Ragnar Helgi Ólafsson: Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können Elif Verlag

DSCN2354

Gleich vorab: Ein Leuchten! Hellstes Polarlichtleuchten!

Beim ersten Lesen des Titels auf dem anziehenden Cover war klar: Das ist passende Lyrik für mich. Sehr selten finde ich einen Lyrikband, bei dem ich mich mit allen Gedichten anfreunden kann. Hier ist es so. Ólafssons Texte vereinnahmen mich ganz. Sie scheinen erst so harmlos leicht und dann! dann kommt die Wendung, die aus einem schönen ein unvergleichliches Gedicht macht. Es ist manchmal nur ein Wort, eine Schwingung zwischen den Zeilen. Nach jedem Umblättern kommt eine Überraschung, keine Sensation, das eben nicht, sondern ein hauchfeines Etwas, dass umhaut. Mein Liebstes:

Dichtersprache

Ich möchte mit dir in einer Dichtersprache sprechen,
ohne die Stille zu durchbrechen.

Es ist nicht so schwierig, wie es klingen mag.

Es ist nur so,
als zöge man ein Kristallglas
an einem Wollfaden
über
einen steinübersäten Strand.

Eine große Vielfalt steckt in den Texten. Sie reichen von rätselhaft bis skurril („Der innere Raum des Kuchens ist alles das, was nicht Kuchen ist“) , von meditativ bis schlicht, von melancholisch bis humorvoll (“ Ich kann es mir nicht leisten, diese Seelöwen für längere Zeit zu halten“). Manchmal sind es bildhafte Texte von M.C. Escher`schem Format wie bei „Seifenblase“. Manche erscheinen als Traumsequenzen in all der Wirklichkeit: „Stupéfiant.“ Einige muten so essentiell an, wie die Suche nach dem eigenen Selbst. So glaubte ich einmal Pessoa zu begegnen im Gedicht „Nichts wie Nichts“ :

„Ich lehne Vergleiche ab.
Das was ich sage ist.
Ich lehne alle Vergleiche ab.
Alles ist das was es ist.“

Und da ist auch noch das zarte wunderbare „Wiegenlied 1“:

„… Es hat Millionen von Jahren gedauert, dies zustande zu bringen, aber die Welt macht nicht viel Aufhebens davon, weil sie schon darüber, dich in sich zu haben, so überglücklich ist.“

Ólafssons Gedichte sind auf verschiedenen Ebenen zugänglich. Das macht sie so besonders und empfehlenswert, auch für diejenigen, die sonst kaum Zugang zu Lyrik finden.

Sowieso ist es ein kleines Kunstwerk, innen wie außen. Die deutsche Ausgabe wurde ebenso ausgestattet wie das Original, das der Autor und Künstler selbst gestaltet hat: Ausgestanzter Einband, collagenhaft, welcher gleich tief blicken lässt, schwarze Fadenheftung auf weißem Grund, fast japanische Bindung, zweisprachig. Fein übersetzt von Island-Spezialist Wolfgang Schiffer und dem Isländer Jón Thor Gislason und verlegt im Elif Verlag, in dem auch sonst ganz fabelhafte Lyrik zu finden ist.

2017-11-08 19.43.16Wolfgang Schiffer stellte kürzlich den Band in Berlin im feinen Schokoladenbuchladen von Fräulein Schneefeld & Herr Hund vor: Es war ein mehr als interessanter Abend mit einer kleinen Einführung in die isländische Geschichte und mit der Vorstellung der isländischen „Atomdichter“, die einen neuen poetischen Ausdruck finden wollten, weitab der traditionellen Form in Island. Der Autor von „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“ ist ein aktueller Vertreter dieser Moderne.

Advertisements

John Clare: Reise aus Essex Matthes & Seitz Verlag

John Clare war Dichter. Er wurde 1793 in Northhamptonshire, England geboren und stammte aus einer Landarbeiterfamilie. Er ging nur bis zu seinem 12. Lebensjahr zur Schule. Mit 13 Jahren begann er zu dichten und zu reimen. Er hatte Talent. Es gab Menschen, die ihn förderten, aber auch welche, die ihn verspotteten und kritisierten. Er war überwiegend Autodidakt und wurde nie so bekannt wie seine Zeitgenossen Keats, Wordsworth und Coleridge (vielleicht lag es an seiner Herkunft?). Gut, dass es nun Esther Kinsky gelungen ist, einen kleinen Eindruck von Clares Werk auch in deutscher Sprache zu vermitteln. Kinsky, die selbst Lyrikerin, Prosaautorin und Übersetzerin ist, schreibt in ihrem Vorwort von der Herausforderung Clare zu übersetzen:

„Die Übersetzung von Clares idiosynkratischem Stil ist keine leichte Aufgabe. Für mich stand von Anfang an fest, dass seine Eigenheiten im Umgang mit Sprache und Schreibweise so sehr zu seinen Texten gehören, dass sie weitgehend erhalten bleiben mussten.“

Für heutige Leser mutet Clares Sprache sehr ungewohnt an, wirkt altmodisch, teilweise fast naiv und unbeholfen. Und doch war es zeitgemäß, wie Clare dichtete und erzählte. Der Titel des Buches führt ein wenig in die Irre, denn nur ein geringer Teil gegen Ende des Buches handelt tatsächlich von der „Reise aus Essex“. Es ist der Bericht, den Clare über seine Flucht aus einer psychiatrischen Einrichtung zurück in seinen eigentlichen Wohnort, sein Zuhause, schreibt. Dennoch lebte er später bis an sein Lebensende wieder in der Psychiatrie.

„Was ist denn Leben? Ein Stundenglas, das rinnt,
ein Dunst, der in der Morgensonne schwind`t,
Ein hastend, rastlos, immer wiederholter Traum. –
Wie lang? So kurz wie ein Gedanke währt.“

Der überwiegende Teil des Buches ist wie eine Art Tagebuch zu lesen. Clare erzählt aus seiner Kindheit und seiner Lebensgeschichte und wie er dazu kam, zu dichten. Er erzählt aber auch von seiner ständigen Suche nach ihm gemäßer Arbeit und seine finanzielle Lage war immer prekär.. Oft verdingte er sich als Gärtner oder Feldarbeiter. Er erzählt über seine Nähe zu den umherziehenden Zigeunern und seiner ersten Liebe. Clare war ein sehr naturverbundener Mensch, der auch von der Natur zum Schreiben inspiriert wurde. Im Buch sind zwei Gedichte zu lesen, die einen guten Eindruck seiner Lyrik vermitteln. Am Anfang das Gedicht: „Was ist Leben?“ und am Ende das Gedicht „Ich bin“.

„Ich selbst verzehr allein mein ganzes Leid: –
Das steigt und schwindet mit jedwedem aus dem Sinn,
Wie Schatten in der Liebe rasendem ersticktem Schrei: –
Und doch – ich bin und lebe –wie Nebel her und hin“

Beide Gedichte sind fast durchgehend gereimt, klingen mitunter etwas holprig, wobei dies möglicherweise der schwierigen Übertragung aus dem Englischen geschuldet ist. Dennoch findet sich die ganze Seelentiefe und Traurigkeit von Clares Persönlichkeit in diesen Texten. Eine Schwermut, die ihn vermutlich am Leben scheitern ließ, die gleichzeitig aber auch diese sehnsüchtigen Verse hervorholte.

Auf dem Höhepunkt seiner Erfolge, als zwei Gedichtbände von ihm erschienen und er für bekannter wurde, reist er auch mehrmals nach London. Die Berühmtheit währt nur sehr kurz, Clare fühlt sich missachtet und es zeigt sich zunehmend seine depressive Disposition. 1837 war sein erster Aufenthalt in der Psychiatrie, aus der er 1841 floh. Kurz darauf wurde er erneut eingewiesen und blieb bis zu seinem Tod 1864.

„Ich hielt mich etwa einen monat in London auf & verbrachte meine zeit sehr angemehm mit besuchen in der stadt & in gesellschaft jener einstigen wunder an Dichtern Malern & verfasern von büchern fast aller richtungen die mir von wundern zu ganz gemeinen männern wurden.“ 

Die „autobiografischen Fragmente“ aus den 1930er Jahren und zwei Briefe vervollständigen das knappe Bild, dass man sich anhand dieses Buches über John Clare machen kann. Esther Kinsky erläutert manches in ihrem Vowort. Das Buch erschien in sehr schöner Ausstattung in Fadenheftung und mit Lesebändchen im Matthes & Seitz Verlag, in dem es auch eine interessante Ergänzung zu diesem Band gibt: Das Buch „Der Rand des Orizonts“ von Iain Sinclair erzählt von dessen Wanderungen auf den Spuren von John Clares Flucht aus Essex 150 Jahre zuvor. Beide Bücher wurden von Esther Kinsky aus dem Englischen übertragen. Mehr darüber hier .

Frankfurter Buchmesse 2017: Ehrengast Frankreich

DSCN2272

Mit Frankreich ist diesmal wieder ein direktes Nachbarland Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse. Wie ich erfreut feststelle, habe ich bisher schon recht oft literarisch hinüber gelesen. Hier ein kleiner Überblick:

AchterbahnEinen zweisprachigen Lyrikband bringt der Wallstein Verlag in Zusammenarbeit mit Le Castor Astral heraus. Es trafen sich vier französische und vier deutsche Dichter, um gegenseitig im Miteinander ihre Gedichte zu übersetzen – hier findet man zeitgenössische französische Lyrik. Mit dabei unter anderem: Marion Poschmann und Monika Rinck.

Folgende Bücher sind jeweils verlinkt – man gelangt direkt zu meiner Besprechung:

Raymond Queneau: Stilübungen Suhrkamp Verlag 2016
Ein köstliches Spiel mit Sprache von einem der Oulipo-Dichter über eine Busfahrt

Claude Simon: Das Pferd Berenberg Verlag 2017 
Ein sprachliches Meisterwerk: die Grausamkeit des Krieges auf wenigen Seiten

Octave Mirbeau: Diese verdammte Hand Weidle Verlag 2017
Ein Künstlerroman, der Vincent van Goghs Zerrissenheit in den Mittelpunkt stellt

Christophe Boltanski: Das Versteck Hanser Verlag 2017 
Ein Haus in Paris als Familienhöhle und als Versteck für einen jüdischen Arzt

Valentine Goby: Kinderzimmer Ebersbach & Simon 2017 
Erschütterndes Zeitdokument einer Französin aus dem Frauenlager Ravensbrück

François Frenkel: Nichts um sein Haupt zu betten Hanser Verlag 2016 
Eine französische Buchhandlung in Berlin und die Flucht vor den Nationalsozialisten

Silvie Schenk: Schnell, dein Leben Hanser Verlag 2016 
Starkes autobiografisches Frauenporträt einer Französin im Nachkriegsdeutschland

Jérôme Ferrari: Ein Gott Ein Tier Secesssion Verlag 2017
Sprachlich unglaublich dicht: Geschichte eines jungen Mannes auf der Sinn-Suche

Karine Tuil: Die Zeit der Ruhelosen Ullstein Verlag 2017 
Aktuelles, gut konstruiertes Porträt der französischen Gesellschaft

Leila Slimani: Dann schlaf auch du Luchterhand Verlag 2017
Eine Art Psychothriller, der auch als Gesellschaftskritik durchgehen kann

Véronique Bizot: Menschenseele Steidl Verlag 2016 
Eine sprachlich überzeugende Entdeckung, eine ungewöhnliche eigenartige Geschichte

Saphia Azzeddine: Bilqiss Wagenbach Verlag 2016 
Die mutige junge Bilqiss in ihrem klugen Kampf gegen die Religionspolizei

Julia Deck: Winterdreieck Wagenbach Verlag 2016
Schräger Roman um eine skurrile Protagonistin im Widerstand gegen sich und die Welt

Brigitte Giraud: Einen Körper haben S. Fischer Verlag 2016
Roman, der sich durch Körperlichkeit dem Inneren einer trauernden Frau annähert

Delphine de Vigan: Nach einer wahren Geschichte Dumont Verlag 2016 
Eine Frau mit Schreibblockade erhält (scheinbar) Hilfe von einer mysteriösen Fremden

Shumona Sinha: Erschlagt die Armen Edition Nautilus 2015 
Eine Emigrantin steht als Dolmetscherin zwischen Herkunft und neuem Land und scheitert an dieser Aufgabe

Shumona Sinha: Kalkutta Edition Nautilus 2016 
Eine Frau kehrt zum Begräbnis des Vaters in ihr Herkunftsland Indien zurück und erinnert sich

Shumona Sinha: Staatenlos Edition Nautilus 2017
Drei Frauen zwischen Tradition und Moderne, zwischen Fremdheit und Ankommen

Aya Cissoko: Ma Wunderhorn Verlag 2017
Geschichte einer jungen Emigrantin aus Mali zwischen Tradition und Moderne

Nathalie Chaix: Liegender Akt in Blau Kunstanstifter Verlag 2016 
Ein kleines Kunstwerk über eine brennende Liebe anhand des Malers Nicolas de Stael

Catherine Meurisse: Die Leichtigkeit Carlsen Verlag 2017
Das Wieder-in-die-Welt-finden einer Illustratorin nach dem Attentat bei Charlie Hebdo

Was mir auffällt, wenn ich die Titel so durchgehe: Es sind vor allem Autorinnen. Offenbar haben in Frankreich die schreibenden Frauen das Heft in der Hand, was mich wiederum sehr für sie einnimmt. Unschwer zu erkennen ist, dass Shumona Sinha meine Favoritin ist. Ich habe sie kürzlich in einer Lesung des Literaturfestivals erlebt und finde ihre starke kritische Stimme, die sie mit feiner Sprachpoesie kombiniert, mehr als überzeugend. Leuchtende Leseerlebnisse wünsche ich!

Ulrich Koch: Selbst in hoher Auflösung Jung und Jung Verlag

DSCN2005

„Jeden Morgen erwache ich wie jemand, der sein Empfehlungsschreiben verloren hat, und beginne fieberhaft zu suchen. Sobald ich etwas geschrieben habe, bin ich von seinem Gegenteil überzeugt. Dann stellt sich Heimweh ein.“

Mit diesen Worten eröffnet der 1966 geborene Lyriker Ulrich Koch seinen lang erwarteten neuen Gedichtband. War manches bereits in der Timeline eines Social-Media-Kanals zu lesen, ist es nun gebündelt und verdichtet zwischen zwei Buchdeckeln viel besser aufgehoben – das dichterische Werk. Obiger Auszug leitet die ersten Seiten ein, quasi als poetisches Vorwort, überschrieben mit dem Satz: In meiner Erinnerung riecht es noch immer nach Zukunft. Hier erliest sich schon eingangs mit welcher Reichweite, mit welchem Ton die Leser*innen rechnen dürfen.

„Der Apfelbaum auf der Streuobstwiese
hat den Funkkontakt verloren.“

Es sind Texte, die ich ziemlich gerne lese, Ein Klang, der für mich ein Weltklang im alltäglichen ist, ein Beispiel von Sprache in einer sich stetig wandelnden Welt, im Umfeld des Dichters herausgezogen oder gesogen aus den umgebenden Dingen und Ereignissen. Die Verse begegnen mir, als würde ich sie wiedersehen, als hätte ich sie als Kind schon kennengelernt. Ein Ton, wie ihn so eben nur Ulrich Koch kann. Spektakulär gut.

„Aus der Planierraupe ist ein Parkplatz geschlüpft,
nachtschwarze Flügelfläche,“

Koch stellt Dinge des Alltags in Konstellationen, wie sie eigentlich nicht vorkommen, stellt Natur und Mensch und Tier gegenüber und lässt sie aufeinander los. Ohne Wunden und Verletzungen kommt da keiner raus, wird aber vielleicht gleich wieder getröstet vom nächsten Vers. Wie außen, so innen – oder umgekehrt. Das Innen wird mitunter nach außen gestülpt. Von der Einsamkeit ist überproportional oft die Rede. Aber auch von der Schönheit.

„Die Mehrheit der Einsamen hält sich ein Haustier.
Fünf von vier Haustieren

hören schon seit Jahren nicht mehr zu.“

Kochs Gedichte stehen kaum still, aber erlauben die Stille. Sie lassen sich treiben, kennen kein genaues Ziel. Oft nehmen sie Fahrt auf, die Enden eine Vollbremsung. Und gleich weiter zum Nächsten. Wenn sie dann zum Anhalten einladen, bleibt dem Leser alle Zeit der Welt, um sich durch geheime Türen ins Verdichtete hineinzuschleichen, sozusagen ins Koch`sche Laboratorium und die Worte zu wiegen.

„Auf den Prosagedichten
führen die Befreiten
ihre Strichlisten: Birken,
die zu Reisern verknistern,
immer leiser werdend.“

Die Kapitel sind lose nach Themen geordnet – es lassen sich als Schwerpunkte Beziehungen oder Familie erkennen, es gibt einige Tiergedichte, die dann doch keine sind. Aber auch – ich interpretiere – ein „Wer bin ich, wenn ich bin“ oder „Wo bin ich verankert in der Welt“. Letzteres besonders im Kapitel „Elementare Gedichte“, welches ich auch für das schönste halte. Koch verwendet freie Verse, keine konkreten Formen, was sich reimt, tut es nicht nur aufgrund eines gleichen Klangs sondern aus unerklärlichen Gründen im Lesefluß. Im Ausklang des Buchs schreibt Koch unter anderem:

„Der Vorwurf der Unverständlichkeit eines Gedichts fällt auf den Leser zurück. Es sei denn, er kann glaubhaft machen, daß es dem Schreibenden möglich gewesen wäre, sein Gedicht zu lesen, bevor er es geschrieben hat.“

In diesem Sinne: Ich empfehle diese Gedichte als Leserin und Schreibende zugleich: Lyrisches Leuchten!

Ulrich Kochs Lyrikband „Selbst in höchster Auflösung“ erschien im Jung und Jung Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

Lyrik aus dem hochroth Verlag am Beispiel von: Inger-Mari Aikio, Niillas Holmberg, Tzveta Sofronieva

DSCN2030

Lyrik aus dem hochroth Verlag zu entdecken ist auf vielfache Weise eine Freude:
Zum Einen ist es ein engagiertes Projekt, das von vielen Lyrikbegeisterten an sechs verschiedenen Standorten getragen und fortbewegt wird.
Es ist ein Glück, dass diese lyrikbegeisterten Verleger auch großen Wert auf eine ästhetische Gestaltung ihrer Werke legen. Es sind kleine Kunstwerke, diese wunderschönen Bändchen, die handgefertigt aus hochwertigem Papier, sogar einzeln nummeriert verlegt werden.
Und es werden eine Vielzahl an Lyrikern, die in einer Vielzahl an Sprachen unterwegs sind, ausgewählt, bekanntere und unbekanntere. Zudem werden nun auch mehrsprachige Variationen hergestellt.

Meine kleine Auswahl aus der Bielefelder Dependance zeigt gleich das breite Spektrum an Sprachvielfalt:

 

„heimweg des mondes
in den daunen der kolkraben
tragen die flöhe seidenkrawatten“

„knoten fallen vom himmel
eine eintönige arbeit
sie das jahr hindurch zu lösen“

Inger-Mari Aikio: Die Sonne leckt Sahne:
In Aikios Band geht es um den Lauf der Jahreszeiten. Und es geht um Zwischenjahreszeiten, wie wir sie hier nicht kennen, wohl aber im Norden Finnlands. Die Dichterin schreibt auf Finnisch und auf Samisch und sie bietet uns ungewohnte Einblicke in die Natur. Ihre Gedichte ähneln in ihrer Dichte oft Haikus. Durch diese Reduziertheit entstehen starke Bilder. Mitunter war ich an Christine Lavant erinnert, deren Themen ja ebenso Natur und Mystik sind. Mir gefällt dieser Band ausgesprochen gut – für mich Herzenspoesie.
Aikio wurde 1961 in Ohcejohka/Utsjoki in Finnland geboren. Der schmale Band ist zudem hinreißend (mit Rentieren, die im Winter ihr Geweih verlieren) illustriert von Katrin Merz. Die Übersetzung aus dem Nordsamischen stammt von der Gruppe B.

 

“ … der dem Wind auf dem Schoß sitzt
schreibt seine Verse auf Steine und Baum.“

„Doch obwohl ich den Strahl fühlte
nicht mein Lichtzelt
war ich, wie du, nicht geduldig genug
noch in diesem Leben zu leuchten … )“

Ebenfalls aus dem Nordsamischen kommt der Band Der dem Wind auf dem Schoß sitzt von Niilas Holmberg. Der 1990 ebenfalls in Ohcejohka/Utsjoki in Finnland geborene Schriftsteller schreibt so ganz andere Gedichte. Seine Themen verweben den Alltag, die aktuellen Lebensthemen unter anderem mit antiker Philosophie. So ergänzen sich ungewohnt alt und neu. So ergeben sich neue Ideen aus Experimenten. Übersetzt hat den zweisprachigen Band Katrin Merz.

 

„Formen, Ausdrücke, Kochrezepte,
weitere Algorithmen,
All go Rhythm,
Knoten von Assoziationen.“

„An die Erdoberfläche
nagen Anthropozähne
In der entscheidenden Szene
wird der Hintergrund stets
mit dem Vordergrund vertauscht.“

Von Norden nach Osten: Von der Bulgarin Tzveta Sofronieva kommt der Band mit dem schönen Titel: Anthroposzene. Es ist ein mehrsprachiges Lyrikexperiment in der Reihe „Translingual“ In der Tat wimmelt es von unterschiedlichen Sprachen, die in- und nacheinander übergehen und sich zu vereinen versuchen. Ihre Themen sind häufig gesellschaftskritisch. Mitunter verrätselt wie ein Kreuzworträtsel, mitunter gesetzt wie Konkrete Poesie ist dieser Band nicht so leicht zu greifen. Es ist ein Spiel mit der Sprache, experimentell, überbordend und rhythmisch.
„Die Autorin studierte weder Literatur noch Sprachen, weil sie diesen unbefangen begegnen wollte“, eine biografische Angabe, die ich sehr gerne lese …


Ich empfehle das „Unternehmen“ hochroth nachdrücklich!
Weitere Informationen über hochroth an allen Standorten finden sich auf der Website des Verlags, wo es auch ein kurzes Video über die handwerkliche Herstellung der Bände gibt:: http://www.hochroth.de

Übrigens: Der Verlagsname ist angelehnt an ein Gedicht der Dichterin Karoline von Günderode:

Hochroth 

Du innig Roth,
Bis an den Tod
Soll meine Lieb Dir gleichen,
Soll nimmer bleichen,
Bis an den Tod,
Du glühend Roth,
Soll sie Dir gleichen.

 

Orsolya Kalász: Das Eine Brüterich Press

DSCN1871

„Jetzt
schließen wir die Augen,
wir alle.
Dann greift jeder
nach seinem toten Winkel
und legt ihn zu den anderen,
auf den vorbestimmten
Platz.“

Die 1964 geborene Orsolya Kalász hat kürzlich den Peter-Huchel-Preis 2017 erhalten. Die ungarisch/deutsche Lyrikerin, die bereits sehr lange in Berlin lebt, hat eine ganz schöne eigene Art zu schreiben, die mich beim Lesen manchmal an die polnische Dichterin Wislawa Szymborska erinnert hat.

Es ist eine direkte Art über Beziehungen und über Liebe zu schreiben, die mich sehr für sie einnimmt, denn Liebesgedichte zu schreiben die nicht dem Klischee anheim fallen ist wohl das Schwierigste überhaupt. Diese Gedichte sind sehr durchdringend mit klarem persönlichen Ausdruck, sehnsuchtsvoll auch, und mit Metaphern, die vollkommen neu sind. Eine Sprache, die mich anspricht, im Wortsinn.

„Die Vergleiche hissen die Segel

Das Gefühl, von dir berührt zu werden,
vergleiche ich mit einem
vom verschwenderischen Blau
des Himmels gebannten Blick.
Es ist, als würde ich schwimmen
in einem durch die Haut schimmernden See,
inmitten der gespiegelten Wolken
deiner Hand.“

Außer Beziehungs- und Begegnungsthemen jeglicher Art finden sich vorrangig Gedichte einer Sparte, die mir bisher weder als Gedicht noch sonstwie untergekommen ist: Sie beschäftigt sich mit Heraldik und schreibt also Wappen-Gedichte. Gedichte über Heraldik hört sich erst mal seltsam, gar altmodisch an, doch sind Wappen in Kalász` Gedichten immer Symbole, Bilder und Zeichen einer Zugehörigkeit. So lerne ich beispielsweise die Merlette (aus dem Französischen „Merle“= Amsel) kennen: Eine an Schnabel und Füßen gestutzte Amsel, die oft auf Wappenbildern verwendet wird und die hohen Symbolgehalt hat.

Schau mich an
und sag
du bist mein Wappentier,
mein pferdeköpfiger Greif,
mein Tiger-Biber,
mein Fisch-Huhn,
meine Adler-Ziege.

Am Morgen Meerjungfrau,
Am Mittag Basilisk
Am Abend ein roter Krebs
[…]
Auszug aus „Himmel und Erde“

oder

Und dann wäre da noch die Idee,
dass die Wappenfiguren,
vererbbare Erscheinungen
der Realwelt, in der Heraldik,
beim nächsten Selbstentwurf
von Nutzen sein könnten.
[…]
Auszug aus „Idee“

Das Buch kommt aus dem sehr kleinen Verlag Brüterich Press, hinter dem der Lyriker Ulf Stolterfoht steht. Sein wunderbarer wirklich gelungener Werbeslogan:
Schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis – dann ist es BRUETERICH PRESS
Der Band steht auch auf der Liste der Lyrikempfehlungen 2017. Und er ist sehr fein gestaltet und stimmig typographisch inszeniert, durchbrochen von Aufnahmen des Künstlers Frank J. Schäpel, die Röntgenbilder vom menschlichen Schädel zeigen.

Ein interessantes Interview mit Orsolya Kalász gibt es auf fixpoetry.

Tomas Espedal: Biografie Tagebuch Briefe Matthes & Seitz

DSCN1989

„Mir wurde früh klar, dass meine eindrucksvollsten Erlebnisse dort stattfanden,wo nichts geschah.“

Tomas Espedals neues Buch heißt “ Biografie Tagebuch Briefe“. Es sind Fragmente und Episoden aus seinen Notizbüchern, die in Norwegen schon wesentlich früher erschienen sind. In Deutschland erlangte Espedal mit seinem Buch „Gehen oder die Kunst ein wildes und poetisches Leben zu führen“ im Jahr 2011 zum ersten Mal größere Aufmerksamkeit. „Gehen“ halte ich nach wie vor für sein bestes Buch. Kennt man noch nichts von ihm, sollte man damit beginnen.

„Gehen: seinen Beruf ausüben, indem man ihn nicht ausübt.“

Imgrunde ist es Lyrik: In Tomas Espedals neuem Buch gibt es keine Handlung. Was er erzählt, steht ohnehin meist zwischen den Zeilen. Leser die ihn kennen, werden einiges wiederentdecken, sich erinnern an Sequenzen aus den vorherigen Büchern. Trotzdem bleibt manches rätselhaft, erschließt sich durch mehrfaches Lesen. So scheint er manchmal mit sich selbst zu sprechen. Aus der Ich-Perspektive oder auch mit dem Du, um sich selbst zu ermahnen, zu begreifen, endlich endlich die Welt und sich selbst zu verstehen. Hauptthema ist wie immer das Schreiben.

„Jetzt denke ich schon daran, was ich schreiben werde. Blind gehen mit offenen Augen. Ebenso einfach wie dieser Pfad, ich gehe ihn auf und ab, schreite einen Satz ab oder ein paar Zeilen: Wenn ich mich stören lasse, wenn ich einen Schritt breit  nach rechts oder links abweiche, in die falsche Richtung, zu den Beerensträuchern im unteren Teil des Gartens oder oben zur Straße hin, dann werde ich kein einziges Wort schreiben können.“

Es ist ein wirklich trauriges, sehnsuchtsvolles Buch. Ein Buch in dem philosophiert wird, gedacht wird, wiederholt wird, was immer noch nicht oder vielleicht nie begreiflich wird. Es geht um den Tod zweier wichtiger Menschen: der Frau und der Mutter. Es geht um die zwei Töchter. Es geht um das alte Haus, in dem sie wohnen. Es geht um das Ringen zwischen Alltag und Schreibtätigkeit. Es geht ums erschöpft sein, um den Versuch durch Alkohol alles abzumildern, den Schmerz zu dämpfen, den Kummer zu verdrängen. Und es geht auch um Gewalt: Espedal zeigt die Gewalt auf, die in seinem Leben auch eine Rolle spielte: Die Boxkämpfe mit dem Vater, im Boxclub, die Prügeleien um Mädchen und später die handgreiflichen Auseinandersetzungen in Beziehungen.

Das rundherum Schöne an diesem Buch ist wie immer Espedals Sprache, die Poesie, die noch im schlimmsten Moment alles durchdringt und einen Rettungsanker sowohl für Leser als auch Schriftsteller bietet. Am feinsten und dichtesten und sinnlichsten liest sich das Kapitel „Tagebücher“.

Ich empfehle auch „Wider die Natur“ und „Wider die Kunst“. Alle Bücher von Tomas Espedal sind im Matthes & Seitz Verlag erschienen. Eine Hörprobe findet sich hier. Die Übersetzung kommt von Hinrich Schmidt-Henkel.

Eine weitere Besprechung liest man bei Zeichen & Zeiten.

Christine Lavant: Gedichte aus dem Nachlass Wallstein Verlag

SD_1393-4_Lavant_Bd3_LyrikNachlass_lay1.indd

Wer die österreichische Lyrikerin Christine Lavant (1915-1973) noch nicht kennt, was ein großes Versäumnis ist, hat jetzt die Möglichkeit mit einem neuen über 600 Seiten zählenden Band zu beginnen. Der Wallstein Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, das von Klaus Ammann und Doris Moser zusammengestellte Gesamtwerk der großen Lyrikerin aus dem Lavanttal nach und nach zu verlegen.
Nun sind es die Gedichte aus dem Nachlass, die teilweise aus dem unveröffentlichten ersten Lyrikband „Die Nacht an den Tag“ stammen, die meinem Empfinden nach sehr christlich religiös wirken. Der andere Teil kommt aus privaten Sammlungen – Lavant schickte oft ihren Freunden Gedichte, ohne eine Kopie zu behalten – und aufgefundenem Material, welches im Robert Musil-Institut in Klagenfurt aufbewahrt ist. So führte Lavant zum Beispiel auch mit ihrem Arzt einen Briefwechsel, der Gedichte von ihr enthält.

„An gottverlassenen Regentagen
kannst du – wenn du ganz einsam bist –
und vom Scheitel bis zu den Zehennägeln
keine einzige furchtsame Stelle mehr hast
sehen oder auch riechen
wie die Erde aus sich kommt.“

Ein weiterer umfangreicher Teil, wie ich finde der interessanteste, stammt aus der Sammlung der Briefe an Werner Berg. Denn hier sind wunderschöne Liebesgedichte enthalten. Christine Lavant verband mit Berg, der einen Hof betrieb, aber auch Maler war, eine lange Liebe. Beide lernten sich auf einer Literaturveranstaltung kennen und ihre Beziehung ging weit über einen künstlerischen Austausch hinaus. Doch zusammen kamen sie nicht, beide waren verheiratet.

„Du ergriffst mein Herz schon als ich dich ansah am Abend
dort unter den Vielen wo keiner sein Herz sonst bereit hielt
und wo man das Kleingeld der Freundlichkeit richtig verteilte
in Augen und Hände.

oder

„Vielleicht lebst eben du in einem deiner
erlösten Bilder, wo der Stein noch Brot ist
und weißt nicht mehr was alles mir noch not ist
und willst im Grunde nur noch irgendeiner
einmal Entflohener meines Herzens sein?“

All diese bisher unveröffentlichten Gedichte künden bereits von der Vielfalt, in der sich Lavant mit ihrer Dichtung bewegte: Naturverbundenheit, Spiritualität, Religiösität – sie beschäftigte sich auch mit dem Buddhismus – und unglaubliche Offenheit. Sie zeugen vor allem von den großen Zusammenhängen, die Lavant immer im Kleinen fand.

„Morgen wird die ertrunkene Hälfte der Welt
nur ein verschilfter Froschtümpel sein
vor dem die Sonne ihr Haar nicht schüttelt
und von den Schultern der Bäume herab
wird das Mondhuhn zu anderer Tränke fliegen.
Warum erzähl ich dies alles dem Tau?
Der hat das Ertrunkene nie gekannt
der ist ja heut erst herabgefallen
auf die zitternde Kümmelstaude.“

Christine Lavants Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte““ und den kurzen Roman „Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus“ habe ich bereits ausführlich besprochen. Die gesamte Werkausgabe erscheint im Wallstein Verlag. Der vorliegende Band ist wieder mit einem ausführlichen Nachwort versehen und steht auch auf der Liste der Lyrikempfehlungen 2017.

Ellen Hinsey: Des Menschen Element Matthes & Seitz Verlag

DSCN1869

Der Traum
Die Zeit wie eine Schote aufzubrechen und ihre leuchtenden, glühenden Samen zu betrachten

Ellen Hinsey habe ich nur entdeckt, weil Litauen diesmal Gastland der Leipziger Buchmesse war. Denn sie hat zusammen mit dem 80jährigen litauischen Lyriker Tomas Venclova ein Buch herausgegeben. Die 1960 in Boston geborene Amerikanerin hat mit dem vor langer Zeit nach USA emigrierten Dichter und Literaturprofessor Gespräche geführt und somit sein Leben fürs Lesepublikum aufgeblättert. Das Buch heißt „Der magnetische Norden“ und erschien vor kurzem im Suhrkamp Verlag. Ebenso ist sie Übersetzerin seiner Gedichte.

Als ich ein wenig recherchierte fand ich heraus, dass Ellen Hinsey, die lange Zeit in Paris lebte, nicht nur sich gut auskennt im osteuropäischen Raum und dessen Geschichte, sondern dass sie selbst auch schreibt, und zwar vorrangig Lyrik. Als ich in einer Leseprobe die ersten Zeilen von ihr las, war ich fasziniert: Hinsey weiß hochaktuelle und brandheiße politische Gedichte zu verfassen, die in solch gelungener Spracharbeit und Direktheit selten sind. Ihre Themen lassen außerdem auf intensive Philosophie- und Geschichtskenntnisse schließen. So spricht sie bei der Buchvorstellung in der Berliner DAAD-Galerie über die Ideen des griechischen Philosophen Parmenides, der sie beim Schreiben für dieses Buch sehr beeinflusste: Grob gesagt, hatte er die Theorie, dass es keine Getrenntheit gibt in der Welt, dass alles eins ist. So gesehen erhalten die Gedichte auch eine spirituelle Dimension.

Einsicht und Zweifel
Einmal nur unerwartet die Einheit der Welt erfahren –
wider die Manöver des Verstandes.

Dauerhafter Zustand
Die Wachheit lädt den Verstand ein, sich ihr anzuschließen
im sprießenden, sich stetig erneuernden Feld der Welt.

Merkwürdiges Autodafé
Im Gegenzug plant der Verstand seinen ewigen Angriff auf
das Sein.

Auszug aus dem Notizbuch A

 


Ellen Hinsey scheut nicht die Auseinandersetzung mit aktuellen politischen Themen. So schilderte und verdichtete sie beispielsweise Verhöre von Gefangenen verschiedener Regimes. Hinsey besuchte dazu den Gerichtshof in Den Haag, wo es um Kriegsverbrechen im osteuropäischen Raum ging. Oft schockierend und ungeschönt: diese Gedichte sind mitunter starker Tobak …

Die Tyrannei hat nichts dagegen, klein anzufangen: Maß ist ihr gleichgültig. Ihre Träume vom Ruhm werden frohen Mutes im Kindertheater geprobt.
[…]
Die Regression der Tyrannei ist einfach: die Begierde eines Kleinkinds, der Welt seine Allmacht aufzuerlegen.

aus Chronik – Eine kurze Biografie der Tyrannei

In ihrer Buchvorstellung erzählt Hinsey desweiteren, dass es ihr beim Schreiben ums „Bewahren“ geht, das Bewahren vor dem Verschwinden. In ihrem Lyrikband findet sich dieses Bewahrenwollen in allen drei Kapiteln: Im ersten „Des Menschen Element“ geht es um das Wesen des Menschen: seine Besonderheit; im zweiten „Zeugnis“ geht um das Treiben und Tun der Menschen: die Spaltung der Welt; im dritten „Mitternachtsdialog“ um das Zweifeln, den Moment der Veränderung, um die Vergebung.

Langsam rollen Polizeiautos die mitternächtlichen Boulevards entlang, überwachen das Unheil. Pomp protzt mit Verfall – aber keiner gewinnt, da die Nacht beide in ihren abgenutzten Teppich rollt – um sie auf die Schultern ermatteter Schläfer zu laden, jener unschuldigen Träger der Hoffnung.

aus Annalen – Östliche Apokryphen

Ellen Hinsey schreibt über den Menschen in der Welt, verdichtet, konzentriert und philosophisch. Ihre Gedanken sind unbedingt lesenswert, auch für Nicht-Lyrik-Leser.

Ellen Hinsey war 2015 Gast beim Berliner Künstlerprogramm des DAAD. Der vorliegende Band erschien in der Reihe DAAD Spurensicherung 29 im Matthes & Seitz Verlag und wurde übersetzt von Uta Gosmann.

VERSschmuggel Gedichte: deutsch, litauisch Verlag Das Wunderhorn

DSCN1788

Noch einmal zurück nach Litauen:
Gerade rechtzeitig zur Buchmesse erschien die Gedicht-Anthologie VERSschmuggel Litauen. Die Reihe VERSschmuggel gibt es schon länger und mit einer Vielzahl von Ländern. Es ist ein geniales Projekt: Deutsche Lyriker und Lyriker eines anderen Landes setzen sich zusammen, reden mithilfe eines Dolmetschers über ihre Gedichte und übersetzen sie dann gegenseitig. Als Grundlage wird vorab eine sogenannten interlineare Übersetzung angefertigt. Das Litauische ist eine der Sprachen, die als Tonsprache gilt, so dass sich je nach Betonung ein anderer Sinn ergeben kann, es hebt sich also vom Deutschen stark ab. Im Buch sind dann alle Gedichte zweisprachig abgedruckt und können mithilfe eines QR-Codes sogar angehört werden (so man denn über ein entsprechendes Mobilphone verfügt). Das Buch erschien gleichzeitig auch in einem litauischen Verlag.
Initiiert wurde das Projekt von der französischen Übersetzerin Aurélie Maurin, die auch Mitherausgeberin ist, in Zusammenarbeit mit Thomas Wohlfahrt vom Haus der Poesie in Berlin. Dieser Reihe zugrunde liegt eine Diskussion über das Thema `Lyrik übersetzen´ im Allgemeinen: Ist es besser professionellen Übersetzern das Handwerk zu überlassen oder sind Dichter dafür geeigneter?

Diesmal also Litauen, Gastland der Leipziger Buchmesse.
Im Anhang des Buches finden sich jeweils biografische Angaben und die Bücher, aus denen die Gedichte stammen und kurze Einblicke in die Zusammenarbeit jedes Einzelnen, die für manche Dichter ganz neue eigene Herangehensweisen eröffneten und wohl eine große Bereicherung war. Es arbeiteten diese 12 Lyriker zusammen.

Christian Filips mit Aivaras Veiknys
Norbert Hummelt mit Antanas A. Jonynas
Orsolya Kalász mit Giedré Kazlauskaité
Sabine Scho mit Agné Zagrakalyté
Mathias Traxler mit Gytis Norvilas
Christoph Wenzel mit Sigitas Parulskis

Das sind noch einmal ganz andere Stimmen als in meinem letzten Beitrag über litauische Lyrik. Hier sind einige Auszüge aus Gedichten, Gesprächen, Beiträgen, die etwas aus dieser Arbeit, aus diesem Buch verdeutlichen und wiederspiegeln:

„das lagerfeuer brennt und ich erinnere mich,
wie mein sohn in meine schuhe schlüpft
als probierte er mich selber an

die schuhe sind ein raum, für füße ein zuhause
die zuflucht des verlorenen sohns,
in ihnen wohnt die zeit als ein zurückgelegter weg […]“

aus „Das Verbrennen der Schuhe“ von Sigitas Parulskis, übersetzt von Christoph Wenzel

oder

„Todesangst packte mich auf einmal,
vor einem langen Leben
voller Verluste, ohne je etwas produziert zu haben […]“

aus „Treppe zur Bibliothek“ von Giedré Kazlauskaité, übersetzt von Orsolya Kalász

oder Christian Filips zu seiner Arbeit mit Aivaras Veiknys:

„Wie übersetzt man den erstarrten Wunsch nach dem einfachen Leben in ein: Schau doch! Da! Es ändert sich ja! Selbst, Stein, Feld, Vater sind nicht immer dieselben …“

Die VERSschmuggel-Bände erscheinen alle im Wunderhorn Verlag, der auch sonst einiges an Lyrischem zu bieten hat. Mehr über Verlag, Buch und eine Leseprobe gibt es hier

Einen weiteren Beitrag zur litauischen Lyrik gibt es bereits hier auf meinem Blog.

Auf der Website lyrikline findet sich ein reicher Schatz an gelesenen Gedichten, unter anderem auch Lyrik oben genannter Autoren.

Und noch einmal ans Herz legen möchte ich Antanas Skemas Roman „Das weiße Leintuch“ aus dem Guggolz Verlag. Darin geht es um einen litauischen Dichter im New Yorker Exil.

Ulrike Bail: sterbezettel edition offenes feld

dscn1722

Ich war neugierig: Wer nennt seinen Lyrikband „sterbezettel“?

Ich vermutete, es würde jemand sein, die sich mit dem Sterben und dem Tod beschäftigt hat. Die Autorin, davon ging ich aus, muss zutiefst mit dem Thema verbunden sein. In der Kurzbiografie von Ulrike Bail las ich dann, dass sie Germanistik und Theologie studiert hat und Professorin für Altes Testament ist. Sie lebt in Luxemburg und hat dort für „sterbezettel“ bereits einen Preis erhalten.

Beim Lesen der Gedichte zeigte sich schließlich, dass es in ihrem Band nicht nur ums Sterben geht, sondern vielmehr um ein „Stirb und Werde“.

Meine gesamte Besprechung gibt es auf fixpoetry

Film-Kunst-Film: Die Poetin DVD Film von Bruno Barreto 2014

DSCN1759

Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Der Film „Die Poetin“ erzählt vom Leben und Werdegang der New Yorker Dichterin Elizabeth Bishop, deren recht bekanntes Gedicht „One Art“ (deutsch: Die Kunst des Verlierens) mich schon immer sehr angesprochen hat:

The art of losing isn’t hard to master;
so many things seem filled with the intent
to be lost that their loss is no disaster.

Lose something every day. Accept the fluster
of lost door keys, the hour badly spent.
The art of losing isn’t hard to master.

Then practice losing farther, losing faster:
places, and names, and where it was you meant
to travel. None of these will bring disaster.

I lost my mother’s watch. And look! my last, or
next-to-last, of three loved houses went.
The art of losing isn’t hard to master.

I lost two cities, lovely ones. And, vaster,
some realms I owned, two rivers, a continent.
I miss them, but it wasn’t a disaster.

—Even losing you (the joking voice, a gesture
I love) I shan’t have lied. It’s evident
the art of losing’s not too hard to master
though it may look like (Write it!) like disaster.

Elizabeth Bishop zählt zu den einflussreichsten US-amerikanischen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie lebte von 1911 bis 1979. Der Film setzt 1951 ein, als Bishop sich entschließt ihre alte Studienfreundin Mary in Brasilien zu besuchen, um neue Anregungen für ihr Schreiben zu bekommen. Es wird ein sehr langer inspirierender Aufenthalt, der von enormer Schaffenskraft geprägt sein wird. Das liegt am Land, aber auch an den Menschen, denen sie dort begegnet. Vor allem auch an einer Frau, der Architektin Lota de Macedo Soares, der Lebensgefährtin von Mary. Die extrovertierte, selbstbewusste Lota, die Elizabeth zunächst als aufdringlich und überheblich empfindet, wird nach und nach zur Freundin, zur Geliebten, zur Muse.
In einem eigens für sie gebauten lichtdurchfluteten Atelier im Grünen schreibt sie ihren Gedichtband „North & South – A cold spring“ und erhält dafür 1956 den Pulitzer-Preis für Dichtung. Doch die Dreiecksbeziehung wird immer schwieriger. Als Lota in Rio an einem neuen Projekt arbeitet kommt sie Mary wieder näher. Elizabeth beginnt zu trinken, um die Eifersucht (und das Leben?) aushalten zu können. Als sie eine Einladung für eine Dozentur an einem amerikanischen College erhält, nimmt sie an. Die beiden Frauen sehen sich nur noch einmal 1967, um doch wieder nur Abschied voneinander zu nehmen, diesmal für immer.
.
Glória Pires spielt überzeugend die tatkräftige Lota, Miranda Otto die sensible, zerbrechliche Dichterin.
Hier gehts zur offiziellen Film-Website: http://www.diepoetin-film.de
In einer deutsch/englischen Ausgabe liegt der Gedichtband „Alles Meer ein gleitender Marmor“ von Elizabeth Bishop vor. Ansonsten gibt es nur englische Originalausgaben.

Şafak Sariçiçek: Spurensuche Elif Verlag

DSCN1777

Im kleinen feinen Elif Verlag gibt es einmal mehr eine junge Lyrikerstimme zu entdecken:
Şafak Sariçiçek, 1992 geboren, ging in Istanbul zur Schule, studiert in Heidelberg Jura – und schreibt Gedichte. Sein Debütband „Spurensuche“ hat ein besonderes Format, er passt sich an die Form der meisten Gedichte an. Sie sind mittig ausgerichtet, so dass man durch das DIN A5 große Buch im Querformat wie in einem Skizzenblock oder einem Kalender blättern kann. Das Zweite was sofort ins Auge springt sind die Illustrationen. Bereits auf dem Cover als Titelbild eine ausdrucksvolle Zeichnung, die ein in wenigen Strichen hingeworfenes halbiertes Gesicht zeigt, umrahmt von Farbspuren. Sie stammen von dem Künstler Sven Kalb und untermalen mit wenigen Strichen – Kohle? Grafit? – Sariçiçeks Gedichte.

Der Band ist in fünf Kapitel unterteilt. Bunt gemischt sind die Formate: Zwischen den bereits erwähnten mittig zentrierten, finden sich sehr kurze Haiku-artige, auch `normal` linksbündige längere Gedichte und Anklänge an visuelle Poesie, was den Band mitunter etwas unruhig macht.

Regen und Rabe

Feine Tränen
Fallen aufs Land
Fallen schon immer,
Schwarz ein Rabe, springt über einen Ast
Tun die Raben schon immer.

Sariçiçek braucht keine hehren Worte, keine großen Gesten. Er arbeitet mit so gut wie keinen Metaphern oder Verschlüsselungen. Die Gedichte sind nicht experimentell, außer vielleicht in der Form. Dadurch sind sie sehr eingänglich und recht nah am Leser und der Leser ist nah am Autor. Inhaltlich bietet sich von kleinsten Alltagsbeobachtungen bis zum Blick auf aktuelle politische Entwicklungen ein breites Spektrum. Mir fällt dazu das Wort „Augenblicksgedichte“ ein – Gedichte, die vielleicht aus einer plötzlichen Inspiration geschrieben sind, an denen nicht lange gefeilt wurde. Seine Gedichte reichert Sariçiçek mit kreativen Wortschöpfungen an und mitunter mit überraschender Direktheit. Alles was er wahrnimmt, wird in seinem geschriebenen Wort gewichtig. Sei es eine Liebesgeschichte, ein Käfer auf einer Sonnenliege, Gedanken unter der Dusche, stechende Moskitos etc. Zwischen Ferienerlebnissen finden sich dann plötzlich Gedichte, die über den Putsch in der Türkei berichten, um gleich im Anschluss wieder an Liebesgedichte anzuknüpfen.

Am authentischsten und gleichzeitig am eigensinnigsten empfinde ich die Texte, die mit solchen Überschriften beginnen:
eine minibusfahrt in das krankenhaus in ezine, wegen des verstopften ohrs“ 
oder
entzauberte welt/erkundungen eines schwindelgefühls bei der tannenlichtung im olivenhain“ 
oder

als ich vom schwimmen komme, ist ein dicker käfer auf meinem strandtuch

[…] er krabbelt in ausweglosen kreisen und wagt sich nicht über die
faltenschluchten zwischen tuch und liege, er geht die steile bergwand

am senkrecht aufgestellten kopfteil der liege an, die haken an
seinen sechs käferarmen sind jetzt bergmannswerkzeuge und kurz vor

dem Gipfel kampiert er, wird von dem aufkommenden wind zu fuße
des weißen plastikbergs gewirbelt zur seite hin, […]

Şafak Sariçiçeks Gedichte sind durch ihren sehr persönlichen Charakter leicht zugänglich. Sie erinnern den Leser an den Wert des Augenblicks, fordern zum Verweilen auf und wecken Erinnerungen an intensiv gelebte, gespürte Momente.

Der schön gestaltete Lyrikband erschien in Dinçer Güçyeters Elif Verlag, dessen kleines feines Programm ich sehr empfehlen kann.

Poesie als Sprache der Freiheit – Lyrik aus Litauen

DSCN1757

„Von Vater und Mutter wurde ich 1936 zum Leben angeworben.
Jene Beziehung habe ich seitdem nicht unterbrochen,
besonders die geheime, welche zuweilen die Poesie preisgibt.“

aus dem Gedicht „Antwort auf einen Loyalitäts-Fragebogen“ von Marcelijus Martinaitis aus der Anthologie „Vierzehn litauische Autoren“

Litauen ist dieses Jahr das Schwerpunktthema der Leipziger Buchmesse. Ich las soeben das Buch „Das weisse Leintuch“ von Antanas Škėma aus dem wunderbaren kleinen Guggolz Verlag, eine Wiederentdeckung aus dem Jahr 1958. Sofort war ich fasziniert. Ein großartiger Roman! Die Hauptperson des Romans ist selbst Dichter und schöpft aus einem reichen Vorrat an Liederschatz und Sagen, Märchen- und Mythenwelt aus der mehr als wechselhaften Geschichte Litauens. Meine ausführliche Besprechung dazu gibt es auf fixpoetry.

Und so machte ich mich auf die Suche nach Litauens Lyrikern:

Alles begann wohl mit Kristijonas Donelaitis (1714-1780), einem Pfarrer, der mit seinem Hauptwerk „Metai – Jahreszeiten“ den Grundstein zur weltlichen litauischen Dichtung und Schriftsprache legte.

Johannes Bobrowski (1917 – 1965) sei gleich eingangs erwähnt. Er ist relativ bekannt und hat, in Tilsit geboren und später in Ostberlin lebend, sowohl in Ost und West veröffentlicht. In seinen Gedichten nimmt er immer wieder Bezug auf seine Heimat. Bekannt wurde er mit seinem ersten Band „Sarmatische Zeit“(siehe Gedicht unten) aus dem Jahr 1961. Gerade ist eine Gesamtausgabe mit über 700 Seiten neu erschienen: „Gesammelte Gedichte“ DVA.

Litauische Lieder 

Nachts, tieräugig, ein Strauch
bin ich, ein Baum am Tag,
ein Wasser im Mittagsschatten,
unter der Sonne das Gras.

Oder um den Abend
eine Kirche am Berg, wo der Liebste
aus und ein geht, ein weißer
Priester, und Lieder singt.

Durch die Welt
lieb ich ihn, der Mondstrahl
muß ich sein um die Tür,
um das Haus im Fichtendunkel.

Einst flieg ich auf
mit der Laubvögel Sprüche im späten
Jahr, wenn ihr Herz,
ein Hagelkorn, weiß ist.

(aus Sarmatische Zeit)

Eine schöne Entdeckung ist die zweisprachige Anthologie „Vierzehn litauische Poeten“ aus dem Athena Verlag, 2002 bereits erschienen, die es leider nur noch antiquarisch gibt. Sehr schade, dass der Verlag keine Neuauflage anbietet, gerade jetzt zum Buchmessethema Litauen wäre das sinnvoll gewesen. Die Anthologie bietet einen schönen kleinen Überblick über die Lyrik Litauens, die stark im Land verwurzelt ist. In Zeiten unter der Sowjetmacht, war Lyrik oft in der Tat eine Sprache der Freiheit, barg sie doch einige Möglichkeiten der Verschlüsselung unter der Verwendung von allerlei Metaphern. Vom 1917 geborenen bis zum 1966 geborenen Dichter spannt sich der lyrische Reigen.

Aufgefallen sind mir dabei vor allem zwei Dichter:

Da ist der Schriftsteller Tomas Venclova. Sein Lyrikband „Gespräch im Winter“ ist bei Suhrkamp verlegt und lieferbar. Er wurde übersetzt von Claudia Sinnig und Durs Grünbein. Ganz neu gibt es von ihm ein Buch mit (biografischen) Gesprächen mit der Dichterin Ellen Hinsey „Der magnetische Norden – Erinnerungen“ ebenfalls bei Suhrkamp erschienen. Venclova wurde 1937 in Memel, heute Klaipėda, geboren, erlebte die Besatzung durch die Sowjets und durch die Nazis. Er studierte in der Sowjetunion. In Moskau hatte er gar sein Erweckungserlebnis als Dichter:
“ Und fast genau dort erlebte ich, wie eine Verszeile strahlt/ Und um Mitternacht Bäume und Schnee erhellt.“ 
Venclova war mit  Brodsky und Milosz befreundet, kannte Szymborska, Achmatowa, Pasternak. Später als unbequemer Schriftsteller erkannte man ihm während einer Reise nach Amerika die Staatsbürgerschaft ab und er blieb im Exil in den USA und lehrte dort als Professor Russische Literatur. Er schreibt in russischer und litauischer Sprache vorrangig Lyrik und Essays. Seine Lyrik ist eher klassisch streng, formal und besteht oft aus vielen Versen bei großer Themenvielfalt. Sie orientieren sich häufig am großen Vorbild: Ossip Mandelstam.
Ich war kürzlich im Literaturhaus bei der Buchvorstellung von „Das weisse Leintuch“ und konnte miterleben wie Venclova einen Auszug daraus in Litauisch las: Eine klangvolle Sprache, die mich an eine Mischung aus Russisch und Finnisch erinnert.

Doppelte Belichtung 

Reuig der Schneesturm, lang war das Meer nicht in seiner Gewalt,
Der gestrige Nordwind hat sich verausgabt beim Brausen,
Unterm Eis blinken Fische, unsichtbar; schneller als der Schall
Breitet die Stille sich in Schneewehen aus.
Die Zeit, vom Gedächtnis nicht aufzuhalten, zerrinnt
Durch die Nadeln der Bäume. So verliert der gesprungene
Tonkrug das Wasser, so wird das Blau am Himmel verdünnt,
[…]

Die zweite Entdeckung ist der 1960 in Sibirien geborene Dichter Eugenius Ališanka. 1961 durfte seine Familie wieder aus dem Exil zurück, seitdem lebt er wieder in Litauen. Von ihm gibt es zwei Einzelbände in deutscher Übersetzung, einer bei Dumont (leider nur noch antiquarisch: „aus ungeschriebenen geschichten“) und der andere im Suhrkamp Verlag, ebenfalls von Claudia Sinnig übersetzt und lieferbar, „exemplum“. Gerade erschienen sind auch Essays von ihm im Klak-Verlag. Seine Gedichte sind modern, halten sich nicht lang mit Reimen auf, sind selten formal, sind schneller eingängig. Anfangs eher metaphysisch, sind sie heute klarer und direkter. Wie ich im Nachwort von „exemplum“ lese, werden Ališankas Gedichte in Litauen eher kritisch beäugt, heben sie sich doch aufgrund leichterer Verständlichkeit zu sehr von klassischer Poesie ab.

die haltbarkeit eines gedichtes

die haltbarkeitsfrist läuft ab
es eignet sich nicht mehr für den export
beim versand
weichen die überreifen metaphern auf
macht sich fäulnis breit
zum halben preis angeboten
am markttag
sieh da eine studentin interessiert sich
für die reifen früchte der arbeit

Gespannt bin ich außerdem auf dieses Buch:
In der Reihe „VERSschmuggel“ gibt es derzeit ein Projekt mit jüngeren litauischen und deutschen Dichtern und Übersetzern. Das Programm wird bei „Leipzig liest“ und im „Haus der Poesie“ in Berlin vorgestellt. Als Buch soll es, wie alle Bände aus dieser Reihe, im Wunderhorn Verlag erscheinen.

Gerrit Wustmann: Taksim Tango/Istanbul Bootleg Binooki Verlag

Passend zum Indiebookday und zum KAIROS-Preis 2017, den der Binooki-Verlag soeben erhalten hat – Glückwunsch! – sende ich heute eine Besprechung, die bereits vor einiger Zeit auf fixpoetry erschien. Zudem ist Gerrit Wustmanns Stimme eine passende zur politischen Situation in der Türkei.

Ich kenne Istanbul nicht. Ich war nie dort. Ich las Gerrit Wustmanns Gedichte über die Stadt. Und weiß doch noch immer nichts über Istanbul. Aber ich weiß, ich kann etwas von ihr finden in seiner Lyrik. Der Dichter weiß etwas über die Stadt. Er hat einige Jahre dort gelebt und ist ihr direkt begegnet. Die Erweiterung dessen sind seine Gedichte.

Wustmanns Istanbul-Gedichtzyklus umfasst drei Bände, die seit 2010 und im Zeitraum von fünf Jahren entstanden. Beyoglu Blues, Istanbul Bootleg und Taksim Tango. Liest man alle drei hinter- oder nebeneinander, entsteht eine Geschichte, liest man die Bände in der Reihenfolge des Entstehens zeigt sich Entwicklung. Es ist ein kleiner Ausschnitt aus der aktuellen Geschichte Istanbuls auf Basis der erlebten Eindrücke. Die Bewegungen der Stadt, gerade auch die politischen, werden deutlich, vor allem im dritten Band. Wustmanns Gedichte werden von Band zu Band kritischer. Der Dichter arbeitet reichlich mit Metaphern, Oft gibt erst die Begriffserklärung im Anhang Aufschluss. Doch wenn der Leser dann weiß, was es mit Pinguinen, Glühbirnen oder Töpfen und Pfannen auf sich hat, ergibt sich der Bezug zu den Ereignissen rund um den Gezi-Park. Die oft verwendeten türkischen Worte, die man nachschlagen muss, wenn man die Sprache nicht kennt, mögen zunächst hinderlich erscheinen, bereichern aber und verstärken die Stimmung. Und auch ohne dieses Wissen wirken die Gedichte. Denn über allem klingt die poetische Melodie des mit dem Rhythmus der Stadt verbundenen Autors.

Die Gedichte sind meist kurz und sehr dicht. Manche, besonders in Beyoglu Blues, erinnern schlicht an Haikus, manche sind reich an orientalischer Fülle. Die Worte vielleicht zugeflogen über die Dächer wie die Gebetsrufe des Muezzins. Es gibt in der Luft keine Grenzen. Das Lesen der Gedichte ist zunächst wie ein Schweben über der Stadt, ein erstes Erspüren der Atmosphäre, das erneute Lesen fokussiert. Der Schwebende greift zum Fernglas und zoomt sich heran. Er spaziert durch den Bazar. Er betrachtet Ornamente, er sieht und hört und lauscht. Er riecht die Minze im Tee, kostet vom Raki und spürt die Katze, die um die Beine schleicht. Er atmet Meer. Die Gedichte sind sinnlich erlesbar. Wustmanns Lyrik ist bilderreich mit oft sich wiederholenden Zeilen, die die Inhalte verstärken. Immer wieder tauchen als Motiv Katzen auf, das Lachen der Möwen, die Farbe grün, Regen, Nebel, Tee. Zeilenbrüche finden sich überall, es zeigt sich Schicht um Schicht, vieles bleibt doppeldeutig.
Besonders in den ersten beiden Bänden bezieht er sich auf literarische Werke türkischer Autoren, unter anderem auf Orhan Velis Lyrik, auf Orhan Pamuks Roman „Schnee/kar“, und immer wieder auf Ahmed Hamdis „Uhrenstellinstitut“, aber auch auf Jörg Fausers Aufenthalt in Istanbul.

Taksim Tango ist in fünf Kapitel aufgeteilt. Das erste heißt #widerstand und ist sicher das politischste.

das lied der gasmaskentage
wie weißer nebel zieht
ein blues durch die gassen
im orangen schimmer einer laterne
steht einer und wartet …“

Als Höhepunkt taucht der Leser ein in Kapitel Nummer zwei #taksim tango. Es ist ein einziges drei Seiten langes Gedicht, welches für einen friedvollen Auf- und Widerstand plädiert und sich dabei direkt auf die Geschehnisse im Gezi-Park bezieht.

hinter blickdichten vorhängen
schweben unsere wünsche und morgen
morgen werden wir wieder hier sein
mit bunten regenschirmen am brunnen
und alle werden wir rote kleider tragen
und tango tanzen in den straßen
von letzter nacht […]“

Es folgen Kapitel drei #grenzgebiete und vier #berlinistanblues, welches von der Liebe, von Begegnungen und vom Verlassen erzählt und in seiner Stimmung bereits auf das letzte Kapitel #abschied weist.

wie ein rudel dürrer junger welpen
wirft man sich auf alles was satt macht
bis es wehtut jedes foto
löscht eine erinnerung
in jeder dunklen gasse schimmert
das meer in trüben augen
die nichts mehr sehen wollen
jede idylle ist eine lüge von vergänglichkeit“

Der Kreis schließt sich. Es sind Abschiedsgedichte, wehmütig und traurig, der Dichter verlässt die Stadt und verbeugt sich ein letztes Mal vor ihr, bevor er heimkehrt.

Über die atmosphärische Lage der Stadt und über Eindrücke und Blitzlichter, die sie hervorrufen kann, wenn der Blick und das Herz darauf eingestellt sind, weiß ich nun. Ich habe etwas erfahren, etwas gespürt, nicht nur gelesen, über die Entwicklung der Stadt in den letzten fünf Jahren oder vielleicht über die Entwicklung des Dichters, der sich in dieser Stadt fort-bewegte.

Alle drei Bände sind zweisprachig. Übersetzt ins Deutsche wurde von Miray Atli. Erschienen sind sie im Binooki Verlag (Beyoglu Blues nur noch als ebook). Der kleine Verlag der engagierten türkisch-deutschen Schwestern Selma Wels und Inci Bürhaniye mit Sitz in Berlin hat das erklärte Ziel aktuelle türkische Autoren auch in Deutschland bekannter zu machen. Eine große Herausforderung auch politischer Art, wie es scheint, denn seit der Herausgabe ihres Buches über die Gezi-Demonstrationen, erhalten die beiden keine Förderung mehr von der Türkei.
Nun wurde die Arbeit gewürdigt: Der Binooki Verlag erhält den KAIROS-Preis 2017.

Inzwischen hat sich die politische Lage in der Türkei extrem verändert und ich möchte damit auch auf Gerrit Wustmann aufmerksam machen, der auf Facebook unermüdlich wichtige Beiträge zur Situation in der Türkei veröffentlicht.

Wem es nach mehr Büchern aus unabhängigen Verlagen gelüstet, der schaue hier:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/11/22/buecher-aus-unabhaengigen-verlagen-indie-books-als-alternative-teil-1-prosa/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/11/29/buecher-aus-unabhaengigen-verlagen-indie-books-als-alternative-teil-2-lyrik/