Schreibtisch mit Aussicht – Schriftstellerinnen über ihr Schreiben Kein & Aber Verlag

Die Redakteurin und Herausgeberin Ilka Piepgras versammelt in einem Band 23 Stimmen von Schriftstellerinnen, die über ihre Arbeit, ihr Schreiben erzählen. Es sind höchst unterschiedliche Beiträge, die die ganze Vielfalt der Literatur abbilden. Gleich eingangs kommt sie auf einen Essay der Autorin Anne Tyler zu sprechen, in dem diese gefragt wird, ob sie denn nun eine Arbeitsstelle gefunden habe oder immer noch nur schreibe. Da ich selbst schreibe, kenne ich solche Situationen nur allzu gut. Meiner Ansicht nach ist es typisch und gleichzeitig eben erschreckend, dass die Tätigkeit nicht nur von Autorinnen sondern auch von Künstlerinnen im Allgemeinen so in Frage gestellt und als Arbeit nicht anerkannt wird. Umso besser, dass es dieses Buch gibt, das aufzeigt, wieviel Arbeit das Schreiben ist.

Anne Tyler kenne ich noch aus meiner Zeit in der Buchhandelsausbildung. Inzwischen ist sie hierzulande auch sehr bekannt geworden mit ihren Familienromanen. Auch an Eva Menasses Debütroman „Vienna“ erinnere ich mich noch besonders gut. Sie erzählt hier von ihrer genauen Vorgehensweise beim Schreiben. Elif Shafak ist mir als in London lebende türkische Autorin, die sich auch hier mit ihrem Beitrag sehr für ein „Weltbürgertum“ und für Vielfalt statt Dualismus einsetzt, sehr sympathisch. Durch ihren Roman „Der Geruch des Paradieses“ lernte ich ihr Schreiben kennen. Ihre Reden, Essays und Bücher haben immer auch ein politisch/gesellschaftskritisches Ansinnen:

„Als Schriftsteller sind wir von Wörtern fasziniert, aber vielleicht noch mehr von den Stellen dazwischen. Von der Stille. Wir interessieren uns für die Dinge, über die wir in einer bestimmten Zeit nicht offen reden können. Geheimnisse, Tabus – gesellschaftliche, kulturelle, sexuelle Tabus. Ich habe immer das Bedürfnis, nach diesen Leerstellen zu fragen, neue Diskussionen zu eröffnen, den Rand ins Zentrum zu rücken; dem Sprachlosen eine Stimme zu geben, das Unsichtbare sichtbar zu machen.“

Joan Didion wollte ich schon länger lesen. Ihr Text über ihre sehr intuitive bildhafte Herangehensweise ans Schreiben hat mich nun überzeugt, dass ihre Lektüre nun nicht mehr aufschiebbar ist. Siri Hustvedt geht es beim Schreiben immer auch um das spezifisch weibliche Schreiben. Auch ihre Essays beziehen sich oft auf die Sichtbarkeit und unterschiedliche Wahrnehmung von Frauen. Ihr letzter Roman „Damals“ bezieht das Thema ebenfalls mit ein.

Mariana Lekys Bücher kannte ich schon bevor sie ihren Bestseller „Was man von hier aus sehen kann“ schrieb. In ihrem Beitrag erzählt sie humorvoll von ihren Schreibschulenerfahrungen in Hildesheim.

Nicole Krauss Schreiben wird viel von äußeren Begebenheiten beeinflusst und verwandelt. Interessant und literarisch gelungen sind die Ausführungen Kathryn Chetkovichs (Partnerin von Jonathan Franzen) über den Neid, wenn beide Partner schreiben. Und ganz großartig Zadie Smith über das Schreiben in der Ich-Form und über das Verwandeln von autobiographischem Schreiben in Literatur:

„Diese Art Literatur habe ich immer am Liebsten geschrieben und gelesen: eine, die sich in viele verschiedene Körper, viele verschiedene Leben einschleicht. Literatur, die nach außen blickt, hin zu den anderen.“

Die Herausgeberin hat wirklich eine schöne Vielfalt bei ihrer Auswahl geschaffen. Was ich allerdings sehr schade finde, ist, dass keine einzige Lyrikerin dabei ist. Seltsam, dass dieses Genre so selten mit einbezogen wird, dabei wäre die Herangehensweise an das Schreiben von Gedichten gerade hochinteressant.

Ich schließe mit einem Zitat, dass aus einem schriftlichen Interview von Sheila Heti mit Elena Ferrante (die ich in ihren Antworten wesentlich stärker finde als Sheila Heti in ihren Fragen) stammt:

„Gute Bücher sind überwältigende Bündel von Lebensenergie. Sie brauchen keine Väter, Mütter, Paten und Patinnen. Sie sind ein glückliches Ereignis innerhalb der Tradition und Gemeinschaft, die sie hütet. Sie haben eine Kraft, die in der Lage ist, sich ganz unabhängig in Raum und Zeit auszudehnen.“

Schreibtisch mit Aussicht erschien im Kein & Aber Verlag. Im Anhang finden sich Kurzbiographien zu allen Autorinnen. Die Übersetzerinnen werden im Anschluss an jeden Text genannt. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Romane der Autorinnen im Buch, die ich bereits besprochen habe:

Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/10/21/elif-shafak-der-geruch-des-paradieses-kein-aber-verlag/

Siri Hustvedt: Damals
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/04/06/siri-hustvedt-damals-rowohlt-verlag/

Terezia Mora: Die Liebe unter Aliens
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/10/11/terezia-mora-die-liebe-unter-aliens-luchterhand-verlag/

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/11/24/mariana-leky-was-man-von-hier-aus-sehen-kann-dumont-verlag/

Leila Slimani: Dann schlaf auch du
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/09/08/leila-slimani-dann-schlaf-auch-du-luchterhand-verlag/

Meg Wollitzer: Das weibliche Prinzip
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/07/30/meg-wollitzer-das-weibliche-prinzip-dumont-verlag/

 

Sofia Yablonska: Der Charme von Marokko Kupido Verlag

„Die Macht der Eindrücke, Reize und Entdeckungen, diese Fülle und Kraft der Farben und Formen, viel lieber würde ich, statt Wort für Wort zu Papier zu bringen, alles fotografieren und Ihnen die Aufnahmen schicken.“

Die Ukrainerin Sofia Yablonska (1907-1971) war zunächst keine literarische Schriftstellerin. Sie war Fotografin und Dokumentarin. Dieses Buch hätte es womöglich gar nicht gegeben, wenn Yablonska damals schon die Möglichkeiten des WorldWideWeb gehabt hätte. Sie hätte einfach ihre Aufnahmen auf Instagram geteilt. Sofia Yablonska wurde aber 1907 geboren und ihr Buch über ihre Marokkoreise von 1929 erschien 1932. Es ist eine Art Reisetagebuch, dem man die große Begeisterung der Autorin anmerkt. Sehr subjektiv sind die Eindrücke und oft gerade deshalb auch berührend. In dieser Zeit als Frau alleine auf Reisen zu sein, war durchaus ungewöhnlich und das merkte Yablonska auch immer wieder in ihren Begegnungen. Mit großer Offenheit und Neugier lässt sie sich auf mitunter abenteuerliche Aktionen ein und erzählt lebhaft davon.

Die Reise beginnt mit dem ersten Ziel Marseille und von dort aus geht es mit dem Schiff nach Marokko. Von der Überfahrt erzählt sie uns nichts. Doch wie Yablonska selbst, werden wir Leser in die Flut der ersten Eindrücke von Marrakesch geschickt. Offenbar hat sie ein Zimmer gemietet und sich zur Erholung auf dem Dach des Hauses im Schatten eines Strohdachs einen Liegeplatz gebaut. Von dort aus wird sie die Blicke schweifen lassen und ihre Erlebnisse notieren.

So erfahren wir von den Farben, den Gerüchen, Geräuschen und dem besonderen Licht. Yablonska schwärmt von den Menschen auf den Märkten, den Feuerschluckern, den Märchenerzählern, den Heilern, den Schlangenbändigern und den Tänzern.

In einem sehr ausführlichen Kapitel berichtet sie von ihrer Begegnung mit einem reichen einheimischen Mann, dem Kaid. Er will nicht glauben, dass sie eine Frau ist, weil sie im Kaffeehaus mit einem französischen Bekannten Schach spielt. Für ihn ist so etwas für Frauen undenkbar. Als sie ihn dann beim Schach sogar besiegt, erhalten die beiden eine Einladung in den Palast. In der Figur des Bekannten Manrier zeigen sich stark die Ressentiments der Kolonialherren gegenüber den Einheimischen. Doch der Kaid wird zum Bewunderer Yablonkas, spricht perfekt Französisch und zeigt ihr sogar seinen Harem, zu dem normalerweise nie jemand Zutritt erhält. Und er diskutiert mit ihr sogar über Politik und über beider Heimatländer.

Ein weiteres spannendes Kapitel führt Yablonska durch die Wüste über Taroudant bis ans Meer nach Agadir und in die unbesetzten Gebiete der Berber in der Wüste. Ein bekannter Chauffeur nimmt sie im Auto mit, zusammen mit einem Araber und seinen zwei Frauen. Yablonska ist hier ihre Abenteuerlust stark anzumerken.

„War das womöglich mein letzter Tag in Freiheit? In Gegenden, in denen die Franzosen ihre Trikolore noch nicht gehisst haben, in die sie mit ihren Truppen noch nicht einmarschiert sind, verüben die freien Araber Racheakte an glücklosen Abenteurern, die ihnen, getrieben von Neugier oder Leichtsinn, in die Hände fallen.“

Und tatsächlich gibt es dann auch brenzlige Situationen, da beide die Hitze und Sonne stark unterschätzen. Es drohen Wassermangel und Hitzschlag, doch Yablonska übernimmt das Steuer selbst und schafft es aus der Wüste in die rettende Oase. Später erfahren beide, wieder erholt, die legendäre Gastfreundschaft der Bevölkerung und gewinnen Freunde.

Ein besonderer Blick liegt auch immer auf den Frauen. Die Reisende erzählt begeistert von der Schönheit der Frauen, die jedoch zumeist verschleiert sind. Sie bemerkt jedoch auch, welches Schicksal die Frauen überwiegend tragen, wenn sie etwa wie eine „Frau“ des Kaid bereits mit 12 Jahren verheiratet werden und fortan dem Mann dienen müssen. Einzig die Berberfrauen erkennt sie als stolzer und freier.

In ihrem Nachwort erfahren wir von Olena Haleta mehr über Sofia Yablonska und ihr Leben. Sie wurde 1907 in der Nähe von Lwiw geboren. Die Familie wurde mehrmals vertrieben und Sofia entging diesem Schicksal später, in dem sie von selbst mal hier mal dorthin reiste. Sie war in einer galizischen Frauenbewegung engagiert und veröffentlichte Reisereportagen in Frauenzeitschriften. Um Geld für ihre Reisen zu verdienen, leitete sie zwei Kinos, betrieb später eine Pension. Sie lebte und studierte einige Zeit in Paris. Ihre Reisen führten sie auch überwiegend in französischsprachige Räume. Ihre Unabhängigkeit ist stellvertretend für ein neues Frauenbild. Auch die Liebe und die Zweierbeziehung stellte sie dafür zunächst zurück. Später lebte sie mit ihrer Familie in Frankreich. Sie starb 1971 bei einem Autounfall.

Auf ihren Reisen blieb sie nie oberflächliche Touristin, sondern wollte tatsächlich den Menschen und ihrer Lebensweise begegnen und die Eigenheiten des Landes kennenlernen. Als Hilfe dient ihr dazu auch ihre Kamera und ihr echtes tiefes Interesse. Yablonska reist später noch viel im asiatischen Raum, in China verbringt sie gar 15 Jahre. Hier entstehen zwei Reisetagebücher, veröffentlicht 1936 und 1939, die im Anschluss an dieses Buch zur Veröffentlichung in deutscher Sprache im neuen Kupido Verlag in Vorbereitung sind.

Die Übersetzerin Claudia Dathe übertrug das Buch aus dem Ukrainischen. Herausgegeben hat es Roksolana Sviato. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

21.12. Literarische Adventtürchen

Kurze Auszüge aus Büchern aus 2020, die mir am Herzen liegen – Zeilen, Worte, die vielleicht in ein Leser*innenbewusstsein vordringen – Literatur, die etwas zum Leuchten bringt: Hier sind meine literarischen Adventtürchen, tägliches Licht in merkwürdigen Zeiten …

aus Schreibtisch mit Aussicht herausgegeben von Ilka Piepgras, Text von Elif Shafak, verlegt bei Kein & Aber.

Besprechung folgt in Kürze.

 

Bodo Kirchhoff: Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt Hörbuch Frankfurter Verlagsanstalt

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„Die Reederei würde sich freuen, Sie als Gastkünstler an Bord begrüßen zu dürfen!“

Bissig, sarkastisch und irgendwie doch „schrecklich amüsant“, wie sich schon der geniale amerikanische Schriftsteller David Foster-Wallace in seinem Kreuzfahrtbuch äußert, sind die Erwiderungen Bodo Kirchhoffs auf die Einladung zu einer Kreuzfahrt durch die Karibik. Diesen in Brief- oder Mailform gehaltenen Antwort-Monolog gibt es auch als Buch. Vom Autor selbst gelesen ist es aber vielleicht sogar noch böser, klingt zumindest aber deutlich unbescheiden, wie sich Kirchhoff ja oftmals gibt und zudem sich in Rage redend, bisweilen geistreich und scharfzüngig zugleich.

Sehr geehrte Frau Faber-Eschenbach!
Haben Sie Dank für die Einladung zu einer zweiwöchigen Kreuzfahrt durch die Karibik in einer Außenkabine mit Balkon bei freier Verpflegung sowie freien Getränken an jeder Bar unter der Bedingung mehrerer Lesungen aus meinem Werk, jeweils zur Prime Time, wie es in Ihrem Schreiben heißt, das Ganze auch gültig für eine Begleitperson einschließlich des Fluges nach Havanna auf Kosten der Reederei Arkadia Line – was kann ein Mensch dazu anderes sagen als ja? Und doch erlaube ich mir einige Gedanken vor einer Zusage, die, wie Sie betonen, möglichst umgehend erfolgen soll, obgleich die Reise erst für die Zeit um die Jahreswende eingeplant ist und wir uns noch kaum im März befinden.

Ihr Angebot traf am frühen Nachmittag ein, und auch wenn elektronische Post keine Zeiten kennt, keine innere Uhr, kennt sie doch der, der so ein Schreiben mittags versendet – er kann davon ausgehen, dass sich der Empfänger auf einem Tagestiefpunkt befindet, fast von allein bereit, die Einladung zu einer Kreuzfahrt als Glücksfall zu sehen.
( … )
Allerdings legt die Eile, zu der Sie mich anhalten, eine Vermutung nahe: Ob Sie wohl unter Druck stehen, etwa diese und jene unerwartete Absage erhalten haben, weil die Angefragten doch ein häusliches Weihnachten und Silvester vorziehen, oder bin genau ich es, den die Reederei auf dem Schiff haben will, natürlich auf Ihre Empfehlung hin, weil man in Chefetagen nur Bilanzen liest? „

So beginnt Kirchhoffs Tirade, die sich als Antwort tarnt, sich aber in Wirklichkeit viel weiter in Fragen vertieft: Was ist ein Künstler/Schriftsteller zu tun bereit, wenn es um Berühmtheit oder ums liebe Geld geht? Wie weit geht die moderne Vergnügungssucht in ihren immer bizarreren Formen? Reicht eine „normale“ Lesung oder gar die stille Lektüre zuhause nicht mehr aus? Muss alles nur noch aus Performance mit möglichst exotischem Drumherum bestehen? Fragen, die ich für absolut berechtigt halte.

Wie auch immer, Frau Faber-Eschenbach wird sich wundern, wenn Sie Kirchhoffs Antwort tatsächlich erhält. Falls sie Kirchhoff-Fan ist, wird sie diese vielleicht aber auch freuen.

Als Ergänzung zu David Foster Wallace klugem Buch „Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich“ (der allerdings wirklich eine Woche lang auf einem Luxusliner verbrachte und durchhielt) für alle zukünftigen Kreuzfahrtreisenden zu empfehlen (obgleich man natürlich besser von jeglicher Kreuzfahrt abrät, allein schon wegen des Umweltschutz und der zunehmenden Gefahr des Kenterns). Oder für Kirchhoff-Fans, die mehr über das Selbstbild ihres Lieblingsautors erfahren wollen.

Buch und Hörbuch sind in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen. Hier eine
 Hörprobe . Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine Besprechung von Bodo Kirchhoffs 2016 buchpreisgekröntem Roman „Widerfahrnis“ gibt es bereits hier auf meinem Blog.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Tomas Espedal: Bergeners Matthes & Seitz Verlag

Foto: gemeinfrei wikimedia commons

Ein Buch über die Bewohner der norwegischen Stadt Bergen? Obwohl ich jedes ins Deutsche übertragene Buch von Tomas Espedal gelesen habe und seine Sprache liebe, überlegte ich skeptisch, ob ich „Bergeners“ lesen will. Als es mir dann in der Bibliothek in die Hände fiel, dachte ich, einen Versuch ist es wert. Und tatsächlich, Espedal wäre nicht Espedal, würde er nicht auch aus einem Buch über die Einwohner einer kleinen norwegischen Stadt am Meer ein sprachlich und emotional tiefes und geniales Buch machen. Spätestens aber, als er über die Einsamkeit schreibt (siehe Foto unten), folge ich ihm widerstandslos, immer in der Gefahr, in oder mit seinen Worten und Sätzen zu versinken.

„Sonntag, 14. August: Heute Nacht ist etwas passiert, was es noch nie gegeben hat. Ich schrieb bis halb zwei Uhr nachts, eine ganze Erzählung, eine meiner besten, glaube ich, in einem durch.“

Espedal erzählt anfangs weniger über die Stadt und seine Bewohner, sondern aus seinem Schriftstellerleben, vom Reisen und Unterwegssein. (Er erwähnt sogar, dass es wohl einen Auftrag gab, dieses Buch über Bergen zu schreiben, der schwerlich abzulehnen war.) Es gibt keinen stringenten Rahmen, keine Romanhandlung, aber das ist einem als Espedal-Fan durchaus bekannt. Er erzählt zunächst sogar von Zeiten, als er aus der Stadt flieht, aus Norwegen weg will, weil er in einer unschönen Szene in einem Band von Knausgårds „Min Kamp“ auftaucht und jeder ihn nun darauf anspricht, nachhakt, was da denn dran sei. Sogar im Ausland steht dann das Telefon nicht still. Espedal berichtet von typischen Handlungen oder eigentlich Nicht-Handlungen, wie am Fenster des Hotels sitzen und starren, ziellos durch die Stadt treiben lassen, grübeln, zweifeln, rauchen, trinken. Wenig bis kaum schreiben.

„Ich sitze an einer Straßenecke und schaue, rauche und schaue, schaue und trinke Wein, sitze den ganzen Tag da und schaue auf die vorüberströmende Menschenmenge, ein gleichmäßiger, beruhigender Menschenfluss; man hat die angenehme Empfindung zu ertrinken, von der Strömung zu stillen Wassern mitgeführt zu werden.“

Später lässt er innerhalb der Bergener Stadtstruktur diverse stadtbekannte Figuren auftauchen, Künstler, Schriftsteller, Malerinnen etc. , die sich sicher leicht erkennen, wenn sie denn das Buch lesen sollten. Es ist eine wilde, abenteuerlustige, aber auch irgendwie destruktive Bande, dem Alkohol und Sex nicht abgeneigt, gerade so, wie man sich das Künstlerleben eben vorstellt. Aber eben auch die Einsamkeit in aller Schärfe, die Verlorenheit, die sichtbare Wenigkeit des Seins, wenn die Kreativität blockiert ist, wenn alles zum Stillstand kommt.

„Er sagte: Du weißt genauso gut wie ich, dass die wichtigsten literarischen Werke schon längst geschrieben sind. Das, was ich über Heidegger gesagt hatte, hatte ihn verärgert, jetzt wollte er zurückschlagen, und dieser Schlag sollte mich umso härter treffen, da er wusste, dass ich versuchte, Romane zu schreiben.“

Espedal erzählt von seiner Kindheit im Viertel der Wohnblöcke in Bergen, vom Wetter, von Schreibblockaden, vom idealen Schreibort, den es vielleicht gar nicht gibt, von Versuchungen, von Ritualen und Routinen bis zur machtvollen Gewohnheit.  Von heißen griechischen Inseln ist die Rede, von den Bildern Goyas, von Literaturfestivals mit Begegnungen, wie etwa mit Dag Solstad, vom Besuch des ehemaligen Wohnhauses des großen Schriftstellers Ismael Kadare in Albanien und von einem Schreibkurs, den er im Bergener Gefängnis gibt. Er schreibt von Eifersucht, Gier und Neid. Von Intensität und Passion. Aber eben auch von Schönheit. Und von Liebe. Und vom Verlust, vom Leid, vom Tod. Durchbrochen werden die einzelnen, recht kurzen Sequenzen von Versen, Gedichten.

Espedals Sprache ist eine der schönsten, die ich kenne. Eine der wenigen, die kompromisslos die Tiefe sucht, die jedes einzelne Wort abwägt und stimmig setzt. Das Buch ist ein Muss für alle Espedalfans. Alle anderen fangen am Besten mit dem Buch an, dessen Titel ich unwiderstehlich finde:

Gehen oder die Kunst ein wildes und poetisches Leben zu führen

Im Roman heißt es an einer Stelle außerdem:

„Amalie Skrams Romane gibt es schon, keiner der heutigen Autoren kann Skram auch nur von Ferne das Wasser reichen, …“

Den wunderbaren Roman  von Amalie Skram: Professor Hieronimus habe ich hier auf dem Blog bereits besprochen

Das Buch „Bergeners“ erschien im Matthes & Seitz Verlag. Die geniale Übersetzung aus dem Norwegischen ist wie immer von Hinrich Schmidt-Henkel.

Bildrechte: gemeinfrei wikipedia commons

Margarete Stokowski: Untenrum frei Rowohlt Verlag / Rebecca Solnit: Wenn Männer mir die Welt erklären btb

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„Frauen unterschätzen sich und werden unterschätzt, immer noch. Sogar Stürme mit Frauennamen werden unterschätzt. Hurrikane mit Frauennamen töten mehr Menschen als solche mit Männernamen, weil Leute sich vor ihnen seltener in Sicherheit bringen.“

Zwei Sachbücher, die ich lange schon lesen wollte und es nun endlich, trotz der vielen noch zu lesenden Romane, getan habe. Es schien die passende Zeit. Dennoch haben beide mich nicht überzeugt und ich wende mich in Zukunft lieber wieder Romanen mit diesen Themen zu, die in meinen Augen, oft tiefer wirken.

Margarete Stokowski ist derzeit eine stete Stimme. Sie hat soeben ihr zweites Buch zum Thema Feminismus veröffentlicht und schreibt für diverse Zeitungen. Stokowski lebt in Berlin und ist Jahrgang 1986.
Die Autorin versucht aufzudröseln, was alles schief läuft, was alles von Anfang an anders laufen könnte. Das schafft sie, wie ich meine, ganz gut. „Untenrum frei“ scheint mir allerdings für eine andere Generation als meine geschrieben zu sein. Ich bin nicht mit sozialen Medien aufgewachsen und darüber wirklich froh. Zwar habe ich allerhand wiedererkannt und doch ist es mir oft fremd, was Stokowski schreibt. Tatsächlich wundert es mich, dass es immer noch Jugendzeitschriften wie „Bravo“ und „Mädchen“ gibt, die ich, zugegeben, als Teenager schon zu meiner Zeit las. Erschütternd finde ich, was diverse „Frauenzeitschriften“ (die ich seit 100 Jahren nicht mehr lese), für ein Frauenbild aufzeigen, als sind Frauen erst dann Frauen, wenn sie deren Mode-, Kosmetik-, Sex- und Beziehungstipps berücksichtigen. Stokowski führt einige Beispiele an, bei denen mir schlecht wird.

„Hätte es wirklich eine sexuelle Revolution gegeben, dann wäre die Palette breiter und das Bild der sexuell attraktiven Frau wäre nicht auf eine reine, junge, glatte und „unverbrauchte“ Version beschränkt.“

Dass Stokowski anhand ihrer eigenen Erlebnissse in Kindheit, Jugend, usw. spiegelt, was alles schief läuft, ist verständlich. Sicher braucht es etwas, auf das man sich beziehen kann. Dennoch wird mir manches zu persönlich. Andererseits finde ich ihren Stil passend für unsere Zeit. Sie sagt nie, so muss es sein, gibt aber Anregungen, wie es sein könnte, stellt Fragen. Was mich verwundert, ist die teils derbe Sprache. Und auch wenn sie von sich erzählt, sie habe „früher haufenweise sexistische Witze und Sprüche gemacht, weil es ankam“, dann ist das für mich unverständlich und wenig achtsam und mindert für mich auch ein wenig die Glaubwürdigkeit der Autorin (die z.B. ein Kapitel „Die Poesie des Fuck you“ nennt).

Das Buch ist flugs gelesen und stellenweise auch recht unterhaltsam, mitunter nachdenklich stimmend. Nachhaltig wirkt es allerdings bei mir nicht. In vielem teile ich nicht ihre Meinung. Ein autobiografisches Buch, das ich kürzlich las, wirkte da viel tiefer und zeigte ganz ähnliche Themen in jedoch anderer Art und Weise auf: „Die Jahre“ von Annie Ernaux habe ich auch bereits hier auf dem Blog besprochen.

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Rebecca Solnit ist US-Amerikanerin und Jahrgang 1961. Ihr Buch „Wenn Männer mir die Welt erklären“, obgleich es schon typisch amerikanisch geprägt ist, zeigt auf ein Thema, was wirklich extrem auffällig ist und tief verankert in westlichen Kulturen. Leider behandelt nur einer der Essays, aus denen das Buch zusammengesetzt ist, genau diese Situation.

„Männer erklären mir die Welt, mir und anderen Frauen, ob sie nun wissen, wovon sie reden, oder nicht. Manche Männer jedenfalls.
Jede Frau weiß, wovon ich spreche.“

In weiteren Kapiteln schreibt Solnit über das Thema Vergewaltigung und berichtet vor allem über die Massenvergewaltigungen in Indien. Zum Thema Vergewaltigung las ich kürzlich Bettina Wilperts Roman „Nichts, was uns passiert“, welches ich sehr viel dichter und interessanter fand. Die Besprechung gibt es hier.

Weitere Kapitel handeln von dem in den USA in die Schlagzeilen geratenen Strauss-Kahn. Nach und nach kommt hier die ganze Dimension seiner sexuellen Übergriffe an die Öffentlichkeit. Alles deutet schon in Richtung #metoo-Debatte. Wenn die Autorin sich allerdings mit Susan Sonntag trifft, um über Virginia Woolfs Thema der „Dunkelheit“ in ihrem Werk spricht, ist mir das zu theoretisch und nicht nah genug an der heutigen Wirklichkeit. 

Genauer betrachtet hat mir auch dieses Sachbuch nicht wirklich relevante Neuigkeiten überbracht. Mein Ausflug in die Welt der Sachliteratur zum Thema Feminismus ist damit wohl erst mal beendet.

Ulrike Draesner: Eine Frau wird älter Penguin Verlag

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Ungeduldig wartete ich auf das Erscheinen dieses Buches von Ulrike Draesner, hatte ich doch ihre Hörbucherzählung „Happy Aging“, die vor zwei Jahren erschien, als sehr wohltuend und geistreich empfunden. Als ich zu lesen begann, merkte ich, dass mir das so einiges bekannt vorkam. Und tatsächlich, man kann es auf der hinteren Umschlagklappe lesen, sind die Essays aus den erzählten Texten jenes Hörbuchs entstanden. Das Hörbuch bei supposé, bereits hier auf dem Blog vorgestellt, hat offenbar wenige Frauen erreicht, so dass man sich entschied, die Texte noch einmal schriftlich zu veröffentlichen. Es schadet nichts, sie noch einmal zu lesen, dachte ich zunächst.

Draesner holt in ihren kurzen Essays weit aus. Es geht weit zurück und tief nach innen. Sie erzählt von ihrer Kindheit an, erzählt sehr persönlich aus ihren Kindheitserfahrungen und der Sichtweise des Mädchens auf die Eltern, Schwester und Großeltern und ganz allgemein über das Heranwachsen, den Zeit, bis hin selbst als Mutter zu agieren. Dabei fließen sowohl zeitspezifische Erziehungweisen und gesellschaftliche Gepflogenheiten mit ein (Draesner ist Jahrgang 1962).

„Ich erlebe es als ein Privileg, diesen Weg gehen zu dürfen. Er ist, wie bereits flüchtige Blicke in die Menschheitsgeschichte belegen, alles andere als selbstverständlich. Wer altern darf, kann sich in einem anhaltenden Prozess bis zu seinem Ende hin verändern. Er ist herausgefordert, sich zu diesen Veränderungen zu verhalten.“

Doch mit Weisheit im Altern ist es nicht getan, Draesner kommt auch auf die spezielle Rolle des weiblichen Körpers, wobei sie zwar die Unterschiede zwischen dem, was sich Männer leisten dürfen und dem was Frauen nicht zu gestanden wird moniert, um dann selbst auf unschöne(!) wabbelige Oberarme bei Frauen hinzuweisen. Oder sie unterstellt einer Frau ohne Mann/ohne Kinder, „ein vorsichtiges Leben“. Ich bin damit unzufrieden.

Das wohl beste und für mich stimmigste Kapitel ist das mit „Astrid Lindgren klettert auf einen Baum“ übertitelte, in welchem Draesner auf Literatur starker zeitgenössischer älterer Autoreninnen eingeht. (zu finden auf Draesners Website, auf der einzelne Kapitel nachzulesen sind).

Ich bin nicht sicher, wie ich das Buch finden soll. Ich erinnere mich, die CD damals als bereichernd empfunden zu haben. Nun kommt mir beim Lesen doch vieles banal vor. Zu persönlich? Zu oberflächlich? Brillante Gedanken oder Denkanstöße finde ich wenige. Schade. Womöglich weil ich mich in diesen zwei Jahren selbst ganz anders weiter entwickelt habe? Aber gleichzeitig weiß ich, dass ich mit dem nächsten Roman der Autorin sicher wieder zufriedener sein werde. Denn in Prosa und Lyrik spricht mich Draesner mehr an. Und dann gibt es ja auch noch Silvia Bovenschens Buch übers „Älter werden“. Oder Iris Radischs Buch „Die letzten Dinge“. Gibt es noch weitere kluge Bücher von Autorinnen zum Thema? Über Tipps freue ich mich.

„Eine Frau wird älter“ erschien im Penguin Verlag. Eine Leseprobe findet man hier.  Eine weitere Rezension, die meiner Meinung ziemlich nahe kommt, findet sich auf fixpoetry.  Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Das Herz verlässt keinen Ort, an dem es hängt #weiterschreiben Ullstein Verlag

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Ein wirklich tolles Projekt haben sich die Autorinnen Annika Reich und Lina Muzur ausgedacht und in die Tat umgesetzt. Es begann mit der Idee eine Möglichkeit zu finden für Autorinnen und Autoren aus Krisengebieten und/oder im Exil weiter zu schreiben und auch weiter gelesen zu werden. Daraus entstand  im Netz die Seite https://weiterschreiben.jetzt/  und nun die gedruckte Anthologie.

Das Buch ist innen viel schöner geworden als das Cover verspricht. Ich bin ziemlich begeistert, dass im Buch nicht nur Texte, sondern auch Kunst, bunt sich ausbreitend, enthalten ist. Es ist auch das, was ich zuerst ansehe. Ich bin mit Bildern vertraut, ich nehme vieles wahr, was dahinter steht. Es sind Fotos, Mixed Media-Arbeiten, Malerei und Tusche, die ich selbst als Material so liebe. Ich gehe mit diesem Buch anders um, lese nicht von vorne nach hinten durch, sondern blättere, lese, blättere, schaue.

Deutschsprachige Autorinnen und Autoren trafen sich, real oder über den Bildschirm, um über ihr Schreiben zu sprechen, zu übersetzen oder einfach der Welt des/der anderen zu begegnen. Ob Annett Gröschner mit Lyrikerin Widad Nabi in die Geschichte ihrer Heimathäuser eintaucht, ob Saša Stanišić über ein Lachen von Salma Salem erleichtert ist oder ob der Journalist und Dichter Ramy Al-Asheq überrascht ist, als die Lyrikerin Monika Rinck, bei ihrem Treffen sofort beginnt sein Gedicht zu übersetzen, alle haben einen stimmigen Umgang miteinander gefunden, alle haben sie mich getroffen, nah am Herzen.

Ich werde nicht viel mehr über das Buch schreiben. Das entscheide ich gerade beim Blättern. Ich werde kurz aufzeigen, was es für mich so wertvoll macht, stärker, als ich vorher dachte. Es erzählt von Menschen, die das tun, was ich auch tue, Schreiben, trotz aller Widrigkeiten, innerer und äußerer. Ob im Innen Krieg herrscht oder im Außen – Schreiben bleibt.

 

Auszug aus dem Gedicht „Briefe an 14 Gazellen“ von Widad Nabi

„Nachts werde ich alt
heimlich vor der Zeit,
ohne dass mich jemand sieht.
Ich werde hundert Jahre alt.
Die Traurigkeit, die unter meiner Haut wächst,
wird zum Gedicht,
und ich bleibe, wie ich bin,
eine kleine Gazelle im Spiegel der Quelle.

Auszug aus „Das Herz eines Wolfes kochen“ von Rabab Haidar

„Wölfe werden immer nur mit Männern in Verbindung gebracht: Männer essen ihre Herzen und die Wölfe essen ihre. Wölfe werden Männer und verwandeln Männer in Wölfe.
Frauen hingegen werden mit Schlangen, Skorpionen, Eulen, Mäusen, Katzen oder Kaninchen assoziert. Mit Wölfen nicht.
Wie soll ich nur von mir erzählen?“

Auszug aus dem Gedicht „Den Dichtern folgt die Traurigkeit“ von Ramy Al-Asheq 

„Den Dichtern
folgt nur die Traurigkeit

Sie erwacht wie ein Funke an Fingerspitzen
und schläft ein
wischt man eine Träne
fort
mit den Fingerspitzen

Geboren wird sie
unbefleckt
bevor die Sprache sie überfällt
und benennt

Sie tritt ein mit dem Wind
und fährt aus mit der Seele“

Ich lege dieses Buch allen sehr ans Herz. Es ist eine Schatztruhe, eine Wunderlampe, ein Leuchten!

Das Buch erschien im Ullstein Verlag. Alle Beteiligten hier aufzuführen würde den Rahmen sprengen, sie sind aber im Buch und auf der Verlagsseite zu finden, wo es auch eine Leseprobe gibt. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Lucia Jay von Seldeneck/Florian Weiß: Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen Kunstanstifter Verlag

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„Tiermeldungen aus zwei Jahrhunderten“ – diesen Untertitel trägt dieser großformatige Band aus dem Kunstanstifter Verlag, der ganz feine, wunderschöne sehr eigen gestaltete Kunstbücher herausgibt. Dieses Exemplar hat es in sich. Es vereint kleine merkwürdige Geschichten über sonderbare Tiere mit beeindruckenden Illustrationen, die zudem auf sehr originelle Weise entstanden sind. Mit seiner selbst erfundenen „Punktiermaschine“ bearbeitet der Berliner Künstler und Illustrator Florian Weiß Papier und lässt kleine Meisterwerke entstehen. Siehe folgendes Foto:

Der Band ist in Halbleinen gebunden, auf feinem Papier gedruckt, fadengeheftet und hat zu jeder Geschichte ein ausklappbares Bild des jeweiligen Tiers. Beeindruckend, wie genau Weiß seine Punktierungen ausführt. Jedes einzelne Tier wird mit Entdeckungsjahr und Entdeckungsgeschichte vorgestellt. Es finden sich Tiere in der Luft, Tiere im Wasser, auf und unter der Erde.

Die Autorin Lucia Jay von Seldeneck ist bereits recht bekannt durch ihre Bücher über Berlin, wie etwa „111 Orte in Berlin, die man gesehen haben muß“. Doch diesmal geht es nicht um Berlin, sondern um die ganze Welt. Die Autorin hat sich Geschichten zu den seltsamen Tieren ausgedacht, die Weiß punktiert hat. Das ganze ist sehr stimmig geworden. Zu Bild und Geschichte gibt es auch die tatsächlichen Daten zum jeweiligen Tier und eine Landkarte zum Aufenthaltsort.

So erleben wir, wie ein 1,70 langer Alligator in der Kanalisation entdeckt wird. Oder dass Elefanten in Afrika immer kürzere Stoßzähne haben: man vermutet eine genetische Anpassung an die Gegebenheiten (Elfenbeinhandel). Wir hören von einem Storch, der im Mecklenburgischen mit einem Stück Pfeil aus afrikanischem Holz im Hals aufgefunden wird, und damit einen Beweis der Langstreckenflüge nach Süden erbringt. Oder von einem dänischen Archäologen, der Maulwürfe als Ausgrabungshelfer einsetzt.

Wir lesen von Maria Sibylla Merian, die über die Metamorphose der Raupe zum Schmetterling forscht und dazu Bilder veröffentlicht. Davon, wie eine Gruppe Wildgänse, in Formation fliegend, auf dem Radar über Alaska von Soldaten für Kampfflugzeuge gehalten wird. Über eine Schildkröte auf Tonga, die erst im Alter von 188 Jahren stirbt. Und wie die DDR-Regierung den amerikanischen Feinden eine Kartoffelkäferplage ankreidet. Was Dichter Ringelnatz mit Seepferdchen zu schaffen hat … und noch vieles andere mehr.

Dieser kunstvolle über DIN A4 große Band ist ein Kleinod aus einem ganz wunderbaren Verlag. Es lohnt sich, dem ungewöhnlichen Programm vom Kunstanstifter Verlag Beachtung zu schenken. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Andrea Scrima: Wie viele Tage Literaturverlag Droschl

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Die 1960 in New York geborene Andrea Scrima ist Künstlerin und lebte zeitweise abwechselnd in Berlin und in New York. Jedes der kurzen Kapitel ihres Debütromans öffnet sie mit der Örtlichkeit, an der sie sich befindet: Ihre jeweiligen Wohnungen oder Ateliers in beiden Städten. Es sind sehr persönliche Notate, fast tagebuchähnlich. Und in der Tat meint man erst einmal nur von Äußerlichkeiten zu hören. Doch je eindringlicher man lauscht, desto mehr öffnen sich die Texte.

„Jeder in seiner eigenen Welt, seinem eigenen persönlichen Universum, all diese imaginären Räume und Landschaften, die in den Köpfen der Leute existieren, koexistieren, kollidieren.“

Oft sind es Kleinigkeiten, die dem Text die Stimmung geben. Scrima hat einen übergroßen Wahrnehmungssinn, ein Bewusstsein für Alltagsmuster. Sie ist eine Zweiflerin, eine Gedankenspinnerin im besten Sinne. Sie erzählt auch von nichts geringerem als der Zeit, dem Vergangenen, Gegenwärtigen und dem Zukünftigen. Immer wieder kommt gebetsmühlenartig der Satz: doch das kam später … Der Satz taucht immer wieder auf, kaum hat man ihn vergessen, ist er doch wieder da. Man wundert sich erst, was das soll, doch wird er schließlich zum roten Faden, der die Geschichte trägt.

„Wie viele Tage verbringe ich regungslos, warte, dass diese wirbelnden Gedankenfetzen sich langsam auf dem Boden des Glases absetzen, voller Angst, mich zu rühren, Angst den Tumult wieder aufzuwühlen, und jeder Gedanke enthält seine Widerlegung, jede Einsicht trägt die Spuren ihres Gegenteils.“

Scrima erhielt ein Arbeitsstipendium für Deutschland und landet in Berlin. Für mich ist sehr interessant, dass die Autorin zeitweise im selben Kiez in Kreuzberg lebte, wie ich heute. Und wenn es dann heißt,

„Und Frau Chran erzählte manchmal von den Leichenbergen auf dem Marheinekeplatz gegen Ende des Krieges, wo große Schirme die Tische des Restaurants vor der Sonne schützen und Kastanienbäume ihre weiten Schatten über den Spielplatz werfen, …“

dann weiß ich genau, wo sich alles abspielte, damals wie heute. Scrima erzählt aus dem Berlin der 80/90er Jahre. Fidicinstraße und Eisenbahnstraße in Kreuzberg sind die Stationen der Künstlerin.

Ein großer Teil der Kapitel spielt in New York, wo es drei Adressen gibt, aus denen erzählt wird, jeweils zur entsprechenden Lebensphase: Bedford Avenue, Kent Avenue und Ninth Street. Die Autorin bewegt sich impulsiv zwischen den Zeiten. Gedankensprünge erfordern genaues Lesen und Kombinieren. Scrima schlüpft ab und an in die Kindheit. Manche Ereignisse haben sich so eingebrannt, dass sie Jahrzehnte später noch zu erfühlen sind. Sie erzählt von der ersten eigenen Wohn- und Atelier-Adresse. Hier zeigt sich das Glück der Freiheit, aber ebenso die Ausmaße der Armut eines Künstlerdaseins. Ich erfahre, dass die Künstlerin in Beziehungen lebt, dass Trennungen stattfinden und der Tod des Vaters. Manche Begegnung zeigt sich schemenhaft und nur über neue Namen, die Beziehung wird meist nur kurz angerissen.

Was währenddessen im Außen passiert, woran man erkennt, in welcher Zeit man sich befindet, wird ab und an durch Zeitungsausschnitte oder direktes Erleben, wie etwa die deutsch/deutsche Grenzöffnung in Berlin, angedeutet. Es erscheint mir aber letztlich weniger wichtig als die „innere Zeit“ der Protagonistin, die immer wieder an Grenzen kommt, an die Endlichkeit, ans Vergängliche stößt, welche sie auch in ihrer Kunst darzustellen weiß.

„… und frage mich, wie lange der letzte Moment  eines Lebens dauern kann, kann er sich bis ins Unendliche ausdehnen, frage ich mich, kann die Seele angehalten werden, schwebend gehalten in einer nie enden wollenden Phase des Übergangs.“

Das stete Hinterfragen und das gleichzeitige Staunen macht den Ton in diesem Buch. Scrimas Sprache ist eine oft sehr poetische, manches kurze, nur halbseitige Kapitel könnte ebenso ein Gedicht im Blocksatz sein. Hier verschwimmen die Grenzen und so wird aus Biografischem feinste Literatur. Ein Leuchten!

Das Buch erschien im feinen österreichischen Literaturverlag Droschl. Übersetzt aus dem Amerikanischen wurde es von Barbara Jung. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.