Sigurður Pálsson: Gedichte erinnern eine Stimme Elif Verlag

DSCN3328

Erneut und nun schon zum dritten Mal, kommt ein Lyrikband aus Island im Elif Verlag heraus. Die Zusammenarbeit des Verlegers Dincer Gücyeter mit Übersetzer Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason trägt reiche Früchte. Wieder ist er ganz anders gestaltet, als die beiden Vorgänger. Es ist der letzte Band, der von Sigurður Pálsson veröffentlicht wurde. Er starb 2017. Posthum wurde sein Band für den „Preis des nordischen Rats“ nominiert. Auch zuvor wurde der Dichter bereits mit Preisen geehrt. Interessant an Pálssons Biografie ist, dass der 1948 geborene in Frankreich die Sprache und Literatur studierte, auch die Studentenunruhen 1968 miterlebte, und später zurück in Island neben seiner Dichtertätigkeit und der Arbeit für Film und Radio, diverse literarische Werke vom Französischen ins Isländische übertrug.

Pálssons Gedichte sind so, wie Gedichte für mich sein sollten. Nicht über die Maßen verrätselt und doch mit ungewöhnlicher Tiefe. Das erste Gedicht, welches mich beim Blättern in Bann zog, ist eines über das Schreiben. Es ist mir sehr nah, finden sich doch die Worte meiner eigenen Lyrik oft auf ganz ähnliche Art. Schattiges Glück heißt es und ist unten auch im Isländischen Original abgebildet.

Im ersten Teil finden sich kleine Aberwitzigkeiten, es findet sich Feuer und Glut, eine heitere Vielfarbigkeit, eine Neigung zur Farbe Weiß. Die Worte haben das Sagen, sind Lichter und Laternen und kommen auf ungewohnte aber äußerst wohlwollende Art und Weise. Und die Liebe gedeiht, fließt über die Insel und in Herzensdingen fallen die Worte weich und zart.

Alle Gedichte haben ein ganz eigenes Gewicht. Mir fällt der Begriff wertvoll ein. Aber es sind die kleinen Werte. Sie sind zu finden in dem wundervollen Zyklus „Stimmen in der Luft„, die den Dichter zu einem Seher werden lassen, quasi als Medium des Winds.

„Während der Windhauch zum Balkon hoch glitt
fand er ein Buch soeben vom Leben geschrieben
er las es durch von Anfang bis Ende
und entbrannte vor Begeisterung
er fuhr durch alle Straßen
und erzählte den Leuten
was er gelesen hatte

Erzählte den Leuten
von dem großen Wunder

dass das Leben zeichnen und schreiben könne
und er könne lesen“

Dann kommen die Nachdenklichkeiten und die Bewegung im Herzen, sehr innig und durchdrungen. Jedes einzelne Gedicht stellvertretend für ein Dichterleben. Sie zeugen von einer gelebten Spiritualität, erinnern in mancher Schlichtheit an Haikus, an östliche Weisheiten, an die Verbindung zum Größeren, sei es die Natur, sei es etwas Göttliches. Ich lese eine genaue Wahrnehmung, eine Achtsamkeit, eine enorme Sinnlichkeit, eine Bewusstwerdung. Eine Letztendlichkeit.

Weiße Nacht

Schlaflos war sie nicht
diese Nacht

Gleichwohl war sie weiß
vollkommen schneeweiß

Am Morgen liegt ein Blatt
mit Buchstaben
auf dem Tisch

Der, der am Tisch saß
ist verschwunden“

Mich begleiten Pálssons Gedichte herzlich tröstend. Er leuchtet mir durch die Tage und blinkt wie ein Leuchtturm in der Nacht. Mir scheint, die Isländischen Dichter haben eine Gabe, Tiefes und Dringliches in ihrer Lyrik auf eine angenehm natürliche Art zu vermitteln, die es einem leicht macht, sie zu mögen. Ich empfehle diesen Band sehr und weise auf zwei weitere isländische Lyriker/innen hin, ebenfalls im Elif Verlag erschienen:

https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/11/10/ragnar-helgi-olafsson-denen-zum-trost-die-sich-in-ihrer-gegenwart-nicht-finden-koennen-elif-verlag/

https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/12/22/linda-vilhjalmsdottir-freiheit-elif-verlag/

Ich danke dem Verleger für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Werbeanzeigen

Carl-Christian Elze: langsames ermatten im labyrinth Verlagshaus Berlin

DSCN3361

Es ist der zweite Band, den ich von Carl-Christian Elze lese. Und auch hier bin ich wieder betört von der Schönheit dieser Lyrik. Der Band kommt auch diesmal wieder aus dem Verlagshaus Berlin und ist, wie alle Bände dieses Verlages, ganz wunderbar illustriert. Die Künstlerin ist Lilli Gärtner. Ungewöhnlich ist diesmal, dass der Band zweisprachig ist: Deutsch und im zweiten Teil, der sich auch farblich abhebt in Italienisch. Nicht von ungefähr, sind doch die Gedichte zum großen Teil mit einem Bezug zu Venedig. Die italienische Lagunenstadt von Elze bedichtet, das gefällt mir.

etwas greift in dich ein, in dein biologisches gerüst
als ständen hinter jeder biegung träume
auf den schienen: deine züge entgleisen
deine gedanken, auch deine bewegungen
verwackeln, jemand übernimmt die kontrolle
im dogenpalast deiner zellen: deine schultern
und deine beine beginnen zu zucken, nachts,
und immer öfter am tag im rhythmus …“

Schon das Cover strahlt in blauer Tiefe mit metallisch glänzendem Titelschriftzug. Innen wird es dann Pastell. Zarte, feine Motive, die sich filigran zwischen die Gedichte schmiegen. Textteil wechselt mit Bildteil ab. Das Buch ist fadengeheftet und mit vom Umschlag verdeckter japanischer Bindung. Unterschiedliche feinste Papiersorten wurden ausgewählt.

Elzes Gedichte erzählen von einem Venedig weitab der Touristenperspektive (Der Autor war als Stipendiat des Deutschen Studienzentrums 3 Monate in Venedig). Schon im Eingangsgedicht (siehe oben) spürt man, dass der Dichter versucht hat die Stadt zu durchdringen, aber es trotz längerem Aufenthalt nicht gelungen ist, was bei einer Stadt wie Venedig vielleicht gar nicht gehen kann. Das macht aber gar nichts, denn ob Elze aus der Perspektive einer Eintagsfliege auf die Stadt blickt oder im Zimmer Wagners dem Komponist kurz vor seinem Tod in Venedig über die Schulter schaut, immer ist es ein etwas anderer Blick. Immer bleibt ein Geheimnis.

Der Band ist, wie schon der Vorgänger in Kapitel, Caput genannt, unterteilt. Enorm viele der Gedichte beziehen sich auf Gemälde, die der Autor vermutlich in Museen und Kirchen betrachtet hat. (Auflage für ein Stipendium war ein gewisser Venedig-Bezug der Arbeiten). Gemälde von Tintoretto, Bellini, Giorgione und Carpaccio. Interessant wird das, wenn man sich beim zweiten Lesen die Bilder dazu aufruft, die unter dem jeweiligen Gedicht benannt werden. Hier fühlt man sich, als ginge man selbst durch die Scuola Grande die San Rocco und betrachte Tintorettos Zyklus der Leidensgeschichte Jesu. Obgleich ich sehr kunstbegeistert bin und ich mit den venezianischen Malern auch vertraut bin, gefallen mir die „neutralen“ Gedichte ohne Bildbezug dennoch besser. Sie sind freier, offener, zeigen mehr von der Stadt und auch mehr vom Dichter, was ich spannender finde. Gedichte über berühmte Gemälde, obgleich Elze einen besonderen Ton dafür findet, reichen meist nicht an diese heran, können es gar nicht, können bestenfalls den Blick oder die Auslegung des betrachtend Schreibenden aufzeigen.

„und dennoch gibt es eine art blume, die dich noch immer erfreut
eine art tier, das sich zu dir legt und dich wärmt
einen gedanken, der still hält und dich anhält
in deiner verzweifelten magie, eine art wolke,
die flüstert .. für einen kurzen moment.“

Immer wieder zeugen die Gedichte davon, wie es dem Autor geht, wie der Körper auf die Stadt reagiert, wie der Geist aus dem Lot gerät, ob der ganzen Kunst, der labyrinthischen Gassen, der vielen sinnlichen Eindrücke. Die Stadt als Spiegel des Selbst, das Ich auflösend? Überreaktionen, vielleicht gar das Stendhal-Syndrom? Und das Telefon verloren und zwinkernde Krankenschwestern. Doch dann gleicht sich alles wieder aus. Am Schreibtisch, den ruhig atmenden Hund zu Füßen.

„niemand ist rettbar
in diesem gebilde

weder dogen noch päpste
weder du noch dein kind

alles verschwindet
in einem anfall von schönheit

nichts und alles gelingt“

Elze schreibt alle Gedichte in Kleinbuchstaben, unterschiedlich formatiert, oft Einschübe, viele Zeilenbrüche, auch gestaltete konkrete Poesie. Form scheint genauso wichtig wie Inhalt. Ich kann den Gang durch diese venezianische Bildergalerie nur empfehlen. Denn sie leuchten, diese Gedichte, so hell, wie die Tintorettos oder Bellinis oder so glitzernd, wie die sonnenbeschienenen Wasser der Kanäle.

„langsames ermatten im labyrinth“ erschien im Verlagshaus Berlin. Die Übersetzung ins Italienische kommt von Daniele Vecchiato. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Lia Sturua: Enzephalogramm Edition Monhardt

DSCN3278

Einen sehr besondereren Lyrikband erhielt ich aus der Edition Monhardt. Dank an Stefan Monhardt, der mir diese wundervollen Gedichte erreichbar machte. Der Verleger Stefan Monhardt selbst hat die Gedichte der beinahe 80jährigen Georgierin Lia Sturua zusammen mit Nana Tchigladze übersetzt und nachgedichtet. Daraus entstanden ist ein zweisprachiger Band, was ich sehr schön finde, da ich die georgische Schrift sehr mag. Ausgesucht hat Lia Sturua Gedichte aus ihren letzten Büchern.

„Eine Energiesparlampe brennt in meinem Kopf,
in dem sich die Kinder vor Kälte krümmen,
ich wärme sie nicht, beruhige sie nicht,
ich werfe sie gleich in das Gedicht wie
ins Taufbecken“

Bereits der Titel weist auf eine inspirierende Lektüre hin, zeigt ein Enzephalogramm, eine neurologische Untersuchung der Gehirnströme, doch die Aktivitäten eines menschlichen Gehirns auf. Die Gedichte Lia Sturuas zeugen von einem aktiven, reichen Leben. Von einem Leben voller Intensität. Im Guten wie im Schlechten. Lia Sturua hat zeit ihres Lebens einige Umstürze in ihrem Land erlebt und das geht nicht ohne Prägung ab. Ich erfahre, dass sie in Georgien eine der ersten Frauen war, die sich in ihrer Literatur stark und streitbar zeigten. Die 1939 in Tbilissi geborene Dichterin veröffentlichte 1965 ihren ersten Gedichtband. Ihre moderne Art zu schreiben, zumal als Frau, rief zunächst Unverständnis hervor. Inzwischen ist sie eine der wichtigsten Schriftstellerinnen ihres Landes und erhielt viele Preise für ihre Werke.

Tatsächlich kommt in ihren Gedichten dann auch immer wieder die Thematik der Rolle der Frau, das Selbstverständnis als Lyrikerin. Wie sie darüber schreibt, ist unglaublich faszinierend. Gleichzeitig höchst selbstbewusst und doch immer wieder hinterfragend beleuchtet sie ihre Themen. Ihr Einsatz: Ihre Lebenswelt. Wie verwandelt tritt diese als etwas sprachlich Kunstvolles (nie Verkünsteltes) wieder hervor. Metamorphosen. Viele Geschehnisse treten als Rätsel auf, verwortet in der inneren Sprache der Dichterin. Doch es sind Rätsel, die gerne gelöst werden möchten und deren Auflösung durch jeden einzelnen Leser ganz individuell entdeckt werden kann.

„Ein Winter mit Charakter –
so, wie zu kochendheißem Wasser
allein die orange Tasse passt;
jeden Tag der Wind …
Wenn er sich legt, lässt er seine Zähne in den Bäumen zurück,
dass ihnen das Holz weh tut.“

Lia Sturuas Gedichte rufen Bilder hervor, so eindringlich, dass ich sie sofort in meiner Vorstellung in Malerei verwandle. Diesen Gedichtband zu lesen, ist wie durch eine aufregende Gemäldegalerie zu spazieren, aber auch wie durch einen stillen Garten zu wandeln …

„Weiß steht mir gar nicht,
es spült mir den Charakter aus dem Gesicht,
egal, ob man ein Landschaftsbild oder ein Porträt hineinmalte,
das Gesicht nähme es hin.“

Sturuas Themen sind weit verzweigt. Die Eltern, die Kindheit, das Land, die Liebe und auch die Krankheit, das Altern. Mitunter fließt auch Gesellschaftskritik mit ein. Eine große Kraft strahlt aus allem, auch wenn der Inhalt mancher Gedichte widersprüchliche oder widerspenstige Gefühle aufzeigt. Hingabe statt Aufgabe fällt mir dazu ein.

Ich habe eine reine absolute Freude an diesen Texten, sie stehen mir so nah. Egal, welche Seite ich aufschlage, ich bin sofort ganz bei ihr. Selten darf ich so etwas mit Gedichten erleben. Sie verwandeln sich während des Lesens direkt in Energie. Ein Leuchtfeuer!

Der Lyrikband „Enzephalogramm“ von Lia Sturua erschien im Verlag Edition Monhardt. Mehr über Autorin und Buch hier.

IndieBookDay 30.März – Meine Entdeckungen aus unabhängigen Verlagen

Alle Jahre wieder: It´s Indiebookday!

Ich habe ein Faible für die kleinen unabhängigen Verlage, weil sie große Arbeit leisten und häufig zu ungeahnten Entdeckungen und feiner Lesefreude führen! Am Besten ist es, solche Schätze auch in unabhängigen Buchläden zu kaufen …

Durch klicken auf die Bilder findet sich der Link zu meiner jeweiligen Besprechung. Viel Spaß beim Stöbern!

Leipziger Buchmesse 2019: Gastland Tschechien

LBM_Logo_2015_4C

Die Leipziger Buchmesse wendet sich bei der Suche nach einem Gastland häufig nach Osteuropa, was mir sehr gefällt. Ich finde es ganz wunderbar als Anregung ein Land literarisch zu bereisen. Nach Rumänien ist es nun Tschechien, das mit überraschenden Autor/innen und deren Übersetzungen aufwartet. Es gibt einiges zu entdecken.

Recht bekannt ist der Autor Jaroslav Rudiš, der in diesem Frühjahr seinen neuen Roman „Winterbergs letzte Reise“ veröffentlicht hat. Es ist das erste Buch, dass der 1972 in Turnov geborene Autor in Deutsch verfasst hat und ist der letzten „Überfahrt“ gewidmet, ist eine besondere Art Roadmovie. Er ist damit nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse. Eine ausführliche Besprechung dazu folgt.


Große Entdeckungen sind für mich die beiden Autorinnen Radka Denemarková, die in ihrem neuen Roman das Thema Vergewaltigung in intensiver, ungewöhnlicher Weise beleuchtet, und Tereza Semotamová, deren Roman im Schrank spielt, den die Hauptfigur sich als neuen Wohnsitz auserkoren hat. In Bälde werde ich die beiden neuen Romane „Ein Beitrag zur Geschichte der Freude“ aus dem Hoffmann & Campe Verlag und „Im Schrank“, erschienen bei Voland & Quist, noch ausführlich auf dem Blog vorstellen.
Ebenfalls beachtenswert ist die Literatur von Kateřina Tučková, deren neuer Roman „Gerta. Das deutsche Mädchen“  (Klak Verlag) in die deutsch-tschechische Geschichte eintaucht (weitere Titel siehe Foto unten) und Marek Šindelkas psychedelisch-experimenteller Roman „Der Fehler“, erschienen im Residenz Verlag.


In der Lyrik fiel mir vor allem Jan Skácel mit seinem im Wallstein Verlag erschienenen Sammelband „Für alle die im Herzen barfuß sind“ auf und im kleinen Verlag Edition Korrespondenzen Ivan Blatnys starke Gedichte, die meist in einer psychiatrischen Klinik  in England geschrieben wurden und die es zu entdecken gilt. „Alte Wohnsitze“ und „Hilfsschule Bixley“ heißen die beiden lieferbaren Bände.


Die in Prag geborene, in Aachen lebende Lyrikerin Klara Hurkova schreibt und malt. Ihre Gedichte weiß ich zu schätzen. Eines davon, „Atlantis heute“, durfte ich für fixpoetry  für den poetryletter illustrieren. Klara schreibt auf Tschechisch und Deutsch, übersetzt, und ist Herausgeberin zweier tschechisch/deutscher Lyrikanthologien.

In der Edition Azur erscheint der Gedichtband „Irgendwohin nach Haus“ von Petr Hruška. Und im Klak-Verlag erscheint mit „Die Weltuhr“  Lyrik von Sylva Fischerová. Und auch im Wunderhorn Verlag gibt es wieder aus der Reihe VERSschmuggel eine Anthologie in lyrischer deutsch/tschechischer Zusammenarbeit.           

Weiterhin hat der kleine Lyrikverlag hochroth neue Bändchen von jungen tschechischen Lyriker/innen herausgegeben: „Geheimes Leben“ von Milan Děžinský, „Astronauten“ von Jan Těsnohlídek, „Porträts“ von Olga Stehlíková und „Ohne Option“ von Natálie Paterová. (siehe auch hochroth Verlag edition OstroVers).

Einen sehr umfassenden Überblick über die Neuerscheinungen bietet die offizielle Seite Leipzig 2019 Tschechien Ahoj: http://ahojleipzig2019.de/de

2 x 2ter Lyrikband: Timo Brandt: Ab hier nur Schriften Aphaia Verlag/ Şafak Sarıçiçek: der gestaute und der frei fließende fluß Brot & Kunst Verlag

DSCN3298

Zwei junge Autoren, Şafak Sariçiçek und Timo Brandt, beide 1992 geboren, mit ihrem zweiten Lyrikband gibt es heute zu erforschen. Beide schreiben erstaunlicherweise so viel, dass sie in kurzem Abstand nach ihrem Debüt bereits neue Gedichte in einen weiteren Band packen konnten. Schön aufgemacht sind beide. Beide haben eine unwahrscheinliche Tiefe bei gleichzeitiger Gelassenheit. Inhaltlich und sprachlich sind sie so verschieden, wie sie beide unbedingt beachtlich sind.

Timo Brandt, bekannt durch seine emsige Rezensententätigkeit, sammelt in seinen Gedichten die Welt ein und zeigt sie auf seine Weise. Gleich im ersten mehrseitigen Text „Wider den Tag, dem 23.“ fühle ich mich, als wäre ich in ein Ror Wolf-Gedicht hinein geraten. Da wird rhythmisch gereimt und zwar ziemlich gelungen. Dann wird es bunt. Ein Konglomerat aus Zeilen, Strophen. Experimentierfreudig. bewusstseinserweiternd, suchend? Finde den roten Faden! Freie Verse mischen sich, mal gereimt, mal ungereimt, mal klassisch anmutend, Terzinen, Elegien, mal wild davon driftend, dann auch mal Blocksatz. Die schönsten Worterfindungen gibt es im Gedicht „Mayröcker mitschreiben“, ein ganzer Sack wird hier ausgeschüttet, um zu schauen, was möglich ist. Die Inhalte spiegeln Alltag, Lieben, Erleben bis zur Vergänglichkeit – aktuell, nachdenklich, witzig, persönlich, nah dran. Und wie Matthias Engels in seinem Nachwort schreibt: „Fast ein wenig unverschämt – diese Begabung …“

„Gnadenlos Verständnis, wie bückst du dich, vorbeugend,
ich zieh mir deinen Dorn aus manch Verpasstem, heiß.
Ist nicht Wehren gegen Heiteres, noch nicht Verstummtes
als bräche man von jedem Stift die Spitze, stumpf?

Lebensfaden wird nicht dünner werden. Verdichtete Gefühle,
langend im Lichte der eigenen Bestimmungsfeuer.
Das Unverr/zichtete schlägt Brücken, seltsam tragend.
Bei bangen Fragen setze dich ans Steuer.   (Ja)

Şafak Sariçiçeks Debütband „Spurensuche“ habe ich bereits hier besprochen. Auch das neue Buch ist sehr individuell gestaltet: es ist ein kleines quadratisches, ca. 10×10 cm-formatiges Büchlein, das auf dem Cover und innen feine schwarz/weiß-Illustrationen von Deniz Sariçiçek zeigt. Gleich anfangs merke ich, dass sich der Ton verändert hat. Da hat sich eine Stimme entwickelt. Was vorher augenblicksbezogen und leicht war, dehnt sich nun in schwerer wiegende Verse mit steilen Wortwechseln. Es sind nicht mehr nur die Beobachtungen, es sind daraus gefasste Entschlüsse. Und auch Sariçiçek sammelt die Welt ein und verdichtet sie. Und er spricht in Erinnerung an den ursprünglichen Fluß seiner Herkunft. Auch Worte sind im Fluß, manchmal angestaut. Er beschäftigt sich mit dem Alltäglichen, mit unserer Zeit, mitunter erlese ich Gesellschaftskritik, auch über Grenzen hinaus. Ich meine fast, es sind nun Kopf und Gefühl mehr im Einklang. Im positiven Sinn. Meine Feststellungen basieren auf diversen recht langen Wortbauten, teils stakkatohaft aneinander gereiht. Manchmal geht einem beim Lesen die Puste aus, es gilt Luft zu holen oder sich eine schnellere Lesart anzueignen. Ich mag das, was mit mir beim Lesen geschieht. Ich staune. Ich freue mich sowohl über den gestauten, als auch über den frei fließenden Lesefluß. Hier ein Auszug aus dem gleichnamigen Gedicht:

„der raum selbst war so still
schwalbenstimmen machten bei der tür kehrt
diesen raum umspannte eine so undurchlässige membran
gesponnen aus überbleibseln negierter irrlichter und frühester träume

ausbrechend riss ich die ahnung an ein verirrtes licht mit mir
in die gleißenden teile des frühen jahres“

Mehr über „Ab hier nur Schriften“ beim Aphaia Verlag
Mehr über „der gestaute und der frei fließende fluß“ beim Brot & Kunst Verlag
Ich danke den Verlagen für die Rezensionsexemplare.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Muriel Pic: Elegische Dokumente Wallstein Verlag

cover muriel pic

„Der Tod des Dichters ist eine Honiggeschichte.“

Schön, dass es den Wallstein Verlag gibt. Hier findet sich immer wieder Besonderes, gerade auch, wenn es um Lyrik geht. Vollkommen unbekannt war mir die französische, in der Schweiz lebende Autorin Muriel Pic. Sie beschäftigte sich mit Henry Michaux, W.G. Sebald und übersetzte Walter Benjamin. Alles mich sehr ansprechende Autoren. Und nun ihre Gedichte auf Deutsch in einem zweisprachigen Band, übersetzt von Lukas Bärfuss. Ich freue mich sehr über dieses Buch.

Muriel Pic schreibt anhand alter Fotos Spuren in die Geschichte ganz verschiedener Welten. Alle Gedichte entstanden aus einem Blick ins Archiv. Sind die Themen rein zufällig gewählt? Jedenfalls gibt es Überschneidungen, Schnittmengen. Gemeinsam haben alle eins: Es sind zunächst vermeintlich unscheinbare Zeugnisse, die durch Pics Betrachtungsweise in einen Mittelpunkt gestellt werden, der mit weitreichenden Assoziationen einhergehen. (Witzig und interessant, dass Pic auch Fotos(pics!) in ihrem Band mit unterbringt.

Zunächst besucht sie das Dokumentationszentrum Prora auf der Insel Rügen. Spannende geschichtliche Einblicke liefern bereits die Fotos zu Prora, das im Nationalsozialismus ja zum „Kraft durch Freude“-Urlaubsmassenresort werden sollte. Bis heute weiß man nicht so recht, was man mit diesen Monsterbauten, erbaut von 1936 bis 39 direkt am Strand, machen soll. Wer diese viereinhalb Kilometer lange größenwahnsinnige Architektur an einem der schönsten Strände Rügens selbst gesehen hat, wird die Gedichte Pics sofort begreifen.

„Wenn Prora stattgefunden hätte
wenn sich die Ostsee an ihre
blauwandigen Versprechen gehalten hätte
es wäre ein Ferienlager
des Dritten Reiches gewesen.
Mit Leibesertüchtigung für zwanzigtausend
eine Masse der Einsamkeit
eine vereinigte soziale Idylle
bei ganz populistischer Tauglichkeit
im Fehlschlag der Utopie.“

Pic bildet Verse aus dieser Zeit heraus, hinterfragt, zerpflückt, verdichtet Dokumente und verknüpft sie mit Gedanken von Franz Kafka, Hannah Arendt, Alexander Kluge, W. G. Sebald, Tomas Morus und Lukrez.

Die Texte des folgenden Kapitels „Honig“ wurden durch Funde in Archiven verschiedener  Kibbuze Israels inspiriert. Es geht um die Arbeit. Aus der Gesellschaftsform und der Arbeit eines Bienenschwarms heraus überdenkt Pic die Gesellschaftsformen und die Stellung der Arbeit bei uns Menschen. Das Bienensterben aufgrund von Parasiten: Die Leben im Kapitalismus oder im Kommunismus. Wer sind unsere Parasiten? Welche Politik ist dem Menschen am zuträglichsten? Ist die Arbeits- und Lebensform eines Kibbuz eine Idealform? Viele Fragen wirft Pic auf. Sie lädt ein zum Mitdenken, zur Selbsterforschung. Hier erzählt sie in Versen von Kafkas hebräischem Vokabelheft (von rechts nach links) und was Waben mit der Bauhaus-Architektur zu tun haben.

„Was sagen die Archive?
Sie beschreiben das Leid nicht.
Sie warten auf einen der sprechen wird
sie warten darauf
trotz aller Folgen Fragmente zu werden.
Aber wo ist der Grund der Bilder?
Auf ein Desaster sollte man sie stecken.“

Im letzten Kapitel geht es um Orientierung. Hier begegnen wir den Ureinwohnern Amerikas. Die Indianer haben als Orientierung die Natur, vor allem auch den Himmel, die Sterne benutzt, für die sie auch bestimmte Namen haben. Durch verschiedene Sternenkarten und Fotos lässt sich Pic zu ihrer universellen Archivpoesie inspirieren.

„Ausgedehnte Meditationen über die Fixsterne:
Seit längst vergangen Jahrtausenden
bewegen sie sich in Richtung kommender Jahrtausende
ebenso weit entfernt.
In ihrer Nähe die siebzig Jahre
die gewöhnliche Dauer eines menschlichen Lebens?
Eine infinitesimale Parenthese der Kürze.“

Ein Leuchten!

aus der Nachbemerkung der Autorin:

Die Elegischen Dokumente wurden nach Archivbeständen geschrieben, nach Untersuchungen, mit der Empfindung eines Sandkorns im Auge des Gedankens.“

Der Band erschien im Wallstein Verlag. Mehr über Buch und Autorin gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Einen kleinen Auszug aus den Gedichten über Prora/Rügen gibt es in Originalsprache von der Autorin selbst gelesen auf youtube:

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Feuer auf der Zunge Persische Gedichte herausgegeben von Jasmin Tank Edition Pajam

48063048_2419915991572868_2083638641317380096_n

In der von Jasmin Tank herausgegebenen Lyriksammlung persischer Gedichte finden sich Texte aus allen Zeiten, der älteste Dichter aus dem 11. Jahrhundert, die Jüngste 1977 geboren. Die Herausgeberin hat darauf geachtet, dass auch Dichterinnen Eingang fanden. Die Gedichte sind schön. Für mich besonders die der Frauen. Was mich allerdings richtig begeistert hat sind die Illustrationen von Jasmin Tank. Stimmiger können Dichtung und Illustration keine Verbindung eingehen. Sie treffen vielleicht auch gerade deshalb so sehr meinen Geschmack, weil ich mich mit ähnlichen Materialien in meinen Arbeiten befasse.

Der schmale Band hat ein ungewöhnliches Format, was aber die Zeichnungen am Besten zur Geltung bringt. Er ist beinah quadratisch und hat etwa die Höhe von A5. Der Band ist nicht durchgehend zweisprachig, aber es tauchen immer wieder Übersetzungen auf und in die Illustrationen eingearbeitete arabische Schriftzeichen. Weshalb sich die in Berlin lebende Illustratorin Jasmin Tank mit der persischen Lyrik beschäftigt, erfährt man in ihrem Vorwort. Sie geht mit diesen Arbeiten und mit dem Sichten der Gedichte auch auf die Suche nach den eigenen iranischen Wurzeln, und das auf die schönte Weise, wie ich finde.

Es finden sich Gedichte der weltbekannten Klassiker der persischen Dichtung Farruchi, Hâfez, Dschâmi und auch einer Dichterin aus dem 17. Jahrhundert Zêbunissâ Makfi.

Von Forugh Farrochzād, der 1935 in Teheran geborenen, 1967 gestorbenen Lyrikerin, gibt es unter anderem das wunderbare Gedicht „Das Geschenk“ (siehe Foto oben). Sie war eine der ersten Frauen, die auch die Geschlechterrollen in ihren Gedichten hinterfragte, die in einer freien Versform schrieb, klar und direkt. Es wundert wenig, dass ihre Lyrik von der Regierung verboten wurde. Ich möchte den Text hier noch einmal zitieren, weil die wenigen Zeilen so viel beinhalten:

Geschenk

Vom Ende der Nacht spreche ich,
vom Ende der Finsternis
und vom Ende der Nacht spreche ich.

Kommst du in mein Haus, freundlicher Mensch,
so bringe bitte für mich eine Lampe
und ein Fensterchen, dass ich dadurch
das Gedränge auf glücklichen Straßen erblicken kann.

Eine zeitgenössische Lyrikerin finde ich vor allem noch interessant. Das ist Leila Nouri Naini. sie wurde 1970 in Teheran geboren und lebt in Deutschland. Sie fand zur Lyrik unter anderem durch eine Begegnung mit dem ebenfalls hier im Buch vertretenen Dichter Shamlu. (Ihr Gedicht siehe Foto oben).

Alle Dichter/innen sind am Ende des Buches mit einer Kurzbiografie vorgestellt, zudem gibt es Literatur- und Quellennachweise zu den einzelnen Texten.

Jasmin Tank ist ein wunderschöner Band gelungen, den man als Ein- und Überblick über die persische Dichtung benutzen kann, den man aber auch wegen seiner farbenfrohen und ausstrahlungskräftigen Bilder einfach genießen kann.

Der Band erschien in der Edition Pajam im Goethe & Hafis Verlag.

Mehr über Persische Lyrik gibt es von mir hier und hier.

Das Herz verlässt keinen Ort, an dem es hängt #weiterschreiben Ullstein Verlag

9783550050688_cover

Ein wirklich tolles Projekt haben sich die Autorinnen Annika Reich und Lina Muzur ausgedacht und in die Tat umgesetzt. Es begann mit der Idee eine Möglichkeit zu finden für Autorinnen und Autoren aus Krisengebieten und/oder im Exil weiter zu schreiben und auch weiter gelesen zu werden. Daraus entstand  im Netz die Seite https://weiterschreiben.jetzt/  und nun die gedruckte Anthologie.

Das Buch ist innen viel schöner geworden als das Cover verspricht. Ich bin ziemlich begeistert, dass im Buch nicht nur Texte, sondern auch Kunst, bunt sich ausbreitend, enthalten ist. Es ist auch das, was ich zuerst ansehe. Ich bin mit Bildern vertraut, ich nehme vieles wahr, was dahinter steht. Es sind Fotos, Mixed Media-Arbeiten, Malerei und Tusche, die ich selbst als Material so liebe. Ich gehe mit diesem Buch anders um, lese nicht von vorne nach hinten durch, sondern blättere, lese, blättere, schaue.

Deutschsprachige Autorinnen und Autoren trafen sich, real oder über den Bildschirm, um über ihr Schreiben zu sprechen, zu übersetzen oder einfach der Welt des/der anderen zu begegnen. Ob Annett Gröschner mit Lyrikerin Widad Nabi in die Geschichte ihrer Heimathäuser eintaucht, ob Saša Stanišić über ein Lachen von Salma Salem erleichtert ist oder ob der Journalist und Dichter Ramy Al-Asheq überrascht ist, als die Lyrikerin Monika Rinck, bei ihrem Treffen sofort beginnt sein Gedicht zu übersetzen, alle haben einen stimmigen Umgang miteinander gefunden, alle haben sie mich getroffen, nah am Herzen.

Ich werde nicht viel mehr über das Buch schreiben. Das entscheide ich gerade beim Blättern. Ich werde kurz aufzeigen, was es für mich so wertvoll macht, stärker, als ich vorher dachte. Es erzählt von Menschen, die das tun, was ich auch tue, Schreiben, trotz aller Widrigkeiten, innerer und äußerer. Ob im Innen Krieg herrscht oder im Außen – Schreiben bleibt.

 

Auszug aus dem Gedicht „Briefe an 14 Gazellen“ von Widad Nabi

„Nachts werde ich alt
heimlich vor der Zeit,
ohne dass mich jemand sieht.
Ich werde hundert Jahre alt.
Die Traurigkeit, die unter meiner Haut wächst,
wird zum Gedicht,
und ich bleibe, wie ich bin,
eine kleine Gazelle im Spiegel der Quelle.

Auszug aus „Das Herz eines Wolfes kochen“ von Rabab Haidar

„Wölfe werden immer nur mit Männern in Verbindung gebracht: Männer essen ihre Herzen und die Wölfe essen ihre. Wölfe werden Männer und verwandeln Männer in Wölfe.
Frauen hingegen werden mit Schlangen, Skorpionen, Eulen, Mäusen, Katzen oder Kaninchen assoziert. Mit Wölfen nicht.
Wie soll ich nur von mir erzählen?“

Auszug aus dem Gedicht „Den Dichtern folgt die Traurigkeit“ von Ramy Al-Asheq 

„Den Dichtern
folgt nur die Traurigkeit

Sie erwacht wie ein Funke an Fingerspitzen
und schläft ein
wischt man eine Träne
fort
mit den Fingerspitzen

Geboren wird sie
unbefleckt
bevor die Sprache sie überfällt
und benennt

Sie tritt ein mit dem Wind
und fährt aus mit der Seele“

Ich lege dieses Buch allen sehr ans Herz. Es ist eine Schatztruhe, eine Wunderlampe, ein Leuchten!

Das Buch erschien im Ullstein Verlag. Alle Beteiligten hier aufzuführen würde den Rahmen sprengen, sie sind aber im Buch und auf der Verlagsseite zu finden, wo es auch eine Leseprobe gibt. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Kerstin Herbert vom Blog Frauenleserin stellt Fragen – Hier meine Antworten

Poetin_von_Pompeji
Eine schöne Idee hatte Kerstin Herbert. Sie rief den Blog „Frauenleserin“ ins Leben. Wie wenig Raum Frauen in allen Bereichen des Literaturbetriebs immer noch gewährt wird, ist gerade im vergangenen Jahr oft auf Blogs, in Zeitungen und in Magazinen thematisiert worden. Kerstins Aufruf gilt nun den Buchbloggerinnen und fragt nach Lesegewohnheiten. Hier sind meine Antworten auf ihre Fragen:

  • Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wieviele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wieviele davon wurden von Autorinnen verfasst?                     Wenn ich richtig gezählt habe, sind es insgesamt 83 gelesene Bücher. Davon sind 37 von Frauen geschrieben, 42 von Männern (der Rest sind Anthologien). Es gibt also einen Männerüberhang. Wenn man aber meine 12 Favoriten ansieht, hier auf dem Blog nachzulesen, sieht das Verhältnis deutlich besser aus. Es sind 8 Frauen und 4 Männer.
  • ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
  • Welches Buch einer Autorin ist Dein diesjähriges Lesehighlight? (Warum?)
    Es ist auch nicht nur eines (siehe Blog Meine liebsten …). Dennoch nenne ich hier jetzt einfach Karen Duves Roman über Annette von Droste-Hülshoff. Denn hier verbindet sich meine Leidenschaft für schöne Sprache mit dem Inhalt, denn es geht um eine Lyrikerin, die sich als schreibende Frau behaupten muss, und oft erfolglos dafür kämpft, als Lyrikerin ernst genommen zu werden. Zudem präsentiert Duve hier eine gutes Stück Zeitgeschichte.
  • ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
  • Welche Autorin hast Du in diesem Jahr für Dich entdeckt und was macht Sie für Dich so besonders?                                                                                                                            Esther Kinsky. Ich habe den Roman „Hain“ gelesen, mit dem sie auch den Preis der Leipziger Buchmesse 2018 gewann. und war beeindruckt. An Esther Kinskys Büchern mag ich vor allem die Sprache. Da wird jegliche Handlung nebensächlich. Man merkt deutlich, dass Kinsky auch Lyrik schreibt. Außerdem ist sie eine bemerkenswerte Übersetzerin. Ich habe mir nach der Lektüre gleich einen ganzen Stapel ihrer Werke zugelegt.
  • ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
  • Welche  weibliche Lebensgeschichte bzw. Biografie hat Dich in diesem Jahr besonders beeindruckt (und warum?)
    Es ist ein Roman und auch nicht komplett autobiographisch, aber eine große Wiederentdeckung, die nah an Mela Hartwigs Leben dran ist. Hartwig schreibt in ihrem Roman „Inferno“ in sehr starken Stimmungsbildern über eine Kunststudentin im Wien der 30er Jahre, die erleben muss, wie ihre Stadt von den Nationalsozialisten übernommen wird. Erst nach einem Schlüsselerlebnis erkennt sie die Ausmaße und beginnt für den Widerstand zu arbeiten.
  • ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
  • Welches Buch einer Autorin möchtest Du in 2019 unbedingt lesen?
    Da gibt es nicht nur eine. Ich freue mich sehr darauf, dass endlich wieder ein Roman der Japanerin Hiromi Kawakami auf Deutsch erscheint. Ich habe bisher alle Bücher von ihr mit Begeisterung gelesen. Außerdem gibt es neue Romane von Siri Hustvedt, Marlene Streeruwitz, Doris Knecht und Angela Krauß.
  • ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
  • Ich füge noch eine Frage hinzu, die mir besonders wichtig ist, denn auf meinem Blog spielt Lyrik eine große Rolle.
  • Welcher Lyrikband einer Autorin hat Dich in diesem Jahr über die Maßen begeistert?
    Grace Paleys wunderbarer, auch für Wenig- bis Nichtlyrikleser_innen geeigneter Band „Manchmal kommen und manchmal gehen“. Eine Perle, da sie eine Sprache spricht, die jeder versteht. Sie schrieb auch viele Erzählungen, die ich mir ebenfalls noch vornehmen möchte.
  • ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
  • Nun bin ich gespannt, wie ihr diese Fragen beantwortet. Bis 12.1.19 kann frau noch mitmachen. Beitrags-Link einfach schicken an: http://www.kerstin-herbert.de/?p=8088