Clairice Lispector: Die Flucht und andere Erzählungen Random House Audio

Schon lange schleiche ich um die brasilianische Autorin Clarice Lispector herum. Immer wieder taucht sie auf, doch scheint sie immer noch ein Geheimtipp zu sein. Zuletzt hat nun der Penguin Verlag ihre Erzählungen neu herausgegeben. Ich höre ab und zu gerne Hörbücher, eher Lesungen als Hörspiele und habe mir deshalb die Lesung von Erzählungen Lispectors von Hannelore Hoger interpretiert, vorgenommen. Hoger ist eine Kennerin und Verehrerin Lispectors. Es sind zwei Cd`s mit kürzeren und längeren Stories, die sie selbst ausgewählt hat. Hannelore Hogers Altersstimme schien mir mitunter etwas zu betulich für die Wucht der Kurzgeschichten Lispectors. Dennoch haben die Geschichten mich in ihren Bann gezogen.

Lispector wurde 1920 in der Ukraine geboren und kam auf der Flucht vor Progromen mit den Eltern nach Brasilien. Sie studierte Jura und arbeitete als Journalistin. Mit nur 23 veröffentlichte sie ihren ersten Roman „Nahe dem wilden Herzen“, der aufgrund seiner Erzählart ein Sensationserfolg wurde. Sie heiratete einen Diplomaten mit dem sie auch nach Europa und in die USA ging. Später lebte sie in Rio de Janeiro von ihren Büchern und Übersetzungen. 

Die Autorin hat eine besondere Art das Wesentliche auf den Punkt zu bringen. In ihren Geschichten geht es hauptsächlich um die Rolle der Frau. Frauen sind die Heldinnen, nicht immer wirken sie auf die Leserin sympathisch. Bezeichnend ist der dauernde Einblick in die Innenwelten, der einem die Figuren dann doch sehr nahe bringt. Gleich in der ersten Geschichte „Ich und Jimmy“ zeigt sie den Weg vieler folgender vor. Es geht um Mann und Frau und das Ungleichgewicht, dass zwischen beiden herrscht, wenn es um Rechte und eigene Vorstellungen geht. Die Protagonistin, sie mag um die 16 sein, schlägt den gleichaltrigen Freund Jimmy, mit dem sie zusammen ist, obwohl sie ihn gar nicht leiden kann, mit seinen eigenen Waffen, wobei sie im Denken und mit Worten sehr viel schneller und weiter ist als er. Ein ausgezeichneter Einstieg.
Auch in der nächsten Geschichte „Flucht“ geht es um eine Beziehung. Allerdings schafft die Heldin ihre Flucht nur in der Fantasie. Obwohl sie eines Morgens aus ihrem 12 Jahre dauernden Ehealltag ausbricht, kehrt sie doch am Abend zurück. Es liegt weniger am Mut, als am mangelnden Budget, dass sie sich wieder „nach Hause“ begibt.
Die Geschichte „Die kleinste Frau der Welt“ führt uns nach Zentralafrika zu den Pygmäen. Ein Forscher entdeckt den Stamm der kleinsten Pygmäen. Verständigen kann er sich kaum, doch die Leserin merkt schnell, dass die kleine schwangere Pygmäenfrau ganz andere Vorstellungen von Sprache und Ausdruck hat. Später wird in einer bekannten Zeitung das Foto dieser nur 45 cm großen Frau erscheinen und Lispector zeigt uns, wie die Menschen, die das Foto sehen darauf reagieren. Überwiegend wenig schmeichelhaftes tritt da zutage: von Ekel bis Befremdlichkeit, von Bedauern bis Gerührtheit. Aber auch ein „Gott weiß was er tut„. Man muss die Geschichte selbst lesen oder hören, um das ganze Ausmaß zu erkennen und man muss sie natürlich vor dem Hintergrund der Zeit des Entstehens sehen.

Generell erscheinen mir die Stories auf CD 1 stärker als die folgenden. Wobei, die letzte und auch eine der längeren Geschichten mit dem Titel „Einen Tag weniger“ einen krönenden Abschluss bildet. Hier lebt eine Frau seit Geburt an im Elternhaus, seit die Eltern gestorben sind mit der ehemaligen Kinderfrau als Gesellschafterin. Als diese 4 Wochen verreist, merkt sie, wie einsam sie eigentlich ist und wie lang sich ihr Tag hinzieht, den sie mit allerlei Ablenkungen zu füllen versucht. Schließlich klingelt sogar das Telefon. Mit großer Hoffnung nimmt sie ab, nur um festzustellen, dass die Anruferin sich verwählt hat und gar nicht sie erreichen wollte. Als sie, recht früh, zu Bett geht, erinnert sie sich an die Schlaftabletten ihrer Mutter. Eigentlich will sich nicht mehr als zwei einnehmen …

Lispectors Erzählungen haben eine ungemeine Tiefe, oft mit doppelten Böden. Sie wagt den Blick ins menschliche Innere und erzählt unverstellt aus dem darin befindlichen Dunklen. Ihre Sprache ist dicht und schön, oft arbeitet sie mit Wortwiederholungen zur Verstärkung, teils mit Metaebenen und surrealistischen Anteilen. Clarice Lispector ist unbedingt eine Autorin, die es zu entdecken gilt. Das Hörbuch bietet dabei einen guten Einstieg. 

Die Erzählungen sind den beiden Bänden Gesammelte Erzählungen entnommen, die neu übersetzt wurden von Luis Ruby. Die CD erschien bei Random House Audio. Eine Hörprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. 

 

Indiebookday 20. März – Meine Entdeckungen aus unabhängigen Verlagen

Alle Jahre wieder: Heute ist Indiebookday!

Ich habe ein Faible für die kleinen unabhängigen Verlage, weil sie große Arbeit leisten und häufig zu ungeahnten Entdeckungen und feiner Lesefreude führen! Am Besten ist es, solche Schätze auch in unabhängigen Buchläden zu kaufen …

Durch klicken auf die Bilder findet sich der Link zu meiner jeweiligen Besprechung. Viel Spaß beim Stöbern!

Mit dabei sind:
Kleinheinrich, Elif, Guggolz, Das kulturelle Gedächtnis, Kupido, Verbrecher, Kunstanstifter, Ars Vivendi, Ebersbach & Simon, Edition Nautilus, Wieser, Edition Offenes Feld, Wallstein, Matthes & Seitz, Edition Azur

Han Kang: Weiß Aufbau Verlag

In ihrem neuen Buch konzentriert sich die Koreanerin Han Kang, deren Romane, ich alle las und durchweg sehr empfehlen kann, auf die Tiefe und Poesie der Sprache. Was in ihren Romanen, allen voran „Die Vegetarierin“ immer schon anklang, kommt hier zur vollen Geltung. Da ich Lyrik und die literarische Beschäftigung mit den eigenen Innenwelten sehr mag, bin ich von dieser bisher unbekannten Seite der Autorin sehr angetan. Han Kang beschäftigt sich mit der Farbe Weiß. Entsprechend ist das Cover und auch das Buch selbst ganz in Weiß gehalten und mit einer zarten weißen Feder bedruckt. Feder womöglich auch als Metapher fürs Schreiben?

Die Autorin beschreibt eingangs kurz, wie sie auf die Idee des „weißen“ Schreibens kam und erzählt von einem Aufenthalt in einer nicht genannten europäischen Großstadt(aus dem Kontext erschließbar Warschau). Hier, auf sich selbst zurückgeworfen, unter Menschen, deren Sprache ihr fremd war und deren Straßenschilder und andere Beschriftungen sie nicht lesen konnte, fallen ihr Wörter zu, die eine Verbindung zum Weiß und auch zu ihrem Inneren haben.

„Warum drängt in dieser unbekannten Stadt immer wieder längst Vergessenes  an die Oberfläche? […]
So sehr, dass der Ort, an den ich mich letzten Sommer geflüchtet habe, für mich keine Stadt am anderen Ende der Welt ist, sondern vielmehr in letzter Konsequenz das Zentrum meines Innenlebens.“

Ein weiterer Aspekt, der von Han Kang immer wieder aufgegriffen wird, ist die Zeit. Die Vergangenheit, das Vergehen der Zeit, das Beobachten des Vergehens der Zeit. Zugleich greift Han Kang auch Themen ihrer eigenen Familiengeschichte auf, vorrangig den Tod der älteren Schwester, den sie nur durch den Schmerz der Mutter über den Verlust erlebt. Sie selbst hat die Schwester nie gekannt. Wie tief dieser Tod jedoch auf ihr eigenes Leben einwirkt, spürt sie immer wieder.

„Ein Jahr nach dem Verlust ihrer ersten Tochter hatte meine Mutter eine weitere Frühgeburt. Dieses Mal war es ein Junge. Weniger weit entwickelt als seine Schwester, starb er schnell, ohne jemals die Augen geöffnet zu haben. Hätten diese beiden Leben die kritische Zeit sicher überstanden, würde es mich, die drei Jahre danach geboren wurde, nicht geben. […] Meine Mutter hätte bis zuletzt nicht mit der Erinnerung an dieses Leid leben und sich irgendwie darüber hinwegtrösten müssen.“

Weiß ist in  Asien auch die Farbe des Todes und der Trauer. So gleitet die Vergänglichkeit durch jede Zeile dieses Buches. Traurigkeit ist überall zu spüren. Weiß findet die Autorin in jener Zeit, in der fremden Stadt überall, denn sie hat den aufmerksamen Blick dafür. Sie schreibt in diesem Buch über diese Farbe, die auch stellvertretend für die Reinheit ist. Und für die ewige Erinnerung an die verlorene ältere Schwester: „In allen weißen Dingen werde ich dich spüren und für dich weiteratmen.“ 

Han Kangs Buch ist das Tagebuch einer poetischen Wiedergeburt. Es ist eine Art, sich wieder einzulassen, neu zu sehen, zu spüren, heilsames Schreiben. Die Übersetzung von Ki-Hyang Lee scheint mir höchst gelungen. Die Photographien im Buch sind von Han Kang. Das Buch erschien im Aufbau Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weitere Besprechungen zu Büchern von Han Kang:

https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/08/26/han-kang-die-vegetarierin-aufbau-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/12/11/han-kang-menschenwerk-aufbau-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/02/20/han-kang-deine-kalten-haende-aufbau-verlag/

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

 

Emily Carr: Klee Wyck – Die, die lacht Verlag Das kulturelle Gedächtnis

Gastland der diesjährigen (Nicht-)Buchmesse ist Kanada. Diesmal habe ich es nicht geschafft einen kompletten Beitrag als Übersicht über die ins Deutsche übersetzte kanadische Literatur vorzubereiten. Ein Buch hatte ich aber schon im Frühjahr im Auge, schon wegen seiner schönen gestalterischen Aufmachung und es ist auch das einzige geblieben, das ich gelesen habe. Es ist ein Buch, das in Kanada in vielen Auflagen bis heute gut verkauft wird, ja, das sogar Schullektüre geworden ist. Emily Carr (1871-1945), eigentlich Malerin, hat das Buch erst spät in ihren 70ern geschrieben, als sie aus gesundheitlichen Gründen mit dem Malen aufhören musste. Sie nahm dazu ihre Notizbücher, die sie seit jeher führte und formte daraus und aus ihren Erinnerungen autobiografische Erzählungen, so wie wir sie nun im Band Klee Wyck lesen können. Die erste Ausgabe erschien 1940.

In der ersten Geschichte erfahren wir, dass die 15jährige Emily zeitweise bei christlichen Missionarinnen in einem Indianerdorf lebt, um sich mit der Lebensart der Indigenen, der First Nations auseinanderzusetzen. Bereits hier hat sie den Zeichenblock dabei und einen genauen Blick. Ihren indianischen Namen Klee Wyk erhält sie gleich eingangs vom Stammeshäuptling. Sie ist Die, die lacht.

In den drei folgenden Geschichten erfahren wir von Emilys Vorhaben, die Totempfähle der Grabstätten verschiedener indianischer Dörfer zu zeichnen. Mit einem befreundeten Paar reist sie mit dem Boot von Insel zu Insel. Haiida Gwaii heißen die vor der Westküste British Kolumbiens gelegenen Inseln. Hier erzählt Emily von der einfachen naturzugewandten im Jetzt verankerten Lebensweise der Bevölkerung. Spannend zu erfahren, dass es in deren Sprache keine Schimpfwörter gibt.

„Ich setzte mich neben den sägenden Indianer und wir unterhielten uns ohne  Worte, zeigten auf die Sonne und aufs Meer, die Adler in der Luft und die Krähen am Strand. Wir nickten und lachten zusammen, ich saß da und er sägte. Der alte Mann sägte als lägen Äonen von Zeit vor ihm, und als wären all die Jahre, die bereits hinter ihm lagen, geruhsam gewesen, und alle kommenden Jahre wären es ebenso.“

Wir hören von Sophie, die Körbe flechtet und in Vancouver verkauft und die Emilys Freundin wird. Sophie, die einundzwanzig Babys bekommt, von denen nur wenige überleben. Sophie lebt im Reservat. Viele der Kinder werden in Internate gebracht, die von christlichen Institutionen geleitet werden. Dort versucht man sie zu „kultivieren“, doch werden sie ihrer Herkunft und ihrer Tradition komplett beraubt. Wir lesen von Louisa und deren Mutter, der Louisa unbedingt das traditionelle „indianische“ Pfeiferauchen abgewöhnen möchte, weil die Missionare das für Frauen unschicklich finden.

Emily lässt sich immer wieder in teils nicht mehr bewohnte Indianerdörfer bringen, auf der Suche nach Motiven für ihre Bilder. Dort findet sie auch immer wieder die D`Sonoqua, eine heilige Frau, die sie auf imposant geschnitzten Totems findet und von der sie wie magisch berührt wird. Vorrangige Motive werden für sie immer die Totems bleiben, die in den alten Dörfern zurückbleiben, wenn die Familien durch Missionare gedrängt, in modernere Ortschaften mit Läden und Häusern statt Hütten ziehen.

„Selbst diese wenigen Worte waren eine Neuerung – nach dem Vorbild der Weißen. In früheren Zeiten hätten Totemzeichen erklärt, wer dort lag. Die indianische Sprache kannte keine Schriftform. Anstelle der Kreuze wären hier die Habseligkeiten des Verstorbenen aufgetürmt worden: all seine geliebten Schätze, Kleidung, Pfannen, Armbänder – damit jeder sehen konnte, was das Leben ihm an eigenen Dingen geschenkt hatte.“

Dabei gerät sie mitunter in Seenot, auf unheimliche Inseln mit wilden Hunden und in heftigste Moskitostürme. Sie und damit auch die Leser erfahren, dass das Zeitgefühl der indigenen Völker ein ganz anderes ist. In der letzten Geschichte „Kanu“ etwa, fragt sie am Strand eine indianische Familie, ob sie sie im Kanu mit zurück zur Küste nehmen könnten. Sie sagen zu, sie müsse sich aber beeilen, da sie in Kürze ablegen wollen. Tatsächlich aber wird erst noch gekocht, Beeren und Strandgut gesammelt, die Abfahrt erfolgt viele Stunden später …

Emily Carr erzählt ihre Geschichten teils sehr poetisch und bildhaft, aber auch sehr direkt. Sie scheut sich nicht, die Methoden der Missionare in Frage zu stellen. Was dazu führte, dass man ihr Buch zwar zur Schullektüre machte, dabei aber den kritischen Blick auf die christliche Mission heraus kürzte. Die vorliegende vollständige Ausgabe erschien 2003 erst in Kanada. Im Vorwort von Kathryn Bridge erfahren wir mehr dazu. In jeglicher Hinsicht war Emily Carr für ihre Zeit eine bemerkenswert emanzipierte Frau, war sie doch immer sehr selbstbewusst alleine unterwegs, oft nur in Begleitung ihrer Hunde. So trifft sie aber oft auch, wie etwa im Ort Kitwancool, auf ebenso starke weibliche Präsenz bei den Frauen der First Nations.

„Klee Wyck“ erschien im „Verlag Das kulturelle Gedächtnis“. Es ist besonders schön gestaltet, wie alle Bücher aus diesem besonderen Verlag. Übersetzt aus dem kanadischen Englisch hat es Marion Hertle. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ragnar Helgi Ólafsson: Handbuch des Erinnerns und Vergessens Elif Verlag

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Ragnar Helgi Ólafssons zweites in deutscher Sprache erschienenes Buch beinhaltet 13 mal kurze mal längere Geschichten, die einen an die eigenen Erinnerungen denken lassen und daran wie wenig zuverlässig unser Gedächtnis ist, aber auch wie erfinderisch. Mitunter verdrehen sie einem die Gedanken so, dass man schwer jeder einzelnen Behauptung hinterherdenken kann. Manchmal fragt man sich, ob man nicht doch noch Philosophie oder zumindest die gängigen Experten studieren sollte.

Die erste Geschichte, „Der Fluchtversuch“ ist mir die liebste, zeigt sie doch, wie schwierig es ist, sich zwischen Wunsch/Zukunft und Realität/Gegenwart zu entscheiden. Es ist das typische: „Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.“ Oder in diesem Fall: Lieber Lakritze im Mund, als ein Busticket in die Unsicherheit.

Manche der Geschichten kann mich nicht genug fesseln oder ich verstehe sie schlichtweg nicht. Manche regen mich zum Nachdenken und Rumspinnen an und entbinden mich von der (gerade ungeliebten) Realität (ihr wisst weshalb). Dazu die Frage, die in einer Geschichte aufgeworfen wird, ob man wirklich ohne Erinnerungen, mit Amnesie leichter und vor allem freier leben könnte: Schwer vorstellbar.

Die längste Erzählung im Buch ist eigentlich ein Brief, der womöglich nie gelesen wird, wie der Schreiber vermutet. Dies hindert ihn aber nicht, in großer Weitschweifigkeit eine einzige Frage seiner Ex-Geliebten zu beantworten. Dabei werden von Byron bis Shelley, von Pessoa bis zur griechischen Mythologie alle Register gezogen.

“ … und mir klar wurde, dass man erstmal etwas vergessen haben muss, um sich daran erinnern zu können: Um etwas noch mal wachrufen zu können, muss es erst vergessen worden sein, zumindest für einen Augenblick.“

Die Geschichte „Funes der Jüngere„, die in der argentinischen Nationalbibliothek spielt, (womöglich eine Hommage an Borges‘ Bibliothek von Babel) gefällt mir nach der ersten am Besten. Hier geht es um eine besondere Begabung: sich alles merken zu können, ein fotografisches Gedächtnis zu haben. Was allerdings in diesem Fall zu massiven Einschränkungen führt.

„Erinnerungen müssen unklar sein. Sonst können sie nicht von der Wirklichkeit unterschieden werden. Sind sie eine vollkommen exakte Kopie von der Welt oder des Erlebnisses, dann gibt es keinen Unterschied zwischen Wirklichkeit und Erinnerung. Dann wird das Sicherinnern an ein Ereignis das Gleiche sein, wie es zu erleben, und das Sicherinnern, etwas erinnert zu haben, das Gleiche, wie sich daran zu erinnern, was wiederum nicht von dem unterschieden werden kann, was man erlebt.“

Der Isländer Ragnar Helgi Ólafsson ist Schriftsteller, Künstler, Musiker, Verleger und Grafikdesigner. Seine Vielfalt zeigt sich auch hier in diesen Geschichten wieder, denn es geht immer um alles oder nichts, um die Alltäglichkeiten und die Besonderheiten, um Ausgedachtes und Umgedachtes, um Realität und um Trugbilder. Empfehlen möchte ich dazu auch gleich noch den zuvor erschienenen Lyrikband „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“, den ich noch lieber gelesen und hier auf dem Blog auch schon ausführlich vorgestellt habe (Foto siehe oben)

Der Autor hat das im Elif Verlag erschienene Buch mit dem erwähnenswert schönen Cover selbst gestaltet. Das bewährte Übersetzerteam Wolfgang Schiffer und Jan Thor Gislason haben diesen Band aus dem Isländischen übertragen. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Sätze & Schätze.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Karen Minden / Marie Luise Kaschnitz: Eisbären Kunstanstifter Verlag

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Marie Luise Kaschnitzs Erzählung „Eisbären“ erschien bereits im Jahr 1966. Kaschnitz (1901 – 1974), die 1933 ihren ersten Roman veröffentlichte, aber auch Gedichte und Hörspiele schrieb, wird heutzutage wenig gelesen. Was für ein Versäumnis dies ist, merkte ich bei dieser Lektüre. Im Kunstanstifter Verlag erscheinen immer wieder staunenswerte bildschöne Buchkunstwerke und so stieß ich auf den Band „Eisbären“. Die Bilder machten neugierig, die Leseprobe noch mehr.

Die Illustratorin Karen Minden interpretiert die wunderbare überraschende Erzählung, die als Text nur wenige Seiten lang ist, ganz eigen und sehr faszinierend. Sie bewahrt das Geheimnis dieser Geschichte in ihren Zeichnungen, die reduziert und gleichzeitig kraftvoll sind. Der Bleistift ist das Handwerkszeug von Minden und so zeigen sich die Szenen überwiegend in Schwarz/Weiß mit allen Grauschattierungen. Als einzige Farbe kommt ein helles Blau hinzu, was für mich die Kühle symbolisiert, die immer wieder in der Geschichte aufblitzt.

Vor dem Eisbärengehege im Zoo trafen sie sich einst. Das Paar, das die Hauptrolle spielt, ist schon viele Jahre zusammen. Eines Abends, die Frau hat sich bereits zum Schlafen ins Bett zurückgezogen, der Mann lässt auf sich warten. Als er dann nach Hause kommt, möchte er mit ihr reden. Alles verläuft anders als sonst. Das Schlafzimmer ist stockdunkel, doch er will kein Licht. Das Gespräch beginnt er mit der Frage, ob sie noch wisse, wie sie sich kennengelernt haben. Die Frau wundert sich, weiß das aber natürlich noch. Oft nennt sie der Mann Eisbär, weil sie den Kopf drehte, nach rechts und nach links, immer wieder, damals als er sie am Gehege stehen sah, als würde sie sich nach jemandem umsehen, auf jemanden warten. Die Frau besteht wie immer darauf, dass sie auf niemanden wartete.

„Sie zweifelte aber plötzlich daran, dass ihr Mann ihr glauben würde. Sie hatte das Gefühl, als stände hinter seinen Worten eine Unruhe, die sie nicht würde stillen, und eine Angst, die sie ihm nicht würde ausreden können, jedenfalls nicht in dieser Nacht.“

Dass das doch der Fall war, erfahren nur wir Leser. Dass es da einen gab, der sie verlassen hatte, von dem sie hoffte, er käme zurück. Und dass sie ihren Mann nur geheiratet hatte, weil sie nicht allein bleiben wollte. Obwohl sie ihn nun längst liebt. Doch das sagt sie ihm nicht. Das sind nur ihre Gedanken. Sie besteht auf der Unwahrheit. Und der Mann gibt sich nach längerem hin und her letztlich damit zufrieden. Und das ist vielleicht gut so. Denn als es an der Tür klingelt, so spät noch, wundert sich die Frau beim Öffnen der Tür sehr …

So müssen Kurzgeschichten sein. Das ist die große Kunst, auf wenigen Seiten gekonnt mit Sprache spielend eine Spannung aufzubauen, die einen am Ende staunend und womöglich mit offenen Fragen zurücklässt. Kaschnitz setzt hier den Focus auf das Mysterium der Liebe und auf die Frage, ob die volle Wahrheit immer sinnvoll ist.
Ich stelle fest, ich sollte wieder mehr Erzählungen lesen, denn zumindest diese hat mir große Lust darauf gemacht. Marie Luise Kaschnitzs Erzählungen gibt es gesammelt beim Insel Verlag. Für Bibliophile sei aber auf jeden Fall diese zauberhafte Ausgabe empfohlen. Der Band erschien im Kunstanstifter Verlag, wo sich auch eine Leseprobe findet. Auch ein Blick auf die Website der in Berlin lebenden Künstlerin Karen Minden lohnt sich. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Feinste Buchkunst: Neues und Bewa(e)hrtes aus der Friedenauer Presse

Die feinen, kleinen Buchwunderwerke aus der Friedenauer Presse habe ich schon zu meinen Buchhändlerzeiten geliebt. Der 1963 in Berlin-Friedenau gegründete Verlag wurde von 1973 bis 2017 von Katharina Wagenbach-Wolff geführt. Unter der neuen Regie von Friederike Jacob in den Räumen des Matthes & Seitz Verlags ist er nun wieder höchst präsent und ich bin jedenfalls immer neugierig, was es hier zu entdecken gibt. Meine kleine bunte Auswahl stelle ich hier vor.

„Norwegen ist, wie allgemein bekannt, ein kleiner Staat, der in Europa keine Rolle spielt.“

Ganz neu erschienen, passend zum Buchmesse Gastland, ist der kleine Band „Briefe aus Norwegen“ von Isidora Sekulić. Die 1877 geborene Serbin bereiste im Herbst 1913 Norwegen und schreibt in ihren Briefen über die Natur und die Menschen, über die Begegnungen, ja, über die Seele dieses nordischen Landes. Ihre Reise führte von Oslo über Bergen nach Trondheim, dann ging es weiter mit dem Schiff über die Lofoten in die Finnmark. Solche Reisen als Frau in dieser Zeit sind durchaus bemerkenswert. Sekulić hatte Mathematik und Naturwissenschaften studiert und verfiel vollkommen der norwegischen Landschaft und den Naturschönheiten. Mitunter verknüpft sie dabei ihre Erlebnisse mit der nordischen oder anderen Mythologien und mit der klassischen Literatur. Der Band beinhaltet eine Auswahl von Texten von 1913 bis 1951. Danach folgt ein informatives Nachwort. Übersetzt wurde der Band von Tatjana Petzer. Der wunderbare Farbholzschnitt auf dem Cover und das Porträt der Autorin auf der ersten Seite stammen von Christian Thanhäuser. Es wurde feines Papier verwendet und fadengeheftet, in Broschur und kleinerem Format in der Reihe Wolffs Broschuren.

„Und wenn man die norwegische Grenze passiert, ist es, also ob man in das Haus eines ernsten, armen, sorgenvoll beschäftigten Menschen tritt, der sich über den Gast wundert und lange nicht glauben kann, dass sich der Gast darüber freut, auf Besuch in Norwegen zu sein.“

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20191118_1354512460586730539398712.jpgEbenfalls neu erschienen sind unter dem Titel „Der Drang nach Haus“ Gedichte aus dem Exil von Marina Zwetajewa. Die Auswahl der Gedichte dieses schönen Bandes stammt von Richard Pietraß, ebenfalls Dichter, der auch übersetzte und ein aufschlussreiches Nachwort verfasste. Die Gedichte wurden weiterhin übersetzt von Waldemar Dege, Elke Erb, Rainer Kirsch, Sarah Kirsch, Karl Mickel und Ilse Tschörtner. Das zauberhafte Umschlagbild mit der zarten Blüte hat Anni von Bergen gemalt. Im Format ist das Büchlein ungewöhnlich zwischen DIN A5 und DIN A4 und es ist auf feinem Papier gedruckt und fadengeheftet in der Reihe Friedenauer Pressedrucke.

„Der Drang nach Haus! Ein dutzendmal
Absurdgeführtes Narrentreiben!
Mir ist es längstens so egal,
Wo ich vollkommen einsam bleibe,“

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20191118_135109441707848069325688.jpg2012 erschien die kurze Erzählung von J.-K. Huysmans mit dem Titel „Monsieur Bougran in Pension“. Es geht darin um einen Beamten des Justizministeriums, den man vorzeitig in den Ruhestand versetzt. Als er sich dabei allzu sehr langweilt, richtet er sich zuhause ein, als sei er noch im Büro und bearbeitet Fälle, die er sich selbst ausdenkt …
Höchst amüsant und dennoch recht traurig liest sich die Geschichte, denn auch wenn sie bereits 1888 geschrieben wurde, wirkt sie aktuell wie heute.
Huysmans (selbst Beamter) ist vor allem bekannt durch seinen Roman À rebours/Gegen den Strich, der seinerzeit zum Kultbuch wurde. Gernot Krämer übersetzte, ein Nachwort von Daniel Grojnowski ergänzt den Text.

„Ja, der Gesetzgeber von 1853 hat in dem nachgiebigen Text überall Fußangeln aufgestellt; er hat alles vorhergesehen, folgerte er; den Fall eines Stellenabbaus, eines der gängigsten Mittel, um Leute loszuwerden; man streicht ihre Stelle, richtet sie ein paar Tage später unter anderer Bezeichnung wieder ein, und die Sache ist geritzt.“

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20191120_1651583685824020650448618.jpgWolfgang Hilbig ist einer meiner Herzensautoren. Der 1941 in Meuselwitz/Thüringen geborene Autor war in der DDR einer der bekanntesten „Arbeiterdichter“. Das bedeutet schlichtweg, dass Hilbig lange als Heizer arbeitete und nur nebenher schrieb. Vieles was er schrieb fiel sofort unter die Zensur des Arbeiter- und Bauernstaats. Die Erzählungen in diesem, von Horst Hussel stimmig gestalteten Band aus dem Jahr 1994 sind aus den Jahren 1983 bis 1994 und sind, wie alles von Hilbig sprachliche Meisterwerke. Gleich in der ersten Geschichte, die den Titel des Buches „Die Arbeit an den Öfen“ trägt, zeigt sich die ganze Absurdität des DDR-Sytems … Erschienen in der Reihe Wolffs Broschuren.

„Unliebsames wurde nicht gedruckt, das war eine Tatsache, die der Heizer C., der seine Tage im Kesselhaus für gezählt hielt, erfahren hatte, als er einmal ein paar Blätter verschiedenen Redaktionen in Berlin einschickte. Nur in einem Fall erhielt er sie mit einer Erwiderung zurück: Er unterstelle den Zuständen des Landes eine Realität, so hieß es, die weit überholt sei, was bei ihm bis in den Wortschatz reiche.“

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Zu guter Letzt kommt der nachtblaue Band von 1996, ebenfalls von Horst Hussel gestaltet, „Angst“ von Anton Čechov. Mit russischen Schriftstellern begann es auch, da der Gründer Enkel eines Petersburger Verlegers war. In den Erzählungen geht es weniger um Angst, vielmehr sind es sieben Liebesgeschichten, die jedoch alle nicht unbedingt glücklich enden: Es ist kompliziert. Womöglich sind sie deshalb so schön … Dabei ist auch „Die Dame mit dem Hündchen“, die ja in der Tat ein Klassiker aller Liebesgeschichten ist. Erschienen in der Reihe Wolffs Broschuren, übersetzt von Peter Urban.

 

„Man sagte, auf der Strandpromenade sei ein neues Gesicht aufgetaucht: eine Dame mit einem Hündchen. Dmitrij Dmitrievič Gurov, der in Jalta bereits zwei Wochen verbracht und sich eingewöhnt hatte, interessierte sich ebenfalls schon für neue Gesichter.“

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Einen schönen Überblick über das ausgewählte Sortiment und die feine Buchgestaltung der Friedenauer Presse gibt es auf der Verlags-Website.

Tomas Espedal: Bergeners Matthes & Seitz Verlag

Foto: gemeinfrei wikimedia commons

Ein Buch über die Bewohner der norwegischen Stadt Bergen? Obwohl ich jedes ins Deutsche übertragene Buch von Tomas Espedal gelesen habe und seine Sprache liebe, überlegte ich skeptisch, ob ich „Bergeners“ lesen will. Als es mir dann in der Bibliothek in die Hände fiel, dachte ich, einen Versuch ist es wert. Und tatsächlich, Espedal wäre nicht Espedal, würde er nicht auch aus einem Buch über die Einwohner einer kleinen norwegischen Stadt am Meer ein sprachlich und emotional tiefes und geniales Buch machen. Spätestens aber, als er über die Einsamkeit schreibt (siehe Foto unten), folge ich ihm widerstandslos, immer in der Gefahr, in oder mit seinen Worten und Sätzen zu versinken.

„Sonntag, 14. August: Heute Nacht ist etwas passiert, was es noch nie gegeben hat. Ich schrieb bis halb zwei Uhr nachts, eine ganze Erzählung, eine meiner besten, glaube ich, in einem durch.“

Espedal erzählt anfangs weniger über die Stadt und seine Bewohner, sondern aus seinem Schriftstellerleben, vom Reisen und Unterwegssein. (Er erwähnt sogar, dass es wohl einen Auftrag gab, dieses Buch über Bergen zu schreiben, der schwerlich abzulehnen war.) Es gibt keinen stringenten Rahmen, keine Romanhandlung, aber das ist einem als Espedal-Fan durchaus bekannt. Er erzählt zunächst sogar von Zeiten, als er aus der Stadt flieht, aus Norwegen weg will, weil er in einer unschönen Szene in einem Band von Knausgårds „Min Kamp“ auftaucht und jeder ihn nun darauf anspricht, nachhakt, was da denn dran sei. Sogar im Ausland steht dann das Telefon nicht still. Espedal berichtet von typischen Handlungen oder eigentlich Nicht-Handlungen, wie am Fenster des Hotels sitzen und starren, ziellos durch die Stadt treiben lassen, grübeln, zweifeln, rauchen, trinken. Wenig bis kaum schreiben.

„Ich sitze an einer Straßenecke und schaue, rauche und schaue, schaue und trinke Wein, sitze den ganzen Tag da und schaue auf die vorüberströmende Menschenmenge, ein gleichmäßiger, beruhigender Menschenfluss; man hat die angenehme Empfindung zu ertrinken, von der Strömung zu stillen Wassern mitgeführt zu werden.“

Später lässt er innerhalb der Bergener Stadtstruktur diverse stadtbekannte Figuren auftauchen, Künstler, Schriftsteller, Malerinnen etc. , die sich sicher leicht erkennen, wenn sie denn das Buch lesen sollten. Es ist eine wilde, abenteuerlustige, aber auch irgendwie destruktive Bande, dem Alkohol und Sex nicht abgeneigt, gerade so, wie man sich das Künstlerleben eben vorstellt. Aber eben auch die Einsamkeit in aller Schärfe, die Verlorenheit, die sichtbare Wenigkeit des Seins, wenn die Kreativität blockiert ist, wenn alles zum Stillstand kommt.

„Er sagte: Du weißt genauso gut wie ich, dass die wichtigsten literarischen Werke schon längst geschrieben sind. Das, was ich über Heidegger gesagt hatte, hatte ihn verärgert, jetzt wollte er zurückschlagen, und dieser Schlag sollte mich umso härter treffen, da er wusste, dass ich versuchte, Romane zu schreiben.“

Espedal erzählt von seiner Kindheit im Viertel der Wohnblöcke in Bergen, vom Wetter, von Schreibblockaden, vom idealen Schreibort, den es vielleicht gar nicht gibt, von Versuchungen, von Ritualen und Routinen bis zur machtvollen Gewohnheit.  Von heißen griechischen Inseln ist die Rede, von den Bildern Goyas, von Literaturfestivals mit Begegnungen, wie etwa mit Dag Solstad, vom Besuch des ehemaligen Wohnhauses des großen Schriftstellers Ismael Kadare in Albanien und von einem Schreibkurs, den er im Bergener Gefängnis gibt. Er schreibt von Eifersucht, Gier und Neid. Von Intensität und Passion. Aber eben auch von Schönheit. Und von Liebe. Und vom Verlust, vom Leid, vom Tod. Durchbrochen werden die einzelnen, recht kurzen Sequenzen von Versen, Gedichten.

Espedals Sprache ist eine der schönsten, die ich kenne. Eine der wenigen, die kompromisslos die Tiefe sucht, die jedes einzelne Wort abwägt und stimmig setzt. Das Buch ist ein Muss für alle Espedalfans. Alle anderen fangen am Besten mit dem Buch an, dessen Titel ich unwiderstehlich finde:

Gehen oder die Kunst ein wildes und poetisches Leben zu führen

Im Roman heißt es an einer Stelle außerdem:

„Amalie Skrams Romane gibt es schon, keiner der heutigen Autoren kann Skram auch nur von Ferne das Wasser reichen, …“

Den wunderbaren Roman  von Amalie Skram: Professor Hieronimus habe ich hier auf dem Blog bereits besprochen

Das Buch „Bergeners“ erschien im Matthes & Seitz Verlag. Die geniale Übersetzung aus dem Norwegischen ist wie immer von Hinrich Schmidt-Henkel.

Bildrechte: gemeinfrei wikipedia commons

Zum Welttag des Buches: Warum ich lese – 40 Liebeserklärungen an die Literatur Homunculus Verlag

Zum heutigen Welttag des Buches ist es natürlich notwendig ein Loblied auf das Lesen, die Literatur und auf das Buch anzustimmen: Deshalb möchte ich noch einmal auf ein bereits vor zwei Jahren erschienenes Buch hinweisen, das genau das tut – vielleicht ist es dem einen oder der anderen bisher entgangen …

„Warum ich lese“ ist aus einer Idee des Literaturbloggers Sandro Abbate entstanden. Er stellte auf seinem Blog novelero die Frage: Warum lest ihr eigentlich?

Das ist doch klar, dachte ich. Doch so einfach ist es gar nicht in Worte zu fassen und mich schickte diese Frage sofort zurück in meine Vergangenheit. Schließlich formulierte ich einen kurzen Text, der aus sehr persönlichen Erfahrungen schöpfte: Welche Initiation für mich das Lesenlernen war, wie gut die Entscheidung war Buchhändlerin zu werden, welche Bedeutung Fernando Pessoa für mich hat und dass ich durchs Lesen schließlich auch zum eigenen Schreiben gekommen bin …

Erstaunlich viele andere Literaturblogger beschäftigten sich ebenfalls intensiv mit der Frage. Die entstandenen Texte waren so interessant und vielschichtig, dass Sandro die Idee hatte, man könne diese Texte doch in einem Buch versammeln. Sandro konnte dann den unabhängigen kleinen feinen Homunculus Verlag für dieses Unterfangen gewinnen.

Im März 2017 ist es mit einer Auswahl von 40 Texten erschienen und es ist schön geworden! Schön wäre auch, wenn es viele Leser fände. Eine Leseprobe gibt es auf der Website des Homunculus Verlags, wo auch alle Beitragenden mit ihren Blogs aufgeführt sind. Mein Text „Warum ich lese oder Ich brauche Wahrheit und Aspirin“ ist natürlich auch hier auf dem Blog zu lesen.

Das Herz verlässt keinen Ort, an dem es hängt #weiterschreiben Ullstein Verlag

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Ein wirklich tolles Projekt haben sich die Autorinnen Annika Reich und Lina Muzur ausgedacht und in die Tat umgesetzt. Es begann mit der Idee eine Möglichkeit zu finden für Autorinnen und Autoren aus Krisengebieten und/oder im Exil weiter zu schreiben und auch weiter gelesen zu werden. Daraus entstand  im Netz die Seite https://weiterschreiben.jetzt/  und nun die gedruckte Anthologie.

Das Buch ist innen viel schöner geworden als das Cover verspricht. Ich bin ziemlich begeistert, dass im Buch nicht nur Texte, sondern auch Kunst, bunt sich ausbreitend, enthalten ist. Es ist auch das, was ich zuerst ansehe. Ich bin mit Bildern vertraut, ich nehme vieles wahr, was dahinter steht. Es sind Fotos, Mixed Media-Arbeiten, Malerei und Tusche, die ich selbst als Material so liebe. Ich gehe mit diesem Buch anders um, lese nicht von vorne nach hinten durch, sondern blättere, lese, blättere, schaue.

Deutschsprachige Autorinnen und Autoren trafen sich, real oder über den Bildschirm, um über ihr Schreiben zu sprechen, zu übersetzen oder einfach der Welt des/der anderen zu begegnen. Ob Annett Gröschner mit Lyrikerin Widad Nabi in die Geschichte ihrer Heimathäuser eintaucht, ob Saša Stanišić über ein Lachen von Salma Salem erleichtert ist oder ob der Journalist und Dichter Ramy Al-Asheq überrascht ist, als die Lyrikerin Monika Rinck, bei ihrem Treffen sofort beginnt sein Gedicht zu übersetzen, alle haben einen stimmigen Umgang miteinander gefunden, alle haben sie mich getroffen, nah am Herzen.

Ich werde nicht viel mehr über das Buch schreiben. Das entscheide ich gerade beim Blättern. Ich werde kurz aufzeigen, was es für mich so wertvoll macht, stärker, als ich vorher dachte. Es erzählt von Menschen, die das tun, was ich auch tue, Schreiben, trotz aller Widrigkeiten, innerer und äußerer. Ob im Innen Krieg herrscht oder im Außen – Schreiben bleibt.

 

Auszug aus dem Gedicht „Briefe an 14 Gazellen“ von Widad Nabi

„Nachts werde ich alt
heimlich vor der Zeit,
ohne dass mich jemand sieht.
Ich werde hundert Jahre alt.
Die Traurigkeit, die unter meiner Haut wächst,
wird zum Gedicht,
und ich bleibe, wie ich bin,
eine kleine Gazelle im Spiegel der Quelle.

Auszug aus „Das Herz eines Wolfes kochen“ von Rabab Haidar

„Wölfe werden immer nur mit Männern in Verbindung gebracht: Männer essen ihre Herzen und die Wölfe essen ihre. Wölfe werden Männer und verwandeln Männer in Wölfe.
Frauen hingegen werden mit Schlangen, Skorpionen, Eulen, Mäusen, Katzen oder Kaninchen assoziert. Mit Wölfen nicht.
Wie soll ich nur von mir erzählen?“

Auszug aus dem Gedicht „Den Dichtern folgt die Traurigkeit“ von Ramy Al-Asheq 

„Den Dichtern
folgt nur die Traurigkeit

Sie erwacht wie ein Funke an Fingerspitzen
und schläft ein
wischt man eine Träne
fort
mit den Fingerspitzen

Geboren wird sie
unbefleckt
bevor die Sprache sie überfällt
und benennt

Sie tritt ein mit dem Wind
und fährt aus mit der Seele“

Ich lege dieses Buch allen sehr ans Herz. Es ist eine Schatztruhe, eine Wunderlampe, ein Leuchten!

Das Buch erschien im Ullstein Verlag. Alle Beteiligten hier aufzuführen würde den Rahmen sprengen, sie sind aber im Buch und auf der Verlagsseite zu finden, wo es auch eine Leseprobe gibt. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.