14.12. Literarische Adventtürchen

Kurze Auszüge aus Büchern aus 2020, die mir am Herzen liegen – Zeilen, Worte, die vielleicht in ein Leser*innenbewusstsein vordringen – Literatur, die etwas zum Leuchten bringt: Hier sind meine literarischen Adventtürchen, tägliches Licht in merkwürdigen Zeiten …

aus Die Farbe der Dinge von Martin Panchaud

Meine Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2020/08/31/martin-panchaud-die-farbe-der-dinge-graphic-novel-edition-moderne/

Ambra Durante: Black Box Blues Wallstein Verlag

„Black Box Blues“ von Ambra Durante ist eine Art Graphic Novel. Schon aus dem Titel heraus kann man ahnen, dass es hier um Depressionen geht. Doch nicht nur das. Der 19-jährigen jungen Frau, die ihre jugendliche Heldin sich selbst und ihr Leben zeichnen lässt, die diversen Abstürze und Dunkelheiten, aber auch das Licht zeigt, das ab und an durchscheint, geht es auch darum, wie schwierig es heute ist erwachsen zu werden. Der, durch die bunte social media Welt vorgegebenen tollen Dauerstimmung kann jemand, der unter Depressionen leidet nicht standhalten. Das drohende Scheitern schwebt immer darüber, das Gefühl, es nicht so gut zu können, wie die anderen. Tröstlich für die Heldin ist der „Klub 27“: diverse Musiker*innen (wie Amy Winehouse, Curt Cobain), die bereits mit 27 den Tod fanden und womöglich mit ähnlichen Dunkelheiten zu kämpfen hatten. Musik machen ist somit auch eine Option, mit der Verlorenheit umzugehen. Mit den diversen Therapeuten ist es schwieriger. Mehr Licht bringt da das Zeichnen. So kann der schwarze Block, der scheinbar immer da ist, zumindest ab und an verkleinert werden. Familie und Freunde sind auch in den dunkeln Phasen von unschätzbarem Wert.

Die Zeichnungen sind comicartig, durchgehend in schwarz/weiß gehalten und oft sehr ausdrucksstark. Mir scheint das Buch allerdings eher für Jugendliche und junge Erwachsene geeignet und vielleicht auch eher für Außenstehende, die gerne einen Einblick in die Krankheit, die das Leben wirklich arg verändert, bekommen möchten. Betroffene werden sich sicher auch wiederfinden und vielleicht wird irgendwo ein kreativer Raum eröffnet. Dann wäre schon viel gewonnen. Mehr Worte möchte ich über das Buch nicht verlieren, denn es wirkt allein durch seine Bilder.

Ergänzend gibt hier es ein aufschlussreiches Interview mit der 19-jährigen Autorin, die in Berlin und Mecklenburg Vorpommern lebt: https://www.ndr.de/…/Black-Box-Blues-Graphic-Novel-ueber-De…

Das Buch erschien im Wallstein Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Martin Panchaud: Die Farbe der Dinge Graphic Novel Edition Moderne

Die Debüt-Graphic Novel des Schweizer Zeichners Martin Panchaud „Die Farbe der Dinge“ begegnete mir auf der Liste für den Max und Moritz-Preis 2020 des Erlangener Comic-Salons. Graphic Novels sind eine meiner Meinung nach unterschätzte Sparte der Literatur. Hier kann viel mehr experimentiert werden, was Panchaud auch hinreichend ausnutzt. Seine Geschichte ist vor allem in der zeichnerischen Umsetzung ein echtes Highlight. 

Äußerlich scheint es zunächst unspektakulär, zeigt jedoch sofort, auf was die Leserin sich hier einstellen muss. Panchaud erzählt seine Geschichte sozusagen aus der Vogelperspektive. Die farbigen Punkte auf dem Umschlag stehen und bewegen sich stellvertretend für die Protagonisten der ungewöhnlichen Geschichte. Es ist unglaublich, wie extrem gut das funktioniert. Nach einer kleinen Gewöhnungsphase beginnt man diese Art der Darstellung zu lieben. Die Leserin selbst hat hier die Möglichkeit sich mit der eigenen Phantasie den/die Helden „auszumalen“. Diese reduzierte Art wechselt sich ab mit konkreten Bildern, so dass es genügend Abwechslung und genug Raum für die Vorstellungskraft gibt.

Am besten man prägt sich gleich die jeweiligen Farben ein, vor allem die von Simon, dem 14-jährigen Helden. Zu Anfang wenig heldenhaft, ausgenutzt und getriezt von seinen Mitschülern, hängt auch im prekären Zuhause der Haussegen schief. Als er auf Befehl seiner Peiniger einer Wahrsagerin die Einkäufe nach Hause trägt, gibt sie im unverhofft einen Tipp fürs Pferderennen. Simon setzt alles Geld, was er zuhause finden kann auf den Außenseiter Black Caviar – und gewinnt! Und zwar richtig viel. Das Problem: als Minderjähriger darf er seinen Wettgewinn nicht einlösen.

Zuhause angekommen, um den Vater Dan unterschreiben zu lassen, ist nichts mehr wie zuvor. Die Mutter, vermutlich vom Vater ins Koma geprügelt, weil er glaubt, sie hätte sein Geld entwendet, wird ins Krankenhaus eingeliefert, der Vater taucht unter. Simon muss ins Heim. Als ein Foto von ihm, dem glücklichen Gewinner in der Zeitung erscheint, tauchen plötzlich jede Menge Leute auf und wollen ihm den Wettschein abknöpfen. Nur einer, Alan, scheint vertrauenswürdig. Er sagt, er wäre Simons Mutter etwas schuldig und die beiden machen sich gemeinsam auf die Suche nach Dan. Es beginnt eine Art Roadmovie. Doch Simons Vater weiß die Umstände für sich zu nutzen. Er beschuldigt Alan der Kindesentführung und die Polizei schlägt unerbittlich zu. Was Alan Simon kurz vor der Verhaftung verrät, stellt Simons bisheriges Leben auf den Kopf. Alan sein Vater?

Dan verschwindet erneut, nicht ohne den Wettschein eingelöst zu haben, sprich mit dem ganzen gewonnen Geld. Simon sitzt wieder im Heim. Die Mutter liegt noch immer im Koma. Wie sich das Blatt dann doch noch für Simon wendet und die Gerechtigkeit siegt und was das ganze mit einem Blauwal zu tun hat, verrate ich nicht.

Martin Panchaud hat mit dieser Graphic Novel gezeigt, dass es doch immer noch und immer wieder Neues zu entdecken gibt, gerade in diesem Genre, und dass der Kreativität keine Grenzen gesetzt sind. Sowohl die Idee der außergewöhnlichen bildlichen Umsetzung dieser Story, als auch die Story selbst zeugen von enormem Einfallsreichtum und zeichnerischem Können. Ich bin sehr begeistert! Ein Leuchten!

„Die Farbe der Dinge“ erschien im Schweizer Verlag Edition Moderne. Das Buch steht auch auf der Hotlist der unabhängigen Verlage 2020 . Natürlich habe ich dafür abgestimmt und ich wünsche dem Buch viel Erfolg. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine kurzer Beitrag auf Arte über Martin Panchauds Arbeit am Buch ist zusätzlich aufschlußreich.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Andrea Wulf / Lilian Melcher: Die Abenteuer des Alexander von Humboldt Graphic Novel C. Bertelsmann Verlag

20191205_2331004183266013746780629.jpg

„Juni 1799: Alexander von Humboldt bricht zu einer abenteuerlichen Entdeckungsreise durch Südamerika auf, die das Verhältnis zwischen Mensch und Natur grundlegend verändern wird …“

Ein wundervolles Buch! Ein Bilderbuch für alle! Ein feines Buchkunstwerk!
In der Art einer Graphic Novel haben Andrea Wulf und die Illustratorin Lilian Melcher dieses ungewöhnliche Buch gestaltet. Es geht um die amerikanischen Reisen Alexander von Humboldts (1769 – 1859) und zwar nicht in einer wissenschaftlichen Form, sondern erzählerisch und von zauberhaften Illustrationen begleitet. Text und Bild finden hier stimmig zueinander, fließen ineinander und befruchten sich gegenseitig. Bilder, oft collagenhaft, teils skizzenhaft mit Bleistift oder Filzstift gezeichnet, teils mit Sprechblasen wie im Comic und teilweise im Erzählstil weisen auf die wichtigsten Ereignisse der Humboldt`schen Reise hin und sind oft wunderbar detailverliebt.

Andrea Wulf, die bereits Bücher zum Thema veröffentlicht hat, schrieb ihren Text nahe an den von Humboldt selbst veröffentlichten Schriften, selbst die Dialoge entsprechen überwiegend den in den Tagebüchern festgehaltenen. Humboldt stellt fest, wie in der Natur alles mit allem zusammenhängt. Unfassbar, wie weit- ja beinah hellsichtig, Humboldt vieles in seinen Studien der Natur voraussah, was uns heute einholt. So wusste er bereits damals, was geschieht, wenn man ganze Regenwälder abholzt.

“ … ich bin ziemlich stolz darauf, Kosmos – ein Buch über das gesamte Universum – geschrieben zu haben, ohne ein einziges Mal das Wort „Gott“ zu benutzen. Ich möchte ohnehin viel lieber etwas über die Naturverehrung der Indianer erfahren.“

Andrea Wulf geht in diesem Band chronologisch vor. An den Anfang stellt sie den alten Humboldt in Berlin, der in Rückblicken seine Geschichte erzählt und zwischendurch in bestimmten Szenen wieder als Erzählerfigur auftaucht. Die Seiten sind meist komplett mit Fotocollagen, Zeichnungen oder Kopien der handschriftlichen Aufzeichnungen Humboldts unterlegt, darüber dann die Sprechblasen einzelner Dialoge oder der Text der Erzählerstimme. Man kann sich gar nicht satt sehen, denn es sind oft auch sehr klein detaillierte Darstellungen dabei.

Eigentlich grenzt es an ein Wunder, dass Humboldt und seine treuen Gefährten, diese gefährlichen Reisen überlebt haben (wenn man etwa bedenkt, welche Ausrüstung einem heutigen Bergsteiger bei einem 4000er zur Verfügung steht). Die Sammlungen der Pflanzen und Tiere sind auf der langen Reise teilweise zerstört oder verloren gegangen, aufgrund der riesigen Menge jedoch, die vor allem auch auf seinen französischen Begleiter Aimé Bonpland (1773 – 1858) zurückgehen, blieb doch viel erhalten. Und Humboldt hielt alles genau fest, fertigte Zeichnungen, schrieb Tagebuch: Die Fahrten mit dem Schiff, die Bergbesteigungen, die Messungen, die Entdeckungen von Pflanzen und Tieren, die Beobachtungen der Himmelsphänomene und Archivbesuche. Es gibt eine riesige Zeichnung, die seine Art der Zusammenhänge der Naturphänomene an den unterschiedlichen Standorten vergleicht und klar aufzeigt. Zudem schrieb er auch kritische Texte, etwa zur Sklaverei auf Kuba und zur Zerstörung der Natur, etwa durch Plantagenbetrieb oder Abholzung.

Am Ende dauerte die Reise fünf Jahre von 1799 bis 1804 und führte etwas unstet durch das nördliche Südamerika, Mexico und Kuba mit einem Abstecher kurz vor der Heimreise in die USA mit Besuch des Präsidenten Jefferson.

Sehr witzig finde ich, dass die Illustratorin sich und die Autorin in die Story einzeichnet (siehe oben). Andrea Wulf und Lilian Melcher kann ich nur ein großes Kompliment aussprechen für solch eine wundervolle Idee und die hervorragende Umsetzung. Ein Buch, welches Lust auf mehr Graphic Novels und auf mehr über Alexander von Humboldt macht.
Zur Zeit gibt es noch bis April im Berliner Deutschen Historischen Museum eine Ausstellung über die Humboldt-Brüder, auf die ich nun noch mehr gespannt bin: https://www.dhm.de/ausstellungen/wilhelm-und-alexander-von-humboldt/ausstellung.html

Das Buch erschien im C. Bertelsmann Verlag und wurde übersetzt von Gabriele Werbeck. Eine Leseprobe gibt es hier. Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „Elementares Lesen“, den ich hiermit gleich empfehle, weil man immer eine Fülle an interessanten Sachbuchtiteln findet.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Thomas Bernhard / Lukas Kummer: Der Keller Graphic Novel Residenz Verlag

20191004_1912508156856968744304474.jpg

Als ich kürzlich entdeckte, dass es die Autobiographischen Schriften von Thomas Bernhard auch als Graphic Novel gibt, war ich sehr gespannt. Nun habe ich „Der Keller“ in der Hand und freue mich über die gelungenen Zeichnungen von Lukas Kummer. Die fünf Bände „Die Ursache“, „Der Keller“, „Der Atem“, „Die Kälte“ und „Ein Kind“ begleiten mich schon eine Weile. Spätestens wenn einmal Leseflaute herrscht, greife ich zu Thomas Bernhard – Bernhard geht immer. Zudem interessiert mich sehr, da ich selbst male, wie ein Illustrator eine Geschichte umsetzt. Einzelne sehr gelungene Bände stelle ich dann hier auf dem Blog auch gerne vor (zuletzt Knut Hamsuns „Hunger“).

In „Der Keller“ schreibt Thomas Bernhard über eine für ihn „lebensrettende“ Entscheidung in seiner Jugendzeit. Er hatte begonnen den Unterricht auf dem Gymnasium in Salzburg zu hassen, die Methoden der Lehrkräfte, vermeintliches Wissen in ihre Zöglinge einzuhämmern, war ihm verhasst. So kehrte er plötzliches eines Tages auf dem Weg in die Schule um und ging zum Arbeitsamt. Er ließ sich einige Stellenangebote für Lehrlinge zeigen und war erst zufrieden, als die Angestellte ihm die Stelle im Lebensmittelladen von Karl Podlaha, einem Kellerlokal, vorlegte. Dieser Laden befand sich in einer „schlechten“ Gegend Salzburgs, weit außerhalb, in der sogenannten Scherzhauserfeldsiedlung. Und genau dort wollte Bernhard auch hin. Er wollte etwas nützliches, sinnvolles lernen und nicht unter den sogenannten besseren Leuten bleiben. Er wollte das normale Menschliche kennenlernen.

Von dieser Erfahrung erzählt er in dem Band „Der Keller“. In aller Deutlichkeit und im typischen Bernhard-Stil mit seinen langen Satzschlangen und Wiederholungen gelingt es ihm die Atmosphäre dieser Lokalität darzustellen. Auch die Bilder von Lukas Kummer greifen die vielen Wiederholungen auf. Viele seiner Zeichnungen wiederholen sich, mitunter gibt es auf einer Seite vielfach das gleiche Motiv oder es taucht Seiten später wieder auf. Alles ist sehr einfach dargestellt, schwarz-weiß ohne Schnörkel und das passt schon gut zum Bernhard`schen Sprachkosmos.

Wie ihm die Wochenenden zuhause in der engen Wohnung zu lang werden und er sich wieder in den „Keller“ wünscht, wie er den Großvater sieht, der immer Schreiben will, aber nie damit erfolgreich wird, wie er die Gespräche der Käufer hört und merkt, dass der Krieg immer noch die große Rolle spielt und wie er eine gewisse sichere Selbständigkeit und Freude in diesem Metier erlangt, ist in schlichten Bildern mit kleinem Textteil comichaft dargestellt. Als weitere schöne Entwicklung zeigt sich das parallele Studium des Gesangs, dass ihn schließlich sogar zu einigen Auftritten führt. Von der Krankheit, die Bernhard schließlich längere Zeit aus dem „Leben“ holt, wird im Folgeband „Der Atem“ erzählt, den es hoffentlich auch wieder in dieser Form geben wird.

„Ich bin mir ziemlich sicher, auch wenn ich weiß, dass alles das Unsicherste ist, daß ich nichts in der Hand habe, daß alles nur eine wenn auch immer wieder und allerdings ununterbrochene Faszination als verbliebene Existenz ist, und es ist mir heute ziemlich alles gleichgültig, insoferne habe ich tatsächlich in dem verlorenen Spiel auf jeden Fall meine letzte Partie gewonnen.“

Ein ausgezeichneter Einstieg in die Lektüre von Thomas Bernhard!

Die Graphic Novel „Der Keller“ illustriert den 2. Band der autobiographischen Schriften. Den ersten Band „Die Ursache“ gibt es bereits. Sowohl Graphic Novels als auch die Schriften sind im Residenzverlag erschienen. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Knut Hamsun / Martin Ernstsen: Hunger Avant Verlag

20191020_1455367016273615601527988.jpg

Knut Hamsuns „Hunger“ ist ein Klassiker, eines der bekanntesten Romane Norwegens. Der norwegische Illustrator Martin Ernstsen hat aus dem Roman eine ausdrucksstarke Graphic Novel gemacht, die ich, ebenso wie den Roman selbst, sehr empfehle.

Det var i den Tid, jeg gik omkring og sulted i Kristiania, denne forunderlige By, som ingen forlader, før han har faaet Mærker av den …
(„Es war in jener Zeit, als ich in Kristiania umherging und hungerte, in dieser seltsamen Stadt, die keiner verlässt, ehe er von ihr gezeichnet worden ist.“)

Quelle: wikipedia

So lautet der Anfang des Romans, den Hamsun 1888 begann, in Erinnerung einer Zeit, in der er selbst in Kristiania (heute Oslo) als junger Schriftsteller an großem Hunger litt. Die Geschichte wurde in Kopenhagen geschrieben und zunächst in Teilen anonym veröffentlicht. Es ist die Geschichte eines Schriftstellers und Journalisten, der in prekären Verhältnissen lebt, oft obdachlos, oft tagelang ohne etwas zu essen. Hamsun schildert die Leidensphasen des jungen Knud Petersen eindrücklich: kurze Hochzeiten, wenn wieder einmal etwas veröffentlicht wurde, wechseln mit langen Phasen des Wahnsinns, der Scham, der Verzweiflung und des Stolz ab.

Als Grundfarbe hat Ernstsen schwarz gewählt, was auch sehr stimmig zum düsteren Inhalt passt. Die Hauptfigur, läuft durch Kristiania. Sein Zimmermiete kann er nicht mehr bezahlen, deshalb meidet er die Hauswirtin und verbringt seine Tag draußen. Sitzt auf Bänken, lässt sich durch die Straßen treiben, über die Plätze, beobachtet die Menschen. Auf der Suche nach einem stillen Ort zum Scheiben landet er oft im Park. Er versetzt das bisschen, was er besitzt, bettelt, trotz großer Scham um etwas zu Essen, oft recht einfallsreich, um seinen wirklichen Zustand zu verbergen. Er hadert mit sich selbst und auch mit Gott, der es nicht gut mit ihm zu meinen scheint.

Die wirkliche Welt, die ihm zunehmend schwieriger wird, versucht er durch sein im Übermaß vorhandenes Talent zum Fantasieren auszugleichen. So zaubert er sich in Gedanken, oder ist es schon ein Hungerdelirium?, eine Wahnvorstellung? ein wundervolles Mädchen als seine Auserwählte herbei. In diesen helleren, fast manischen Hochphasen wechselt die Hauptfigur ihr Aussehen, es kommt helle, leuchtende Farbe ins Spiel. Sehr selten allerdings, die meisten Seiten sind in schwarz/weiß gehalten und sind dennoch oder gerade deshalb enorm aussagekräftig. Die inneren Zustände des getriebenen Protagonisten werden im Bild sehr deutlich und beleben die eigene Phantasie. Auch das, was den Roman ausmacht, was damals 1890 bei Erscheinen neu war, der stete Bewusstseinsfluß, die durchdringende Psychologie, zeigt sich in den Illustrationen durch daumenkinoähnliche Sequenzen. Ich jedenfalls hatte hernach gute Lust, den Roman noch ein weiteres Mal zu lesen.

Die anspruchsvolle graphic novel erschien im Avant Verlag. Der Textteil wurde von Ina Kronenberger aus dem Norwegischen übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Der Traum in uns – Norwegen als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2019 #1


Norwegen als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2019 ist mir eine besondere Freude. Deshalb gibt es einen dreiteiligen Beitrag hier auf dem Blog. Seit ich vor vielen Jahren durch Norwegens Berge, an seiner Küste, seinen Fjorden und über seine Wasser fuhr und mich an diesen so satten Farben, dieser so unglaublich schönen Landschaft nährte, ist es für mich ein Sehnsuchtsland geblieben. Eine echte Reise ist zur Zeit nicht möglich, aber in und mit Literatur reisen ist ja fast genau so schön.

Viel später, etwa zu der Zeit, als ich mit meinem Blog begann, fielen mir Gedichte zu, Gedichte, die mich innigst berührten. Es waren Gedichte von Olaf H. Hauge. Gleichzeitig lernte ich damals den Übersetzer seiner Gedichte ins Deutsche kennen, Klaus Anders, der noch einiges mehr an norwegischer Lyrik mit seinem – er ist selbst Lyriker – Gespür für Sprache übertrug. Mein Beitrag zu Hauges beiden Büchern aus der Edition Rugerup erschien deshalb auch schon 2015 und umso überraschender war es nun, dass eine Zeile eines seiner Gedichte „Der Traum in uns“ als Leitwort für die Buchmesse 2019 ausgewählt wurde.

Det er den draumen

Det er den draumen me ber på
at noko vedunderleg skal skje,
at det må skje —
at tidi skal opna seg
at hjarta skal opna seg
at dører skal opna seg
at berget skal opna seg
at kjeldor skal springa —
at draumen skal opna seg,
at me ei morgonstund skal glida inn
på ein våg me ikkje har visst um.

(Olav H. Hauge, Dropar i austavind, Noregs boklag 1966)

Das ist der Traum

Das ist der Traum, den wir tragen,
daß etwas Wunderbares geschieht,
geschehen muß —
daß die Zeit sich öffnet,
daß das Herz sich öffnet,
daß Türen sich öffnen,
daß der Berg sich öffnet,
daß Quellen springen —
daß der Traum sich öffnet,
daß wir in einer Morgenstunde gleiten
in eine Bucht, um die wir nicht
wußten.

(Olav H. Hauge, Gesammelte Gedichte,
Edition Rugerup 2012)
Übersetzung des Gedichts ins Deutsche von
Klaus Anders.

Schon lange zuvor, noch in meinen Zeiten als Buchhändlerin waren mir Autoren wie Per Petterson, Lars Saabye Christensen, Erik Fosnes Hansen, Ketil Bjørnstad und Jon Fosse bekannt. An kaum einem ihrer Romane kam ich vorbei. Inzwischen sind wunderbare neue Namen dazu gekommen, allen voran Tomas Espedal, einer meiner Herzensautoren. Keines seiner von Hinrich Schmidt-Henkels ins Deutsche übertragenen Bücher konnte ich auslassen. Seine Sprache, so wunderbar vom genialen Schmidt-Henkels übertragen, ist mir zum Bedürfnis geworden. Dazu kamen desweiteren Merethe Lindstrøm, Hanne Ørstavik, Jan Kjaerstad und zu Zeiten auch Karl-Ove Knausgårds autobiografische monumentale Reihe „Min Kamp“.

Ich werde einige dieser Bücher, die ich teilweise hier auch bereits schon ausführlich besprochen habe, in meinen nächsten beiden Beiträgen vorstellen und zum besseren Überblick trenne ich hier Lyrik und Prosa.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Ganz am Anfang stand aber, vor Jahrzehnten gelesen und vielleicht schon fast ein Klassiker, Jostein Gaarders „Sophies Welt“, der einem jungen Menschen wirklich Philosophie nahe bringen kann.
Ein echter Klassiker, der mich mit seiner Geschichte um einen mittellosen, hungernden Schriftsteller, die eindringlich ans Existenzielle geht, faszinierte, ist Knut Hamsuns „Hunger“. Dieses Buch ist aktuell auch als Graphic Novel im Avant Verlag erschienen und glänzt mit seinen ausdrucksstarken Illustrationen von Martin Ernstsen. Aus dem Norwegischen übersetzte Ina Kronenberger. Mehr über das Buch hier und in einem der nächsten Beiträge.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Interessant scheint mir diese neue Anthologie mit so namhaften Autoren wie Tomas Espedal, Dag Solstad, Siri Hustvedt, Karl Ove Knausgård, Helga Flatland und mit Übersetzungen von Hinrich Schmidt-Henkels, Gabriele Haefs, Elke Ranzinger u.v.m. Der Band mit Erzählungen über Norwegen als Heimat wurde herausgegeben von der Kronprinzessin Mette-Marit. Sicher ein guter Einstieg in die Landesliteratur. Mehr über das Buch hier und in einem meiner nächsten Beiträge.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Außerdem gibt es eine Seltenheit auf meinem Blog, denn ich bespreche nur wenige Sachbücher. Doch der Band „Einer von uns“ von Åsne Seierstad, der über die ganz Norwegen traumatisierenden Ereignisse des Terroranschlag vom 22.7.2011 von Anders Breivik berichtet, war mir wichtig. Die Lektüre war nicht immer leicht. Doch die Journalistin Seierstad hat wirklich genauestens recherchiert und ein sehr starkes Buch daraus gemacht. Meine ausführliche Besprechung gibt es hier.

Weitere Sachbücher aus Norwegen findet man auf dem Blog „Elementares Lesen“.

Viel Freude bei der Entdeckung der norwegischen Literatur!

12.12. Literarische Adventtürchen

Kurze Auszüge aus Büchern, die mir am Herzen liegen – Zeilen, Worte, die vielleicht in ein Leser_innenbewusstsein vordringen – Literatur, die etwas zum Leuchten bringt:
Hier sind meine literarischen Adventtürchen, tägliches Licht und auch die Tage werden wieder länger und heller …

yelinaus „Der Sommer ihres Lebens“ von Barbara Yelin und Thomas von Steinaecker

Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/05/07/barbara-yelin-thomas-von-steinaecker-der-sommer-ihres-lebens-reprodukt/

Buchkunst aus der Büchergilde/Edition Büchergilde Teil 1 / 2001-2006

DSCN2928

Beim Durchstöbern meines Buchregals war ich erstaunt, welch schöne Ausgaben der Büchergilde ich besitze. Es sind die wundervoll gestalteten, illustrierten Bände, die mich nicht nur inhaltlich, sondern eben auch künstlerisch ansprechen, ja manchmal auch für meine eigene Arbeit inspirieren. Ich kann die Bände jedem Bibliophilen nur empfehlen. 5 Bände, fast alles Klassiker, stelle ich hier chronologisch nach dem Erscheinungsdatum kurz vor, 4 weitere folgen in Kürze.

 

„Stille Tage von Clichy“ von Henry Miller ist sehr bekannt. Die drei Erzählungen in diesem Band entstanden Ende der dreißiger Jahre in Paris, wurden aber später stark überarbeitet. Erstmals erschienen sie in Frankreich, durften aber in den USA aufgrund der freizügigen Sexszenen nicht veröffentlicht werden. Es sind raue Geschichten, in denen sexuelle Ausschweifungen im Vordergrund stehen. Der Künstler Helge Leiberg hat die Illustrationen dazu gemacht. Es herrschen kräftige Farben vor und Bilder, die in ihrer reduzierten Art hervorragend zum Buch passen.
Das Buch wurde 2001 in der Büchergilde veröffentlicht ist aber leider nur noch antiquarisch zu erhalten.

 

„Babettes Fest“ von Tania Blixen ist eine faszinierende Geschichte um eine als Köchin bei einem ältlichen, strengen, karg lebenden Geschwisterpaar angestellte Frau. Keiner im Dorf kennt ihre Vergangenheit. Erst als Babette eines Tages bei einer Lotterie gewinnt und aus Paris auserlesene Zutaten für ein großes Festessen kommen lässt, stellt sich heraus, was wirklich hinter Babettes Kochkünsten steckt, ja, wer sie wirklich ist. Der Band erschien 2003 und wurde von der Illustratorin Nanna Max Vonessamieh mit feinen schwarz/weiß-Zeichnungen ausgestattet. Er ist nur noch antiquarisch erhältlich.

 

„Bartleby, der Schreiber“ von Herman Melville ist ein herrliches Buch um einen widerständigen Menschen, der irgendwann nach ewigen Routinetätigkeiten nicht mehr arbeiten will und stattdessen nur ganz schlicht zu seinen Vorgesetzten im Büro sagt: „I would prefer not to“  also „Ich möchte lieber nicht“. Ich liebe diese Geschichte, auch wenn sie nicht besonders gut für den Schreiber endet. Sie ist sehr kurz, auch düster, für mich jedoch sehr ausdrucksstark. Der Band erschien 2004 und ist nur noch antiquarisch
erhältlich.

 

„Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun ist ein so wunderbares Buch, dass es überrascht, dass es sogar noch schöner illustriert werden kann. Die Ausgabe ist mit überwiegend schwarz/weiß bzw. sepiafarbenen leicht verschwommenen Bildern versehen. Wenige Farbpunkte setzt die Illustratorin Gerda Raidt zwischen die digital bearbeiteten Bleistiftzeichnungen. Keun erzählt von einer jungen Frau, die in die Glamourwelt Berlins in den 30er Jahren eintaucht, die nicht mehr nur „Tippse“ sein will, sonder ein „Glanz“. Das das nicht so einfach ist schildert Keun in ihrem unverwechselbaren Ton. Große Empfehlung! Die Ausgabe erschien 2006 und ist leider nur noch antiquarisch erhältlich.

 

Mit „Augen in der Großstadt“ von Kurt Tucholsky bleiben wir in Berlin, sogar in etwa zur gleichen Zeit. Dieser Band versammelt Gedichte und Prosa und schafft einen schönen Überblick über Tucholskys umfangreiches Werk. Herausgeber ist Ingmar Weber. Die farbigen ausdrucksstarken Illustrationen von Hans Ticha passen stimmig zum Inhalt und verstärken diesen. Das Buch erschien 2006 und ist nur noch antiquarisch erhältlich.

Teil 2 folgt in Kürze.

Hier gehts zur Büchergilde: http://edition-buechergilde.de/programm/

 

Barbara Yelin/Thomas von Steinaecker: Der Sommer ihres Lebens Reprodukt

Barbara Yelin/Thomas von Steinaecker: Der Sommer ihres Lebens Reprodukt

Wo beginnen? Wo in dieser Bilderfülle einen Anfang machen? Wie die Essenz dieser Geschichte, die so stark von ihren Bildern und den kleinen Akzenten darin lebt, wörtlich hinterfragen?

Barbara Yelin, die einfühlsame Zeichnerin dieses Buches, ist als Comic-Autorin keine Unbekannte. Mit ihrer Geschichte „Irmina“ hat sie sich längst unter die besten Illustrator*innen gezeichnet und wurde mit Preisen gekürt. In „Der Sommer ihres Lebens“ arbeitet sie erstmals mit dem Schriftsteller Thomas von Steinaecker (Die Verteidigung des Paradieses etc.) zusammen. Die gemalte Story, die nun als Buch im Format einer Graphic Novel vorliegt, war geplant als Fortsetzungs-Bildergeschichte zunächst für eine Zeitung, wurde dann aber auf der Seite Einhundertvierzehn des S. Fischer Verlags veröffentlicht. Dort kann man auch Ergänzungen der Autoren zur Entstehungsgeschichte lesen.

Die beiden Autoren haben die Geschichte für das Format Buch überarbeitet und erweitert. Es geht um die essentiellen großen Fragen: Wie bewege ich mich in der Welt? Was ist Lebensglück? Was Liebesglück? Wie wirke ich als Frau? Wie wichtig ist Beruf als Berufung? Was bedeutet das alles? Was ist der Sinn? In 15 Episoden kann gelesen und betrachtet werden, was denn ein Leben ausmacht. In diesem ganz speziellen Fall ist es das Leben von Gerda Wendt, geboren in den 50er Jahren, die aus ihrem Platz im Altenheim heraus in die Vergangenheit zurückdenkt. An die großen und kleinen wichtigen Momente und manchmal auch an das „Was wäre gewesen, wenn …?

„Oft denke ich, ich bin bereits tot. Und das hier ist die Ewigkeit.“

Sie tut das, um das Leben noch zu spüren. Denn das Tageseinerlei im Heim, scheint kein Leben mehr zu sein. Vielleicht aber ein Wandelgang des Erinnerns.

„Früher … raste die Zeit. Erinnere ich mich daran … sticht es.“

Das Damals ist also das, was noch zu spüren ist. Das Damals wird zum Lebenshelfer. Und dieses Stechen spürt auch der Betrachter.

Und wie gelungen ist es Yelin eben diese Rückblicke, die ja im Erinnern auch als Bilder aufscheinen, als gemalte Geschichte aufs Papier zu bringen! Die Zeichnerin übersetzt das Entsinnte aus dem Kopf von Gerda über den Weg der Farbe und Form in unsere Köpfe hinein. Der Leser ist hier nicht nur Leser, sondern auch Betrachter, Aufarbeiter und Interpret. Ohne Gefühle wird es dabei nicht gehen. Ohne eigene Erinnerungen. Diese Geschichte erreicht den Leser wahrhaft persönlich.

Auf der allerersten Seite, die man leicht überblättern könnte, singt eine einzelne Amsel. Solch kleine beinahe unscheinbare Details baut Yelin ein, die jedoch immer auch eine weiterführende Rolle spielen. Dann kommt die erste Begegnung mit Gerda, die mit ihrem Rollator ihr Zimmer sucht. Sie irrt durch die Gänge und Stockwerke des Heims und überlegt: Flur Zwei? Flur Eins? Und schon kommt ein Switch in die Schulzeit von Gerda: Sie hat eine Eins in Mathematik, nicht zum ersten Mal und das als Mädchen! Yelin schafft innerhalb der Bilder einen direkten Übergang vom Jetzt ins Damals, von Alt nach Jung. Das ist ein starkes Mittel zur Verdeutlichung der inneren Erlebnisse Gerdas. Es geht weiter mit dem Vater, der Gerda für die Note Eins lobt: „Willst wohl Einstein heiraten?“ Doch Gerda hält Einstein natürlich für viel zu alt. Und schon sind wir, im gleichen Bild, wieder im Altenheim und der Blick fällt auf die betagte Gerda. So geht es weiter mit Gerdas über den Rollator gebeugten Körper – Switch: Gerda durch den schweren Schulranzen gebeugt gehend auf dem Weg zur Schule: Gerda ist als Schülerin durch ihre Begabung eine Außenseiterin. Sie lebt in der Welt der Bücher und der Wissenschaften. Sie möchte dazu gehören, doch sie bleibt unsichtbar. Etwas, was im Alter wiederkehrt.

Der Vater hat in der Tochter das Interesse am Sternenhimmel geweckt. Doch Gerda möchte nicht nur schauen, sondern auch wissen und verstehen. Sie wählt den Weg der Wissenschaftlerin. Sie wird Astrophysikerin und geht komplett auf in ihren Studien und Forschungen. Dieser Weg ist steinig, nicht weil Gerda nicht brillant wäre, sondern weil Gerda eine Frau ist. Der Text Thomas von Steinaeckers weiß das deutlich zu machen. Auch Yelin zeigt es im ganzseitigen Bild der verzweigten Treppenaufgänge von M.C. Escher`schem Format, durch die sie ihr Chef führt, der ihr Potenzial erkennt, ihr Wissen aber für sich auszunutzen gedenkt, vom Verdienst ganz zu schweigen. Und Gerda arbeitet hart, sie bleibt Einzelgängerin, bis sie eines Tages einem Mann begegnet und echte Zuneigung erfährt – die Liebe: eine andere, neue Welt. Yelin verdeutlicht diese Schwerelosigkeit gekonnt mit lichten Wasser-Farben. Und von Steinaecker findet die Worte:

„Im Sommer des Jahres 1973 … waren alle Gesetze außer Kraft gesetzt. Und ich verstand, dass sich unter Umständen … sogar auf der Erde die Anziehungskraft … in Schwerelosigkeit verwandeln kann.“

Für ihr berufliches Weiterkommen wäre es förderlich als Wissenschaftlerin nach England zu gehen, doch es kommt, was kommen muss: Gerda entscheidet sich gegen die Karriere für die Liebe, für eine Familie. Doch die Ehe scheitert. Gerda beginnt wieder zu lernen, kann wieder in ihren Beruf zurückkehren: „Ich fühlte mich so glücklich, wie schon lange nicht mehr.“

Yelin gelingen stimmige Skizzen, passende Farbtöne. Mit Gouache und Tusche arbeitet sie von Preussischblau bis Türkis für die melancholische Grundstimmung der gesamten Geschichte und dazwischen von Apricot bis Ocker, oft durchmischt mit weißen Lichtstreifen. Ganzseitige Bilder wechseln mit den typischen Comic-Kästchen ab und verstärken die Erzählwirkung. Thomas von Steinaecker füllt die Sprechblasen mit den aktuellen Dialogen und überschreibt die Kästchen mit Gerdas Gedanken.

„Von den etwa hundertzwölf Milliarden menschlichen Bewohnerinnen und Bewohnern dieses Planeten … seit Anbeginn der Zeit … werde ich …eine … gewesen … sein.“

Dazwischen, immer am Anfang eines Kapitels finden sich wiederholt Bilder, die die Routine im Heim aufzeigen und den Alterungsprozess Gerdas verdeutlichen: Die alltägliche Waschung durch die Pflegerin wird immer schwieriger, durch die zunehmend weniger bewegliche Gerda, die sich schließlich nur noch im Rollstuhl sitzend fortbewegen kann. Doch immer gibt es auch Lichtblicke, wie die Begegnung mit dem dementen alten Mann, die in eine beiderseitige Zuneigung mündet. Wie in einer Wiederholung – damals Vater und Gerda – stehen nun die beiden betagten Schlaflosen nachts am Fenster des Heimzimmers und vertiefen sich in Betrachtungen des nächtlichen Sternenhimmels. Und diesmal erklärt Gerda.

Es ist keine leidvolle Geschichte, sondern eine versöhnliche, die auch darauf hinweisen könnte, dass nach dem Tod nicht alles vorbei ist, dass die Seele womöglich unsterblich ist. Im Abspann am Ende des Buches wird sich Gerda als kleines Mädchen von der Familie verabschieden und ihren eigenen Weg Richtung Berufung gehen.
Und der einzelne rufende Vogel schließt sich am Schluss einem Schwarm an.

„Der Sommer ihres Lebens“ erschien im Reprodukt Verlag.
Die Besprechung erschien zuerst auf fixpoetry.com.