Levin Westermann: Farbe Komma Dunkel Matthes & Seitz Verlag

20211002_1634576173376357401510531.jpg

„und was mich rettet sind die bücher
ist die sprache und ihr klang

Bereits mit seinen letzten beiden Lyrikbänden „3511 Zwetajewa“ und bezüglich der schatten“ hat mich Levin Westermann verzaubert. Ihm gelingt es, mich vollkommen aus der Außenwelt abzuziehen und dennoch in seiner Sprache wieder darin aufzutauchen. Aber anders. Und woanders. Es ist ein Raum, in dem ich die Welt anders sehe und mich selbst verändere. Solch eine Lektüre ist ein unglaubliches Glück und ich kann es jedes Mal wieder kaum fassen, dass es diesen Raum der Sprache gibt, der offenbar mit meinem schwingen kann. Selten passiert solches mit Gedichten und umso kostbarer sind sie mir dann.

In „Farbe Komma Dunkel“ glaube ich gleich eingangs den Text zu erkennen, den Westermann beim Bachmannpreis-Wettlesen im letzten Jahr vorgelesen hat. Doch es ist nicht ganz der gleiche, er ist leicht verändert, verschoben, manche Zeilen und um viele Verse ergänzt zum Langgedicht. Das Gedicht lebt von seinen Wiederholungen, lebt vom Rhythmus und wird immer besser, je länger man liest und je häufiger sich Zeilen wiederholen, immer dann, wenn man sie gerade über den neuen wieder vergessen hatte. Es ist eine Art Litanei, könnte Mantra, könnte Gebet sein; und es sollte laut gelesen werden. Dann entspinnt sich der Zauberfaden an dem sich alles entlang schlängelt. Alles ist klein geschrieben, ohne Absätze, 100 Seiten lang. Ich habe sie an einem Stück gelesen, weil es nicht aufhören sollte.

„alles wiederholt sich
alles wiederholt sich
tag für tag
fortwährend läuft dasselbe band
ein hörbild namens leben“

Westermann schreibt über ein Lyrisches Ich, welches sich in einer bestimmten tagein tagaus fortsetzenden Langeweile befindet. Ein Ich, welches seine Tage in einem Haus auf dem Land in der französischen Bresse verbringt. Am Laufen wird es gehindert von einer Verletzung oder OP der Hüfte. Durch eine gewisse körperliche Bewegungseinschränkung, dehnt sich das Geistige, der Verstand umso weiter aus. Es ist Zeit für: Hühner füttern, Schafe fragen, Kaffee kochen „und dann geht die sonne wieder unter und dann geht die sonne wieder auf“So vergeht die Zeit und wir dürfen teilhaben am Bewusstseinsstrom des Ichs. Es ist ein Ich, das grübelt, nachdenkt, liest, schreibt, Post erwartet. Oft verzweifelt, voller Sehnsucht und Melancholie. Mit kleinsten Freuden dazwischen (wie z.B. ein Igel). Es ist ein stetes Hinterfragen. Und es beschreibt für mich auch den Prozeß des Schreibens an sich.

Tiere tauchen immer wieder auf, einzeln oder im sogenannten Kollektiv (Rehe, Frösche, Schafe). Erinnerung an Reisen, an Orte tauchen auf. Paris, New York. Hitze und Kälte. Durch das tägliche Zeitunglesen bricht die Außenwelt in die Abgeschiedenheit des Landlebens. Die Bedrohung. Ein US-Präsident. Der Amazonas brennt und dann Kalifornien. Rehe werden nicht etwa getötet, sondern vom Jäger dem Wald entnommen. Nerze werden gekeult, nicht getötet. So ist Sprache. Geschönte, unehrliche Sprache zum Wohl der Menschen. Und das Ich leidet darunter. Doch die Natur kommt zurück, die Nerze kommen wieder an die Oberfläche, die toten Nerze. Das Ich leidet unter der Welt, leidet am Dasein, am Schmerz, an der Leere. Somit zeigt sich Westermanns Lyrik nicht nur ichbezogen, sondern auch gesellschaftskritisch.

„und ich schaue in die zeitung
und ich lese diesen satz
ich lese diesen einen lauten satz
unsere gehirne sind nicht dafür gemacht
über die sterblichkeit zu grübeln
und ich starre auf die wörter
und ich denke: so ein quatsch
ich denke: großer quatsch
denn ich sitze und ich grüble
ich sitze und ich grüble
tag für tag
das ende in gedanken
tag für tag“

Da sind dann die erhabenen Momente, wenn auf dem Friedhof Montparnasse Gott erscheint, in Form eines Habichts. Oder wenn die Lektüre von Ilse Aichinger, Sylvia Plath, Louise Glück, Cioran und Rilkes „Panther“, das ausspricht, was zählt und berührt.

„und ich denke an ein buch
von Cioran
wo dieser schreibt
der wahnsinn
ist vielleicht nichts anderes
als ein kummer
der keine entwicklung mehr erlebt“

Manch einer mag vielleicht die ständigen Wiederholungen oder das andauernde „und dann …“ kritisieren, dass auch schon beim Bachmannpreis Thema war. Für mich ist es allerdings genau die richtige Verbindungsform, denn nichts anderes ist das Geschehen in der Welt, als ein andauerndes Weiter und Weiter. Ein unglaublich „echtes“ Buch. Ein Leuchten!

Der Lyrikband erschien im Matthes & Seitz Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Etel Adnan: Zeit Edition Nautilus

20210827_1531518351091109644648098.jpg

Ihr Name ist mir zwar schon begegnet, aber niemals hätte ich ihr Werk entdeckt, hätte sie nicht kürzlich den Hamburger Lichtwark-Preis 2021 (den ich auch nicht kannte) erhalten. Auf der Preis-Website steht über Etel Adnan:

„Der Lichtwark-Preis 2021 wird der aus dem Libanon stammenden und in Paris lebenden Künstlerin Etel Adnan (*1925) für ihr Lebenswerk verliehen. Ihre politisch aufgeladenen literarischen Werke beschreiben die weltlichen Zustände und ihre Zusammenhänge und sind eine starke Stimme des Feminismus und der Friedensbewegung. Ihre Malerei vermittelt ungefiltert die Freude der Künstlerin am Leben. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis wird alle vier Jahre von Senat und Bürgerschaft an Künstlerinnen und Künstler verliehen, deren Werke der bildenden Kunst sich durch besondere Innovationskraft auszeichnen. Namensgeber des Preises ist der Gründungsdirektor der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark.“

Ich habe mich nun mit dem neuesten hierzulande erschienenen Band „Zeit“ beschäftigt und war von ihrer Sprache sogleich begeistert. Schon forschte ich nach ihrer Malerei und war auch davon sofort eingenommen. Als eine die selbst schreibt und malt, bin ich immer an Doppeltalenten interessiert. Aber Etel Adnan würde ich fast als Multitalent bezeichnen. Denn es stimmt, ihre Texte sind oft politisch, dabei aber gleichzeitig so hochpoetisch und reif und für mich auch spirituell. Aus ihnen strahlt eine Art Weltgewandtheit, eine sprachliche Fülle und Weisheit und gleichzeitig eine Frische und Aktualität, die ihresgleichen sucht.

„im Herbst gibt es eine Zeit, zu der die
Bäume ihre Natur ändern und
jenseits von Materie
erwachen; dann sieht man sie zu ihrem gewohnten
Selbst zurückkehren“

Von Alter und von Vergänglichkeit ist oft die Rede. Von der Natur des Menschen, von der Sterblichkeit, von der Unausweichlichkeit des Todes. Aber ebenso von den Freuden, vom Glück.

„Wir werden nicht wissen, ob das Leben umkehrbar ist,
doch eingeschrieben in den Schmerz
eine Freude, die sogar noch
mehr schmerzt,
wie der Fingerabdruck der Erinnerung
in der Verlassenheit des Herzens.“

Etel Adnan überschreibt mit Poesie all die Dinge und Geschehnisse, von denen man kaum erzählen mag. Dabei vergisst sie die Liebe nicht und die prägenden Begegnungen. Sie vertraut auf die Sprache und findet die treffendsten Worte. Viele der Gedichte scheinen sich zu erheben aus der Schwere der Erde und werden weit getragen vom Aufwind der Zeit.

„Sterne verlöschen
alle paar Sekunden; die Zeit,
die Information braucht, um
Welten zu durchqueren“

Aus dem Nachwort der Übersetzerin Klaudia Ruschkowski erfährt man, das „Zeit“ eine Sammlung aus Gedichten ist, die im poetischen Austausch mit dem Dichter Khaled Najar, dem sie 1976 kurz in Tunis begegnete. Der Band besteht aus 6 Kapiteln, die teils nach Ortsnamen, Tag oder Uhrzeit benannt sind – wir befinden uns mal in Paris, mal in London, mal in Kalifornien, mal in Greichenland – und dem letzten längsten Kapitel „Baalbek“, einem mythischen Ort im Libanon. Ruschkowski schreibt:

„Indem Etel Adnan sich in die unaufhörliche Bewegung des Stroms einschreibt, setzt sie nicht nur die Vorstellung von Grenzen außer Kraft, sondern auch die von einem Ende. Wo Zeit nicht linear ist, gibt es kein Ende. Aufgelöste Zeit ist Ewigkeit.“

Adnans Gedichte bestehen aus lyrischem Licht, in das mit jeder Zeile schon die Dunkelheit von Unmenschlichem, von Angst, Krieg, Tod und Leiden eindringen kann. Und gerade dieses Wechselspiel empfinde ich als große Kunst. Dieses „sowohl als auch“, dieses „dennoch“ und dieses absolute „Ja“, das sich aus den Zeilen herauslöst, bewundere ich.

„ich wäre gern ins Eckcafé gegangen,
um zu sehen, wie die Kälte vorbeidefiliert, während ich
im Warmen bin, oder auch, um jemanden zu lieben …
aber Bomben regnen auf Bagdad herab“

In Etel Adnans Gedichten dürfen die gegenwärtigen Menschen, die verlorenen Geliebten gleichwertig mit den Göttern und mit vergangenen Dichtern wie Omar Khayyam und lebenden wie Talal Haydar Hand in Hand gehen. Zeit existiert dann nicht mehr. Gegenwart und Vergangenheit lösen sich ineinander auf.

„Das Beste an der Vergangenheit ist / dass sie vorüber ist /
wenn du stirbst, / du erwachst / aus dem Traum / der dein Leben ist …“

Die große Offenheit, Weltgewandtheit und Weisheit der derzeit in Paris lebenden Dichterin, die auch eine Reisende, womöglich eine moderne Nomadin ist, zeigt sich in diesem Gedichtband in jedem Vers. Für mich ist sie die wertvollste Entdeckung bisher in diesem Jahr. Ich lege dieses Buch und auch die vielen anderen allen sehr ans Herz. Nicht nur Lyrikfreunden, Adnan schrieb auch Essays, kurze philosophische Texte und Romane. „Zeit“ erschien, wie die meisten Bücher in der Edition Nautilus. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Von ihrer Malerei (siehe auch Buchcover oben) gewinnt man auf Artnet einen Eindruck:
http://www.artnet.de/k%C3%BCnstler/etel-adnan/?type=gem%C3%A4lde

Sonntags-Literatürchen

Jeden Sonntag ein Türchen zu aus verschiedenen Richtungen leuchtender Literatur. Viel Freude!
Heute ein etwas anderes Literatürchen (in eigener Sache): ein Interview

20210819_1659208388621624344853364.jpg

 

Dank an Walter Pobaschnig und seine 5 Fragen an Künstler*innen: Auch ich durfte dabei sein. Es lohnt sich unbedingt ein Blick auf diesen Blog: 
https://literaturoutdoors.com/2021/08/19/wie-wenig-wichtig-freie-kunstlerinnen-in-diesen-monaten-politisch-waren-marina-buttner-schriftstellerin_berlin-19-8-2021/

Ulrike Bail: sterbezettel edition offenes feld

dscn1722

memento mori – Bedenke, dass du sterblich bist

Ich war neugierig: Wer nennt seinen Lyrikband „sterbezettel“?

Ich vermutete, es würde jemand sein, die sich mit dem Sterben und dem Tod beschäftigt hat. Die Autorin, davon ging ich aus, muss zutiefst mit dem Thema verbunden sein. In der Kurzbiografie von Ulrike Bail las ich dann, dass sie Germanistik und Theologie studiert hat und Professorin für Altes Testament ist. Sie lebt in Luxemburg und hat dort für „sterbezettel“ bereits einen Preis erhalten.

Beim Lesen der Gedichte zeigte sich schließlich, dass es in ihrem Band nicht nur ums Sterben geht, sondern vielmehr um ein „Stirb und Werde“.

Sterbezettel, auch Totenzettel genannt, haben eine lange Tradition in der katholischen Kirche. Es sind gedruckte Blätter, die die wichtigsten Lebensdaten eines Verstorbenen enthalten und die bei einer Trauerfeier verteilt wurden oder auch als Einladung zum Begräbnis und Gedenken galten. Eine Tradition, die es auch heute gebietsweise noch gibt.

Sogleich fand ich die Vorstellung schön, einem Verstorbenen ein persönliches Gedicht zu widmen, und dieses mit auf dem Sterbezettel abzudrucken. Wer weiß, vielleicht war das auch ein Gedanke von Ulrike Bail beim Schreiben ihrer Gedichte?

auf einen sterbezettel
rückseitig notiert

rollt hin und her
sandschwer die trauer
hinunter die grube
hinauf
die weißen blumen
sie wurzeln wortüber“

Ulrike Bails kurze, ja Kürzestgedichte sind außerordentlich bewusste Anordnungen von Wörtern, von auserwählten Wörtern, Wörtern, über denen womöglich meditiert wurde, bis sie klar sichtbar waren und exakt ihren Platz fanden. So entstanden starke Bilder. Bails Gedichte ähneln in ihrer Art auch Haikus, keines ist länger als acht Zeilen, keine Zeile länger als sieben Worte. Jedoch übernehmen sie nicht deren strikt formale Regeln. Sie könnten aber einen ähnlichen Entstehungsprozess durchlaufen haben, denn sie zeigen Sinnbilder, die deutlich im hier und jetzt verankert sind. Es sind Stillleben – immer wieder kamen mir beim Lesen Bilder der großen flämischen oder holländischen Maler in den Sinn. So wie in diesen Gemälden, die niemals Bilder des Zufalls, sondern bewusst symbolhaft angeordnete Szenarien waren, so erscheinen mir auch Bails Gedichte. Bilder der Vergänglichkeit, Erinnerungen an die Endlichkeit allen Lebens.

Der schmale Band ist unterteilt in vier Kapitel.

Im ersten Kapitel „nature morte“ findet sich auch gleich der Begriff wieder, der mir schon beim Betrachten des Cover-Bildes „Besteckkasten Erde“ von Annette Wiercke ins Gedächtnis kam: Natura morta – Stillleben. Auf dieser Fotografie finden sich Pflanzenfasern, trockene Zweige, Samenkapseln, Pappelschnee – Dinge aus der Natur, wie sie auch verschiedentlich in Bails Gedichten wieder auftauchen. Natura morta (italienisch) – Tote Natur oder Stillleven (holländisch) – unbewegtes Dasein. Einerseits findet sich dieses „tote“ Dasein in jedem Gedicht und doch wächst andererseits jedes Mal etwas aus der Unbewegtheit heraus auf den Leser zu und diese Bewegung wiederum lässt den Lesenden innehalten. So beginnt etwas zu fließen, was wiederum zu einem Kreislauf hinführt: Einer Endlosschleife, einem Möbiusband.

„vogelbeute
an einem nagel
hängend
flügel gefaltet
silbrig
fällt licht
gehacktes blei“

Im zweiten Kapitel „schneefall“ öffnet sich dem Leser eine Winterlandschaft, die von verschiedenen Arten von Weiß geprägt ist, in der russische Wiegenlieder erklingen und in der die ersten Tulpen blühen. Es herrscht eine weiche Stille, in der Begegnungen mit einem du, mit Mensch oder Tier, sich ganz anders anfühlen, sich einbetten in den Schnee.

leicht

der schnee sei still
sanft streiche er sich übers gesicht
man sterbe so schön im schnee
man sterbe an der stille im ohr
lose und leicht gewogen
bajuschki baju“

Das letzte Kapitel heißt, wie der Titel „sterbezettel“ und beinhaltet Gedichte, die einen Prozess vom Sterben über Tod und Trauerphase hin, bis zu einem Trostfinden beschreiben. Trost und Hoffnung finden sich hier im Schreiben, im Finden und Bewegen von Worten.

falten

schreibs dem papier
auf die gefaltete haut
bis in den ritzungen
die tinte weint schwarz
sich anschwemmt dort“

Alle Gedichte, auch die im dritten Kapitel „herzpassagen“ haben einen Bezug zur Natur, zu Flora und Fauna. Vielfach tauchen hier Vögel auf, Früchte, Blumen, Farben, Geräusche und Gerüche. Immer wieder fallen Lichtstrahlen in die Dunkelheit. Eine innere Landschaft im Außen gespiegelt?

dunkelgrün

schweigt der fuchs
schiebt die gänsefeder
unter das moos
ungebügelter Samt
über den wipfeln
vielfach vernäht“

Nach wiederholtem Lesen lässt sich das Anordnungsmuster der Gedichte erkennen – von Trauer zur Hoffnung. Es geht immer um die Verbindung zur Quelle, zum Ursprung – die Natur als Bindeglied zwischen dem Menschen und dem Göttlichen. Die Begriffe Transzendenz, Spiritualität und Mystik fallen mir bei der Lektüre der Gedichte immer wieder ein: Der Bezug auf etwas Übernatürliches im Anblick des Natürlichen, des Absoluten, eine Vollkommenheit in allen Dingen, die zu beschreiben womöglich am besten, wie hier, in Form von Verdichtung gelingt. Bail ist dabei eine Meisterin in der Kunst der Verknappung – nichts fehlt, nichts ist überflüssig.

Für mich sind Ulrike Bails Gedichte erfüllt von Stille, einer tiefen meditativen Ruhe, die eine große Kraft birgt, die wiederum Schritt für Schritt zu einer lebendigen Leichtigkeit der Dinge führt.

Der Beitrag erschien zuerst auf fixpoetry.com

Hamburg

Granaz Moussavi: Gesänge einer verbotenen Frau Leipziger Literaturverlag

„Ein Strick um die Kehle scheidet Wüste von Gesang“

Lyrik einer verbotenen Dichterin

Auf dem Cover das Bild einer Frau, die langen blauschwarzen Haare frei fliegend im Wind, doch ein Gesicht ohne Augen, ohne Nase, der Mund eine Sicherheitsnadel, geöffnet, eine Wunde, heraus fließen blutrote Buchstaben … Doch die, die hier schreibt hat Augen, sieht deutlich, alle Sinne aktiviert, und spricht.

Das Bild von Kamran Faridi ist eine passende Wahl für diesen Lyrikband. Es weist bereits außen darauf hin, was im Inneren zu finden sein wird. Und so ist es auch in den Gedichten Moussavis: ein Außen, ein Innen, Stimmen von Außen, Stimmen aus dem Innen – nichts schwieriger als sie zusammen zu führen. Und doch, so scheint es mir beim Lesen, gelingt es Moussavi in ihren Gedichten. Es sind Sprachbilder einer Frau, die eigentlich keine Stimme hat in ihrem Land, allein weil sie eine Frau ist.

„– ich habe zu lange ausgehalten, so dass mich jetzt nichts mehr hält
In diesem Land
                      ist kein Platz für mich“

Granaz Moussavi ist Iranerin, hat bereits vier Gedichtbände herausgegeben, ihr letzter Band „Rotes Gedächtnis“ durfte im Iran nicht veröffentlicht werden und kursiert nur unter der Hand: Gedichte einer verbotenen Autorin. Gedichte einer Frau. Gedichte, die der Zensur zum Opfer fallen.

„Vom Gate zum Galgen
Von einem Koffer bis zum nächsten Take-Off
Von Schafott zu Schafott“

Eine Auswahl aus Moussavis verschiedenen Lyrikbänden hat nun Isabel Stümpel zusammengestellt und ins Deutsche übertragen. Die Gedichte sind sowohl in Deutsch als auch in Farsi abgedruckt und in chronologischer Abfolge. Dadurch lässt sich signifikant die Entwicklung der Dichterin nachvollziehen. Themen und Ausdruck verändern sich maßgeblich.

Moussavi ist bekannt geworden auch als Filmemacherin. Sie pendelte zwischen Iran und Australien, wohin ihre Familie aufgrund der Zustände im eigenen Land, auswanderte. Wegen ihres Films „My Tehran for sale“ aus dem Jahr 2011, der das Lebensgefühl junger iranischer Künstler aufzeigt, jedoch abgesetzt wurde, lebt sie derzeit nur in Australien.

„Eine Frau, die Schlagstöcke filmt
                                                und verbotene Themen
fiel unter Fußtritten vor ihrer Zeit“

Im Iran kann sie nicht leben, weil ihre Kunst der Zensur unterliegt, im Exil sehnt sie sich nach ihrem Land und nach der Inspiration, die es trotz allem bietet. Geprägt wurden ihre Gedichte von verschiedenen großen persischen Stimmen: von der Dichterin Forugh Farrochzād und den beiden Dichtern Sohrab Sepehri und Ahmad Shamlu.

Viele der Gedichte sind im Exil entstanden, stehen aber immer unter dem Einfluss des Heimatlands.

Es sind Sehnsuchtsgedichte, Liebesgedichte und immer mehr politische Gedichte. Gerade in den letzten Gedichten in diesem Band wird die gesellschaftskritische, politische Stimme immer deutlicher und lauter. Dennoch vermag man als Leser nicht alles zu entschlüsseln, fehlt doch oft das Hintergrundwissen, der Einblick in ein unbekanntes Land. Ein wenig leichter macht es das am Ende angehängte Glossar, was verschiedene in den Gedichten verwendete iranspezifische Begriffe und Redewendungen erklärt. So erklären sich Anspielungen etwa auf Koransuren, Legenden oder persische Dichtung. Abseits dieses speziellen Verstehens wirken Moussavis Gedichte aber auch auf einer anderen tieferen Ebene. Sie sprechen direkt alle Sinne an.

 „ Weißt du es schon?
   Die Fische sind davongezogen ohne Reisepass, zurück blieb nur
                                                                               das salzige Meer
   Und der Himmel reicht nicht für all die Einsamkeit „

Das salzige Meer: die vergossenen Tränen? Moussavis Verse sind in ihrer Symbolhaftigkeit nicht immer so leicht zu durchdringen wie in diesen Zeilen.

„Denke ich an den Himmel
wird, was ich auch schreibe, nass … „

Im Gedicht „Nachtlied“ werden Haare unsichtbar gemacht, so wie es für eine Frau draußen verlangt wird:

„Vielleicht kämme ich mich nicht einmal
flechte nur Zöpfe und
durchkämme die nachtblauen Tage
                                           die grauen
                                                        die schwarzen
                                                          Ah …

Ich muss es aufsetzen
den Knoten schlingen“

Im letzten Drittel des Gedichtbandes werden unter dem Namen „Rotes Gedächtnis“ Gedichte versammelt, die 2001 – 2011 erschienen sind. Der Zyklus „Gedächtnis des ausgestorbenen Schreis“ ist meines Erachtens der stärkste Teil dieser Sammlung und so mutig und direkt, dass es nicht wundert, dass er im Iran offiziell nicht gedruckt werden darf. Es wird deutlich sichtbar, wie Moussavis Lyrik mit der vergehenden Zeit immer kraftvoller, widerständiger und kritischer wird.

„Drehte sich doch die Uhr ins Altertum zurück
Dass aus den Zeigern eine Generation ausgestorbener grüner
                                                                                    Tiger spränge“

Hier wird auch immer wieder auf die gescheiterte grüne Revolution angespielt. Manchmal stürzt sich Moussavi regelrecht in die Worte hinein, verbindet sie im Klang – laut gelesen klingen sie wie ein Stakkato, ja mitunter fast wie ein Rap  – auch hier ein Aufschrei des „Dagegen“.

„Meine Knochen sind zerfallen
Im Hallen der Maschinengewehrsalven
Und nein … nein, diese Legenden sind wahrlich kein
                                                                          Wiegenlied“

Es herrscht ein aufrührerischer, manchmal trotzig klingender Ton, der zwischendurch unterspült wird von einer feinen Zartheit. 

„ …zwischen dem Geschrei jenseits der Scheiben
und den stillgelegten Träumen
Mein Weinen verstört
über dem zerstörten Körper einer Frau, die nicht mehr ist …“

Ein Gedicht des letzten Zyklus heißt „Steinigung“ und erinnert daran, dass es diese grausame Todesstrafe auch in heutiger Zeit mancherorts noch gibt:

„Wurf um Wurf zerrann die Frau
An ihren Schläfen Granatäpfel-Platzen.“

oder

„Mann für Mann
Stein für Stein
                        säen Klatschmohn auf der Schläfe!“

Bestimmte Worte tauchen in Moussavis Gedichten stets wieder auf: Klatschmohn, Granatapfel, Stoppschilder, Fische, der grüne Tiger, die „Feen“ – durch die Wiederholung verdichtet sich die ohnehin schon deutliche Symbolwirkung, atmosphärisch starke Bilder entstehen. Durch Einrückungen und Zeilensprünge unterbricht die Dichterin die fortlaufenden Verse, zeigt ihre Unruhe. Reime finden sich selten, und wenn, dann sehr gezielt gesetzt. 

Granaz Moussavis Gedichte sind (an)klagende, hinterfragende, aber auch zornige, mutige Texte, die den `verbotenen` Frauen im Iran eine Stimme verleihen, die durch die Übertragung von Isabel Stümpel nun auch in unserer Sprache hörbar wird. Ich freue mich über diese Stimme sehr, ich empfehle diese Dichtung wärmstens.

Meine Besprechung erschien zuerst auf fixpoetry.com
07.12.2016 Hamburg
Von Marina Büttner



Neue Lyrik im Herbst – Eine subjektive Auswahl aus den Verlagsvorschauen Herbst 2021

received_2840345896787004782399307830778115.jpeg

Viele Blogger gestalten derzeit Beiträge zu den Herbstvorschauen 2021 der Verlage. Was dabei aber fast immer fehlt ist die Lyrik. Diese Lücke will ich nun schließen. Aber: Es ist ein sehr subjektiver Blick, es ist eine winzige Auswahl, es sind die, die mich am stärksten ansprechen. Viel Vergnügen beim Entdecken!

Meine vier Favoriten:

Auf Ulrich Kochs neuen Lyrikband freue ich mich sehr. Er ist ein, wenngleich unerreichbares, Vorbild für mein eigenes Schreiben. Geniale Kostproben gibt es immer wieder auf Facebook. „Diese Gedichte sind groß, groß genug für Gegensätze und Selbstwidersprüche, und sie nehmen sich zurück, als hätten sie sich gekürzt. Sie sind das, was übrig bleibt, wenn das Ich – »Ein Niemand / Unvergessen« – gestrichen ist.“ (aus dem Vorschautext). „Dies ist nur ein Auszug aus einem viel kürzeren Text“ erscheint am 27.8.21 beim Jung und Jung Verlag.

Levin Westermann hat mich mit seinem letzten Gedichtband sehr begeistert. „Denn das Schreiben ist immer auch ein Überschreiben. Literatur ist Palimpsest. Und alles ist verbunden, im Text und in der Welt. Kein Lebewesen existiert für sich allein, und kein Text entsteht aus dem Nichts.“ (aus dem Vorschautext).  „farbe komm dunkel“ erscheint am 26.8.21 im Matthes & Seitz Verlag.

Ich bin Fan von Lutz Seilers Texten, sei es Prosa oder Lyrik. Sein neuer Band heißt  „schrift für blinde riesen“. „Mit seiner suggestiven Stimme und einer gehärteten Sprache jenseits aller Moden eröffnet Lutz Seiler einen ureigenen poetischen Raum. Vor allem ist es die Materialität der Dinge, das Sprechen nah an den Substanzen – verwandelt in Rhythmus und Klang, bilden sie den Erzählton seiner neuen Gedichte.“ (aus dem Vorschautext) Erscheinungstermin ist der 16.8.21, wie immer im Suhrkamp Verlag.

Der Debütband „dekarnation“ von Eva Maria Leuenberger hat mich bereits fasziniert und ich bin sehr gespannt auf  „kyung“.  Eva Maria Leuenbergers zweites Buch ist eine unerschrockene Auseinandersetzung mit Identität, Herkunft und Sprache, Ent- und Verwurzelung, sexueller Gewalt und Angst. All das macht kyung zu einem hochpolitischen und hochaktuellen Werk.“ (aus dem Vorschautext) Der Band ist bereits erschienen am 25.6.21 im Literaturverlag Droschl.

*********************************************************************************

Winkler_Magma_Cover_CC21.indd31pCDuEXL7L

Ron Winklers Bände stehen fast alle in meinem Buchregal. Sein neuer Band trägt den Titel „Magma in den Dingen“. „Ron Winkler untersucht in seinem neuen Band, wie die Sprache in der Bewegung ihre Fließgeschwindigkeit verändert. Unermüdlich sind Winklers Gedichte dem »strapaziösen Schönen« auf der Spur, tragen sie die überraschenden Überschüsse dessen nach, was der Fall ist.“ (aus dem Vorschautext). Der Band erscheint am 20.7.21 im Schöffling Verlag.

Birgit Kreipes neuer Lyrikband aire“ ist gerade bei Kookbooks erschienen. „Die Gedichte in aire spüren inneren und äußeren Umbrüchen nach – etwa Krankheit, Umzug, Verlust – und interessieren sich für disruptive oder allmähliche Veränderungen: für die sukzessive Integration von Sinneseindrücken, das Gären von Gefühlen, Gedanken- und Erinnerungsspuren sowie die dadurch ausgelöste spezifische Unruhe – und deren Sprünge und Transformation in neue Erfahrung.“ (aus dem Vorschautext). ET 28.6.21

Herausgegeben von beiden, von Birgit Kreipe und Ron Winkler erscheint eine Anthologie über Märchen im Gedicht: „Rote Spindel Schwarze Kreide“.  Es überrascht nicht, dass Märchen auch die Poesie inspirieren. Es überrascht eher, dass märchenhafte Lyrik bisher nicht in dieser Form zusammengekommen ist. Dabei sind sich beide Genres äußerst nah. Am Wunderbaren rühren, die eigene Zeit verwandeln oder hinterfragen, vertuschen und verblüffen, es mit dem Unergründlichen aufnehmen: Das können Märchen, können Gedichte.“ (aus dem Vorschautext) Ab 13.9.21 bei Edition Azur/Voland Quist.

****************************************************************************************

ARTK_CT0_9783446270800_0001 (1).jpg ÄpfelARTK_CT0_9783446270831_0001 (1).jpg verbrechen9783328601661_Cover.jpg doggerland

Die Gedichte der jungen albanischen Lyrikerin Luljeta Lleshanakus fielen mir schon in der Anthologie „Grand Tour“ positiv auf.  Nun erscheint der Band Die Stadt der Äpfel im Hanser Verlag. „Luljeta Lleshanaku gehört zu den prägendsten Stimmen der neuen Lyrik Osteuropas. In jungen Jahren erlebte sie den politischen Umbruch in Albanien, jene plötzliche Beschleunigung der Zeit, die ihrer Generation eine Welt ohne Anker und Zukunft hinterließ. Lleshanakus Gedichte sind von großer Unmittelbarkeit und Melancholie gezeichnet.“ (aus dem Vorschautext) ET 27.9.21

Ronya Othmann, die bereits beim Gertrud Kolmar-Preis den Förderpreis erhielt, bringt nun nach ihrem Debütroman auch einen Gedichtband heraus. „Widerständig und zugleich an jeder Stelle ungeschützt und intim tragen diese existenziellen Gedichte einen neuen Ton in die Gegenwart: „wir werden die detonation rückwärts lesen.““ (aus dem Vorschautext)  „Die Verbrechen“ erscheint am 25.10.21 im Hanser Verlag.

Den Hauptpreis beim Gertrud Kolmar-Preis erhielt Ulrike Draesner mit ihrem Gedichtzyklus  „doggerland“ „Oszillierend zwischen Deutsch und Englisch, zwischen gebundener und freier Rede, wirft Draesners bereits vor der Veröffentlichung preisgekröntes Gedicht einen Blick zurück: vom immer wahrscheinlicheren Ende des Holozäns zu unseren Anfängen. Eine bewegende, von jahrhundertealten, meist männlichen Vorstellungen befreite lyrische Suche nach unseren Wurzeln.“ (Vorschautext) Der Band erscheint am 4.10.21 im Penguin Verlag.

**********************************************************************************************

9783945832462.jpg frau20210624_130415158214244945771143.jpgDas Kettenkarussell

Die 1982 in Syrien geborene Rasha Habbal ist bereits an dem wunderbaren Projekt „Weiterschreiben“ beteiligt. „Rasha Habbals Gedichte machen sich verletzlich. Sie sind immer intim, aber nie privat – immer alltäglich, aber nie belanglos. Szenen und Situationen projiziert Habbal auf den Hintergrund ihrer Entstehung: die syrische Revolution von 2011, den Bürgerkrieg, das Leben in Deutschland. Die Geschehnisse gewinnen aber nicht die Oberhand über das Gewöhnliche, das eine umso größere Symbolkraft entfaltet.“ (aus dem Vorschautext) „Die letzte Frau“ erscheint am 1.9.21. im Verlagshaus Berlin.

Bei Kookbooks erscheint der neue Band des Lyrikers Farhad Showghi. „Ich entwerfe ein Sprechen. Und komme zum Erzählgedicht. Was geschieht, wenn ich sage: Genaugenommen verlasse ich das Haus und die Ortschaft. Die Ort-schaft. Die Silbe schaft beschäftigt mich. Und ich will jetzt einen Zuruf suchen, mit einem mundfernen Sprechgefühl, mir indes einen Namen machen, einen Namen, der von sich aus nichts tut, keiner Anweisung folgt, eher Lautfolge bleibt.“ (O-Ton Showghi in der Vorschau)  „Anlegestellen für Helligkeiten“ erscheint im Oktober 21.

Neue Gedichte der Georgierin Bela Chekurishvili sind bereits am 13.7.21 erschienen. Der Gedichtband heißt „Das Kettenkarussell und erschien beim Wunderhorn Verlag. „Die neuen Gedichte von Bela Chekurishvili haben ihre Ankerpunkte in der Kindheit. Sie rückt umso mehr in den Blick, je länger und je weiter sich die georgische Dichterin aus ihrer Heimat entfernt hat. Die Gedichte Bela Chekurishvilis holen die Ferne heran, mit den uralten Mitteln der Poesie.“ (Text aus der Verlagsvorschau).

*******************************************************************************

20210711_131959147890374588268838.jpgSchmutzfleck Cover[10237]Scale.jpg Safak

Zwei interessante Lyrikbände erscheinen Mitte September im Elif Verlag. Zum einen ein weiterer Band aus Island, diesmal „Lederjackenwetter“ von Fríða Ísberg, wieder zweisprachig und übersetzt von Wolfgang Schiffer und Jon Thor Gislason. Eine Empfehlung vom Verleger selbst ist der Band „Schmutzfleck“ von Seyyidhan Kömürcü. 

Şafak Sarıçiçeks neuester Gedichtband scheint mir inhaltlich sehr spannend: „Mit Aplomb treten auch die Gedichte auf, die Im Sandmoor ein Android versammelt. Bemerkenswert ist ein Zyklus, der die Heidelberger Sammlung Prinzhorn – ein Museum für Kunstwerke aus psychiatrischen Kliniken – reflektiert und in kraftvolle Sprachbilder übersetzt. Überhaupt geht es in Sarıçiçeks Lyrik oft um Objekte, um Exponate. Kaum ein Gedicht ohne Auftritt lebender oder fossiler Pflanzen und Tiere.“ (aus dem Vorschautext)  „Im Sandmoor ein Android“erschien bereits am 14.7.21 beim Quintus Verlag.

.

Titelfoto: Constanze Matthes