Lyrik aus dem hochroth Verlag am Beispiel von: Inger-Mari Aikio, Niillas Holmberg, Tzveta Sofronieva

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Lyrik aus dem hochroth Verlag zu entdecken ist auf vielfache Weise eine Freude:
Zum Einen ist es ein engagiertes Projekt, das von vielen Lyrikbegeisterten an sechs verschiedenen Standorten getragen und fortbewegt wird.
Es ist ein Glück, dass diese lyrikbegeisterten Verleger auch großen Wert auf eine ästhetische Gestaltung ihrer Werke legen. Es sind kleine Kunstwerke, diese wunderschönen Bändchen, die handgefertigt aus hochwertigem Papier, sogar einzeln nummeriert verlegt werden.
Und es werden eine Vielzahl an Lyrikern, die in einer Vielzahl an Sprachen unterwegs sind, ausgewählt, bekanntere und unbekanntere. Zudem werden nun auch mehrsprachige Variationen hergestellt.

Meine kleine Auswahl aus der Bielefelder Dependance zeigt gleich das breite Spektrum an Sprachvielfalt:

 

„heimweg des mondes
in den daunen der kolkraben
tragen die flöhe seidenkrawatten“

„knoten fallen vom himmel
eine eintönige arbeit
sie das jahr hindurch zu lösen“

Inger-Mari Aikio: Die Sonne leckt Sahne:
In Aikios Band geht es um den Lauf der Jahreszeiten. Und es geht um Zwischenjahreszeiten, wie wir sie hier nicht kennen, wohl aber im Norden Finnlands. Die Dichterin schreibt auf Finnisch und auf Samisch und sie bietet uns ungewohnte Einblicke in die Natur. Ihre Gedichte ähneln in ihrer Dichte oft Haikus. Durch diese Reduziertheit entstehen starke Bilder. Mitunter war ich an Christine Lavant erinnert, deren Themen ja ebenso Natur und Mystik sind. Mir gefällt dieser Band ausgesprochen gut – für mich Herzenspoesie.
Aikio wurde 1961 in Ohcejohka/Utsjoki in Finnland geboren. Der schmale Band ist zudem hinreißend (mit Rentieren, die im Winter ihr Geweih verlieren) illustriert von Katrin Merz. Die Übersetzung aus dem Nordsamischen stammt von der Gruppe B.

 

“ … der dem Wind auf dem Schoß sitzt
schreibt seine Verse auf Steine und Baum.“

„Doch obwohl ich den Strahl fühlte
nicht mein Lichtzelt
war ich, wie du, nicht geduldig genug
noch in diesem Leben zu leuchten … )“

Ebenfalls aus dem Nordsamischen kommt der Band Der dem Wind auf dem Schoß sitzt von Niilas Holmberg. Der 1990 ebenfalls in Ohcejohka/Utsjoki in Finnland geborene Schriftsteller schreibt so ganz andere Gedichte. Seine Themen verweben den Alltag, die aktuellen Lebensthemen unter anderem mit antiker Philosophie. So ergänzen sich ungewohnt alt und neu. So ergeben sich neue Ideen aus Experimenten. Übersetzt hat den zweisprachigen Band Katrin Merz.

 

„Formen, Ausdrücke, Kochrezepte,
weitere Algorithmen,
All go Rhythm,
Knoten von Assoziationen.“

„An die Erdoberfläche
nagen Anthropozähne
In der entscheidenden Szene
wird der Hintergrund stets
mit dem Vordergrund vertauscht.“

Von Norden nach Osten: Von der Bulgarin Tzveta Sofronieva kommt der Band mit dem schönen Titel: Anthroposzene. Es ist ein mehrsprachiges Lyrikexperiment in der Reihe „Translingual“ In der Tat wimmelt es von unterschiedlichen Sprachen, die in- und nacheinander übergehen und sich zu vereinen versuchen. Ihre Themen sind häufig gesellschaftskritisch. Mitunter verrätselt wie ein Kreuzworträtsel, mitunter gesetzt wie Konkrete Poesie ist dieser Band nicht so leicht zu greifen. Es ist ein Spiel mit der Sprache, experimentell, überbordend und rhythmisch.
„Die Autorin studierte weder Literatur noch Sprachen, weil sie diesen unbefangen begegnen wollte“, eine biografische Angabe, die ich sehr gerne lese …


Ich empfehle das „Unternehmen“ hochroth nachdrücklich!
Weitere Informationen über hochroth an allen Standorten finden sich auf der Website des Verlags, wo es auch ein kurzes Video über die handwerkliche Herstellung der Bände gibt:: http://www.hochroth.de

Übrigens: Der Verlagsname ist angelehnt an ein Gedicht der Dichterin Karoline von Günderode:

Hochroth 

Du innig Roth,
Bis an den Tod
Soll meine Lieb Dir gleichen,
Soll nimmer bleichen,
Bis an den Tod,
Du glühend Roth,
Soll sie Dir gleichen.

 

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Orsolya Kalász: Das Eine Brüterich Press

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„Jetzt
schließen wir die Augen,
wir alle.
Dann greift jeder
nach seinem toten Winkel
und legt ihn zu den anderen,
auf den vorbestimmten
Platz.“

Die 1964 geborene Orsolya Kalász hat kürzlich den Peter-Huchel-Preis 2017 erhalten. Die ungarisch/deutsche Lyrikerin, die bereits sehr lange in Berlin lebt, hat eine ganz schöne eigene Art zu schreiben, die mich beim Lesen manchmal an die polnische Dichterin Wislawa Szymborska erinnert hat.

Es ist eine direkte Art über Beziehungen und über Liebe zu schreiben, die mich sehr für sie einnimmt, denn Liebesgedichte zu schreiben die nicht dem Klischee anheim fallen ist wohl das Schwierigste überhaupt. Diese Gedichte sind sehr durchdringend mit klarem persönlichen Ausdruck, sehnsuchtsvoll auch, und mit Metaphern, die vollkommen neu sind. Eine Sprache, die mich anspricht, im Wortsinn.

„Die Vergleiche hissen die Segel

Das Gefühl, von dir berührt zu werden,
vergleiche ich mit einem
vom verschwenderischen Blau
des Himmels gebannten Blick.
Es ist, als würde ich schwimmen
in einem durch die Haut schimmernden See,
inmitten der gespiegelten Wolken
deiner Hand.“

Außer Beziehungs- und Begegnungsthemen jeglicher Art finden sich vorrangig Gedichte einer Sparte, die mir bisher weder als Gedicht noch sonstwie untergekommen ist: Sie beschäftigt sich mit Heraldik und schreibt also Wappen-Gedichte. Gedichte über Heraldik hört sich erst mal seltsam, gar altmodisch an, doch sind Wappen in Kalász` Gedichten immer Symbole, Bilder und Zeichen einer Zugehörigkeit. So lerne ich beispielsweise die Merlette (aus dem Französischen „Merle“= Amsel) kennen: Eine an Schnabel und Füßen gestutzte Amsel, die oft auf Wappenbildern verwendet wird und die hohen Symbolgehalt hat.

Schau mich an
und sag
du bist mein Wappentier,
mein pferdeköpfiger Greif,
mein Tiger-Biber,
mein Fisch-Huhn,
meine Adler-Ziege.

Am Morgen Meerjungfrau,
Am Mittag Basilisk
Am Abend ein roter Krebs
[…]
Auszug aus „Himmel und Erde“

oder

Und dann wäre da noch die Idee,
dass die Wappenfiguren,
vererbbare Erscheinungen
der Realwelt, in der Heraldik,
beim nächsten Selbstentwurf
von Nutzen sein könnten.
[…]
Auszug aus „Idee“

Das Buch kommt aus dem sehr kleinen Verlag Brüterich Press, hinter dem der Lyriker Ulf Stolterfoht steht. Sein wunderbarer wirklich gelungener Werbeslogan:
Schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis – dann ist es BRUETERICH PRESS
Der Band steht auch auf der Liste der Lyrikempfehlungen 2017. Und er ist sehr fein gestaltet und stimmig typographisch inszeniert, durchbrochen von Aufnahmen des Künstlers Frank J. Schäpel, die Röntgenbilder vom menschlichen Schädel zeigen.

Ein interessantes Interview mit Orsolya Kalász gibt es auf fixpoetry.

Tomas Espedal: Biografie Tagebuch Briefe Matthes & Seitz

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„Mir wurde früh klar, dass meine eindrucksvollsten Erlebnisse dort stattfanden,wo nichts geschah.“

Tomas Espedals neues Buch heißt “ Biografie Tagebuch Briefe“. Es sind Fragmente und Episoden aus seinen Notizbüchern, die in Norwegen schon wesentlich früher erschienen sind. In Deutschland erlangte Espedal mit seinem Buch „Gehen oder die Kunst ein wildes und poetisches Leben zu führen“ im Jahr 2011 zum ersten Mal größere Aufmerksamkeit. „Gehen“ halte ich nach wie vor für sein bestes Buch. Kennt man noch nichts von ihm, sollte man damit beginnen.

„Gehen: seinen Beruf ausüben, indem man ihn nicht ausübt.“

Imgrunde ist es Lyrik: In Tomas Espedals neuem Buch gibt es keine Handlung. Was er erzählt, steht ohnehin meist zwischen den Zeilen. Leser die ihn kennen, werden einiges wiederentdecken, sich erinnern an Sequenzen aus den vorherigen Büchern. Trotzdem bleibt manches rätselhaft, erschließt sich durch mehrfaches Lesen. So scheint er manchmal mit sich selbst zu sprechen. Aus der Ich-Perspektive oder auch mit dem Du, um sich selbst zu ermahnen, zu begreifen, endlich endlich die Welt und sich selbst zu verstehen. Hauptthema ist wie immer das Schreiben.

„Jetzt denke ich schon daran, was ich schreiben werde. Blind gehen mit offenen Augen. Ebenso einfach wie dieser Pfad, ich gehe ihn auf und ab, schreite einen Satz ab oder ein paar Zeilen: Wenn ich mich stören lasse, wenn ich einen Schritt breit  nach rechts oder links abweiche, in die falsche Richtung, zu den Beerensträuchern im unteren Teil des Gartens oder oben zur Straße hin, dann werde ich kein einziges Wort schreiben können.“

Es ist ein wirklich trauriges, sehnsuchtsvolles Buch. Ein Buch in dem philosophiert wird, gedacht wird, wiederholt wird, was immer noch nicht oder vielleicht nie begreiflich wird. Es geht um den Tod zweier wichtiger Menschen: der Frau und der Mutter. Es geht um die zwei Töchter. Es geht um das alte Haus, in dem sie wohnen. Es geht um das Ringen zwischen Alltag und Schreibtätigkeit. Es geht ums erschöpft sein, um den Versuch durch Alkohol alles abzumildern, den Schmerz zu dämpfen, den Kummer zu verdrängen. Und es geht auch um Gewalt: Espedal zeigt die Gewalt auf, die in seinem Leben auch eine Rolle spielte: Die Boxkämpfe mit dem Vater, im Boxclub, die Prügeleien um Mädchen und später die handgreiflichen Auseinandersetzungen in Beziehungen.

Das rundherum Schöne an diesem Buch ist wie immer Espedals Sprache, die Poesie, die noch im schlimmsten Moment alles durchdringt und einen Rettungsanker sowohl für Leser als auch Schriftsteller bietet. Am feinsten und dichtesten und sinnlichsten liest sich das Kapitel „Tagebücher“.

Ich empfehle auch „Wider die Natur“ und „Wider die Kunst“. Alle Bücher von Tomas Espedal sind im Matthes & Seitz Verlag erschienen. Eine Hörprobe findet sich hier. Die Übersetzung kommt von Hinrich Schmidt-Henkel.

Eine weitere Besprechung liest man bei Zeichen & Zeiten.

Christine Lavant: Gedichte aus dem Nachlass Wallstein Verlag

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Wer die österreichische Lyrikerin Christine Lavant (1915-1973) noch nicht kennt, was ein großes Versäumnis ist, hat jetzt die Möglichkeit mit einem neuen über 600 Seiten zählenden Band zu beginnen. Der Wallstein Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, das von Klaus Ammann und Doris Moser zusammengestellte Gesamtwerk der großen Lyrikerin aus dem Lavanttal nach und nach zu verlegen.
Nun sind es die Gedichte aus dem Nachlass, die teilweise aus dem unveröffentlichten ersten Lyrikband „Die Nacht an den Tag“ stammen, die meinem Empfinden nach sehr christlich religiös wirken. Der andere Teil kommt aus privaten Sammlungen – Lavant schickte oft ihren Freunden Gedichte, ohne eine Kopie zu behalten – und aufgefundenem Material, welches im Robert Musil-Institut in Klagenfurt aufbewahrt ist. So führte Lavant zum Beispiel auch mit ihrem Arzt einen Briefwechsel, der Gedichte von ihr enthält.

„An gottverlassenen Regentagen
kannst du – wenn du ganz einsam bist –
und vom Scheitel bis zu den Zehennägeln
keine einzige furchtsame Stelle mehr hast
sehen oder auch riechen
wie die Erde aus sich kommt.“

Ein weiterer umfangreicher Teil, wie ich finde der interessanteste, stammt aus der Sammlung der Briefe an Werner Berg. Denn hier sind wunderschöne Liebesgedichte enthalten. Christine Lavant verband mit Berg, der einen Hof betrieb, aber auch Maler war, eine lange Liebe. Beide lernten sich auf einer Literaturveranstaltung kennen und ihre Beziehung ging weit über einen künstlerischen Austausch hinaus. Doch zusammen kamen sie nicht, beide waren verheiratet.

„Du ergriffst mein Herz schon als ich dich ansah am Abend
dort unter den Vielen wo keiner sein Herz sonst bereit hielt
und wo man das Kleingeld der Freundlichkeit richtig verteilte
in Augen und Hände.

oder

„Vielleicht lebst eben du in einem deiner
erlösten Bilder, wo der Stein noch Brot ist
und weißt nicht mehr was alles mir noch not ist
und willst im Grunde nur noch irgendeiner
einmal Entflohener meines Herzens sein?“

All diese bisher unveröffentlichten Gedichte künden bereits von der Vielfalt, in der sich Lavant mit ihrer Dichtung bewegte: Naturverbundenheit, Spiritualität, Religiösität – sie beschäftigte sich auch mit dem Buddhismus – und unglaubliche Offenheit. Sie zeugen vor allem von den großen Zusammenhängen, die Lavant immer im Kleinen fand.

„Morgen wird die ertrunkene Hälfte der Welt
nur ein verschilfter Froschtümpel sein
vor dem die Sonne ihr Haar nicht schüttelt
und von den Schultern der Bäume herab
wird das Mondhuhn zu anderer Tränke fliegen.
Warum erzähl ich dies alles dem Tau?
Der hat das Ertrunkene nie gekannt
der ist ja heut erst herabgefallen
auf die zitternde Kümmelstaude.“

Christine Lavants Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte““ und den kurzen Roman „Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus“ habe ich bereits ausführlich besprochen. Die gesamte Werkausgabe erscheint im Wallstein Verlag. Der vorliegende Band ist wieder mit einem ausführlichen Nachwort versehen und steht auch auf der Liste der Lyrikempfehlungen 2017.

Ellen Hinsey: Des Menschen Element Matthes & Seitz Verlag

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Der Traum
Die Zeit wie eine Schote aufzubrechen und ihre leuchtenden, glühenden Samen zu betrachten

Ellen Hinsey habe ich nur entdeckt, weil Litauen diesmal Gastland der Leipziger Buchmesse war. Denn sie hat zusammen mit dem 80jährigen litauischen Lyriker Tomas Venclova ein Buch herausgegeben. Die 1960 in Boston geborene Amerikanerin hat mit dem vor langer Zeit nach USA emigrierten Dichter und Literaturprofessor Gespräche geführt und somit sein Leben fürs Lesepublikum aufgeblättert. Das Buch heißt „Der magnetische Norden“ und erschien vor kurzem im Suhrkamp Verlag. Ebenso ist sie Übersetzerin seiner Gedichte.

Als ich ein wenig recherchierte fand ich heraus, dass Ellen Hinsey, die lange Zeit in Paris lebte, nicht nur sich gut auskennt im osteuropäischen Raum und dessen Geschichte, sondern dass sie selbst auch schreibt, und zwar vorrangig Lyrik. Als ich in einer Leseprobe die ersten Zeilen von ihr las, war ich fasziniert: Hinsey weiß hochaktuelle und brandheiße politische Gedichte zu verfassen, die in solch gelungener Spracharbeit und Direktheit selten sind. Ihre Themen lassen außerdem auf intensive Philosophie- und Geschichtskenntnisse schließen. So spricht sie bei der Buchvorstellung in der Berliner DAAD-Galerie über die Ideen des griechischen Philosophen Parmenides, der sie beim Schreiben für dieses Buch sehr beeinflusste: Grob gesagt, hatte er die Theorie, dass es keine Getrenntheit gibt in der Welt, dass alles eins ist. So gesehen erhalten die Gedichte auch eine spirituelle Dimension.

Einsicht und Zweifel
Einmal nur unerwartet die Einheit der Welt erfahren –
wider die Manöver des Verstandes.

Dauerhafter Zustand
Die Wachheit lädt den Verstand ein, sich ihr anzuschließen
im sprießenden, sich stetig erneuernden Feld der Welt.

Merkwürdiges Autodafé
Im Gegenzug plant der Verstand seinen ewigen Angriff auf
das Sein.

Auszug aus dem Notizbuch A

 


Ellen Hinsey scheut nicht die Auseinandersetzung mit aktuellen politischen Themen. So schilderte und verdichtete sie beispielsweise Verhöre von Gefangenen verschiedener Regimes. Hinsey besuchte dazu den Gerichtshof in Den Haag, wo es um Kriegsverbrechen im osteuropäischen Raum ging. Oft schockierend und ungeschönt: diese Gedichte sind mitunter starker Tobak …

Die Tyrannei hat nichts dagegen, klein anzufangen: Maß ist ihr gleichgültig. Ihre Träume vom Ruhm werden frohen Mutes im Kindertheater geprobt.
[…]
Die Regression der Tyrannei ist einfach: die Begierde eines Kleinkinds, der Welt seine Allmacht aufzuerlegen.

aus Chronik – Eine kurze Biografie der Tyrannei

In ihrer Buchvorstellung erzählt Hinsey desweiteren, dass es ihr beim Schreiben ums „Bewahren“ geht, das Bewahren vor dem Verschwinden. In ihrem Lyrikband findet sich dieses Bewahrenwollen in allen drei Kapiteln: Im ersten „Des Menschen Element“ geht es um das Wesen des Menschen: seine Besonderheit; im zweiten „Zeugnis“ geht um das Treiben und Tun der Menschen: die Spaltung der Welt; im dritten „Mitternachtsdialog“ um das Zweifeln, den Moment der Veränderung, um die Vergebung.

Langsam rollen Polizeiautos die mitternächtlichen Boulevards entlang, überwachen das Unheil. Pomp protzt mit Verfall – aber keiner gewinnt, da die Nacht beide in ihren abgenutzten Teppich rollt – um sie auf die Schultern ermatteter Schläfer zu laden, jener unschuldigen Träger der Hoffnung.

aus Annalen – Östliche Apokryphen

Ellen Hinsey schreibt über den Menschen in der Welt, verdichtet, konzentriert und philosophisch. Ihre Gedanken sind unbedingt lesenswert, auch für Nicht-Lyrik-Leser.

Ellen Hinsey war 2015 Gast beim Berliner Künstlerprogramm des DAAD. Der vorliegende Band erschien in der Reihe DAAD Spurensicherung 29 im Matthes & Seitz Verlag und wurde übersetzt von Uta Gosmann.

VERSschmuggel Gedichte: deutsch, litauisch Verlag Das Wunderhorn

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Noch einmal zurück nach Litauen:
Gerade rechtzeitig zur Buchmesse erschien die Gedicht-Anthologie VERSschmuggel Litauen. Die Reihe VERSschmuggel gibt es schon länger und mit einer Vielzahl von Ländern. Es ist ein geniales Projekt: Deutsche Lyriker und Lyriker eines anderen Landes setzen sich zusammen, reden mithilfe eines Dolmetschers über ihre Gedichte und übersetzen sie dann gegenseitig. Als Grundlage wird vorab eine sogenannten interlineare Übersetzung angefertigt. Das Litauische ist eine der Sprachen, die als Tonsprache gilt, so dass sich je nach Betonung ein anderer Sinn ergeben kann, es hebt sich also vom Deutschen stark ab. Im Buch sind dann alle Gedichte zweisprachig abgedruckt und können mithilfe eines QR-Codes sogar angehört werden (so man denn über ein entsprechendes Mobilphone verfügt). Das Buch erschien gleichzeitig auch in einem litauischen Verlag.
Initiiert wurde das Projekt von der französischen Übersetzerin Aurélie Maurin, die auch Mitherausgeberin ist, in Zusammenarbeit mit Thomas Wohlfahrt vom Haus der Poesie in Berlin. Dieser Reihe zugrunde liegt eine Diskussion über das Thema `Lyrik übersetzen´ im Allgemeinen: Ist es besser professionellen Übersetzern das Handwerk zu überlassen oder sind Dichter dafür geeigneter?

Diesmal also Litauen, Gastland der Leipziger Buchmesse.
Im Anhang des Buches finden sich jeweils biografische Angaben und die Bücher, aus denen die Gedichte stammen und kurze Einblicke in die Zusammenarbeit jedes Einzelnen, die für manche Dichter ganz neue eigene Herangehensweisen eröffneten und wohl eine große Bereicherung war. Es arbeiteten diese 12 Lyriker zusammen.

Christian Filips mit Aivaras Veiknys
Norbert Hummelt mit Antanas A. Jonynas
Orsolya Kalász mit Giedré Kazlauskaité
Sabine Scho mit Agné Zagrakalyté
Mathias Traxler mit Gytis Norvilas
Christoph Wenzel mit Sigitas Parulskis

Das sind noch einmal ganz andere Stimmen als in meinem letzten Beitrag über litauische Lyrik. Hier sind einige Auszüge aus Gedichten, Gesprächen, Beiträgen, die etwas aus dieser Arbeit, aus diesem Buch verdeutlichen und wiederspiegeln:

„das lagerfeuer brennt und ich erinnere mich,
wie mein sohn in meine schuhe schlüpft
als probierte er mich selber an

die schuhe sind ein raum, für füße ein zuhause
die zuflucht des verlorenen sohns,
in ihnen wohnt die zeit als ein zurückgelegter weg […]“

aus „Das Verbrennen der Schuhe“ von Sigitas Parulskis, übersetzt von Christoph Wenzel

oder

„Todesangst packte mich auf einmal,
vor einem langen Leben
voller Verluste, ohne je etwas produziert zu haben […]“

aus „Treppe zur Bibliothek“ von Giedré Kazlauskaité, übersetzt von Orsolya Kalász

oder Christian Filips zu seiner Arbeit mit Aivaras Veiknys:

„Wie übersetzt man den erstarrten Wunsch nach dem einfachen Leben in ein: Schau doch! Da! Es ändert sich ja! Selbst, Stein, Feld, Vater sind nicht immer dieselben …“

Die VERSschmuggel-Bände erscheinen alle im Wunderhorn Verlag, der auch sonst einiges an Lyrischem zu bieten hat. Mehr über Verlag, Buch und eine Leseprobe gibt es hier

Einen weiteren Beitrag zur litauischen Lyrik gibt es bereits hier auf meinem Blog.

Auf der Website lyrikline findet sich ein reicher Schatz an gelesenen Gedichten, unter anderem auch Lyrik oben genannter Autoren.

Und noch einmal ans Herz legen möchte ich Antanas Skemas Roman „Das weiße Leintuch“ aus dem Guggolz Verlag. Darin geht es um einen litauischen Dichter im New Yorker Exil.

Ulrike Bail: sterbezettel edition offenes feld

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Ich war neugierig: Wer nennt seinen Lyrikband „sterbezettel“?

Ich vermutete, es würde jemand sein, die sich mit dem Sterben und dem Tod beschäftigt hat. Die Autorin, davon ging ich aus, muss zutiefst mit dem Thema verbunden sein. In der Kurzbiografie von Ulrike Bail las ich dann, dass sie Germanistik und Theologie studiert hat und Professorin für Altes Testament ist. Sie lebt in Luxemburg und hat dort für „sterbezettel“ bereits einen Preis erhalten.

Beim Lesen der Gedichte zeigte sich schließlich, dass es in ihrem Band nicht nur ums Sterben geht, sondern vielmehr um ein „Stirb und Werde“.

Meine gesamte Besprechung gibt es auf fixpoetry

Film-Kunst-Film: Die Poetin DVD Film von Bruno Barreto 2014

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Der Film „Die Poetin“ erzählt vom Leben und Werdegang der New Yorker Dichterin Elizabeth Bishop, deren recht bekanntes Gedicht „One Art“ (deutsch: Die Kunst des Verlierens) mich schon immer sehr angesprochen hat:

The art of losing isn’t hard to master;
so many things seem filled with the intent
to be lost that their loss is no disaster.

Lose something every day. Accept the fluster
of lost door keys, the hour badly spent.
The art of losing isn’t hard to master.

Then practice losing farther, losing faster:
places, and names, and where it was you meant
to travel. None of these will bring disaster.

I lost my mother’s watch. And look! my last, or
next-to-last, of three loved houses went.
The art of losing isn’t hard to master.

I lost two cities, lovely ones. And, vaster,
some realms I owned, two rivers, a continent.
I miss them, but it wasn’t a disaster.

—Even losing you (the joking voice, a gesture
I love) I shan’t have lied. It’s evident
the art of losing’s not too hard to master
though it may look like (Write it!) like disaster.

Elizabeth Bishop zählt zu den einflussreichsten US-amerikanischen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie lebte von 1911 bis 1979. Der Film setzt 1951 ein, als Bishop sich entschließt ihre alte Studienfreundin Mary in Brasilien zu besuchen, um neue Anregungen für ihr Schreiben zu bekommen. Es wird ein sehr langer inspirierender Aufenthalt, der von enormer Schaffenskraft geprägt sein wird. Das liegt am Land, aber auch an den Menschen, denen sie dort begegnet. Vor allem auch an einer Frau, der Architektin Lota de Macedo Soares, der Lebensgefährtin von Mary. Die extrovertierte, selbstbewusste Lota, die Elizabeth zunächst als aufdringlich und überheblich empfindet, wird nach und nach zur Freundin, zur Geliebten, zur Muse.
In einem eigens für sie gebauten lichtdurchfluteten Atelier im Grünen schreibt sie ihren Gedichtband „North & South – A cold spring“ und erhält dafür 1956 den Pulitzer-Preis für Dichtung. Doch die Dreiecksbeziehung wird immer schwieriger. Als Lota in Rio an einem neuen Projekt arbeitet kommt sie Mary wieder näher. Elizabeth beginnt zu trinken, um die Eifersucht (und das Leben?) aushalten zu können. Als sie eine Einladung für eine Dozentur an einem amerikanischen College erhält, nimmt sie an. Die beiden Frauen sehen sich nur noch einmal 1967, um doch wieder nur Abschied voneinander zu nehmen, diesmal für immer.
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Glória Pires spielt überzeugend die tatkräftige Lota, Miranda Otto die sensible, zerbrechliche Dichterin.
Hier gehts zur offiziellen Film-Website: http://www.diepoetin-film.de
In einer deutsch/englischen Ausgabe liegt der Gedichtband „Alles Meer ein gleitender Marmor“ von Elizabeth Bishop vor. Ansonsten gibt es nur englische Originalausgaben.

Şafak Sariçiçek: Spurensuche Elif Verlag

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Im kleinen feinen Elif Verlag gibt es einmal mehr eine junge Lyrikerstimme zu entdecken:
Şafak Sariçiçek, 1992 geboren, ging in Istanbul zur Schule, studiert in Heidelberg Jura – und schreibt Gedichte. Sein Debütband „Spurensuche“ hat ein besonderes Format, er passt sich an die Form der meisten Gedichte an. Sie sind mittig ausgerichtet, so dass man durch das DIN A5 große Buch im Querformat wie in einem Skizzenblock oder einem Kalender blättern kann. Das Zweite was sofort ins Auge springt sind die Illustrationen. Bereits auf dem Cover als Titelbild eine ausdrucksvolle Zeichnung, die ein in wenigen Strichen hingeworfenes halbiertes Gesicht zeigt, umrahmt von Farbspuren. Sie stammen von dem Künstler Sven Kalb und untermalen mit wenigen Strichen – Kohle? Grafit? – Sariçiçeks Gedichte.

Der Band ist in fünf Kapitel unterteilt. Bunt gemischt sind die Formate: Zwischen den bereits erwähnten mittig zentrierten, finden sich sehr kurze Haiku-artige, auch `normal` linksbündige längere Gedichte und Anklänge an visuelle Poesie, was den Band mitunter etwas unruhig macht.

Regen und Rabe

Feine Tränen
Fallen aufs Land
Fallen schon immer,
Schwarz ein Rabe, springt über einen Ast
Tun die Raben schon immer.

Sariçiçek braucht keine hehren Worte, keine großen Gesten. Er arbeitet mit so gut wie keinen Metaphern oder Verschlüsselungen. Die Gedichte sind nicht experimentell, außer vielleicht in der Form. Dadurch sind sie sehr eingänglich und recht nah am Leser und der Leser ist nah am Autor. Inhaltlich bietet sich von kleinsten Alltagsbeobachtungen bis zum Blick auf aktuelle politische Entwicklungen ein breites Spektrum. Mir fällt dazu das Wort „Augenblicksgedichte“ ein – Gedichte, die vielleicht aus einer plötzlichen Inspiration geschrieben sind, an denen nicht lange gefeilt wurde. Seine Gedichte reichert Sariçiçek mit kreativen Wortschöpfungen an und mitunter mit überraschender Direktheit. Alles was er wahrnimmt, wird in seinem geschriebenen Wort gewichtig. Sei es eine Liebesgeschichte, ein Käfer auf einer Sonnenliege, Gedanken unter der Dusche, stechende Moskitos etc. Zwischen Ferienerlebnissen finden sich dann plötzlich Gedichte, die über den Putsch in der Türkei berichten, um gleich im Anschluss wieder an Liebesgedichte anzuknüpfen.

Am authentischsten und gleichzeitig am eigensinnigsten empfinde ich die Texte, die mit solchen Überschriften beginnen:
eine minibusfahrt in das krankenhaus in ezine, wegen des verstopften ohrs“ 
oder
entzauberte welt/erkundungen eines schwindelgefühls bei der tannenlichtung im olivenhain“ 
oder

als ich vom schwimmen komme, ist ein dicker käfer auf meinem strandtuch

[…] er krabbelt in ausweglosen kreisen und wagt sich nicht über die
faltenschluchten zwischen tuch und liege, er geht die steile bergwand

am senkrecht aufgestellten kopfteil der liege an, die haken an
seinen sechs käferarmen sind jetzt bergmannswerkzeuge und kurz vor

dem Gipfel kampiert er, wird von dem aufkommenden wind zu fuße
des weißen plastikbergs gewirbelt zur seite hin, […]

Şafak Sariçiçeks Gedichte sind durch ihren sehr persönlichen Charakter leicht zugänglich. Sie erinnern den Leser an den Wert des Augenblicks, fordern zum Verweilen auf und wecken Erinnerungen an intensiv gelebte, gespürte Momente.

Der schön gestaltete Lyrikband erschien in Dinçer Güçyeters Elif Verlag, dessen kleines feines Programm ich sehr empfehlen kann.

Poesie als Sprache der Freiheit – Lyrik aus Litauen

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„Von Vater und Mutter wurde ich 1936 zum Leben angeworben.
Jene Beziehung habe ich seitdem nicht unterbrochen,
besonders die geheime, welche zuweilen die Poesie preisgibt.“

aus dem Gedicht „Antwort auf einen Loyalitäts-Fragebogen“ von Marcelijus Martinaitis aus der Anthologie „Vierzehn litauische Autoren“

Litauen ist dieses Jahr das Schwerpunktthema der Leipziger Buchmesse. Ich las soeben das Buch „Das weisse Leintuch“ von Antanas Škėma aus dem wunderbaren kleinen Guggolz Verlag, eine Wiederentdeckung aus dem Jahr 1958. Sofort war ich fasziniert. Ein großartiger Roman! Die Hauptperson des Romans ist selbst Dichter und schöpft aus einem reichen Vorrat an Liederschatz und Sagen, Märchen- und Mythenwelt aus der mehr als wechselhaften Geschichte Litauens. Meine ausführliche Besprechung dazu gibt es auf fixpoetry.

Und so machte ich mich auf die Suche nach Litauens Lyrikern:

Alles begann wohl mit Kristijonas Donelaitis (1714-1780), einem Pfarrer, der mit seinem Hauptwerk „Metai – Jahreszeiten“ den Grundstein zur weltlichen litauischen Dichtung und Schriftsprache legte.

Johannes Bobrowski (1917 – 1965) sei gleich eingangs erwähnt. Er ist relativ bekannt und hat, in Tilsit geboren und später in Ostberlin lebend, sowohl in Ost und West veröffentlicht. In seinen Gedichten nimmt er immer wieder Bezug auf seine Heimat. Bekannt wurde er mit seinem ersten Band „Sarmatische Zeit“(siehe Gedicht unten) aus dem Jahr 1961. Gerade ist eine Gesamtausgabe mit über 700 Seiten neu erschienen: „Gesammelte Gedichte“ DVA.

Litauische Lieder 

Nachts, tieräugig, ein Strauch
bin ich, ein Baum am Tag,
ein Wasser im Mittagsschatten,
unter der Sonne das Gras.

Oder um den Abend
eine Kirche am Berg, wo der Liebste
aus und ein geht, ein weißer
Priester, und Lieder singt.

Durch die Welt
lieb ich ihn, der Mondstrahl
muß ich sein um die Tür,
um das Haus im Fichtendunkel.

Einst flieg ich auf
mit der Laubvögel Sprüche im späten
Jahr, wenn ihr Herz,
ein Hagelkorn, weiß ist.

(aus Sarmatische Zeit)

Eine schöne Entdeckung ist die zweisprachige Anthologie „Vierzehn litauische Poeten“ aus dem Athena Verlag, 2002 bereits erschienen, die es leider nur noch antiquarisch gibt. Sehr schade, dass der Verlag keine Neuauflage anbietet, gerade jetzt zum Buchmessethema Litauen wäre das sinnvoll gewesen. Die Anthologie bietet einen schönen kleinen Überblick über die Lyrik Litauens, die stark im Land verwurzelt ist. In Zeiten unter der Sowjetmacht, war Lyrik oft in der Tat eine Sprache der Freiheit, barg sie doch einige Möglichkeiten der Verschlüsselung unter der Verwendung von allerlei Metaphern. Vom 1917 geborenen bis zum 1966 geborenen Dichter spannt sich der lyrische Reigen.

Aufgefallen sind mir dabei vor allem zwei Dichter:

Da ist der Schriftsteller Tomas Venclova. Sein Lyrikband „Gespräch im Winter“ ist bei Suhrkamp verlegt und lieferbar. Er wurde übersetzt von Claudia Sinnig und Durs Grünbein. Ganz neu gibt es von ihm ein Buch mit (biografischen) Gesprächen mit der Dichterin Ellen Hinsey „Der magnetische Norden – Erinnerungen“ ebenfalls bei Suhrkamp erschienen. Venclova wurde 1937 in Memel, heute Klaipėda, geboren, erlebte die Besatzung durch die Sowjets und durch die Nazis. Er studierte in der Sowjetunion. In Moskau hatte er gar sein Erweckungserlebnis als Dichter:
“ Und fast genau dort erlebte ich, wie eine Verszeile strahlt/ Und um Mitternacht Bäume und Schnee erhellt.“ 
Venclova war mit  Brodsky und Milosz befreundet, kannte Szymborska, Achmatowa, Pasternak. Später als unbequemer Schriftsteller erkannte man ihm während einer Reise nach Amerika die Staatsbürgerschaft ab und er blieb im Exil in den USA und lehrte dort als Professor Russische Literatur. Er schreibt in russischer und litauischer Sprache vorrangig Lyrik und Essays. Seine Lyrik ist eher klassisch streng, formal und besteht oft aus vielen Versen bei großer Themenvielfalt. Sie orientieren sich häufig am großen Vorbild: Ossip Mandelstam.
Ich war kürzlich im Literaturhaus bei der Buchvorstellung von „Das weisse Leintuch“ und konnte miterleben wie Venclova einen Auszug daraus in Litauisch las: Eine klangvolle Sprache, die mich an eine Mischung aus Russisch und Finnisch erinnert.

Doppelte Belichtung 

Reuig der Schneesturm, lang war das Meer nicht in seiner Gewalt,
Der gestrige Nordwind hat sich verausgabt beim Brausen,
Unterm Eis blinken Fische, unsichtbar; schneller als der Schall
Breitet die Stille sich in Schneewehen aus.
Die Zeit, vom Gedächtnis nicht aufzuhalten, zerrinnt
Durch die Nadeln der Bäume. So verliert der gesprungene
Tonkrug das Wasser, so wird das Blau am Himmel verdünnt,
[…]

Die zweite Entdeckung ist der 1960 in Sibirien geborene Dichter Eugenius Ališanka. 1961 durfte seine Familie wieder aus dem Exil zurück, seitdem lebt er wieder in Litauen. Von ihm gibt es zwei Einzelbände in deutscher Übersetzung, einer bei Dumont (leider nur noch antiquarisch: „aus ungeschriebenen geschichten“) und der andere im Suhrkamp Verlag, ebenfalls von Claudia Sinnig übersetzt und lieferbar, „exemplum“. Gerade erschienen sind auch Essays von ihm im Klak-Verlag. Seine Gedichte sind modern, halten sich nicht lang mit Reimen auf, sind selten formal, sind schneller eingängig. Anfangs eher metaphysisch, sind sie heute klarer und direkter. Wie ich im Nachwort von „exemplum“ lese, werden Ališankas Gedichte in Litauen eher kritisch beäugt, heben sie sich doch aufgrund leichterer Verständlichkeit zu sehr von klassischer Poesie ab.

die haltbarkeit eines gedichtes

die haltbarkeitsfrist läuft ab
es eignet sich nicht mehr für den export
beim versand
weichen die überreifen metaphern auf
macht sich fäulnis breit
zum halben preis angeboten
am markttag
sieh da eine studentin interessiert sich
für die reifen früchte der arbeit

Gespannt bin ich außerdem auf dieses Buch:
In der Reihe „VERSschmuggel“ gibt es derzeit ein Projekt mit jüngeren litauischen und deutschen Dichtern und Übersetzern. Das Programm wird bei „Leipzig liest“ und im „Haus der Poesie“ in Berlin vorgestellt. Als Buch soll es, wie alle Bände aus dieser Reihe, im Wunderhorn Verlag erscheinen.

Gerrit Wustmann: Taksim Tango/Istanbul Bootleg Binooki Verlag

Passend zum Indiebookday und zum KAIROS-Preis 2017, den der Binooki-Verlag soeben erhalten hat – Glückwunsch! – sende ich heute eine Besprechung, die bereits vor einiger Zeit auf fixpoetry erschien. Zudem ist Gerrit Wustmanns Stimme eine passende zur politischen Situation in der Türkei.

Ich kenne Istanbul nicht. Ich war nie dort. Ich las Gerrit Wustmanns Gedichte über die Stadt. Und weiß doch noch immer nichts über Istanbul. Aber ich weiß, ich kann etwas von ihr finden in seiner Lyrik. Der Dichter weiß etwas über die Stadt. Er hat einige Jahre dort gelebt und ist ihr direkt begegnet. Die Erweiterung dessen sind seine Gedichte.

Wustmanns Istanbul-Gedichtzyklus umfasst drei Bände, die seit 2010 und im Zeitraum von fünf Jahren entstanden. Beyoglu Blues, Istanbul Bootleg und Taksim Tango. Liest man alle drei hinter- oder nebeneinander, entsteht eine Geschichte, liest man die Bände in der Reihenfolge des Entstehens zeigt sich Entwicklung. Es ist ein kleiner Ausschnitt aus der aktuellen Geschichte Istanbuls auf Basis der erlebten Eindrücke. Die Bewegungen der Stadt, gerade auch die politischen, werden deutlich, vor allem im dritten Band. Wustmanns Gedichte werden von Band zu Band kritischer. Der Dichter arbeitet reichlich mit Metaphern, Oft gibt erst die Begriffserklärung im Anhang Aufschluss. Doch wenn der Leser dann weiß, was es mit Pinguinen, Glühbirnen oder Töpfen und Pfannen auf sich hat, ergibt sich der Bezug zu den Ereignissen rund um den Gezi-Park. Die oft verwendeten türkischen Worte, die man nachschlagen muss, wenn man die Sprache nicht kennt, mögen zunächst hinderlich erscheinen, bereichern aber und verstärken die Stimmung. Und auch ohne dieses Wissen wirken die Gedichte. Denn über allem klingt die poetische Melodie des mit dem Rhythmus der Stadt verbundenen Autors.

Die Gedichte sind meist kurz und sehr dicht. Manche, besonders in Beyoglu Blues, erinnern schlicht an Haikus, manche sind reich an orientalischer Fülle. Die Worte vielleicht zugeflogen über die Dächer wie die Gebetsrufe des Muezzins. Es gibt in der Luft keine Grenzen. Das Lesen der Gedichte ist zunächst wie ein Schweben über der Stadt, ein erstes Erspüren der Atmosphäre, das erneute Lesen fokussiert. Der Schwebende greift zum Fernglas und zoomt sich heran. Er spaziert durch den Bazar. Er betrachtet Ornamente, er sieht und hört und lauscht. Er riecht die Minze im Tee, kostet vom Raki und spürt die Katze, die um die Beine schleicht. Er atmet Meer. Die Gedichte sind sinnlich erlesbar. Wustmanns Lyrik ist bilderreich mit oft sich wiederholenden Zeilen, die die Inhalte verstärken. Immer wieder tauchen als Motiv Katzen auf, das Lachen der Möwen, die Farbe grün, Regen, Nebel, Tee. Zeilenbrüche finden sich überall, es zeigt sich Schicht um Schicht, vieles bleibt doppeldeutig.
Besonders in den ersten beiden Bänden bezieht er sich auf literarische Werke türkischer Autoren, unter anderem auf Orhan Velis Lyrik, auf Orhan Pamuks Roman „Schnee/kar“, und immer wieder auf Ahmed Hamdis „Uhrenstellinstitut“, aber auch auf Jörg Fausers Aufenthalt in Istanbul.

Taksim Tango ist in fünf Kapitel aufgeteilt. Das erste heißt #widerstand und ist sicher das politischste.

das lied der gasmaskentage
wie weißer nebel zieht
ein blues durch die gassen
im orangen schimmer einer laterne
steht einer und wartet …“

Als Höhepunkt taucht der Leser ein in Kapitel Nummer zwei #taksim tango. Es ist ein einziges drei Seiten langes Gedicht, welches für einen friedvollen Auf- und Widerstand plädiert und sich dabei direkt auf die Geschehnisse im Gezi-Park bezieht.

hinter blickdichten vorhängen
schweben unsere wünsche und morgen
morgen werden wir wieder hier sein
mit bunten regenschirmen am brunnen
und alle werden wir rote kleider tragen
und tango tanzen in den straßen
von letzter nacht […]“

Es folgen Kapitel drei #grenzgebiete und vier #berlinistanblues, welches von der Liebe, von Begegnungen und vom Verlassen erzählt und in seiner Stimmung bereits auf das letzte Kapitel #abschied weist.

wie ein rudel dürrer junger welpen
wirft man sich auf alles was satt macht
bis es wehtut jedes foto
löscht eine erinnerung
in jeder dunklen gasse schimmert
das meer in trüben augen
die nichts mehr sehen wollen
jede idylle ist eine lüge von vergänglichkeit“

Der Kreis schließt sich. Es sind Abschiedsgedichte, wehmütig und traurig, der Dichter verlässt die Stadt und verbeugt sich ein letztes Mal vor ihr, bevor er heimkehrt.

Über die atmosphärische Lage der Stadt und über Eindrücke und Blitzlichter, die sie hervorrufen kann, wenn der Blick und das Herz darauf eingestellt sind, weiß ich nun. Ich habe etwas erfahren, etwas gespürt, nicht nur gelesen, über die Entwicklung der Stadt in den letzten fünf Jahren oder vielleicht über die Entwicklung des Dichters, der sich in dieser Stadt fort-bewegte.

Alle drei Bände sind zweisprachig. Übersetzt ins Deutsche wurde von Miray Atli. Erschienen sind sie im Binooki Verlag (Beyoglu Blues nur noch als ebook). Der kleine Verlag der engagierten türkisch-deutschen Schwestern Selma Wels und Inci Bürhaniye mit Sitz in Berlin hat das erklärte Ziel aktuelle türkische Autoren auch in Deutschland bekannter zu machen. Eine große Herausforderung auch politischer Art, wie es scheint, denn seit der Herausgabe ihres Buches über die Gezi-Demonstrationen, erhalten die beiden keine Förderung mehr von der Türkei.
Nun wurde die Arbeit gewürdigt: Der Binooki Verlag erhält den KAIROS-Preis 2017.

Inzwischen hat sich die politische Lage in der Türkei extrem verändert und ich möchte damit auch auf Gerrit Wustmann aufmerksam machen, der auf Facebook unermüdlich wichtige Beiträge zur Situation in der Türkei veröffentlicht.

Wem es nach mehr Büchern aus unabhängigen Verlagen gelüstet, der schaue hier:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/11/22/buecher-aus-unabhaengigen-verlagen-indie-books-als-alternative-teil-1-prosa/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/11/29/buecher-aus-unabhaengigen-verlagen-indie-books-als-alternative-teil-2-lyrik/

Ilma Rakusa: Impressum: Langsames Licht Literaturverlag Droschl

rakusa-impressum-langsames-licht

Ilma Rakusa hat vor ein paar Tagen den Berliner Literaturpreis 2017 verliehen bekommen, der auch mit einer Gastdozentur in Berlin verbunden ist. Im „Haus der Poesie“ las sie aus ihrem neuen Lyrikband und unterhielt sich darüber mit dem Dichter Lutz Seiler. Nach langer Zeit gibt es also von Ilma Rakusa wieder Gedichte zu lesen. „Gedichte kommen, wenn sie wollen“ sagt sie, die auch Essays und Erzählungen schreibt. Für Lyrik aber, „atme sie anders“.  Rakusa ist halb Slowenin, halb Ungarin, lebt aber schon sehr lange in der Schweiz, mit einer kleinen Depandance in Berlin. Sie beherrscht viele Sprachen und übersetzte beispielsweise Marguerite Duras aus dem Französischen, Marina Zwetajewa aus dem Russischen und Péter Nádas aus dem Ungarischen.

Der Band „Impressum: Langsames Licht“ ist in sieben Kapitel unterteilt, deren Titel alleine mich schon ansprechen, ist es doch Essentielles, was da bedichtet wird. Die Kapitel werden jeweils mit einem Haiku eingeleitet:

„Abend aber lau
das Alleinsein lädt sich auf
macht keine Szene“

Im ersten Kapitel, überschrieben mit „Melancholien“, taucht Rakusa schon beim vorangestellten Haiku (siehe oben) in diese seltsame Stimmung ein. Doch ihre Melancholie speist sich hier vor allem aus der Natur, vielleicht ist sie dabei der beste Gefährte. Wie hier im Gedicht „Erster Schnee“:

„Kälte kam und das ausgerutschte Licht
leuchtete aus den Büschen,
verschneit…“

Aber auch mancher Blick auf die Menschen macht traurig: So stark das Gedicht „Streben oder Sterben“ über einen Obdachlosen – wie überhaupt auch Politisches oder Gesellschaftskritisches nicht ausgelassen werden in Rakusas Gedichten.

Im Kapitel „Orte“ ruft Rakusa Städte, Dörfer, Landschaften in ihr Bewusstsein und verdichtet sie. Dabei führt uns die neugierige Vielgereiste etwa von Lemberg über Odessa, Wien, Bukarest, Prag nach Berlin und weiter über den Nahen in den Fernen Osten. Geschehnisse, Beobachtungen werden wie Nahaufnahmen zu Gedichten gefasst, jedes erzählt eine kleine Geschichte der Welt.

“ … der Moment hat keine Meinung
er leuchtet und nimmt mich
freimütig auf bis ich merke
er hat mich umgetauft
Impressum: langsames Licht“

Sei es bei einem Blick ins Schaufenster oder unter der Weite einer Kirchenkuppel oder bei einem Bücherkauf im Antiquariat, später im Konfuziustempel und beim japanischen Flohmarkt. Die Worte fließen und schließen Vergangenheit, Geschichte mit ein.

Das dritte Kapitel mit dem Titel „Zeiten“ finden sich Gedichte, die auch einem Journal, einem Gedichttagebuch entnommen sein könnten, die sich durch Tages- und Jahreszeiten schlängeln … es sind oft Gedichte, die aus einer Innenschau, ja, auch hier, aus einer melancholischen Stimmung entstanden sein könnten.

„Endlich Regen gegen den Durst des Grases
grau stillt er Pilze Birken Kiefern
den Hohn der sommerfroh lachte
vorbei
das Licht wie verzagt
späht aus dem hinteren Kragen.“

Darauffolgend das faszinierende Kapitel „Dinge“, das mich staunen lässt, wie genau Rakusa Gegenstände und Dinge wahrnimmt und ganze Lebensläufe der Besitzer herausschreibt, welche Lebensgeschichten doch manch „Ding“ erzählt.
Jedes Gedicht im Kapitel „Bilder“ ist einer Person, einem/r Künstler/in gewidmet. Diese Gedichte sprechen von Farbe, vom Licht, vom Pinselschwung, wie überhaupt das Licht in sehr vielen Gedichten eine große Rolle spielt.
Im folgenden Kapitel „Hommagen“ lese ich Gedichte, die an die Dichterin Friederike Mayröcker, an den Schriftsteller Péter Nádas oder an den Regisseur AndrejTarkowskij gerichtet sind.
Als letztes das kurze Kapitel der „Träume. Wünsche“: am schönsten, auch weil am schlichtesten ist das „Gedicht gegen die Angst“ – ein Gedicht, wie eine Litanei, Wortstrom und Beschwörung, das so endet:

„… prüfe dein Herz
geh übers Feld
ruhe dich aus
rühr an die Welt.“

Rakusas beeindruckende Stärke einfache Momente, kurze Wahrnehmungen in Dichtung zu verwandeln lässt mich flüssig lesen. Diese Gedichte sind nicht statisch, sondern immer vorausschauend, vorausahnend. Sie gleitet auf ihrer Sprache geschickt durch Zeit und Raum und findet dabei oft das Wesen der Dinge.

Rakusas Lyrik ist unkompliziert bei großer Tiefe und Nachhaltigkeit. Es sind Texte, die keine besondere Symbolhaftigkeit benötigen. Alles Wichtige wird konkret benannt.

Impressum: Langsames Licht von Ilma Rakusa erschien im Literaturverlag Droschl. Eine Leseprobe gibt es hier .
Ihr Berlin-Journal „Aufgerissene Blicke“ , ebenfalls bei Droschl erschienen, habe ich bereits hier auf dem Blog besprochen.

Chinabox – Neue Lyrik aus der Volksrepublik Verlagshaus Berlin

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Hinter dem Titel Chinabox verbirgt sich eine umfangreiche Anthologie mit chinesischen Gedichten. Es sind Werke von 12 zeitgenössischen Autor_innen, mutige, frische Stimmen, meist abseits der langen Tradition asiatischer Dichtkunst. Die Lyrikerin und Sinologin Lea Schneider, mit einigen der Autor_innen bekannt, stellt uns eine vielfältige Auswahl vor, die fein und stimmig von Yimeng Wu illustriert wurde.

Wie man es vom Verlagshaus Berlin kennt, ist der Band, der in der Edition Polyphon zweisprachig erschien, ein kleines Buch-Kunstwerk. Jedem Autor ist ein Kapitel gewidmet, welches mit einer Grafik und Biografischem eingeleitet wird. Es folgen jeweils mehrere Gedichte. Dreht man das Buch um, und beginnt zu blättern findet man den gesamten Inhalt in chinesischer Sprache. Die beiden Buchteile werden wiederum getrennt durch zwei Tuschearbeiten von Yimeng Wu, einer chinesisch-deutschen Künstlerin und Designerin.

Lea Schneider stellt an den Anfang eine kleine hilfreiche „Gebrauchsanweisung“, die
Aufschluss über die Herangehensweise des Entstehens dieses Buches gibt, sowie am Ende ein Kapitel mit Anmerkungen zum Verständnis spezieller chinesischer Begriffe und Wendungen.

„Als Auswahlkritierien haben mir zwei Faktoren gedient: Einerseits wollte ich Autor_innen vorstellen, die bisher nicht oder kaum ins Deutsche übersetzt worden sind. Zweitens habe ich mich bemüht, Autor_innen auszuwählen, die repräsentativ für je eine Richtung in der chinesischen Gegenwartslyrik stehen können.“

Wie schwierig die Übersetzungsarbeiten waren, weil die chinesische Zeichensprache ganz anders funktioniert als die deutsche und Lyrik ohnehin nicht leicht übersetzbar ist, schilderte Lea Schneider bereits vor einiger Zeit im Verlagshaus, wo sie einigen Literaturbloggern ihr anspruchsvolles Projekt vorstellte. (Siehe auch Spreepartie). Mit Schneider zusammen übersetzten diesen Band Peiyao Chang, Daniel Bayerstorfer, Marc Hermann und Rupprecht Mayer.

Kennzeichnend für die zeitgenössische chinesische Dichtung scheint die Abgrenzung zu alten, vielleicht überholten Traditionen und das Aufflammen der eigenen Stimme, die jedoch, gerade wenn sie kritisch ist, einen Weg finden muss, die politische Zensur zu unterlaufen. Die Autor_innen dieses Bandes spannen einen weiten Bogen – vom Literaturkritiker bis zur Wanderarbeiterin, von experimenteller Lyrik über klassische Formen bis zum prosaähnlichen Fließtext. Es ist ein weites Feld, das es hier zu entdecken gibt … einem fremden Land durch dessen Lyrik zu begegnen, ist in der Tat eine schöne Idee.

Mein Lieblingsgedicht kommt von der 1972 geborenen Lyrikerin und Journalistin Lü Yue. Es heißt: „schlaf kann man nicht erben“. Es scheint mir ein guter Stellvertreter für das Lebensgefühl und die Befindlichkeit heutiger Generationen. Und so sehr unterscheidet es sich dann letztendlich nicht von dem unseren …

unsere eltern
schlafen ganz fest
kaum haben sie „ja“
oder „nein“ gesagt
geht das schnarchen los

unsere generation
findet kaum noch schlaf
selbst in frühlingsnächten
wälzen wir uns hin und her
fragen uns, gegenseitig und selbst
was richtig ist
ob wir das auch gemacht haben
wenn wir die augen schließen und leise sind
ist das auch nur ein trick
um möglichst schnell an die antwort zu kommen

auf der anderen seite der holztür
fangen unsere kinder
gar nicht erst zu schlafen an
ab und zu
packt sie ein lachanfall

„Chinabox“ erschien im Verlagshaus Berlin. Weitere Infos darüber hier.

Yoko Tawada: Ein Balkonplatz für flüchtige Abende Konkursbuch Verlag

Yoko Tawada? Ja, der Name war mir durchaus geläufig. Aber was hat Yoko Tawada geschrieben? Wofür hat sie den Kleistpreis 2016 erhalten?

Und dann entdeckte ich diesen wunderschönen Band mit dem schmeichelnden Titel „Ein Balkonplatz für flüchtige Abende“ im Buchladen. Ich blätterte und sah Fließtexte auf schönem Papier, fadengebunden, dazwischen fein unterlegt ein Hauch von Zeichnung: Wieder so ein kleines Kunstwerk aus einem unabhängigen Verlag.

„Weißt du, woher das Wort Familie kommt?
Nein.
Von Vermehren.
Von Vermeer? Er hat fünfzehn Kinder
gezeugt.
Und siebenunddreißig Bilder.“

Yoko Tawadas Texte beziehen sich auf Sprache, die ihr anfangs vermutlich fremde deutsche Sprache, die sie zerlegt und ganz eigen wieder zusammenfügt. Es ist keine Prosa, eher etwas Lyrisches, Poetisches, was einem da Buchstabe für Buchstabe entgegen wächst. Angeordnet wie kurze Erzählungen und doch vielmehr fließende Texte mit interessanten Zeilenbrüchen, die eben doch eher Gedichten ähneln.
Kleine Geschichten werden erzählt mit Menschen darin, Begegnungen, Gesprächen über die Kunst, die Herkunft und die Lust, die vieles offen lassen. Dem Leser bleibt viel Interpretationsraum oder die schlichte Lesefreude an der Sprache, je nach Geschmack.

„Die verschwitzten Buchstaben t und r
machen aus dem Sand einen Strand.
Wenigstens die Konsonanten
geben mir klare Konturen.“

Yoko Tawada arbeitet mit der Sprache. Sie hinterfragt Worte, deren Zusammensetzungen sie ganz anders beleuchtet als ein Muttersprachler. Allzu stark hebt sich da womöglich die japanische Zeichensprache von der deutschen ab. Sie hat alles genau im Blick, schon ein einziger Buchstabe macht aus einer Wortbedeutung etwas ganz anderes. Oft arten ihre Texte in Wortspielereien aus. Dem Leser öffnet sich der Text in ganz anderer Weise, manchmal erst nach dem zweiten, dritten Lesen, springt aus allzu gewohnter Routine und blüht auf. Ein Leuchten!

„Weißt du, was der Diminutiv ist?
Nein, nicht.
Wenn man jemanden klein schlägt
aus Liebe.
Wie denn?
Zum Beispiel Mädchen.“

„Ein Balkonplatz für flüchtige Abende“ von Yoko Tawada erschien im konkursbuch Verlag Claudia Gehrke. Der Text ist teilweise zart durchscheinend unterlegt von Fotos bzw. Bildern von Suzanne Valadon. Mehr über die 1960 in Tokyo geborene Schriftstellerin, die derzeit in Berlin lebt und über die Verleihung des Kleistpreises 2016 findet sich auf der Verlagsseite.

Lyrik leuchtet 2016 – meine sieben Liebsten und eine feine Dreingabe

Lyrik lesen lohnt!

Hier sind meine diesjährigen Lyrik-Lieblinge:
Allen voran die Anthologie „Mein durstiges Wort gegen die flüchtige Liebe“ aus dem wunderbaren Elif Verlag von Dinçer Güçyeter, der auch selbst Dichter ist: Ein klein wenig Eigenwerbung, da ich selbst mit drei Gedichten darin vertreten bin.

Granaz Moussavi ist eine Lyrikerin aus dem Iran. sie darf in ihrer Heimat derzeit nicht veröffentlichen, da ihre sprachmächtigen Gedichte überwiegend zeitkritisch und politisch sind. „Gesänge einer verbotenen Frau“ ist meine schönste Lyrikentdeckung in diesem Jahr.

Weiter geht es nach Norden: gleich zwei norwegische Lyrikbände haben es mir sehr angetan: Zum einen „Die Lippen verlangen nach Ocker“ von Kjartan Hatloy (dem Onkel von Karl Ove Knausgard) aus der edition offenes feld und der einzigartig gestaltete zweisprachige Lyrikband „Diese unerklärliche Stille“ vom großen Jon Fosse.

Der Gedichtbände mit den längsten Titeln dieses Jahres kommen von Ulrike Almut Sandig und Carl Christian Elze, wobei Sandig mich in „ich bin ein Feld voller Raps, verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt“ mit ihren „Märchengedichten“ beeindruckte und Elze in „diese kleinen, in der luft hängenden, bergpredigenden gebilde“ für mich das schönste Liebesgedicht der Welt geschrieben hat.

Kerstin Beckers neuer Lyrikband „Biestmilch“ ist geprägt von Kindheitserinnerungen auf dem Land und Hendrik Rost kreiert in seinen Versen aus Alltäglichem ein „Liebesleben der Stimmen“.

Mir fällt auf, dass die meisten Gedichtbände inzwischen aus kleinen unabhängigen Verlagen kommen. Das zeigt einmal mehr, wie engagiert gerade diese Verleger sind. Denn die meisten großen Publikumsverlage haben ihr Lyrikprogramm stark reduziert, wenn nicht gar abgeschafft. Ein Danke an alle Verleger, die sich Lyrik trauen, durch sie bleibt die Vielfalt in der Literatur erhalten.

#Elif Verlag, Leipziger Literaturverlag, edition offenes feld, Kleinheinrich Verlag, Schöffling Verlag, Verlagshaus Berlin, Edition Azur, Wallstein Verlag