Meine Liebsten im Jahr 2021 – Teil 1: Roman, Debüt, Erzählung, Buchkunst, Hörbuch

Mein literarischer Jahresrückblick: Es war ein gutes Lesejahr, immerhin …
Mit Überraschungen, wie beispielsweise gleich drei starken Debüts aus dem hohen Norden. Mit wunderbaren Hörbuchstimmen. Und zauberhafter Lyrik. Mit faszinierenden Romanen aus aller Welt und einer deutschen Buchpreisträgerin. Aus unabhängigen und Publikumsverlagen. Von Autoren und Autorinnen, wobei in diesem Jahr die weiblichen Stimmen stark überwiegen, ohne dass ich es bewusst so gewählt hätte.
Ein Überblick über meine diesjährigen Highlights in der Literatur: Mit Klick auf das Bild kommt man zum Blogbeitrag. Teil 2 mit liebsten Lyrikbänden folgt. Viel Freude beim Entdecken!

Romane:

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Romandebüts:

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Erzählungen & Buchkunst:

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Adelheid Duvanel: Fern von hier Limmat Verlag

Adelheid Duvanels „Fern von hier“ kann man eigentlich nur auf dem Silbertablett servieren. Die gesammelten Erzählungen der Schweizerin sind Literatur vom Feinsten. Dieses Buch begleitet mich seit Sommertagen und wird jedenfalls in die Sammlung meiner besten 10 in diesem Jahr aufgenommen. Aufmerksam geworden durch die tolle Besprechung von Michael Krüger in der ZEIT, las ich die Leseprobe und wusste sofort: Das passt zu mir. Das trifft mich. Das trägt mich. Das ist wie für mich geschrieben. Ein Leuchten!

Duvanel stellt die Verlorenen, die Verlierer, die Verschrobenen, die Schrulligen, die Skurrilen, die Verwahrlosten, die Verdrehten und Verlassenen in den Mittelpunkt ihrer Erzählungen. Ich weiß, Erzählungen sind bei vielen Lesern ja nicht so beliebt, aber hier ist es exakt DIE Form, die zum Inhalt passt. Ich konnte das Buch nicht auf einmal durchlesen, das lag zum einen daran, das die Protagonisten in den Geschichten mir so viel zu denken (und zu fühlen) gegeben haben, zum anderen mag man das Buch einfach nicht so schnell beenden, denn man weiß, das ist alles was Duvanel je geschrieben hat.

Gleich in der ersten Geschichte, die „Der Dichter“ heißt, bin ich für diese Schriftstellerin eingenommen:

„Ich versuchte als Kind, mit Hilfe von kleinen Gesten, von andeutenden Worten mit Menschen in Kontakt zu treten, doch sie liebten das Laute, das Deutliche, das ich verabscheute. Sie konnten mich nicht verstehen.“ […] Seit jenem Augenblick frage ich mich, ob nicht Worte über der großen Leere, über den Abgrund, in den mein Leben gefallen ist, eine neue Welt schaffen können.“

Die Helden, ja, es sind alles Helden des (Über-)Lebens, in den Erzählungen fallen aus dem Rahmen. Sie sind ja so unspektakulär, aber faszinierend, sie sind so alltäglich und glitzern schillernd. Adelheid Duvanel muss mit wachem Blick und steter Aufmerksamkeit durch die Welt gegangen sein, dass ihr diese Menschen auffielen. Eigentlich sind sie überall, doch gesehen werden sie kaum. Es sind nicht die Macher, die Lauten, die überall vorne dabei sind. Es sind die Stillen, nach innen Gekehrten. Oft sind es Kinder, die sich ihre eigene Welt erschaffen, weil die reale so unerträglich ist. Es sind Menschen, die nicht immer sympathisch oder schön sind und doch kann man sich mit ihnen identifizieren, denn sie tragen etwas in sich, was manch einer auch kennt: Traurigkeit, Melancholie, Unzufriedenheit, Dunkelheit und das Festhalten am Leben, sei es auch noch so schwer oder prekär.

Es sind oft einzelne Sätze in den nur 1-2, höchstens 3 Seiten langen Geschichten, die so stark sind, dass man sie notieren möchte. Diese einzelnen Sätze tragen oft die Essenz der ganzen Erzählung in sich:

„Hinter der baufälligen Kirche, in der Annas matte Kindersonntage gefangen gehalten wurden, …“

Es ist, als gingen wir durch die Straßen und schauten in die Fenster und sähen eine Momentaufnahme fremden Lebens. Mir kommen sehr viele Bilder daraus entgegen, meist sind es schwarz/weiß-Bilder. Bunt ist es meistens nicht in der Handlung, aber die Erzählerin versteckt einen schönen feinen Humor zwischen den Dunkelheiten.

„Er springt aus dem Bett, wo er ein Nachmittagsschläfchen gehalten hat, und bemüht sich, in Gedanken seine Füße zu begleiten, die auf eine ungewöhnliche Weise vielleicht schwebend in den Korridor gelangen.“

Aus unerfindlichen Gründen erinnert mich der Schreibstil an Texte von Christine Lavant. Vielleicht weil sie manchmal an Gebete erinnern, an Übersinnliches, an Naturereignisse. Teilweise klingen sie wie Märchen, im Stil mitunter altmodisch, immer geheimnisvoll. Jede Geschichte könnte mit „Es war einmal … “ beginnen. Auch Träume spielen häufig eine Rolle und der Versuch sie zu deuten.

Duvanel gelingt jede Erzählperspektive. Sie schafft es sich in jede ihrer Figuren sensibel und feinfühlig hineinzuversetzen. Kinder als Protagonisten wirken aufgrund ihrer Erlebnisse oft schon wie Erwachsene. Ihre skurrilen Held*innen durchwandern eine oft surreale Szenerie. Menschen haben „haferfarbene Augen“, Häuser haben Gesichter, ein Mann hat „ein Faultiergesicht“, eine Frau hat „gasflammenblaue Augen“:

„Er wartet im Schneidersitz auf dem Boden und lässt den Blick seiner schönen, sozusagen in Leid eingelegten Augen über die farbigen Zeichnungen an den Wänden schweifen.“

Nach jeder Geschichte denke ich, viel schräger kann es gar nicht kommen; kommt es aber doch. Noch über Wochen hinweg tauchen Bilder oder Gestalten aus den Geschichten auf. Kaum eine, die mir nicht gefallen oder mich getroffen hat.

„Ein heftiger Wind stieß Sabel vorwärts; anscheinend lag ihm daran, sie zur Schule zu führen, doch plötzlich erlahmte er und fuhr wie ein alter Herr leise und vornehm im Rollstuhl davon.“

Das Buch ist in acht Kapitel mit Erzählungen eingeteilt, die chronologisch angeordnet sind. Der Bogen spannt sich über den Zeitraum von 1980 bis 1997. Dabei sind auch Erzählungen, die bisher nur in Zeitungen veröffentlicht wurden in der Zeit von 1960 bis 1979. Adelheid Duvanel wurde 1936 in der Schweiz geboren. Bereits als Kind schrieb und malte sie. Nach einem Umzug der Familie musste sie 1953 eine zeit lang in einer psychiatrischen Klinik verbringen. Gleichzeitig beginnt aber auch ihre künstlerischen Tätigkeit. Sie veröffentlichte regelmäßig in Zeitungen. In der Ehe mit einem Maler gab sie das eigene Malen auf. Eine Tochter kommt zur Welt. 1980 erscheint ihr erster Erzählband im Luchterhand Verlag. 1981 liest sie in Klagenfurt beim Bachmann-Preis und es folgt die Scheidung. Sie erlangt einige Preise. Es gibt wiederholte Aufenthalte in der Psychiatrie. 1996 stirbt sie in Bern.

„Fern von hier“ ist der treffliche Titel dieses faszinierenden, über 700 Seiten zählenden Buchs, das außerdem auch noch schön gestaltet ist, leinengebunden, gedruckt auf feinem Papier mit Lesebändchen. Es errang den 2. Platz auf der diesjährigen Hotlist der unabhängigen Verlage. Erschienen ist es im Schweizer Limmat Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Emily Carr: Klee Wyck – Die, die lacht Verlag Das kulturelle Gedächtnis

Nochmal mein Beitrag zu Gastland Kanada, da die Buchmesse ja diesmal stattfindet:
Gastland der letzt- und diesjährigen Buchmesse ist Kanada. Ich habe es nicht geschafft einen kompletten Beitrag als Übersicht über die ins Deutsche übersetzte kanadische Literatur vorzubereiten. Ein Buch hatte ich aber schon im letzten Frühjahr im Auge, schon wegen seiner schönen gestalterischen Aufmachung und es ist auch das einzige geblieben, das ich gelesen habe. Es ist ein Buch, das in Kanada in vielen Auflagen bis heute gut verkauft wird, ja, das sogar Schullektüre geworden ist. Emily Carr (1871-1945), eigentlich Malerin, hat das Buch erst spät in ihren 70ern geschrieben, als sie aus gesundheitlichen Gründen mit dem Malen aufhören musste. Sie nahm dazu ihre Notizbücher, die sie seit jeher führte und formte daraus und aus ihren Erinnerungen autobiografische Erzählungen, so wie wir sie nun im Band Klee Wyck lesen können. Die erste Ausgabe erschien 1940.

In der ersten Geschichte erfahren wir, dass die 15jährige Emily zeitweise bei christlichen Missionarinnen in einem Indianerdorf lebt, um sich mit der Lebensart der Indigenen, der First Nations auseinanderzusetzen. Bereits hier hat sie den Zeichenblock dabei und einen genauen Blick. Ihren indianischen Namen Klee Wyk erhält sie gleich eingangs vom Stammeshäuptling. Sie ist Die, die lacht.

In den drei folgenden Geschichten erfahren wir von Emilys Vorhaben, die Totempfähle der Grabstätten verschiedener indianischer Dörfer zu zeichnen. Mit einem befreundeten Paar reist sie mit dem Boot von Insel zu Insel. Haiida Gwaii heißen die vor der Westküste British Kolumbiens gelegenen Inseln. Hier erzählt Emily von der einfachen naturzugewandten im Jetzt verankerten Lebensweise der Bevölkerung. Spannend zu erfahren, dass es in deren Sprache keine Schimpfwörter gibt.

„Ich setzte mich neben den sägenden Indianer und wir unterhielten uns ohne  Worte, zeigten auf die Sonne und aufs Meer, die Adler in der Luft und die Krähen am Strand. Wir nickten und lachten zusammen, ich saß da und er sägte. Der alte Mann sägte als lägen Äonen von Zeit vor ihm, und als wären all die Jahre, die bereits hinter ihm lagen, geruhsam gewesen, und alle kommenden Jahre wären es ebenso.“

Wir hören von Sophie, die Körbe flechtet und in Vancouver verkauft und die Emilys Freundin wird. Sophie, die einundzwanzig Babys bekommt, von denen nur wenige überleben. Sophie lebt im Reservat. Viele der Kinder werden in Internate gebracht, die von christlichen Institutionen geleitet werden. Dort versucht man sie zu „kultivieren“, doch werden sie ihrer Herkunft und ihrer Tradition komplett beraubt. Wir lesen von Louisa und deren Mutter, der Louisa unbedingt das traditionelle „indianische“ Pfeiferauchen abgewöhnen möchte, weil die Missionare das für Frauen unschicklich finden.

Emily lässt sich immer wieder in teils nicht mehr bewohnte Indianerdörfer bringen, auf der Suche nach Motiven für ihre Bilder. Dort findet sie auch immer wieder die D`Sonoqua, eine heilige Frau, die sie auf imposant geschnitzten Totems findet und von der sie wie magisch berührt wird. Vorrangige Motive werden für sie immer die Totems bleiben, die in den alten Dörfern zurückbleiben, wenn die Familien durch Missionare gedrängt, in modernere Ortschaften mit Läden und Häusern statt Hütten ziehen.

„Selbst diese wenigen Worte waren eine Neuerung – nach dem Vorbild der Weißen. In früheren Zeiten hätten Totemzeichen erklärt, wer dort lag. Die indianische Sprache kannte keine Schriftform. Anstelle der Kreuze wären hier die Habseligkeiten des Verstorbenen aufgetürmt worden: all seine geliebten Schätze, Kleidung, Pfannen, Armbänder – damit jeder sehen konnte, was das Leben ihm an eigenen Dingen geschenkt hatte.“

Dabei gerät sie mitunter in Seenot, auf unheimliche Inseln mit wilden Hunden und in heftigste Moskitostürme. Sie und damit auch die Leser erfahren, dass das Zeitgefühl der indigenen Völker ein ganz anderes ist. In der letzten Geschichte „Kanu“ etwa, fragt sie am Strand eine indianische Familie, ob sie sie im Kanu mit zurück zur Küste nehmen könnten. Sie sagen zu, sie müsse sich aber beeilen, da sie in Kürze ablegen wollen. Tatsächlich aber wird erst noch gekocht, Beeren und Strandgut gesammelt, die Abfahrt erfolgt viele Stunden später …

Emily Carr erzählt ihre Geschichten teils sehr poetisch und bildhaft, aber auch sehr direkt. Sie scheut sich nicht, die Methoden der Missionare in Frage zu stellen. Was dazu führte, dass man ihr Buch zwar zur Schullektüre machte, dabei aber den kritischen Blick auf die christliche Mission heraus kürzte. Die vorliegende vollständige Ausgabe erschien 2003 erst in Kanada. Im Vorwort von Kathryn Bridge erfahren wir mehr dazu. In jeglicher Hinsicht war Emily Carr für ihre Zeit eine bemerkenswert emanzipierte Frau, war sie doch immer sehr selbstbewusst alleine unterwegs, oft nur in Begleitung ihrer Hunde. So trifft sie aber oft auch, wie etwa im Ort Kitwancool, auf ebenso starke weibliche Präsenz bei den Frauen der First Nations.

„Klee Wyck“ erschien im „Verlag Das kulturelle Gedächtnis“. Es ist besonders schön gestaltet, wie alle Bücher aus diesem besonderen Verlag. Übersetzt aus dem kanadischen Englisch hat es Marion Hertle. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Helga Schubert: Vom Aufstehen Deutscher Taschenbuch Verlag

Letztes Jahr im Sommer erhielt die 81jährige Autorin Helga Schubert beim (diesmal virtuellen) Wettlesen in Klagenfurt den Bachmannpreis 2020. Bereits im Jahr 1980 war sie eingeladen, durfte aber nicht aus der DDR ausreisen. Später war sie dann sogar einige Jahre in der Jury mit dabei. Von Insa Wilke eingeladen las sie vor der Jury den Text „Vom Aufstehen“, der als Abschlusstext in ihrem Buch enthalten ist. Der Untertitel des Buches „Ein Leben in Geschichten“ weist auch auf die Form dieser Texte hin, denn es sind Geschichten einer Lebensgeschichte. Schubert gelingt es mit großer Kraft, aus Autobiographischem exzellente Literatur zu machen. Die Autorin, die in der DDR lange als Psychologin arbeitete begann 1960 zu schreiben, durfte aber nicht alles in ihrem Land veröffentlichen. Bei dtv fand sie im Westen einen Verlag für ihre Literatur.

„Etwas erzählen, was nur ich weiß. Und wenn es jemand liest, weiß es noch jemand. Für die wenigen Minuten, in denen er die Geschichte liest, in der unendlichen, eisigen Welt.“

Obwohl scheinbar leicht zu lesen, besitzen Schuberts Texte eine Tiefe, die man in der aktuellen Literatur selten findet. Für mich tragen sie ein Geheimnis, denn ich kann nicht benennen, weshalb sie so berühren. Vielleicht hat es etwas mit einer bestimmten Verbundenheit mit dem Göttlichen/etwas Höherem zu tun. In einem Interview sprach sie auch davon, dass sie alles direkt aufschreibt, als würde es ihr diktiert. Womöglich hat es außerdem etwas mit Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Intention zu tun, mit den Leerstellen, die ich als Leserin mit Eigenem füllen kann.

Helga Schubert, 1940 in Berlin geboren und dort aufgewachsen, verfasste unter anderem auch geschichtliche und politische Sachtexte und zeigte den Alltag von Frauen in der DDR auf. Im neuen Buch geht es um ihre aktuelle Lebenssituation in einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern ebenso wie um eine Aufarbeitung ihrer schwierigen Beziehung zur Mutter, die 101 Jahre alt wurde. Wie Schubert selbst sagt, ist es ihr wichtig Geschichten so zu erzählen, dass das Autobiographische literarisch verändert wird und dennoch die Essenz durchscheint.

„Manchmal, wenn ich ratlos war oder auch traurig, in mich gekehrt oder mutlos, las oder hörte ich plötzlich einen Satz, eine Gedichtzeile, einen Liedanfang, und ich spürte: Hier ist er ja wieder, der Strom von Einverstandensein, der doch immer da war und immer da ist und immer da sein wird, der mich mit Menschen verbindet, die schon seit Tausenden Jahren tot sind oder weit weg wohnen und andere Sprachen sprechen. Vielleicht hatte ich gerade auf einen solchen Satz gewartet. Dann schrieb ich in auf, als Beweis, als Unterstützung, als Hoffnung“

Im Grunde geht es um Begegnungen und die Art sie besonders zu be-schreiben. Gleich eingangs erleben wir die Erinnerung an ein Kindheitsritual, der Besuch bei der Großmutter zu Beginn der langen Sommerferien. Das Liegen in der Hängematte im Garten, der frisch gebackene Streuselkuchen unter Obstbäumen, das Glück einen Sehnsuchtsort zu haben. Zuverlässig und beständig jeden Sommer. Geborgenheit und Trost, die es bei der Mutter nicht zu finden gab. Der Vater im zweiten Weltkrieg gestorben, als die Autorin ein Jahr alt war. Das Aufwachsen in der DDR. Später der Sohn, der für eine Lehrstelle als Förster nur infrage kommt, wenn er keine Verwandten in der BRD hat.

Im Kapitel „Keine Angst“ erzählt Schubert über die Vorwende- und Wendezeit. Ich erfahre von den Repressionen wenn es um literarische Veröffentlichungen im Westen ging, gar um Ausreiseanträge wegen Einladungen zu Lesungen. Ich erfahre, dass in den späten 80ern das Bespitzeln von Menschen aus dem Kreis der Kirchen beliebter war, weil es Leute waren, die später nie zurückschlagen würden, weil sie gewaltfrei lebten. In vielen Kapiteln dieses Buches, erfahre ich mehr, als in manchem Sachbuch zum Thema.

„Demonstrationsfreiheit, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit.
Nun waren wir, ohne umzuziehen, in eine Welt fremder Regeln gekommen.“

Helga Schubert erzählt vom Besuch ihres Lektors, von der seltsamen Summierung der Selbstmorde in ihrem winzigen Dorf, von der erstmals erlaubten beruflichen Reise in die USA im Alter von 47, von der Reisesehnsucht im Allgemeinen, vom Altweibersommer und von der großen Liebe zum Schreiben. Immer gibt es Menschen, immer eine respektvolle, differenzierte Art über diese zu schreiben. Es gibt die eigene Geschichte und die der Familie. Und die Mutter, bei der die Schreibende schließlich feststellt, wie fremd sie ihr ist und umgekehrt und wie wenig sie beide trotz der engsten Verwandtschaft, die es gibt, verbindet.

Woher kommt der Mut, diese schmale, wankende Brücke zu den Menschen, die am anderen Ufer lärmen, zu bauen, diese Brücke ohne Geländer zu betreten und hoch über dem Abgrund zu balancieren, ganz allein?“

Ich wünsche dieses Buch jedem Leser. Ich vertraue darauf, dass es jede Leserin erreichen wird. Es ist ein Buch voller schöner Überraschungen und warmer Herzlichkeit. Und es zeigt, was Geschichtenerzählen vermag. Funkelndes Leuchten!

„Vom Aufstehen“ erschien im dtv Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Auch die älteren sehr empfehlenswerten Erzählbände sind überwiegend bei dtv erschienen, aber leider nur noch antiquarisch zu erhalten. Leider nur zwei Sachbücher kündigt der Verlag für August als Neuauflagen an. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Clairice Lispector: Die Flucht und andere Erzählungen Random House Audio

Schon lange schleiche ich um die brasilianische Autorin Clarice Lispector herum. Immer wieder taucht sie auf, doch scheint sie immer noch ein Geheimtipp zu sein. Zuletzt hat nun der Penguin Verlag ihre Erzählungen neu herausgegeben. Ich höre ab und zu gerne Hörbücher, eher Lesungen als Hörspiele und habe mir deshalb die Lesung von Erzählungen Lispectors von Hannelore Hoger interpretiert, vorgenommen. Hoger ist eine Kennerin und Verehrerin Lispectors. Es sind zwei Cd`s mit kürzeren und längeren Stories, die sie selbst ausgewählt hat. Hannelore Hogers Altersstimme schien mir mitunter etwas zu betulich für die Wucht der Kurzgeschichten Lispectors. Dennoch haben die Geschichten mich in ihren Bann gezogen.

Lispector wurde 1920 in der Ukraine geboren und kam auf der Flucht vor Progromen mit den Eltern nach Brasilien. Sie studierte Jura und arbeitete als Journalistin. Mit nur 23 veröffentlichte sie ihren ersten Roman „Nahe dem wilden Herzen“, der aufgrund seiner Erzählart ein Sensationserfolg wurde. Sie heiratete einen Diplomaten mit dem sie auch nach Europa und in die USA ging. Später lebte sie in Rio de Janeiro von ihren Büchern und Übersetzungen. 

Die Autorin hat eine besondere Art das Wesentliche auf den Punkt zu bringen. In ihren Geschichten geht es hauptsächlich um die Rolle der Frau. Frauen sind die Heldinnen, nicht immer wirken sie auf die Leserin sympathisch. Bezeichnend ist der dauernde Einblick in die Innenwelten, der einem die Figuren dann doch sehr nahe bringt. Gleich in der ersten Geschichte „Ich und Jimmy“ zeigt sie den Weg vieler folgender vor. Es geht um Mann und Frau und das Ungleichgewicht, dass zwischen beiden herrscht, wenn es um Rechte und eigene Vorstellungen geht. Die Protagonistin, sie mag um die 16 sein, schlägt den gleichaltrigen Freund Jimmy, mit dem sie zusammen ist, obwohl sie ihn gar nicht leiden kann, mit seinen eigenen Waffen, wobei sie im Denken und mit Worten sehr viel schneller und weiter ist als er. Ein ausgezeichneter Einstieg.
Auch in der nächsten Geschichte „Flucht“ geht es um eine Beziehung. Allerdings schafft die Heldin ihre Flucht nur in der Fantasie. Obwohl sie eines Morgens aus ihrem 12 Jahre dauernden Ehealltag ausbricht, kehrt sie doch am Abend zurück. Es liegt weniger am Mut, als am mangelnden Budget, dass sie sich wieder „nach Hause“ begibt.
Die Geschichte „Die kleinste Frau der Welt“ führt uns nach Zentralafrika zu den Pygmäen. Ein Forscher entdeckt den Stamm der kleinsten Pygmäen. Verständigen kann er sich kaum, doch die Leserin merkt schnell, dass die kleine schwangere Pygmäenfrau ganz andere Vorstellungen von Sprache und Ausdruck hat. Später wird in einer bekannten Zeitung das Foto dieser nur 45 cm großen Frau erscheinen und Lispector zeigt uns, wie die Menschen, die das Foto sehen darauf reagieren. Überwiegend wenig schmeichelhaftes tritt da zutage: von Ekel bis Befremdlichkeit, von Bedauern bis Gerührtheit. Aber auch ein „Gott weiß was er tut„. Man muss die Geschichte selbst lesen oder hören, um das ganze Ausmaß zu erkennen und man muss sie natürlich vor dem Hintergrund der Zeit des Entstehens sehen.

Generell erscheinen mir die Stories auf CD 1 stärker als die folgenden. Wobei, die letzte und auch eine der längeren Geschichten mit dem Titel „Einen Tag weniger“ einen krönenden Abschluss bildet. Hier lebt eine Frau seit Geburt an im Elternhaus, seit die Eltern gestorben sind mit der ehemaligen Kinderfrau als Gesellschafterin. Als diese 4 Wochen verreist, merkt sie, wie einsam sie eigentlich ist und wie lang sich ihr Tag hinzieht, den sie mit allerlei Ablenkungen zu füllen versucht. Schließlich klingelt sogar das Telefon. Mit großer Hoffnung nimmt sie ab, nur um festzustellen, dass die Anruferin sich verwählt hat und gar nicht sie erreichen wollte. Als sie, recht früh, zu Bett geht, erinnert sie sich an die Schlaftabletten ihrer Mutter. Eigentlich will sich nicht mehr als zwei einnehmen …

Lispectors Erzählungen haben eine ungemeine Tiefe, oft mit doppelten Böden. Sie wagt den Blick ins menschliche Innere und erzählt unverstellt aus dem darin befindlichen Dunklen. Ihre Sprache ist dicht und schön, oft arbeitet sie mit Wortwiederholungen zur Verstärkung, teils mit Metaebenen und surrealistischen Anteilen. Clarice Lispector ist unbedingt eine Autorin, die es zu entdecken gilt. Das Hörbuch bietet dabei einen guten Einstieg. 

Die Erzählungen sind den beiden Bänden Gesammelte Erzählungen entnommen, die neu übersetzt wurden von Luis Ruby. Die CD erschien bei Random House Audio. Eine Hörprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. 

 

Indiebookday 20. März – Meine Entdeckungen aus unabhängigen Verlagen

Alle Jahre wieder: Heute ist Indiebookday!

Ich habe ein Faible für die kleinen unabhängigen Verlage, weil sie große Arbeit leisten und häufig zu ungeahnten Entdeckungen und feiner Lesefreude führen! Am Besten ist es, solche Schätze auch in unabhängigen Buchläden zu kaufen …

Durch klicken auf die Bilder findet sich der Link zu meiner jeweiligen Besprechung. Viel Spaß beim Stöbern!

Mit dabei sind:
Kleinheinrich, Elif, Guggolz, Das kulturelle Gedächtnis, Kupido, Verbrecher, Kunstanstifter, Ars Vivendi, Ebersbach & Simon, Edition Nautilus, Wieser, Edition Offenes Feld, Wallstein, Matthes & Seitz, Edition Azur

Han Kang: Weiß Aufbau Verlag

In ihrem neuen Buch konzentriert sich die Koreanerin Han Kang, deren Romane, ich alle las und durchweg sehr empfehlen kann, auf die Tiefe und Poesie der Sprache. Was in ihren Romanen, allen voran „Die Vegetarierin“ immer schon anklang, kommt hier zur vollen Geltung. Da ich Lyrik und die literarische Beschäftigung mit den eigenen Innenwelten sehr mag, bin ich von dieser bisher unbekannten Seite der Autorin sehr angetan. Han Kang beschäftigt sich mit der Farbe Weiß. Entsprechend ist das Cover und auch das Buch selbst ganz in Weiß gehalten und mit einer zarten weißen Feder bedruckt. Feder womöglich auch als Metapher fürs Schreiben?

Die Autorin beschreibt eingangs kurz, wie sie auf die Idee des „weißen“ Schreibens kam und erzählt von einem Aufenthalt in einer nicht genannten europäischen Großstadt(aus dem Kontext erschließbar Warschau). Hier, auf sich selbst zurückgeworfen, unter Menschen, deren Sprache ihr fremd war und deren Straßenschilder und andere Beschriftungen sie nicht lesen konnte, fallen ihr Wörter zu, die eine Verbindung zum Weiß und auch zu ihrem Inneren haben.

„Warum drängt in dieser unbekannten Stadt immer wieder längst Vergessenes  an die Oberfläche? […]
So sehr, dass der Ort, an den ich mich letzten Sommer geflüchtet habe, für mich keine Stadt am anderen Ende der Welt ist, sondern vielmehr in letzter Konsequenz das Zentrum meines Innenlebens.“

Ein weiterer Aspekt, der von Han Kang immer wieder aufgegriffen wird, ist die Zeit. Die Vergangenheit, das Vergehen der Zeit, das Beobachten des Vergehens der Zeit. Zugleich greift Han Kang auch Themen ihrer eigenen Familiengeschichte auf, vorrangig den Tod der älteren Schwester, den sie nur durch den Schmerz der Mutter über den Verlust erlebt. Sie selbst hat die Schwester nie gekannt. Wie tief dieser Tod jedoch auf ihr eigenes Leben einwirkt, spürt sie immer wieder.

„Ein Jahr nach dem Verlust ihrer ersten Tochter hatte meine Mutter eine weitere Frühgeburt. Dieses Mal war es ein Junge. Weniger weit entwickelt als seine Schwester, starb er schnell, ohne jemals die Augen geöffnet zu haben. Hätten diese beiden Leben die kritische Zeit sicher überstanden, würde es mich, die drei Jahre danach geboren wurde, nicht geben. […] Meine Mutter hätte bis zuletzt nicht mit der Erinnerung an dieses Leid leben und sich irgendwie darüber hinwegtrösten müssen.“

Weiß ist in  Asien auch die Farbe des Todes und der Trauer. So gleitet die Vergänglichkeit durch jede Zeile dieses Buches. Traurigkeit ist überall zu spüren. Weiß findet die Autorin in jener Zeit, in der fremden Stadt überall, denn sie hat den aufmerksamen Blick dafür. Sie schreibt in diesem Buch über diese Farbe, die auch stellvertretend für die Reinheit ist. Und für die ewige Erinnerung an die verlorene ältere Schwester: „In allen weißen Dingen werde ich dich spüren und für dich weiteratmen.“ 

Han Kangs Buch ist das Tagebuch einer poetischen Wiedergeburt. Es ist eine Art, sich wieder einzulassen, neu zu sehen, zu spüren, heilsames Schreiben. Die Übersetzung von Ki-Hyang Lee scheint mir höchst gelungen. Die Photographien im Buch sind von Han Kang. Das Buch erschien im Aufbau Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weitere Besprechungen zu Büchern von Han Kang:

https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/08/26/han-kang-die-vegetarierin-aufbau-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/12/11/han-kang-menschenwerk-aufbau-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/02/20/han-kang-deine-kalten-haende-aufbau-verlag/

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

 

Ragnar Helgi Ólafsson: Handbuch des Erinnerns und Vergessens Elif Verlag

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Ragnar Helgi Ólafssons zweites in deutscher Sprache erschienenes Buch beinhaltet 13 mal kurze mal längere Geschichten, die einen an die eigenen Erinnerungen denken lassen und daran wie wenig zuverlässig unser Gedächtnis ist, aber auch wie erfinderisch. Mitunter verdrehen sie einem die Gedanken so, dass man schwer jeder einzelnen Behauptung hinterherdenken kann. Manchmal fragt man sich, ob man nicht doch noch Philosophie oder zumindest die gängigen Experten studieren sollte.

Die erste Geschichte, „Der Fluchtversuch“ ist mir die liebste, zeigt sie doch, wie schwierig es ist, sich zwischen Wunsch/Zukunft und Realität/Gegenwart zu entscheiden. Es ist das typische: „Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.“ Oder in diesem Fall: Lieber Lakritze im Mund, als ein Busticket in die Unsicherheit.

Manche der Geschichten kann mich nicht genug fesseln oder ich verstehe sie schlichtweg nicht. Manche regen mich zum Nachdenken und Rumspinnen an und entbinden mich von der (gerade ungeliebten) Realität (ihr wisst weshalb). Dazu die Frage, die in einer Geschichte aufgeworfen wird, ob man wirklich ohne Erinnerungen, mit Amnesie leichter und vor allem freier leben könnte: Schwer vorstellbar.

Die längste Erzählung im Buch ist eigentlich ein Brief, der womöglich nie gelesen wird, wie der Schreiber vermutet. Dies hindert ihn aber nicht, in großer Weitschweifigkeit eine einzige Frage seiner Ex-Geliebten zu beantworten. Dabei werden von Byron bis Shelley, von Pessoa bis zur griechischen Mythologie alle Register gezogen.

“ … und mir klar wurde, dass man erstmal etwas vergessen haben muss, um sich daran erinnern zu können: Um etwas noch mal wachrufen zu können, muss es erst vergessen worden sein, zumindest für einen Augenblick.“

Die Geschichte „Funes der Jüngere„, die in der argentinischen Nationalbibliothek spielt, (womöglich eine Hommage an Borges‘ Bibliothek von Babel) gefällt mir nach der ersten am Besten. Hier geht es um eine besondere Begabung: sich alles merken zu können, ein fotografisches Gedächtnis zu haben. Was allerdings in diesem Fall zu massiven Einschränkungen führt.

„Erinnerungen müssen unklar sein. Sonst können sie nicht von der Wirklichkeit unterschieden werden. Sind sie eine vollkommen exakte Kopie von der Welt oder des Erlebnisses, dann gibt es keinen Unterschied zwischen Wirklichkeit und Erinnerung. Dann wird das Sicherinnern an ein Ereignis das Gleiche sein, wie es zu erleben, und das Sicherinnern, etwas erinnert zu haben, das Gleiche, wie sich daran zu erinnern, was wiederum nicht von dem unterschieden werden kann, was man erlebt.“

Der Isländer Ragnar Helgi Ólafsson ist Schriftsteller, Künstler, Musiker, Verleger und Grafikdesigner. Seine Vielfalt zeigt sich auch hier in diesen Geschichten wieder, denn es geht immer um alles oder nichts, um die Alltäglichkeiten und die Besonderheiten, um Ausgedachtes und Umgedachtes, um Realität und um Trugbilder. Empfehlen möchte ich dazu auch gleich noch den zuvor erschienenen Lyrikband „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“, den ich noch lieber gelesen und hier auf dem Blog auch schon ausführlich vorgestellt habe (Foto siehe oben)

Der Autor hat das im Elif Verlag erschienene Buch mit dem erwähnenswert schönen Cover selbst gestaltet. Das bewährte Übersetzerteam Wolfgang Schiffer und Jan Thor Gislason haben diesen Band aus dem Isländischen übertragen. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Sätze & Schätze.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Karen Minden / Marie Luise Kaschnitz: Eisbären Kunstanstifter Verlag

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Marie Luise Kaschnitzs Erzählung „Eisbären“ erschien bereits im Jahr 1966. Kaschnitz (1901 – 1974), die 1933 ihren ersten Roman veröffentlichte, aber auch Gedichte und Hörspiele schrieb, wird heutzutage wenig gelesen. Was für ein Versäumnis dies ist, merkte ich bei dieser Lektüre. Im Kunstanstifter Verlag erscheinen immer wieder staunenswerte bildschöne Buchkunstwerke und so stieß ich auf den Band „Eisbären“. Die Bilder machten neugierig, die Leseprobe noch mehr.

Die Illustratorin Karen Minden interpretiert die wunderbare überraschende Erzählung, die als Text nur wenige Seiten lang ist, ganz eigen und sehr faszinierend. Sie bewahrt das Geheimnis dieser Geschichte in ihren Zeichnungen, die reduziert und gleichzeitig kraftvoll sind. Der Bleistift ist das Handwerkszeug von Minden und so zeigen sich die Szenen überwiegend in Schwarz/Weiß mit allen Grauschattierungen. Als einzige Farbe kommt ein helles Blau hinzu, was für mich die Kühle symbolisiert, die immer wieder in der Geschichte aufblitzt.

Vor dem Eisbärengehege im Zoo trafen sie sich einst. Das Paar, das die Hauptrolle spielt, ist schon viele Jahre zusammen. Eines Abends, die Frau hat sich bereits zum Schlafen ins Bett zurückgezogen, der Mann lässt auf sich warten. Als er dann nach Hause kommt, möchte er mit ihr reden. Alles verläuft anders als sonst. Das Schlafzimmer ist stockdunkel, doch er will kein Licht. Das Gespräch beginnt er mit der Frage, ob sie noch wisse, wie sie sich kennengelernt haben. Die Frau wundert sich, weiß das aber natürlich noch. Oft nennt sie der Mann Eisbär, weil sie den Kopf drehte, nach rechts und nach links, immer wieder, damals als er sie am Gehege stehen sah, als würde sie sich nach jemandem umsehen, auf jemanden warten. Die Frau besteht wie immer darauf, dass sie auf niemanden wartete.

„Sie zweifelte aber plötzlich daran, dass ihr Mann ihr glauben würde. Sie hatte das Gefühl, als stände hinter seinen Worten eine Unruhe, die sie nicht würde stillen, und eine Angst, die sie ihm nicht würde ausreden können, jedenfalls nicht in dieser Nacht.“

Dass das doch der Fall war, erfahren nur wir Leser. Dass es da einen gab, der sie verlassen hatte, von dem sie hoffte, er käme zurück. Und dass sie ihren Mann nur geheiratet hatte, weil sie nicht allein bleiben wollte. Obwohl sie ihn nun längst liebt. Doch das sagt sie ihm nicht. Das sind nur ihre Gedanken. Sie besteht auf der Unwahrheit. Und der Mann gibt sich nach längerem hin und her letztlich damit zufrieden. Und das ist vielleicht gut so. Denn als es an der Tür klingelt, so spät noch, wundert sich die Frau beim Öffnen der Tür sehr …

So müssen Kurzgeschichten sein. Das ist die große Kunst, auf wenigen Seiten gekonnt mit Sprache spielend eine Spannung aufzubauen, die einen am Ende staunend und womöglich mit offenen Fragen zurücklässt. Kaschnitz setzt hier den Focus auf das Mysterium der Liebe und auf die Frage, ob die volle Wahrheit immer sinnvoll ist.
Ich stelle fest, ich sollte wieder mehr Erzählungen lesen, denn zumindest diese hat mir große Lust darauf gemacht. Marie Luise Kaschnitzs Erzählungen gibt es gesammelt beim Insel Verlag. Für Bibliophile sei aber auf jeden Fall diese zauberhafte Ausgabe empfohlen. Der Band erschien im Kunstanstifter Verlag, wo sich auch eine Leseprobe findet. Auch ein Blick auf die Website der in Berlin lebenden Künstlerin Karen Minden lohnt sich. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.