszeit verteilt und ein stimmiges biographisches Abbild zu zeichnen. Es beginnt 1939 in Matsumoto, Japan, wo Kusama mit den Eltern lebt. In der Natur hat sie bereits als Kind Erlebnisse, die auf besondere Bewusstseinszustände hinweisen: Pflanzen und Tiere sprechen mit ihr. Ihre Verarbeitung des Erlebten ist das Malen.

1958 lebt Kusama in New York. Sie arbeitet dort als Künstlerin. In Kyoto hatte sie Kunst studiert. Als sie einen Kunstband von Georgie O`Keeffe entdeckte, empfand sie eine tiefe Verbindung. Sie schrieb der Künstlerin und diese will ihr in New York helfen.  Es dauerte dann noch lange bis sie ihre Eltern überzeugte, aufbrechen zu dürfen. Dort hat sie immer wieder Halluzinationen, Angstattacken, psychosomatische Körperbeschwerden, erhält schließlich die Diagnose Depersonalisation. Dennoch geht sie mit großer Kraft an ihre Kunstwerke, hat erste Ausstellungen, organisiert Happenings und Performances, hat einige wenige Erfolge in den 60er und 70er Jahren, begegnet Warhol und Dali. Ihre Kunst passt perfekt in diese wilde Zeit, sie erschüttert und rüttelt auf und bricht verkrustete Konventionen auf, bewirkt Veränderungen der Wahrnehmung auf Kunst, gerade auch zum Thema Gleichberechtigung und Sexualität. Umso erstaunlicher, da sie selbst keine Sexualität lebt, (vielleicht deshalb in ihrer Kunst ausdrückt: immer wieder auftretendes Motiv ist der Phallus) und eine platonische Beziehung zu einem viel älteren Mann führt.

1975 ist sie wieder in Japan und in Tokio in psychiatrischer Behandlung. 1977 entschließt sie sich ganz in einer psychiatrischen Klinik zu leben, ist aber auch dort künstlerisch enorm produktiv. Für sie scheint Kunst eine wichtige Ausdrucksform, ja ein Ventil zu sein, sie findet darin Stabilisierung ihrer Seele. Erst 1987 hat sie ihre erste Retrospektive in Japan. 1989 entdeckt man sie in den USA neu und sie stellt 1993 auf der Biennale in Venedig aus. 2017 eröffnete sie ihr eigenes Museum in Tokio. Sie malte bis heute großformatige bunte Bilder, die jedes für sich, ganze Welten darstellen. Selten hat mich in letzter Zeit eine Künstlerin so enorm beeindrucken können. Ein Leuchten für Kunst und Buch!

Die Graphic Novel und das Puzzle erschienen im Laurence King Verlag. Aus dem Englischen übersetzt hat es Juliane Lochner. Die italienische Originalausgabe gestaltete Elisa Macellari ganz wunderbar und vollkommen stimmig zu Kusamas Kunst. Illustrationen und Text überzeugen. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Indiebookday 20. März – Meine Entdeckungen aus unabhängigen Verlagen

Alle Jahre wieder: Heute ist Indiebookday!

Ich habe ein Faible für die kleinen unabhängigen Verlage, weil sie große Arbeit leisten und häufig zu ungeahnten Entdeckungen und feiner Lesefreude führen! Am Besten ist es, solche Schätze auch in unabhängigen Buchläden zu kaufen …

Durch klicken auf die Bilder findet sich der Link zu meiner jeweiligen Besprechung. Viel Spaß beim Stöbern!

Mit dabei sind:
Kleinheinrich, Elif, Guggolz, Das kulturelle Gedächtnis, Kupido, Verbrecher, Kunstanstifter, Ars Vivendi, Ebersbach & Simon, Edition Nautilus, Wieser, Edition Offenes Feld, Wallstein, Matthes & Seitz, Edition Azur