1. Sonntags-Adventtürchen

Jeden Sonntag ein Türchen zu aus verschiedenen Richtungen leuchtender Literatur.

aus Knut Ødegårds Die Zeit ist gekommen
(eines meiner Lieblingsgedichte)

Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/10/25/knut-odegard-die-zeit-ist-gekommen-elif-verlag/

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Etel Adnan: Die Stille verschieben Edition Nautilus

„Aber alles dauert nur eine Weile, wahrscheinlich selbst die Ewigkeit.“

Erst im letzten Jahr entdeckte ich die vielseitige und besondere Schriftstellerin und Malerin Etel Adnan. Kurz darauf starb sie im Alter von 96 Jahren. Sie hatte ein reiches Leben, welches auch durch ihre vielen Schriften, Texte und Bilder dokumentiert ist. Erst kürzlich sah ich einige Bilder von ihr in einer Berliner Ausstellung (siehe oben). Nun ist ihr letztes Buch in deutscher Übersetzung erschienen. „Die Stille verschieben“ ist ein wirklich passender Titel, denn es ist im Bewusstsein der Möglichkeit des nahenden Todes geschrieben.

„In jedem Ende liegt eine Einsamkeit, aber wir haben uns schon einsamer gefühlt. Wir sind auf Gipfel gestiegen, um seltsamen Bauchschmerzen zu entkommen, aber wir stießen auf andere Schmerzen. Das Licht schwindet wie damals, als wir von der Schule heimkamen, oh die Verzweiflung, die Kinder kennen und sich nicht anmerken lassen! Ich hatte Angst vor dem Ende des Tages, jetzt fürchte ich den Tag selbst. Dazwischen liegen Jahre, aber die, die ich war, ist seither verschwunden.“

Es sind mehrzeilige kurze Texte, die aus Gedanken entstanden und sich teilweise aufeinander beziehen. Sie unterstehen keiner chronologischen Reihenfolge. Es könnten auch Tagebuchauszüge sein. Jedenfalls ist es zunächst leicht, sich auf sie einzulassen. Man springt gerne mit den Denkansätzen hin und her. Wir bewegen uns gedanklich zu den verschiedenen Orten, die große Bedeutung in Adnans Leben hatten. Der Geburtsort Beirut, Paris, die Bretagne, Kalifornien. Aber auch die mythischen Landschaften der Antike fehlen auf kaum einer Seite. Immer wieder taucht Delphi auf mit seinem Orakel, Prometheus, Ikarus und auch Schriftsteller wie Tolstoi und Dostojewski.

„Besser zugeben, dass wir im Lauf der Zeit immer weniger von allem wissen. Lassen wir die Dinge ihren eigenen Lauf nehmen., wann immer sie einen haben.“

Doch auch die aktuellen Themen wie Flüge in den Weltraum, die KI, die künstliche Intelligenz (die Gedichte schreiben kann), die Kriege, die Politik, das Zeitgeschehen finden Eingang in dieses Buch. Oft wird dabei auf die Ewigkeit angespielt, die Größe des Universums, die Un-Endlichkeit. Die Stille wirkt manchmal beängstigend auf die Autorin, manchmal wird sie zur großen Beruhigung. Ebenso wie der Sternenhimmel, die Natur, die Gezeiten – alles ganz unabhängig vom Menschen funktionstüchtig.

„Was kann man gegen melancholische Stimmungen tun? Ich mache mir Gedanken. Ich weiß es nicht. Sie haben mir so lange Gesellschaft geleistet, sie sind sogar mit mir gealtert. Sie brachten mich zu Flughäfen und Bahnhöfen. Ich hätte sie vermisst, wenn sie verschwunden wären, ja, wirklich; unsere Freunde sind nicht notwendigerweise menschlich. (Zu menschlich?)“

Etel Adnan kann, wie ich finde, wunderschön in Worte fassen, was eigentlich unsagbar ist. Vielleicht sogar unvorstellbar, wenn man nicht direkt der eigenen Vergänglichkeit gegenübersteht. Sie scheint durchlässig und akzeptierend noch im Wissen, dass das Dasein nur ein Lidschlag ist, gegenüber der Weltzeit. Dieses Buch ist somit, salopp ausgedrückt, ein Ratgeber im Angesicht der Sterblichkeit und gleichzeitig ein Hoch auf die Schönheit und die Reife des Alters. Und vor allem ist es ein Gedankenbuch einer klugen, ich möchte sogar sagen, weisen Frau, die es versteht, mit feinster Sprache, mit Wort und Bild zu gestalten. Ein Leuchten!

Das Buch erschien in der Edition Nautilus. Die Übersetzerin Klaudia Ruschkowski, die Etel Adnan gut kannte, hat ein aufschlussreiches Vorwort dazu geschrieben. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Bereits hier auf dem Blog besprochen:

Sonntags-Literatürchen

Jeden Sonntag ein Türchen zu aus verschiedenen Richtungen leuchtender Literatur.

aus Das gesamte hungrige Dunkel ringsum von Kerstin Becker (ausgezeichnet mit der Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung 2022)

Hier meine Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2022/05/03/kerstin-becker-das-gesamte-hungrige-dunkel-ringsum-edition-azur/

Sonntags-Literatürchen

Jeden Sonntag ein Türchen zu aus verschiedenen Richtungen leuchtender Literatur.

Heute gratuliere ich mit diesem Beitrag zum Deutschen Preis für Nature Writing, der heute (um 12 Uhr) verliehen wird an:

Levin Westermann aus dem Lyrikband „3511 Zwetajewa

Den Band habe ich noch nicht auf dem Blog besprochen, aber „Farbe Komma Dunkel“ und „bezüglich der schatten“(einfach auf das Bild klicken):

Judith Zander: im ländchen sommer im winter zur see dtv Verlag

„…so gibt er mir nach
und nach seinen vom andren ende zurecht
gelegten schlaf drin liege ich falsch und wach“

Judith Zander wurde 1980 in Anklam geboren. Ihren letzten Roman „Johnny Ohneland“ habe ich bereits hier besprochen. Doch eigentlich ist sie auch als Lyrikerin bekannt. Ich habe mehrere Anläufe gebraucht, bis sich mir die Gedichte im neuen Band „im ländchen sommer im winter zur see“ erschlossen. Immer braucht es den richtigen Zeitpunkt für eine bestimmte Lektüre. Und scheinbar passte die sommerliche Hitze, um mich mit dieser Lyrik zu befassen. Es ist ein Band, den man nicht mit ein mal lesen erfassen kann. Dazu ist er zu ausgeklügelt und sprachlich zu bewusst konstruiert. Hier ist nichts zufällig, alles gehört an seinen Platz. Dennoch wirken die Gedichte, vor allem auch wegen der vielen schrägen Zeilenumbrüche, mitunter sperrig. Ein Hin- und Herdenken wird beim Lesen gefordert. Oder aber man verlässt sich voll auf den Klang und gibt sich nur dem Rhythmus hin. Das funktioniert auch; vor allem, wenn man laut liest.

„es dämmert dürr liegt das nochsommerland
hat wohl die auszehrung sagte man
so dahin wenn einer nicht satt werden
konnte von schrot und runzelkorn ich kann
bei allen rapunzeln mir nicht helfen wir
waren doch schon mal weiter meinetwegen
in den fünfzigern kam einem mehr“

Die Gedichte spielen vor allem im nordöstlichen Küstenland, Mecklenburg-Vorpommern, das auch Zanders Heimat ist. Einmal höre ich vom Bakelberg. Der ist in Ahrenshoop auf dem Darss. Da wird offenbar eine Landschaft erkundet, sommers wie winters. Steine werden umgedreht und dichte Wälder durchkämmt und in den Himmel gesehen. Die Gedichte können Liebesgedichte sein, zumindest aber erzählen sie vom in Beziehungstehen, vom Kennenlernen, von einer Zweierkonstellation. Scheinbar sind es zwei, die es sich gegenseitig nicht immer leicht machen.

Weitere Themen sind der Klimawandel, die Landschaft in ihrer Veränderung und die Sprache selbst. Mit englischen Einsprengseln und mit Liedzeilen etwa von Gianna Nannini und Nena werden sie mitunter ausgestattet, manchmal ausgereizt. Reime finden sich viele, doch immer schön schief. Nie fehlen Sprichwörter und Redewendungen, die aber meist verdreht und in neuem Sinn wiedergegeben werden z. B. „ein paar volt im schlafpelz“. Manchmal finde ich die Verwendung und Verwandlung von Sprichwörtern in den Versen zu übertrieben oft. Wenn sich (vermeintlich?) kein Sinn mehr daraus erschließen lässt, stört mich das, gleichzeitig bewundere ich es, da es sich so ganz und gar von meiner eigenen Art Gedichte zu schreiben unterscheidet.

„man muss nur schnell rotz und
wasser teilen den wind mit
der lade ausschütten und das
fischbuch verschneiden wer den bade
meister hat braucht für den
jungen gott nicht zu sorgen“

Es gibt viele Anspielungen, wie etwa auf Wolfgang Hilbigs „Leipzig am Meer“ – „Leipzig by the sea“, die DDR oder antike Mythologie und womöglich viele, die ich gar nicht als solche erkannt habe.

Die Gedichte sind durchweg kleingeschrieben, es gibt keine Satzzeichen, was sich bei dem wilden Enjambement auch anbietet. Schwarz/weiße Landschaftsfotos der Autorin ergänzen die Gedichte, wobei diese im Gegensatz zu den Gedichten wenig Spielraum bieten. Andererseits wirken sie durchaus beruhigend zwischen den eher anregenden Versen. Letztlich habe ich Zanders Lyrik lieb gewonnen. Und freue mich über die Vielfalt, die mir bei Lyrik fast größer erscheint als bei Prosa.

Der Band erschien im dtv Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Lyrik im Herbst – Eine subjektive Auswahl aus den Verlagsvorschauen Herbst 2022

Schon zu einer schönen Gewohnheit geworden: Mein Blick auf die Lyrik in den Herbstvorschauen 2022 der Verlage. Aber: Es ist ein sehr subjektiver Blick, es ist eine winzige Auswahl, es sind die, die mich am stärksten ansprechen. Viel Vergnügen beim Entdecken!


Kein Tag ohne“ ist eine lyrische Chronik der vergangenen zwei Jahre – persönlich, intim und zugleich Ilma Rakusas politischstes Buch. Von Oktober 2020 bis Februar 2022 vergeht für sie kaum ein Tag ohne Gedicht. Ilma Rakusa ist Kosmopolitin, eine femme de lettre und Expertin Osteuropas. Dass sie diese grauenhaften und schockierenden Ereignisse nicht unberührt lassen, zeigen Zeilen wie diese: »du willst noch retten / was zu retten ist / nur wie? / ein Wechselbad ist diese Zeit / ihr Siegel: / Bitterkeit« (Vorschautext) Der Band erscheint am 26.8.22 im Literaturverlag Droschl. Von der Autorin bereits besprochen: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/02/25/ilma-rakusa-impressum-langsames-licht-literaturverlag-droschl/

Die poetischen Texte Yoko Tawadas versetzen die Bilder, das Denken, die Sprache in tänzerische Bewegung, Zusammenhänge springen heraus, verschwinden, Gegenwärtiges erscheint in einem anderen klaren Licht. Leben wird spürbar, im Körper und über Grenzen hinaus. Bewegungen zwischen Zeichen, Existenzfomen, Gegenden der Welt, Wörtern, die wie in allen Texten der Autorin verborgenen Sinn sichtbar werden lassen. Neue Gedichte und Kurzprosa, die meisten auf Deutsch geschrieben, eine Serie (»Steine«) aus dem Japanischen übersetzt von Peter Pörtner. (Vorschautext) Porträt eines Kreisels erscheint am 22.9.22 im Konkursbuch Verlag. Von der Autorin bereits besprochen: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/01/22/yoko-tawada-ein-balkonplatz-fuer-fluechtige-abende-konkursbuch-verlag/

Dana Rangas erster, auf Rumänisch geschriebener und von Ernest Wichner nun übersetzter Gedichtband ist Aufbruch in die Welt der Poesie und Abschied aus einer rumänisch geprägten Welt- und Wirklichkeitswahrnehmung. Aufrufung überbordender und burlesker Phantasmen und krude Bestandsaufnahme von Missgeschick und Bitternis und schlichtem, bedrängendem Alltag. All dies getragen von der Macht der Poesie, jener Schönheit, die noch in den düstersten Winkeln grauer Alltagsfotografien einen Moment aufblitzen lassen kann, in dem sich etwas öffnet, verwandelt und Wert ist aufgehoben und weitergesagt zu werden. (Vorschautext) Stop Die Pausen des Sisyphos erscheint am 13.10.22 im Matthes & Seitz Verlag.


In Lina Atfahs Gedichten finden Verwandlungen statt, nicht nur von Welt und Biografie in Sprache, sondern ganz konkret, wenn die ­Dichterin zunächst als Kiesel von den Wellen hin- und hergerollt, sodann eine ­Schnecke, eine Pflanze, ein Baum und ein Vogel wird, schließlich zu dem »Wesen, das mit fünf Fingern Dinge festhält«. n ihrem neuen Gedichtband verbindet Lina Atfah aktuelle gesellschaftliche Themen und Wahrnehmungen mit der Sprachgewalt magischer Bilder. (Vorschautext) Grabtuch aus Schmetterlingen erscheint am 6.10.22 im Pendragon Verlag. Von der Autorin bereits besprochen: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/06/30/lina-atfah-das-buch-von-der-fehlenden-ankunft-pendragon-verlag/

Sirka Elspaß trifft in ihrem Debüt einen einzigartigen Ton zwischen Pop und Poesie, existenzieller Wucht und müheloser Leichtigkeit. Emotionale Verletzungen, Momente der Einsamkeit und psychische Krisen werden in glasklare, pointierte Bilder gefasst. So schön und so traurig, so herzergreifend und klug, auch weil die Autorin weiß: »niemand steht über den dingen / wir stehen alle mittendrin«. (Vorschautext) „ich föhne mir meine wimpern“ erscheint am 10.10.22 im Suhrkamp Verlag.

Wenn der Lyriker Walle Sayer erzählt, sucht er den Punkt, den Augenblick, die Wendung, den Gedankensprung, mit dem oder durch den Prosaisches in Poesie übergeht. Ihn zu lesen: eine wahre Entdeckungsreise! Zwischen unserem ›Gegenwartsgewusel‹ und dem ›Damalsjetzt‹ erstrecken sich seine neue Miniaturen. »Weißt du noch«, klingt’s in seinem ›Wehmoll‹ an: »als du, so das Nichtstun meditierend, im Schneidersitz zusahst, wie sich auf den gegenüberliegenden Häuserdächern an den Fernsehantennen die Krähen sammelten, daraufhin in den Wohnzimmern darunter das Bild zu rauschen begann …« (Vorschautext) „Das Zusammenfalten der Zeit“ erscheint im September 22 im Kröner Verlag. Vom Autor bereits besprochen: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/07/14/walle-sayer-was-in-die-streichholzschachtel-passte-kloepfer-meyer-verlag/


Carl-Christian Elze sucht in seinen Gedichten die großen Schauplätze menschlicher Erfahrung auf und nimmt die Leser*innen mit auf diese Expedition in die menschliche Existenz. Es ist ein Kampf zwischen Angst und Zuversicht, zwischen Panik und Produktion, zwischen Glauben und (Ver)Zweifeln. „panik/paradies“ eröffnet uns Leser*innen ein überbordendes Spektrum an Auseinandersetzungen: Kindheit und Kindheitserinnerung, Geschichte und wie wir sie erzählen, tradiertes Wissen und reflektierte Kritik, Politik und ihre Auswirkung auf unser Selbstbild und die Bilder, die wir von anderen haben. Es ist Elzes unverwechselbarer Ton, sein Flow, sein Atem. „panik/paradies“ ist nichts weniger als eine unbedingte, eine schonungslose Hingabe an die Existenz und an die scheinbar unendlichen Fragen, die sie aufwirft. Der Band erscheint im November 2022 im Verlagshaus Berlin. Vom Autor bereits bespochen: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/04/14/carl-christian-elze-langsames-ermatten-im-labyrinth-verlagshaus-berlin/

In Motels, im Einkaufszentrum und auf Skype, in Danzig, Zürich oder Manhattan ist Tadeusz Dąbrowski lesend und schreibend unterwegs. Seine Gedichte handeln von Liebe und vom Leben in der Gegenwart, nehmen aber ebenso das Nachbeben vergangener Konflikte auf, indem sie in Sarajevo lesen lassen wie in einem Buch, an die Freilassung von Gefangenen appellieren oder die Spuren von Soldaten auf der Prager Karlsbrücke entziffern. Vor allem setzt Tadeusz Dąbrowski sich mit dem Einfluss des katholischen Erbes auseinander und bringt das freiheitliche Wort der Dichtung damit in Dialog. (Vorschautext) „Wenn die Welt schläft“ erscheint am 16.08.22 im Schöffling Verlag.

Von der Kindheit in der Arbeiterklasse im ländlichen Michigan bis hin zu den gefährlichen Verlockungen von New York City: Virtuos bewegt sich Diane Seuss durch Gedanken und Zeit, Poesie und Punk, AIDS und Sucht, Glaube und Mutterschaft. Trotz drastischer biographischer Erfahrungen verliert Diane Seuss nicht den Humor. In ihrem mal scho­nungslos ehrlichen, mal politisch-pointierten oder lyrisch-verspielten Witz steckt aber auch eine Verletzung, ein Schmerz. In diesen Momenten wird der Humor zum Werkzeug, zum Mittel, um ein an Enttäuschungen reiches Leben zu bewältigen. (Vorschautext) „Frank: Sonette“ erscheint im September 22 im Maro Verlag.


Kann man in unserer Zeit noch an Poesie glauben? „Ich stelle sie mir so vor, noch immer fähig, / sich alles vorzustellen“, schreibt der spanische Dichter Abraham Gragera in seinem programmatischen Gedicht ‚Poesie‘. Lyrisch zu denken ist keine romantische Einbildung, keine Flucht aus unserer Zeit, sondern vielmehr eine Form des Realismus: Denn die poetische Vorstellungskraft schenkt uns auf heilsame Weise die ganze Wirklichkeit zurück, sie verwandelt das Sehen selbst und somit das Verhältnis der Menschen zueinander und zur Welt. Grageras Gedichte sind eine Meditation über unsere nachmetaphysische Zeit. (Vorschautext) „Die weniger einsame Zeit“ erscheint am 26.09.22 im Hanser Verlag.

Marieke Lucas Rijnevelds lyrisches Universum ist unnachahmlich und doch so vertraut. Seine Gedichte sind bevölkert von Fröschen, Schmetterlingen und Seesternen, von Vätern, denen schwierige Fragen gestellt werden, von unsterblichen Großmüttern und Jugendlichen auf ihrem Weg zu einer belastbaren Identität. Und doch scheint nichts belastbar in diesem Kosmos aus zarten Begegnungen und erschütternden Einsichten über Leben und Ableben: Erheiterndes wird tragisch, Statisches kommt ins Wanken, das Unsichtbare greift unvermittelt an. (Vorschautext) „Kalbskummer Phantomstute“ erscheint am 15.08.22 im Suhrkamp Verlag.

Bèstia („Bestie“) ist die erste Gedichtsammlung der preisgekrönten katalanischen Bestsellerautorin Irene Solà in deutscher Sprache. Mit ihrem poetischen Roman „Singe ich, tanzen die Berge“ wurde sie weltweit in über 21 Sprachen veröffentlicht und für ihre besonderen Erzählperspektiven bekannt. Auch in diesem Gedichtband erzählt Solà in besonderen, in tierischen Perspektiven. Ihre Gedichte sind düstere, aufrüttelnde und lyrisch präzise Erkundungen von Geschlecht, Identität, Sexualität und vielfältigen Formen des Begehrens. (Vorschautext) Der Band erscheint am 15.11.22 im Trabanten Verlag.

und last but not least: gar nicht mehr so geheime Geheimtipps:
(Cover können sich noch ändern)


„Meine poetische Arbeit tastet sich an der Grenze zwischen Fantasie und Erinnerung entlang. Ein Gedicht entzündet sich immer an etwas Konkretem, das beim Lesen oder Betrachten einer Szenerie unerwartet aus dem Gedächtnis auftaucht: ein Schlafanzug, eine Laubharke, eine Glasscherbe. Ohne das Konkrete hätte ich keinen Anlass zu schreiben. Und doch habe ich kein Interesse an realistischer Abbildung. Im Gegenteil: Mich interessiert, wie die Erinnerung Dinge und Szenen fortlaufend verwandelt.“ So beschreibt Friederike Haerter im Nachwort ihres Lyrikdebüts „Im Zugwind flüchtender Tage„, wie ihre Gedichte entstehen. Der Band erscheint im September 2022 im Aphaia Verlag.

Falterfragmente/Poussiere de papillon“ heißt der neue Gedichtband von Franziska Beyer-Lallauret. Er erscheint zweisprachig Französisch/Deutsch und enthält feine Illustrationen von Johanna Hansen. Es ist ein Zyklus in 5 Teilen, wobei die Gedichte von Liebe, Nähe, Distanz, Sehnsucht und Trauer sprechen, immer aber auch den Fokus auf Natur und Landschaft und deren Veränderungen richten. Der Band erscheint im Oktober 2022 im Dr. Ziethen Verlag.

wir ländern uns fort“ heißt der neue Lyrikband von Jayne-Ann Igel. Ein vieldeutiger geheimnisvoller Titel, wie ich finde. Im Buch finden sich auch Fotographien der Dichterin, die ein besonderes Geschick hat für ungewöhnliche Blickwinkel und Augenblicke. Zitat:
„sei sichel, sagte sie, die meine mutter war, sei die mit dem
kurzen stiel, und geh dahin, wo ich nie gewesen; mit worten
zu leben heißt, gegenorte zu bilden –“
Der Band erscheint im Herbst 2022 beim Gutleut Verlag.