10.12. Literarische Adventtürchen

Kurze Auszüge aus Büchern, die mir am Herzen liegen – Zeilen, Worte, die vielleicht in ein Leser_innenbewusstsein vordringen – Literatur, die etwas zum Leuchten bringt:
Hier sind meine literarischen Adventtürchen, tägliches Licht und auch die Tage werden wieder länger und heller …

sylvia geist

aus „Fremde Felle“ von Sylvia Geist

Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/05/18/sylvia-geist-fremde-felle-hanser-verlag/

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Robert Macfarlane / Jackie Morris: Die verlorenen Wörter Matthes & Seitz

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Aus einem Twitter-Projekt für Kinder ist eine Aktion geworden, die weite Kreise zieht: Das Profil des Briten Robert Macfarlane zeigt täglich neue Begriffe, alte Wörter, die womöglich verloren gehen könnten, ebenso wie die entsprechenden Tiere oder Pflanzen, würde man sie nicht weitertragen. Alles begann mit einem Oxford-Kinder- und Jugend-Wörterbuch, in dem anstelle von Eisvogel oder Farn, neue Wörter wie chatroom etc. auftauchten. Bei Macfarlane läuteten die Alarmglocken. Aus einem offenen Brief mit bekannten britischen Unterzeichnern entstand die Idee der Rettung der Wörter. Da der Account so viel Anklang fand, ist daraus ein Buch entstanden. Und was für eins! Es ist Buchkunst, Kunstbuch, Bilderbuch, Wörterbuch und Gedichtband in einem. Großformatig und einfach unwiderstehlich illustriert von Jackie Morris, ist es wirklich eine Perle und ein geradezu himmlisches „Verschenkbuch“.

Die Illustrationen sind für mich das Schönste am ganzen Buch. Jackie Morris hat ein überaus feines Gespür für Farben und für feine Inszenierungen der jeweiligen Worte und Tiere bzw. Pflanzen. Schritt für Schritt, Seite für Seite nähert sie sich dem Begriff an, bis erkennbar wird, um was es sich handelt. die großformatigen Porträts sind eindrucksvoll und faszinierend.

Efeu

Efeu bin ich, wahrer Luftpirat.
Fasse Stein und Borke,
Erklimme First und Krone.
Unkt ihr: Bodendecker, ruf ich: Himmelsdraht.

Macfarlanes Gedichte sind oft kindlich, teils verdreht und verrückt, manchmal naiv und unbefangen, einige erinnern an Abzählreime. Tatsächlich klingen sie oft wie Zaubersprüche oder eindringliche Beschwörungsformeln (siehe Untertitel). Ich bin sicher, Daniela Seel hat hier ihr ganzes Sprachgefühl eingesetzt, damit die Verse auch im Deutschen gelingen konnten. Und das tun sie – von A – Z, bis hin zum Akrostichon.

Das Buch erschien im Matthes & Seitz Verlag, wo auch Macfarlanes andere ins Deutsche übertragene Bücher zu finden sind, die man der Sparte „nature writing“ zuordnen kann. Die deutsche Übersetzung von Lost Words stammt von Daniela Seel, selbst Lyrikerin und Verlegerin des Lyrikverlags Kookbooks. Eine Leseprobe gibt es hier und mehr über den Autor hier  
Wer Lust hat Robert Macfarlanes Aktivitäten zu verfolgen, der schaue auf sein Twitterprofil

Auf der Seite des englischen Penguin Verlags erfährt man außerdem einiges über den Entstehungsprozess des Buches: https://www.penguin.co.uk/articles/2017/designing-the-lost-words/

 

7.12. Literarische Adventtürchen

Kurze Auszüge aus Büchern, die mir am Herzen liegen – Zeilen, Worte, die vielleicht in ein Leser_innenbewusstsein vordringen – Literatur, die etwas zum Leuchten bringt:
Hier sind meine literarischen Adventtürchen, tägliches Licht und auch die Tage werden wieder länger und heller …

Grace Paley

aus „Manchmal kommen und manchmal gehen“ von Grace Paley

Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/07/04/grace-paley-manchmal-kommen-und-manchmal-gehen-schoeffling-verlag/

4.12. Literarische Adventtürchen

Kurze Auszüge aus Büchern, die mir am Herzen liegen – Zeilen, Worte, die vielleicht in ein Leser_innenbewusstsein vordringen – Literatur, die etwas zum Leuchten bringt:
Hier sind meine literarischen Adventtürchen, tägliches Licht und auch die Tage werden wieder länger und heller …

sjönaus „Bewegliche Berge“ von Sjón

Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/05/29/sjon-bewegliche-berge-edition-rugerup/

 

Stadt Land Buch 2018 Literatur aus den nordischen Ländern

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Vom 11.11. bis 16.11.18 sind die Nordischen Länder zu Gast bei StadtLandBuch in Berlin und Brandenburg. Hier gehts zum Programm: http://www.stadtlandbuch.de

Und hier einige meiner nordischen Favoriten:

Steven Uhly: Den blinden Göttern Secession Verlag

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„Ja, natürlich. Diese Geschichte ist eigentlich zu verworren, um ein Bestseller zu werden. Die Leute wollen etwas Handfestes, verstehen Sie, eine packende Lebensgeschichte, am besten eine Befreiungsgeschichte, in der sich jemand von äußeren oder inneren Zwängen emanzipiert. Die Leute wollen eigentlich keine Literatur – sie wollen Wirklichkeit, verstehen Sie?“

Welch eine Perle! Welch eine Offenbarung! Steven Uhlys neuer Roman hat für mich spirituelle Dimensionen. Die Geschichte selbst ist ein Koan, welches es zu lösen gilt oder eben gerade nicht. Sie ist witzig und spannend und sprachlich anregend. Folgt man der Idee der Geschichte, bleibt einem selbst nichts anderes übrig, als sich auf alles und damit auf nichts einzulassen. Es ist ein gezielter Schritt ins/in die Leere. Ich bin hin und weg!

Man könnte, wie es oft in Kritiken über das Buch heißt, an eine beabsichtigte Verunsicherung oder Verwirrung des Autors glauben oder an eine verrückte Story. Aber es ist ja viel mehr. Das bemerkt man aber nur, wenn man einen anderen Raum betritt und das Erzählte tief in sich hinein lässt. Wenn man nicht nur endlich wissen will, wie es denn wirklich war. Das wäre viel zu kurz gegriffen.

Zunächst läuft alles glatt. Der Buchhändler und Schöngeist Friedrich Keller erhält eines Tages ein unbekanntes Manuskript von einem Obdachlosen. Als er einige Zeit später zu lesen beginnt, erweist sich die Lektüre als ein Geschenk des Himmels – göttliche Sonette, wie sie gelungener nicht sein könnten.

„In Wahrheit suchte er in den Versen des trunkenen Dichters nach einer Erklärung für die Tatsache, dass ihm, dem gesellschaftsunfähigen Menschenflüchtling, diese eigenartige Lyrik zur letzten Heimat geworden war, obwohl sie alle Fassaden, alle Masken herunterriss und nichts übrig ließ, hinter dem er, Keller, sich hätte verstecken können.“

Als Keller dem obdachlosen Säufer und vermeintlichen Autoren der Sonette erneut begegnet, erfährt er dessen Namen: Radi Zeiler. Zeiler taucht eines Tages im Haus von Keller auf und bleibt einfach. Er wird zum verlorenen Bruder Kellers, verbringt seine Nächte mit der Putzfrau und ruiniert Kellers zurückgezogenes, streng gehütetes Einsiedlerdasein, in dem er wilde Geschichten über den verstorbenen Vater und beider Geliebte erzählt. Dann taucht auch noch ein Sohn auf, also ein Bruder von Keller und das Haus wird zum Unterkunftsort für syrische Flüchtlinge. Keller versteht die Welt nicht mehr, als er auch noch die ehemalige Buchhändlerkollegin vorfindet und sie plötzlich in ganz anderem Licht sieht und sie stante pede zu seiner Braut macht. So weit alles klar?

„Wo er eben noch eine geradezu unbewusste Gewissheit von Selbst empfunden hatte, gab es nunmehr ein großes leeres Nichts, so leer und so nichts, dass es war, als erblindete er, sobald er den inneren Blick dorthin richtete.“

Genau, eine haarsträubende Geschichte. Und ab der Mitte des Romans mischt sich dann auch der Autor Uhly (Gugly? Umbli?) selbst ein. Zur Klärung trägt das wenig bei, obwohl man glauben soll, Keller (Kühler? Kulkur?) erwache gerade nach einem Unfall aus einem Koma und erzähle dahindämmernd seine Geschichte, die der Autor für einen Roman verwenden will (siehe oben: Eingangszitat). Ab diesem Zeitpunkt werden die Abstände zwischen Traum- und Wachzustand des Patienten Keller immer kürzer, schließlich übergangslos … bis die Geschichte auf der Verkehrsinsel einer Hauptstraße endet, wo sie auch begonnen hat.

In diesem Roman kommen nach meiner Lesart vor:
-Ein Autor, der sich einen Bestseller erhofft
-Ein im Krankenhaus angestellter Linguist
-Flüchtlinge aus Syrien in Lederhosen
-Buchhandlungen, die Lyrik verbannen
-jede Menge Neurosen und Traumata
-undurchsichtige Familienverhältnisse
-Obdachlose, die Sonette schreiben
-Dichtung und Wahrheit
-mehr als eine Wahrheit
-diverse Wirklichkeiten
-Lügengespinste
-Raum und Zeit
-Leere

Der Geschichte folgen Seiten mit Sonetten, die wie Haikus wirken. Wer sie geschrieben hat, wird man nie wissen können. Radi Zeiler wird Anspruch darauf erheben. Dann folgen leere Seiten …

Selten habe ich so einen witzigen, phantasiereichen, sprachlich wertvollen, skurrilen, spannenden, geistreichen Roman gelesen. Ein göttliches Leuchten!

Steven Uhlys Roman erschien im fabelhaften Secession Verlag, dessen Bücher nicht nur mit feinen Inhalten sondern auch mit ästhetischem Äußeren auffallen. Das Buch ist fadengeheftet, auf feinem Papier in einer besonderen Schriftart gedruckt. Welches Papier, welche Schrift kann man dem Impressum entnehmen. Wie immer gab es die Zusammenarbeit mit dem bekannten Gestalter und Typograf Erik Spiekermann. Uhly schreibt in der Tat auch Gedichte, die im gleichen Verlag erschienen sind.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Riina Katajavuori: Herbsttrompetenkonzert hochroth Verlag

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Der Lyrikband der 1968 geborenen Riina Katajavuori ist im hochroth Verlag Bielefeld erschienen. Die Finnin ist in ihrem Heimatland schon mit diversen Publikationen bekannt geworden. Wie schon vor einiger Zeit hier vorgestellt, ist hochroth vor allem der Lyrik zugewandt und da auch vielen unbekannteren Namen. Für diesen vorzüglichen Band habe ich für das Titelbild eine meiner Tuschearbeiten zur Verfügung gestellt. Alles fügt sich stimmig zusammen, Bild und Text, Text und Form und Inhalt.

Die Gedichte, manchmal in Versform, manchmal sind es auch Fließtexte, erinnerten mich ein wenig an kürzlich besprochene Lyrikbände aus Island und Norwegen:
„Denen zum Trost die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“ von Ragnar Helgi Ólafsson, „bewegliche berge“ von Sjón oder „Der weiße Weg“ von Kjartan Hatløy.
Vielleicht gibt es gar so etwas wie eine spezifisch nordische Dichtung?

„Braune, wortkarge, einflussreiche
Herbsttrompeten im Gewittersturm.
Der Regen pausiert.
Der Wald ist grau, stimmlos, tröpfelnd, knackend,
und streckt vorsichtig die Glieder aus.
Alles ist gesehen, getan, gelebt.“

Katajavuori bezieht sich einerseits sehr stark auf die Natur, die natürlich in der Tat in Finnland und Lappland präsenter ist als hier, die aber auch nicht mehr ganz unversehrt ist.

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„Offen und direkt zu reden ist unverzichtbar,
doch in zwischenmenschlichen Beziehungen/ in der Politik unmöglich,“

Zum anderen schreibt sie aber auch über Politisches, Soziales und geht auf die Entwicklungen des Landes und die unausweichlichen Veränderungen ein. So wird auch hier die Situation der Emigranten thematisiert. Wie sie das macht ist unvergleichlich, locker, überrumpelnd, keck, forsch.

Serie von wegen 3, Tusche auf Papier, 28x21
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„Suchen Sie Augenkontakt. Begegnen Sie dem Menschen.
Ich wiederhole ein wichtiges Wort: dem Menschen.
Grüßen Sie den Busfahrer (auch beim Aussteigen).“

Generell empfehle ich die fein gestalteten Lyrikbände des hochroth Verlag, sei es aus Wien, Berlin oder Bielefeld. Der Band „Herbsttrompetenkonzert“ wurde von Elina Kritzokat und Gisbert Jänicke übersetzt. Mehr über die Autorin und ihre Texte hier.
Mehr über die Illustratorin (die gerne weitere Aufträge annimmt, it´s me!) hier: http://www.marinabuettner.de

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Für alle Berliner: Das Literaturprojekt „Stadt Land Buch“ mit vielen Lesungen hat diesmal die nordischen Länder im Focus.

Frankfurter Buchmesse 2018 Ehrengast Georgien

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Wie in jedem Jahr hat die Frankfurter Buchmesse einen Ehrengast eingeladen. Diesmal ist es Georgien. Viele Verlage bringen deshalb extra Bücher aus Georgien heraus, teils Neuauflagen und Neuübersetzungen. Bereits eine ganze Weile vorab habe ich mich hin und wieder mit einem Buch aus Georgien beschäftigt. Was mir immer wieder auffiel, war eine ganz eigene Art von Humor. Hier meine kleine Auswahl:

Aus dem Verbrecher Verlag kommt eine außergewöhnliche Novelle, die von der Kraft der Fantasie erzählt, auch und gerade in schwierigen Zeiten: Naira Gelaschwilis Band „Ich fahre nach Madrid“ hat mir sehr gefallen. Die Übersetzung stammt von Lia Wittek und Mariam Baramidse. Meine ausführliche Besprechung dazu gibt es hier. Außerdem findet man im diesem Verlag auch die Bücher von Giwi Margwelaschwili, einer Ikone der georgischen Literatur. „Das Leseleben“ etwa, ist nicht nur inhaltlich „buchstäblich“ ein Leser/in-Vergnügen, sondern auch außergewöhnlich gestaltet: Jedes Buch der 1500 Exemplare zählenden Auflage ist ein Unikat im feinen Leineneinband.

Nicht umhin kam die geneigte Leserin, den ganz wunderbaren knapp 1000-seitigen Roman „Das achte Leben – Für Brilka“ zu lesen, der bereits vor einigen Jahren in der Frankfurter Verlagsanstalt erschien. Meine ausführliche Besprechung dazu gibt es hier. In diesem Herbst nun erschien das neue Buch von Nino Haratischwili „Die Katze und der General“. Dazu folgt nach Beendigung der Lektüre eine ausführliche Besprechung. Die Autorin und Dramaturgin lebt und arbeitet mittlerweile in Hamburg und schreibt in Deutsch.

 

Auch Zaza Burchuladze lebt inzwischen in Berlin, nachdem er in seiner Heimatstadt Tbilissi tätlich angegriffen und öffentlich angefeindet wurde, weil seine Literatur nicht der Norm entspricht. Er hat sein literarisches Zuhause im Berliner Blumenbar Verlag gefunden. Im Juni sprach er im Rahmen des Europäischen Autorengipfel in Berlin auf dem Blauen Sofa (rechts) über seine Bücher und sein Verhältnis zu Georgien. In seinem aktuellen Roman „Der aufblasbare Engel“ spukt der Meister der Esoterik Georges Gurdjieff durch die leicht verrückte Geschichte. Der Roman wurde von Maia Tabukashvili übersetzt. Hier der Romananfang:

„Viele glauben nicht an Geister. Selbst dann nicht, wenn sie sie beschwören. Auch die Gorosias glaubten nicht daran, dass Georges Gurdjieffs Geist wirklich erscheinen würde. Nino und Niko Gorosia hatten also keine großen Erwartungen.“

 

Gleich zwei Titel aus dem Weidle Verlag habe ich hier vor mir liegen. Es geht um Zurab Karumidzes „Dagny oder Ein Fest der Liebe“ und um Aka Morchiladzes „Der Filmvorführer“. So kompliziert und sprachlich wie inhaltlich anspruchsvoll Karumidzes Roman ist, so schlicht liest sich zunächst Morchiladzes nur 130 Seiten lange Geschichte. Gerade in seiner Einfachheit mag ich dieses Buch sehr. Hier wird erzählt, wie in Georgien üblicherweise eine Hochzeit zustande kommt oder was gemeint ist, wenn Georgier von „Diebe im Gesetz“ sprechen. Viel Weisheit und Witz findet sich zwischen den Zeilen, womöglich dem Mund des „Tartaren“, des alten Filmvorführers, entsprungen, der in Wirklichkeit ein verbannter Khan ist. Er ist der beste Freund von Hauptfigur Beso, dem er schon einmal das Leben rettete. Eine ausführliche Besprechung folgt. Übersetzt hat das Buch Iunona Guruli.

„Islam Sultanow erzählte mir alles – von Dingen, die mich zwangen, darüber nachzudenken, wie ich so alt geworden war, ohne eine Ahnung davon zu haben. Er erzählte mir, wie er als Kind, in einem Sack versteckt, von den Verbündeten seines Vaters, die sich als Hirten verkleidet hatten, aus dem Land geschleust wurde, …“

Karumidzes Roman ist ein wildes Verwirrspiel um göttliche und irdische Liebe und es fließt viel Alkohol. Interessanterweise taucht auch hier wieder Meister Gurdjieff auf, außerdem die norwegische Dichterin Dagny Juel und es geht um den mittelalterlichen Versepos Georgiens „Der Recke im Tigerfell“ von Rustaweli (den es auch in einer Neuauflage gibt).

„Als Aristokratin von Geburt und Charakter war Dagny Juel wie ein frischer Wind für die Männer, die atemlos nach ihrer Postion in Kunst und Leben suchten. Sie war die Königin all der Bohémiens, die Ende des 19. Jahrhunderts in das Berliner Lokal Zum schwarzen Ferkel strömten.“

Der Weidle Verlag ist schon länger um die georgische Literatur bemüht und überzeugt zudem mit feiner Ausstattung und Gestaltung in Zusammenarbeit mit dem bekannten Gestalter Friedrich Forssman.

Aus dem Schweizer Rotpunkt Verlag erschien in der Reihe Edition Blau der Roman „Du bist in einer Luft mit mir“. Die inzwischen in Italien lebende und Italienisch schreibende Georgierin Ruska Jorjoliani hat einen Roman über eine lange Freundschaft geschrieben. Dimitri und Viktor kennen sich schon seit Kindertagen. Ihre Freundschaft wird allerdings auf die Probe gestellt, als einer sich mit einer ungewöhnlichen Tat gegen den Staat auflehnt. Übersetzt wurde das Buch von Barbara Sauser.

„Unter Lenins Porträt, das zwischen seinen beiden Lieblingsschriftstellern hing, Turgenjew und Tschechow, blieb er stehen: Lenin wirkte fast wie ein Kind, verloren zwischen den beiden bärtigen alten Männern. Dimitri ergriff den erstbesten Stuhl, zog ihn an die Wand, stellte sich darauf und nahm das Porträt vom Nagel …“

Der kleine Verlag Edition Fototapeta hat in seinem entdeckenswerten Programm (ich sag nur Moishe Kulbak) meist Titel aus dem osteuropäischen Raum. Zur Buchmesse erschien nun ein Band mit Erzählungen Die Erfindung des Ostens. Irma Tavelidse zeigt in ihren Geschichten das Alltägliche, das in kleinen Momenten ins Überraschende dreht. Übersetzt wurde auch dies Buch von Iunona Guruli, die auch selbst Romane schreibt.

 

Und zum Schluß: Lyrik und eine Art georgischer „Klassiker“:

Wunderbare Lyrik findet man immer wieder im Verlag Das Wunderhorn. Die 1974 geborene Georgierin Bela Chekurishvili schreibt Gedichte, die oft biografisch anmuten, vielleicht sogar stellvertretend für eine bestimmte Lebensart in Georgien sind. Sie sind sehr rhythmisch, fast liedhaft, vielfach in Reimform.

„Ich bin ein Wind und rede über alles,
was zum Wind gehört, das Windesübliche,
namentlich Einsamkeit, Wege und Stimmen. „

Außer „Wir, die Apfelbäume“ erschien soeben ganz neu „Barfuß“, in dem sie unter anderem ihren Ortswechsel nach Deutschland verdichtet. Übersetzt hat die Bände der Lyriker Norbert Hummelt nach Interlinearübersetzungen von Tengiz Khachapuridse und Lika Kevlishvili. Erschienen sind beide im Schöffling Verlag. Von Norbert Hummelt gibt es auch beim Deutschlandfunk Kultur einen ausführlichen Beitrag über georgische Lyrik: https://www.deutschlandfunkkultur.de/lyrik-aus-georgien-fortgegangen-bin-ich-ohne-rueckfahrkarte.976.de.html?dram:article_id=426924

1937 erschien zum ersten Mal der Roman „Ali und Nino“.  Unter dem Pseudonym Kurban Said schrieb Elfriede von Ehrenfels zusammen mit Lev Nussimbaum. Lange verschollen, wurde das Buch in den 70er Jahren wiederentdeckt. Es geht darin um alles was auch heute noch brisant ist. Um das Zusammenleben verschiedener Religionen und Völker und die Hoffnung, dass es möglich sein wird miteinander in Frieden zu leben. Die Geschichte spielt in der kaukasischen Stadt Baku und erzählt von Ali und Nino, die sich seit Schulzeiten kennen und sich später verlieben. Ihre Herkunft spielt dabei eine Rolle. Ali ist Muslim und die Georgierin Nino Christin. So ist die Frage, ob sie zusammen kommen …

„Ali Khan, du bist dumm. Gottlob sind wir in Europa. Wären wir in Asien, so wäre ich schon längst verschleiert, und du könntest mich nicht sehen.“

Auch damals gab es bereits die Frage, ob Georgien nun zu Europa gehöre oder zu Asien. Das Nachwort von Nino Haratischwili in der Ausgabe des Ullstein Verlags gibt da Aufschluß.

Das war meine kleine Auswahl. Eine ausführliche sehr informative Übersicht der zur Buchmesse neu erschienenen georgischen Literatur gibt es hier:
http://georgia-characters.com/getmedia/7880c4fe-e35f-4fb2-8c8b-b83f67dab665/neuerscheinengun-PDF.pdf.aspx?ext=.pdf

Einen interessanten Beitrag kann man auf 3sat in der Mediathek sehen: Georgien lesen
http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=75996

Nadine Olonetzky: Belichtungen Kommode Verlag

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Eine ganz und gar faszinierende Idee hatte die vielseitige Schweizer Autorin Nadine Olonetzky. Sie fing die Zeit ein. Wir Bücherliebhaber wissen alle, wie das ist, wenn das Buchregal der Sonne ausgesetzt ist und die Seiten manchen Buchs am Buchschnitt vergilben, Jahr für Jahr mehr. Olonetzky hatte die Idee, dieses Zeitphänomen bewusst auszunutzen. Ich bewundere ihre Geduld: Seit 20 Jahren platziert sie gefundene kleine Gegenstände auf einem Blatt Papier und lässt Sonne und Zeit ihre Arbeit tun. Rund um die Dinge vergilbt das Papier. Zurück blieb die ursprüngliche Form, das Weiß unter den Dingen.

 

„Wir sind leicht, längst hinter allen Wolken, vielleicht auf
dem Weg zur Rückseite des Monds und immer weiter
durch ein Nichts, das trägt. Der Auslöschung
gerade noch einen Lidschlag voraus.“

In dem kostbaren Band sind nun viele dieser Motive abgebildet und eingerahmt von kleinen Texten, die hervorragend zu den Wandlungen passen. Es sind sehr persönliche Miniaturen. Sie sind ebenso wie die Bilder Zeitzeugen. Es wird hinterfragt, geschaut, gefühlt und erinnert. Wie die Belichtungen zeigen sie die Essenz unserer Existenz im Alltäglichen.

„Das Jetzt, wenn es sichtbar wird, ist immer schon
vergangen. Klappen die Lider zu, wird das, was gerade
war, ein Bild im Meer der Erinnerungen. Nur
weil sie vergehen, kann man die Augenblicke sehen.“

Der kleine Kommode Verlag hat aus dem Buch ein feines Kunstwerk gemacht: Hochwertiges Papier, fadengeheftet, der Bucheinband doppelt gelegt und von einer Lichtarbeit hinterlegt. Man spürt hier die Liebe zum Buch. Ich bin froh, trotz aller Hiobsbotschaften, was das Buchsterben betrifft, solche wunderbaren Bücher zu finden. Herzlichen Dank an den Verlag, auch für das Rezensionsexemplar. Mehr über die Autorin und den Verlag findet sich hier.

Klaus Anders: Sappho träumt Edition Rugerup

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Der Dichter Klaus Anders bewegt sich mit seinem neuen Lyrikband durch Zeit und Raum. Von einer durchwachten Nacht über eine ganz besondere und eigene Auslegung von Tarotkarten bis zum Maler Max Beckmann spannt sich der Bogen. Es gibt Miniaturen, die Alltägliches beleuchten, oft auch mit einem ironischen Anklang. Ganz im Gegensatz dazu finden sich im Übermaß Wunden, Schmerz und Tragik. Auch Gesellschaftskritisches kreuzt mitunter die Zeilen. Und es gibt zwei längere Zyklen, die sicher einiger Recherche bedurften.

Vieles bleibt rätselhaft, uneindeutig, manche Hintergründe lassen sich im Gedächtnis zusammensuchen (oder ergooglen oder später im Anhang lesen). Klaus Anders bearbeitet oft historische Motive. So wird dieser Lyrikband mitunter spannender als ein Geschichtsbuch.
Thomas Manns letzte Liebe kommt vor, Stalins Sterben, der Niedergang eines syrischen Stadtstaats und die im Titel genannte griechische Dichterin Sappho. Da tauchen dann so spannende historische Figuren auf, wie Guglielma, deren Anhänger glaubten: Sie „sei der Heilige Geist, entzündet in einer Frau. So wie Gott als Sohn in einem Mann.“ (Eine schöne Vorstellung …)

„Wenig aber bis nichts lernt ein Mensch, wenn es
dem eigenen Vorteil nicht dient. Dabei zeigt ihm
der arglose Blick in ein Augenpaar, was
er zum Leben braucht und zum Sterben.“

Im Zyklus „Beckmanns Speicher“ wird die Zeit des Malers Max Beckmann auf der Flucht vor den Nazis verdichtet. Die gesamte Kriegszeit verbrachte Beckmann versteckt in Amsterdam, da ihm das Visum für die USA verweigert wurde. Anders benutzt dabei die Bilder der Triptychen, die Beckmann in dieser Zeit häufig malte. Diese Bilder werden zwischen mythischen Begebenheiten arrangiert.

„Nicht zu fragen ist die Botschaft,
Licht versandet in der Nacht,
Schatten sinken in die Wände,
wer noch hofft, hat nichts bedacht.“

Der Zyklus Tarot bezieht sich auf die 22 Trumpfkarten, die große Arkana. Ein Teil der Gedichte sind inspiriert von historischen Persönlichkeiten. Hier Ausschnitte aus erster „0-Der Narr“ und letzter Karte „XXI-Die Welt“:

„Lass gehen, heut bin ich der Narr, und morgen,
Du. Es schwankt das Schiff,
Es sinkt nicht. Mach die Augen zu.“
————–

„Sprach zu mir im Wald die Taube:
Immer seh ich dich allein,
Gehst und sinnst und sprichst dir leise.

Geh schon immer diese Wege;
Immer bin ich hier allein,
Doch hier bin ich niemals einsam.

Alles spricht mich liebend an.
Gehen will ich, schauen, lauschen
Und verwehen irgendwann.“

Auch vor Tod und Teufel schreckt der Dichter nicht zurück. Sie hält er mit seinen Versen in Schach. Die Themen Religion und Spiritualität werden in ihrer großen Vielfalt beleuchtet und dazu gehört auch die Natur, die den ewigen Kreislauf, die Endlichkeit aufzeigt. Hier finden sich auch kurze Texte, die Haikus ähneln.

Dabei bleibt der Dichter immer einer klassischen Form treu. Und darin sind seine Gedichte auch am besten aufgehoben. Sie benötigen keine Experimente. Die Wirkung liegt allein in der Sprache und dem in ihr gebetteten Inhalt.

„Sappho träumt“ erschien in der Edition Rugerup. Eine Leseprobe und mehr über den Autor Klaus Anders, der auch Lyrik aus dem Norwegischen übersetzt, unter anderem Olav H. Hauge und Kjartan Hatløy, gibt es hier.